Der Doctor, seinen Verdruß bezwingend, erzählte sein Zusammentreffen

mit Litzach. Der Superior beruhigte sich. »Ein Zögling der

Gesellschaft?« sagte er alsdann: »das ist etwas Anderes. Das war ein

Ehrenpunkt. Was soll aber mit dem liederlichen Subjecte werden? Es

darf nicht faullenzen. Man muß ihm Beschäftigung geben. War er ein

guter Akteur, so muß er in zwanzig Kleider passen. Ich werde darauf

denken. Nun aber ein Weiteres, mein Bruder und Freund im Herrn. Sie

sind einer großer Lauheit im Bekehrungsgeschäfte angeklagt worden. Sie

wollen nur diejenigen, wie ich höre, in den Bund der Kirche aufnehmen,

an welchen Ihr Gemüth einigen Antheil nimmt. Sie haben verschiedene

Bekehrungen der Lainez getadelt, stehen sich überhaupt mit der artigen

Wittib nicht zum Besten. Nehmen Sie sich in Acht. Die Lainez hat sich

bitter beschwert. Sie wissen, was die Person bei dem Provinzial gilt;

Sie stellen sich einer empfindlichen Demüthigung blos. Der Lainez

darf Nichts geschehen; weder von Ihnen, noch von dem jungen White,

der sie quasi verächtlich behandelt. Es ist freilich, in Betreff des

Provinzials, gut, daß der junge Mensch sie nicht _liebt_, allein

_hassen_ soll er sie eben so wenig. -- Kein Wort der Erwiderung, Pater

Münzner. Wir sind völlig über obige Punkte aufgeklärt worden, und es

sollte uns leid thun, Ihrer in unserem Berichte nach Rom ungünstig

erwähnen zu müssen. Den Provinzial ... =hunc tu amice caveto!= wie der

Heide sagt. =Satis= von obigem Gegenstande. Ein Weiteres. Wie steht es

mit dem Senator?«

»Wohl;« versicherte der Doctor mit freierer Brust: »Die projektirte

Heirath wird in sich selbst zerfallen. Ein seltsamer Gespensterglaube

hat sich in's Mittel geschlagen, um --«

»Gleichviel;« schaltete der Superior ein: »jedes Mittel taugt. Für's

Erste, natürlicher Weise, lehrt die Klugheit, alle Umstände so zufällig

als möglich zu combiniren; hilft aber der Alltagsgang zu nichts, dann

mögen spanische Fliegen angewendet werden. Ich habe der Lainez die

Instruction gegeben, in dem Hause des Senators alle Minen anzuzünden,

um das sonderbare Gänschen von Tochter zu stimmen. Ich habe, im Namen

der Gesellschaft, eine wahre Passion auf ihr Vermögen.«

»Zu Ihrem Troste darf ich Ihnen also sagen,« -- versetzte der Doctor,

über des Vorgesetzten heißhungrigen Geiz seufzend, »daß Justinens Vater

mir sein Wort gegeben, daß der Amerikaner _nicht_ sein Schwiegersohn

werden soll.«

»=Quod sufficit.= Indessen geht die Zeit hin, und die Lainez wird schon

das Uebrige thun.«

Während Beide nun hingingen, völlig überzeugt, der Senator folge ihren

Eingebungen unbedingt, fertigte dieser einen Brief nach Liebkirchen

an den Prediger ab, um die Hochzeit geheimnißvoll vorzubereiten.

Nothhaft schien von der Erde verschwunden, und das Schweigen über

die Heirathssache wurde vortrefflich bewahrt. Die Senatorin, welche

befürchtete, um der Geistergeschichte willen ausgelacht zu werden,

sah ihre Muhmen nicht bei sich. Die Männer beobachteten das Geheimniß

unverbrüchlich. Justinens Zunge, -- sie konnte wohl sonst verschweigen

-- brach zuerst das Siegel. Mit der Lainez, die in dem Hause eingezogen

war, auf ihrem Zimmer arbeitend, und über die Geisterhistorie lachend,

sagte sie im Uebermuthe ihrer neu erwachenden Zufriedenheit: »Mit der

Entlarvung des Spucks kam Alles wieder in's Geleise, und diese Wäsche,

an welcher wir arbeiten, meine Beste, ist mein Brautzeug. Ich werde

Herrn Birshers Frau. --«

Die Lainez erschrak; faßte sich, und erfuhr nach ein Paar

gleichgültigen Fragen auch das Nähere aus dem Munde der Braut.

