und treffend: »Sorgen Sie nicht, geehrter Herr Schwiegersohn. Justine
ging nicht, ohne das Brautmieder, woran sie arbeitet, mit sich zu
nehmen. Mit diesem beschäftigt, ist's den Mädchen mit dem Groll nicht
Ernst.«
»Sie beruhigen mich, geehrteste Frau,« entgegnete Birsher: »ich hoffe
wieder, will aber, da ich das Scharwenzeln um die Jungfern nicht leiden
kann, auf morgen die Versöhnung verschieben.«
Ein Weibel des Raths erschien, und überbrachte dem Senator die Weisung,
am folgenden Tage Punkt neun Uhr auf dem Rathhause zu erscheinen.
»Ist denn morgen eine außerordentliche Sitzung?« fragte Müssinger
verwundert; »warum eine Stunde früher, als sonst?«
»Der wohlehrsame und weise Herr Senator sollen zuvor vor Sr.
Magnificenz dem amtirenden Herr Bürgermeister privatim vernommen
werden,« lautete die Antwort des abgehenden Rathsboten. Der Senator
schwieg sinnend und staunend; die Senatorin wurde bald bleich, bald
roth, und sah ihren Mann scheu von der Seite an. Georg sah sich hier
überflüssig, und empfahl sich, nicht minder gedankenvoll.
Er begab sich nach seinem Gasthofe zurück. Die Reden der Senatorin,
das Betragen der Braut hatten auf den geraden Mann einen gefährlichen
Eindruck gemacht. Das Ideal häuslicher Glückseligkeit, das er sich
in einsamen Stunden entworfen, das er an Justinens Seite zu finden
gehofft, schien ihm plötzlich eben nur Ideal zu sein und zu bleiben.
So manche schielende Bemerkung, die er aus dem Munde der Gastwirthin
über Justine sowohl, als das Hauswesen des Senators überhaupt vernommen
und bis jetzt überhört, gewann mit einem Male Gewicht und Bedeutung.
Ein schmeichelnder Traum, der seine Sinne und sein Urtheil umzogen,
fiel stückweis vor ihm, der zu erwachen vermeinte, zusammen. In großen
Mißmuth versunken, betrat er sein Zimmer, und suchte an seinem Fenster,
das die Aussicht auf die vom Abendstrahl beleuchtete unferne Mailbahn
mit ihren Spaziergängern gewährte, Unterhaltung, Zerstreuung. Ein
leises Klopfen an der Thüre erregte seine Aufmerksamkeit, zog sie von
der Aussicht ab. Auf sein »Herein!« kam demüthig grüßend und gebückt,
ein ältlicher Mann mit kummervollen Zügen, in schwarzen Kleidern, mit
einem schüchternen: »Guten Abend, mein Herr!« in das Zimmer.
Georg hatte nicht so bald den unbekannten Besuch mit dem Blicke
gemessen, als er auch in ihm einen jener reducirten Schullehrer oder
grau gewordenen vacirenden Candidaten zu sehen glaubte, die dazumal
häufig von Stadt zu Stadt wanderten, ein ärmlich Stück Brod suchten,
und sowohl auf den Kanzleien, bei Pfarrern und Gutsbesitzern, als auch
in Gasthäusern bei wohlhabenden Fremden ein Viaticum zu erbetteln
pflegten. Der Amerikaner, dem ähnliche Figuren bereits in Deutschland
vorgekommen waren, griff mitleidig in die Westentasche. Der Fremde
verstand diese Geberde, und eine versagende Bewegung seines Kopfes
und seiner Hand verrieth dem Freigebigen, daß es hier auf seine
Geldwohlthat nicht abgesehen sei. Er ließ daher die milde Hand sinken,
und fragte artig und zuvorkommend, was denn wohl zu den Diensten des
Schwarzgekleideten stehe. Der Mann richtete sich besser empor, trat
näher, und fragte mit einer sehr weichen Stimme entgegen, ob er die
Ehre habe, mit Herrn Georg Birsher von New-York zu sprechen.
