wenn sie meine liebeslustigen Sentiments erfährt, wird sie nicht
unempfindlich bleiben. Die Zeiten sind anders. Der Papa davon gelaufen
... die Mama, die sie einsperren will; auf der andern Seite dagegen der
niedliche Pahlens, ein Virtuose auf vielen musikalischen Instrumenten
und heftig verliebt;.... ich bin gar nicht bange zu reussiren, wenn
Sie mir Ihren Beistand nicht versagen, und ein acht Tage hier oben
verweilen.«
»Warum nicht gar? Sie müssen uns so schnell als möglich wegbringen. Man
gibt vor, ihr Vater habe sie beschieden ... wohin? das ist gleichviel.
Sie geht in die Falle. Wir bringen sie in den Bereich des Superiors,
und das Zureden desselben, wie Ihre galante Bewerbungen werden das
Uebrige thun. Wir Weiber sind schwach, Monsieur, und weichen gerne der
Schmeichelei, wenn uns die Stütze eines Vaters fehlt.«
»Wenn Sie meinen.....« fügte Pahlens hinzu, und das Gespräch verstummte.
Justine zog sich, empört und erschreckt von dem, was sie vernommen,
zurück. Sie mochte überlegen, wie sie wollte, sie war gefangen und
gebunden. Dort, wenn ihre Hartnäckigkeit einen freien Abzug von dem
Thurme erzwang, die schimpfliche Einsperrung in die Kostschule,
worinnen ungehorsame Töchter oder leichtsinnige Weiber oft Jahrelang
ihrer Lossprechung entgegenharrten; und dann die Autorität eines
steifen unfreundlichen Familienraths, endlich der Spott, die
ehrenrührigen Gerüchte der müßigen Stadtschwätzer. -- Hier eine
begünstigte Flucht, die Hoffnung, den Ketten zu entrinnen, aber der
Zwang einer lügenhaften Verstellung, die Gewalt eines intriganten
Weibes, eines affenhaften Liebhabers, und irgend eines Superiors, den
sie nicht kannte, nicht begriff, und der entscheiden sollte, ob sie
den Thürmer zu heirathen hätte, oder nicht! sie sah sich schon im Netz
heimtückischer Katholiken, und wenn hin und wieder ihr die Vernunft
schmeichelnd zuflüsterte: sie möchte sich der Verstellung unterziehen,
zu glauben vorgeben, was man ihr von Vaters Befehl vorspiegeln werde,
und auf der Reise eine Gelegenheit suchen, von ihren falschen Freunden
loszukommen, -- so sträubte sich doch dagegen sowohl ihr gerader
Charakter, als auch die so natürliche mädchenhafte Schüchternheit. Wer
wußte, ob sich jene Gelegenheit fände? ob man sie nicht bereits in
einen katholischen Zwinger gebracht, ehe sie an ein Entrinnen denken
konnte? wer gab ihr auch zunächst die Versicherung, daß sie den Vater
finden würde, sie, ein hülfloses unerfahrenes Mädchen ohne Schutz? ja,
wenn Georg an ihrer Seite gewesen wäre! auf ihn, den besonnenen und
entschlossenen Mann hätte sie jede Hoffnung gesetzt! aber ... allein?
Sie verlor sich in trostlosen Betrachtungen. Die Lainez verließ sie
darinnen, um, wie sie vorgab, einen schnellen Gang durch die Stadt zu
machen, um zu erfahren, was sich Neues zugetragen. Justine würdigte sie
kaum eines Abschiedgrußes, und verschloß vor dem Thürmer, der gern den
Anfang seiner Bewerbungen gemacht hätte, die Thüre.
Wie sie nun da saß, und überlegte, und zu keinem klaren Willen gelangen
konnte, hörte sie auf der Gallerie schwere klingende Tritte nahen. Ein
Blick der Neugierde flog durch die ringsum freien Fenster des Belvedere.
