nicht gestern?...«
»_Heute_ ist nicht gestern, und gestern _war_ nicht heute!« versetzte
Müssinger: »Der Ring muß zurück! Ich wills; ich befehle es dir!«
»Sie befehlen mir Ungerechtigkeiten!« -- sagte Justine von kränkender
Beschämung gepeinigt: »was müßte Herr Birsher glauben? Ich will nicht
als wahnsinnig ausgeschrieen werden! besinnen Sie sich doch, mein
Vater!«
»Ihr _seid_ wahnsinnig; du und deine Mutter!« antwortete ihr in der
höchsten Aufregung der Senator, und rannte dahin, wo die Commissarien
seiner warteten.
Justine schlug staunend die Hände zusammen, fühlte sich an die Stirne,
um sich zu überzeugen, daß sie in der That wache und alles Vorige
gehört habe. --
»Ich soll nicht fort?« fragte sie sich schmerzhaft! »O nicht doch! fort
nach Amerika, wenn das Leben daselbst hundertmal einförmiger wäre,
denn hier! Fort! hinaus in die Ferne! hinaus nur aus diesem Hause, in
dem sich alles Unheil vereint, um uns sammt und sonders nach und nach
um den Verstand zu bringen, wie es uns schon um Herz und Gemüth und
Sorglosigkeit und Frieden brachte. Ich wollte ja lieber unter Fremden
mein tägliches Brod _verdienen_, als es unter solcher Seelenangst
verzehren zu müssen; ich wollte lieber ... gleich einer Flüchtigen...«
Sie hielt inne. »Ei, die Lainez!« fuhr sie fort; »wo bleibt die gute
Frau, deren Umgang allein jetzo meinen Geist erheitern könnte? Sollte
sie, ihrem Pfande zum Trotz, wortbrüchig werden?...«
Sie zog langsam, zögernd und erröthend, das Medaillon der Lainez aus
der Tasche, und trat, von jungfräulicher Scheu und Neugierde zugleich
befallen, aus dem Vorsälchen der Mutter in einen kleinen Versteck, kaum
einen Kreuzstock breit -- ein Altänchen nach dem Hofe bildend, auf
welchem eine Anzahl von Blumenstöcken an Geländer und Wand hingereiht
war; von freierer Luft heimgesucht, und durch ein schirmendes Dach
vor Sonnenhitze und Regen beschützt. Dieser Blumenwinkel am äußersten
Ende des Hauses, stand mit dem, ebenfalls von Küche, Wohnstube und
Gesindzimmer entlegenen Vorsaale der Senatorin vermittelst einer Thüre
in Verbindung, in der eine drathvergitterte Glasscheibe angebracht,
vor welcher ein Vorhang befestigt war. In der Mitte der Blumentöpfe,
auf einem leeren Fleck des Gestells derselben, kauerte sich Justine
nieder, und betrachtete, sich zu zerstreuen, und ihrem Vorwitze zu
genügen, die Heiligenbilder der Lainez. Der heiligen Pulcheria wurde
indessen kaum ein Blick geschenkt; der schöne Sebastian fesselte ihre
Aufmerksamkeit. Der Maler hatte in dem kleinen Bilde ein großes Stück
geliefert, und der Beschauer wußte nicht, was er vorzüglich daran
preisen sollte: die männliche Formenschönheit des Märtyrers, die zu den
Sinnen sprach; oder die himmlische Verklärung, die sowohl in seinem
Gesichte, als auf seinen Gliedern lag, und jeder Sinnlichkeit wehrte,
... oder den magischen geheimnißvollen Farbenzauber, der aus den Blumen
hervorging, die aus den stürzenden Blutstropfen des Heiligen sproßten;
oder endlich das herrliche Schauspiel des aufgeschlossenen Himmels, der
seine Goldstrahlen um das jugendlich schöne Haupt des Sterbenden legte,
-- aus dessen Wolkenkranze die heilige Mutter sah, und der Heiland und
ihre dienenden Engel!
Justine konnte sich nicht satt sehen an dem lieblichen Meisterwerke,
und so oft eine seltsame innere Beklemmung sie zwang, den Blick
wegzuwenden, flugs kehrte er zu dem Bilde wieder zurück. Sie stellte
es endlich, verschämt und dennoch zu kleinem Frevel versucht, in
die Zweige einer jungen, grün und glänzend aufsprossenden Myrthe.