»Ich bin's, Herr. Ihr Anliegen?...«
»Ist lediglich ein Anliegen, das sich an Ihre Großmuth richtet. Ich
frage nicht nach Ihrem Gelde, mein Herr; ich erkundige mich nur nach
Ihrem Herzen.«
Birsher staunte, und wies dem Fremden einen Sessel. Der Mann setzte
sich und fuhr fort: »Man hat Sie als einen wackern, streng rechtlichen
Herrn geschildert, der wenig Worte zu machen, aber desto mehr zu
handeln pflegt. Da habe ich den Muth gefaßt, Sie auf die Probe zu
stellen.«
»Sonderbar! wie so?«
»Ich befand mich gestern zu Liebkirchen; wohne eigentlich zu Faldern,
und habe den Herrn Pfarrer und Inspektor in ersterem Orte besucht. Se.
Ehrwürden, die gerne lustig und guter Dinge sind, und einen frohen
Schmaus so sehr liebend, als es sich mit Ihrer Würde verträgt, sagten
zu mir: Magister, wenn Sie sich =bene= thun wollen, -- so kommen Sie
nächsten Dienstag. Es giebt hier eine Copulation, die sich fideliter
endigen wird. Der Bräutigam ist reich, der Brautvater nicht minder, und
lustig obendrein. Ein splendides Carmen von Ihrer Hand würde seinen
Zweck nicht verfehlen, und Ihnen silberne Früchte und Wein und Kuchen
nach Herzenslust eintragen. -- Sie wissen vielleicht, mein Herr, daß
wir stellenlose Magister unser Zeitliches sauer und schmal zu verdienen
haben, und daher Hochzeiter und Kindtaufen nachziehen, wo sich solche
auch begeben. Ich freute mich daher und fragte nach den Namen des
verehrtesten Brautpaars, damit ich solche in dem Epithalam gebührender
Weise einfließen lassen möchte. Da nannte mir der ehrwürdige Herr
Inspektor die Namen: Herr Georg Birsher, Kauf-und Handelsmann aus
New-York, und die tugendbelobte Jungfer Justine Müssingerin, des
Kaufherrn und Senators eheliche Tochter allhier. Ich stutzte zwar,
verbarg jedoch dem Herrn Pfarrer mein Erstaunen, habe mich indessen
eiligst auf den Weg gemacht, um, Verehrtester, aus Ihrem Munde zu
hören, ob sich wirklich die Sache also verhalte.« --
»Der Herr Pfarrer, auch Inspektor, ist ein Schwätzer; Herr Magister.
Er sollte nicht plaudern. Da Sie jedoch einmal unterrichtet sind, so
mag ich's nicht läugnen, unter der Bedingung, daß Sie verschwiegener
sind, und ein recht fröhliches Hochzeitlied liefern. Sie sollen dann
zufrieden sein.«
»Zufrieden?« sagte der Magister, indem er seufzend und mit gefurchter
Stirne aufstand: »wie kann ich lächeln, da ich traurig bin? heißt es in
irgend einem Psalm. Zu _dieser_ Copulation kann ich kein Hochzeitcarmen
fertigen.« --
»So? Und warum nicht, wenn's beliebt?«
»Ich will lieber ein Leichengedicht machen, und einen Sarg bestellen.
