mit dem Glase an das des Doctors klingend, rief eine jubelndes
»Gratulor, gratulor von Herzen!« Der Doctor stieß wohl an, neigte sich
wohl glückwünschend, aber auf seiner Stirne saß nicht das zufriedene
Einverständniß. Wie hätte sich jedoch die Falte auf des welterfahrenen
Mannes Antlitz lange halten können?
Nun wurde der Senator lebendig. Die Spannung seines Gemüths schien
wiedergekehrt zu sein, eine heftige Freude ihn zu beleben. Die silberne
Schelle ertönte in seiner Hand. »Alicante!« rief er dem eintretenden
Burschen zu: »vier Flaschen! Das Siegel mit den vier Thürmen! Frisch!
Schnell! nicht gezaudert! die spanischen Kelchgläser mit den Lilien
dazu! den Nachtisch herein! Justine soll kommen; sie soll kredenzen!«
Und so ging es fort in Feuer und Leben. Der Niersteiner, der gerade auf
dem Tische kreiste, floß in ungeduldigen Bächen in die traulichen Römer.
Gesundheit auf Gesundheit wurde getrunken. Unter den fröhlichen
Bewegungen der Gäste erzitterten beständig die silbernen Glöckchen an
dem prächtigen spiegelverzierten Aufsatze, der, einen chinesischen
Tempel vorstellend, mitten auf der Tafel stand; aber das Funkeln dieser
schillernden Spiegel und bewegten Perlen war todte Asche gegen
Müssingers strahlendes Auge; das Schellengetön verklang unter der
tönenden Sprache seiner erweiterten Brust.
Die Thüre ging auf. Einen silbernen Präsentirteller in der Hand,
auf welchem sechs Kelche voll des köstlichen Alicante schimmerten,
neben der geöffneten Flasche, die nun mit einer prachtvollen Blume
verschlossen war; -- gefolgt von dem dienenden Burschen, der im Korbe
die drei übrigen Flaschen nach sich schleppte, -- trat eine schöne
Frau herein, in einfachem aber angenehmem Kleide, mit Wirthlichkeit
kündender Florschürze angethan, und die zierlichen Hände von saubern
Handschuhen bedeckt. Die Herren fuhren überrascht und grüßend auf. Der
Senator blickte überraschter als die Uebrigen auf die ihm Unbekannte.
»Mademoiselle Justine ist nicht zu finden,« sagte die angenehme Wirthin,
den Wein mit einem Anstande umherreichend, als bediene sie eines Königs
Tisch. »Um die verehrten Herren nicht allzu lange warten zu lassen,
mußte ich also selbst ... entschuldigen Sie gütigst.«
So eben trat Justine aus der Seitenthüre. Mit einem Blicke begriff sie
die Verlegenheit der Helferin, die Ueberraschung des Senators, und sagte
mit der freundlichsten Betonung, zu der ganzen Gesellschaft gewendet:
»Madame de Lainez, die Wittwe eines im Felde gebliebenen königlich
französischen Hauptmanns, meine sehr liebe Freundin, die sich heute
erbitten ließ, meine häusliche Pflicht zu theilen und mir zu
erleichtern.«
»Freut mich unendlich,« versetzte der Senator mit einem Bückling, und
wies der Erröthenden den ledigen Stuhl Jacobinens an. Die Lainez wollte
sich, stumm versagend, empfehlen. Justine hielt sie aber zurück, sagte
ihr viele schmeichelhafte Worte und behauptete: durch eine plötzliche
Unpäßlichkeit der Mutter würde sich die Tafel verwaist sehen, wenn nicht
eine liebenswürdige Frau den Platz einnehme. -- Leise flüsterte sie
indessen der Lainez zu: »Bleiben Sie um Gotteswillen, meine Beste, und
unterhalten Sie die Herren. Ich finde noch kein Wort, das nicht meiner
Seele wehe thäte.«
So fügte sich Madam Lainez endlich. »Bei Denain fiel Ihr Gemahl?« fragte
nach einigen vorläufigen Erkundigungen der Senator: »er ist in einem
rühmlichen Kampfe gefallen gegen ehrenhafte Feinde. Man muß gestehen,
daß des Kaisers Truppen in den Niederlanden einen Schauplatz vielen
Ruhms, und nur weniger Niederlagen gefunden haben. Meine Herren! der
Prinz Eugen soll leben!«
»Ich bitte, unsern Marlborough nicht zu vergessen,« sprach Birsher in
den Gläserklang: »das Heldenpaar hat sich zu Malplaquet unsterblich
gemacht. Ich habe mich oft gesehnt, Flandern zu besuchen, wo so viele
Tapfere gefochten. Ich will es thun, und bei dieser Gelegenheit nicht
versäumen, das ehrenvolle Bette Ihres Gemahls zu betreten, Madame.
