Ines ergriff schmeichelnd des Pfarrers Hand und küßte sie. Er dankte

ihr nun für den Liebesdienst und fügte bei: »Ich habe verziehen! Sieh'

zu, wie du mit dem grämlichen Strutto, dem Dragonervogel fertig wirst,

der heute die neckende Spielgefährtin sehr verdrüßlich vermißte.«

Ines klopfte schäckernd die Brust des großen Vogels und sagte hierauf:

»Ich will's einbringen, guter Bursche. Schlüpfe indessen nur in die

Scheuer. Die Wolken kommen wild und schwarz über die Parana her, und

die fernen Berge hängen voll Nebel. Fort, Gejenk!«[1]

Der Strauß trabte ruhig nach der Scheune, die hinter ihm verriegelt

wurde. Das Reh folgte dem Herrn in die Hausflur. Ines zog die Laden

an den Fenstern zu, und sagte indessen, bedächtig innehaltend: »Wenn

nur der Fremde noch ankömmt, bevor das Wetter losbricht. Es wird einen

fürchterlichen Sturm geben.«

»Welcher Fremde, Ines?«

Das Mädchen lächelte verlegen. »Es scheint mir kaum ein Spanier zu

sein,« sagte es alsdann, und seine bräunliche Wange röthete sich

merklich; »er spricht nicht so gut spanisch wie wir. Ich begegnete ihm

draußen an den Tabaksfeldern; ich holte ihn nämlich ein, im Heimkehren

begriffen. Der arme junge Mann saß traurig bei seinem Pferde, das im

Niederstürzen sich den Fuß verstaucht hatte. Freilich war der Herr

unklug genug, daß er nicht, wie unsere Leute, einige Pferde auffing

oder mit sich nahm; indessen hatte ich doch Mitleid, und wahrlich --

hätte ich nicht dem schnellen Reh zu folgen gehabt, mein eigen Pferd

hätte ich dem jungen hübschen Herrn abgetreten. Er fragte, ob er nach

Santa Dominica komme, wenn er weiter ginge, und ich bejahte es, und

wies ihn an die Ochsenfänger, die sich in weiter Ferne und im Staube

sehen ließen. Sie werden ihn wohl auf ein Pferd genommen haben, und mit

ihm auf dem Wege sein. Eilen sie jedoch nicht, so ist der Sturm viel

schneller als sie.«

Ein dunkelrother Strahl, der aus den Wolken fuhr, und von einem grellen

Wetterschlage begleitet wurde, bekräftigte die Furcht der Indianerin.

Aber zu gleicher Zeit ließ sich aus der Ferne, vom Eingang der Mission

kommend, das Geschrei und Getümmel der heimkehrenden Horde vernehmen,

die in den Savannen gewesen war, um Ochsen zu fangen, zu schlachten, zu

häuten.

»Sie kommen!« rief Ines, zufrieden gestellt, und ging nach der

Hausthüre, durch die Ritze zu lauschen.

»Hätte ich doch beinahe meines Gastes vergessen!« sagte inzwischen

der Pfarrer zu sich selbst, mit einem ungeheuchelten Vorwurfe: »wie

zerstreut doch das Alter macht! absonderlich, wenn man sich eines

wiedergefundenen Kindes, und dessen Geschwätzes erfreut!« Er trat an

die kleine Stiege und rief hinan: »Pater Xaver! Pater Xaver! nicht zu

Hause?«

Keine Antwort. Der Pfarrer warf geschäftig seinen Regenmantel über,

stülpte den Rohrhut mit den beiden wasserdichten Krempen auf, und

schritt, so schnell es anging, nach dem kleinen Gärtchen vor, das

zwischen Hof und Ackerfeld gelegen, den Hintertheil des Gebäudes

begränzte. Unter dem Stamme einer mächtigen Algarova[2] ruhte der

Gesuchte; vor sich hinstarrend in die Sturm brauende Luft; horchend

auf das Wellenschlagen der unfern strömenden Parana, versunken in

den Anblick der zum Schrecken sich rüstenden Natur, ohne vor ihr zu

zittern; fühllosen Körpers, unbewußten Geistes. -- Die Stimme des

Pfarrers rief ihn zum klaren Bewußtsein zurück. Er sah sich um und

fragte: »Was wollen Sie, mein Freund?«

»Was wollen denn Sie beginnen? frage ich;« versetzte Luis. »Der Wind

beugt schon um und um die Palmen nieder, und Sie wollen ihm trotzen?

