auf's Rathhaus beschieden wurde. Der Bürgermeister hat mich förmlich
verhört. Ich denke, mein Kopf macht Bankerott, als er vom Lotto anhebt,
und behauptet, ich hätte neulich das große Loos in dem Hamburger
Glücksspiele gewonnen. Auf die Verschwiegenheit meines Correspondenten
bauend, leugne ich Stein und Bein. Da wird er ernsthaft, nennt mir,
als wäre er ein Hexenmeister, den Tag der Ziehung, die Nummer, die
ich gespielt, den Gewinnstbetrag und die Prämie, den Kaufmann, der
meine Angelegenheit besorgt, und endigt damit, mir frei zu erklären,
ein Comptoirdiener jenes Mannes, der in Unfrieden von ihm gegangen,
habe eine Collekturliste hieher gebracht, und dieselbe hin und wieder
indiskret zur Schau gelegt. Mein Name sei von ihm genannt, der Senat
stutzig geworden. Ich sei mit dem bestehenden Verbote bekannt, müsse
mich diskulpiren, oder gewärtig sein, daß man Rechtens gegen mich
verfahre. Der Angeber sei schon abgereist, die vidimirte Collekturliste
liege aber vor; ich müsse erklären, woher mir damals das viele Geld
gekommen, und die Erbschaft nachweisen, die ich dazumal vorgeschützt.
Er, der Bürgermeister, könne mir nicht helfen, und müsse mir noch
überdies bemerken, daß diverse Gerüchte über mich und mein Haus
neuerdings in Schwung gekommen, die dem ganzen =Corpori Senatus=
nachtheilig werden könnten. Vor Allem wolle er mich aufmerksam machen,
daß der Pastor Lammer öffentlich über meine Saumseligkeit, die Kirche
zu besuchen, lästere, und daß es von der äußersten Nothwendigkeit sei,
hierüber den Menschen den Mund zu stopfen, worauf man allerdings im
Uebrigen gelinder und gnädiger untersuchen wolle, um keinen Anstoß
zu geben. Hierauf entläßt mich Se. Magnificenz sehr kalt und sehr
unwillig, indem sie mir noch aufgiebt, binnen vier Wochen die Beweise
beizubringen, wie es sich mit jenem Gelde verhalte. Da habt ihr mein
Elend, ihr Weiber! mir ist's ein Trost gewesen, es in eurem Busen
niederzulegen, aber ich wünsche, daß es darinnen, und ein Geheimniß
bleibe.«
»Das versteht sich,« sagte die Senatorin, die wieder zutraulicher
geworden war; »die Bürgermeisterei hat sich im Geringsten nicht um
die Art und Weise zu bekümmern, wie man zu Gelde kommt. Der saubere
Bürgermeister sollte selber gar nicht den Großen spielen. Man weiß sich
noch sehr wohl zu erinnern, wie er -- ein armer Schlucker -- zu den
Schweden ging, um zu marketendern. Dann kam er an die Heulieferung,
dann an die Spitalverwaltung, und endlich als reicher Mann hieher
zurück. Wenn man seinem Reichthum nachfragen wollte ... pfui!«
»O des unnöthigen, vergeblichen Geschwätzes!« versetzte der Senator
ungeduldig. »Bei dem Allen,« fügte er bei, »ist es nothwendig, daß ich
auf Mittel denke, das Gewitter abzuwenden. Ich bedarf des Raths.... und
wer _soll_ mir rathen?...«
»Du nimmst von mir den besten Rath nicht an,« sagte die Senatorin
gähnend; »darum gehe ich. Weißt du dich jedoch nicht aus der Fatalität
zu wickeln, und sie wollen dich nicht mehr im Rathe haben, so lasse ich
mich scheiden. Ich muß Frau Senatorin heißen bis ans Ende. Der Titel
ist ohnehin der einzige Gewinn, den ich aus der Ehe mit dir gezogen
habe.«
»Abscheuliches Weib!« murmelte der Senator der Abgehenden zwischen den
Zähnen nach: »Rathe du mir, Justine. Mit wem soll ich mich bereden?
wen beschicken? der Augenblick drängt. Ich will mich dem Buchhalter
nicht anvertrauen: der Mann ist zu streng und ... nun heraus damit! zu
_ehrlich_ mit einem Worte. Berndt ist eine philadelphische Schlafmütze.