Wissen Sie aber, daß Ihr Name weniger militärische Erinnerungen als
vielmehr geistliche erweckt? Wenn ich nicht irre, so nannte sich der
zweite Ordensgeneral der Jesuiten Lainez. Er war ein ausgezeichneter
Mann; seine Feinde selbst müssen es eingestehen, denn seiner rastlosen
Bemühung verdankt diese furchtbare Gesellschaft ihren raschen
Aufschwung.«
Die Lainez schlug die Augen nieder und erwiderte: »mir ist von jenem
Manne nichts bekannt. Auch hörte ich nie von meinem Manne, daß einst in
seiner Familie...«
»Wünschen Sie sich Glück, Madame,« unterbrach sie der junge Birsher mit
freundlicher Bestimmtheit: »so floß in seinen Adern auch kein Tropfen
jenes herrschsüchtigen Alles verachtenden Uebermuths, der in den Jüngern
des Loyola und des Lainez sich hervorthut.«
»Ja wohl! ja wohl!« äußerte der Buchhalter, besorgt den Kopf schüttelnd:
»die Jesuiten! die Jesuiten! Wer diese Firma zuerst auf den Markt
brachte...«
»Man macht, denke ich, die Leute gefährlicher als sie sind,« sagte der
Doctor gutmüthig lächelnd: »was meinen Sie, Herr Senator? Unser
hochgeehrter Tischgenosse hat sich, wie ich glaube, mehr mit der
verrufenen Gesellschaft Jesu abgegeben, als bei einem Kaufmann
bräuchlich ist...«
»Freilich,« sagte Birsher aufrichtig: »es ist ganz natürlich. Wir Leute
zu New-York hören an jedem Sonntage den Prediger über den Papst und
sein Reich den Bann aussprechen, und der Jesuiten, dieser Trabanten des
Stuhls Petri, wird allerdings dabei auch nicht geschont. Ferner lesen
wir historische Schriften. Und spräche nicht die Weltgeschichte zu
uns, -- würde auch unser Prediger der Schildhalter des Papstthums nicht
erwähnen, -- die Zeit würde es von selbst thun. Dieser gefährliche Orden
ist unsers Standes Nebenbuhler, Herr Senator. In den katholischen
Staaten sitzen Jesuiten am Ruder, und lenken die Zügel des Handels und
der Gewerbe. In Westindien, in Südamerika vorzüglich haben sie ihre
Commanditen. Ihre Habsucht trachtet alle Monopole, von welchen die
Handelswelt niedergedrückt ist, in ein Einziges zusammen zu ziehen, und
dieses Einzige selbst auszubeuten.«
»Ei, ei, Ew. Edeln gehen verzweifelt weit,« ermahnte der Senator
lächelnd, und ungeduldig wegen des Doctors, der unruhiger wurde.