Kommen Sie in's Haus. Beunruhigen Sie mich nicht.«

Der Gedankenvolle stand mechanisch auf. »Ich gehorche,« sagte er, »ob

es mir gleich lieber wäre, von dem Wetterwinde in die Haide, wo der

Tiger streift, oder in die Wellen des Stroms getragen zu werden.«

»Welche Reden für einen Christen und einen Geistlichen!« verwies ihm

Pater Luis sanft und ernst: »lassen Sie Ihren Beichtvater dergleichen

nicht zum zweitenmale hören!«

»Ich redete ehedem, wie Sie, mein Vater!« antwortete der Gast, »aber

seit acht Tagen hat sich so Vieles anders gemacht...«

»Gottes Schickung!« tröstete der Pfarrer; »halten Sie darauf, Pater

Xaver, und kommen Sie herein. Ihre Miethreiter kommen zurück, und nach

ihrem Geschrei zu urtheilen, muß der Fang beträchtlich gewesen sein:

wir wollen die Häute im Magazine unterbringen.«

Die Aussicht auf das Geschäft war dem trüben Gaste willkommen.

Die Pforten des Lagerhauses, dieser Vorrathskammer für die ganze

Niederlassung, wurden aufgeriegelt. Die heimkommenden Indianer

sprengten in bunter Reihe heran, warfen ihre Ladung von Fellen zum

Boden nieder, und rannten von dannen, dem Gewitter zu entkommen. Auf

so unordentliche Weise war die Beute bald niedergelegt, und Pater

Xaver stand berechnend zusammen mit dem Anführer der Expedition in die

Savannen, als noch ein Nachzüglertrupp von Reitern kam, deren Pferde

schwer bepackt waren, und von welchen einer zweimännisch auf dem Gaule

saß. Die wilden Jäger warfen sich erst unter Dach und Fach von den

Thieren, denn draußen fiel der Regen dicht; und der Hintermann des

Doppelreiters stürzte mit Jubelgeschrei an Xavers Brust. Dieser konnte

sich des Andrangs nicht erwehren; doch eben so wenig den in einen

verstellenden Indiermantel von Palmblätterzeug Gewickelten alsobald

erkennen; bis dieser den Mantel fallen ließ, die Haare aus dem Gesichte

strich, und dem Ueberraschten den Ausruf entpreßte: »James! James!