--«
»Herr! Sie sind ohne Zweifel im Kopfe nicht gesund.«
»Doch; doch, Verehrtester. Allein ein Mensch, der mir nahe angehört,
steht am Rande des Wahnsinns, am Rande des Grabes; und er taumelt
hinein, sobald der Inspektor zu Ihrer Trauung läuten läßt. --«
Dem Bräutigam wurde immer unheimlicher zu Muthe. Er starrte den
seltsamen Magister an, rieb sich die Hände, -- faßte sich nun
gewaltsam, und versetzte: »erklären Sie sich, Herr. Ich bin kein Kind,
sondern ein Mann, mit dem sich das ernsteste Wort deutlich und ohne
Umschweif reden läßt. Von welchem Menschen sprechen Sie, und welchen
Bezug hat meine Ehe auf denselben?«
»So hören Sie. Mein ehemaliger Zögling, der junge hoffnungsvolle Mann,
ein Engländer von Geburt, -- ein Baronet -- unglücklich, aber brav --
liebt -- liebt Dero Jungfer Braut.«
»So? das thut mir leid um meines Landsmanns willen. Er lasse sich
indessen die Thorheit vergehen. Wo nicht Ansprüche sind, gilt die
einseitige Leidenschaft nichts.«
»Keine Ansprüche? Ach, er hat die gültigsten; denn Jungfer Justine hat
ihm ihr Herz geschenkt. --«
»Herr!« fuhr Georg auf.
»Er war ihr Lehrer; Amor mischte sich in's Spiel. Ein Verständniß
erwuchs. Der Vater schlug es nieder. Daher ohne Zweifel das Geheimniß,
worein er diese Hochzeit verschleiern will. --«
»Wahrlich; ich besinne mich, von einem jungen Engländer gehört zu
haben -- aber -- Justinens Unbefangenheit....«
»Ihre Neigung unterwarf sich dem strengen Willen des Herrn Senators. Es
ist aber nur Asche über die Glut gedeckt. In der letzten Zusammenkunft
der jungen Leute...«
»Zusammenkünfte? Schöne Entdeckungen!«
»Sollte Abschied genommen werden; aber Jungfer Justine wollte nichts
davon wissen. Sie ermuthigte meinen James, ihr binnen einer gewissen
Zeit nach Amerika zu folgen.«
»Wahrhaftig?«
»Dieser Vorschlag war der eines heftigen unbesonnenen Mädchens. Mein
Zögling verwarf ihn. Glaubst du, sagte er, daß ich einen Landsmann,
einen wackern Herrn, wie Herr Birsher ist, hintergehen möchte? --
Lieber sterbe ich, hier zurückbleibend, vor Gram.« --
»Sieh doch! Der Landsmann hat mehr Ehrgefühl, als die Jungfer Braut.«
»Die Jungfer bereute auch alsbald, und weinte, und letzte sich mit
dem Freunde. Ich wußte von Allem nichts. Der Jüngling hatte mir Alles
verschwiegen. Seine Liebe hatte ich jedoch gemerkt. Darum kam ich zur
Stadt, zu erfahren, ob er wohl wisse, was sich zu Liebkirchen begeben
sollte. Da gestand er mir Alles, und weinte und verzweifelte, und ich
fürchte: er thut sich ein Leides.« --
»Nein, nein! das soll der Landsmann nicht. Was wollten Sie aber
eigentlich bei mir?«
»Ich komme ohne Vorwissen meines James. Ich wollte Ihnen Alles
entdecken, und Ihre Großmuth fragen, ob sie es über sich gewinnen kann,
zwei Menschen unglücklich zu machen, die sich lieben? ein kaltes Herz
an sich zu binden?«
»Wahrlich! das will und werde ich nicht. Eine heuchelnde Gattin, die
sich nach einem fernen Freunde sehnt? Nimmermehr. Einen Nebenbuhler der
sich eine Kugel vor den Kopf schießt, und meine Frau zur Grube welken
macht? Gott behüte mich vor solchem Verdruß und Jammer!« --
»Gott lohne Ihnen diesen Entschluß!« -- rief der Magister gefühlvoll,
und führte ihn an das Fenster: »sehen Sie auf jener Bank den blassen
jungen Mann, der tiefsinnig vor sich nieder sieht? Er ahnt nicht,
daß hier von ihm geredet wird, aber das tiefe Weh, das seine Brust
empfindet, läßt ihn auch Alles um ihn her vergessen. Das ist James.
