weg, mein Kind, der dich besser ziert, als selbst das glänzendgelbe
Glaskorallenband um deinen Hals.«
»Das ist nicht Glas, Herr!« versetzte das Mädchen ernsthaft und
unterrichtend: »das ist der Balsam, der aus einem Baume fließt, weit,
weit von hier, den ich aber nicht zu nennen weiß.«
»Wolltest du mir wohl _deinen_ Namen sagen?« fragte James weiter.
»Warum nicht, Herr? Ich heiße Ines. So bin ich getauft, und Vater Luis
hat mich selbst getauft, damit ich zum lieben Herrn im Himmel komme.«
»Du Unschuldige! Wie alt bist du, gute Ines?«
»Seit ich hier bin, hat die Algarova zwölf Mal geblüht, und im Walde
erinnere ich mich, sie drei Mal in der Blume gesehen zu haben.«
»Im Walde, Kind?«
»Ich bin darin geboren, Herr, ein wildes Kind, von Wilden.«
»Ja, wild bist du, meine Ines. Wie du auf dem schnaubenden Pferde
dahersprengtest, und an mir vorüberjagtest; ... mir bangte für dich.«
Ines lachte. »Seid ruhig,« sagte sie, »ich halte mich fest, und das
Pferd, das eine Mähne trägt, wirft mich nicht ab. Meine Landsleute sind
für's Pferd geboren.«
»Deine Landsleute?«
»Ja; die Abiponer, Herr! Der Vater setzte mich stets vorn auf seines
Thieres Hals, und auch die Mutter saß zu Pferde. Ich entsinne mich
dessen noch gar wohl. Wie ich von meinem Volke kam, ist mir viel
dunkler geblieben. Ich schlief, Herr. Neben der Mutter schlief ich auf
der Matte, und es war alles Nacht und dunkel um uns her, als wir uns
niederlegten. Es waren viele Leute und viele Pferde, die um uns her im
Kreise standen, und die Feuer ließ man ausgehen, weil die Sterne so
herrlich am Himmel glitzerten. Das weiß ich noch gar gut; denn nimmer
habe ich seither einen so großen, weitgespannten Himmel gesehen, wie
dazumal. Wir schliefen also, und mit einem Male donnerte es, daß ich
hell aufwachte. Ich sah recht Vieles um mich her: Feuer und Dampf;
Blitze und Reiter. Die Mutter war auch zu Pferde, und ich hing an
einem Sacke von Fellen an ihrem Sattel hernieder. Das Pferd rannte
fort, und plötzlich ... wachte ich wieder auf, und sah nicht mehr das
Pferd, und nicht mehr die Mutter, sondern ich lag in einem kleinen
grünen Walde, wie in einem Korbe, und die feinen Spitzen des Waldes
gingen hoch über mir, wie ein lichtes Dach, zusammen. Die Sonne schien
sanft und gelb hindurch, und ein leichter Wind bewegte das Dach, daß
es sich abwechselnd aufschloß, um mir in aller Höhe den blauen Himmel
zu zeigen, bald sich wieder zuthat, mich in die grüne Einsamkeit zu
versenken. Ich schrie, trotz meinem Behagen, denn die Mutter fehlte
mir. Da raschelte es seitwärts neben mir, und durch die Halmen des
Waldes streckte sich ein neugieriger beweglicher Kopf von einem
wunderschönen Thiere, gefleckt, gestreift, in allen Farben glänzend,
und ich wußte damals nicht, daß eine böse Schlange mich ansah, und
streckte ihr spielend die Hände entgegen. Der Kopf zitterte, als ob
er zaudernd witterte, immer näher, erreichte mich fast, und fuhr dann
plötzlich zurück, mit einem pfeifenden Schrei. Ein großer Schlangenleib
warf durch diese Bewegung eine seiner Windungen auf meinen Leib, riß
sich indessen schnell und kräftig ins Grüne und verschwand wie ein