Sie dachte sich den Altar hinzu, -- nicht den violettbehangenen
der Johanniskirche, sondern den roth und weiß geschmückten aus der
Johanniterkapelle; die Kerzen und den Weihrauch, von denen die Lainez
gesprochen. Das Bild jener heimlichen Messe gesellte sich zu dem
ganzen Begriff, und -- siehe da! in blühende schmeichelnde Formen
gestaltete sich vor dem Mädchen der römische verpönte Gottesdienst,
und es dachte bei sich: die Mittagsländer mit ihren heitern Tempeln
müßten doch schön sein, wie ihr Kirchendienst fröhlich; glänzend und
begeisternd, wie ihre Heiligenbilder zart, rührend und ideal. Da wurde
der schweigend überlegenden und prüfenden Jungfrau plötzlich zu Muthe,
als sei Herr Georg Birsher an ihre Seite getreten, und frage sie mit
seiner ruhigen und männlichen Stimme: »Wozu das alles, liebe Miß? Ich
fürchte: was Sie da treiben, sieht einer kleinen Sünde ähnlich auf ein
Haar. Lassen Sie den raschbewegten Mittagskindern ihren bunten lustigen
Schauspieldienst, und das Heer ihrer Heiligen und Seligen, zu denen
man betet. Ihr wandelbarer Geist verlangt einen Blumenflor, auf dem
er flattere und wühle, und schaue und genieße wie die Biene; denn der
Süden zeugt rasches Blut und glühende Sinne. Bleiben Sie jedoch, gute
Miß, in der Bahn des Nordens, des gemüthreichen, lang und beständig
Empfindenden, zufrieden mit _einem_ Gotte, mit _einem_ treuen Herzen.
Und dieses Herz -- bin ich gleich nicht schön wie der pfeildurchbohrte
Sebastian, -- nicht Theilnahme erregend, wie ein Anderer, der mir
gefährlicher wäre, als der todte Heilige -- dieses _treue_ Herz finden
Sie in mir!«
Justinens Phantasie hatte ihr eine eben so artige Täuschung
vorgemacht, daß sie jetzt selbst verwundert aufsah, ob Birsher wirklich
zugegen. Nein! er war nicht da. Ihr Auge sank zu Boden, aber ihr Ohr
wurde von einem kreischenden Schrei erreicht, von der Stimme. »Das
Gespenst!« flüsterte sie erschreckend, und hob mechanisch obgleich
schaudernd den Vorhang von dem Thürfensterchen. Der Mutter Zimmer war
offen; auf dem Sofa lag Jacobine, wie von Convulsionen durchschauert;
über den Vorsaal nach der Ausgangsthüre schlurfte langsam eine weiße
Gestalt. Vom Schrecken zu einer heldenmüthigen Entschlossenheit
übergehend, sprang Justine aus ihrem Versteck, eilte der schnell sich
fortbewegenden Gestalt, die diese Dazwischenkunft nicht vermuthet
hatte, um so hastiger nach, faßte auf der Schwelle das fliegende weiße
Gewand, und rief ihr wacker zu: »Halt! ergieb dich! du allzeit fertiges
Gespenst!«
Dieses Letztere hielt nicht, sondern ließ den Oberrock in den Händen
der tapfern Angreiferin; ein Mann entsprang dieser Hülle, ließ Perücke
und andern Ballast, der ihm zu beliebiger Ausstopfung gedient hatte,
feig im Stich, und floh, da von der großen Treppe sowohl der Senator,
als mehrere Domestiken auf Jacobinens Geschrei herbeikamen, eine
schmale Wendelstiege hinab, die zum Magazin und Brunnen des Hauses
führte. Der Geist rannte hier dem zufällig herankommenden Berndt in die
Hände.