Zwei Männer in Uniform erstiegen die Plate-Forme, und der
Voranschreitende, mit leuchtenden Achselbändern und einer vielfarbigen
Schärpe geziert, von dessen Kasket eine breite Feder wehte, belobte
alsobald die wunderschöne Rundsicht, deren man von dem hohen
Standpunkte genoß. Pahlens, die Mütze in der Hand, trat zu ihm, und
beeilte sich, dem Besuchenden dienstfertig die verschiedenen Theile
des großen Rundbildes zu erklären, nannte ihm die Hauptgebäude der
Stadt, die umliegenden Dörfer, und ließ sich eines Breitern in die
Erläuterung der bestehenden Wächter- und Feuerordnung ein. Der Offizier
hörte freundlich zu, sendete Fragen auf Fragen, und schien mit seiner
Expedition auf den Paulsthurm sehr zufrieden. Sein Begleiter indessen,
in derselben Uniform, doch ohne Silber und Schärpe und Feder und
Achselquaste, ein gemeiner Reiter und dienender Gefährte des Offiziers,
nahm keinen Antheil an dem Gespräche, und wanderte einsam um die
Gallerie, bis er auf die, dem Offizier entgegengesetzte Seite zu stehen
kam. Da legte er beide Ellenbogen auf das Geländer, stützte sich auf
diese, und bückte sich nachdenkend hinunter. Justine war dem Menschen
gefolgt. Er hatte -- so fremd seine Kleidung war, -- so viel Bekanntes
in seiner Haltung; ... neugierig lauschte sie, verwendete kein Auge
von ihm, und ... als er einmal das Kasket abnahm, um sich den Schweiß
abzutrocknen, als ein jugendlich melancholisches Gesicht darunter zum
Vorschein kam -- da bewegte sich Justinens Herz in unentschlossener
Freude. Der Soldat war James, seine absichtslose Unbefangenheit ein
Bürge, daß er hier nicht auf hinterlistigen Wegen wandle; daß er nicht,
mit der Lainez einverstanden, gekommen war, um Justine mit eigner Hand
noch tiefer in das Netz zu verwickeln, das sie bereits umgab. Vergessen
waren alle Beweggründe, die einst Justinens Unmuth gegen ihn gereizt
hatten; sein soldatisches Kleid, für Weiberherzen stets ein Vertrauen
erregendes, zeugte von einer gänzlichen Veränderung seiner Lage, sein
Gesicht von bekümmertem Ernste. Justine fühlte sich hingezogen zu
dem Jüngling, der ihr ein Bekannter, ein ehemals geschätzter Freund
gewesen. Da der Vater geflohen, da Georg verschwunden -- wo hätte sie
eine Seele finden können, ihr verwandter, angehörender als dieser junge
Mann? er oder Keiner war dazu gemacht, sie den treulosen Händen, worin
sie sich befand, zu entreißen, und ein innerer Zug bestimmte sie zur
Zuversicht auf ihn.
Ohne sich ihrer klar bewußt zu sein, hatten diese Gedanken den Sieg
in ihrem Verstande, in ihrem Herzen errungen. Leise, aber dennoch
nicht ohne Geräusch, hatte sie das Fenster aufgezogen. James sah sich
um: Ueberraschung, Freude, Entzücken zogen auf seinem Gesichte die
fröhlichen Wimpel auf. Justine, ihm verbindlich zunickend, winkte ihm,
behutsam zu sein. Er legte beide Hände auf die Brust, sah sie voll
Liebe an, und erwartete ihr Begehren.
»Ich bin gefangen,« lispelte Justine englisch, »wenn Ihr, Herr, kein
Verschworner der Lainez seid, befreit mich; doch behutsam.«
James, der bei dem Namen der Französin eine Bewegung des Abscheus nicht
hatte unterdrücken können, antwortete rasch und ohne zu überlegen: »Mit
Gottes Hülfe, Miß.«
»Mein Vater?« fuhr zaudernd und ahnend Justine fort, »meine Zukunft?
erfuhrt Ihr Nichts? darf ich Euch vollends vertrauen?«
Die Sporen des Offiziers erklangen, des Thürmers gellende Stimme
erscholl; James winkte der holden Bittenden, sich zurückzuziehen.