Pfeil. Dafür kamen andere Gäste lärmend und brüllend einhergejagt, wie
ein Sturm, und mit einem Male sah ich über die Spitzen des Waldes ein
breites gehörntes Haupt herniederschauen. Ich glaubte die Heerde des
Vaters in der Nähe, und schrie so laut, als der Stier brüllte, und --
nicht lange, -- so stand ein dichter Kreis von solchen Thieren um mich
herum, und glotzte mich hülfloses Kind an, das sich an einer Staude
emporrichtete, und furchtsam die unbeweglichen Thiere betrachtete. Da
fand mich der Ochsenhirte von Rosario, hob mich auf, und brachte mich
dem guten Pater Luis, der mein Vater wurde, weil Gott mir die Eltern
genommen, damit ich sein _eigen_ Kind werden sollte. Die arme Mutter
muß mich, vielleicht im Schlafe, vom Schooße verloren haben, denn
der grüne Wald, von dem ich redete, war nur das hohe Gras der weiten
Savanna, und ich wäre dahin gewesen, ohne Gottes Schutz!«
»Armes Mädchen! Mutterlose, arme Waise!«
»Ich bin nicht arm und nicht unglücklich, Herr! Ich habe ja in Don
Luis einen Vater gefunden, und in der Kirche steht das Bild meiner
_himmlischen_ Mutter, mit Gold und Seide geputzt. Ich bete zu ihm,
ich rede mit ihm, und sie redet auch mit mir in meinen Träumen, oder
wenn ich das Gesicht auf den Boden lege, und mir die Gedanken ausgehen
lasse. Und die _heilige_ Mutter ist so gnädig, so liebevoll! Sie hat
die arme dumme Ines verständig gemacht, ihr Heil zu begreifen; sie hat
mich gekleidet, sie gibt mir Speise! Ach, Herr, ich bin nicht arm! Aber
meine Mutter im Walde mag's sein, denn sie hat ihre Tochter nicht mehr,
und auch keine im Himmel, mit der sie reden kann!«
James schwieg ergriffen, und die fromme Ines ging weg. Ihre
Reden klangen in des Jünglings Ohren nach. Unwillkürlich verglich
er die Indianerin mit Justine. Beide schön, beide entschlossen
und thatkräftig; beide die Unschuld selbst, und dennoch so ganz
verschieden! -- Der feine Thee schmeckte ihm nicht. Das Gespräch der
Jesuiten, das in lateinischer Sprache vor sich ging, behagte ihm nicht.
Frühzeitig suchte er seine Matte, frühzeitig verließ er sie wieder.
Die zahlreichen Heerden brüllten an der Gasse vorüber. Leute mit
Ackergeräthschaften drängten sich auf dem Platze. Ein Zeichen mit der
Glocke der Kirche, und die Schreitenden hielten an deren Pforte. Sie
wurde aufgethan; Lichter brannten, Weihrauch dampfte; der silberhaarige
Luis begann die Messe. Anstand und Würde von seiner, Andacht von der
Zuhörer Seite vereinigten sich, den gewünschten Zweck hervorzubringen.
Die Indianer gingen still befriedigt an die Arbeiten des Feldes, um
unverdrossen die Stunde zu erwarten, in welcher Gott selbst durch die
Hand ihres Vaters ihnen Nahrung spenden würde. --
James wünschte dem aus der Kirche tretenden Pfarrer Glück zu der Ruhe
und fleißigen Eintracht in seiner Colonie. Luis lächelte und sagte:
»Das findest du in allen unsern Doctrinen, mein Sohn. Friede ist erste
Bedingung des Glücks, und Friede halten wir.«
»Diese Leute besitzen jedoch nichts,« wendete der junge Mann ein: »Sie
sind in jedem Stücke abhängig.«
»Zu ihrem Besten, Freund,« sagte Luis lebhaft: »eigenes Besitzthum
war die Quelle der Habsucht, des Neides, des Diebstahls, des Mordes.