»Halt! wer bist du, Deserteur?«
»Laß mich! Bruder Berndt! um Gottes willen!«
»Was? Dort oben schreit man nach Hülfe? und was gilt's? ich habe hier
den Dieb! Halte still, und komm' mit.«
»Kennst du mich denn nicht? Parbleu ... sei kein Kind!«
»Eben deshalb, guter Freund! Weil ich kein Kind bin, und weil ich
dich kenne, komm' mit. Deine Zwischenträgerei hat mich um den Dienst
gebracht; meine Unerbittlichkeit soll dich zu Schanden machen, du
Baalssohn!«
So sanftmüthig auch Berndt diese Rede sagte, so derb packten seine
Fäuste den Gegner, und trugen ihn beinahe in die Höhe. Justine, Senator
und Gesinde empfingen den Ertappten, und führten ihn vor die Senatorin.
Nachdem der Senator hierauf die Domestiken entfernt hatte, um ihnen
nicht die Vapeurs seiner Frau und die Scham des entlarvten Geistes
länger zum Schauspiel zu geben, sagte er zu Jacobine: »Sieh hier das
übernatürliche Wesen, das seit gestern unser Haus umzuwälzen sich
bemühte, das aus dem Grabe wiederkehrte, um Einspruch in eine Hochzeit
zu thun, die ihm mißfiel, und denke daran, daß deine Ungerechtigkeit
gegen mich aus eben so nichtiger Quelle fließt.«
»Nothhaft!« rief die Senatorin, plötzlich ihre Krämpfe vergessend,
und zornig aufspringend: »Nothhaft! Er niederträchtiger Bursche! Was
bedeutet die schändliche Maskerade? Man hätte den Tod davon haben
können! Am hellen Tage zu spuken! Den Amerikaner wieder aufleben zu
lassen! Meinen armen Kopf zu verwirren! Ich hoffe, daß Herr Senator
Müssinger Ihn exemplarisch zur Rechenschaft wird ziehen lassen! Auf dem
Rathhause, vor allen Richtern und Volk!«
»Ich hoffe, daß der Herr Senator das unterlassen werden,« entgegnete
Nothhaft mit einem giftigen Drohblicke auf denselben. »Was in diesem
Hause nur als ein unschuldiger Jokus passirte, könnte am geeigneten
Orte zum Ernste werden! und Ihre Beleidigungen, Frau Senatorin, muß ich
mir eben so ernstlich verbitten. Ich bin nicht mehr der Commis in Ihrem
Hause; ich bin mein eigner Herr, und alle Tage fähig, einen Rathsherrn
abzugeben, wie Ihr Herr Liebster.«
»Ach Gott! das Lästermaul!« seufzte die Senatorin weinerlich und
aufhetzend: »Ich zittere noch vor Schreck an allen Gliedern, und Er
thut, als ob Er Fug und Recht gehabt hätte. Müssinger! wenn du das
leidest....«
»Ein Wort, Herr Ex-Principal!« sagte Nothhaft unverschämt, und zog den
Senator bei Seite: »wir wollen uns nicht über die Gründe verbreiten,
die mich zu der Vermummung bestimmt haben. Ich thue Ihnen damit
einen Gefallen, so wie ich den ganzen Plan zu _Ihrem_ Besten allein
angelegt habe. Vor der Hand lasse ich Ihnen noch die Wahl, mich als
Schwiegersohn anzunehmen, und den Amerikaner aus dem Hause zu weisen,
oder versichert zu sein, daß meine schonende Freundschaft für Sie ein
Ende erreichen wird.«
»Er ist ein schlechter Mensch!« polterte der Senator hitzig: »was
werde ich auf seine elenden Drohungen geben? Packe Er sich aus meinem
Hause! Ich habe Nichts mit Ihm gemein. Setze Er sich in seine Heimath
hin, und rathe und verkaufe und spucke Er fort so viel als Er will. Ich