Ueber sein Leben haben Sie nun zu entscheiden.« --
»Ein ansprechendes Gesicht!« versetzte Georg, mitleidig
herniederblickend: »wenn ich nun aber Ihrer Zuversicht auf meine
Rechtlichkeit entspreche, und dem Glück, das ich geträumt, entsage?
was wird es dem jungen Unbemittelten nützen? der Senator wird nicht zu
bewegen sein.«
»Was wäre der ausdauernden Liebe unmöglich?« fragte der Magister: »sie
bändigt Löwenbrut; warum nicht ein zur glücklichen Stunde überraschtes
Vaterherz?«
»Ei, Herr Magister! Sie scheinen die Liebe studirt zu haben!« sagte
Georg Birsher gedankenvoll lächelnd: »Ihre Beredsamkeit überzeugt
jedoch den soliden Geschäftsmann nicht. Wo ist die Caution für Ihre
Aussage? Sie sind der Magister..«
»Liebhold aus Faldern.«
»Ganz recht. Ihr Zögling ist in meine Braut verliebt. Woher der
Beweis, daß ihn meine Braut wieder liebt? Frage ich gerade und offen
wie ein Mann, so erröthet sie wohl, und läugnet nachher, des Vaters
Zorn fürchtend, in den sie sich gehorsam gefügt. Der Vater wird mir,
rede ich mit ihm, die Sache als eine jugendliche Thorheit schildern,
und ich führe mißtrauisch, aber dennoch beim Wort gehalten, einen
trügerischen Handel aus. Von der andern Seite _kann_ aber Alles nur
Trug sein. Man hat schon eine gewisse Comödie auf meine und eines
Verstorbenen Rechnung versucht. Wer weiß, ob Sie, Herr Magister, nicht
ein Fuchs sind, der mich irre leiten soll? der Urheber eines neuen
Possenspiels, mir Lust und Neigung zur Ehre zu rauben?«
Der Magister bückte sich ergebenst. -- »Ich habe wie ein Mensch zum
Menschen gesprochen,« sagte er mit dem Ausdruck tiefer Resignation: --
»mein Stand erlaubt mir nicht, öffentlich als Ehestörer aufzutreten.
Ich hätte die Rache des Senators zu fürchten, und bin ein alter Mann,
der den Rest seiner Jahre in Frieden zuzubringen wünscht. Meine Worte
sind Ihnen vielleicht verdächtig. Ein gültigerer Zeuge ist wohl das
Bildniß des Geliebten, das Jungfer Justine behielt, das sie, wie mir
James vertraut, noch auf ihrer Brust trägt, das sie geschworen hat,
auch ferner zu tragen, so oft...«
Es wurde dem Amerikaner heiß vor der Stirne. Er sprang auf, unterbrach
den Redner heftig. »Sein Bildniß!« rief er: »Gott verzeihe mir die
Sünde! bald wäre mir ein unbescheidenes Wort entschlüpft! O ja, Herr
Magister! das ist ein unverwerflicher Zeuge; ich werde ihn an's Licht
ziehen! ich werde sehen ... und ... finde ich's so, wie ich jetzo
beinahe fürchte ... Sie sollen von mir hören. Gehen Sie aber jetzo,
mein Herr, denn ich bin etwas aus dem Gleichmuth getreten, der zu einer
comfortablen Conversation gehört. Auf Wiedersehen ... wann und wo Sie
wollen!«
Er schob, ohne viele Umstände zu machen, den komplimentirenden Magister
zur Thüre hinaus, und verriegelte diese hinter ihm. Ein stummer, aber
heftig grollender Sturm bewegte seine sonst so ruhige Brust, und er
mußte, zum Erstenmale in seinem Leben, sich bittere Gewalt anthun, um
den Sturm zu beschwören. Er sah an diesem Abende keinen Menschen mehr,
und suchte vergebens den wohlthätigen Schlaf. Der Morgen fand ihn
jedoch wieder gelassener. Er machte sich Vorwürfe, seine Ruhe vergessen
zu haben. Eine stille ahnungsvolle Wehmuth stellte sich bei ihm ein,
während sein der Ungewißheit und dem Zögern feindlicher Charakter ihn
ermahnte, den quälenden Verdacht, den marternden Zweifel, gegen baare
unverfälschte Münze umzusetzen. Er warf sich in die Kleider, er verließ
das Haus, er suchte des Senators Wohnung auf, zu einer Zeit, die für
einen Besuch nicht die gewöhnlichste war, denn die Glocke auf dem
Rathhause hatte kaum halb zehn Uhr geviertelt.