wie kömmst _du_ hieher? Welch' ein Gottesengel führt dich in meine

Verbannung?«

James weinte einen Strom von Thränen an des Pflegevaters Halse, und

konnte nicht sprechen, nur schluchzen, nur seufzen, nur hellauf

weinen, bis Pater Luis beide bei den Händen ergriff, und nach dem

Innern des Hauses führte. -- »Euer Gefühl ist für die Neugierde der

Stierschlächter zu gut!« sprach er; »weint und sprecht Euch _hier_ aus,

meine Freunde, denn die Einsamkeit ist sowohl für die, die da klagen,

als für die, die sich im Herzen freuen!«

Er verließ, bescheiden und schweigend, die eng Umarmten. Sie vergaßen

des brüllenden Donners, des tobenden Regens, des bebenden Hauses, das

unter Sturmesgewalt zu weichen drohte. Münzner konnte sich am Gesichte

seines Pflegesohns nicht satt sehen, und tausendmal wiederholte er die

einfachen Worte: »Du hier, mein Sohn! Du hier, guter James!« ehe es ihm

einmal einfiel, nach der Art und Weise, wie Alles sich zugetragen, zu

fragen. Endlich geschah es doch. --

James erwiderte: »Da Sie geschieden waren, konnte ich dem Superior

nicht folgen. Ich _konnte_ es nicht. Ich rettete jedoch den Senator.«

»Ich weiß, mein Sohn. Die That war brav und würdig. Aber, was du ihr

geopfert, ... das zerriß mein Herz, da ich's erfuhr!«

»Gott führt uns auf allen Wegen,« versetzte James; »nur auf diese Weise

konnte mir's gelingen, Justine aus Angst und Gefahr zu erretten.«

»Du hast's gethan?« fragte Münzner überrascht; »das ist mehr, als ich

gehofft. Ich glaubte sie unter Protestanten auf ewig und auf immer

verloren!«

»Nicht doch, mein Vater!« fuhr James fort, und erzählte von Justinens

Abenteuern auf dem Thurme, von ihrem zufälligen Wiederfinden, von dem

Entschlusse, sie von der Gefahr, die ihr die Lainez und der Thürmer

bereiteten, zu befreien. »Ich liebte das Mädchen,« sagte er mit

schwärmerischem und wehmüthigem Feuer; »ich glaubte damals, von Justine

geliebt zu sein. Mit welchem Auge konnte ich ihre Lage ansehen? sie

in des Superiors Händen? sie in einem Kloster? während ich in meiner

Unbesonnenheit den Augenblick schon nahe träumte, wo ich als geachteter

Offizier um ihre Hand würde werben können? ich trug erst seit zwei

Tagen die Uniform des Gemeinen; meine Einbildungskraft war Jahrzehende

vorausgeeilt, und ich wollte lieber die _freie_ Justine fern von mir,

in einem andern Welttheile wissen, als auf ewig gefesselt in meiner

Nähe. Ich ging an's Werk. Ich sann. Aber, die Möglichkeit? ich hatte

nicht Freunde, nicht Bekannte. Die Uniform schützte mich nur, daß

man nicht in mir die rechte Hand des Doctors Leupold entdeckte, über

dessen wahren Beruf man auf's Reine gekommen war. Ich durfte mich

nirgends bloß geben. Ich hatte kein Geld, den Hebel aller Dinge. Je

zuversichtlicher ich an meinen Plan gegangen war, je niedergeschlagener

wurde ich, da endlich die Unzulänglichkeit meiner Kräfte sich mir

nicht verhehlen konnte. Indessen hatte ich mein Wort gegeben, und

mehr als das Wort fesselte mich die Leidenschaft. Ich gerieth auf

den abenteuerlichsten Gedanken. Der Werbcapitän war am vorigen Tage

angekommen; ein Franzose, leicht und gefällig im Benehmen; ein feiner

Mann, der unter den Neuangeworbenen gerade _mich_ zu seinem Bedienten

wählte, weil er in mir eine bessere Bildung entdeckte, -- weil ich

ihm gefiel. Ich weiß nicht, wie es kam, -- aber ... ich glaubte in

dem Betragen des Mannes eine gewisse Ritterlichkeit zu verspüren; ich

faßte mir ein Herz; ich sprach mit ihm ungefähr so, wie in Balladen und

Romanen der dienstfertige Zwerg zum Paladin redet, den er zur Rettung

einer im Thurme des Riesen gefangenen Dame aufzufordern gedenkt. Zum

Glück fand auch der Capitän die Sache artig und seltsam genug. Ein

niedliches Mädchen befreien, dessen Rettung ich ganz _seiner_ Macht

und Großmuth anheimstellte, -- das reizte ihn. Er ahnte nicht den

Zusammenhang, den mein Herz mit der Geschichte hatte. Er sah vielleicht

ein galantes Abenteuer in der Ferne. Mir alles gleichviel, weil er nur

zusagte. Litzach brachte die Botschaft auf den Thurm. Wir warteten um

die zehnte Stunde der Nacht unfern des Thurms, mit Wagen und Pferd.

Ein ärgerliches Zwischenspiel hätte uns beinahe alles verdorben. Das

Unglück will, daß in derselben Nacht ein Ohrenbläser dem Bürgermeister

die Anzeige macht, daß auch Pahlens zu der entlarvten Sekte gehört.

Es wird Wache abgeschickt, den Thürmer einzuziehen und nachzusuchen,

ob er nicht Freunde auf dem Thurme verborgen. Das Unglück will, daß

Justine, ihrer List und dem günstigen Augenblicke vertrauend, vom

Thurme herniedersteigend, beinahe in die Hände der Wächter fällt.

Ihr guter Geist bedeckt sie indessen schützend mit seinen Flügeln,

wie auch die Lainez, die noch Zeit findet, sich oben zu verbergen,

und der oberflächlichen Nachsuchung der Soldaten zu entgehen. --

Pahlens wird fortgeschleppt; der sogenannte Zehnerwächter bleibt an

seiner Statt im Thurme; verschließt alles sorgfältig, steigt in die

Höhe, und indem sein Laternchen immer schwächer durch die Fenster des

Thurmes strahlt, verglimmt in uns Harrenden auch jede Hoffnung, unsere

schöne Schutzbefohlene zu retten. Es war indessen anders beschlossen.