Sie stellte sich hinter den offenen Fensterflügel, den Engländer
im Auge behaltend, der sich wieder an das Geländer lehnte, den
Blick gleichgültig gegen Pahlens Taubenschlag kehrte, und nach
selbsterfundener Melodie ein Liedchen sang, das -- nicht künstlich in
Strophen und Reim geschnitten -- in seiner Nationalsprache dem Mädchen
zu wissen that, was ihm noth war: daß der Senator gerettet, daß er sie
nach Amsterdam beschieden, daß James, ihre Spur verlierend, beinahe in
Verzweiflung gerathen; daß er die Lainez hasse, Justinens Schicksal
bedaure, und Alles zu ihrer Befreiung und zu ihrer Rückkehr zum Vater
aufbieten werde. Die Thore der Stadt seien wieder offen, und Justine
würde noch am Nachmittage Nachricht erhalten.
Justinens Busen erzitterte von Wonne. Der Offizier machte jedoch dem
improvisirten Liede ein Ende. »Brav,« sagte er in ziemlich schlechtem
Deutsch; »ich sehe doch, daß Seine Melancholie ein Ziel hat. Wenn der
Gesang auf die Zunge hüpft, wird auch das Herz ruhig. Er wird mich
vollends zu Seinem Freunde machen, wenn Er aufgeweckt und munter ist.«
James bückte sich, und wußte, auf geschickte Weise das Kasket in Stirn
und Auge drückend, dem umherfaselnden Pahlens sein Gesicht auf's Beste
zu verbergen. Nach einigen Worten empfahl sich der Offizier, und James
folgte ihm dienstpflichtig. Der Schlüssel tragende Thürmer geleitete
sie hinab.
Wie schnell hüpfte nun Justine aus ihrem engen Zimmer! wie freudig
tanzte sie auf der Gallerie umher! wie verächtlich sah sie auf die
düstere Stadt, wie wonnetrunken auf die fern hinziehenden Heerwege nach
Westen, wohin der väterliche Ruf sie beschied. Sie fürchtete keine
Tücke von James! sie rechnete auf das Uebergewicht, das sie über die
Handlungen des Jünglings stets behauptet ... und nur nach Freiheit,
nach Vereinigung mit dem geliebten -- unglücklichen Vater, lechzte,
alle Bedenklichkeit vergessend, ihre Brust.
Und als Pahlens zurückkam, mit abgeschmackter Schmeichelei ihr näher
trat, und den erbärmlichsten Witz, die traurigste Galanterie an sie
verschwendete, -- als später auch die Lainez erschien, und ihr in einer
wohl gesetzten Lüge erzählte: ihr Vater warte ihrer zu Steinstadt mit
dem größten Verlangen, und Pahlens werde sich ein Vergnügen daraus
machen, sie hinzubringen, -- da lächelte sie kindlich unbefangen; die
List sprach nicht aus ihren Augen, die krause Stirn verrieth keinen
Ernst, keine prüfende Ueberlegung. Sie schien die Vertrauende zu sein,
die Einwilligende, die Zufriedene. Die Verbündeten glaubten ihr Spiel
gewonnen, und nie war es so trostlos verloren.
Am Nachmittage führte der von Justinens Nachgiebigkeit bezauberte
Pahlens selbst einen Balsamhändler auf den Thurm, dessen verschmitzte
Augen wie Blitze aus dem bleichen Gesichte strahlten.
»Der Kerl ist ein Fremder; es hat keine Gefahr!« sagte Pahlens zu den
Frauen, die sich sträubten, auf der Gallerie zu erscheinen, um die
Galanterien auszuwählen, die ihnen der verliebte Thürmer zu kaufen
willens war. --
»Mein Gott! ist das nicht Monsieur Litzach?« fragte die Lainez nach
einem Blicke auf den Händler. Dieser bejahte achselzuckend, und freute
sich, die Madame hier zu finden.
»Einer der Unsrigen!« flüsterte die Französin dem erstaunten Pahlens
zu; »was macht Ihr aber mit diesem Kram?« fragte sie weiter.
»Ei nun, Madame,« antwortete der Schauspieler lächelnd; »da es mit der
Komödie nicht fort wollte, und meiner Wohlthäter Waizen auch nicht
ferner blühte, gab ich mich einem Parfümeur als Hausirer hin; will
sehen, ob das Geschäft Weib und Kind ernährt! -- Die _Herren_ werden
mich ja für die Zukunft nicht im Stiche lassen,« setzte er bedeutend
hinzu.