Er fand Justine allein, in einem reizenden Hausgewande. Die Braut,
erröthend vor der unerwarteten Ueberraschung, hatte kaum die Zeit,
einen Blick in den Spiegel und ein seidenes Flortuch um den Busen
zu werfen, der noch von keiner Schnürbrust beengt war. Ihre Locken
fielen natürlich, unfrisirt um das Haupt. Das anliegende Gewand,
günstiger als die steife Visitenrobe, zeigte die schönsten Formen.
Die Flor-Enveloppe verhüllte nur schwach die schönen Arme, und schöner
als je malte die Wange der Verlobten die Zufriedenheit, sich ohne
künstlichen Schmuck, dem schmeichelarmen Spiegel gegenüber, schön zu
wissen. Birshers Herz klopfte unruhig und sehnsuchtsvoll bei ihrem
Anblicke; er hatte seine Vorsätze durcheinander geworfen. Streng wollte
er sein und kalt, und wurde milder und wärmer als je. Justinens Gesicht
sprach Sieg, aber auch zugleich die zarte Hoffnung, die Sanftmuth
einer milden Siegerin. Justine hätte dem frühen waglichen Besucher
gezürnt, wäre sie sich nicht des gestrigen Unrechts bewußt gewesen.
Sein wehmuthsvolles Antlitz, nur leicht von Rosenschimmer überstrahlt,
schien ihr die Leiden zu bekennen, die ihre Härte in ihm erzeugt. Sein
frühes hastiges Erscheinen schmeichelte ihrem eiteln Stolze. So empfing
sie ihn doppelt zauberisch; triumphirend und beschämt; vergebend
und reuig; hoffärtig, also geliebt zu sein, und geneigt, liebend zu
umfangen. Verlegen antwortete ihr Mund den verlegenen Entschuldigungen
des Bräutigams. Sie schien seinen Muth tadeln zu wollen, und bekannte
fast, daß er ein Recht dazu habe. Noch nie hatte sie den Gedanken an
das innigere Verhältniß von Verlobten so lebhaft aufgefaßt. Noch nie
war ihr dieser Vorhimmel das glückliche Mittelding zwischen Fremd- und
zu Bekanntsein, klar geworden; und indem ihre Lippe lächelnd zürnte,
verlobte sich erst und wurde erst bräutlich ihr Herz. Birsher hing,
wohlthuend erregt, an ihren Augen, die lebendiger glänzten als die
Diamanten des Brautschmucks, der vor ihr auf dem Tische stand; in
dessen Beschauung der Bräutigam die Braut gestört hatte.