warne Ihn, sich ferner hier betreten zu lassen. Ich würde sonst meine
Anklage bei dem Polizeiaufsichter anbringen müssen, während ich jetzt
noch den Scandal, den Er verursachte, mit Schweigen übergehen will.«
Nothhaft schnitt ein grimmig saures Gesicht. »Na!« sagte er trotzig:
»ich gehe, Herr Senator. Schreiben Sie das heutige Datum in's Kamin,
Wünsche allerseits wohl zu leben. Und Sie, meine beste Jungfer! bittet
Sie nicht ein wenig um Pardon für mich, da Sie mich doch eigentlich in
die saubere Patsche versetzt hat?«
»Ich freue mich, Monsieur, Ihn ertappt zu haben, während sich Männer
vor dem Popanz fürchteten,« versetzte Justine spöttisch: »ich bin nicht
vergnügt, daß nun auch die ganze Stadt von Ihm glauben wird, was ich
schon längst von Ihm behauptete: daß Er eine bösartige Kröte ist, und
damit Punktum.«
»Damit noch nicht Punktum!« erwiderte Nothhaft frech und ergrimmt: »ich
werde die Ehre haben, so Gott will, ein Weiteres von mir vernehmen zu
lassen. Er aber, Mosje Berndt! Er wahre seine Ohren! Gott befohlen!«
»Du ruchloses Höllenkind!« rief Berndt dem Davoneilenden nach: »der
leidige Gott sei bei uns muß wenigstens dein Großvater gewesen sein!«
Der Senator hatte indessen seine Partie genommen. Die alte Energie
schien in den Mann zurückgekehrt zu sein. »Keine unnöthige
Bethbruderei!« sagte er scharf, aber freundlich zu dem Augenverdreher:
»wir müssen vor der Natter auf der Hut sein. Seh' Er nach, daß der
Bengel seine Effekten noch in dieser Stunde aus dem Hause schaffe. Dann
laufe Er, und zeige Er auf der Börse an, daß Nothhaft nicht mehr in
meinen Diensten steht. Lasse Er merken, daß er mit Schimpf und Schande
aus dem Hause kömmt. Aber von der Gespenstergeschichte kein Wort. Sonst
bleibt's beim Quartalabschied. Unterdessen bedanke ich mich bei Ihm
schönstens.«
Berndt eilte, vergnügt über seine gesicherte Existenz, den Befehlen
des Principals zu genügen. Der Senator wendete sich zu Justine: »Dir,
mein Mädchen, danke ich in's Besondere. Dein Muth hat uns die Augen
geöffnet. Der Bursche wußte, mit wem er's zu thun hatte. Zu mir kam er
in der melancholischen Nacht, -- meiner leichtgläubigen, schreckbaren
Frau erschien er am Mittage, -- wahrscheinlich, weil das Gespenst
am Abend nicht durch die verschlossene Thüre dringen konnte. Auf
den Aberglauben der Dienstleute konnte er's bei Tage wie bei Nacht
wagen. Allein zu Justine kam er nicht. Er hat das Mädchen mit Recht
gefürchtet. Mir bleibt jetzo noch Einiges zu thun. Meine Gegenwart ist
im Hause entbehrlich. Ich war bei Eröffnung der Schränke. Man hat sich
überzeugt, daß alle Siegel unverletzt geblieben. Ich will ausgehen,
Justine! meinen Hut, meinen braunen Rock mit der schmalen Stickerei.
Den Mantel, den Degen! Ich muß zum zweiten Bürgermeister gehen. Der
Kerl von Nothhaft muß aus der Stadt, ehe die Sonne untergeht, ehe er
mir Stänkereien macht: ich fürchte, der Bursche hat tausend Kniffe im
Kopfe. -- Ich werde auch dem Steuercommissär meinen Besuch machen.
Ich werde ihn ernstlich wegen des Geschwätzes seiner Frau bedrohen.