»Seid meiner Fürsorge gewiß, wenn Ihr diskret seid!« sagte die Lainez
mit Beziehung und warnend.
»Ich weiß, was ich meinen Glaubensfreunden schuldig bin,« entgegnete
der Hausirer, der die Lainez verstand; und in dem Augenblicke, als die
Letztere sich zu Pahlens wendete, um ihm zu betheuern, er könne diesem
Menschen vertrauen, hatte auch schon Justine ein Blättchen Papier in
der zitternden Hand. Sie dankte dem listigen Ueberbringer mit einem
Blicke, und trat bald hinter einen Vorsprung des Thurms, um die Post zu
lesen. James schrieb:
»Sein Sie um 10 Uhr Abends an der Pforte des Thurms. Ich mußte meinen
Capitän in's Geheimniß ziehen. Er läßt Sie in seinem Wagen fortbringen,
weil er ein braver, ritterlicher Mann ist. Es quält mich, daß meine
Pflicht mich hier zurückhält. Sie sollen indessen -- so Gott will --
ein Mehreres von mir erfahren.«
Das Billet flog zerrissen über das Geländer. Nachdem Pahlens seine
Geschenke gemacht, -- nachdem Litzach hinweggegangen, setzte sich
Justine in ein Winkelchen, ging mit sich zu Rathe. »Was in aller
Welt hat Herrn White zum Soldaten gemacht?« fragte sie sich; »und
darf ich mich wohl der Diskretion des Capitäns anvertrauen?« -- Ihre
Herzhaftigkeit überwand den Zweifel; sie fühlte sich über Furcht
erhaben, und suchte nur nach Mitteln, dem verschlossenen Thurme, den
Pahlens stets selber öffnete, um die bestimmte Zeit zu entkommen.
Endlich gelangte sie mit dem Plane auf's Reine. Sie wollte gegen die
zehnte Stunde, mit welcher der ablösende Wächter im Thurme einzutreffen
pflegte, ihr Lager verlassen, die Treppen hinabschlüpfen, und hinter
einer Säule am Eingange den Thürmer erwarten, wenn er kommen werde,
dem Wächter zu öffnen. Sie wollte alsdann herzhaft den schmächtigen
Pahlens zurückstoßen, und an dem Wächter vorbei durch die offene Thüre
entspringen. Pahlens Vortheil, dachte sie, würde ihn bewegen, keinen
Lärm zu machen, und der Retter nicht weit vom Thurme ihrer warten. --
Von ihren Hoffnungen ermuthigt, hörte sie mit vieler Geduld die
Schmeicheleien der Lainez, die Albernheiten des Thürmers an, womit
diese, ihr zu gefallen, den Abend tödteten, und suchte frühzeitig das
Lager auf. Die Lainez löschte die Lampe aus, und entschlief bald an
Justinens Seite. Diese Letztere versäumte keinen Augenblick. Sie war
angekleidet geblieben; sie hatte das Päckchen, das ihren Schmuck und
ihre Sparpfennige enthielt, unter ihr Kissen verborgen; dieses und die
Schuhe in der Hand, entriegelte sie so leise als möglich die Thüre,
fühlte sich das steile Treppchen hinab. -- Die Stiege knarrte; Justine
erschrak: zum Glücke jedoch klimperte Pahlens, in dem Lehnstuhl seines
Zimmerchens hingestreckt, auf der Laute, und kämpfte mit dem Schlafe.
