Justine, von Thränen übermannt, und das Gesicht in ihre Hände

verbergend, beachtete nichts um sich her. Die Lainez und die Indianerin

sprachen zu ihr, wie zu einer Bildsäule. Münzner ging händeringend im

Hintergrunde des Gemachs auf und nieder. James starrte düster vor sich

hin, und der Pfarrer entfernte das Volk, bis auf die Obern der Colonie.

Dann sagte er bescheiden aber fest zu dem Consultador:

»Mein Vater! ich erinnere Sie, daß mein Pfarrhaus kein Gefängniß ist.

Noch viel weniger scheint mir die Jungfrau eine Verbrecherin.«

»Sie gehorchen!« war die kurze drohende Antwort; »ich nehme Alles bei

dem Provinzial auf mich.«

»Bedenken Sie!« sagte Luis; »wenn der Generalcapitän erfährt...«

»Was da?« brausten Consultador und Rector auf. »Hier ist der heilige

Ignacio Generalcapitän. Wo wären wir der Excellenz zu Buenos-Ayres

unterworfen? Haben wir nicht unsere Verträge, unsere Rechte? Wo

die Gesellschaft befiehlt und den Tribut bezahlt, muß Monarch und

Statthalter schweigen.«

»Das nimmt kein gutes Ende!« sagte Luis: »ich protestire.«

»Mademoiselle Müssinger ist eine Fremde!« sprach James, der nur mühsam

bisher an sich gehalten: »wie wollen Sie, meine Väter, verantworten,

was Sie thun?«

»Wer spricht hier?« fragte der Rector drohend entgegen: »Mademoiselle

ist durch den Tod ihres Vaters meine Mündel.«

»Sie wollen die erschlichene Gewalt mißbrauchen!« rief James erhitzt.

»Mein Sohn, bedenke, wo du bist!« mischte sich Münzner besorgt ein:

»und Sie, meine Väter und Obern, vergeben Sie dem unbesonnenen jungen

Manne, der ein schnelles Urtheil spricht.«

»Das soll ihm übel bekommen!« sagte der Rector aufgebracht: »Des

Provincials Nachrichten aus Deutschland reden von dem widerspenstigen

Engländer, der seine Pflicht umgehen möchte. Das Provinzialat wird _ihm

hier_ sein Urtheil sprechen.«

»Unglücklicher!« seufzte Münzner, James Hand fassend: »siehst du? meine

Ahnung!«

»Mein Urtheil!« fuhr James auf: »Was habe ich Ihnen, was dem Orden

gethan?«

»Du hast viel gekostet, und unsere Erwartungen betrügen wollen,«

antwortete der Consultador mit harter Stimme: »du hast schwere Buße

verwirkt, und nur Nachgiebigkeit kann dir einen würdigern Platz in

unsern Häusern erwerben.«

»Nimmermehr!« entgegnete James: »Dieses unschuldige Lamm soll geopfert

werden, und ich nicht minder? Machen Sie mich zu Ihrem Sklaven, aber

nicht zu ihrem Bruder!«

»Welche freche Sprache?« polterte der Rector.

»Sie soll ihm vergehen,« sagte der Consultador: »die Bußkammer zu

Cordova soll ihn zahmer machen. Für's Erste, Bursche, verlässest du

diese Doctrina nicht. Wie für die Sennora, haften mir Pfarrer und

Regidor für dich.« James knirschte. Münzner trat besänftigend vor ihn,

und sagte zu dem unwilligen Herrn von Cordova: »Schonen Sie ihn um

seines Jähzorns willen! Es wird sich Alles legen. _Ich_ bürge, daß Sie

ihn ruhiger hier wieder finden.«

»Wer bürgt uns denn für Sie, Pater Xaver?« fragte der Consultador

höhnisch: »Ihr Schicksal habe ich in der Tasche. Ihr Provincial

reklamirt Sie. Sie werden ungesäumt nach Europa zurückkehren, um sich

vor ihm über den Ausschlag Ihrer Mission daselbst zu verantworten. Sie

sind wichtiger Punkte angeklagt.«

Münzner stand wie niedergedonnert; dann hob er die Augen gen Himmel

und sagte: »Wie du willst, Herr! -- Aber dich zurücklassen, _hier_

zurücklassen, mein James?« setzte er bei.