Zweiter Abschnitt.

Die Unglücksprophetin. -- Das Bild in der Kapsel. -- Gewitter

im Brautstande. -- Der Magister. -- Morgenbesuch bei der Braut.

-- Trauliche und böse Stunde. -- Angst des Senators. -- Er und

seine bösen Engel. -- Das schreckliche Billet. -- Todesschrecken;

übereiltes Versprechen; listige Hülfe. -- Seelenverkauf. -- Birsher

und Nothhaft. -- Hiobsposten. -- Die Predigt mit Donner und Blitz.

-- Schande und Arrest. -- Wundergleiche Rettung. -- Die Lainez

erscheint. -- Der Thurm von St. Paul. -- Hoffnung durch den Freund.

-- Der Balsamhändler. -- Zehn Uhr.

Das Leben im Hause des Senators hatte sich anders und besser gestaltet.

In den Familienvater war die Spannung und Kraft zurückgekehrt, die auf

_einen_ bestimmten Zweck hin arbeitete: auf das Glück seines Kindes,

auf seine eigene Beruhigung zugleich. -- Die Senatorin schien in die

ehemalige Lebensweise zurückgetreten; apathisch wie vordem, allein der

begonnenen Feindseligkeit gegen den Ehegatten entrathend. Justine war

zufrieden. Sie begriff, daß Georg Birsher, wenn sie ihn auch nicht

mit jener Leidenschaft liebte, welche das Ziel jugendlichen Sehnens

ist, nicht ermangeln würde, ihre billigen Ansprüche auf eheliches

Glück zu erfüllen, und daß er geeignet sei, mit seinem besonnenen,

ruhigen und klaren Wesen Hand in Hand mit ihr, der starken, nicht an

Schwärmerei noch Idealen hängenden Jungfrau zu gehen. Ein Gedanke trug

noch Vieles zu ihrer Beruhigung und Zufriedenheit bei. Sie fühlte in

ihrem Innern, daß sie sich als Opfer für irgend eine Ungerechtigkeit,

die ihr Vater an dem alten Birsher begangen, hinzugeben habe; sie

fühlte, daß der Senator mit Verlangen ihrer Verbindung entgegensah; er

hatte von einer heiligen Schuld gesprochen, und sie war stolz darauf,

die Zahlerin derselben zu sein. Die Besuche, die ihr Herr Georg Tag

für Tag zweimal abstattete, machten sie immer mehr und mehr mit den

edeln Eigenschaften bekannt, deren sich sein Herz rühmen konnte, und

wenn gleich Schüchternheit und Convenienz ihr verboten, dem Verlobten

die volle Achtung zu zeigen, die sein Benehmen ihr abzwang, so

entschädigte sie sich dafür in ihren Gesprächen mit der Lainez, die

gutmüthig und freundlich dem Lobe zuhörte, das die Braut dem Bräutigam

spendete, und ihr eine Theilnahme zeigte, welche die Mutter nicht

äußerte, weil sie dieselbe nicht empfand. Unbemerkt nahmen indessen die

Unterredungen eine andere Wendung. Die Lainez, obgleich die Verbindung

mit dem Amerikaner höchlich billigend, stimmte allgemach das Lob des

ungebundenen fessellosen Lebens an.

»Glauben Sie nicht,« sagte sie einst, da Justine sich mißbilligend

dagegen ausgesprochen hatte, »daß ich den mindesten Zweifel wider den

Beruf hege, den der gute Herr Birsher verspürt, Ihr Mann zu werden.