Die Lainez, in ihrem Versteck beinahe verzweifelnd, sich allein und

verlassen sehend, von der Morgenröthe ihr Verderben fürchtend, faßt

einen kecken Entschluß, der Französin würdig. Behutsam wagte sie sich

in der dunkeln Nacht an das Zimmer des Thürmers. Der Wächter, das

Branntweinglas vor sich, wendet halb trunken und nickend der Thüre

seinen Rücken, und spielt mit dem Hunde. Der Schlüssel des Thurmes

liegt auf dem Tische. Auf dem Trompetergänglein an der Plateforme steht

das Laternchen brennend, zum Elfergang gerichtet. Wie ein Schatten

schwebt die Lainez durch die halb offene Zimmerthüre. Der Hund knurrt;

sein Herr giebt ihm Schläge, denkt aber nicht daran, sich umzusehen.

In einem Augenblicke nimmt die muthige Frau den Schlüssel leise weg,

entflieht so stille, als sie kann, ergreift die Laterne, und eilt wie

ein Wirbelwind über die Treppen. Auf der Hälfte des Weges schreckt sie

ein Geräusch. Unterdrückte Seufzer -- leise Klagen dringen aus dem

Gange zur Glockenstube an ihr Ohr. -- Entschlossen stößt sie die Thüre

auf. Justine richtet sich eben hinter derselben aus einer Ohnmacht

auf. Lainez fühlt das heftigste Mitleid für die Geisterbleiche. Ohne

Rath, ohne Hülfe, ohne Aufsicht, nur dem Augenblicke und dem Triebe

nach Freiheit gehorchend, unterstützt sie die Ermattete, führt sie

schnell hinab ... die Thüre klingt ... öffnet sich ... Justine stürzt

ins Freie, die Lainez folgt, sperrt wieder vorsichtig die Pforte, und

der Wagen rollt, da wir weiße Gewänder durch die Finsterniß sahen,

geschwinde herbei. -- »Das sind _zwei_ Damen?« flüstert mir der Capitän

zu; ich hatte aber nur Augen für Justine, die sich, wie ein Kind,

vertraulich auf meine Schulter stützte, als ich sie in den Wagen hob.

Die Lainez, unwissend und über diese Vorbereitungen verwundert, folgte

nicht minder. Der Capitän bedeckte die schönen Flüchtigen mit seinem

weichen Mantel, befahl dem Reiter auf dem Bocke, scharf zu fahren, und

behielt mich neben sich auf dem Rücksitze. -- »Du begleitest mich zur

ersten Station,« sagte er: »von dort kehrst du mit dem Wagen zurück,

und ich bringe die Damen noch eine Strecke weiter, erwarte dich mit

meinem Pferde. Ich werde dir Nachricht hinterlassen.« -- Nun fühlte

ich erst die Schwere der Subordination. Es galt aber Justine, und ich

schwieg geduldig. Ohne Aufenthalt gelangten wir unterm Schutze des

Capitäns durch das Thor, und fuhren stracklich weg. Die Damen schliefen

oder stellten sich schlafend. Wir sprachen nur abgerissene Worte. Noch

war der Tag nicht angebrochen, als wir hielten. Ein elendes Wirthshaus

nahm uns auf. Hier sollte gefrühstückt werden. Hier löste sich Alles.

Die Lampe des Wirths beleuchtete unsere Züge. -- »Alle Donner!« rief

der Capitän: »ist das nicht Madame Lainez? wie kommen Sie hierher,

meine Schöne?« -- die Lainez glaubte, in die Erde sinken zu müssen.

-- »Das Abenteuer nimmt eine üble Wendung,« sagte der Capitän hierauf

halb lachend, halb bitter zu mir: »die Eine (Justine), die mir gefällt,

wird von dir mit verliebten und argwöhnischen Blicken gehütet, und die

Andere ... bei'm heiligen Georg! 's ist meine Frau!«

Die Lainez weinte heiße Thränen. Justine staunte; ich nicht minder.