»Keineswegs,« fuhr jedoch ohne Bitterkeit und Animosität der Amerikaner
fort: »ich gestehe ein, daß ich die Katholiken nicht liebe. Unser
Mutterland hat viel durch sie gelitten. Ich liebe eben so wenig den
Orden, den wir berührten. Allein Parteilichkeit leitet mich auch nicht,
indem ich ihn verdamme. Die ledige Erfahrung spricht für mich. Was haben
wir, was hat die ganze Welt von einer Stiftung zu erwarten, die den
Fürstenmord begünstigt? von einem Orden, dessen Glieder, als Beichtväter
der Könige, Zwietracht säen zwischen den Herrschern und ihren Völkern?
Man weiß, wer in den letzten Zeiten die abscheuliche Mörderei in den
Cevennen, wer den Widerruf des Toleranzedikts von Nantes verschuldet
hat, der Tausende der besten Bürger mit ihren Familien der Heimath
entfremdete. Wer dem Vaterlande in seinen Söhnen das Mark aussaugt, wer
es in seinen Söhnen ermordet, begeht Hochverrath an der ganzen Natur und
an ihrem Schöpfer. Vielleicht sind Sie nicht meiner Meinung, Madame,
aber ich denke nicht anders.«
»Die Aufhebung des Edikts von Nantes machte mich mit meinen Eltern
unglücklich,« erwiderte die Lainez mit feinem Doppelsinn.
»Eine Vertriebene also? eine Gemißhandelte?« fragte Birsher mit warmer
Theilnahme; »nun wahrlich, so freut es mich, hier unter ehrlichen
Protestanten zu sitzen, vor denen mein Herz reden kann, wie ihm zu Sinne
ist. Ich hasse die Heuchelei, und diese Aufrichtigkeit ist nicht _meine_
Tugend, sondern Sitte in Amerika.«
»Eine schöne Sitte!« meinte der Buchhalter: »in Deutschland selbst
verschwindet nach und nach die deutsche Treue und Offenheit. Wohl unsern
Nachkommen, wenn sie wenigstens solche Qualitäten dann in Amerika wieder
finden mögen!«
»Es ist Schade,« begann der Doctor mit einem spitzigen Lächeln: »daß
Sie, hochzuverehrender Herr Birsher, nicht den Beruf in sich empfunden,
ein Weltumsegler zu werden. Vor Ihren Ansichten und Ihrer seltenen
Aufrichtigkeit hätten alle fremde Götzen weichen, alle anders Glaubende
sich bekehren müssen.«
»Meine Reden sind zu harmlos, als daß sie vielleicht die feine
Zurechtweisung verdienen,« erwiderte Birsher freundlich, aber ernst:
»indessen muß ich mich rechtfertigen. Ich bin nicht unduldsam; ich
verabscheue jeden Glaubenszwang. Wir Amerikaner denken in diesem Punkte
freier, als man es in England darf. Mit Freuden würde ich's sehen und
erleben, was mein Vater einst in einer halb prophetischen Stunde
voraussagte: daß einstens allenthalben in Amerika jeder Glaube neben dem
andern wohnen werde, friedlich, ungestört, wie in dem Schooße von
Brüdern: wie Penn's Bruderstadt das Beispiel schon gegeben: wie bereits
des Königs Duldungsakte dieses Beispiel unterstützt.«
»Diese Aeußerung wirft Ihre frühere um!« sagte der Doctor triumphirend.