Wir kennen diese Dinge kaum von Namen; niemals hat seit meiner
Amtführung einer von hier angesiedelten Quaraniern etwas entwendet;
niemals endigte sich ein Streit mit Blut. Diese wilden Stämme, durch
Ueberredung und Scharfsinn dem Walde, den Bergen und der Flußräuberei
entfremdet, müssen wie unmündige Kinder gehalten werden. Freilich wird
einst die Zeit kommen, die auch hier die Mündigkeit befiehlt; ich
erlebe sie aber nicht mehr.«
»Ihre Gesundheit, mein Vater, wird noch lange der Zeit trotzen.«
»Die Zeit, mein Sohn, ist der Tropfen, der den _Stein_ höhlt. Gott
sei Lob indessen für die Kraft und den Frohsinn, die mich in meine
Silberzeit begleitet haben. Weißt du jedoch, woher das kömmt? ich
bin im Gemüthe ruhig gewesen mein Lebelang. Ich habe nie hoch hinaus
gewollt, nie von Ehrgeiz und Würden geträumt. Ich wundere mich selbst,
daß ich Pfarrer geworden bin; ich meinte, höchstens zum Vikar tauglich
zu sein. Aber der Pater Provinzial zu Cordova meinte es anders, und
Gott hat mir mit dem Amte auch leidlichen Verstand dazu gegeben.
So lebe ich denn ruhig und zufrieden hin, ohne Sorge, ohne Plage.
Mich kümmert's nicht, was die Herren zu Cordova treiben; ich bin
seit vierzig Jahren Bauer geworden, und die Bauern um mich her haben
gelernt, mich nicht nur Vater zu _nennen_. In dieser rohen aber guten
Kinder Mitte will ich sterben, arm und geliebt: das ist Alles, was
ich wünsche. Daher bin ich auch gesund und frisch; frischer als Euer
Pflegevater, der um zwanzig Jahre Lebens jünger ist, denn ich. Er trägt
Gram auf dem Herzen; ich kenne den Kummer nicht; er hat sein Haus noch
nicht bestellt ... ich habe seit vierzig Jahren meine Lampe angezündet.
Er ist ein armer Mann, weil er zu Viel weiß, weil er zu Viel zu thun
gezwungen,.... weil.... doch ich vergesse, daß ich zu seinem besten
Freunde rede, der Alles dieses besser wissen muß, als ein beschränkter
Landgeistlicher aus dem Missionlande. Beiläufig nur so viel: deine
Weigerung, endlich das Kleid zu nehmen, mein guter fremder Sohn, trägt
viel zu Pater Xaver's Betrübniß bei.«
»Mein Vater...!«
»Stelle dich nicht verwundert,« unterbrach ihn der Pfarrer gutmüthig
aber eindringlich: »höre mich an: du hast dich verpfändet; du
mußt dich lösen; das ist Eins. Du mußt denjenigen lösen, der aus
Menschenfreundlichkeit dein Bürge geworden ist; das ist das Zweite.
Du mußt endlich der Welt und dem Herrn dienen; das ist das Dritte,
Nothwendigste. Wären wir in Europa, mitten im Gewebe der großen
Spinne, um Mückenjäger in ihrem Solde zu werden, -- so würde ich die
Achseln zucken, meinen Weg gehen, und mich nicht nach dem umsehen,
was du beginnst. Aber -- hier -- in dieser jungen, frischen Welt, wo
die äußersten Enden des Gewebes eingreifen, wo sie leichter, feiner
sind, hier ist's etwas Anderes. Hier, auf dem Lande, hier können
wir nützen. Hier kann die Mannskraft handeln, ein volles frommes
Herz glücklich sein. Laßt den Herren zu Assumcion und Cordova ihre
Ränke und Regierungssorgen! Wendet Eure Bemühungen auf diese armen
Indianer, und handelt nach dem Willen des ewigen Vaters! O, mein
guter Jüngling! wenn ich dich hier umherführe, und dir die reinlichen
Haushaltungen zeige, in denen man christlich lebt und fleißig ist;
die zufriedenen Familien, die weder das nomadische Leben, noch das
betäubende Chicagetränk mehr verwüstet; die Väter, die, statt auf dem
Pfühl der Trägheit zu ruhen, und dem Weibe Alles aufzubürden, jetzt die
