»=Pessime!=« rief der Superior: »das darf nicht geschehen. Das Mädchen,

als einzige Erbin eines sehr beträchtlichen Vermögens muß der Kirche

zugewendet, und von dem Anglikanen abgezogen werden. Wir hätten =pro

Studio et labore= nichts als das leere Nachsehen? Nein, lieber Pater

Münzner! lassen Sie uns in die Fußstapfen unserer würdigen Vorgänger

treten, die auch nicht vom Heller des Armen ihre Collegia und

Prozeßhäuser erbaut haben.«

»Wie wollen Sie aber vorbauen, Pater Superior? Ich mißbillige die

Sache, weil es mich schmerzt, ein unschuldiges Schäflein auf ewig

von der Heerde, der es sich näherte, getrennt zu sehen, -- aber ich

begreife nicht, wie....«

»Sie begreifen nicht? Sind Sie nicht der Beichtvater des Senators?

Pressen Sie sein Gewissen in die Schrauben ihrer gerühmten Dialektik.

Einem gewandten Beichtvater ist nichts unmöglich. =Experienta docet=.

Während Sie sein Herz mit den Sturmblöcken einer zerschmetternden

Rhetorik belagern, ihm sein Kind im Feuer der Verdammniß zeigen, --

mag die Lainez von der andern Seite dem Mädchen kräftig, schlagend

zusetzen. Ich habe schon Meisterstücke in dergleichen Angelegenheiten,

-- =Caeteris paribus=, -- verrichten gesehen, selbst verrichtet.«

»Der Glaube ist in dem Senator nicht sonderlich stark genug, um...«

»=Res indifferens!= So greifen Sie seine schwachen Seiten an. =Cum

auxilio divino= muß Alles gehen. Die Lainez soll nicht saumselig sein!

=periculum in mora=! Das Mädchen wird allerdings auch seine schwachen

Seiten haben. Die Weiber sind gebrechlich. Ist unsere liebe Tochter in

Hoffnung nicht etwa verliebt? Da könnte Ihr Pflegesohn benützt werden.«

»O weh! Steh uns der Himmel bei. _Er_ ist in das Mädchen verliebt.

Justine zeigt aber keine Spur von Empfänglichkeit. --«

»Ein kalter Frosch? Desto besser. Sie muß in's Kloster; unserer

Gesellschaft alles zuwenden, bis auf ein Pflichttheil für die

Schwestern. Sie sagen, man schätze den Senator auf dreimal

hunderttausend Thaler? Und diese Summe sollte uns entgehen? =Minime=,

Pater Münzner. Alles zur größern Ehre Gottes!«

»Sie legen mir da ein hartes Probestück auf,« versetzte der Doctor

seufzend: »um des Eigennutzes willen....! ja, wenn es einzig die

Sorgfalt für des Mädchens Seelenheil gälte! --«

»Bilden Sie sich das ein, Pater Münzner. Ich erlaube es Ihnen. --

Aber, lassen Sie ja den goldgefiederten Vogel nicht aus. Und, --

beharrt das Mädchen auf Widerspenstigkeit, so muß es möglich gemacht

werden, daß sie der Vater enterbt. Es _muß_ möglich gemacht werden,

Pater Münzner! Verstehen Sie mich wohl?«

»Ich verstehe;« antwortete der Doctor niedergebeugt.

»Nie sind die Zeiten schwieriger gewesen, als jetzt;« fuhr der Superior

ruhig fort: »die langen Kriegsjahre haben das flammende Verlangen

der Gläubigen, der Kirche wohl zu thun, gedämpft. Der Handel hat

durch Kapereien gelitten. Viele fähige Studenten werden auf Kosten

der Gesellschaft erhalten, gebildet, versendet. Man muß zu allen

Hülfsmitteln greifen, um die überschwenglichen Kosten unserer Arbeiten

zu decken. Die dreimal hunderttausend Thaler dürfen nicht nach Amerika!

Der Wiklefit soll abziehen, oder -- wenn Alles nichts hilft ... nun,

wir werden sehen. Ich verpflichte Sie, Pater Missionär, Morgen alsobald

Ihre Bemühungen, mir zu gehorsamen, anzutreten. Thun Sie die ersten

Schläge, während ich mit dem verschmitzten Tormerpick Abrechnung halte.

