Die Worte waren wie im Fluge gesprochen worden, und der dem Senator

unbekannte Bote verschwand. Der Senator verbarg mechanisch das

Taschenbuch, das seine Wechsel und Obligationen enthielt, ohne

darüber nachzudenken, wie es wohl aus dem verschlossenen Hause in

die Hände jenes Menschen gekommen. Zwei Senatoren, Commissarien des

Bürgermeisteramts, die in ihren schwarzen Kleidern und weißen Perücken

ungeduldig im Regen warteten, riefen dem verdächtigen Collegen zu,

die Thüre schnell aufzumachen. Müssinger gehorchte; Commissarien,

Hatschiere, Volk drangen in das Haus. Justine wurde von des Vaters

Arm gerissen, und flüchtete in das obere Stockwerk, dessen Treppe von

den Hatschieren besetzt wurde. »Ihre Papiere!« hieß es unterdessen zu

dem Senator. -- Er bückte sich, die Thüre seines Cabinets zu öffnen.

Sie war schon offen. Man trat ein. Der Pult war gewaltsam geöffnet

... von den Büchern der Jesuiten, die darinnen verwahrt gewesen, sah

der Senator, selber staunend, keine Spur. Unglücklicherweise jedoch

fand ein Spürhund in einem Winkel die Legenden der Heiligen Ignaz und

Xaver. Als ein Beweis des Gesuchten wurde das Buch mit Jubel empfangen.

»Unwürdiger Mann!« sagte ein Senator zu dem verstummenden Müssinger;

»die Schlüssel zu der Kasse, damit sie für's Erste in Beschlag genommen

werde!« »Oeffnen Sie die geheimsten Fächer des Bureau's!« sagte der

Zweite; »man hat Sie mit Seelenverkäufern umgehen gesehen; nach der

Aussage Ihrer eigenen Comptoirbedienten Nothhaft und Berndt. Wo ist die

Correspondenz über diesen schändlichen Trafik?« --

Müssinger läugnete und verwies auf seine Handelsscripturen.

»Wer seinen Gott verläugnen kann, lügt auch vor Menschen!« sagte Einer

der Commissarien: »wie kömmt es aber, daß Ihr Pult bereits geöffnet,

gewaltsam geöffnet ist?« --

Müssinger bezeigte seine Unwissenheit.

Indessen kamen zwei Personen herbei, die viel Verwirrung in den

Auftritt brachten. Der Erste, ein Schwager der Senatorin, zu dem

die bösartige Frau sich geflüchtet und welcher erschien, um deren

Eingebrachtes zu reklamieren; der Zweite, der Comptoirdiener Berndt,

den Neugierde und Schrecken zu kommen vermocht hatten. Der Schwager

der Senatorin mischte sich mit vielem Lärm und aufgeblasenem Benehmen

in die Geschäfte der Commissarien, und diese hielten es für gut,

den Diener Berndt verhaften zu lassen, weil gegen ihn der Verdacht

obwalte, auf vorläufigen Befehl seines Principals aus der Kirche

entwichen zu sein, und das Pult gesprengt zu haben, um die schwersten

Indicien, sowohl des Katholicismus, als des Lottospiels, als der

Seelenverkäuferei, aus dem Wege zu räumen. Während nun der unschuldige

Comptorist deprecirte, und die Hatschiere Gewalt brauchen mußten, den

jungen Mann, der seiner philadelphischen Sanftmuth gänzlich vergaß,

festzuhalten, -- während der Senatorin Verwandter seinerseits schrie

und die Commissarien übertäubte, die Zuschauer sich um diese Scene

drängten, stießen, und kleine Debatten unter sich selbst hielten,

erwischte Jemand den Senator Müssinger beim Kleide, und zog ihn mit

kecker Faust in das Gedränge, durch das Gedränge, und Niemand bemerkte

es im Tumult. James war der Kühne. »Kommen Sie!« flüsterte er dem

Staunenden dringend zu, riß ihn durch den Ausgang, unfern von der

bewachten Treppe vorbei in den Hof, nach der Hinterthüre, klinkte sie

auf, und nun stracks mit dem Geretteten fort durch das öde Gäßchen.

»Wohin, wohin, mein Freund?« fragte Müssinger athemlos.