Versorger der Ihrigen sein würden, wenn die Gesellschaft nicht für Alle
sorgte; die Mütter, die nicht mehr ihre unschuldigen Kinder würgen,
um wieder der Leidenschaft zu huldigen, oder sich eine Plage mehr vom
Halse zu schaffen; die Kinder selbst endlich, die in Gottesfurcht und
Elternliebe emporwachsen, ein sanftes, friedliches, lernbegieriges
Geschlecht; -- du wirst unser Loos glücklich preisen, und dich schnell
demselben Berufe weihen, und schnell das Kleid anlegen, in welchem
meine Quaranier mich als ihren Vater verehren; in dem ich mich dann
und wann, von der Herrlichkeit meiner Bestimmung übermannt, für einen
Strahl der Gottheit halten möchte, wenn es die einem armen Pfarrer
anständige Demuth nur zuließe. Sieh um dich! diese Kirche habe ich
errichtet, alle diese Hütten habe ich erbaut. Es ist keiner unter
vierzig Jahren im Dorfe, den ich nicht getauft, -- es liegt keiner in
unserer Kirchhoferde, den ich nicht begraben hätte. Wie die Palmen,
wie die Tamarinden meines Hofes habe ich sie Alle, die da leben, jung
gesehen! Alles ist hier mit mir alt geworden, und für das Generalat in
Rom tauschte ich nicht meine geringe Pfarrei, in der ich Melchisedechs
Würde trage, und nicht umsonst trage, weil mir das Bewußtsein sagt:
dein Leben war nicht faul, nicht vergebens!«
James sah noch horchend und lächelnd in des Greises hell leuchtende
Augen, als vom Eingange der Mission sich viel Geräusch hören ließ,
und der Alcade mit langen Schritten herbeikam. -- »Mein Vater!« sagte
er zum Pfarrer: »Der Feldhüter bemerkt auf dem Strome schwere Kähne
aufwärts kommen, mit vielen Leuten bemannt. Befehlt, was geschehen
soll. Die Leute könnten räuberische Payaqua's oder spanische Abenteurer
sein. Soll ich die Glocken läuten, Waffen austheilen? der Regidor ist
auf den Aeckern, und ich habe nach ihm geschickt.«
»Das sind unsere Freunde!« rief James, und eilte ohne Aufenthalt dem
Strome zu. Die müßigen haushütenden Frauen und Greise und Kinder,
die längs dem Ufer hin wohnten, oder Wäsche hielten, oder in der
Sonne lagen, versammelten sich am Landungsplatze. Starke Reihen von
zahmen Stieren und Pferden zogen die ankommenden Schiffe an tüchtigen
Fellriemen und Leinenstricken gegen die Fluthen, und vierzig Ruder
peitschten im schnellsten Takt, den Lauf zu verdoppeln den herrlichen
Strom. Mehrere riesenhafte Payaquas, bis zum Gürtel im Wasser stehend,
mit brennend roth gefärbten Haaren und breiten Schultern, leiteten
die aus dem violetten Holze der Algarova gefertigten langen Kähne
sorglich an Felsstücken und Sandhügeln vorbei, dem Landungsplatze zu.
Der Anblick dieser wilden Leute beunruhigte die am Ufer stehenden
Quaranier, doch ein Blick nach den Kähnen selbst beschwichtigte
ihre Furcht. Zwei angenehme weiße Frauengesichter sahen zwischen
krausen Negerköpfen wie Lilien aus der Nacht hervor, und neben ihnen
flatterten schwarze Mäntel der Gesellschaft Jesu; _hier_ willkommene
Boten der Friedlichkeit. -- Längs dem Strande zur Mission kehrende
guaranische Jägersleute, die den Tapir in den Sumpfwäldern verfolgt
hatten, feuerten mit gellendem Geschrei, die Väter des Ordens zu
empfangen, ihre Gewehre in die Luft ab. Lebhafte Neger antworteten
mit den Pistolen und Vogelflinten, die sie an Bord hatten. Die Glocke
in der Mission läutete. Von Feldern und Wiesen strömten alle Bewohner
zusammen. Pater Luis, sammt Regidor und Alcalde und den ältesten
Indianern, erwartete am Ufervorsprung die Ausschiffung der Fremden.