»Ei, Madame!« fuhr der Capitän fort; »wie erging es Ihnen, seit wir

uns trennten? und erinnerten Sie sich nicht, daß wir uns heilig

zusagten, uns nie wieder zu sehen? Ich gestehe, daß nur der Zufall

diese Rencontre herbeigeführt, aber es ist doch ein verdrüßlicher

Zufall. Mußte mich ein Duell aus Frankreich verjagen, und unter meinem

Cadetnamen in fremden Diensten nach Deutschland führen, damit ich Sie,

meine Charmante, wiederfände? Genug, keinen Augenblick mehr mit Ihnen!«

-- Er sprang empor, -- ich hielt ihn auf. Was soll aus den Frauen

werden? fragte ich für Justine besorgt. -- Sollen wir sie ohne Schutz,

ohne Führer hier auf der Straße nach Amsterdam lassen? Vollenden Sie

Ihr Werk, Herr Capitän, wie ein ächter Edelmann. -- Eben deshalb!

antwortete er frivol. Ich habe mein heiligstes Wort verpfändet, nie

mehr mit dieser Dame, die einst die Meinige war, zusammen zu weilen;

nicht eine Stunde, nicht eine Viertelstunde, und ein Edelmann hält sein

Wort. Darum, -- wenn Mademoiselle sich mir nicht allein anvertrauen,

und das intriguante Weib hier ihrem guten Glücke überlassen will, so

lasse ich die Parthie unbeendigt. -- Justine weigerte sich nun auf's

Heftigste, die Lainez zu verlassen, die _sie_ in ihrer Ohnmacht nicht

verlassen hatte; weigerte sich, mit dem Capitän die Reise fortzusetzen.

--

Pardieu! sagte endlich der leichtsinnige Franzose, dem es in

seiner Gattin Nähe sehr bange und unfriedlich zu werden schien: so

weiß ich kein Mittel, als Ihnen, meine Schöne, einen geliebtern

Stellvertreter beizugesellen. Monsieur Leblanc« -- wendete sich mit

scherzender Liebenswürdigkeit zu mir -- »Sie sind ein Galant homme,

der in den groben Rock nicht paßt. Kraft der Gewalt, die ich in

meinem Depot ausübe, schenke ich Ihnen die Freiheit, und werde Ihre

Ranzion gegen meinen Fürsten bestreiten. Vollenden Sie dafür meine

Ritterpflicht gegen Mademoiselle. Ihre Herzen stimmen überein, und

mein Auge hatte mich nicht getäuscht. Führen Sie jedoch nicht minder

Madame Lainez recht weit, in Regionen hinweg, wo sie recht glücklich

sei; so unaussprechlich glücklich, daß es ihr nie wieder einfalle,

heimzukehren, und ihren Gatten so empfindlich zu erschrecken. -- Meinen

Dank, so wie dem Jammer, den die Lainez anhob, zu entweichen, warf er

sich in den Wagen, und ließ mir eine Börse zur Fortsetzung der Reise

zurück, die ich nur annahm, weil ich Justine von jedem Hülfsmittel

entblößt, und den Senator zu Amsterdam glaubte. Dieser würde unfehlbar

die Ehrenschuld sogleich getilgt haben! -- Aber ... nun weiter. -- Was

übrig bleibt, ist wenig. -- Wir setzten die Reise mit Eilpferden fort.