Wünschte ich mir doch fast wieder den vermaledeiten Nothhaft herbei!
Er war ein geriebener Kniffespinner. -- Aber wie wäre es, wenn dein
Bräutigam...? er ist die gute Stunde selbst, und gäbe vielleicht in
aller Unschuld einen Ausweg an die Hand? was fehlt dir denn, Mädchen?
du bist ja weiß wie eine Sternblume? hast nasse Augen? was hat's
gegeben?«
Justine läugnete. Der Senator besann sich nun, Birsher gesehen und sich
über dessen Unhöflichkeit geärgert zu haben. »Ich verstehe,« rief er:
»ein verliebter Zwist! Deine Hartnäckigkeit wird dir noch böses Spiel
machen, Justine! was den _Bräutigam_ betrifft: der ist gut zu lenken,
-- aber ... der Ehemann ist ein ganz anderer Herr. Zu viel Sonnenschein
in dem Brautstand: finstre Wolken in der Ehe. Versöhnt Euch. Herr
Birsher wird jedoch nicht geeignet sein, den besten Rath zu ertheilen;
-- darum -- sende nach dem Doctor Leupold, mein Kind ... ich ließe mir
die Ehre ausbitten...«
»Das thue ich nicht gerne, Herr Vater!« antwortete Justine.
»Warum nicht? -- Ach! ich besinne mich: du hast einen Widerwillen gegen
den Mann. Mische dich doch nicht in unsere Angelegenheiten, Justine.«
»Lassen Sie den Doctor nicht zu tief in die Ihrigen blicken,« ermahnte
Justine: »ohne mich Ihnen ganz deutlich machen zu können, warne ich Sie
noch einmal vor ihm.«
Der Senator seufzte tief, und wendete sein Auge ab.
»Er ist gewiß ein doppellarviger Mensch!« fuhr Justine fort:
»überhaupt, mein Vater, kömmt es meiner Ahnung vor, als hätte uns ein
immer enger werdendes Netz umfangen und umspannt; -- als sollten wir
die Beute eines böslich bereiteten Verderbens werden.«
Der Senator sah die Tochter betroffen und starr an.
»Der Doctor,« sprach diese weiter, -- von der Unruhe ihres Herzens
wie von dem vortheilhaften Augenblicke begeistert, -- »erscheint wie
eine Hauptgestalt, bemüht, dieses Netz, das ich nicht kenne, nicht
durchschaue, wohl aber fühle, zu bereiten. Mit jedem Tage wird mir
klarer, was mir einst der Zufall enthüllte. Der Doctor ist nicht der
einfache Jurist, der simple Privatmann, mein Vater; er ist ... wie ich
beschwören möchte, ... er ist...«
»Halt!« donnerte ihr der Senator, von Angst und Unruhe geschüttelt, zu:
»ich will nichts hören! ich darf nichts aus deinem Munde erfahren! du
machst mich unglücklich, Justine, und wirst es selbst, wenn eine Sylbe
deiner ungereimten Vermuthungen unter die Leute kommt! Justine ... wir
wären ja alle zu Grunde gerichtet!«
Justinens Begeisterung schauderte vor dem außerordentlichen Schrecken
des Vaters zurück. »Wie Sie befehlen!« stammelte sie verschüchtert:
»beruhigen Sie sich nur. Ich habe mit der Mutter nicht geredet,
und Gott wird wohl Alles gut machen. Ich aber will nach dem Doctor
schicken.«
Es wurde ihr erspart. Die Schelle des Comptoirs erklang, und der
Doctor, wie von einer Ahnung gerufen, kam mit einem Fremden, den
Senator zu besuchen.