»Desto besser!« sprach der Rector bitter: »Euer Beispiel, Ihr Deutsche,

verdirbt jeden guten Keim. Ihr bildet Raisonneurs, Grübler, und

Grübelei führt zur Blasphemie.«

James wollte sich voll Wuth von dem Doctor losreißen, der ihn

begütigend fest hielt. -- »Sie werden dich noch binden lassen!« sagte

er auf Deutsch zu dem Jüngling, und im selben Augenblick befahl der

Consultador dem Alcalden, Negerketten herbeizubringen, und sie dem

Jüngling anzulegen. Pater Luis trat schnell vor, und entgegnete mit

edlem Feuer: »Meine Obern vergeben! Diese Dinge sind aber unbekannt in

meiner Mission. Wir haben nicht Ketten, nicht Peitschen; nicht einen

Strick, um einen Menschen damit zu binden. Diese armen jungen Leute

sind meine Gäste. Die Gastfreundschaft duldet keine Mißhandlung.«

»Gehorsam!« rief der Consultador.

»Euer Hochwürden vergeben,« sagte der edle Greis wie oben: »ich

bin siebzig Jahre alt geworden, ohne etwas Schlechtes zu thun. Ich

will nicht erst jetzt anfangen, selbst wenn Don Philipp, unser

allergnädigster Herr, es so zu haben begehrte. Wir sind hier auf

dem Lande, unter harmlosen Menschen. Hier ist's uns auch in der

Ordenskleidung vergönnt, ein Mensch zu sein. Ich bin der Vater meiner

Untergebenen; der Freund der Fremden; nicht ihr Stockmeister. Verlangen

Sie das nicht, meine Obern.«

»Schwachkopf!« -- sagte der Rector verächtlich vor sich hin.

Der Consultador drohte dem Pfarrer ernsthaft mit dem Finger: »Sie

machen sich eine böse Note, lieber Mann,« sprach er: »Ohnehin hat Ihr

Vikar, der nach Cordova zurückkam, Ihrer nicht zum Besten gedacht.«

»Weil ich ihn fortschickte,« war Luis Antwort: »weil er in Kirche und

Haus, bei Männern und Frauen Alles das that, was unser Heiland nicht

gethan hat. Der ehrwürdige Pater Provincial wird aber auch mich hören,

und nicht allein den tückischen Andalusier. So alt ich bin, scheue ich

noch nicht, dem Recht zu Liebe, den weiten Weg nach Cordova.«

»Ihr werdet ruhig hier verbleiben!« erwiderte ihm mit imponirendem Tone

der Consultador: »Die Disciplinargesetze unserer Gesellschaft sind Euch

seit einem halben Jahrhunderte bekannt, und somit kein Wort weiter.« --

»Ich bin kein Rebell,« antwortete der verblüffte Pfarrer: »aber was Sie

verlangen, ist nicht meines Amts.«

»Sie kommandiren Ihre Milizen als Oberst,« lachte der Consultador; »Sie

verstehen es aber nicht, einen Menschen zur Haft bringen zu lassen!

Sennor Corregidor! Sorgt Ihr, daß dieses Mädchen sowohl, als der junge

Mensch getrennt in ein sicher verwahrtes Haus gebracht werden, bis zu

meiner Rückkehr.«

»Ruhig! du machst dich unglücklich, und mich noch elender, als ich

bin!« sprach Münzner begütigend zu dem auflodernden James, der mit

den Worten: »auch Sie mein Vater?« die Hände sinken, Alles mit sich

beginnen ließ.