Beruhige dich, Jacobine! du sahst, daß der Geist des Verstorbenen ein
Posse war. Du wirst einsehen, daß die Commissärin in dem, was sie dir
auf dem Ritterhofe vertraute, eine Lüge gesagt hat.«
»Das gebe Gott!« entgegnete die Senatorin phlegmatisch und die Hände
in dem Schooß faltend: »ich reiße mich nicht gerne aus meiner Ruhe, und
verlasse nicht mit Plaisir dieses Haus. Aber, wenn du in der That ein
so schlechter Mensch wärst, wie die Leute sagen....«
»Schweig!« unterbrach sie der Senator finster, denn Justine kam
mit Rock, Mantel, Hut und Degen. Während Müssinger sich in den
Interimsstaat der Rathsherren warf, kam auch Georg Birsher hinzu. »Ich
komme, Ihnen für die Bewahrung meines Eigenthums zu danken,« sagte
er zu dem Senator: »welche Gerüchte haben sich jedoch zu meinem Ohr
gefunden? Meines Vaters Geist soll sich gezeigt, und sich endlich, von
einer muthigen Amazone ergriffen, in einen Ladenschwengel verwandelt
haben?«
»Dummes Zeug!« erwiderte der Senator verdrießlich: »das Domestikenvolk
hat doch tausend Zungen. Beruhigen sich Ew. Edeln. Es war ein
einfältiger Nebenbuhlerstreich.«
»So?« versetzte Birsher lächelnd: »die Bosheit scheiterte sicherlich
an Ihrem Ringe, beste Jungfer Braut. Die Wilden meines Vaterlandes
beschenken sich mit solchen Talismanen, und vielleicht ist dieser
Ring ein solcher. Erlauben Sie, Verehrteste, daß ich Ihren Heldenmuth
und Ihre Treue mit diesem Diamantschmucke belohne, der freilich
schon Ihr Eigenthum ist. Die Rose von Edelsteinen, die ich ebenfalls
in dieses Kästchen gelegt habe, bitte ich, Ihrer Frau Mama, meiner
allerwerthesten Schwiegermutter, als ein dürftiges Pfand meiner
Ergebenheit zuzustellen.«
Er hielt dem Mädchen freundlich das geöffnete Etui hin, aus welchem
ein Meer von Demantenglanz strahlte. Die Senatorin zwinkerte lüstern
mit den Augen; Justine, ein weigerndes Compliment machend, las in dem
Gesichte des Vaters, dessen Sinnesänderung sie beunruhigte. Der Senator
bemerkte ihre Verlegenheit, und fuhr rasch und lebendig dazwischen:
»angenommen meine Tochter!« sagte er freundlich und dringend: »alles
geht wieder im rechten Gleise! Die Stimmen aus der Unterwelt haben
gelogen, und im Uebrigen.... will ich schon fertig werden. Ew. Edeln
werden also mein Schwiegersohn!«
Die Senatorin hatte sich der Diamanten bemächtigt, und bekräftigte des
Mannes Wort mit einem tiefen verbindlichen Knix. Der Amerikaner umarmte
den Senator, küßte der Senatorin beide Hände, der beruhigten Justine
beide Wangen und die Stirne.
»Eine Bedingung indessen!« fuhr der Senator zwischen beide Verliebte
tretend fort: »ich trage an Sie, bester Sohn und Handelsfreund, eine
heilige Schuld ab, indem ich Ihnen meine Liebste gebe. Ich habe jedoch
meine Gründe, warum ich die Heirath für's Erste ganz geheim gehalten,
und endlich in Bälde und Stille gefeiert wissen will, damit nicht
ferner eine Albernheit dazwischen komme. Mein Buchhalter und --« hier
seufzte er -- »Doctor Leupold schweigen wie beeidigte Männer. Knall und
Fall! heute über acht Tage die Copulation in Liebkirchen; und dann,
mein Brautpaar, zu Schiffe, und fort, in Gottes Namen! Jetzo aber Gott
befohlen!«
»Wenn Justine mein wird,« sagte Georg, »so bedarf ich keines Gepränges,
und so wenig ich mir's nehmen lassen werde, zu New-York mit einer
hübschen Frau groß zu thun, so wenig dringe ich hier -- in der fremden
Stadt -- auf diese Befriedigung meiner Eitelkeit. In vierzehn Tagen
ungefähr geht ein holländisches Schiff, das auf dem Texel liegt, nach
Amerika unter Segel. Ich werde an van den Höcken schreiben, daß er
dessen Cajüte für uns miethe. Bis dahin sind wir zu Amsterdam und
reisefertig. Nicht wahr, Justine?«
Justine nickte stumm aber bewegt mit dem Kopfe. In der Senatorin
Gesicht zeigte sich sogar ein flüchtiger Wehmuthsschatten des Gedankens
an Justinens Scheiden. Dem Senator gingen die Augen über. Er drückte
Allen hastig die Hände, und entfernte sich rasch, seinen Geschäften
nachzugehen.
Das Herz wurde ihm leichter: er sah Nothhafts Koffer von den
Packknechten nach dem Gasthause schaffen. Sein Herz wurde ihm schwerer:
der Doctor begegnete ihm bald hierauf.