Ich halte ihn für einen rechtschaffenen Mann; für denjenigen, der das

Glück zu schätzen weiß, das ihm in Ihnen zu Theil wird. Aber, -- beste

Mademoiselle, -- erlauben Sie, daß meine Erfahrung Sie nicht ungewarnt

lasse. Ich lebte in einer glücklichen Ehe, geliebt von einem jungen,

schönen, mit Rang und Ehre begabten Manne; ich wurde von ihm auf den

Händen getragen; aber dennoch fühlte ich oft recht schmerzlich den

Verlust meiner Freiheit. Die Gattin, der Gewalt des Mannes unterworfen,

darf keinen Schritt mehr nach ihrem Kopfe thun; denn die Männer haben

die Gesetze gemacht. Die Frau bleibt vor den Augen der Welt nichts

mehr und nichts weniger als eine ledige Zugabe des Gatten, der sie mit

seiner Ehre bekleidet; eine trügende Sonne, die ihre Strahlen von dem

Gestirne, woran sie geknüpft ist, entlehnt, und untergehen muß, sobald

der Herrscherstern verlischt, oder ... was nicht selten geschieht,

-- eine abweichende Bahn zu beschreiben für gut findet. Unvermählt,

gibt Jugend und Schönheit uns einen Rang, auf welchen oft Fürstinnen

neidisch herniedersehen; verheirathet, legen wir den Scepter der Reize

nieder, um die Sklavin eines -- wenn auch geliebten -- Herrn, unsrer

Wirthschaft, unserer Kinder, unsers Rufs zu werden, und in Dunkelheit

ein Leben zu enden, das oft so reizend, so vielversprechend begann.«

»Ei, gute Frau, welche Reden?« sagte Justine verwundert und

empfindlich: »Ihre Gedanken fliegen hoch. Ihre Prophezeihung soll aber

an mir zu Schanden werden. Halten Sie mich für das schwache Geschöpf,

das sich unterjochen lassen, oder Herrn Birsher für den Mann, der

solche Erniedrigung begehren würde? Wenn, -- verzeihen Sie mir, --

der Capitän Lainez, gewohnt, anderthalbhundert Menschen mit Sack und

Pack nach seinem Wort zu leiten, diese militärische Tyrannei in sein

Hauswesen übertrug, -- so machen's die Herren vom Degen nicht anders.

_Ich_ soll jedoch die Associée eines friedlichen Kaufmanns werden, die

Gefährtin seines Glücks, nicht die Magd seiner Bequemlichkeit, und,

wenn die Wagschale einer gewissen Herrschaft auf _eine_ Seite schwanken

sollte, so müßte es die _meinige_ sein; darauf gebe ich Ihnen mein

Wort.«

Die Lainez lächelte, zuckte die Achseln. »Wir werden ja sehen!« sagte

sie einsylbig. -- Justinen genügte dieses nicht.

»Sie sollen die Sache nicht unentschieden lassen,« sagte sie lebhaft:

-- »Sie müssen sich _mir_ gefangen geben, oder mich gefangen nehmen.

Mein Charakter ist leicht zu erkennen, zu ergründen. Glauben Sie etwa,

er passe, trotz seiner Gewohnheit, Alles durchzusetzen, unter das Joch,

dessen Sie erwähnten?« --

»Fürchten Sie sich vor einem härtern, unerträglichern,« entgegnete

Lainez hastig: »Sie gehen mit der Unbefangenheit, -- ich möchte

sagen, -- Unbesonnenheit einer zuversichtlichen Jugend einem Bunde

entgegen, zu welchem, wie Sie es auch läugnen wollen, das Herz,

die Neigung, Sie nicht zieht. Sie werden blindlings die Frau eines

Mannes, der Ihnen nicht mißfällt, den Sie aber auch nicht lieben.

Diese Leidenschaft bleibt jedoch nicht aus. Wehe Ihnen, wenn in Ihr

beschränktes, einförmiges Leben einst der Mann tritt, der Ihre Gefühle

mit Siegergewalt an sich reißt; der es versteht, Sie, die Unbewachte,

zu bezwingen. Hätten Sie auch die Obergewalt in Ihrem Hause errungen --

vor dem Fremdling müßten Sie dieselbe niederlegen!«

Justine sah, bis unter die Haare erröthend, die Lainez starr und

verwundert an: verzog dann spöttisch den Mund, und erwiderte: »Sie

sprechen Dinge aus, woran meine Seele bis jetzt noch nicht gedacht.

Sollten auch diese zu Ihren Erfahrungen gehören? Sorgen Sie nicht für

mich: die _Ehre_ ist der Harnisch, der mich gegen den Versucher wappnen

soll.« --

Die Wittwe verstand sehr wohl die rauhe Antwort; sie erhob sich schnell

und gekränkt von ihrem Stuhle, schob die Arbeit von sich, und trat an's

Fenster, Justinen stumm und beleidigt den Rücken kehrend.

