Vermuthung enthüllen. Ich fühle mich jetzt nicht aufgelegt, durch eine
Unbesonnenheit einem Andern, oder Ihnen selbst Unrecht zu thun. Ich
habe Ihre Klugheit gewarnt. Angeberin kann und will ich nicht sein.«
Sie verließ heiterer, erleichterter den Vater. Die Dämmerung war schon
eingebrochen. Die Thüre ihrer Mutter war verriegelt. Das Dienstmädchen
berichtete, die Frau Senatorin hätte Thee begehrt, und hierauf das
Zimmer verschlossen, um ruhig zu schlafen. Die alte Marthe wache an
ihrem Lager.
»O welch' eine Zerstörung alles häuslichen Friedens!« seufzte Justine,
da sie an dem offenen Eßzimmer vorüber ging, das, verödet, vom blassen
Mondlicht erhellt, die gemüthlichen Abendgäste nicht aufwies, die
sich vor Zeiten wohl öfters darinnen einfanden. Justinens Schritte
wurden schneller, als sie an der verschlossenen Thüre des Zimmers
hinschlüpfte, welches der verstorbene Birsher eine Nacht hindurch
bewohnt hatte. Mit beengtem Athem betrat sie ihr eignes Zimmer. Die
Lainez saß darinnen, lesend, und erhob sich bei Justinens Ankunft.
»Sie blieben recht lange, meine Verehrte,« sagte die Französin mit
einem freundlichen Vorwurfe im blühenden Gesichte. »Die Pflicht allein,
mein Amt in Ihre Hände niederzulegen, stärkte mich mit Geduld. Hier,
meine Beste, ist all das kostbare Silberwerk, das man in der Verwirrung
auf der Tafel gelassen -- eine Beute für jeden kecken Dieb. Zählen
Sie die Stücke, Mademoiselle. Ferner empfangen Sie die Schlüssel zu
Speisekammer und Keller, die Sie mir anvertrauten, und entbinden Sie
mich meiner Verantwortlichkeit.«
Justine küßte die Hülfreiche dankbar auf die Wange, erstaunte aber,
als diese nach dem Mäntelchen und den Handschuhen griff. »Wollen Sie
nicht bei mir bleiben?« fragte Justine verwundert: »ich bat Sie ja, mit
unserm Hause verlieb zu nehmen.«
»Ach, diese Güte! meine beste Jungfer, darf ich sie annehmen? Besinnen
Sie sich wohl. Welche Figur würde ich in Ihrem Hause darstellen,
worein ich so unvermuthet, unvorhergesehen kam? Das Staunen Ihres
Vaters, der gar nicht ermuthigende kalte Empfang Ihrer Mutter, das
Glotzen der Domestiken ... Ach der Spott dieser Letzteren, bei Allem,
was ich anordnete, -- und ich verstehe doch, ein anständiges Haus zu
verwalten, -- er schnitt mir in's Herz. Seht doch die Französin! hieß
es rings um mich, und ich hatte Mühe, meinen Verdruß zu verbeißen; ein
Unglücklicher ist ja doppelt reizbar! Erlauben Sie daher, daß ich Ihr
freundliches Anerbieten ausschlagen darf.«
»Ei mit nichten,« versetzte Justine sehr erbittert: »Sie erzählen mir
da von Schändlichkeiten, denen ich ein schnelles Ende machen werde.
Verzeihen Sie, liebe Frau, unserm dummen Mägdevolk vom Lande, dem Alles
lächerlich vorkommt, das nur ein wenig aus dem Geleise schreitet,
welches diese Gänse Tag für Tag auszutreten gewohnt sind. Morgen
sollen Sie schon ernsthafter sein -- ich stehe ihnen dafür. Sie kennen
mich, und wissen, wie man mit mir verfährt, wenn ich ungnädig bin. Ich
verstehe die Mittel, solch' unbescheidenes Gesindel zur Ordnung zu
bringen. -- Nein, Madame, Sie müssen bleiben; meine Ehre steht auf dem
Spiele: denn, was ich mir einmal vorgenommen, muß ich durchsetzen, ...
und wenn...! lächeln Sie nicht; man nennt mich allgemein die tolle
Justine, und manchmal hat man Recht.«
»Welche kindliche Naivität!« rief die Lainez, und streichelte Justinens
Hände: »eine Königin, so schön, so liebenswürdig, so lebhaft wie Sie
auf Frankreichs Throne, und meine Landsleute würden Sie vergöttern!«
Justine sah plötzlich mit großen und sehr unmuthigen Augen in die Höhe.