Justine verklärte sich in der Hoffnung, den geliebten Vater wieder zu

umarmen. Die Lainez weinte in einer Stunde eine Sündfluth, trocknete

sie in der andern; verwünschte in der dritten ihren Mann und seine

Unverträglichkeit, lachte in der vierten herzlich über die unvermuthete

Ueberraschung, und schwor endlich, leichtsinnig und vogelfrei gegeben,

Justine nicht zu verlassen, bis der Senator gefunden sei. Justine

hegte ein stilles Mißtrauen gegen mich, das mich bekränkte, denn nie

war ich redlicher ergeben, als gerade jetzt. -- Wir gelangten nach

Amsterdam. Nicht Sie, nicht der Senator waren mehr zugegen. Das Schiff

des Tormerpick hatte Sie schon hinweggetragen. Van den Höcken gab mir

den lakonischen Brief des Senators, in dem es nur hieß: zu Assumcion in

Paraguay erwartet der Vater seine Tochter! Diese neun Worte belebten

Justine mit dem erstaunlichen Muth, der sowohl die Lainez als mich dem

Mädchen dienstbar und unbedingt gehorsam machte. Wir betrieben unsere

Abreise. Wir bestiegen das Schiff, wir befuhren die Meere. Aber je

klarer die See _unter_ uns, je heiterer über uns der Himmel wurde, je

trüber wurde meine Seele. Der Amerikaner hat mich getäuscht; meine

Leidenschaft hat mich getäuscht; alle Hoffnungen der Sehnsucht haben

mich betrogen. Justine ... _liebt_ mich nicht. Sie trägt mein Bild

nicht in ihrem Herzen, nicht an ihrem Halse. Mein Leben ist verloren.

Ich habe mich dem edeln Geschöpfe unwürdig, falsch gezeigt; ich fühle

es: sie kann mir nicht vergeben, kann mich nur dulden, nicht achten,

nicht lieben. Nichts mehr davon: das sei todt und ab. Ich habe mich

ausgeweint, stand ich in verschleierter Nacht auf dem Verdeck des

Schiffs, wo mich die Wache duldete. Ich habe den flammenden Sternen

mein Leid geklagt! ich habe es den ziehenden Wolken mitgegeben, und in

mancher Nacht, wann der gespenstige Holländer auf seinem Nebelschiff

durch die graupige Luft sauste, daß den abergläubischen Matrosen

das Haar zu Berge stand, einen härtern Kampf gekämpft, als jenes

Luftgespenst mit seinen weißen Wolken.

'S ist nun vorüber, und ich will Ihnen nur kurz erzählen, daß wir

auf der Rhede zu Buenos-Ayres Anker warfen, daß wir den mächtigen

Silber- und Paraguayfluß heraufschifften, und unfern von Dios Padre

mit einigen Geistlichen und ihrem Gefolge zusammentrafen, die sich

ebenfalls den Fluß herauf begaben. Der Eine von ihnen ist ein vornehmer

Geistlicher Ihres Ordens aus Cordova; der Andere Rector des Collegiums

zu Assumcion. Sie gesellten sich zu uns; ihre Ruderer sind zahlreicher

als die unserigen, geschickter und gehorsamer. Sie erfuhren unsere

Namen bald, und der Rector erzählte hierauf von Ihnen und dem Senator,

daß Sie beide nach der Doctrina Santa Dominica abgegangen; Sie, um eine

Handelslieferung zu bewerkstelligen; der Senator, um seine angegriffene

Gesundheit wieder herzustellen. Diese Nachricht beunruhigte Justine,

und verdoppelte ihre Begierde, schneller fortzukommen, den Vater eher

zu sehen. Der Zufall will, daß die Väter Jesuiten ebenfalls hierher

ihre Reise richten. Wir blieben daher auf der Parana auch beisammen,

und ich flog auf einem raschen Pferde voraus, unsere Ankunft anzusagen,

und den Senator vorzubereiten, damit die unvermuthete Freude seiner

geschwächten Gesundheit nicht schade. Morgen, spätestens zu Mittage

kommen die Freunde nach, um die Gastfreundschaft von Santa Dominica

anzusprechen.« --

»Ich heiße sie im Voraus, und im Namen meines freundlichen Wirths,

willkommen,« sagte Münzner mit niedergeschlagenen Augen und zögerndem

Tone: »Nur Schade, daß gerade in diesem, so fröhlichen Augenblicke, der

gute Senator nicht zugegen sein kann.«

»Nicht, mein Vater? Wo ist er?«

»Er hat einen Streifgang in das Land gemacht,« fuhr der Jesuit wie oben

fort: »wir erwarten ihn bald zurück, und dann...«

»Einen Gang in das Land, mein Vater? ein kranker Mann? wie konnte er's

wagen?...«

»Tief im Lande träufelt aus einem Baume, den sie Anguay nennen, ein

köstlicher Balsam, der an der schwächsten Brust Wunder thun soll.