Dieser Fremde gab sich in einer salbungsvollen Begrüßung dem Senator
als Superior eines Profeßhauses der Gesellschaft Jesu zu erkennen,
und freute sich, in ihm ein bereitwilliges Werkzeug der göttlichen
Gnade zu finden. Der Senator erwiderte das Compliment etwas lau, und
sagte, die niedergeschlagene Verlegenheit des Doctors bemerkend, ohne
besondere Umschweife, daß es ihm fast leid thue, sich durch seine
sonderbaren Verhältnisse in Verbindungen verwickelt zu sehen, die
seiner bürgerlichen Existenz nachtheilig werden könnten. »Ich hätte
wenigstens gehofft,« sprach er, »nicht compromittirt zu werden, aber
ich habe mich getäuscht. Indem ich heute vom Rathhause komme, nähert
sich mir ein Mann; der Krämer Ernst, übel berüchtigt in der Stadt durch
seine lockre Lebensweise und die Vergehen seines Bruders, wegen welcher
derselbe im Gefängniß sitzt. Der Mensch redet mich an, und fordert mich
ziemlich unverschämt auf, bei der Kriminalkammer dahin zu arbeiten, daß
sein Bruder auf freien Fuß gestellt werde. Da ich es ihm nun natürlich
abschlage, und mich wunderte, daß er sich gerade an mich gewendet, den
er kaum kennt, so sagt mir der Mann im Vertrauen: ich kenne Niemand,
der geeigneter und verbundener wäre, mir in dieser Sache beizustehen.
Ich weiß ja, daß Sie eben so gut Katholik geworden sind, wie ich; und
man hat mir den Anschlag gegeben, Sie zum Beistand aufzufordern. Ich
war wie vom Donner gerührt, und hatte kaum Fassung genug, den Menschen
mit einigen Drohungen der Lüge zu zeihen, und ihn von mir zu weisen;
worauf er sich ärgerlich und stumm entfernte. Was soll ich nun denken?
Kaum habe ich seit wenigen Tagen -- wie in einen Strudel hinabgezogen
-- mich zum Uebertritt anregen lassen, und schon stehe ich blosgegeben
da! verrathen an Menschen, für deren Verschwiegenheit kein Dreier zu
verbürgen ist!«
Der Doctor sah verwundert den Superior an; dann betheuerte der dem
Senator, dessen Aufnahme geheim gehalten zu haben -- vor der ganzen
Gemeinde. Der Superior versetzte dagegen hochmüthig und zuversichtlich:
»Beruhigen Sie sich, Herr Senator. _Ich_ war's, der den armen Teufel
auf Sie aufmerksam machte. Er suchte bei mir den Beistand eines
geistlichen Vaters, und ich verwies ihn an Ihren weltlichen Schutz.
Ein gutes Wort aus Ihrem Munde kann Vieles fruchten, und setzt Sie
keinem Verrath aus; der Krämer ist mir als ein eifriges Glied der
wachsenden Kirche geschildert worden, und ich habe durchaus keine
Ursache gefunden, dieser Angabe zu mißtrauen. Sehen Sie, lieber
Sohn: Eintracht, gemeinsames Wirken führt stets zum ersehnten Ziele.
=Concordia parvae res crescunt!= Wie nun eine Gemeinde, die sich im
Schooße der Verborgenheit bildet, einem Bruderverein im schönsten Sinne
zu vergleichen ist, so ist auch jeder der Brüder dem andern Schutz und
Hülfe schuldig. Leisten Sie daher dem Supplikanten nur einen leichten
Beistand, wie er gerade in Ihren Kräften steht, und zählen Sie dagegen
auf jeden Beistand des Ganzen.«
»O, daß ich mich in diese mißliche Speculation eingelassen habe!« sagte
der Senator mißmuthig, und achtete nicht der zornig aufsteigenden Wolke
auf des Superiors Stirne, noch des bekümmerten Angesichts des Doctors.
»Wenn Sie es vermögen, meine Brüder, beweisen Sie mir den Ernst Ihrer
Worte. Rathen Sie mir in meinem äußerst kritischen Verhältnisse.« -- Er
erzählte von dem Verhöre des Morgens.