»Warum nicht gar?« sagte sie kurz abbrechend: »welche Schmeichelei. Sie
können Ihr Vaterland nicht verläugnen, Madame Lainez!«
Die Französin war betreten, dann erwiderte sie mit dem schmachtenden
Augen-Aufschlag, den sie vollkommen in der Gewalt hatte: »Verzeihen Sie
Mademoiselle. Entschuldigen Sie die fade Uebertreibung, womit sich mein
Mund versündigte, mit der herzlichen Anhänglichkeit, die ich für Sie
hege, und die etwas Besseres sagen wollte.«
Justine bereute schon das harte Wort, und glaubte um so leichter dem
Bittworte. »Das lasse ich mir gefallen,« sagte sie, der Lainez versöhnt
die Hand reichend: »lernen sie immerhin in Deutschland, das Ihr zweites
Vaterland werden soll, sich deutscher aussprechen.«
Sie zog die Wittwe vertraulich neben sich auf einen Stuhl, und
fuhr fort: »Hören Sie, wie ich mir Alles, was Sie betrifft, klar
und baar ausgesponnen habe. Sie bleiben vor der Hand bei mir, --
unter dem Schutze Ihrer Königin,« setzte sie lächelnd bei. »Aber
leider kann dieser unmittelbare Schutz nicht lange dauern, da mein
eigenes Schicksal eine rasche Wendung nehmen, -- mich für immer von
hier entfernen wird. Daher -- nebenbei gesagt, darf Ihnen vor Vater
und Mutter nicht bange sein; ich heiße Justine und stehe für Alles,
-- daher lasse ich an einem der nächsten Sonntage unsre Karosse
einspannen, und bringe Sie, meine gute Frau, nach einem Städtchen in
der Nachbarschaft, wo eine alte Base meines Vaters lebt; -- etwas
taub, etwas stumpf, aber wohlhabend, gottesfürchtig, und mir mit
uneigennütziger Liebe ergeben, ob sie gleich eine veraltete Jungfer
ist. In ihrem Hause erhalten Sie Kost und Wohnung, und besuchen fleißig
den Pfarrer der wallonischen Gemeinde in jener Stadt, wenden sich
von der aufgedrungenen Religion zu der Angebornen, und treten, da
hoffentlich Ihr Wille ernstlich ist, öffentlich in den Schoos Ihrer
Gemeinde zurück. Sind Sie so weit gekommen, so bedürfen Sie meiner
Unterstützung nicht mehr. Ihre Verwandten zu Berlin werden Sie alsdann
mit offenen Armen aufnehmen; -- mir bleibt das Bewußtsein einer
rechtschaffenen Bemühung, und Ihnen -- so Gott will -- ein freundliches
Andenken an ein unbedeutendes Mädchen, das man böse nennt, das sich
aber schmeichelt, von Herzen gut zu sein.«
Die Lainez umarmte das zauberische Geschöpf mit Thränen in den Augen.
»Ich bin Ihrer Wohlthaten nicht würdig,« -- sagte sie, das Gesicht an
Justinens Busen verbergend: -- »wo werde ich jemals ein Gemüth wie das
Ihrige wiederfinden?«
Justine hielt ihr den Mund zu. »Wo werde ich jemals -- --?« --
parodirte sie, aber aus dem Scherze wurde Ernst. Sie ließ den Kopf
sinken, und wiederholte langsam: »Wo werde _ich_ jemals finden, was mir
Glück bringt? Ach meine Liebe, ich habe heute ein recht traurig Gemüth,
und meine Seele ist müde, wie mein Körper. Ich will gehen, und den
Vater fragen, ob er noch etwas wünscht. Dann wollen wir zu Bette. In
jenem Cabinete habe ich Ihr Lager aufzuschlagen befohlen.«
»Heute noch nicht,« -- bat die Lainez: »ich habe zu Hause noch Einiges
zusammen zu räumen und zu packen. Morgen, wenn Sie's erlauben, will ich
Ihrem Anerbieten nachkommen.«
»Ich werde Ihnen keinen Zwang auferlegen,« -- sagte Justine, wie wohl
etwas verdrüßlich: -- »morgen also. Aber es ist schon nahe an neun Uhr.
