Eine blasse, ängstliche Figur kam gebückt hervor: Nothhaft, wie ein

armer Sünder.

»Setze Er sich, und esse Er!« fuhr der Amerikaner fort: »vergesse

Er seine Schrecken. Ich habe mich besonnen, und halte dafür, es sei

besser, die ganze Anklage zu unterlassen.«

»Ach, wenn Sie das im Ernste wollten,« -- stammelte Nothhaft -- »ich

würde neu aufleben.«

»Lerne Er, Mensch« sprach Birsher weiter, »daß es nichts Gemeines

mit solchen Anschuldigungen auf sich hat. Er hat mir auf die Bibel

zugeschworen, daß Alles, was Er mir heute entdeckt, reine Wahrheit sei;

ich will es glauben; nicht um Seinetwillen, denn der erbärmliche Spuck

in des Senators Hause verdächtigt ihn, aber um des seltsamen Benehmens

des Senators willen; um der Voraussetzung willen, daß ein Mensch, der

nur _einen_ redlichen Blutstropfen in sich verspürt, nicht auf eine

Lüge hin seinen Nächsten in's Grab und in Schande stürzen werde. Er

hatte nicht darauf gerechnet, daß mir es einfallen könnte, die Anklage

öffentlich zu machen; Er hat mich beschworen, es zu unterlassen: das

ist ein guter Zug von Ihm; Er hat mir gestanden, daß Er nur, um mich

von der Ehe mit Justine abzuhalten, mir die Eröffnung gemacht, die aber

demungeachtet eine völlig wahre sei. Er hat sich endlich gutwillig in

jenes Zimmer verfügt, wo ich Ihn inne zu halten für gut befand, damit

es mir bei der Klage nicht an dem Gewährsmanne fehlen möchte. Bedenke

Er aber selbst, wohin meine Klage führen würde: zu Seiner eigenen

Haft, zu Seiner eigenen Schmach, als Hehler der begangenen Blutthat.

Der Senator würde eines schimpflichen Todes sterben, seine Familie

würde zu Grunde gehen, mein Schmerz wieder tausendfach erneut, meines

Vaters Gebeine in ihrem Grabe gestört werden; und zu welchem Endzweck?

Würde diese Genugthuung mein Herz befriedigen, den geliebten Todten

wieder in's Leben rufen? Und die Unglücklichen, die -- ihren schuldigen

Gatten und Vater beweinend -- mir, dem unglücklichen Verfolger fluchen

würden!... ach, welch' eine Zukunft! Darum will ich lieber schweigen,

wie das Grab über dem Todten, und verlange dasselbe von Ihm: schwöre

er mir's abermals auf die Bibel, und dann gehe Er hin, von wannen er

gekommen, so wie ich nach der Heimath zurückkehren will: vergessend --

und rein von Fluch!«

Nothhaft vernahm mit innigem Wohlgefallen Birshers Worte. Er hätte

tausend Eide geschworen, nur um den Folgen eines Schritts zu entgehen,

den er weniger aus unverbesserlicher Bosheit, als, von frechem Trotze

und Eifersucht bewegt, gethan hatte. Er entlief mit Riesenschritten

dem Gasthause und suchte den Weg nach seinem Städtchen. Birsher war

mit seinen Entschlüssen zufrieden, und überlegte gerade, wie er dem

Senator, wenn derselbe sich nicht bereits auf der Flucht befände,

seinen edelmüthigen Vorsatz kund zu geben hätte -- wie er von Justine

Abschied nehmen sollte, als der Magister aus Faldern zu ihm trat.

»Was wollen Sie, Magister?« fragte Georg hastig und verdrüßlich,

gestört zu werden.

»Der Ueberbringer des Dankes sein, welchen Ihnen zwei redliche

getröstete Herzen zollen,« antwortete der Magister freundlich und

zutraulich.