Wenn Ihrem Scharfsinn, was ich Ihnen andeutete, gelingt, -- und es

_muß_ gelingen, -- so sein Sie der vortrefflichsten Note in meinem

vierteljährigen Censurbericht an den General vergewissert.«

Der Doctor, wenn schon im Herzen tief verwundet, verbeugte sich, wie

es der Gehorsam erforderte, und brachte eine qualvolle Nacht unter dem

Kampfe seines Gewissens, und der Pflicht, die er beschworen, zu. --

James, der ihm am nächsten Morgen mit rothgeweinten Augen entgegentrat,

zerriß seine Seele noch mehr.

»Mein Vater!« sagte ihm der junge Mann, auf dessen Zügen der Schmerz

saß: »ich kann nicht in das Noviziat treten. Ich kann nicht, und sollte

es mein Unglück sein!«

»Du mußt!« erwiderte ihm der Doctor streng, und drehte sich von ihm,

daß er das Mitgefühl nicht in den Zügen des Pflegers lese.

»Ich muß nicht, mein Vater!« fuhr James mit kalter Entschlossenheit

fort: »ich bin kein Leibeigener. Ich will Ihnen im Orden keine Schande

machen. Ich tauge nicht dazu; ich verabscheue mich selbst, um der

Winkelzüge, zu welchen ich mich brauchen ließ. Haben Sie Mitleid mit

mir, Sie, mein zweiter Vater!«

»Der Pater Superior nimmt mir meine Pflichten gegen dich, sammt meinen

Rechten auf deine Person ab;« erwiderte der Doctor, wie oben: »fasse

und füge dich.« --

»Ich mich fassen? ich mich fügen?« rief James, wie außer sich: »Ich

soll mich in Klosterfesseln schmieden...? ich, der die Fesseln dieses

_Lebens_ nur mit Mühe trägt?«

»Mensch!« sagte der Doctor hierauf erschrocken, und sah dem Jüngling

aufmerksam ins Auge: »Was sollen diese Worte bedeuten?«

»Meinen Ueberdruß an der Welt, Vater; meinen Ekel am Dasein. Ich

bin zum Unglück geboren, wie die Meinigen zum elendesten Tode. Hier

lächelte mir, dem Spion, dem elenden Hehler und Helfershelfer ein Stern

der Wonne; ... ich fühlte Seligkeit!«

»Die Seligkeit eines Thoren! Die Verzuckung des heidnischen Bildhauers

vor einem Marmorbilde!«

»Nein, mein Vater! ich war kein Thor; ich bin es nicht! Noch jetzt

erhält mich der Gedanke, daß Galathee im Innern der kalten Brust Leben

für mich empfindet! Aber -- wenn das Geschick befiehlt, -- wenn sich

erwahrt, was die Lainez mir so eben vertraute, -- wenn Justine einem

Andern angehören soll, -- dann höre ich auf, zu leben; bei Gott! ich

höre auf, zu sein!«

»Wohlan!« entgegnete der Doctor bitter und verletzt: »so höre auf,

wie tausend Narren deines Nebellandes, deren leeres Gehirn sich an

der Leere ihres Lebens langweilt; höre auf, wie ein insolventer

betrügerischer Schuldner, und überlasse mir, dem Getäuschten, die Last,

deine Schulden an deine Ernährer zu bezahlen!«

»Mein Vater!« stammelte James, von Scham ergriffen: »Was sagen Sie?

O, Sie haben Recht! Ich gehöre ja nicht mehr mein. Ich bin Ihnen und

den Obern verschuldet! ich bin Ihr Sklave! O, so machen Sie mich zu

Gelde! Verkaufen Sie mich, damit ich mein Leben hindurch unter Blut und

Thränen arbeiten muß, um das Jahr zu bezahlen, das mir Ihre Wohlthaten

fristeten!«

»Undankbarer, roher Mensch!« sagte der Doctor unwillig: »So gehe hin

und suche den Tod in eitlem Wahne. Du sollst mir nicht noch einmal

vorwerfen, wie wenig ich für dich gethan.«

Der erschütterte Ton des Doctors machte den besten Eindruck. James

stürzte reuevoll vor ihm nieder, weinte auf seine Hände. »Ich soll

leben? ich _will_ leben!« schluchzte er; »aber wie wird es möglich

sein, wenn Justine des Amerikaners Weib wird?«

Den Doctor traf's durch's Herz. Er blickte nach dem Gemache, in welchem

der Despot seiner Handlungen noch schlief, erinnerte sich seines

qualvollen Geschäfts, neigte sich zu James und -- um wenigstens _eine_

gute Frucht aus der hinterlistigen That zu gewinnen, die er vollbringen

sollte: die Beruhigung einer verzweifelnden Seele -- sagte er ihm:

»Justine wird nicht des Amerikaners Weib!«

Somit ging er von dem Staunenden, um den Senator zu besuchen.