So spät wollen Sie durch die Straßen gehen?«
»Die Wittwe eines tapfern Soldaten fürchtet sich nicht.«
»Ei, wenn auch. Christine soll mit der Laterne vorausgehen. Aber --
Morgen, nicht wahr? so bald als möglich? Ich sehne mich nach Ihrer
Gesellschaft. Ich bedarf jetzt der Aufheiterung. Sie werden nicht
zaudern, oder gar Ihr Wort zurücknehmen. Die Franzosen, sagt man,
halten die Parole nicht zum Allerbesten. Geben Sie mir ein Pfand, daß
Sie gewiß kommen.«
»Ein Pfand, sonderbares, eigensinniges Mädchen? Ich würde Ihnen mein
Herz schenken, wenn es möglich wäre. Nehmen Sie jedoch, was meinem
Herzen zunächst ruht.«
Die Lainez zog ein Medaillon, das an einem schwarzen Sammetbande um
ihren Hals hing, hervor, nahm es ab, und überlieferte es lächelnd der
mißtrauischen Gläubigerin.
»Sieh doch!« rief Justine, als sie das Medaillon empfing, und es von
allen Seiten betrachtete; »welche schön gearbeitete Bilder! Erklären
Sie mir, liebe Frau! Wer ist dieses herrliche Weib im Purpurmantel, mit
der blitzenden Krone auf dem Haupte, und dem noch strahlenderen Scheine
um dasselbe?«
»Es ist die fromme und selige Kaiserin Pulcheria, meine Patronin,«
versetzte die Lainez: -- »ihre Schönheit war das Wunder ihrer Zeit; und
ihre Tugend war ihren Reizen gleich, und die dankbare Erinnerung der
Nachwelt versetzte sie unter die Heiligen!«
»Welche Anmuth! welche Lieblichkeit!« fuhr Justine fort: »ja, wer so
schön wäre! Diese Strahlen...«
»Sind der Heiligschein, mit welchem die römische Kirche das Haupt
der Gepriesenen umgibt. Die Bilder dieser Heiligen schmücken heiter
und lebendig die Gotteshäuser, und es läßt recht angenehm, wenn
Weihrauchwolken sie umnebeln, Kerzen davor flammen, Blumenbüsche um sie
blühen und das Volk sich vor den Geehrten fromm verneigt.«
»Mit andern Worten: die Götzen anbetet. Ich weiß, unser Pastor hat
schon oft dieses Thun in seinen Streitpredigten berührt, und einen
heidnischen Gräuel genannt.«
»Vielleicht ging er darinnen zu weit. Die Katholiken haben in diesen
Bildern nur das _Andenken_ frommer Tugendfürsten zu verehren: nicht das
Holz, nicht den Stein.«
»So? Dann lasse ich mir's gefallen. Ich finde die Sitte sogar hübsch.
Man stellt ja auch Bildsäulen berühmter Männer in Städten auf. Wir
haben z. B. hier auf dem Rathhause das Reiterbild eines Bürgermeisters
aus der alten Zeit, der einst mit Opferung seines Lebens die Vaterstadt
von Schimpf und Untergang gerettet hat. Das Bild steht wohl schön
anzuschauen an der großen Treppe, aber die Leute gehen kalt vorüber,
und beachten's nicht. Stünde es in einer Kirche, würde es besser
geehrt.«
Sie wendete das Medaillon um, stutzte etwas, und fragte kleinlaut: »Das
ist ein Mann? nicht wahr? Der Maler hätte ihm allenfalls einen Mantel
um die Schultern werfen können.«
»Der Zweck wäre gefehlt gewesen; die Pfeile seines Märthyrthums müssen
dem Gläubigen sichtbar sein. Man nennt den schönen Jüngling den
heiligen Sebastian.«
Justine sah das Bild noch einmal flüchtig erröthend an, legte es
dann still auf den Tisch, warf ein Tuch darüber, und wünschte der
scheidenden Lainez eine ziemlich einsylbige Gute Nacht!