Regidor und Alcade versuchten, den Befehlen des strengen Aculcho

einige Milderung abzugewinnen, aber er faßte ihre schwächste Seite,

indem er sagte: »Ihr seid excommunicirt, wenn Ihr länger widerstrebt!

Der junge Mann ist ein unserm Hause Entsprungener, das Mädchen eine

Ketzerin. Beide gehören vor unser Gericht, und der Generalcapitän

zu Buenos-Ayres mit all' seinen Schergen hat ihr Schicksal nicht zu

schlichten.«

Das Wort »Ketzerin« machte die guten Leute, die um Justine beschäftigt

waren, zurücktreten. Auch Ines entfernte sich, schüchtern ein Kreuz

schlagend. James lachte bitter, und folgte finster schweigend dem

Alcaden, der ihn fortführte.

Der Regidor bedeutete Justinen, ihm ohne Widerrede zu folgen. Durch

den Schleier ihrer Thränen emporsehend, fragte sie erschöpft: »wohin

führt Ihr mich?« -- Da aber der Regidor ihr nicht antworten konnte,

und keiner derjenigen, die ihre Frage verstanden, antworten wollte,

so folgte sie ihrem Führer wie ein Lamm mit den Worten: »gleichviel,

wohin es geht. Nur aus dem Bereiche dieser Menschen, deren Blicke mich

vergiften!« --

»Sie, Pater Xaver,« sprach der Consultador, »geben mir Ihr

Priesterwort, sich nur, um nach Cordova und von dannen nach Europa zu

gehen, aus der Doctrine zu entfernen, und Ihrem Zögling auf keinerlei

Weise zum Entweichen behülflich sein zu wollen!« --

Nach einigem Bedenken gab Münzner das Wort. »Das Erste mit Freuden,«

sagte er: »ich hoffe, in einigen Tagen bereit zu sein, mit dem

ersten Waarenkahn abzureisen. Das Zweite verspreche ich mit Leid;

aber überzeugt, daß meine Hülfe meinen guten Sohn nur in größeres

Unheil stürzen würde. Wenn übrigens die Bitte eines Mitbruders für

Sie von einigem Gewicht wäre, so ersuchte ich Sie, die Tochter des

verunglückten Müssinger gnädig und milde zu behandeln. Wir haben viel

an ihrem Vater und Ihr verschuldet, meine Väter, was erst in der

Folge klar werden dürfte. Mich, der ich das arme Werkzeug sein mußte,

bald mit wohlwollendem, bald mit blutendem Herzen, ... mich ereilt

jetzt das Schicksal; denn mein Loos in Europa wird ein hartes sein.

Erschweren Sie es nicht, meine Freunde in Christo, durch die Leiden der

unglücklichen Justine!«

Die fremden Jesuiten sprachen hierauf kein Wort, und nannten den

Fortgehenden verächtlich einen Träumer, dessen Zukunft hart, aber nicht

ungerecht sein könne. Zugleich wurde die Lainez, von deren bisherigem

Wirken man, durch die, fast gleichzeitig mit ihr angekommenen Berichte,

genau unterrichtet schien, aufgefordert, bei Justine ihr Heil zu

versuchen, und nichts zu versäumen, um diese auf den Weg des Heils zu

führen. --

»Zu lange, wie wir vernehmen, arbeitet Ihr schon an diesem Geschäft,«

sagte der Rector geringschätzend: »ich möchte Euch rathen, das Brod

der Gesellschaft nicht als eine unnütze Arbeiterin zu verzehren. Im

Gegentheile, wenn's Euch gelingt, die Widerspenstige, ehe der Pater

Consultador wieder kommt, zu bekehren, sollt Ihr nach Verdienst belohnt

werden. Die gottesfürchtige Frau von Guébriant, die sich vor den

Gräueln der Regentschaft nach St. Fé flüchtete, bedarf einer Kammerfrau

und Vorleserin, und dieser einträgliche Posten soll Euch durch mein

Fürwort nicht entgehen.«

Die Lainez, in ihrer Eitelkeit beleidigt, rümpfte, ebenfalls

geringschätzend, die Nase, und antwortete: »ich danke Ihnen für den

guten Willen, meine Väter; bin aber zu schwach, ihn zu verdienen.