»Still! kein Wort!« versetzte der Jüngling, und lief, so schnell

der Senator selbst konnte, nach einer Querstraße, wo er in ein Haus

schlüpfte, das ein Werbschild über der Thüre trug. Er hieß den

Begleiter folgen, und trat mit ihm rasch in die niedrige Stube, wo

einige Reiter, in bunten Uniformen, saßen und tranken.

»Kameraden!« rief James, als wie begeistert: »Ihr seid Katholiken!

Es gilt hier, einen Katholischen zu retten! Einen Helm, einen

Reitermantel, ein Pferd für den Verfolgten! Zwei von Euch zur

Bedeckung, die ihn geleitet, bis zum Weichbilde geleitet, und nehmt

dafür mich hin, mit Leib und Seele! Ich begehre kein Handgeld als den

Liebesdienst!«

»Was thut Ihr, mein Freund?« fragte Müssinger verweisend, sank

aber erschöpft auf eine Bank. Ein Reiter bot ihm Wein. Die Andern

überlegten; endlich, einig geworden, daß ein hübscher Bursche hier

zu werben stehe, und wohlfeil, so wie nie, sagte der Wachtmeister:

»Meinetwegen, Monsieur. Geb Er mir die Hand, und trink' Er aufs

Wohlsein unsers Herrn!« -- James stieß eiligst an. -- »Pressirt's mit

dem armen Mann?« fragte der Unteroffizier weiter. James bestätigte es

dringend, erzählte, er habe gehört, man wolle die Thore schließen,

um sich der heimlichen Gemeinde desto gewisser zu versichern. Der

Unteroffizier lachte der ungeschickten Maßregel. »Unsrer Uniform

stehen, so Gott will, alle Thore offen!« sagte er, trotzig den Bart

streichend: »schafft nur für den Herrn Stiefel, Mantel und Helm herbei,

ihr Bursche. Mit ihm auf's Pferd dann, in Gottes Namen! scharfen Trab!

ich bleibe indessen bei dem jungen Rekruten da!«

Während Einer ging, die Monturstücke herbeizuschaffen, und der Andere,

die Gäule aufzuzäumen, umarmte Müssinger kraftlos schwankend den

Jüngling. »Nehmt die Hälfte meines Geldes!« sagte er, die Brieftasche

hinreichend. James stieß sie mit glänzendem Auge von sich. »Ich

will schon meinen Lohn fordern, wann es Zeit sein wird!« antwortete

er, half dann dem willenlosen Senator seine Verwandlung vollenden,

drückte ihm an Statt der Perücke den Helm auf den Kopf, und empfahl

ihm, das bartlose Kinn tief in den Radmantel zu stecken. Indem er ihn

unterstützte, um ihn zum Pferd zu geleiten, rief Müssinger, wie aus

einem Traume auffahrend: »Justine! Meine Tochter! Sie bleibt zurück;

und hat doch geschworen, sich nie von mir zu trennen! Edelmüthiger

Mensch! wollt Ihr die Krone auf Eure That setzen, und die Angst meiner

Tochter endigen? Mein Buchhalter soll sich ihrer annehmen,..... er soll

sie mir nachführen..... nach Amsterdam, zu van den Höcken, wo ich ihrer

sehnsuchtsvoll warte!«

»Es soll geschehen, Ew. Edeln,« versicherte James: »ich werde sie

aufsuchen; -- will's Gott! auch sie retten, Ihnen nachsenden. Gott

geleite Sie....«

»Armer Mensch!« klagte Müssinger: »wie lasse ich dich zurück? Du hast

deine Freiheit, dein Leben um meinetwillen verkauft. Schreibe, melde

mir, ob Geld dich wieder befreien kann, und ich....«

»Possen!« rief der Wachtmeister ärgerlich dazwischen: »war er ein Paar

Wochen zu Pferde, so begehrt er's nicht mehr anders. Aber zu Pferde,

Herr, zu Pferde, müssen auch Sie, damit meine Bursche um Mittag zurück

sein können. Der Trompeter bläst. Steigen Sie auf, und machen Sie

meinem Gaul keine Schande. Er geht auf's Wort.«

Indessen hatte James dem Senator zugeflüstert: »Ich brauche kein Geld,

lieber Herr, und indem Sie mir das trauliche »Du« gaben, haben Sie die

Hälfte Ihrer Schuld abgetragen. Leben Sie wohl! Gott mit Ihnen!«

Der Senator wurde auf's Pferd gehoben, und trabte majestätisch zwischen

den Reitern durch Stadt und Thor, welches die Stadtsoldaten gefällig

und gehorsam vor dem gefürchteten Feldzeichen aufrissen.