Der Doctor schüttelte mitleidig und besorgt den Kopf. Der Superior
lächelte aber gleichmüthig und erwiderte, fast spöttisch: »das versetzt
Sie in Unruhe? Gilt das Zeugniß eines verlaufenen Ladenburschen
gegen Ihr Rathsherrnwort? Und hat man nicht Mittel, den Nothbehelf
der Erbschaft klar darzuthun, als wäre er wahr wie die Sonne? Ich
verpflichte mich, Ihnen Zeugen zu schaffen, und der Pater Münzner, der
zugleich Doctor beider Rechte ist, wird Ihnen mit einem in allen Formen
ausgestellten Testamente auszuhelfen nicht ermangeln.«
»Pater Superior!« versetzte der Doctor stutzig: »bedenken Sie! ein
fingirtes Testament! ein =falsum=!«
»Nun?« fragte der Superior kalt: »was weiter? Es gilt hier, einen
christlichen Bruder aus der Verlegenheit zu ziehen. Ich behaupte sogar,
daß ein Testament, dessen Aussteller eine =persona fictitia= ist, gar
kein =falsum= darbietet. Es sei übrigens Ihre Ansicht, welche sie
wolle, so wird hoffentlich der Befehl Ihrer Obern hinreichend sein,
alle Bedenklichkeiten zu heben.«
Der Doctor bückte sich mit unterdrücktem Widerwillen. Der Senator
schauderte ein wenig vor der Leichtigkeit, womit der Superior eine
so trügliche Maßregel durchgehen ließ; aber da sein System, sollte
es ihn vor Schande retten, auf Lügen beruhen mußte, ließ er sich's
gefallen, daß es der kühne Pater übernahm, eine Zusammenstellung von
Begebenheiten und Dokumenten -- beide in der Ferne geschehen und
aus der Ferne gesendet -- zu erdichten, die dem Unbefangenen jeden
Zweifel an des Senators Aufrichtigkeit rauben mußte, da man der
Verschwiegenheit des Correspondenten in Hamburg versichert sein konnte.
»Sie unterscheiden jetzt, bester Sohn,« sagte der Superior, »wie
redlich wir es mit Ihnen meinen, und werden uns eine kleine Bitte
Ihrerseits nicht abschlagen. Nach reiflicher Ueberlegung habe ich
gefunden, daß unsre Handelsbücher und Register über kirchliche
Angelegenheiten im Hause des ehrwürdigen Paters Münzner zu exponirt
erscheinen. Ich ersuche Sie deshalb, diese =acta= in Ihren Verschluß zu
nehmen, und zu erlauben, daß der Pater sich täglich etwa eine Stunde
in irgend einem abgelegenen Winkelchen Ihres Hauses damit beschäftige,
wenn es einzutragen oder abzuschließen gibt. In einem Lokale, wie das
Ihrige sich darstellt, wird solches Ab- und Zugehen unbemerkt bleiben;
Sie sind außer Gefahr, und wir können völlig ruhig sein.«
Der Senator antwortete: »Da ich mich bereits so offen in Ihre Hände
gegeben habe, meine Väter, so mag es darum sein. Ich will Ihnen auch
im gegebenen Falle meine Bereitwilligkeit nicht entziehen. Ich will in
aller Stille ein Cabinet, an den Hof stoßend, zum Gebrauch des Herrn
Doctors einrichten lassen, und die nöthige Sorge tragen, daß er nicht
gestört werde.«
»So werde ich noch heute Abend die Bücher herbringen lassen,« setzte
der Doctor bei: »da der ehrwürdige Pater Superior sie bei mir nicht
sicher glaubt.«
»=Quidquid agas, respice finem!=« bemerkte der Superior mit dem
schlauesten Gesichte: »ich danke Ihnen für die schöne Bereitwilligkeit,
womit Sie unserem Antrage entgegengekommen. Ich gestehe, daß derselbe
mich mit dem Mangel an Aufrichtigkeit versöhnt, den Sie meinem würdigen
Freunde, dem Pater Münzner beweisen.«
»Wie so?« fragte der Senator, und fixirte den Doctor, der wie beschämt
die Augen niederschlug. Der Superior fuhr, wie scherzend, fort: »Der
würdige Herr hat Ihnen Gründe der Freundschaft, der Moral und der
Pflicht angegeben, die eine Heirath zwischen Ihrer einzigen Tochter
und dem protestantischen Amerikaner dringend verbieten. Er hat, wie
er behauptet, Ihr Herz gerührt, indem Sie versprachen, seinen Gründen
nachzugeben. Aber leider ist solche Rührung nur ein Phantasma gewesen,
das eben so schnell zerstiebte, wie mancher gute Vorsatz. O, mein Sohn!