Ein finsterer, wolkenumzogener Tag paßte vortrefflich zu seiner

Gemüthsstimmung. Während des Gehens wollte er beten, -- aber dunkle

Gedanken durchbrachen in Massen sein Gebet. In sich gekehrt, betrat

er Müssingers Haus. -- »Sind der Herr Senator oben?« fragte er mit

gesenktem Auge einen Menschen, der ihm entgegenkam. -- »Ja, Monsieur;«

antwortete man ihm kurz und unhöflich. Der Doctor sah auf. Nothhaft war

der grobe Bescheidgeber, und nicht wenig erstaunt, den Mann vor sich zu

schauen, mit dem er vorgestern einen Handel hatte abschließen wollen.

Auch der Doctor erinnerte sich seiner. »Sieh da, Monsieur!« sagte er:

»finden wir uns hier? Sie blieben aus, Verehrter?« -- »Ich weiß nicht,

was Sie wollen!« schnauzte ihn der Andere überrascht, verlegen, und

unerkannt zu sein wünschend, an: »Ich kenne Sie nicht, Monsieur!«

_Er_ zum Hause hinaus; der Doctor die Treppe hinan. Des Senators

Gesicht trug alle Spuren einer mühselig durchwachten Nacht, und kaum

verzog sich seine Lippe zu einem matten Willkommslächeln, als der

Beichtiger eintrat.

»Sie finden mich schwach und krank,« sagte Müssinger, wieder in die

Kissen seines Ruhebetts zurücksinkend; »doch ist mir Ihre Gegenwart von

hohem Werthe. Ein stürmisch rollendes Geschick hat mich, so zu sagen,

an Sie gebunden, während alle Wesen, welche die Natur mit mir verband,

von mir abfallen zu wollen scheinen, und selbst übernatürliche sich in

mein Verhängniß mischen. Eine Frage, hochwürdiger Herr: glauben Sie,

daß zwischen Sterblichen und abgeschiedenen Geistern von Sterblichen

ein Rapport eintreten kann?«

Der Doctor stutzte. »Die Philosophie unserer Religion, und häufige, von

Zweiflern vergebens bestrittene Erfahrungen weisen mich an, Ihre Frage

zu bejahen.«

Der Senator seufzte tief, und stützte das wankende Haupt in die

kraftlose Hand. »Hören Sie an,« erwiderte er alsdann: »was mir in den

Spätabendstunden des gestrigen Tages begegnet ist. Von den mancherlei

Gemüthsbewegungen, die mich erschüttert hatten, wie von quälenden

Mißverständnissen in meiner Häuslichkeit ermüdet, war ich in meine

Stube gegangen, um zu ruhen und einen erquickenden Schlaf zu thun.

Ich las in dem Gebetbuche, das ich Ihrer Fürsorge verdanke, die Lampe

brannte dunkel; aus meinen Betrachtungen erwachend, erhebe ich mich,

den flackernden Docht zu putzen, -- da schaue ich zufällig nach der

Thüre, und diese steht halb offen, -- und zeigt mir eine Gestalt, die

mich erbeben macht, die leichenhafte Gestalt des seligen Birsher in

seinem weiten weißen Ueberrocke, den er zuletzt trug, -- mit hohlen,

starrenden Augen. Ich will rufen, -- die Kehle ist mir zugeschnürt. Die

Erscheinung öffnet dagegen den schaurigen Mund, und ich vernehme die

dumpfen Worte: Du hast mich umgebracht, und willst auch die Tochter

tödten? -- Nicht nach Amerika! Wehe sonst! -- Wie Todtenglocken sausten

die Töne in mein Ohr, und im Nu verflimmerte das Gespenst vor meinen

angstvollen Blicken. Sein Abschied löste die Bande meiner Zunge. Außer

mir stürzte ich in einem Sessel um, rief nach Hülfe; Justine kam, Leute

kamen. Die Erscheinung ist von einigen gesehen worden, und spurlos

verschwunden. Ich befinde mich im gräßlichsten Seelensturm. Rathen

_Sie_, reichen Sie mir den Anker des Heils!«

Der Doctor combinirte, still vor sich hinschauend, des Senators Aussage

mit dem Behaupten der Lainez, und betrachtete diesen Zwischenfall als

einen Fingerzeig aus hohen Wolken zur Erreichung des ihm aufgegebenen

Zwecks.