An dem Mädchen ist nicht das Mindeste zu ändern. Sie ist von einem

Eigensinn, der Ihnen zu schaffen machen wird, und, da es nun einmal so

ist, möchte ich rathen, sie lieber zu lassen, wie sie bisher war. Mein

Streben ist, was sie betrifft, geendigt, und ich will die Freundschaft,

die sie mir erzeigt, mit der sie mich gefesselt hat, nicht mit Leiden

vergelten. Madame Guébriant wird eine andere Kammerfrau finden, und

mich in Frieden nach Frankreich zurückkehren lassen, wo die Hitze

nicht so unausstehlich, die Sprache angenehmer, und die Tracht weit

anständiger ist.« --

»Das müßtet Ihr allerdings,« versetzte der Rector hochmüthig. »Wir

gedenken nicht, unnütze Leute von zweifelhaftem Charakter in den

Colonien zu füttern. Ihr werdet mit dem Deutschen Xaver abreisen, ein

würdiges Paar träger Diener. Hebt Euch jetzo weg! Für eine gute Note

wollen wir Sorge tragen!«

Die Lainez ging mit diesem Bescheid. »Hätte ich Vermögen,« sagte sie

mit Bitterkeit zu dem Pater Münzner, dem sie Alles erzählte, »so würden

mich die gescheuten Finanziers schon freundlich gebeten haben, da zu

bleiben. Pfui der Schande! ich eine Magd der alten unerträglichen

Frau v. Guébriant? Um solchen Preis sollte ich meine schönsten Jahre

einem Bemühen hingegeben haben, das täglich meinen Charakter und

meine Existenz gefährdete? Aber nur Geduld, mein würdiger Vater! Man

mißhandelt auch Sie. Lassen Sie unsere Kräfte vereint wirken. Mein

Provincial wird unsere Berichte getreulich nach Rom befördern. Die

Menschen hier am Ende der Welt sollen erfahren, was es heißt, einer

Frau von Stande unwürdig zu begegnen.«

»Madame Lainez,« antwortete der Doctor ruhig: »Laßt uns nicht Steine

auf Andere werfen. Wir haben genug mit uns selbst zu thun. Wenn doch

Ihr Geist ebenfalls die Erschütterung empfände, die der Meinige seit

meiner Anwesenheit in diesem Lande empfindet! ich gehe nach Europa

zurück, um elend zu werden, -- aber ich habe es nur zu sehr verdient.«

--

Die Lainez entfernte sich achselzuckend, weil der Pfarrer eintrat.

»Nach Europa zurück?« sagte dieser vertraulich, nachdem er an Thüre und

Fenstern gehorcht hatte; »das wird Ihr Ernst nicht sein, Pater Xaver.