in Ihrem Gemüthe liegt noch viel des ketzerischen Sauerteigs verborgen,
von welchem Sie nur eine reine und reife Andacht zu dem geheiligten
Herzen Jesu befreien kann! Wie könnten Sie es ansonst über sich
genommen haben, Ihr Versprechen zu widerrufen, und, mit Fleiß ihre Wege
vor _uns_ versteckend, auf dem alten erwiesenen Unrecht zu beharren?«
Da der Senator, seiner Verstellung überführt, kein Wort redete, so hob
der Doctor sanft und eindringlich zu ihm an: »Ja, bester Herr Senator!
wir wissen, -- da uns nichts in die Länge verborgen bleibt, -- daß
Sie dennoch Ihre Tochter mit Herrn Birsher zu vermählen gedenken,
... wann und wo Sie es thun wollen; und ich frage Sie noch einmal
freundschaftlichst: haben Sie auch Alles erwogen und überlegt?«
»Ich bin meinem Gewissen und meinem Worte Erfüllung schuldig;«
antwortete der Senator auf's Aeußerste gebracht: »ich hasse jede
Einmischung Unberufener in mein Hauswesen. Ich habe mir nur die
Schwäche vorzuwerfen, daß ich vor Ihnen verhehlte, wie es mir darum
zu thun sei, _recht_ zu handeln. Können Sie das nicht vergeben, meine
Väter, so dispensiren Sie mich von jeder weitern Gemeinschaft mit Ihren
Kirchen und Gesellschaftsverhältnissen!«
»O welche bedauerliche Hitze!« sagte der Superior, die Augen wehmüthig
gen Himmel richtend: »=Saule! Saule! cur me persequeris?= Verblendeter,
heftiger, geliebter Sohn! Glauben Sie denn, daß das heilige Herz
unsers Heilands sich so schnell von Ihnen reißen werde, als Ihr Unmuth
sich von ihm zu trennen begehrt? Mit nichten, mein Sohn! Der Heiland
wird Sie nicht verlassen, da Sie sich ihm einmal ergeben! Wir, seine
unwürdigen Diener, Ihre innigen Freunde, werden es auch nicht thun, und
sollten wir immer vergebens warnen, und immer vergebens ausrufen: Durch
diese Verbindung machen Sie Ihr Kind des Himmelreichs verlustig! durch
diese Verbindung bringt der Protestant Unglück in Ihr Haus, das erst
kürzlich in Ihnen der Herr gesegnet hat mit Gnade, mit Erweckung, mit
dem zukünftigen Paradiese!«
Die Herren schwiegen allesammt, da sich vor der Thüre Schritte
vernehmen ließen. Berndt schaute demüthig herein, und langte dem
Principal ein Billet hin. Der Kellerbursche aus dem Schwan hat's
gebracht, sagte er, grüßte höflich, und verschwand. Der Senator sah in
der Ueberschrift Georg Birshers Hand. Seine Seele war so schreckhaft
und argwöhnisch geworden, daß er unter jedem Siegel eine giftige
Schlange fürchtete. Darum löste er auch dieses mit Herzklopfen, und
-- wie sehr seine Ahnung die Wahrheit gesprochen, -- wie giftig die
Schlange sei, die sich aus dem kleinen Briefe in seine Augen und
sein Herz bohrte, -- das bezeugte das Erbleichen seiner Wangen, das
Erstarren seines Blicks, die physische Vernichtung, die aus den
schlaffen Zügen trat. Mit einer Bewegung der Verzweiflung aufspringend,
reichte er mit zitternder Rechte das Briefchen an den Doctor, und
sank mit dem Ausrufe: Nun bin ich ohne Rettung verloren! in den
Stuhl zurück. Der Doctor las, während der Superior dem mit Ohnmacht
Kämpfenden beisprang, für sich, was folgt:
»Unglücklicher Müssinger! -- Meine Hand bebt, aber mein Herz
erbebte noch heftiger, da ich erfuhr, was mich und Sie elend macht.