»Eine seltsame Begebenheit!« sagte er bedächtig und ernst: »der

innigsten Prüfung werth. Es scheint, als ob in der Zukunft Unheil

brüte, ... als ob der Geist des Abgeschiedenen, der Ihre Tochter lieb

gewonnen hatte, dieselbe zu retten, seinen Wohnort verlassen, ein

nothwendiger, warnender Helfer!«

Der Senator nickte stumm mit dem Kopfe. »Was würden Sie an meiner Statt

thun, ehrwürdiger Mann?« fragte er.

Der Doctor zuckte die Achseln. »Fragen Sie lieber,« sprach er, »was

ich _vor_ jener bedeutungsvollen Erscheinung gethan haben würde. Ich

hätte meine Tochter nicht mit dem Amerikaner verlobt. Diese Leute

sind Ihnen verderblich. Mit dem Vater zog ein bedauerliches Unheil in

Ihre Wohnung. Der Sohn wird nicht viel Besseres bringen. Nennen Sie

dieses Vorurtheil. So wie es in der Natur Elemente gibt, die sich ewig

Widerpart halten, so verflicht das Schicksal öfters gewisse Menschen in

gegenseitige Feindseligkeit, ohne daß sie es ahnen. Wenn wir annehmen,

daß mancher Tag, manche Stunde wichtiger ist, als die übrigen,-warum

nicht auch ein Menschenloos vor dem andern? Ich hätte Justinen dem

jungen Manne nicht versprochen, nicht dieses Einschreiten einer

unbekannten Macht herbeigerufen!«

»Ich war so heiter geworden,« versetzte der Senator, »ich sah eine

furchtbare Wildniß, die mich entsetzt hatte, plötzlich geebnet. Sie

wissen es: wir hatten uns zu offenem und heimlichem Krieg gegen den

gefürchteten Gast gerüstet. Statt des Zürnenden, Argwöhnischen erschien

jedoch ein Friedensengel, ein Johannes an milder Güte und Vertrauen.

Ich konnte ihm die Tochter nicht weigern ... ich mochte es nicht,«

setzte Müssinger stockend bei, »um oben den Schatten des Vaters zu

versöhnen.«

»Unglücklicher!« sagte der Doctor mißbilligend: »Kaum in den Schooß

der wahren Kirche aufgenommen, verkennen Sie deren Wohlthaten? War

nicht schon jede Sünde von Ihnen gewichen durch meine Absolution?

Bedurften Sie noch eines Sühngedankens, der an heidnischen Irrthum

gränzt? Mehr noch, Herr Senator: dieser Vorsatz ist ein Verbrechen

gegen die liebende Allmutter unserer gottseligen Herde. Sie werfen

durch die Verbindung mit dem Protestanten Ihre Tochter in den Pfuhl der

Verdammniß, statt sich Ihrer väterlichen Gewalt zu bedienen, sanft und

ernst die Unbekehrte auf den Pfad des Heils zu bringen!«

»Mein Vater! das kann ich nicht,« entgegnete Müssinger entschlossen:

»ich bin zum Bekehrer verdorben. Mein Kind wandle seinen Weg unter der

Obhut des allbarmherzigen Vaters. Ist es dessen Wille, so wird meine

Tochter selig werden -- so wird sie zum wahren Hirten gelangen; so

Gott will, ohne, wie ich, von einem grausamen Zusammentreffen aller

Schrecknisse zu einem Uebertritt gezwungen zu werden, den ich...«

Er schwieg plötzlich. Der Doctor ergänzte mit strafendem Blicke, »den

ich jetzt schon von Herzen bereue. Sprechen Sie es nur aus. Ihre

Verhältnisse haben sich ja so gestaltet, daß, was Sie gethan, ganz

unnöthig war. Sie bedurften der Lossprechung nicht, weil der Sohn des

Todten Ihnen freundlich entgegentrat; Sie bedurften meines Rathes

nicht, weil er Ihnen sogar die Gelder schenkte, vor deren Rückzahlung

Ihre Oekonomie, vor deren Bewahrung Ihr zartes Gewissen schauderte. Sie

bedurften meiner Hülfe gegen den Feind nicht, weil sich dieser selbst

in Ihre Hände lieferte. Ihr Uebertritt war zwecklos. Sie wünschten ihn

ungeschehen zu machen; beinahe wünschte ich es auch, weil Sie meine

Theilnahme und mein Vertrauen auf eine unwürdige Weise mißbraucht

haben.«

»Hochwürdiger Herr...«

»Ich gehe von Ihnen; wohl! Bedenken Sie jedoch, daß, indem ich auf

immer von Ihnen scheide, mein Segens- und Lösespruch zu nichte wird. --

Sie werden in Ihre Irrthümer, in Ihre Zweifel, in Ihre Gewissensqualen

zurückfallen; eine Beute der mahnenden Geisterwelt werden, Ihre Tochter

mit Ihnen in's Verderben reißen, und, statt einst mit Clara vereint,

himmlische Wonne zu genießen, in Ohnmacht und Pein vergehen, weil Ihr

Ohr taub geblieben, -- weil Sie die irdischen Stimmen und die Stimmen

von Jenseits nicht gehört!«

»Ach! welch' ein Abgrund von Trostlosigkeit und Furcht!« klagte

der Senator, den Doctor, der zu gehen Miene machte, zurückhaltend:

»Verlassen Sie mich nicht! rathen Sie mir; helfen Sie mir! Mich verläßt

der Verstand und Gott, wenn Sie von mir scheiden!«

»Wo bleibt Ihre Entschlossenheit, Herr Senator? Ihr unbiegsamer

Charakter?«

»Ich bin nicht mehr Müssinger,« versetzte der Senator tiefgebeugt; »ich

kenne mich selbst nicht mehr. Wenn Sie verlangen, will ich, wo möglich,

alles zurücknehmen; aber ... der Betrag jener Wechsel, ... wird Georg

denselben nicht fordern, wenn aus der Hochzeit nichts wird?«

»Sind denn die Wechsel nicht in Ihren Händen? Ich bevollmächtige Sie,

zu beschwören, daß Sie an Birsher, den Vater, das Geld gezahlt. -- Sie

leisten den Eid mit dem stillschweigenden Sinnesvorbehalt, daß Sie die

Nothausflucht auf dem Wege wieder ausgleichen wollen, den ich Ihnen

bereits angegeben, und Alles ist in völliger Richtigkeit; Ihr Heil

bewahrt.«

Der Senator stand entschlossen aber unzufrieden auf, und entließ mit

den Zeichen einer völligen Sinnesänderung den Doctor, an welchem

Justine hastig und kalt grüßend vorüber zum Vater ging.

»Verhüten Sie doch Unheil, bester Vater,« sagte sie schnell und

mit Thränen des Unmuths in den Augen: »Erklären Sie sich gegen die

Mutter. Sie räumt ihre kostbarsten Sachen zusammen, -- sie verschließt

ihre Schränke, -- sie will heute Abend das Haus verlassen. Welch'

eine Schande für uns, wenn das geschieht! Reden Sie mit ihr, und ein

grausames Mißverständniß wird sich heben!«

Des Senators bleiches Gesicht verwandelte sich in ein zornrothes.

Erschrocken und verletzt zugleich eilte er, dem Justine zuredend und

ermahnend folgte, dem Gemach seines Weibes zu. Jacobine war gerade

beschäftigt, aus Schubfächern und Commoden ihre Kleider, ihre Wäsche zu

nehmen, und die ungeheuern Schränke damit anzufüllen, die sie, voll von

ihrer Aussteuer einst in's Haus gebracht. Sie zuckte etwas zusammen,

als sie den Senator wahrnahm, ließ sich jedoch nicht stören, drehte ihm

den Rücken, und kramte, ohne ein Wort zu reden, weiter fort.