Justine bemerkte dies, durch das Thürfensterchen schauend, und dankte
dem Strahle des durchschimmernden Lichts, der ihr die ersten Stufen
der Wendeltreppe zeigte. Muthig betrat sie den dunkeln Weg, vorsichtig
den Strick anfassend, der als Geländer diente. Endlich kam sie in den
Bereich der Glockenstube, wo die Wendelsteige aufhörte, und die breiten
hölzernen Treppen begannen. Eine falbe Sternenhelle schlug durch die
riesengroßen Fenster. Das Uhrwerk webte und regte sich mit wunderlichem
Geräusch neben der Fliehenden. Sie enteilte der schauerlichen, in
abgemessenem Takte pickenden und schnarrenden Nachbarschaft. Ein
schützender Geist führte sie die geländerlosen Stiegen, dicht am Rande
einer rabendunkeln Tiefe hinab. Ungeziefer raschelte über ihren Pfad,
hüpfte und kletterte auf und ab neben ihr; begleitete sie bis in die
unterste Halle, wo sie hochathmend stille stand, hinter die Säule, die
sie erfaßte, schlüpfte, und mit hoffender Seele wartete; -- denn schon
glaubte sie, den herannahenden Wächter zu hören, -- doch -- das war
nicht der Schritt eines Einzelnen; mehrere -- immer näher kommend....;
»sind's die Retter?« fragte sie sich mit gespannter Aufmerksamkeit....
Und plötzlich wurde es sehr laut vor der Thüre: viele Stimmen;
Flinten-Gerassel; rohe Reden; Spott, Gelächter, starker Schellenlärm;
der vielstimmige Ruf nach der Höhe endlich: »im Namen des Magistrats!«
Laternenglanz fiel durch das Schlüsselloch. Justine schreckte auf.
»Das sind Verfolger!« klagte ihre ahnende Seele: ... »sie kommen, dich
zu fangen! deine Freiheit soll verloren gehen! Oeffnet die Thüre, so
geräthst du mitten in die Feinde!«
Sie wendet sich entsetzt zum Rückwege. Sie eilt die Treppe hinan.
-- Neue auflodernde Angst. Von oben naht sich Schlüsselgerassel,
Lampenschein ... Pahlens unzufriedenes Schelten! -- Dem verhaßten
Menschen, den Verfolgern zu entgehen ... Wo das Mittel? Ihre Hand
tappt nach der Seite der Uhrstube, neben welcher sie wieder ist.
Sie findet eine angelehnte Thüre; drückt sie auf; stürzt hinein ...
klammert sich bebend an zwei dicke Pfosten fest, neben welchen durch
man zum Uhrwerk geht. -- Sie läßt Pahlens vorüber gehen, hört ihn die
Thüre öffnen, hört, wie man ihn gewaltsam ergreift, festnimmt, zwingt,
den bewaffneten Troß hinauf zu führen, während unten sorgfältig die
Thüre wieder verschlossen wird. Wenige Minuten, und der Schwarm kömmt
zurück. In seiner Mitte jammert der arretirte Pahlens. -- »Verdammter
heimlicher Katholik!« ruft eine Stimme: »du sollst schon reden lernen!«
und fort tobt die Schaar, und verläßt den Thurm.
Die Pforte fällt zu; Schlüssel drehen sich im Schloß; schwere Tritte
kommen die Treppen herauf. Der neue Wächter gewinnt die Höhe. Seine
Tritte verhallen, seiner Lampe Schimmer vergeht; Alles wird still
-- todtenstill, und trostlos erräth Justine, daß sie ganz verlassen
geblieben. Keine Hoffnung zu entkommen...; kein rettender Zuruf von
Außen. Unter der Last ihrer Angst wanken ihre Kniee, schwindelt ihr das
Haupt. Da fängt das Uhrwerk an zu rasseln wie Gewitterlärm, Walzen und
Räder knarren, pfeifen und rauschen, und die furchtbar große Glocke
schlägt an, als ob jeder Streich Justinens Leben zu vernichten hätte.
Die Erschütterte sinkt unter den donnernden Schlägen, die nicht endigen
wollen, zusammen. Ihr Bewußtsein schwindet. --
Dritter Theil.
Erster Abschnitt.
1721.
Der Abend in Santa Dominica. -- Luis und Ines. -- Der Fremde.