»Nun, mein verehrter Herr?« fragte der Jesuit zutraulich und forschend:
»Ihr Gesicht trägt das Gepräge eines reuigern Sinns? Gewiß haben
Sie Ihren Entschluß gefaßt, und sind mit Ihrem Gewissen auf's Reine
gekommen.«
»Das bin ich, hochwürdiger Herr,« sagte der Senator hierauf muthig, und
zu der Waffe des Doppelsinnes greifend: »ich werde in Bezug auf meine
Tochter thun, was Recht ist.«
»Dafür segne Sie Gott und der Dank Ihres Kindes!« erwiderte der Doctor
mit Salbung, und verließ den ungeduldig Fortschreitenden. Während
dieser zum Bürgermeister wanderte, um bei demselben gegen Nothhaft zu
procediren, und hierauf den Steuercommissär aufsuchte, ihm zu sagen,
daß dessen Weib sich unterstanden, gegen seine Ehefrau schändliche
Injurien und Calumnien über ihn an den Tag zu legen, -- und dem
Commissär zu drohen, im Wiederholungsfalle seine geschärfte Klage vor
den Gerichten anzubringen, -- während dessen traf der Doctor Leupold
sehr zufrieden mit Superior und dem Schiffscapitän auf der Mailbahn
am Schwanenmarkte zusammen. Der Capitän war in seiner Uniform, der
Superior als Quäcker gekleidet. Die Anhänger dieser Secte waren
dazumal selten zu schauen, und von dem Volke sehr geehrt, weil die
sonderbare Einfachheit des Aeußeren Vieles von dem Innern hoffen ließ.
Der Lakonismus dieser Leute, die Gewohnheit derselben, den Hut auf dem
Kopfe zu behalten, ihre schmucklose Kleidung und ihr schulmeisterlicher
Gang sagten dem Superior als Larve vorzüglich zu, um darunter Tonsur
und Priesterschaft zu verbergen. So zufrieden der Doctor zu den Herren
trat, so unzufrieden waren diese gegenseitig, wie Leupold bemerkte.
Der Superior blickte sehr vornehm und niederschmetternd vor sich hin.
Der Capitän sah verdrüßlich aus, und ungeduldig mit dem Stocke in dem
Sand stochernd, rief er den nahenden Doctor an, sagend: »Sehr recht,
mein würdiger Herr, daß Sie kommen. Der sehr geehrte Herr und Freund
zu meiner Seite hat mich auf's Korn genommen, und will mir den Spiegel
sammt Mast und Korb und Raaen mit _einer_ Ladung zerschmettern. Helfen
Sie mir auf. Bezeugen Sie, daß ich der ehrlichste niederländische
Schiffscapitän bin, der jemals die See befuhr. Ist es wahr, daß ich
schmutzige Procente von meiner Fracht nehme? Ist es wahr, daß ich
Seelen-Verkäuferei und Negerspedition nebenbei betreibe, und somit
meine Fracht an Qualität und Quantität in Gefahr setze und schmälere?«
»Ich habe keine Beweise dafür,« versetzte der Doctor: »die
Correspondenten melden bisweilen dergleichen, mein guter Herr
Tormerpick, und wenn der sehr ehrwürdige Herr an Eurer Seite dasselbe
behauptet, so muß er wohl genauer unterrichtet sein!«
»Den Donner auch!« sagte Tormerpick mit galligem Ausdruck: »Es sollen
mich hunderttausend Tonnen voll Teufel regieren, wenn es wahr ist;
so wahr ich Jahn Tormerpick heiße und mein Vater, der wackerste
Steuermann, von einem Hai gefressen wurde; Gott habe ihn selig. Wahr
ist's, daß die Verläumdung am besten Rufe am eifrigsten nagt, und ich
will gar nicht läugnen, daß darauf hin meiner Redlichkeit mancher
unpassende Antrag gemacht wurde. Wie ich ihn aber stets zurückgewiesen
habe? Bei allen Signalen: dort läuft just einer, der mir gestern Abends
in der Schenke eine dito Eröffnung machte!«
Der Kapitän deutete auf Nothhaft, der in der Ferne quer über die
Straße ging. Der Doctor lächelte, an seine Unterredung mit dem Menschen
gedenkend. Der Capitän nahm's für ein ungläubiges Lächeln, und
betheuerte seine Aussage mit einem seemännischen Kraftworte.