»_Zwei_ getröstete Herzen? -- Schon gut!«

»Und der Bitte zugleich, diesen Dank aus dem Munde der Getrösteten

selbst hören zu wollen.«

»Ihr Zögling soll zu mir kommen. Ich will ihn kennen lernen.«

»Und Justine, die sich sehnt, Ihnen ein dankbares Wort zu sagen.«

»Welche Zumuthung? Will sie sehen, wie mich die Entsagung kleidet?«

»Und Justine, die sich vor Ihnen rechtfertigen möchte?«

»Falschheit, sich rechtfertigen? Ich mag sie nicht beschämen!«

»Und Justine, die Ihnen etwas Wichtiges anzuvertrauen hat, das nur

Ihrem theilnehmenden Herzen vertraut werden kann; das auf das Glück

Ihres Lebens den größten Einfluß haben wird?«

»Magister! Sie schlagen die rechte Saite an. Justine soll einen Mann

in mir finden, den Liebeskummer nicht niederbeugt; einen Mann, der das

Gute nicht halb thut. Ich bedarf dieser Prüfung, um mich zu einer edeln

That würdig zu stärken. Ich folge Ihnen; ich will dem Mädchen ebenfalls

eine Nachricht bringen, die wohl manches Herz beruhigen dürfte. Wo,

wann harrt meiner das Paar, das ich durch meinen Rücktritt so sehr

beglückte?«

»Wenn Sie mir folgen wollten?... ich führe Sie.«

»Recht; geschwinde mein Freund! Sie noch einmal zu sehen -- sie

zu beruhigen, und dann schnell wiederzukehren, um meine Abreise

anzuordnen. --«

Georg ging mit dem Magister weg, ohne wiederzukehren. Die Stunden

gingen vorüber, der Abend war da. Der Gast im Schwan blieb aus. Die

Wirthin, die den jungen, stillen Mann wohlwollend in's Auge gefaßt

hatte, wurde unruhig. Mit einbrechender Nacht sendete sie in des

Senators Haus, um nach dem Amerikaner fragen zu lassen. Er war dort

nicht gesehen worden. Der Senator schickte den Kellner mit dem kühlen

Bescheide zurück; ging dann auf seine Stube, heimlich seinem Gott zu

danken, und den Zettel wieder durchzulesen, den ihm um die zweite

Stunde des Nachmittags der Doctor geschickt hatte, mit den lakonischen

Worten: »Fassen Sie Muth, Gebeugter! Wir verlassen Sie nicht. So eben

ist _er_ fort, um nicht wieder zu kommen. Er wird Sie ewig in Ruhe

lassen!«

Der Senator küßte, seiner Angst entledigt, den kurzen Brief; trat

dann zu seiner Familie und sagte: »Mein armes Bräutchen Justine! Dein

Verlobter scheint auf Abwege gekommen zu sein. Wir wollen morgen, am

Tage des Herrn sammt und sonders zur Johanniskirche wandeln, um den

Segen Gottes anzuflehen, daß er den Handelsfreund wieder gesund zu uns

zurückbringe!«

»Endlich wieder ein frommer Vorsatz,« erwiderte die Senatorin: »nur

Schade, daß der _Bürgermeister_ dich heute zur Gottesfurcht bekehren

mußte. Bei alle dem finde ich's ungezogen, daß Herr Birsher heute

gänzlich ausbleibt. Wenn nur die leichtfertige Französin, die sich auch

seit dem Morgen nicht sehen ließ, den zu täppigen =Sans façon= nicht

berückte!«

Justine schwieg; aber in ihre Augen traten unwillkürlich Thränen:

unwillkürlich seufzte der Mund. »Ja, Vater,« sagte sie, als dieser am

Abend freundlicher und ruhiger als seither Abschied von den Seinen

nahm: »wir wollen morgen aus dem Grunde des Herzens beten, damit

Eintracht und Friede nicht von uns weiche!«

Am nächsten Morgen stand Pater Münzner sehr frühe auf, um sich zu

dem Gottesdienste vorzubereiten. In dem Garten kam ihm bereits sein

Pflegesohn entgegen. Leidenschaftlich faßte ihn dieser bei der Hand,

und rief: »Wohl mir, daß ich Sie endlich allein finde, mein Vater! Des

Superiors Gegenwart hat meine Zunge gebunden, sonst hätte ich Ihnen

gestern schon gestanden, wie sehr ich's bereue, daß ich Sie verkannte!