Justine wußte von all' diesen Begebenheiten nicht das Geringste. Einer

schüchternen Unentschlossenheit hingegeben, hatte sie in ihrem Zimmer

sich verborgen, um sich zu fassen. Der scandalöse Auftritt in der

Kirche, die Verhaftung ihres Vaters, die Ungewißheit ihrer zukünftigen

Lage, bestürmten zugleich ihre Sinne, daß sie auf einen Augenblick die

Selbstständigkeit ihres Charakters vergaß. Die Stimme ihres Vetters,

der endlich sich vernehmen ließ, -- der die Treppen heranstieg, um die

Effekten seiner Schwägerin in Beschlag zu nehmen, der von Verschließung

aller Gemächer redete, der rauh und ungeschliffen sich bei allen

Domestiken nach seiner Verwandten Justine erkundigte, um sie in sein

Haus, zu ihrer Mutter zu führen, -- diese Stimme raffte Justinens Muth

zusammen. Dem eigenwilligen Mädchen erschien plötzlich nichts auf Erden

schrecklicher, als unter die Vormundschaft dieses Menschen treten zu

sollen, den es längst gehaßt hatte; unter die Leitung einer Mutter, die

es von ganzem Herzen mißachten mußte. Justine zauderte nun nicht mehr;

sie hoffte nicht ferner auf eine Eingebung von Oben: ihr Entschluß war

plötzlich gefaßt. Ihr Vater im Kerker? Welcher andere Ort wäre wohl

ihre Stelle gewesen? Ihr Vater verbannt? Welche Pflicht erschien ihr

theurer, als die, den Urheber ihrer Tage zu begleiten? Sie ließ, in

ihre Stube eingeriegelt, den im Hause herumstöbernden Schwager ihrer

Mutter seinem überlästigen Geschäfte obliegen. Sie packte während

dessen ihr erspartes Geld, ihre Kleinodien zusammen; sie erwartete

mit Herzklopfen den Augenblick, in welchem die Wege zur Flucht rein

sein würden; er kam. Sie entschlüpfte; sie eilte die Treppe hinunter.

Nirgends mehr eine Wache; das Comptoir verschlossen, und den Vater auf

dem Bürgergewahrsam aufzusuchen ihre Aufgabe.

Das Gewitter des Morgens sendete noch immer fürchterliche Regengüsse,

Ihrer nicht achtend, trat Justine aus dem Hause. Eine Frau stürzt

ihr entgegen; die Lainez. »Wohl mir, daß ich Sie finde!« sagt diese

athemlos: »Sie glauben mich im Unrecht. Aber Sie sollen sich vom

Gegentheil überführen. Ich habe den Moment erspäht, Sie zu retten.

Kommen Sie mit mir, wenn Sie nicht nach Ihrer Mutter verlangen!«

»Ich verlange auch nicht nach Ihnen!« antwortet Justine, und will

sich von der Französin losmachen: »lassen Sie mich! mein Vater ist im

Gefängniß! ich will -- ich muß zu ihm!«

»Zu ihm? Sie wissen aber nicht?...«

»Was, Madame?«

»Ihr Vater ist entwischt; Niemand weiß, wohin!«

»Entflohen? Gott sei gelobt! Adieu, Madame, ich folge ihm!«

»Wie? ohne Spur? ohne Nachricht?«

»Der Herr wird mich erhören. Meine Angst wird ihn finden! Lassen Sie

mich!«

»Sie machen sich unglücklich! Der Senator hat ohne Zweifel die Stadt

verlassen!«

»Gleichviel! Ich suche ihn auch nicht in dieser Stadt!«

»Sie sind aber hier eingesperrt. Alle Thore sind geschlossen; Niemand

wird ohne die strengste Untersuchung hinaus gelassen. Man kennt Sie!

man wacht sorgfältig über die Angehörigen des Senators. Man wird Sie zu

Ihrer Mutter bringen!«

Diese Nachricht lähmte Justinens Kräfte. Mit einem tiefen »Ach!« griff

die Wankende nach der Hand der Französin, die mit ihr indessen an die

Ecke der Straße gekommen war, und dringend weiter redete: »Aufschub

ist's, den Sie gewinnen müssen! Lassen Sie die ersten Tage der Unruhe

vorübergehen! Sie werden ohne Zweifel Nachricht von dem Vater erhalten!