»Es waren ihrer zwei beisammen,« sagte er ausführlicher: »der Mensch
dort -- wie er mir sagte: ein Ladenschwengel aus einem vornehmen Hause
allhier; und ein Anderer, ein Hamburger Ellenreiter, der von seinem
Principal weggejagt worden sein mußte, so abgerissen und liederlich
sah er aus. Die Burschen tranken Bier und schwatzten von Hamburg, von
dem Lotto, ... weiß Gott! wovon? Endlich schlief der Hamburger, der
am Meisten geschrieen hatte, ein, und der Andere kam auf mich zu, und
erzählte mir von einem jungen englischen Rindfleischesser, dessen
er gern gerathen möchte, wenn ich demselben eine Kommißbrodpfarrei
zu Batavia verschaffen wollte. Nun wissen Sie wohl, meine geehrten
Herren, daß man für einen achtzehnjährigen englischen Burschen,
der noch obendrein von guter Familie sein soll, einen ordentlichen
Batzen Handgeld bekömmt, und daß mancher Capitän im Dienste unserer
hochmögenden Herren eingeschlagen haben würde, -- wäre es nur aus
Tück und Tort gegen die Hallunken von England, und weil sogar die
Transportkosten bezahlt werden sollten; -- aber Capitän Tormerpick hat
den Werber derb heimgeschickt, daß er nicht mehr anfragen soll!«
»Armer James!« dachte der Doctor bei sich, der nun den Zusammenhang
begriff; dann setzte er laut bei: »ich möchte Euch wahrhaftig nicht
rathen, Capitän, in den Handel einzugehen. Ich kenne den bezeichneten
Jüngling und prophezeie Euch schlechte Folgen, wenn Ihr Euch an
demselben vergreifen solltet.«
Der Capitän machte ein sehr langes und albernes Gesicht; der Superior
setzte mit einem sehr finstern hinzu: »Ueberhaupt, Capitän, gebe ich
Euch noch die Weisung in den Kauf, in Zukunft Eure Taxe, Zoll-Listen
und Spesen billig einzurichten. Die Gesellschaft möchte ansonst
leicht dazu bewogen werden, unter den holländischen Capitänen einen
Stellvertreter für Euch zu erwählen. =Quod notandum!=«
Tormerpick führte sich mit verschiedenen Gemeinplätzen und
oberflächlichen Bereitswilligkeits-Versicherungen ab. Der Superior
sandte ihm noch einige Anmerkungen nach, und sagte alsdann zu dem
Doctor: »Pater Münzner! ich bin nicht sehr mit Ihnen zufrieden. Sie
sehen dem Schiffs- und Speditoren-Volk nicht genugsam auf die Finger.
Sie schaden dadurch den Benefizdividenden unserer Gesellschaft; sind
auch zu nachsichtig gegen mangelhafte Zahler, sind auch zu freigebig
gegen Arme. Ihr Almosenbuch, das ich heute durchblätterte, strotzt von
Ausgaben aus Ihrer Cassa. Das geht nicht. Almosengeben mit billigem
Maaß und Ziel ist nützlich; es empfiehlt; es bindet. Die diesem Zwecke
entsprechende Quelle muß jedoch aus den Taschen christlicher Wohlthäter
in den Sack der Armuth geleitet werden; nicht aus dem Vorrathe der
Gesellschaft, die nur verstattet, größere Summen herzuleihen, welche
doppelten und dreifachen Zins zu tragen versprechen. Ich glaube, wir
thun ohnehin schon genug an der Menschheit. Nebenbei, mein lieber
Pater, verschwenden Sie Ihre Freigebigkeit an Unwürdige. Was soll zum
Beispiel die namhafte Unterstützung bedeuten, die Sie einem Comödianten
zugewendet haben? In der That, -- wäre mir Ihr reiner Sittenwandel
nicht bekannt, ich würde vermuthen, der Comödiant sei im Besitze eines
hübschen Weibes.«