Ja, mein würdiger Pfleger! Sie wollen mein Glück; Sie wollen es, wenn

Sie mir es auch verhehlen; meinen ewigen Dank dafür!«

»Verstehe ich dich, Unbegreiflicher?« fragte Münzner staunend.

»Ihre Güte war mir unbegreiflich,« fuhr James heftig und entzückt fort:

»aber die Wege der Vorsehung sind es ja auch, und dennoch gut und

dennoch beglückend! Mögen Sie es doch wissen, daß ich Alles erfuhr, aus

Birshers edelmüthigem Munde erfuhr!...«

»Birsher? um's Himmels willen! was weißt du?«

»Daß Sie mit ihm geredet, daß Sie sein Herz gerührt!.... daß Justine --

das herrlichste Glück! daß Justine mir gut ist, daß sie, die so schlau

ihre Liebe zu verbergen wußte, mein Bild, -- vielleicht hat ihre liebe

Hand es selbst entworfen -- mein Bild auf ihrer Brust trägt, -- daß der

gefürchtete Bräutigam zurücktritt!...«

»Mensch! du fabelst!«

»Läugnen Sie nicht, mein Vater! Ist es denn ein Verbrechen, einen

liebenden Jüngling zu beglücken? Ich bin verschwiegen! Ich sehe ein,

daß Sie Gründe haben können, vor dem Superior, der mich in's Noviziat

schleppen will, Ihr menschenfreundliches Bestreben zu verbergen, daß

Sie nur Zeit gewinnen wollen!... Legen Sie jedoch uns gegenüber das

Geheimniß ab, und hören Sie meinen Plan. Ich werde nicht Priester! Der

Soldatenstand allein kann und wird mich Justinen näher bringen. Ich

habe gestern des letzten Schwedenkönigs Leben gelesen -- es hat mich

begeistert! Noch bin ich jung; noch wetterleuchtet es am Horizonte

Europa's! Ich liebe, ich hoffe! das Glück muß mir zur Seite stehen!«

»Jesus Christus!« versetzte der Doctor blaß und betrübt: »Du lässest

mich nicht zu Worte kommen, und dennoch muß ich dir mit blutendem

Herzen betheuern...«

Rasche Schritte von Annähernden unterbrachen ihn. Der Superior mit

allen Zeichen des Schreckens -- die Lainez, wie ein Schatten folgend --

eilten herbei.

»=Hannibal ante portas!=« rief der Erstere, der einen dicken Brief

in der Hand trug: »Hochwürdiger Herr! Jetzt gilt's, zum Streit sich

rüsten!«

»Wie so? wie das?« fragten der Doctor und James.

»Erzählen _Sie_, während ich dies Schreiben durchlaufe;« versetzte der

Superior zitternd und bebend. Die Lainez sprach mit erlöschender Stimme:

»Wir sind verrathen; Alles kömmt an den Tag. Des Schreiner Ulrichs

Frau ist in der Nacht krank geworden; der Mann hat unser Gebetbuch

unter ihrem Kissen gefunden. Die Drohungen des Mannes, wie der Schmerz

ihres Körpers haben Sie zugleich bedrängt; sie hat gebeichtet, daß sie

katholisch geworden, -- daß eine stille Gemeinde bestehe, -- daß in dem

Johanniterhofe...«

»Gott stehe uns bei!« riefen die Zuhörer.

»Vor einer halben Stunde...« fuhr die Lainez erschöpft fort, --

»läßt der Rottmeister, bei dem der Schreiner Alles angezeigt, den Hof

umringen, -- das Thor aufsprengen, den Verwalter fest nehmen, Alles

durchsuchen. An meiner Thüre vorüber dringen die Schergen in die

Kapelle. Unsre heiligen Zierden fallen in ihre Hände. Man bemerkt mich

nicht im Tumulte: ich entspringe, um hier das Unglück anzusagen!«

Litzach stürzte in den Garten. »O meine Herren! meine heiligen Väter!

was wird daraus werden?« rief er: »ich erfahre so eben, von dem Dorfe

kommend ... der Verwalter ist verhaftet, läugnet indessen noch fest;

hat nichts gestanden; der Johanniterhof wird verschlossen gehalten,

damit nichts vor der Zeit verlaute: vor dem Polizei-Aufsichter soll

um neun Uhr erst Alles klar werden! Der Sigrist, der entsprang, sagte

mirs, es Ihnen mitzutheilen!«

»Das Interdikt über die Bübin, die den Herrn verrieth!« zürnte der

Superior: »das Etablissement, die Mission ... Alles geht zu Grunde!