Rauben Sie sich jedoch nicht die nöthige Freiheit, ihm alsdann folgen

zu können. Vertrauen Sie sich mir. Auch ich bin verfolgt, fürchte ich;

auch _mich_ verdächtigt mein Aufenthalt im Johanniterhofe, obgleich

meine Seele rein an jenen Umtrieben ist, rein wie ein Sonnenstrahl.

Ich weiß einen Ort, der uns Beide verbirgt, der uns für's Erste den

nöthigen Schutz verleiht. Folgen Sie mir. Sie werden daselbst sichrer

sein, als unter den Augen Ihrer Mutter, die vielleicht Schuld an dem

ganzen Unheile trägt, das Ihren Vater betroffen hat.«

»Lieber in den Tod als zu dem despotischen Onkel, -- als zu der Mutter,

deren Vorwürfe mich umbringen würden!« rief Justine; »ich will noch

einmal an Ihre Aufrichtigkeit glauben. Bringen Sie mich von hier!«

»So eilen Sie!« ermahnte die Lainez, und führte Justine schnell mit

sich von dannen; weit vom Vaterhause, auf dem Paulsplatz, wo sie

sehr durchnäßt ankamen, allein doch unbeachtet. Rasch schritten die

Frauen auf die Kirche los; heftig zog die Lainez die Glocke an dem

Pförtchen des Thurms. Die wenigen Minuten, deren der Thürmer bedurfte,

um herabzukommen und aufzuthun, wurden den Harrenden zu Ewigkeiten.

Endlich ... Schlüsselklang ... das Pförtchen geht auf. Pahlens empfängt

verwundert, freudig erschreckt, die Einstürmenden. »Gott grüße Sie,

Herr Pahlens!« ruft die Lainez in Eile; »oben ein Näheres!« und mit

flüchtigem Fuße eilen die Frauen über die hölzernen Stiegen; an

Glocken und Uhr vorüber, über die finstern Wendeltreppen, durch die

finstern Gangschluchten, und an den hohen Luken vorbei, die eine

schwindelerregende Gruft vor dem Aufsteigenden eröffnen; und nimmer

ruhen und nimmer rasten sie, bis der letzte Treppenabsatz erklimmt,

und die Plate-Forme des Thurms erreicht ist, wo der heftig ziehende

Luftstrom sie zwingt, in des Thürmers Stübchen einzutreten, Platz zu

nehmen, Odem zu schöpfen, und endlich dem nachgefolgten Pahlens die

Absicht ihres Kommens zu erklären. Die Französin faßt sich hierin, so

wie in Allem kurz.

»Sie wissen, Monsieur, was in der Stadt vorging,« sagt sie mit

vertraulichem Tone zu dem Thürmer; »wir sind ebenfalls das Opfer

jener traurigen Ereignisse. Wir fordern von Ihnen Schutz und sichern

Aufenthalt für wenige Tage, und erwarten von Ihrer Galanterie die

Erfüllung unsers Begehrens!«

Ein Strahl von Freude und Behagen fuhr über Pahlens Gesicht; vergnügt

rieb er sich die Hände, und versetzte: »Sie kommen zur besten Stunde,

meine Damen. Mein Gehülfe wurde gestern in das Landkrankenhaus

gebracht, und ich bin allein. Mehrere Tage hindurch kann ich mich wohl

allein behelfen, und der Magistrat wird mir die Schonung seiner Kassa

danken. Ueber diesem Zimmer, in der Kuppel des Thurms, befindet sich

das schönste Belvedere; ein Plätzchen, wie geeignet, die Göttin Venus

mit ihren Grazien und Amoretten zu beherbergen. Sie werden daselbst

wohnen, ungestört sein, und nur die Vorsicht beobachten müssen, sich

nicht sehen zu lassen, wenn sich Neugierige oder Leute, die hier oben

Geschäfte haben, auf dem Thurme einfinden.«

Justine, von dem albern galanten Wesen des Thürmers unangenehm

berührt, drang darauf, das gerühmte Kuppel-Zimmer auf der Stelle zu

beziehen. Ihrem Wunsche wurde also willfahrt, das Frauenpaar in sein

Asyl eingeführt, das in der That eine gewisse Eleganz darbot, und

eine vielversprechende Fernsicht; heute freilich von Regenschleiern

verhüllt. Pahlens, nachdem er sich in seinen besten Putz geworfen, trug

seinen Schutzbefohlenen Alles auf, was die beschränkte Speisekammer

des Junggesellen vermochte, und lud seine Gäste ein, seine Gaben nicht

zu verschmähen. Die Lainez ließ sich nicht nöthigen. Justine versagte,

setzte sich an's Fenster, sah hinaus in die grauen Wolkenmassen, und

weinte und seufzte, und machte Pläne.