Auf den starken Schultern der Payaquas schwebten die Damen über die
Fluthen; nach ihnen wurden die geistlichen Herren herübergeschafft. Mit
ruhiger Demuth empfing der Pfarrer die Vorgesetzten; mit fröhlichem
Jubel James seine Begleiterinnen. Justine sah sich mit glänzenden Augen
rund um, und rief: »Ein herrlicher Ort, Monsieur White! wo aber ist
mein Vater? ist er so krank, daß ihn die Nachricht von der Ankunft
seines Kindes nicht an den Strand zu führen vermag? zu ihm! zu ihm,
mein Herr! ich kann nicht eine Viertelstunde länger leben, ohne ihn zu
sehen!«
James führte sie, und versuchte, sie auf die Nachricht von der
Abwesenheit des Senators vorzubereiten. Die lebhafte Jungfrau hörte
indessen nicht auf seine Worte. Vergnügt, und mit strahlendem, Alles
umfassendem Blick wendete sie sich im Gehen nach allen Seiten. Das
mannigfache Grün der Cedern, der Palmen und Tamarinden, in welchem
die gelben Dächer der Colonie lagen, ... bildete eine erquickende
Aussicht. Der zarte Rasen des Ufers war ein sanfter Teppich, die
Blüthen und Früchte an Hecken und Gelanden schmückten den Weg, und
neugierig folgten die Weiber und Kinder, die noch nie an ihrem Wohnorte
eine Europäerin gesehen, der lieblichen Gestalt. Justine war größer
und voller geworden, ausgeprägter ihr Gesicht, schöner und feuriger
ihr Auge, entschlossener ihre Haltung, ausdrucksvoller ihre Geberde;
frei und zierlich ihr Gang, wie der der Lainez. Neugierig aber
freundlich betrachtete sie das mitziehende Volk, grüßte, lachte mit
den Kindern, sprach mit ihnen, erhielt aber von den Nichtverstehenden
unverständliche Worte in den Kauf. Endlich war das Pfarrhaus erreicht,
endlich stand Justine unter der Thüre desselben. Ihr Herz schlug
ängstlich; ihr Mund öffnete sich, den Vater zu rufen. Pater Münzner
erschien. Justinens Züge verdunkelten sich! -- »Sein Sie willkommen,
geehrteste Tochter meines Freundes!« sagte Münzner, der diesen Eindruck
wohl bemerkte, »ich wünschte Ihnen im ersten Augenblicke angenehmer zu
sein.«
»Das ist nicht möglich, und auch nicht nöthig,« entgegnete Justine
ernsthaft und entschieden: »Ihr Anblick, mein Herr! erinnert mich an
zu Viel. Erlauben Sie, daß ich Ihnen hier eine Freundin übergebe, die
manches um Ihretwillen gelitten hat, und die ich den Verfolgern entriß,
obgleich sie, wie Andere auch, ein falsches Spiel mit mir getrieben.
Vergelten Sie mir den Dienst mit der einfachen Anweisung, wo ich meinen
Vater zu suchen und zu finden habe.«
Münzner schwieg bedeutungsvoll, und James, die ängstlich werdende
Tochter zu beruhigen, wollte statt des Pflegevaters das Wort nehmen.
Der geräuschvolle Eintritt des Pfarrers mit seinen geistlichen Obern,
des Volks, das neugierig ihnen nachdrängte, unterbrach ihn. Zwei
Indianer von den Schützen, die so eben wieder heimgekommen waren,
machten sich heftig Platz durch die Menge und näherten sich eilfertig
dem Pfarrer. »Da! guter Vater Luis!« sagten sie mit getrübter Geberde:
»da ist Alles, was wir von deinem Gastfreunde gefunden haben! In dem
Lager eines wilden Jagurate[3], den wir erlegten, fanden wir die
traurige Beute.« --
Pater Luis starrte die Boten staunend an. Münzner erbleichte heftig,
wie auch James. Justine stieß einen gellenden Schrei aus, denn -- war
ihr gleich die Sprache der Jäger fremd und unbekannt, -- sie kannte
das Kleid ihres Vaters, das sie blutig und zerfetzt, zu den Füßen des
Pfarrers niederlegten. -- Mit rollenden Augen schlug das Mädchen die
Hände zusammen, und rief mit dem Tone der entsetzlichsten Furcht: »Was
ist hier geschehen? was mit meinem armen Vater vorgefallen? Wer Mitleid
mit mir hat, verhehle mir nichts. Wer Gefühl in der Brust trägt,
verheimliche einer bangenden Tochter nicht das Aergste!«
Todtenstille im Kreise. Endlich faßte sich der Pfarrer, und sagte zu
ihr in gebrochenem Deutsch: »Es ist besser, meine Tochter, daß der
starke Christ die Zweifelschlange zertrete, denn die Wahrheit ist dem
Himmel lieb und der Erde angenehm. Ihr Vater ist seit länger denn einer
Woche abwesend. Er entfernte sich ohne unser Vorwissen, um in den
unfernen Wäldern den Balsam zu suchen, der seine kranke Brust heilen
sollte. Ein Indianer hat ihn begleitet. Keine Nachricht seitdem, bis
auf diesen schrecklichen Fund, der uns nur zu deutlich macht, daß der
Unglückliche eines wilden Thieres Beute geworden ist. Fassen Sie sich.