Schande kommt über uns! Lassen Sie uns Hand an die Rettung legen, Pater

Münzner! Wir müssen fort, ehe der Lärm um sich greift.«

»Unsere Bücher liegen bei'm Senator;« tröstete der Doctor: »kein Mensch

sucht sie dort. Die Translation war zweckmäßig.«

»Zweckmäßiger als Ihre Verwaltung, Pater Münzner!« entgegnete der

Superior zornig: »solche Leute, wie die Schreinersfrau, an- und

aufzunehmen...! plaudernde Gänse...!«

»Mein Vorgänger hat schon...« wollte sich Münzner entschuldigen. --

»Schweigen Sie!« befahl der Superior heftig: »Marsch, auf die Beine!

ihr Uebrigen! Er, Litzach, tummle sich schnell um einen Wagen um. Vor

dem Friederthore will ich einsteigen. Er, James, wird auf der Stelle

alle Habseligkeiten des Paters compendiös zusammen packen. =Cito!

citissime!=«

James eilte hinweg. Litzach rang die Hände; »ich bin der

Unglücklichste!« seufzte er: »was wird aus mir, -- was aus meinen

Kindern, und was aus meiner kranken Frau werden?«

»Was Gott will!« antwortete der Superior hart und rauh: »packe Er sich

fort, und besorge Er den Wagen!« -- Litzach gehorchte, fast weinend. --

»Laufe Sie, Lainez!« sagte der Superior dringend zu dieser: »ein

Weibsbild mengt sich ohne Gefahr unter Gaffer und Pöbel! Horche, laufe

Sie. Wenn etwas Ungerades sich verspüren läßt, ... schnelle Post

hieher!« --

Die Lainez eilte weg. »Pater Münzner!« fuhr der Superior fort:

»unsers Bleibens ist in diesem Hause nicht. Der Doctor Leupold wird

bald aufgesucht werden! Schändlicher Baalstreich! Wir flüchten uns

einstweilen in des Senators Haus, wo man uns sicherlich nicht sucht.«

»Ich Unglücklicher!« rief Münzner, wie in Verzweiflung; »daß dieses

Unglück unter meiner Verwaltung geschehen mußte! Welch ein Empfang

wartet meiner in unserm Hause und beim Provinzial!«

»Erkennen Sie, ob ich Ihr Freund bin!« erwiderte der Superior, indem

er ihm den Brief reichte, den er vorhin gelesen; »ich will Sie der

Traufe entziehen, weil Sie mir ein wohlgefälliger Mitbruder gewesen.

Der Provinzial trägt mir auf, ein tüchtiges Mitglied nach Assumption im

Paraguay zu schicken, um den Handelsangelegenheiten vorzustehen. Ihre

Mission allhier ist leider nun erledigt; verbergen Sie Ihre Scham in

Amerika, bis der General Sie zur Rechenschaft rufen läßt. Es verfließen

indessen Jahre, die Sache schlummert ein, und ein simpler Verweis tritt

an die Stelle der harten Pönitenz.«

Der Doctor nahm mechanisch die Commission, ohne ein Wort zu erwidern.

Der Superior sowohl, als die Hauswirthin, die ängstlich herbeikam,

drangen in ihn, sich in Sicherheit zu setzen. Kaum, daß ihm die Zeit

verblieb, seinen James zu umarmen. »Ich gehe nach Paraguay!« sagte er

weinend zu ihm; »das Schicksal macht hier ein schnelles Ende mit uns.