Sie rennen in Ihr Unglück. Unsere Brüder in der alten Welt sind Leute,

wie die in der neuen: arglistig, neugierig, unversöhnlich. Sie haben --

vielleicht unverschuldet -- das Ansehen der Gesellschaft Preis gegeben,

weil unter Ihrer Amtsführung jene Gemeinde, der Sie vorstanden,

verrathen wurde; das vergiebt man Ihnen nicht. Der Superior hat Ihre

Abwesenheit benützt, sich rein zu brennen. Das Ungewitter bricht nun

gegen Sie allein, später, aber schrecklicher, los. Opfern Sie sich

nicht ohne Noth einem wilden Parteihasse, der vielleicht Ihr rüstiges

Leben zwischen vier Mauern begräbt.«

»Eine Strafe meiner Sünden,« erwiderte Münzner schwermüthig: »dann --

meine Pflicht. Gehorsam hieß mein Gelübde. Die Obern rufen, ich folge.«

Luis schob sein Käppchen ungeduldig hin und her. -- »Die Gesellschaft,«

sagte er schnell, -- »ist im Begriff, von einigen Gliedern derselben

durch eine Ungerechtigkeit geschändet zu werden. Ich erfülle meine

Pflicht gegen ihr Wohl auf bessere Art, wenn ich dieser Schande

vorbaue. Ich bin ein alter, verbauerter Pfarrer, mein Bruder, aber

eben weil ich alt bin, kann auch der liebe Gott rufen, wann er will,

und ich will rein vor ihn treten. Ihr armer Pflegesohn, Ihres Freundes

ärmere Tochter, sollen dem schmutzigen Eigennutze des Quinquevirats

zu Cordova nicht geopfert werden. _Sie_ nicht den Mißgriffen Ihres

Superiors. Lassen Sie die Väter abreisen. Meine Worte haben bei dem

Regidor und dem Alcade, die ich erzogen, die _ich_ aus der Gemeinde

gewählt habe, Gewicht und Einfluß. Ein Wink von mir, und sie lassen die

widerrechtlich Verhafteten frei. Ich befördere dann ihre Flucht.«

»Sie, edler Mann, wollten sich der Rache der Oberen blosstellen?«

»In meiner entlegenen Doctrine, an den Gränzen des Gebiets barbarischer

Völkerschaften, achte ich ihrer Drohungen für meine Person nicht. Sie

sollen mich nicht wegführen aus dem Lande, wo ich wirkte, wo ich den

Tag der Auferstehung erwarten will.«

»Gesetzt, Sie retten meinen Zögling und das arme Mädchen, dessen

Schicksal auf meiner Seele brennt ... was soll aus ihnen werden? werden

sie nicht, mitten in einem unermeßlichen Lande, aller Hülfsmittel

beraubt, dennoch wieder in die Hände der Feinde fallen, oder elend zu

Grunde gehen?«

»Hören Sie mich an. Die Berge, die wir von hier aus sehen, verketten

sich mit den Alpgebirgen Brasiliens. Diese Höhen, dem Namen nach

dem Scepter Portugals unterworfen, sind ihrem Beherrscher beinahe

völlig unbekannt geblieben. Einzelne Wachtposten, die man so weit

herausrückte, sind kaum vemögend, gegen die Schaaren unabhängiger

Eingeborner ihre Existenz zu behaupten. Thäler und Berge von

erstaunlichem Umfange haben noch nie einen Portugiesen gesehen. In

einem dieser Thäler, umringt von Urwaldungen und von gähen Abstürzen,

versteckt wie das Paradies, das noch kein Weltumsegler wieder

aufgefunden, lebt, jung und kräftig, ein kleiner Staat, der unsern

Flüchtlingen und Ihnen vor der Hand völlige Sicherheit gewähren würde.