Gottes Rath ist unerforschlich, aber weise.«
Justine sank kraftlos in die Arme der Lainez, deren Augen selbst
heiße Thränen entfielen. Eine erschütternde Scene folgte. Luis
unterhielt seine Ordensbrüder von der traurigen Geschichte; James
stand seinem Pflegevater bei, der in trüber Wehmuth verging, und auf
das Ergreifendste immer wiederholte: »Meine Schuld! meine Schuld! meine
größeste Schuld!« Justinens Schmerz wurde brennend wie die Wunde an
ihrem sehnenden, zerrissenen Herzen. Sie stieß die Lainez von sich,
den tröstenden James, den Doctor, der seine Leiden mit den ihrigen
vereinigen wollte. -- »Weg!« rief sie außer sich: »Ihr Alle weicht
von mir! denn Ihr habt unser Aller Elend verschuldet! Ihr habt meines
Vaters Glück, seine Ehre, sein Leben gemordet! Was soll mir Eure
Theilnahme! -- Weg auch du!« fuhr sie zürnend und weinend fort, indem
sie den ehrwürdigen Luis, der sich ihr näherte, zurückwies: »Du trägst
das Kleid dieser Mörder, dieser Diebe an Gut, Leben und Ehre! Weg!
Deine weißen Haare lügen, wie deine fromme Stirne! Gebt mir meinen
Vater zurück! Ich habe tausend Meilen gemacht, um Verbannung und
Unglück mit ihm zu theilen, und finde ihn im Rachen eines Ungeheuers
wieder! Und dieses Ungeheuer ist gnädiger als Ihr, denn es hat ihn
schnell hinweggerafft, während Ihr ihn langsam hingerichtet habt! Kann
ich denn meinen Erinnerungen so wenig entfliehen, als dieser qualvollen
Gegenwart?« --
Sie drängte mit erneuter Kraft die Lainez von sich; ihr Auge fiel
auf Ines, die ängstlich, aber freundlich zu der Fremden flehend, vor
ihr auf den Knieen lag, ihre Hände drückte, ihr tausend schöne Worte
sagte, und die kühlende beruhigende Frucht der Quembe bot; dem Gaumen
der Erhitzten ein willkommenes Labsal. Die kindlichen reinen Züge der
Indianerin stimmten Justinens Bewegung in sanftere Wehmuth um; die
Leidende gestattete es, daß einige Tropfen des kühlenden Saftes ihre
Lippen benetzten, sie litt die Liebkosungen der Indianerin; sie drückte
dieselbe an ihre Brust. »Ja!« rief sie schmerzlich: »Du, fremdes
Geschöpf, du bist hier meine einzige Verwandte! Jene, die meines
Welttheils Farbe und Sitten haben, sind meine geschworensten Feinde!
Sie haben meinen Vater in den Staub getreten, sie werden mich nicht
verschonen! Sie haben ihn getödtet, sie werden auch mich vergiften.