Wir sehen uns vielleicht nie wieder. Folge darum dem ehrwürdigen Pater

Superior, der dein Glück will! Vergiß, armer Getäuschter, und zürne mir

nicht!« --

Der Jüngling war von dem Augenblicke zu sehr erschüttert, um auf

die Rede seines Pflegevaters merken zu können. Der Superior riß den

Doctor unwillig mit sich fort, und ermahnte den jungen Engländer im

Novizenmeisterton, seine Packarbeit zu fördern, die Effekten vor das

Friederthor zu schaffen, und bei dem Wagen seiner zu warten, um mit

ihm sich zu entfernen. Hierauf schlugen die geistlichen Herren, die

Hüte tief in die Stirne gedrückt und herabgekrempt, den Weg nach

Müssingers Wohnung ein. Ein heftig niederstürzender Regen begünstigte

ihre schnelle Wanderung. Die Kirchenglocken riefen von allen Seiten die

Gläubigen zum Gottesdienste, und leerten die Straßen. Ohne Aufenthalt

waren die Väter an des Senators Thüre gekommen. Sie war verschlossen.

»Der Senator ist in der Kirche!« sagte der Superior, sich besinnend.

»Wir erlaubten ihm ja gestern, als wir die Register brachten, das

Possenspiel mitzumachen, um seinen Leumund wieder zu heben.«

»Ich habe glücklicher Weise den Schlüssel zu der Hinterthüre in der

Tasche,« versetzte der Doctor; »er gab mir ihn, um unbemerkt zu kommen,

wann ich wollte; es ist sonderbar, daß es heute zum ersten und letzten

Male sein muß.«

Sie traten in das Gäßchen; der Schlüssel paßte, und die Herren stellten

sich unter das Gewölbe des Hauses, um zu berathschlagen, ob der Senator

zu erwarten, oder vielmehr rathsam sei, daß der Superior oder der

Doctor zuerst sich auf die Flucht mache. --

Während dieses in seinem Hause vorging, saß der Senator, noch

von Allem ununterrichtet, mit den Seinigen im Betstübchen der

Johanniskirche. Das Gebäude war gedrängt voll. Das schlechte Wetter

hatte es ungewöhnlich angefüllt. Die Orgel schmetterte die Melodie des

Liedes, und nachdem einige Verse desselben verklungen, betrat Pastor

Lammer die Kanzel. Sein Gesicht war feurig, seine Augen sprühten und

rollten in der Runde umher. Auf dem Oratorium des Senators haftete ein

drohender staunender Blick, dem alle Augen der Anwesenden folgten.

Heftig zerrte des Predigers Hand an der faltenreichen Krause; er

hustete; er öffnete den Mund, ... da fiel ein Donnerschlag ein, dessen

Vorgänger unter dem geräuschvollen Orgelspiel nicht gehört worden

waren, und ein Blitz leuchtete durch die grauen Fensterscheiben, die

der Stromregen peitschte. Lammer sah, während ein Laut des Schreckens

durch die Kirche ging, furchtlos nach der Seite, wo der Blitz

erschienen, ... seine Mienen nahmen eine gewisse Begeisterung an, --

verächtlich schob er das Concept seiner Predigt, das vor ihm auf dem

Kanzelrande lag, hinunter, und begann plötzlich aus dem Stegreife mit

aller Kraft seiner Stimme:

»Du donnerst, Herr der Welten? Du starker zorniger Gott? ja,

Barmherziger, entziehe mich heute der schweren Pflicht, deine

Gebote zu erklären! Nimm selbst das Wort, damit gerade am heutigen

verhängnißvollen Tage die Sünder zittern und ächzen, wenn du in

deinem Zorne sagst: »Ich bin der alleinige starke Gott, und du sollst

keine Götter haben neben mir!« Laß deine Gewitter rollen und den

grauen Schleier vom Himmel nieder fallen, damit die Natur in Sack

und Asche traure; schreibe einen außerordentlichen Bußtag aus für

außerordentliche Sünden! denn sie haben dein erstes Gebot mit Füßen

getreten! denn sie haben andere Götzen neben dir! denn sie haben

dich geschändet, als wärst du nicht der starke eifrige Gott, sondern

das elende Heidenbild Dagon, ein zerbrechliches Stück Koth! aber sie

täuschen sich, denn _sie_ knieen vor den faulen Götzen! sie betrügen

sich, denn _sie_ haben keine Bundeslade, vor welcher du den Staub

küssen müßtest! sie haben sich belogen, denn ihnen ist die Hölle

worden; meine Brüder! vernehmt, daß das Weib aus Babylon auferstanden

war, daß es sich gelagert hatte an den Thoren dieser Stadt, und daß es

gesprochen: kommt her, die ihr mich heimlich lieben wollt, und sündigt

mit mir! -- O der Schande! o des Gräuels! o der verfluchten Ueppigkeit!