Das Mädchen bemerkte, schnell bereuend, den Eindruck, den seine Worte

gemacht. Es näherte sich -- den Vorwurf fühlend, einen unglücklichen

Gast gekränkt zu haben, -- der Französin. Zaudernd überlegte Justine,

wie sie wohl die Verletzte anzureden habe; -- da gewahrte sie, an dem

Stuhle der Lainez niederblickend, ein Papier, das der Aufstehenden

entfallen war. Sie hob es auf, trat zu der Wittwe, und sagte ihr

freundlichernst: »Hegen Sie keinen Groll gegen mich. Ich bedenke nicht

lange, was ich sagen will. Es that mir aber leid, Ihnen so unsanft

geantwortet zu haben. Vergeben Sie, und nehmen Sie ihren Platz wieder,

wie dieses Papier, das Sie verloren.«

»Sie sind ein heftiges, liebes Kind,« entgegnete die Lainez, und

wendete die Augen voll Thränen der Reuigen zu: »Wer wollte Ihnen

nicht vergeben?« Sie umarmte dabei Justine, und drückte, zum ersten

Male, Küsse auf die Stirne, die Augen und den Mund des Mädchens, die

wie Flammen brannten, und Flammen auf Justinens Antlitz riefen. Dann

fuhr die Französin, ruhig werdend, zu der Errötheten fort: »es ist

möglich, meine liebliche Freundin, daß ich mich, von Besorgniß für

Ihr Wohl ergriffen, mancher Ausdrücke bedient habe, die Sie auf den

Argwohn führen konnten: es sei mir darum zu thun, Ihren Geist, Ihr

Herz in Unruhe zu versetzen, und gewissermaßen den Versucher selbst zu

spielen. Verbannen Sie dieses Mißtrauen! Glauben Sie an meine harmlose

Zuneigung. Dieses Papier, das Sie mir reichen, das mir entfiel, führt

den Beweis für mich. Es ruht seit vorgestern in meiner Tasche, und

ich zeigte es Ihnen nicht, um Ihre Ruhe zu erschüttern. Jetzt aber,

da der Zufall es in Ihre Hände gegeben, da ich nun weiß, wie fest

Ihre Entschlüsse stehen, mögen Sie es eröffnen, und sich von meiner

Diskretion überzeugen.«

Justine that neugierig und gespannt, wie ihr die Lainez hieß. Bekannte

Schriftzüge. Sie las dieselben. Ihre Hand zitterte, aber ihr Auge,

verrätherischer vielleicht, als ihre Hand, wich nicht von der Schrift,

bis sie zu Ende war. James, der aus Justinens Nähe verwiesene James

schrieb:

»Wie auch immer Ihre Gesinnung, Madame, sich gegen mich entschieden,

-- ich sende Ihnen diese Zeilen: Saatkörner, die auf ein wirthliches

Feld fallen mögen, wenn Gott es will. Sie leben, wie ich höre, bei

_Ihr_! Sie wohnen in dem Paradiese, aus dem mich leichte Schuld und

eine allzustrenge Tugend verbannt hat! Sie athmen die Himmelsluft, und

ich erstickenden Nebel, der mein Glück mit dem Trauerflor eines ewigen

Scheidens bedeckt. Wollen Sie, die Reiche im Schooß der Seligkeit, dem

Armen in dem Gefühle der Verzweiflung einen kühlenden Tropfen versagen,

daß seine brennende Lippe sich labe? eine einzige Wohlthat, die Ihnen

nur ein Wort der Fürsprache vor dem Throne der Gnade kostet? Madame,

Sie retten mich vom zeitlichen, wie vom ewigen Tode, wenn Sie mir mit

einer Sylbe sagen, daß _Sie_ mir vergiebt!«

Justine legte das Blatt auf den Tisch, zog ihr Schnupftuch hervor,

und ging schnell in das Cabinet. Nach einigen Augenblicken kehrte sie

wieder; sie hatte geweint, aber die Thräne getrocknet; ihre Wange

war blaß, aber ihr Gang sicher. Sie sagte zu der Lainez: »Nehmen Sie

diesen Brief wieder zu sich; und erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken,

daß Sie hart und grausam handelten, indem Sie mir den Brief nicht

mittheilten. Was besorgten Sie für mich? Meine Brust ist ruhig, völlig

ruhig; ich versichere es Ihnen. Aber das Gehirn des jungen Schwärmers,

der von seiner trügerischen Gelassenheit völlig Abschied genommen zu

haben scheint, ... welche Marter hat er vielleicht in den Paar Tagen

ausgestanden -- eine Antwort ersehnend, und keine erhaltend? Schreiben

Sie ihm, gewissenhafte Frau. Sagen Sie ihm, daß ich versöhnlich bin:

unter der Bedingung, daß er vernünftig sei, und ferner rechtschaffen

handle. --«

»Sie sind ein Engel!« erwiderte die Lainez mit vielem Aufwand von

Affekt: »ich wagte nicht, hier Fürsprecherin zu sein, und nun ... ja

wahrlich: mein Brief wird Balsam für den Armen sein. Gut indessen, daß

er, -- wie die Sachen abgeredet sind, -- nicht erfahren kann, daß, und

wie bald schon Sie sich vermählen. Welch ein Sturm auf seine heftigen

Gefühle! Vernimmt er die Nachricht, nachdem sich bereits Alles begeben,

wird er sie leichter tragen. Denn was einmal geschehen...«

»Ich verstehe Sie nicht,« unterbrach sie Justine, die Augen starr auf

die Arbeit geheftet: »Sie reden wieder in Räthseln.«

»Ei, Mademoiselle,« versicherte die Lainez lustig: »Ihr Scharfsinn

und Ihre Weiblichkeit wären mir ein Räthsel, wenn Sie nicht errathen

hätten, daß der junge Mann sterblich in Sie verliebt ist.«

»Madame Lainez!«

»Mademoiselle Müssinger! Sie werden abermals heftig und ungerecht. Ich

will lieber schweigen.«

»Was halten Sie von Monsieur White?« fragte Justine, nach einer langen

Pause; »Sie kennen ihn, glaube ich, genauer.«

»Wie Elias seine Versorger in der Wüste. Er war mein Wohlthäter; kam

und ging, je nachdem sein Pflegevater meiner Armuth gedachte.«

»Diesen Pflegevater,« nahm Justine schnell das Wort auf: »diesen

Pflegevater -- Sie kennen ihn?«

»Ich habe ihn nie gesehen.«

»Er war neulich ein Gast meines Vaters; der Doctor mit der großen

Perücke war's.«

»So? hätte ich das gewußt! Und der edle Mann, der doch meinen Namen

hörte, verrieth sich gegen mich mit keine Sylbe....!«

»Das war sehr männlich und gut. Ich gäbe jedoch etwas darum, könnte ich

von dem Doctor etwas Näheres erfahren.«

»Welche Theilnahme! Wenn Sie es wünschen, so soll Herr White uns morgen

schon die nächste Auskunft geben.«

»Welch' ein Gedanke! Monsieur White wäre der Letzte, den ich zu diesem

Zwecke auffordern würde.«

»Ihre Gründe?«

»Mein Geheimniß.«

»Ich bescheide mich. Wenn Sie jedoch an der Bereitwilligkeit des jungen

Herrn zweifeln sollten, so bürge ich Ihnen, diesem Brief zufolge,

dafür. Aus diesen Zeilen spricht viel Hingebung. Ich bin überzeugt --

Ihnen zu Gefallen -- würde er sich den Pfeilen einer amerikanischen

Horde mit so vielem Muthe aussetzen, als der heilige Sebastian es that,

um den Himmel zu gewinnen.«

»Welch' ein Gleichniß! Madame: Ihre Scherze sind stumpfe Pfeile.«

»Eine Braut findet Alles langweilig. Uebrigens, meine gute Dame,

werde ich wohl meinen armen Sebastian und die wunderschöne verlassene

Pulcheria nimmer zu sehen bekommen? Finden Sie Geschmack daran, meine

Bilder zu behalten?«

»Warum nicht gar?« versetzte Justine ein bischen verlegen: »ich muß

gestehen, daß ich das Medaillon gänzlich vergessen habe.«

»Geben Sie es mir zurück.«

Justine suchte verlegen in den Taschen. »Ich habe den Schlüssel zu

meinem Schranke verlegt. Ich werde ihn holen.«

Die Lainez lächelte. »Recht, meine Liebe,« sagte sie: »bringen Sie

nur zugleich das Bild mit. Ich will Ihnen sagen, wo es sich befindet.