Elender! Sie haben meinen armen Vater gemordet! der mir's entdeckt
hat, ist fast Zeuge der schändlichen That gewesen! um mich vor dem
schauerlichen Bunde mit Ihnen zu warnen, hat er's mir gestanden!
aber ich weiß, wozu die Rache den Sohn auffordert. Die Gerechtigkeit
anzurufen, ist meine Pflicht! um drei Uhr fahre ich bei dem
Bürgermeister vor. Ich will nichts von dem wissen, was Sie bis dahin
unternehmen!
_Birsher_.«
Der Senator schlug die verwirrten Augen wieder auf, sandte einen
trostlosen Blick nach dem Doctor, der schnell das Briefchen wieder
zusammenfaltete, dem Senator zurückgab, und sagte: »Fassen Sie sich,
Sie sind nicht verloren. Nothhafts Beschuldigung -- gewiß durch die
transpirirende Neuigkeit von Justinens Vermählung veranlaßt -- richtet
Sie nicht zu Grunde. Ihre Seelenangst ist Ihr mächtigster Gegner: darum
-- obschon Sie gegründete Hoffnung haben dürften, von den Gerichten
erledigt zu werden -- ist es gerathener, das Unheil in der Geburt zu
ersticken. Birsher scheint großmüthig handeln zu wollen. Er will Ihre
Flucht begünstigen. Hüten Sie sich jedoch. Weichen Sie keinen Fuß
breit. Halten Sie sich ruhig! überlassen Sie uns, für Sie zu handeln.
Bevor es drei Uhr wird, denke ich, müßten Sie aller Gefahr enthoben
sein!«
»Wenn Sie das könnten!« rief der Senator, und warf sich dem Pater in
die Arme: »mein Vater! Bruder meiner Clara! thun Sie das Möglichste!
der Verdacht! mein Ruf! die Schande! Gott stehe mir bei, wenn Sie mich
verlassen!«
»Hier muß dieser Mann helfen!« versetzte der Doctor, auf den Superior
zeigend, der aufmerksam und erwartend da stand. »Pater Superior! als
Beichtvater dieses unglücklichen Mannes fordere ich Sie, einen der
Vorsteher unsrer heiligen Gesellschaft, in Ihnen den ganzen Orden auf,
ihn vor einer dringenden Gefahr zu retten, mit der ihn Birsher bedroht.
Der Grund derselben ist ein Beichtgeheimniß, aber ich beschwöre Sie bei
Ihrer priesterlichen Würde, den Folgen vorzubeugen.«
»Ich werde mich mit Ihnen bereden,« antwortete der Superior
gleichgültig; »ich werde Ihre Meinung hören, und thun, was ich
mit Gottes Hülfe vermag. Verspräche aber wohl der Herr Senator,
jeden fernern Gedanken an eine Verbindung seiner Tochter mit einem
Protestanten aufzugeben? das unschuldige Kind unsrer alleinselig- und
glücklichmachenden Mutterkirche zuzuwenden? es für ein erbauliches
Jungfrauenleben zu bestimmen, damit es im Verein mit andern gottseligen
Chorschwestern die Sünden des Vaters abkaufe mit Gebet und Ergebung?