sie sind nicht vorübergegangen an dem frechen Weibe! sie haben ihr Ohr

nicht vor der Schlange verstopft! sie haben mit ihr gebuhlt! ja, meine

Freunde! ja, meine Brüder! das römische Pabstthum hat eine Winkelstube

in unserer Stadt errichtet; es hat vielen Eurer Mitbürger das ewige

Seelenheil gegen falschen Tand abgetauscht. Doch nicht alle Sündige

waren verstockt; ihrer waren etliche, die Reue fühlten. Sie haben

bekannt. Die Kapelle ist entdeckt, die Hülle ist von der abscheulichen

Verschwörung der Finsterniß gefallen! sie sind entlarvt, und harren

angstvoll der verwirkten Strafe!«

Eine Bewegung der Unruhe, des Abscheus, der Bestürzung, durchlief die

Versammlung, und jedes Ohr horchte neugierig auf die Fortsetzung der

Predigt. Der Senator konnte sich kaum vor Schrecken an der Brüstung des

Betstübchens erhalten; die Senatorin starrte dumm und nicht begreifend

auf den Prediger; Justine, ahnungsvoll und beklommen, behielt den Vater

ängstlich im Auge. -- Der Prediger fuhr mit erhöhtem Kraftaufwande fort:

»O, wie zittern jetzo die Herzen der Sündigen! wie werden sie

wünschen, gar nicht geboren zu sein! und dennoch selig noch diejenigen,

die Schaam und Reue empfinden! seliger noch diejenigen, die ihre

schweren Verbrechen durch ein aufrichtiges Geständniß versöhnten! aber

dreimal verworfen diejenigen, so in ihrem Irrthume, in dem Laster

beharren! dreimal verworfen die gottlosen Priester aus Babel, die das

Volk des Herrn verführt haben, und Unkraut gestreut unter den Waizen!

-- Wie soll ich euch aber nennen, Gottesläugner! was soll ich euch

prophezeihen, ihr Verstockte! die mit der Abtrünnigkeit noch Heuchelei

verbinden? die mit glatter Stirne den Tempel des wahren Christenthums

besuchen, und das falsche im Busen tragen? besser wäre es, ihr bliebet

aus dem Hause Gottes, das ihr durch eure betrügerische Gegenwart

verunreinigt! -- wie soll ich aber denjenigen nennen, der -- selbst ein

Richter im Volke.... der -- selbst ein Erhalter der Gesetze -- das Volk

verräth, indem er dessen Verführung begünstigt?... das Gesetz schändet,

indem er thut, was es in seiner Weisheit verbietet...? den ehrwürdigen

Senat, dem er angehört, brandmarkt durch seine entsetzlichen Frevel?