Pahlens, nachdem er vergeblich versucht, der Jungfer, die sein Herz

erobert, ein Wörtchen abzugewinnen, ging verdrüßlich davon, die Stunde

zu schlagen; ließ die Frauen allein.

»Wohin sind wir gerathen?« fragte Justine heftig: »wie sind Sie _hier_

bekannt geworden, Madame? Von der Discretion eines geckenhaften

Menschen abzuhängen, der mich durch seine Zudringlichkeiten ärgern

könnte, machte ihn nicht seine Albernheit lächerlich! Warum habe ich

mich von Ihnen beschwatzen lassen?«

»Wissen Sie einen Ort, an dem man uns weniger vermuthet? an dem wir

unbemerkter sind?« fragte die Lainez einsilbig dagegen, und setzte bei:

»ich kenne den Herrn dieses lustigen Hauses zwar nur oberflächlich,

aber getraue mir, für die redliche Reinheit seiner Gesinnung zu bürgen.

Fürchten Sie keine Beleidigung Ihrer Würde, keine Verletzung des

Anstands. Was Sie auch von mir halten mögen ... ich bin eine Freundin

und Bewahrerin strenger Sitte, und Niemand wird mehr als ich von

einer Unbescheidenheit verletzt. Schlafen Sie deshalb ruhig. Morgen

leuchtet uns vielleicht ein günstigerer Himmel. Vielleicht sind wir so

glücklich, etwas Näheres von Ihrem Vater zu erfahren, und Ihr Zweck ist

dann erreicht.«

Dieser Zuversicht sich überlassend, fügte sich Justine in die seltsame

ungewohnte Lage. Der Abend kam, und verging bei einsamer Kerze, und

bei'm Lautenspiel des Thürmers, der sich's nicht nehmen ließ, die

Frauenzimmer zu unterhalten, bis die Zehner-Glocke geläutet werden

mußte. Pahlens Fürsorge hatte den Damen auf den Ruhebettchen des

Belvedere ein erträgliches Lager bereitet. Er wünschte ihnen gute

Nacht, und empfahl ihnen das Licht zu löschen, damit der Wächter, der

nach zehn Uhr auf dem Thurme einzutreffen habe, nicht Unrath merke.

Justine verriegelte die Thüre. Die Lainez löschte die Kerze. Die

beiden schönen Flüchtlinge versuchten, ohne ein Wort ferner zu

wechseln, zu entschlummern. Justinens Augen floh jedoch der Schlaf;

ihrer Begleiterin ging's nicht besser, denn Justine, ganz stille

ruhend, hörte plötzlich, wie sich die Lainez leise aufrichtete, und

in französischer Sprache, -- in der Meinung, ihre Gefährtin schlafe,

-- zu beten anfing. Das Gebet war an die Himmelskönigin, an die

heilige Jungfrau gerichtet, und die Flehende forderte die göttliche

Mutter auf, durch ihre Gnade den traurigen Zustand zu endigen, in dem

sich gegenwärtig die Bittende befinde; ihr es möglich zu machen, den

lauernden Feinden zu entgehen, und unter den Schutz der Gläubigen

zurückzukehren. Sie fügte hinzu, die Jungfrau möchte diese Gnade auch

auf ihre Gefährtin ausdehnen, die um ihrer Eigenschaften willen, zu

dem besten Glücke würdig und berufen sei. Sie möchte ein Wunder ihrer

Huld thun, um das Seelenheil der Protestantin zu retten, sie auf die

Bahn, die ihr Vater betreten, zu führen, ihr alle Sünden zu erlassen,

sie frei und glücklich zu machen! Wenn die göttliche Fürsprecherin

alles dieses Verlangte thue, so verspreche ihr die Beterin eine

neuntägige Bußübung, ein vierzehntägiges Fasten und eine Votivtafel

dem wunderthätigen Bilde zu Montserrat. Hierauf begab sich die Lainez

wieder zur Ruhe, und entschlief bald in vollkommener Friedseligkeit.