sein Vermögen nach seinem Hinscheiden der Kirche zu vermachen, der
liebenden und helfenden Gesellschaft Jesu ins Besondere? =Respondeas,
mi fili!= und dir soll geholfen sein!«
Der Senator nickte sprachlos mit dem Kopfe, winkte mit der Hand, und
der Superior ergriff dieselbe, ihn beim Worte nehmend. »Sie sind Zeuge,
Pater,« sagte er feierlich, »und nun kommen Sie, damit wir das widrige
Geschäft in Ordnung bringen. Ich bin sanfter Natur, wähle gewöhnlich
leichte Mittel; hier aber, fürchte ich, wird es auf dasjenige ankommen,
was ich schon einmal vorgeschlagen, und das Sie als zu hart verworfen
haben.«
Der Doctor winkte dem Pater, zu schweigen, indem er auf den Senator
deutete, welcher aus seiner Betäubung erwachte. Die Jesuiten gingen
bedächtig und stille von dannen. »O, der sauern Pflichten!« seufzte
der Doctor, aber sein Mund sprach keine Sylbe, die seinem Vorgesetzten
hätte mißfallen können.
Die Herren fanden in ihrem geheimen Convente die Lainez und den
ehemaligen Schauspieler Litzach. »Unser Plan scheitert!« sagte die
Erstere, indem sie dem Doctor das gefährliche Medaillon zurückgab;
»behalten Sie das Bild Ihres Zöglings, mein Vater; es hat Aufsehen
genug gemacht, aber die Liebesleute vertragen sich nach dem heftigsten
Zanke. Vor der Hand hat mich Jungfer Justine der Mühe, ihr Gesellschaft
zu leisten, enthoben, und alle meine Entschuldigungen gingen in den
Wind.«
»Unser Plan glückt im Gegentheile, kurzsichtige Frau!« sagte der
Superior stolz lächelnd. »Sie hat Ihre Commission ganz gut verrichtet,
und es kommt nur darauf an, ob Er, Litzach, dasselbe thut.«
Er führte den Unterthänigen in das Nebengemach. Indessen hatte der
Doctor James Porträt in seinen Schrank verschlossen, und die Thränen
waren ihm in die Augen gestiegen, und er lehnte sich über die in
schwüler Hitze welkenden Blumen seines Fensters hinaus, in's Freie, und
betete: »Du heilige Mutter! vergieb mir, daß ich ein Bild, welches von
einem treuen Mutterbusen getragen wurde, bis das Herz darunter stille
stand, daß ich es -- das heilige Geschenk jugendlicher Dankbarkeit --
mißbrauchen ließ, zu einer Betrügerei. Der Obere befahl es jedoch, und
um der Pflicht willen wirst du die Sünde vergeben, gebenedeite Mutter!«
Die Augen trocknend, fragte er die Lainez, ob sie den jungen James
nicht gesprochen habe. Die Lainez wußte nichts von ihm, als daß er ihr
mit dem fröhlichen Gesichte, das sie noch je an ihm gesehen, begegnet
war, im Begriff, gegen das Thor zu eilen. Capitän Tormerpick, der
hinzu kam, hatte den jungen Menschen ebenfalls auf dem alten Glacis
angetroffen. James hatte ihn umarmt, hatte ausgerufen: »Capitän! sehe
ich denn aus, wie der glücklichste Mensch in der Stadt?« und hatte
sich dann entfernt -- wie sich der Capitän ausdrückte -- tanzend, wie
ein Matrose, der nach sechs Monden wieder zum ersten Male festes Land
betritt. Der Doctor schüttelte ernsthaft und betrübt den Kopf, und
verfügte sich in das Seitenzimmer, aus welchem bald nachher Litzach
schlüpfte, und dem Capitän bemerkte: die Herren erwarteten nun _ihn_.