Indem die Wittwe aus Justinens Thüre trat, vernahm man in dem schräg
gegenüber liegenden Zimmer des Senators ein starkes Geräusch, und
Müssingers halberstickte Stimme, welche nach Leuten rief. »Mein
Gott! was ist da wieder vorgefallen?« sagte Justine, auf das Gemach
zueilend, und winkte der Lainez und der Magd, die derselben mit der
Laterne vorausgehen sollte, sich zu entfernen, ohne weiter dem Geräusch
nachzuforschen. Die Französin, der es in dem Hause unheimlich vorkam,
trieb selbst die gaffende Magd zur Eile an. Sie erreichten Beide, ohne
sich umzusehen, die Treppe, und stiegen schnell hinab. Doch unten am
Geländer stand unbeweglich und lautlos eine breite weiße Gestalt,
welche drohend den Arm gegen die Kommenden erhob, und alsdann im Dunkel
niederzutauchen schien. Die erschrockene Lainez und die erschrockenere
Magd stießen einen Schrei des Entsetzens aus. Die Letztere ließ die
Laterne fallen, welche zusammenklirrte und erlosch. Das Dienstmädchen
rannte schreiend über die Treppe zurück; die Lainez aber, welche im
Mondstrahl, der durch ein vergittertes Fenster fiel, die Hausthüre
wahrnahm, eilte schaudernd auf dieselbe zu, fand sie zu ihrer größten
Freude nur angelehnt, riß sie auf und entfloh. Scheu zurückblickend,
glaubte sie die grausende Erscheinung wieder auf der Schwelle des
Hauses zu erblicken, auftauchend wie ein weißer Blitz, verschwindend
wie dieser, und von Gespensterfurcht bedrängt, flüchtete sie auf's
Gerathewohl in die Gassen. Allenthalben waren diese leer; von ferne her
hörte man die Schnarre eines Nachtwächters, -- endlich den geschwinden
Schritt eines Kommenden; ... eine Handlaterne näherte sich, -- ihr
blendender Schein führte die Flüchtige gerade auf den Mann los, der
sie trug... Der Doctor war's. »Ei, Madame! woher um diese Stunde? auf
welchem Wege finde ich Euch?« Die zitternde Lainez bat um seine Hülfe,
indem sie mit ein Paar Worten ihre Angst schilderte.
Der Doctor, lächelnd bald, bald ernst und zweifelnd den Kopf
schüttelnd, erbot sich, sie nach Hause zu führen. »Um Gotteswillen,
nein!« bat die Lainez dringend; »in dem alten Gebäude allein ... von
aller Welt geschieden ... würde mich heut nach diesem Auftritte die
Angst umbringen. Ich schwöre darauf, daß mir mein Mann erschienen ist.
Seine weiße Uniform ... sein drohendes Gesicht ... meine Sünden ...
Hochwürdiger! nur unter Ihrem Schutze kann ich meine Seele beruhigen.«
»Bedenkt meinen Stand, liebe Frau,« versetzte Leupold beschwichtigend;
»Eure Phantasie ist erhitzt; Ihr bedürft der Sorgfalt; ... was kann ich
jedoch für Euch thun? Doch, wenn Ihr's wünscht, will ich meine Wirthin
bewegen, Euch diese Nacht zu beherbergen.«
»Gleichviel!« rief die Lainez; »nur bringen Sie mich unter Menschen,
oder ich sterbe an dem Schreck!«
Der Doctor winkte ihr, nebenher zu gehen, und förderte, dann und wann
sie unterstützend, seinen Weg. »Ich kehre soeben von einem Kranken
zurück,« sagte er, »den ich seit Abends Einbruch mit geistlichem
Troste und endlich mit dem Leibe des Herrn erquickte.« Er zeigte auf
die Saffiantasche, die er, unter seinem Oberrocke verborgen, auf der
Brust trug, und in welcher er die Hostie insgeheim zu überbringen
pflegte. »Ein Glück, daß Ihr gerade _mir_ begegnen mußtet. Meine fromme
Hausmeisterin wird ein Uebriges thun, und morgen sollt Ihr mir mit
gesammelten Kräften den Hergang der ganz absonderlichen Erscheinung
mittheilen.«
Die Eigenthümerin des Quartiers, welches der Doctor bewohnte, eine
eifrige Anhängerin der im Verborgenen waltenden Kirche, welche wußte,
daß sie in der Lainez eine Verbreiterin dieser Kirche vor sich hatte,
machte nicht die mindesten Umstände, in des Doctors Begehren zu
willigen, und dieser Letztere, Mitleid mit der Niedergeschlagenheit der
Französin fühlend, lud sie ein, auf seinem Zimmer, -- bis die Wirthin
ihr Lager bereitet haben würde, -- eine Tasse Kräuterthee zu genießen,
den er selbst auf's Beste zu bereiten versprach. Die Lainez nahm mit
Dank den Antrag des Mannes an, der, aus Theilnahme für sie, die strenge
Grenze, die sein Anstands- und Schicklichkeits-Gefühl zwischen ihm und
der Mitarbeiterin gezogen hatte, in etwas erweitern wollte. Als sie
jedoch an des Doctors Hand dessen Wohnzimmer betrat, wurde ihr Auge von
einem Besucher überrascht, der in dem Großvaterstuhl am Fenster saß,
und kaum merklich mit dem Kopfe nickte, als James den Doctor mit seiner
Begleiterin einließ.