-- Seine Erzählung. -- Seine Erinnerungen. -- Des indianischen
Kindes erstes Abenteuer. -- Der Morgen in der Colonie. -- Die
fremden Schiffe. -- Wiedersehen. -- Die Jäger aus den Savannen. --
Consultador und Rector. -- Justinens Loos. -- Der Vorschlag des
Pfarrers. -- Die Nacht. -- Der Ueberfall. -- Die Savannen. -- Das
Lager der Abiponer. -- Capitän und Capitana. -- Das Opfer. -- Fest
des Siebengestirns. -- Hülfe aus der Ferne. --
Der Abend flammte purpurroth am Horizonte, den ein Kranz von schwarz
aufsteigenden Wetterwolken einfaßte. Die Ebene lag von schwüler Hitze
überbrütet. In dem Missionsorte Santa Dominica läutete die Glocke, und
auf dem Platze vor der Kirche versammelten sich, von der Arbeit im Feld
und Haus gehend, die Bewohner der Mission; Männer, Weiber und Kinder in
buntem Gedränge, aber mit anständigem Schweigen. Ein großer Kreis wurde
geschlossen, und andächtig falteten sich alle Hände, als das Thor des
Missionshofes aufging, und der Pfarrer hervortrat, begleitet von einigen
Negern, die schwere Karren, mit zerlegtem Fleische gefüllt, heranzogen,
und von stämmigen indianischen Mägden, die in langen schwankenden Körben
an Lianenstauden große Vorräthe von Mais und Thee herbeitrugen. Der
Pfarrer, eine gesunde, obgleich siebzigjährige Gestalt, begab sich
würdevoll in die Mitte seiner Pfarrkinder und sagte: »So ist denn wieder
mit Gottes, des Ewigen, Hülfe ein mühevoller Tag der Arbeit und des
Fleißes zurückgelegt. Der wackere Mann, Euer Corregidor, meine Kinder,
hat mir den erfreulichsten Bericht über Euer Streben abgestattet; und
neben dir, du guter Juan Bosco,« -- der genannte Indianer bückte sich
geschmeichelt und demüthig -- »der unsere große Caamiripflanzung so
vortrefflich zu bewässern unternommen hat, habe ich alle Uebrigen zu
loben, mit Ausnahme eines Einzigen, dessen ich leider mit verdientem
Tadel gedenken muß.«
Die Leute sahen sich ernsthaft und verwundert an; aber ohne den Aufruf
abzuwarten, trat Einer aus dem Volke, ein rüstiger junger Mann hervor,
und kniete mit betrübter Miene nieder, indem er ausrief: »Ach, Vater
Luis! vergebt doch ja, und auch der gute Vater über dem Himmel vergebe
mir! Ich habe gesündigt; ich habe im Zorne meine Nachbarin, die gute
Cordula, verwünscht, und Unkraut in ihren Acker geflucht. Ich bekenne
meinen Fehltritt und will ihn nie wieder thun!«
»Recht, Francisco,« versetzte der Pfarrer; »du hast die Liebe des
Nächsten und Gottes Langmuth und Fürsicht beleidigt, ein schweres
Vergehen. Laß sehen, ob Cordula die Pflichten einer wahren Christin
besser versteht. Tritt hervor, du beleidigte Nachbarin des reuigen
Francisco, und sage, was, nach deinem Wunsche, dem Beleidiger geschehen
soll?«
Cordula hatte Thränen im Auge und antwortete, ohne sich zu besinnen:
»Thut ihm nichts zu Leide, lieber Vater. Ich vergebe ihm von Herzen!«
Der Pfarrer sah sich vergnügt im Kreise um, nickte der Rednerin Beifall,
berührte dann das Haupt des Reuigen und sagte sehr sanft: »Hast du's
gehört, Francisco? So geh denn um Ihretwillen straflos hin in deine
Hütte, faste heute, und schäme dich, damit du morgen ein anderer Mensch
seist!« Der Getadelte küßte inbrünstig des Pfarrers Hand, und entfernte
sich mit gebeugtem Haupte und zufriedenem Herzen.
»Seht Ihr?« fuhr der Geistliche freudig zu dem lauschenden Volke fort:
»seht Ihr, wie viel es werth ist, daß Ihr den wahren Gott und Heiland
erkennen lerntet? Was ehedem unter Euch nur die Schleuder oder der
rachsüchtige Pfeil entschied, schlichtet nun ein Wort des Friedens. So
kommt denn heran, Ihr Fleißigen, Ihr Milden, Ihr Müden! Esset von dem
Brode, das der Herr unter Euern Händen wachsen läßt; von dem nährenden
Fleische, und trinket den Trank der Gesundheit, damit Ihr den Herrn noch
lange preiset und lobet!«
Nun setzte sich die Menge in Bewegung, schritt in Doppelpaaren an dem
Pfarrer vorüber, empfing aus der Wage seiner Begleiter, Familie für
Familie, Fleisch, Mais und die ersehnte Unze Thee; dann sprach der
Geistliche den Segen; das Volk antwortete mit einem melodischen
Kirchenliede, und zerstreute sich in seine stillen Hütten, um das Mahl
zu bereiten, und auf der bequemen Ochsenhaut die Mühen des Tages und das
herannahende Gewitter zu vergessen.