Während Litzach davon eilte, sprach Tormerpick mit den Vätern. »Ich
nehme Abschied von Ihnen,« sagte er: »Schlag zwei Uhr fahre ich ab. Ein
dringender Brief ruft mich nach dem Hafen. Das Schiff wird geladen. Ich
bitte mir weitern Bericht oder anderwärtige Aufträge aus.«
Der Superior gab ihm ein Paket, mit dem Bedeuten, daß sich darinnen
alles befinde, was auf Handelsangelegenheiten Bezug hätte. »Wir hätten
Euch noch Jemand mitzugeben,« schloß der Pater, listig lächelnd: »einen
Engländer, wohl gewachsen, stark, robust; ein gutes Capital, in Batavia
anzulegen.«
Der Capitän runzelte die Stirne. »Wollen Sie mich foppen, meine frommen
Väter?«
»Nicht doch, Capitän. Versteht uns wohl! wir hassen die
Seelenverkäuferei, wenn unsere Waarentransporte dadurch Noth leiden. Wo
es aber auf eigene Rechnung geht...«
»Ich verstehe,« erwiderte der Capitän grinsend: »Sie sollen Ihren
Willen haben. Wann? wie? wo? Ich habe zwei Matrosen bei mir, die auf
einem Kaperschiffe gedient haben. Den Burschen bangt vor dem Teufel
nicht.«
»Haltet um zwei Uhr auf dem Damme« instruirte der Superior: »dort
ist's abgelegen und einsam. Der Mensch, welcher vorhin wegging, wird
den Bewußten zum Damme bringen; einen großen tüchtigen Mann; nicht
wahr, Pater Münzner?«
»Unsern Tischnachbar im Schwan,« entgegnete der Doctor. Der Capitän
lachte hell auf. »Den stummen Oelgötzen?« fragte er: »der mich so
unverschämt anlaufen ließ? Hoho, den kenne ich, und werde ihn wohl
von dem dürren Magister unterscheiden. Brav! ich habe dem naseweisen
Flegel eine volle Lage zu geben! ich hab's ihm geschworen. Gut so! ein
Pechpflaster auf den Mund, Strick um Arm und Beine! wie der Teufel nach
dem Kanal gefahren; die Nacht durch gerudert, mit Tagesanbruch an der
Küste.... binnen zwei Tagen im Schiffe! herrlich! die Moorländer sind
wenig und nur von lockerem Gesindel bevölkert! ich bringe den Passagier
glücklich durch, oder fülle ihm den Kopf mit Blei, wenn er mich durch
ein unanständiges Spektakel in Gefahr setzen wollte. Gott behüte Ew.
Ehrwürden! sollen von mir hören!«
Der ungeschlachte Mensch ging wiehernd weg, aß im Schwan noch so
tüchtig, als ob er sich auf ein Heldenwerk vorzubereiten hätte, ließ
unter seine Matrosen viel Branntwein austheilen, und bestieg mit ihnen
jubelnd den verdeckten Korbwagen, der ihn zum Damme, von da zum Kanal
bringen sollte. Dem Kutscher wurde noch tüchtig mit Rum zugetrunken
und bei'm Abfahren schwenkte der Capitän in frechem Uebermuthe den Hut
gegen den Amerikaner, der oben aus dem Fenster sah, und brüllte ein:
»Auf Wiedersehen!« Georg zog sich, ergrimmt über den widrigen Seemann,
vom Fenster zurück, warf sich auf das Kanapee, stützte den Kopf eine
Weile in die Hand, sprang dann wieder auf, legte mit erhabener Würde
die Hände auf seine Brust, und sagte, mit einem freien Athemzuge, zu
sich selbst: »Bist doch eine wackere Seele, Georg, und hast einen
schweren aber um so rühmlicheren Sieg erfochten! Ach du mein lieber,
lieber Vater! Siehst du nicht aus den Wolken, und freust dich meines
Entschlusses? Ist gleich mein Auge zu schwach, dich zu erschauen, so
ist doch gewiß der himmlische Friede, der in mein Herz einzieht, dein
Werk! Ja! Vergebung ist eine süßere Rache für dich, als das Blut des
Elenden, der denn doch sein Leben ferner nur wie eine Pestbeule mit
sich umherschleppen kann!«
Er warf einen Blick auf die Speisen, die unangerührt auf dem Tische
standen, auf die Seitenthür. Er ging hastig auf dieselbe los, öffnete
sie mit dem Schlüssel, und sagte ernst: »Komm' Er heraus, Monsieur!«