Justine, welche aufmerksam gelauscht hatte, machte ihre besondern

Betrachtungen. In dem Grade, als ihr Mißtrauen gegen die Französin

zunehmen mußte, in der sie nun eine eifrige Katholikin, und --

wie sie im Verlauf des letzten Tages geahnt hatte -- ein Werkzeug

ihrer beabsichtigten Bekehrung empfand, nahm auf der andern Seite

wieder ihr Vertrauen zu der Person zu. Die Lainez hatte ja in ihrem

Gebet die Protestantin mehr noch den himmlischen Mächten empfohlen,

als sich selbst; sie hatte für Justinens Erleuchtung und Rettung

gebetet, sie hatte dafür ein Gelübde geleistet! Justine dankte ihr

im innersten Herzen für die Beweise einer liebevollen Theilnahme,

und vergab ihr allen Unglimpf. Justine beneidete sogar die Französin

um ihr Vertrauen, um ihr gläubiges Gebet, das den ruhigen Schlaf auf

die Augen der Beterin goß, erzeugt von der Zuversicht, daß das Gebet

erhört, das Gelübde vergolten werden müsse. Justinens Auge blieb wach

und munter ihr Ohr. Sie sah die Streiflichter der Wächterlaterne, die

um das Thurmzimmergebäude die Runde machte; sie hörte Pahlens und

des ablösenden Wächters Stimme, das heisere Gebelle des Wachthundes,

die von Stunde zu Stunde gegebenen Posaunenstöße in die weithallende

Luft, das erschütternde Ausheben der großen Uhr, die Donnerschläge der

allzunahen Stundenglocken. Unwillkürlich dachte sie an die Mährchen

ihrer Amme, an das Traumgesicht, das Georg Birsher erzählt hatte.