Sie haben es zwischen Myrthen aufgestellt, und ihm ein liebliches

Tempelchen hergerichtet; traulich, ungestört, denn Mama und Papa lieben

die Blumen nicht sonderlich, und der Wärterin dieser Sommertöchter ist

es unverwehrt, dort im sichern Versteck ihren stillen Gottesdienst zu

halten.«

»Abscheulich!« rief Justine: »bin ich eine Götzendienerin? Auf der

Stelle sollen Sie das Bild haben, das ich in der That an jenem

Platze vergessen habe.« -- Sie eilte rasch davon, und brachte, etwas

verdrießlich und gereizt das Medaillon.

»Hier, Madame, haben Sie Ihr Pfand zurück.«

Die Lainez nahm es gleichmüthig, und ging damit zu einem Kästchen,

das ihre Papiere, und einige aus dem Sturme ihrer Verhältnisse

gerettete Angedenken einer bessern Zeit enthielt, und öffnete es.

Während sie ein Futteral hervorholte, in welches sie das Medaillon

verschloß, und dasselbe in die Chatouille niederlegte, sagte sie

scherzend: »Es ist gleichwohl besser gewesen, daß dieses Bild unter

jenen Myrthensträuchern und nicht an Ihrem Busen vergessen wurde,

Mademoiselle.«

»Wie so?«

»Hm! es soll eine Eigenschaft besitzen, die...«

»Und welche?«

»Die alle diejenigen, welche das Bild tragen, zwingt, katholisch zu

werden, oder es zu bleiben.«

»Welche Posse!«

»In der Kapsel liegt eine Reliquie des heiligen Kreuzes. Diese mag das

Wunder wohl bewerkstelligen. Aber die Wirkung soll unläugbar sein.

Darum wird es,« setzte die Lainez ernsthafter hinzu, »besser sein,

wenn ich das Zauberbild nicht mehr am Halse trage. Es möchte sonst aus

meiner Bekehrung zu Liebkirchen nichts werden.«

»Sie sprechen etwas leichtfertig von der Wohlthat, wozu ich Ihnen

verhelfen will, meine Schutzbefohlene. Um Sie von dem Aberglauben,

wovon Sie sprachen, zu heilen, wollte ich wohl dieses Bild auf meiner

Brust tragen, so lange Sie es begehren, ohne von dem thörichten

Schwindel ergriffen zu werden, dessen Sie erwähnten.«

»Es käme auf die Probe an,« sagte die Lainez leichtsinnig: »hier ist

das Bild;« sie nahm es aus dem Kästchen: sammt der geweihten Kapsel.

»Getrauen Sie sich, das übermüthige Wort zu bewähren?«

»Geben Sie her!« erwiderte Justine eben so leichtsinnig und trotzig:

»ich verspreche Ihnen sogar, nicht einmal die Kapsel zu öffnen, und

die Wunderkraft der Reliquie, wie die Neugierde zumal zu besiegen: ein

doppelter Triumph, der Sie von meiner Ausdauer überzeugen soll!«

»Recht so, meine kleine Heldin!« rief die Lainez, und hing dem Mädchen

das Bild um den Hals. »So reizend sich nun wohl dieses rabenschwarze

Sammetband auf dem prachtvollen Nacken ausnimmt,« setzte die

Schmeichlerin scherzend hinzu, »so wollen wir das Medaillon sammt Band

doch sorgfältig unter dem Schleiertuche des Mieders verstecken. Mama

könnte neugierig und ungehalten werden -- erführe Sie den Scherz!«

Justine gab ihr Recht und ließ die Wittwe gewähren. Der bald darauf

eintretende Bräutigam unterbrach das fernere Gespräch über obigen

Gegenstand.

Die Lainez, um die Unterhaltung der Brautleute nicht zu stören, ging

aus, und nach und nach versammelten sich der Senator und seine Frau in

Justinens Stube. Die Mama belobte die feine Arbeit der Französin, die

Geschicklichkeit, mit welcher dieselbe die Spitzengarnitur angebracht;

der Vater pries die stille Anspruchslosigkeit der neuen Hausgenossin;

Georg schüttelte jedoch den Kopf und sagte: »Die Unglückliche,

Heimatlose verdient mein Mitleid und meine Achtung. Mir ist es jedoch

angenehmer, daß sie nach Berlin zieht, während ich und Justine nach

Amerika ziehn. Französische Nachbarschaft thut weder der Deutschen noch

dem Engländer in die Länge gut. Mich freut es indessen, bei dieser

Gelegenheit die Herzensgüte meiner tugendsamen Braut kennen gelernt

zu haben. Wer sich so freundlich einer Fremden, Hülfsbedürftigen

anzuschließen versteht, wird den Verwandten nimmer fremd werden, den

Gatten stets lieben, die Kinder stets sorglich pflegen. Ich billige es

auch sehr, daß Sie, Herr und Frau Senatorin, diesem Hang zum Wohlthun

keinen Zwang entgegensetzten.«

»Sie ist das einz'ge Kind;« sagte der Senator lächelnd.