Nur von deinen Händen will ich meine Speise nehmen! Nur du, mein Kind,
meine Schwester, nur du sollst bei mir sein, bis mich mein Gott wieder
aus diesem Mörderlande führt!« --
»Beruhigen Sie sich!« sagte der Rector von Assumcion, ein Franzose von
Geburt, schmeichelnd und süß wie Honig: »die arme Wilde hier versteht
nicht, was Sie ihr sagen. Ihr Widerwille gegen unsern Trost ist
dagegen unbegreiflich. Verwünschen Sie nicht uns, nicht dieses Land,
das Canaan für Sie genannt werden mag. Gott hat Ihnen viel genommen,
allein, wie er es gegeben, kann er es auch wieder entziehen. Ihr Vater
ist in seinem Schooße, denn er ist in seiner wahren Kirche Grundsätzen
gestorben. Sie haben noch den Schritt in diese Kirche zu thun, und je
schneller Sie ihn machen, je schneller wird der göttliche Trost bei
Ihnen einkehren.«
»Monsieur!« rief Justine empört, und maß ihn mit zornigen Blicken. Der
Rector ließ sich von dem Tone der Höflichkeit dadurch nicht abbringen.
»Wie gut wäre es gewesen,« sagte er, »wenn Ihr würdiger Vater im Stande
gewesen wäre, selbst, in eigener Person, seine Tochter dem Gotte
darzubringen, dessen Gnade die letzten Jahre seines Lebens verherrlicht
hat. Aber -- in seiner Ermangelung -- liegt mir, dem Vollstrecker des
Testaments, das er vor seiner Abreise von Assumcion in meine Hände
legte, ob, seine Pflichten gegen Sie und die Kirche zu erfüllen.
Ein günstiges Zusammentreffen wird Sie schneller an's Ziel bringen.
Pater Jose Aculcho, einer der würdigen Consultadoren des hochwürdigen
Provincials zu Cordova, der hier steht, wird Sie unter seinem Schutze
nach Cordova bringen, sobald unsere Umreise durch die ihm zugetheilten
Doctrinen beendigt wurde. Im Kloster der Carmeliterinnen werden Sie
Unterricht, theilnehmende Herzen und eine ewige sorgenlose Existenz
finden, übereinstimmend mit den Bedürfnissen Ihrer Lage, und dem
letzten Willen Ihres seligen Vaters!«
»Mein Gott!« rief Justine, die nun erst begriff, wo Alles hinaus
wollte; »was sagen Sie? Sie getrauten sich, mich, ein freies Mädchen,
das Ihnen nicht in Lehre, nicht in Pflichten unterworfen ist, mit Zwang
zu einem Dasein zu führen, das ich verabscheue?«
»Ihr Vermögen, Ihres Vaters Erbe, liegt in unsern Händen, unbeschadet
der Ansprüche, die wir noch dereinst auf Ihr europäisches Gut zu machen
haben dürften,« lautete die trockene Antwort des Rectors.
Justine blickte fragend und durchbohrend den Doctor Münzner an. Dieser
nickte mit dem Haupte und sagte niedergeschlagen: »So ist's, beste
Jungfer. Ihr Vater verlobte der heiligen Gesellschaft schriftlich
sein Vermögen, _Sie_ der katholischen Kirche und einem beschauenden
Klosterleben!«
»O der Tücke, die ihn dazu gebracht!« versetzte Justine äußerst
heftig; »Geldhunger war die Triebfeder Eurer Handlungen? So nehmt es
denn hin, das elende Geld! Wo meines Vaters Leiche blieb, bleibe auch
seine vergängliche Habe! Lassen Sie mich nur wieder von dannen ziehen
um diesen Preis! Ich will nicht klagen, will nicht murren, will mein
Brod vor den Thüren betteln! Nur hinaus aus diesem Lande, worinnen
mich nicht einmal das Grab meines Vaters zurückhält! Hier sind noch
einige Diamanten! Sie sollen von Werth sein! Nehmen Sie diese letzten
Ueberreste einer Wohlhabenheit hin, die Ihre Brüder vernichteten.
Lassen Sie mich jedoch zur Stunde fort! Hier lebt nicht mein Vater!
nicht mein Glauben! Ich sterbe unter diesen Menschen!«
»Arme!« sprach Münzner trübe vor sich hin; »_aus_ des Löwen Höhle
führen keine Fußtapfen.«
Der Rector lächelte über die Aufregung Justinens, und sprach mit dem
Consultador spanisch. Dieser winkte mit der Gravität des Vorgesetzten
dem Pfarrer, und sagte ihm: »Sie stehen mir dafür, daß die Person sich
kein Leid anthut, und daß ich sie bei meiner Rückkehr wieder finde.«