Auf die dreimal und immer heftiger wiederholte Frage des Gatten:

»Jacobine! Was machst Du da?« antwortete sie endlich, der Anrede

überdrüssig, kurz und verächtlich:

»Du siehst's.«

»Du packst ein?«

»Ja.«

»Warum?«

»Ich gehe fort; heute noch.«

»Jacobine! von deinem Ehemanne? aus deinem Hause? von deinem Kinde?«

»Ist Justine ein brav Mädchen, so geht sie mit. Wo nicht, desto

schlimmer für sie.«

»Lieblose! Blödsinnige!« donnerte Müssinger, kaum seiner mächtig:

»Wiegelst du wieder mein Kind gegen mich auf? Was that ich dir,

Besessene? Rede endlich!«

Die Senatorin schwieg in galligem Stumpfsinn. Justine, den bebenden

Vater betrachtend, und Alles fürchtend, lief auf die Mutter zu, fasste

deren Hände, und bat weich und flehend: »So reden Sie doch, Mutter.

Beendigen Sie doch diesen gräulichen Zwist. Justine bittet Sie herzlich

darum!«

Die Senatorin schob sie heftig von sich, und trieb ihre Geschäfte

weiter. Justine folgte ihr ins andere Zimmer, versuchte noch ein

Bittwort, und da auch dieses nicht fruchtete, stellte sie sich der

ausweichenden Mutter in den Weg, und sagte mit geschärftem Nachdruck:

»Sie werden jetzo dem Aergerniß im Hause auf eine oder die andere Weise

ein Ende machen, Mutter. Sie werden es, so wahr ich Justine heiße.

Sollen die Dienstleute noch mehr des schändlichen Geredes unter die

Leute bringen? Soll mein -- der Unschuldigen Wohl unter Ihrer übeln

Laune leiden? Geben Sie jetzt noch nicht dem billigen Verlangen meines

Herrn Vaters nach, so nenne ich Sie nie mehr meine Mutter!«

»Unglückskind!« zürnte Jacobine: »hätte ich dich nicht geboren!«

»O du Rabenmutter!« rief der Senator, der ihnen gefolgt war, und nun

voll Wuth auf Jacobine zuging: »Bist du denn werth, daß dich die Sonne

bescheint?« Seine Hand suchte und fand das spanische Rohr am Kamin.

Justine hielt ihn mit aller Kraft zurück. Die Senatorin jedoch, ohne

die drohende Bewegung zu fürchten, stellte sich ihm trotzig entgegen,

und rief herausfordernd: »Nun, so komm' an! Schlage mich todt, wie den

alten Birsher, dessen Gespenst schauderlich im Hause herumgeht, und

mit dir, dem Schuldigen, alle Unschuldigen quält, daß sie unmöglich

ausdauern können!«

Wie Bildsäulen standen der Senator vor dem Donnerworte seines Weibes,

-- Justine vor dem Erschrecken des Vaters. Er hatte die entsetzliche

Entwicklung nicht geahnt. Justine _hatte_ sie geahnt, -- aber nicht das

Verstummen des Beschuldigten, den ihr Gemüth bisher frei gesprochen.

Mit Mühe gewann Müssinger seine Sinne wieder und die Sprache.

»Lasse mich mit diesem Weibe, deiner Mutter, allein!« sagte er mit

erlöschender Stimme, blaß wie der Tod und winkte dem Mädchen zu gehen.

»O du mein Herrgott!« kreischte das Weib: »Er will mich mißhandeln!«

»Bleibe, tolles Weib!« entgegnete der Senator, und zog sie mit solcher

Gewalt in einen Sessel nieder, daß sie plötzlich verstummte, sich nicht

mehr regte.

Justine wich nun auf ein zweites Zeichen ihres Vaters der traurigen

Scene aus, die sich unter ihren Augen entsponnen hatte. In der

Wohnstube kam ihr Georg Birsher entgegen: freundlich, offen, ruhig wie

gestern.