Unsre Obern, wie die Regierungen von Spanien und Portugal, halten,

trotz ihrem Scharfsinn und ihren Nachforschungen, das Dasein dieses

kleinen Staates für eine Fabel, für eine müßige Volkssage. Dennoch

existirt diese Pflanzschule eines reinen Christenthums, und die

Republik: »der gute Jesus in den Wildnissen« ist kein Mährchen einer

träumerischen Amme. Ein Vetter meines Hauses, der in dem Regimente

Arragon Capitän gewesen, der in der Folge, über Zurücksetzungen

verdrießlich geworden, zu Cordova das Kleid des heiligen Franziskus

genommen, mußte, um eines schweren Handels willen, den er mit unsrer

Gesellschaft hatte, flüchtig werden, und zog sich in jene Wildnisse

zurück, wo er eine aufblühende Gemeinde fand, an deren Spitze er jetzo

als Vater, als Priester, als Feldherr und König steht. Es ist beinahe

ein Jahrzehend verflossen, seit ich die letzte Kunde von ihm empfing,

aber der riesenhafte Körperbau des Mannes verbürgt mir die Dauer seines

Lebens. Ich sende Euch, meine Freunde, an ihn. Er hat mich einst wie

seinen Vater geliebt, und wird mir ein freundliches Andenken bewahrt

haben. Dem Genügsamen wird eine Wildniß bequem, und die Gelegenheit

nicht fehlen, Euch in den Norden unseres Continents zu schaffen, wo

Englands Scepter schützt, und Penn's Colonie jeden Glaubens-Bruder

willig aufnimmt. Oder in Portugals Cabinet reifen günstigere Ansichten

für die Freiheit der Confessionen, zugleich mit gehässigern gegen

unsere Gesellschaft, deren wachsende Macht bald den Neid der bis jetzo

glücklich geblendeten Regenten beunruhigen dürfte. Auf jeden Fall: weit

von Jupiter sein, schützt vor dem Blitze! Beherzigen Sie das, mein

Freund. Der Indianer, der vor zehn Jahren, nach dem guten Jesus in den

Wildnissen verschlagen, mir davon Meldung zurückgebracht, lebt noch,

und sein Gedächtniß wie seine Sinne sind rüstig und frisch. Geprüfte

Leute in nicht geringer Anzahl sollen Euch geleiten, und Euch zum

Frieden führen, den man in dieser sturmbewegten Welt und Zeit nur in

der Einsamkeit der Troglodyten finden mag.«

»Mann! ich staune vor den kühnen Schöpfungen Ihres jugendlichen

Geistes! was Sie sagen, gleicht einem poetischen Traume!«

»Sind denn diese Landschaften nicht Gebilde der kräftigsten Poesie?

noch sträubt sich ihre Ueppigkeit gegen die Ketten unsers Verstandes;

noch ist dieser Boden frisch. Europa ist ein ausgebrannter Vulkan; hier

sprudelt noch Urkraft, und auf dem ungewöhnlichen Schauplatze kann

noch Ungewöhnliches gedacht und gethan werden. Gedenken Sie meines

Vorschlags. Ich will jetzt an meine Kinder die Lebensmittel austheilen,

die sie heute verdient haben, und die Kähne unsrer Herren mit Vorräthen

versorgen, daß sie morgen ungehindert nach der nächsten Doctrine

abreisen können.«

Münzner überlegte lange und schwer. Er seufzte ängstlich auf: »warum

kam mir die Erkenntniß nicht früher? warum erst jetzt plötzlich nach

dem Verschwinden, nach dem Tode des Senators? welche Zukunft von

Leiden? und dennoch, wie so heiter gegen die Vergangenheit! fünfzig

Jahre, die ich in stolz ruhigem Scheinbewußtsein verlebte, weisen mir

nur ihr nacktes trauriges Gerippe. Keine Blüthe in irgend einer Furche,

worein ich ein gutes Saatkorn zu legen glaubte! elend war meine Saat!

O, so vollende sie sich denn an mir, dem Schöpfer so vielen Unglücks!

O, so geißle mich die Pflicht, in deren Dienste ich Herrliches zu

vollbringen glaubte, indem ich nur Böses schuf. Losgerissen von der

Welt, will ich mich _hier_ zur Sühne geben, damit jenseits mein Loos

milder werde! die Gesetze meines Standes haben mir die Ruhe genommen,

so mögen sie auch meine Tage hinnehmen. James, der junge in's Leben

tretende Mann, gehe hin in Gottes Namen. Vielleicht bringt ihm die

Wüste Gewinn; vielleicht segnet in der Wüste der Himmel seine Liebe!

ich will keinen Theil an seinem Schicksal haben, damit ihm nicht einst

geschehe, wie mir. Ich gehe aber, wohin mich Beruf und Gehorsam ruft:

zur ungerechten -- ach! zur gerechtesten Buße!«

Ines trat zu dem Bekümmerten, zu dem Entschlossenen. Sie brachte

Erfrischungen, und sah traurig aus.