Sie blickte sorglich nach der Gegend der Thüre, ob nicht etwa des

alten Amerikaners wahrhaftiger Geist hereinschreiten werde. Aber

quälender wurde ihre Angst, marternder ihre Schlaflosigkeit erinnerte

sie sich der verflossenen Tage, des Glücksruins ihres Vaters, seiner

Verblendung, seiner Flucht, des Verschwindens ihres Verlobten. Eine

traurige Zukunft rollte sich vor ihrer Einbildungskraft auf, und sie

hätte sich aus den Fenstern des Thurms in das Wolkenmeer geworfen,

wenn es möglich gewesen wäre, auf demselben überzuschiffen nach der

Weltgegend, in welcher sich ihr Vater befand. Dem Andenken des,

gewiß auf immer von ihr getrennten Verlobten weihte ihr Herz nur

eine vorübergehende Klage: des Vaters Bild erfüllte es ganz. Seine

Führerin, seine Begleiterin in dem Labyrinthe seines Unglücks zu

werden, schien ihr Beruf zu sein, und sie sehnte den Tag herbei,

der ihr vielleicht Kunde zu geben bestimmt war. Der Tag kam herauf,

herrlich und prächtig, wie sein Vorgänger häßlich und stürmisch

gewesen war. Justine badete ihre glühende Wange in dem kühl strömenden

Glanzmeere, das um des Thurmes Spitzen lag. Die Nebel des Himmels

hatten sich zerstreut, waren am Horizonte niedergesunken. Durch die

durchbrochenen gothischen Geländer der Plate-Forme schimmerte das

tiefe Blau des Himmels, und über dem frei ragenden Gipfel strahlte

ein feines durchsichtiges Dach von Azur. Schaaren von munterem

Gefieder strichen neckend oder majestätisch vorüber. Der Storch

klapperte fröhlich in seinem Neste; mit ihm um die Wette gurrten die

Ringeltauben des Thürmers. Eine köstliche Aussicht hatte sich durch

die Nacht zum Licht emporgearbeitet. Die weite Fläche um die Stadt,

nur in der weitesten Ferne von Gebirgsumrissen begränzt, prangte in

der vielfarbigen Fülle des nahenden Herbstes. Städtchen mit glänzenden

Thurmknöpfen, Kirchdörfer mit luftigen Ziegeldächern, zwischendurch

belebte Landstraßen, oder weite Baumgelände, oder grüne Fluren, oder

silberne Ströme, oder abgelesene Felder und frisch umgewühlte Aecker,

über deren Furchen wunderliche Herbstseidenfäden ihren weichen,

eisgleichen Spiegel gezogen hatten -- entzückten das Auge. Die

ansehnliche Stadt, von grünen Bastionen, alterthümlichen Warten und dem

Strome umzogen, bildete gleichsam den Korb, aus welchem man in's Weite

sah. Justine hatte diesen Anblick noch nie gehabt. Sie hatte noch nie

hernieder gesehen in die dunkeln Straßen, auf die volkreichen Märkte,

auf die Giebel der Häuser, auf die niederer liegenden Kirchen. Sie

suchte, sie fand ihr Vaterhaus, die Wiege ihrer Freuden; sie suchte

und fand den altergrauen Johanniterhof, die Wiege ihres Leidens und

des Unglücks ihres Vaters; sie suchte nicht das Gasthaus, das ihren

Bräutigam beherbergt hatte, damit ihr Schmerz nicht erwache; sie suchte

aber die Straßen, die von den Thoren in alle Weltgegenden ausgingen;

sie versuchte zu errathen, welche ihr Vater wohl eingeschlagen haben

mochte, oder ob er vielleicht noch in der dumpfigen Häusermasse athme,

deren Bewohner sich gegen ihn und seine Schwachheit verschworen hatten.

Sie lief, ohne sich des »Warum?« bewußt zu sein, nach der Thüre,

sie öffnete dieselbe unschlüssig, und hörte plötzlich vom Fuße der

schmalen Treppe, die in's untere Gemach führte, leise Flüsterworte,

eine Unterredung, die sie nahe mit anging. Pahlens und die Lainez, die

schon seit einiger Zeit das Gemach verlassen hatte, sprachen zusammen,

heimlich und vertraulich -- von Justinen.

»Sie können sich leicht denken,« sagte der Thürmer: »wie mich's

allarmirt hat, als ich's vernahm. Es ist doch Schade um die magnifique

Jungfer. =Parole d'honneur!= die Mama und der Vormund wollen sie,

sobald sie ausfindig gemacht worden, in die Kostschule sperren lassen,

weil sie dergestalt an ihrem Vater hängt. Es wird behauptet, sie sei,

wie _er_ katholisch geworden, und dieser Schmutz müsse abgekratzt

werden.«

»Nichts weniger als das,« versetzte die Lainez: »indessen müssen Sie,

Monsieur, uns weiter helfen. Der Superior hat mir das Mädchen auf die

Seele gebunden. Ich muß Wort halten, damit auch mir einst Wort gehalten

werde.«

»Ich will wohl behülflich sein,« sprach Pahlens wichtig: »aber um

den Lohn begehre ich auch nicht zu kommen. Sie wissen, meine Beste,

wie mich der blinde Cupido selbst =aveugle= gemacht hat. Ich bin

=amoroso= dergestalt, daß ich mit Thränen meine Speisen salze, und

täglich und nächtlicherweise von =Morpheo= verlassen werde. Wenn mir

die ehrwürdigen =Patres= die Holdselige zur ehelichen Hausfrau geloben

wollten, ... auf das Vermögen thäte ich Verzicht, und baute irgendwo

mein stilles =Arcadia= an. Könnte ich alsdann in irgend einem Dome

Organist werden, so sollten die dankbarsten Liebesgötter meine Register

handhaben.«

»Sie sind eigennützig, Monsieur Pahlens,« entgegnete die Lainez

empfindlich.

»Ich opfere auch Alles auf, bis auf die Braut, die ich =adorire=,«

sagte der Geck: »wenn es herauskömmt, daß auch ich den Staub des

Lutherwesens abgeschüttelt, so würde ich's nicht läugnen, und folglich

meinen Bündel schnüren müssen, und von denen =Musis= erwarten, wo

ich wieder meinen Unterhalt fände. Nicht wahr? Wäre hingegen Jungfer

Justine meine Verlobte.... =vraiment!= noch heute sagte ich auf, zöge

morgen ab, und erhielte alsbald meinen Abschied, weil sich Zehne für

Einen um meinen Dienst bewerben.«

»Das Mädchen will seinen freien Willen haben, Monsieur Pahlens.«

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 21 / 32 段