»Ich sehe Sie gerne, liebe und gute Miß,« sagte er: »Ihr Anblick ist

mir ein Trost vor dem traurigen Geschäfte, das mich erwartet. Die

Commissarien des Gerichts werden erscheinen, und mir den Nachlaß

des Vaters übergeben. Schenken Sie mir zuvor das Köstlichere: Ihre

Gewogenheit.«

»Ich habe nichts gegen Sie, Monsieur,« versetzte Justine, verlegen an

der Schürze zupfend: »Was wird aber Ihnen an der Gewogenheit einer

Jungfer, wie ich bin, liegen?«

»Viel; weil aus der der Gewogenheit herzlichere Freundschaft werden

kann. Sehen Sie, Miß: Als mein Vater sagte: Georg! du wirst heirathen,

und das Mädchen nehmen, das ich dir bestimme: ein deutsches wirthliches

Mädchen, das mein Correspondent sehr lobt an Eigenschaften und

Vermögen! -- Da dachte ich bei mir selbst: In Gottesnamen! Der Vater

wills; aber ich kann's schon erwarten. -- Als ich Europa betrat, und

hörte, daß mein Vater gestorben, dachte ich: Sein Verlobungswort lebt

zwar noch. Wird es mir jedoch zurückgegeben, ist mirs gleichviel. --

Als ich aber hier ankam, in Ihr leuchtendes Auge sah, und tief in Ihr

Herz; -- da wurde es anders. Seitdem denke ich: es würde ein Unglück

für mich sein, wenn ein solches Capital mir entginge. Ohne Umschweife

denn, meine werthe Jungfer! Ihr Herr Vater wird mit Ihnen geredet

haben. Ich bin ein ehrlicher Mann, suche eine ehrliche Frau, und

wünsche Sie an dieser Stelle. Was antworten Sie hierauf?«

Justine sah auf die Spitzen ihres Aermels, dann fest und sicher in

Georgs festes und sicheres Auge, und sprach ohne Umstände: »Was mein

Herr Vater will, ist mir, einer gehorsamen Tochter recht. Ich kann Sie,

glaube ich, wohl leiden, mein Herr. Ich will mit Ihnen gehen, wenn sie

es wünschen; als Ihr Weib und Ihre treueste Freundin.«

Birsher verbeugte sich sehr erfreut, und versetzte: »Wollten Sie mir

nicht erlauben, holdselige Braut, einen Kuß auf Ihre Wange drücken, und

Ihnen ein Pfand dieser Stunde verehren zu dürfen?«

Justine nickte freundlich, und duldete den verschämten Kuß. Georg zog

hierauf einen schlichten goldenen Reif vom Finger, steckte ihn an ihre

Hand, und sprach:

»Amerikanisches Gold, ächt und klar wie amerikanische Treue! Der

Brautschmuck von brasilianischen Steinen, den mein Vater Ihnen

zugedacht, und den ich Ihnen bald überreichen werde dürfen, ist zwar

zehnmal schöner als dieser Ring. Ich bilde mir jedoch ein, daß der Ring

mehr Werth für Sie haben werde, weil er von _mir_ kömmt, und nicht vom

freiwerbendem Vater eines willenlosen Sohnes.«

»Sie charmiren mich durch das artige Präsent!« versicherte Justine

lächelnd, und entfernte sich mit dreimaliger Verbeugung, weil die

Commisarien sich hören ließen. Im Begriff, dem Vater diese Nachricht

zu bringen, begegnete sie ihm, der aus der Mutter Zimmer trat. Er

schien gefaßt. Die Senatorin saß, wie die klaffende Thüre sehen ließ,

mit gefalteten Händen, stumpf brütend und niedergeschlagen auf einem

Stuhle. Justine wünschte dem Vater schüchtern Glück, zur Beruhigung der

Mutter.

Die Albernheit hält in ihrem Kopfe offne Bank; sagte der Senator

eiskalt und verächtlich: Man muß sie verblüffen, da mit Raison nicht

anzukommen ist. Ich habe ihr geschworen, daß ich sie als verrückt

ins Irrenhaus bringen lasse, wenn sie noch _einen_ Schwank macht,

wie gestern an dem tollen Teufelstage. Du stehst mir dafür, daß sie

mittlerweile nicht aus dem Hause geht. Die Verläumder, die ihr solche

Schandmücken in das Ohr gesetzt, will ich schon finden, schon züchtigen.

Justine freute sich der Ruhe ihres Vaters. Sie schien ihr ein Bürge

seiner Schuldlosigkeit. Sie wollte seine Zufriedenheit erhöhen, und

sagte: »Sie werden mich loben, Herr Vater. Justine ist gehorsam und

eilig, Ihren Wünschen zu entsprechen. Monsieur Birsher kam vor einer

Viertelstunde; er hat mit mir geredet; ich trage seinen Verlobungsring.

Hier ist er, lieber Vater!«

Des Senators Gesicht verzog sich düster und unwillig. »Warum diese

Eile?« brauste er auf: »Alles zur Unzeit! Das Donnerwetter soll ...

Welche Plage mit unbesonnenen Weibern!«

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 15 / 32 段