Dieser Balsam muß zur jetzigen Jahreszeit gewonnen, und sogleich an Ort

und Stelle gereinigt und gebraucht werden. Dies Heilmittel aufzusuchen,

entfernte sich der Senator.«

»Und Sie begleiteten ihn nicht, mein Vater?.... Verhehlen Sie mir auch

nichts? --«

»Ich belüge dich nicht,« erwiderte Münzner scharf und ungeduldig, sich

von ihm wendend; dann trat er besänftigter zu dem Jüngling, reichte

ihm die Hand, und sagte: »laß uns von etwas Anderem reden, von etwas

Erfreulicherm; von deiner Ankunft, und immer wieder von deiner Ankunft.

Sieh, hier zu Lande fließt das Blut selbst in den Adern alter Leute

rascher, als drüben. Man braust leicht auf: man liebt aber wärmer, man

freut sich lebendiger. Wirst du denn meine Freude vervollständigen?

Wirst du _hier_ das Gelübde erfüllen, das dich in Europa anwiderte? Thu

es hier! hier hast du die schönsten Werke der Gesellschaft vor Augen.«

»Muß denn diese Frage in der ersten Stunde meines Empfangs aus Ihrem

Munde gehen?« fragte James sanft aber gekränkt.

»Ich schweige!« versetzte Münzner mit einem Seufzer: »Wohl dir jedoch,

mein Sohn, wenn nur _mein_ Mund ferner diese Frage an dich richtet.

Doch, sieh!« fügte er hinzu: »Die Luft ist wieder hell geworden. In

diesen gelobten Ländern reinigt das wohlthätige Gewitter in kurzer Zeit

den Luftkreis. Der Abend ist wieder still und herrlich, und gewürzig

duften alle Blumen und Büsche um uns her. Werde auch du ruhig, mein

Sohn. Ich gehe, unsern ehrwürdigen Wirth auf den Besuch vorzubereiten,

der ihm werden soll. Wir erwarten dich in dem kühlen Vorplatze.«

Münzner entfernte sich. James lehnte sich an eine Fensterlucke, sah

in den Hof. Der Empfang im Pfarrhause schien ihm räthselhaft; sein

Wohlthäter um vieles verändert. Nicht die Züge allein, -- die in zehn

Monden um so viel Jahre älter geworden waren -- was eine Folge der

Himmelstrichsveränderung sein konnte,.... sein _Wesen_ war anders

geworden. Nicht mehr jene ruhige Bestimmtheit, jenes klare Streben,

jener einfache Gleichmuth, -- Eigenschaften, die ihn vor vielen

ausgezeichnet hatten ... eine trübe Strenge, ein tiefsinniges Brüten

lag auf Stirne und Schulter des Mannes, daß die Erstere sich faltete,

wie im Kummer, -- daß die Letztere sich beugte, wie im Joch. James

sah auf zu dem Himmel, der ein anderer und dennoch derselbe war, wie

der, unter dem er geboren; er sah auf Häuser und Felder, die so ganz

verschieden von den europäischen waren, und doch eben nicht anders als

diese; und mitten unter diesen fremdartigen und doch bekannten Dingen

und Gegenständen kam er sich so einsam, so fremd, so unbekannt vor; ...

so verlassen! -- Schon flirrte die Dämmerung, früh einbrechend, um ihn.

Ein schlankes Mädchen in der einfachen reizvollen Tracht jenes Landes

schritt durch den Hof, nach dem Lusthäuschen im Garten, das, sich an

den Johannisbrodbaum und die nachbarlichen Wachspalmen lehnend, aus

engen, gegen Fliegenbesuch schützenden Gittern von Rohr erbaut, ein

erquickendes Plätzchen in der Kühle gewährte. Der Tisch wurde darinnen

zum Thee bereitet, und James, der lieblichen Gestalt folgend, die mit

einer wohlverwahrten Glaslampe zuletzt nach der Laube ging, überraschte

sie bei der Vollendung ihres Geschäfts.

»Ach, sieh doch!« sagte er, »meine schöne Helferin! Kennst du mich

noch, mein Kind? Dein Wort gab mir Trost, als ich rathlos am Wege

saß!...«

»Gott hilft immer!« versetzte das Mädchen, ihn mit kindlicher Ruhe

betrachtend.

»Durch seine Engel!« fügte James seufzend hinzu, und setzte bei: »die

herrliche Blüthe, die deine Brust schmückt, wie nennt man sie?«

»Die goldne Mondblüthe!« antwortete das Mädchen, und reichte sie ihm

unbefangen hin: »wollt Ihr sie, Herr?«

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 23 / 32 段