»Gelobt sei Jesus Christus!« sprach der Fremde, und der Doctor, im
höchsten Grade überrascht, erwiderte mit kaum hörbarer Stimme, sich
tief verneigend: »In Ewigkeit. Der Herr segne Ihren Eingang, Pater
Superior. Ihr Besuch ist eine unerwartete Freude.«
Der Superior, ein hagrer Mann mit ganz blassem Gesichte, aus welchem
ein Paar dunkle Augen sprühten, lüftete ein wenig das Käppchen,
das seinen Scheitel bedeckte. »Ich bin vor gar nicht langer Zeit
angekommen,« sagte er, -- »bin herzlich müde, und habe mir die
Freiheit genommen, bei Ihnen, mein Vater, meine Schlafstelle zu
suchen, indem ich hier unbemerkt und sichrer zu sein glaube, als in
dem verstecktesten Gasthofe. Es thut mir indessen leid, wenn ich hier
stören sollte.«
Er warf einen zweideutigen Blick auf die Lainez. Der Doctor errieth
dessen Sinn, und sagte empfindlich: »Ich hoffe, Ew. Hochwürden bewiesen
zu haben, daß mein sittliches Betragen kein Mißtrauen verdient. Der
Zufall nur...«
Mehr als seine Worte beruhigte die Französin selbst den argwöhnischen
Geistlichen. Sie ging demüthig auf ihn zu, küßte seine Hand, bat um
seinen Segen, und erbot sich, alsbald das Zimmer zu verlassen. Der
Superior schenkte ihr einen günstigen Blick, klopfte ihre Wange. »Lasse
Sie's nur gut sein,« sprach er mit dem empfindlichen Uebergewicht,
welches häufig von Priestern, den ihnen ganz ergebenen Weibern
gegenüber, fühlbar gemacht wird: »ich kenne Sie ja, und hoffe in Ihr
kein unwürdiges Rüstzeug vorgeschlagen zu haben. Vater Münzner wird mir
Alles genügend erklären. Sie kann sich indessen wegbegeben, denn wir
haben hier noch allerlei zu bereden, das nicht für Sie ist.«
Noch ein gnädiger Schlag auf die Wange, und die Lainez, feuerroth und
betreten, war entlassen. James sperrte das äußere Gitter, und wollte
den Herren eine gute Nacht wünschen. Der Superior verhinderte dieses;
sprechend: »Verbleibe Er immer noch ein Weilchen, junger Mensch. =Ab
initio= wird von Ihm die Rede sein.«
James bückte sich, und stumm stand er neben seinem Pflegevater vor dem
Superior, der gemächlich seinen Platz fort und fort behauptete.