»Ich hatte nicht gehofft, Sie mit diesem Gegenstande beschäftigt zu
finden,« sagte der junge Mann leichter athmend: »Sie äußerten gestern
unverdienten Groll gegen mich.«
»Sind Sie überzeugt, daß er unverdient gewesen,« -- erwiderte Justine
gefällig, und näherer Erläuterung feind, -- »so war er von meiner Seite
ungerecht. Trauen Sie _mir_ zu, daß ich es eingesehen, und sind Sie nun
zufriedener?«
Birsher küßte entzückt ihre Fingerspitzen, und in den Hintergrund
seiner Erinnerung waren Argwohn und Vorsatz zurückgetreten. »Dieser
Empfang bürgt mir für mein künftig Glück,« sagte er freudig: »so zarte
Versöhnung macht lüstern nach der veranlassenden Zwietracht. Hoffen
auch Sie, beste Jungfer, mit mir glücklich zu werden?«
»Ich hoffe es,« antwortete Justine freundlich, und reichte ihm
ungeziert die weiche Hand: »nun aber keine Zweifelsfrage mehr. Ich
glaube, daß vernünftige Leute sich in den Vortagen ihrer Ehe anders
zu benehmen haben, als die Amanten in den Romanen gewöhnlich zu thun
pflegen. Das Schäferleben und das Seufzen der Doris, und Corydons
Klagen sind mir nicht angenehm, und Ihnen ebenfalls nicht sehr, mein
werther Monsieur. Wir wollen uns demnach fein gescheit benehmen,
und den Anstand wahren. Erlauben Sie daher, daß ich Sie ersuche,
einstweilen die Bilder an den Wänden zu betrachten, bis ich Ihnen in
geschickterer Kleidung aufzuwarten die Ehre haben werde. --«
Die Listige wollte wie ein glatter Aal entschlüpfen. Birsher hielt sie
sanft auf. »Neidische Braut!« sagte er: »Sie wollen mir den schönsten
Anblick rauben, dessen sich meine Augen jemals rühmen konnten? Thun
Sie es nicht. Ich bin kein langweilig girrender Corydon und suchte
nicht eine seufzende Doris, aber ich liebe das Ungezwungene trotz
den Schäfern Arkadiens. Der steife Haarputz, die umfangreichen
Damastkleider, die martervollen Corsetts, welche Ihnen die Mode
aufzwingt, sind eben so viele Beleidigungen der Natur, die Ihnen ihre
schönsten und seltensten Gaben nicht verweigert hat. Gewähren Sie daher
Ihrem treuesten Freunde ein ferneres trauliches Beisammensein mit
Ihnen, der Ungeschmückten, aber desto Reizendern!«
»Das schickt sich nicht!« hieß die Antwort der Widerstrebenden. Birsher
ließ ihre Hand nicht los, und bat: »So lassen Sie mich wenigstens die
erste Hand an Ihren Schmuck legen. Vergönnen Sie, daß ich Sie ersuche,
heute mir zu Liebe diese Halskette, gleichsam zur Probe zu tragen.
Erlauben Sie, daß ich selbst diesen schönen Nacken damit schmücken
darf?«
»Ei, welche Zumuthung!« versetzte Justine, und wickelte sich schamhaft
in die Enveloppe. Birsher drang noch mehr auf die Erfüllung seiner
Bitte, und der gesetzte Mann bat diesmal so sanft, so dringend, so
freundlich, daß es dem Mädchen vorkam, als müsse es dem liebenden
Freunde nachgeben. Sittsam die Enveloppe um einen Zoll vom Kinn sinken
lassend, neigte sie das Köpfchen, schloß erröthend die Augen, und
lispelte: »Sie sind ein arger Schalk, werther Herr! indessen, damit Sie
mir nicht böse werden.... meinetwegen!« --
Georg ergriff freudig die blitzende Kette. Die blinzelnde Justine sah
mit Entzücken, wie seine Hand zitterte, da sie das Schloß öffnete:
schon berührte das kalte Gold, der eisige Diamant ihren zarten Hals.
Das Flortuch sank tiefer, und ein staunendes »Ha!« entfuhr Birshers
Lippen.
»Was ist? Was haben Sie?«
»Sie tragen bereits einen Schmuck, dessen Stelle ich beneide!«
»Wie so?«
Birsher zeigte auf das schwarze Sammetband, das sich aus dem
verhüllenden Tuche gestohlen. Justinens Wange wurde Purpur.
»Lassen Sie den Schatz sehen, der sich solchen Vorzugs freuen darf...«
»Mein Gott! nein!«
»Warum denn nicht?«
»Ich ... ich darf nicht...«
Birsher heftete einen starren verdüsterten Blick auf Justine.