Der Pfarrer beschäftigte sich noch eine Weile damit, dem Regidor und dem
Alkalden der Mission die Arbeiten und Verhaltungsregeln für den nächsten
Tag aufzugeben, und zog sich sodann in den Hof seines Hauses zurück. Das
mannigfaltige Federvieh, das diesen Hof belebte, hatte sich vor dem in
der Ferne brausenden Gewitter in die Ställe geflüchtet. Der zahme
Straußvogel des Pfarrhauses allein ging stolz und aufgerichteten Hauptes
mit gewöhnlicher Gravität auf dem zierlich gestampften Platze umher, und
lüftete die Flügel dem streichenden Luftzuge entgegen. Der Pater
streichelte seine wehenden Federn, und sagte lachend zu ihm: »Du mein
guter Freund und Haustrabant! kannst du mir nicht verrathen, wo dein
Spielgefährte ist, der heute so undankbar mein Haus verließ?«
Der Vogel schien altklug die langen Augenbraunen in die Höhe zu ziehen;
da erklang von Ferne ein silberner Glöckchenton. Ein leichter Trab, dem
ein schwererer folgte, kam jenseits der Rohrwand, die den Hof umgab,
heran. Ein schlanker Rehkopf sah über die Wand: die Thüre in derselben
sprang unter der Pfote des Thieres auf; es trabte freudig hindurch,
mit schellenden Halsbandglocken, und kauerte sich zu des Pfarrers
Füßen, als ob es seines Ungehorsams wegen Vergebung betteln wollte. Der
Pater, angenehm überrascht, bückte sich, den schmalen, graurothen Hals
zu streicheln, als auch ein Pferd mit einer hübschen Reiterin durch's
Thor stürmte. »Ines! Ines!« rief der Pfarrer, gutmüthig verweisend und
mit dem Finger drohend. Ines sprang jedoch, leicht wie eine Feder, von
dem Pferde, und jagte es mit einem Schlage ihrer Gerte wieder in's
Freie zurück. Lauf, du wilder Negro! -- rief sie, ein wenig athemlos,
indem sie die Thüre zuwarf, und mit dem hölzernen Riegel verschloß:
»du hast deine Schuldigkeit gethan. Suche den Weg nach deiner Weide,
ehe der Blitz kömmt!« Dann näherte sie sich etwas schüchtern dem
Geistlichen, senkte den Kopf und fragte freundlich: »Habe ich dir Angst
gemacht, lieber Vater? Ich mußte dir ja den Liebling wieder bringen.
Das leichtsinnige Thier, verspielt und possenhaft wie es ist, hatte
sich gewiß schäckernd von der Rinderheerde entfernt und in den Wald
verlaufen. Es dauerte lange, bis das faule Reh, im Schatten rastend,
meinen Ruf und ich seine Schellen vernahm. Ich meinte fast, ein Tiger
hätte sich seiner bemächtigt. Doch endlich, die Jungfrau sei gelobt,
kann ich dir's wiederbringen, Vater Luis!«
»Und gehst von Hause, ohne zu sagen wohin?« versetzte der Pfarrer
gekränkt: »und setzest dich selbst, in Waldschluchten dringend, dem
Tiger, durch stille Wasser reitend, dem Krokodil aus, du böses,
unbesonnenes Kind? Glaubst du vielleicht, ich sei dem Rehe in höherem
Grade gut, als dir? Habe ich dich nicht von zarten Kindesbeinen an
gepflegt und gewartet? habe ich dich nicht getauft, und somit zum
zweiten Male und edler geboren, als deine Mutter es gethan?«