»Ich habe den =Juvenem= allhier examiniert,« hob der Bequeme an, zu
dem Doctor gewendet: »habe denselben doch noch nicht weit vorgerückt
gefunden. Er scheint seine Studia oberflächlich betrieben zu haben,
und -- was am übelsten -- das ernste und äußerst wichtige Ziel seiner
künftigen Bestimmung nicht genug in's Auge zu fassen. Die Petulanz,
so ich in seinem Wesen und seinen =expressionibus= wahrnehme, wird
in seinen gegenwärtigen Beschäftigungen nur wachsen können. Es
ist daher unumgänglich nothwendig, daß er unter die Disciplin des
Novizialmeisters genommen werde.«
James erröthete erbebend; der Doctor verneigte sich stumm. »Ich
werde ihm vorläufig die =exercitia Spiritualia= unsers heiligen
Ordensstifters und Regulators in die Hände geben,« fuhr der Superior
fort, »und Er mag sich bereit halten, mir in das für Ihn bestimmte
Collegium zu folgen, sobald meine Geschäfte in hiesiger Gegend
beendigt sein werden. Ich habe mit dem Pater Rector schon die nöthige
Rücksprache genommen, wie es Ihr letzter Brief, Pater Münzner, verlangt
hat. =Quod erat demonstrandum.=«
James küßte des Superiors Hand, und ging niedergeschlagen nach
seiner Kammer. Der Doctor blickte ihm mitleidig nach, und sagte
nach einer Pause leise und demüthig zu dem Superior: »Es kömmt mir
beinahe vor, ehrwürdiger Herr, als ob ich mich in den Anlagen des
jungen Mannes getäuscht hätte. Seine Geisteskräfte sind wohl scharf,
allein noch schärfer ist der Trieb seines Herzens. Er begehrt, er
verlangt wie ein kräftiger sinnlicher Jüngling. Er zeigt dann und wann
Widerspruchsgeist, Grübelei ... es wird schwer halten, seine Vernunft
in die wohlthätigen -- Ketten des Glaubens zu legen, und ich würde
mir's zum ewigen Vorwurf machen, -- gestaltete sich aus diesem -- in
die Welt berufenen Jüngling ein schlechter Priester.«
Der Superior sah den Doctor hoch und mißbilligend an: »Sie reden jetzt
ganz anders, mein Vater, als Sie vor kurzer Zeit geschrieben. Welche
unzeitige kränkelnde Philanthropie! Wären auch Sie von der Lüstelei,
von dem empfindelnden Wahnsinn des Jahrhunderts ergriffen worden? Haben
nicht auch _wir_ begehrt und verlangt, und sind _wir_ deshalb schlechte
Priester geworden? Die Disciplin bändigt den Widerspruch; die rastlose
Thätigkeit der Novizen steuert der Grübelsucht. Vernunft? -- Glauben?
-- Sie sind nicht klar über die Grundsätze unsrer Institutionen, ob Sie
gleich Prozeß und Gelübde gethan haben. Fähige Geister gewinnen, --
dieselben nach ihrer Richtung beschäftigen, -- das ist unsere Aufgabe,
und deren Erfüllung sichert das Gedeihen unserer Gesellschaft. --
Der nützliche Schwärmer, der ein begeisterter Apostel werden will,
glaube. Der rein Vernünftige, geeignet, die politischen Zwecke unsers
Daseins zu erreichen, gehorche, wo er nicht _glauben_ kann. Und
dieses Gehorsams Triebfeder ist sein Vortheil, -- das Interesse, das
man ihm an seinem auferlegten Streben beizubringen hat. Und nach den
geschickten Combinationen unsers herrlichen Staats ist der Vortheil
des Einzelnen der Vortheil des Ganzen. Darum _herrschen_ wir, darum
_siegen_ wir; darum beneidet man uns. Glauben Sie mir: Ihr Pflegling
wird noch gut werden, und reichliche Zinsen tragen, für das Geld,
das wir an seine Bildung verschwendet haben, und noch verschwenden
werden. Nun zur wichtigern Sache, Pater Missionär. Ich habe Ihre
Bücher durchblättert. Unser Commerz über hiesigen Platz rentirt sich
nicht besonders. Ob die Pariser uns Schaden bringen? oder ob die
Schiffscapitäne, die unsere Frachten besorgen, Betrüger sind? Ist das
Erstere, so müssen wir die Augen zudrücken. Das Zweite kann nur an Ort
und Stelle erforscht werden. Ich erwarte darüber Befehle von dem Pater
Provinzial. Ein geschickter Ordensmann hat zugleich mit meiner Eingabe
ein Projekt eingesendet, das, wird es angenommen, dem Handelsfond
unserer Gesellschaft unbegränzten Vortheil bringen wird. Es wird
darinnen vorgeschlagen, den Sklavenhandel für Brasilien unter billigern
Bedingungen zu übernehmen, als ihn bisher unsere unverschämten
Schiffsmeister nebenbei getrieben haben.«
»Den Sklavenhandel?« fragte der Doctor erschrocken.