Sie gewahrte es; aber -- wie ein Blitz fuhr's durch ihr Herz:
dem strengen Protestanten durfte sie, selbst im Scherze, das
katholische Heiligenbild auf ihrer Brust nicht zeigen. Sie sträubte
sich entschieden gegen sein Verlangen, es zu sehen. Er begehrte
es freundlich, dann ernstlicher, dann mit kalter Bestimmtheit.
»Nimmermehr!« rief sie: »Monsieur trauen mir zu, daß sich nichts Böses
in diesem Medaillon befindet; aber ich bestehe nun einmal auf meinem
Geheimniß!«
Mit diesen Worten reißt sie das Band von ihrem Halse, um es in ihrer
Tasche zu verbergen. Das Medaillon fällt von dem Bande, stürzt zu
Boden. Die Kapsel springt. Justinens unsichere Hand erfaßt diese.
Georg rafft das Bild auf, betrachtet es, ehe Justine es verhindern
kann, mit bitterm Lachen und giebt es dann der Trägerin zurück. »Ich
gratulire zu dem geliebtern Freunde!« sagte er, und Justine glaubt vor
Scham und Bestürzung in die Erde zu sinken: das Bild ist James in der
vollen Blüthe seiner Jugend: sprechend ähnlich; herrlich gemalt. Sie
verstummt, das ungeheure Mißgeschick nicht begreifend. Der Amerikaner
sagt aber mit zitterndem Tone zu ihr: »So ist es denn wahr, Jungfer
Justine? ich war der Betrogene? sollte der Betrogene bleiben? Armes
Geschöpf! ich bemitleide Sie!«
Ohne noch ein Wort hinzuzufügen, verließ er Justine, die -- ebenfalls
ohne ein Wort der Entschuldigung beizusetzen, ihm sprachlos und
beklommen nachstarrte. Indem er eilig und außer sich dahin schoß,
begegnete ihm -- zu seinem Entsetzen -- der Mensch, den er gestern
gesehen, den das Bild vorstellte.
»Sind Sie ein Engländer?« fragte er hastig, den Jüngling bei der Brust
fassend.
»Ja, Herr.«
»Heißen James?«
»James White.«
»Sie lieben meine Braut, Justine Müssinger?«
»Mein Gott! was soll das heißen? woher wissen Sie?«
»Ihr Pflegvater hat mir Alles entdeckt.«
»Wie? Doctor Leupold?«
»Derselbe. Sie werden geliebt!«
»Mein Herr!«
»Sie trägt Ihr Bild auf der Brust...«
»Ach, mein Herr! Sie sind ein Engel, wenn Sie...«
»Stille. Warum ließen Sie mich im Dunkeln tappen? damit ich
schmerzlicher erwachen mußte? das war Unrecht von Ihnen. Brav jedoch,
daß Sie nicht nach Amerika folgen wollten. Darum renne ich Ihnen auch
nicht den Degen durch den Leib. Sein Sie glücklich! Ich sage mich von
ihr los!«
Er ließ den Staunenden, Bebenden stehen, und eilte, seine aufwallende
Wehmuth zu unterdrücken, weiter. Unfern vom Rathhause stieß er auf
den Senator, der, schwankend und blaß wie ein Geist, einherkam. Kaum
rückte er vor demselben den Hut, und stürzte davon, sich in sein
Zimmer zu verschließen. Der Senator sah ihm verwundert, aufgebracht,
niedergeschlagen nach; setzte dann seinen Weg nach Hause fort, und kam
sehr verdrüßlich daselbst an. Frau und Tochter saßen still beisammen.
Jacobine kämmte ihr Hündchen; Justine saß an seiner Arbeit, und that
dennoch nichts. Der Senator warf sich seufzend in einen Stuhl.
»Der Satan ist los!« sagte er: »Wenn ich mich aus dem Unglück losreiße,
das mich jetzo niederschlägt, so will's etwas heißen. Mein Ruf, mein
Amt, meine Würde stehen auf dem Spiele!«
»Mein Gott!« sagten die Weiber; die Senatorin rückte weit ab von dem
Senator; Justine rückte ihm dagegen näher.