Münzner fragte nach der Ursache ihrer Niedergeschlagenheit.

»Euer Sohn dauert mich,« sagte das Mädchen unbefangen, »und mit der

jungen Sennora habe ich viel Mitleid. Warum sperrt man sie ein? Euer

Sohn brütet stille vor sich hin. Die Sennora weint, zürnt, und denkt

mit finstern Augen nach. Mit Euerm Sohne könnte ich reden, aber das

geht nicht wohl an. Die Sennora verstehe ich nicht. Wenn ich jedoch zu

ihren Füßen sitze und sie wehmütig anschaue, so ist's als ob sie wüßte,

was in mir vorgeht, denn sie umarmt mich dann und herzt mich, als ob

sie meine Schwester wäre. Sie ist so gut, und muß, wenn sie auch eine

Ketzerin ist, in den Himmel zum Vater kommen; nicht wahr, Don Xaver?

Pater Luis hat mir versprochen, daß ich auch meine Mutter im Himmel

finden sollte, ob sie gleich nicht getauft sei. Die Sennora wird ja

auch darinnen nicht fehlen.«

Das plaudernde Kind wartete vergebens auf eine Antwort. Münzner sah

düster mit übergeschlagenen Armen vor sich hin. Ines blickte verlegen

nach dem Fenster.

»Soll ich das Gitter schließen, Vater Xaver?« fragte sie schüchtern;

»der Abend kommt, die Fliegen finden sich ein, und -- seht doch, wie es

plötzlich dunkelt ... wie es Nacht wird...!«

Sie lief zum Fenster, sah zum Himmel, und schlug mit einem Schrei

die Flügel zu. »Ach! bei unsrer lieben Frau vom Rosenkranze,« rief

sie erschrocken; »seht doch, mein Vater, welche ungeheure Menge von

Aorkani[4] durch die Luft zieht und sie verfinstert! der Zug macht ein

schwarzes Dach über die ganze Mission! Ach, wie das schauerlich durch

die Wolken fliegt! das bedeutet ein Unglück, ein schweres Unglück, mein

Vater!«

»Aberglaube!« sagte Münzner verdrüßlich.

»Mit Eurer Erlaubniß,« versetzte Ines; »es hat seine Richtigkeit,

was ich sage, nur glauben es unsere Leute hier nicht, weil sie vom

quaranischen Volke sind, und ich ein Abiponerkind bin. Sie lachen der

Heuschrecken, wir fürchten sie aber, und immer ist etwas Schweres

geschehen, wo diese Unholde vorüberzogen. Wenn nur _uns_ die heilige

Jungfrau gnädig bewahrt. Ich bringe ihr alle Sonntage einen frischen

Strauß im Namen der Gemeinde. Die fremden, schwarzen Herren mögen

sehen, wie _sie_ fertig werden.«

»Ei!« sagte Münzner verweisend; »Ines, ist das Christenliebe?«

Ines schämte sich. Sie entgegnete schüchtern: »Ihr habt Recht, Vater

Xaver. Ich habe gefehlt. Sagt es dem Vater Luis nicht. Er wird es schon

in der Beichte hören. Aber mir kömmt immer vor, die beiden Herren von

Cordova seien nur in Euer ehrwürdiges Kleid verkleidet. Vater Luis und

Ihr, -- Ihr seid ganz anders, und ich möchte lieber Zeit Lebens bei

Euch allein bleiben, als nur eine Stunde lang bei dem hagern Herrn von

Assumcion, der mich immer so seltsam ansieht, wie der ehemalige Vikar,

oder besser: wie die Schlange in der Savanne.«

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 25 / 32 段