ihn, der schamlos genug ist, sich allen Augen im Tempel des wahren

Gottes Preis zu geben, sich heuchlerisch darinnen zu brüsten, nachdem

er, geschweige anderer Unthaten, die erst an's Licht kommen werden und

müssen, in dem teuflischen verbotenen Lotto sein Hab und Gut gewagt,

und satanisches Handgeld damit gewonnen?... nachdem er ... ich spreche

es mit Schaudern aus, meine Brüder, -- nachdem er katholisch geworden?«

Der von dem Feuer der tadelnswerthesten Heftigkeit ergriffene

Geistliche deutete mit Blick und Finger auf den Senator unverholen hin,

der, von Beschämung und Wuth gepeinigt, in den Schatten seiner Betloge

zurücksank, nach welcher murmelnd und blasphemirend die Menge gaffte,

auf die der wüthende Prediger noch einen Hagel von Verwünschungen

niederrauschen ließ. Der Auftritt sollte noch gräulicher werden. Der

Senator, an seinem Stuhle nierdergleitend, hatte unbewußt den Arm

seiner Frau ergriffen. Diese, die endlich mit abergläubischem Entsetzen

begriff, wo hinaus der Prediger wollte, fühlte kaum die Hand ihres

Mannes, als sie dieselbe lautschreiend zurückstieß, aufsprang, mit dem

Gesangbuche nach dem Ohnmächtigen warf und kreischte: »Weg von mir,

elendiger Mann! das fehlte noch, katholisch zu werden! Gott erbarme

sich unser! Ich bleibe keinen Augenblick mehr an deiner Seite!« --

Vergebens warf sich Justine ihr bittend in den Weg. Schluchzend,

wüthend, wie eine dem Teufel Entlaufende, drängte die Senatorin ihre

Tochter von der Thüre. »Weg, Satanskind!« rief sie aus vollem Halse:

»helft mir, ihr guten Christen! Ich gehe nicht mit einem Schritte mehr

in das Haus der Abtrünnigen!«

Auf der Treppe von einem Schwarme von Betschwestern umringt, die

fragten und schimpften, und bedauerten, ging das Kreischen des

unvernünftigen Weibes in ein widerliches Heulen über, das der Menge

Gemurre und des Predigers Stentorstimme gewältigte. »Ich unglückliches

Weib!« schluchzte sie: »wer führt mich zu meinen Verwandten, damit

ich sicher sei vor dem Teufel, an den man mich verheirathet hat? Ich

habe zu Allem geschwiegen, aber nun kann ich's nicht mehr. Der elende

hat im Lotto gespielt, hat den Holländer umgebracht, und nun erst ...

katholisch zu werden...! ich armseliges Geschöpf!«

Endlich wurde sie fortgebracht, und mit ihr ging die Steuercommissärin

und viele Freundinnen. »Da haben wir's ja!« sagte die Erste

triumphirend. »Da hören Sie's selbst, meine Lieben! den Holländer

umgebracht, ... wahrscheinlich nicht minder dessen Sohn, der seit

gestern verschwunden ist...! Lotterie gespielt ... katholisch

geworden! und mit alle dem that der schlechte Mann als wie ein

Tugendspiegel! Aber mein Mann soll auf der Stelle zum Bürgermeister,

und dann wollen wir sehen, ob noch Recht im Lande ist!«

Während dessen schritt, von einem angsterregenden Menschengedränge

umgeben, von Justine unterstützt, der todtenähnliche Müssinger durch

die Kirche und über die Gassen. Es regnete entsetzlich. »Warum gehst du

nicht zu der Mutter?« fragte er die Tochter leise und ohne die Augen zu

ihr aufzuheben. »Ich bleibe bei Ihnen,« erwiderte sie sanft: »ich kenne

die Mutter nicht mehr. Ich habe im Stillen geahnt, was Ihre Vernichtung

mir bestätigt! Ach, ich habe nicht falsch gesehen,.. der Doctor!..

Aber ich liebe Sie jetzt _mehr_, um Ihres Unglücks willen, und begehre

nicht, von Ihnen mich zu trennen.« -- »O mein armes, einziges, liebes

Kind!« sprach der Senator unter Wehmuthswellen, und schauderte sichtbar

zusammen, weil eine Menge Volks vor seinem Hause sichtbar wurde,

und die Hellebarden und rothen Röcke der Rathshatschiere von der

Thüre daher blinkten. -- »Ich werde in Arrest gebracht!« seufzte der

Beängstigte. Justine erschrack; ihre Thränen fielen auf seine Hand.

Der Senator erhielt im Gedränge einen Stoß auf die Brust; er sah zur

Seite und erblickte sein schweres Portefeuille, das ihm eine hülfreiche

Hand in den Busen schob. »Einen Gruß von den Herren!« sagte der blasse

Litzach zu ihm, der sich wieder niederduckte: »Sie sollen das bewahren

und fliehen. Die Bücher sind verbrannt und zerrissen. Ernst hat Sie

verrathen, fliehen Sie nach Amsterdam, der Doctor erwartet Sie.«

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 20 / 32 段