»Sie thut immer, was sie will;« fügte Jacobine langweilig hinzu: »wir

sind es schon an ihr gewöhnt, und es wäre nicht mit ihr auszukommen

gewesen, hätten wir nicht die Landstreicherin, von der Niemand das

Geringste weiß, im Hause geduldet. Freilich hat die Syndikussin sie

empfohlen, wie das Töchterchen sagt; aber ihr Köpfchen hatte der

Empfehlung nicht bedurft.«

Die Senatorin schwieg, von der langen Rede erschöpft, und alle

schwiegen mit ihr. Justine grollte über die ihr zugefügte Beschämung;

der Senator über die geringe Lebensart seiner Frau; Georg überlegte,

und sinnend ruhte sein Auge auf Justinen.

»Sind Sie so herrschsüchtig?« fragte er plötzlich, und legte seine Hand

auf Justinens arbeitende Rechte: »spricht Ihre Mutter wahr?«

»Monsieur....« stammelte Justine, nach einer Antwort suchend.

»O gewiß,« fuhr Georg offenherzig fort: »gewiß scherzte Ihre Mutter

nur. In diesen Augen, in diesem Gesicht, das nur Ruhe und Festigkeit

ausdrückt, suche ich vergebens nach Trotz und Eigensinn. Nachgiebigkeit

und Sanftmuth schmücken ja die Frau. Durch diese Eigenschaften regiert

sie den Mann, und erhält ihre Reize.«

»Sie predigen frühzeitig, mein Herr!« versetzte Justine, ihn scharf von

der Seite anblickend.

»Man verständigt sich nie früh genug;« sagte er hierauf ohne

Heftigkeit: »es ist besser, sich zuvor zu kennen. Unser Brautstand ist

kurz: wir können _ihm_ nicht vertrauen. Wir sind riskirende Kaufleute,

schließen einen Handel auf Treu und Glauben, ohne Assekuranz. Sein Sie

daher offenherzig, wie ich, meine Liebe. Despotismus in der Ehe werde

ich nicht tragen, der Launen Knecht nicht sein. Ich biete _Ihnen_ keine

Eisenketten. Wollen Sie _mich_ damit binden? Sagen Sie mir's, damit wir

Beide unser Glück und unsere Freiheit retten.«

»Sie führen seltsame Discurse, worauf ich nicht antworten kann;«

antwortete Justine sehr spitzig, erhob sich und verließ mit ihrer

Arbeit das Zimmer.

Georg sah die Zurückbleibenden verdüstert und fragend an. Die Eltern

schlugen beschämt die Augen nieder. »Sehen Sie, mein Werthester,«

begann der Senator sich räuspernd: »das Frauenzimmer ist hier zu Lande

der Galanterien, die von den Wälschen kommen, mehr gewöhnt, als der

amerikanischen Freimüthigkeit. Ich möchte Ew. Edeln nicht das Consilium

geben, auf dem durchgreifenden Tone zu beharren, sintemalen das Kind

noch in der Welt so fremd und unerfahren...«

»Ich merke wohl, wo es hier fehlt;« sagte Birsher lächelnd: »es thut

jedoch nichts, wenn nur das Herz gesund und gutgeartet ist. Sie

wird sich an meiner Fassung, an meiner Aufrichtigkeit ein Beispiel

nehmen, und alsdann die Härten mildern, die ihr noch aus der früheren

Jugend ankleben. Könnte ich das Gegentheil voraussehen, so würde ich

es, so weh mir es thäte, vorziehen, Ihnen, Herr Senator, Ihr Wort

zurückzugeben.«

Der Senator erschrak: »Ew. Edeln scherzen wohl;« sagte er, von dem

Gewissen angeregt.

»J nu;« entgegnete Georg lächelnd: »wer weiß, ob Justine mir das

Meinige nicht zurückzugeben gedenkt. Das arme Kind ging sehr böse von

hier, und scheint eine hartnäckige Feindin zu sein, wenn sie den Krieg

erklärte.«

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 17 / 32 段