»Ja,« versetzte der Superior gleichgültig: »der Trafik mit denen
schwarzen Negern bringt immense Dividenten.«
»Aber die Menschlichkeit, Pater Superior?« fragte der Doctor schaudernd
weiter.
Der Jesuit lächelte vornehm. »Floskeln, lieber Pater Münzner. Diese
Schwarzen sind eine untergeordnete Race; an schmutzigen Heiden, wie sie
sind, ist nichts verloren. Ueberdies ist ihr Sklavenleben reicher an
Genüssen, als ihre Freiheit.«
»Das Naturrecht, Pater Superior...«
»Sie sind Doctor =juris utriusque=;« sagte dieser gähnend: »man hört es
Ihnen an. =Satis= über diesen Punkt. Der Verfasser jenes Projekts wird
belobt werden, und es noch weit bringen. Wie weit ist's aber mit der
heiligen Christenverbesserung gediehen?«
Der Doctor berichtete in Kürze; legte die Liste der kleinen Gemeinde
vor; ihre Beiträge zum Kirchendienst; die Berechnung des Ueberschusses.
Der Superior durchging die Liste schmunzelnd und zählend. »Viele
Leute,« sagte er hierauf: »aber nichts Besonders. Die meisten =ex
infima plebe=.«
»Unser Herr Jesus Christus fand unter dieser Classe seine ersten
Jünger.«
»Hm! ja. Sehr viele Weibspersonen finde ich hier aufgezeichnet; zum
Theil wohl aus den bessern Ständen. Nun ja; das sind die Lämmlein, die
zum Paradiese locken. Aber ... aber ... ich vermisse denn doch die
Männer von Gewicht. Ein paar Kaufleute, ... ein Recheneiverwalter ...
ein quiescirter Fünfzehner, ... heilige Maria! was will das im Ganzen
heißen? Den Beschluß der Reihe macht doch endlich ein Senator. Wer ist
der Mann? Derselbe, von dem Sie schon ein Wörtlein fallen ließen?«
»Derselbe, Pater Superior.«
»Hat seine Bekehrung sich so schnell gemacht? Gelobt sei der Herr.
Dürfen wir von ihm hoffen?«
»Vieles. Er ist durch ein besonderes Verhängniß ganz der Unsrige
geworden.«
»=Favente Deo.= Recht. Wie hat sich die Lainez gemacht?«
»Sie hat Einiges gethan; doch Unwichtiges. Das Weib ist zu eitel,
leichtsinnig und verliebt.«
»=Bene dixisti=, Pater Münzner. Eitel und verliebt. Die Französin
sieht überall hervor, und ihr Mann hat nicht so viel an ihr verloren.
Es hat ihr indessen eine Zeitlang mit Proselyten recht geglückt. Sie
ist sehr fromm und möchte die ganze Welt in's Paradies bringen. Eine
lustige, schnackische Frauensperson im Uebrigen; nimmt nichts übel, und
hat dem Pater Provinzial, der sie mir empfohlen, viele trübe Grillen
verscherzt. Sie weiß allerlei von Sr. Hochwürden zu erzählen, und hält
sich damit oben, so daß ihr =Sub manu= eine ewige Versorgung aus der zu
ähnlichen Zwecken bestimmten Kasse versprochen wurde. Hierin wurde aber
eine kluge =Reservatio mentalis= beliebt. Ködert sie nicht mehr, so
steckt man sie in ein Kloster, und damit gut. Die Schwestern mögen sie
dann füttern. Also _hier_ hat sie wenig genützt?«
»Das Wichtigere hat sie vor kurzer Zeit übernommen: die Bekehrung der
Tochter jenes Senators. Aber ein unseliger Zufall reißt hier alle
Hoffnung ab.«
»Wie so?«
Der Doctor erzählte von der Ankunft des Verlobten, der seinen
Heirathsantrag erneuernd, im Begriff stehe, das Mädchen unwiderruflich
in ein protestantisches Land zu führen.