»Oder lieben Sie Ihre Mitmenschen alle, den katholischen Bruder
ausgenommen?«
»Weil _ich_ sagte, daß ich den Katholiken nicht liebe, sagte ich damit,
daß ich ihn hasse und verwerfe?« entgegnete Birsher, warm werdend: »ich
werde ihn vielleicht nicht rufen, daß er neben mir sein Haus baue: das
thut man nur lieben Freunden. Aber, wenn er aus eigenem Antrieb seine
Hütte an die meinige lehnt, und zu mir spricht: Bruder, wir wollen
versuchen, wie wir gute Nachbarn sein mögen! so werde ich ihm antworten:
gern, Bruder, laß es uns versuchen. Und fügten wir uns Beide in Güte und
nachbarlicher Geduld, so würde ich ihn am Ende wohl noch lieben,
herzlich lieben lernen, und ihn nicht aus seinem Eigenthum jagen, und
nicht von ihm begehren, daß er zu Gott bete wie ich. Allem Begehren,
allem Uebertritte bin ich Feind. Bleibe Jeder auf der Seite, wohin ihn
der Zufall, der ja auch unsere Geburt leitet, gestellt hat. Glaube
Jeder, was er kann, und folge er den Gebräuchen seiner Lehre, damit die
Schwachen kein Aergerniß nehmen, und die Schadenfrohen jenseits nicht
triumphiren. Ich könnte dem Menschen nimmer trauen, der seine Religion
verändert hat. Er hat den Rock seines Herrn weggeworfen, um keinen Herrn
zu haben, und verdient kein Zutrauen, weil er sein Heiligstes verrieth.«
»Und nun genug, mein Herr, von solch abnormem Gespräche,« sagte
der Doctor verbindlich: in der That aber erschreckt von dem
bleichgewordenen, nachdenkenden Gesichte des Senators: »Ihre Grundsätze
sind redlich gedacht; wohl leichter anzugreifen, als Sie glauben;
aber wir befinden uns hier nicht vor einer Synode, sind Beide, --
ein Kaufmann, ein Jurist -- nicht berufen, solche Streitigkeiten
durchzufechten. Die Damen zumal finden an unsern Reden nur Langeweile.«
»Nicht doch; wir hören gerne zu,« nahm Justine für sich und die Lainez,
welche schwieg, das Wort: »eine Duldungspredigt aus Ihrem Munde,
hochgeehrter Herr Birsher, müßte sich gut ausnehmen. Ich wünsche Ihnen
den Sieg gegen den Herrn Doctor, obgleich derselbe schwere, uns
unbekannte Waffen in den Streit führen möchte.«
»Wünschen Sie mir wirklich den Sieg, schöne Jungfrau?« fragte Birsher
verbindlich, und Justinens Wangen wurden Gluthrosen vor seinem Blick: »o
dann habe ich meine Sache schon gewonnen, und dem Herrn Senator bleibt
nichts übrig, als seinen und meinen Wunsch Ihrer Entscheidung
vorzulegen.«
Die Männer standen alle auf, und ergriffen die Gläser. Der Senator
räusperte sich, um auf eine zierliche Weise seinen Spruch anzuheben, der
der Tochter galt. Justine stand wie auf Nadeln, und wünschte eine
Gelegenheit herbei, die Rede, deren Inhalt ihr Scharfsinn und ihre
Eitelkeit ahnten, zu verhindern, zu unterbrechen. Siehe, da erhob sich
auf dem Gange ein Getöse. Eine ferne Thüre flog auf, man hörte gellendes
Geschrei.
»Um Gotteswillen! der Mutter Stimme!« rief Justine erschrocken und
erfreut zugleich, aus der Angst zu kommen. Sie enteilte schnell durch
die Thüre. Die Lainez folgte. Staunend blieben die Herren zurück. Der
Senator, von Groll gegen das Betragen seiner Frau erfüllt, verweigerte
es kalt, zum Beistand der Hülferufenden zu gehen. Bald brachte die
Lainez die Nachricht, daß ein lebhafter Traum Frau Jacobine ihrer Sieste
entrissen, und ihre Unruhe erregt. Man habe die wieder zur Besinnung
Gekommene zu Bette gebracht, und Justine wollte sie nicht verlassen.
Sein Beileid bezeugend, wie seine Erzählung verwünschend, die vielleicht
Anlaß zu der Senatorin Zustand gegeben haben durfte, beurlaubte sich
Georg Birsher, mit dem Versprechen, Morgen bei Eröffnung der
versiegelten Habe seines Vaters gegenwärtig sein zu wollen. Dem
Ceremoniell schicklicher Sitte zu Folge begleiteten ihn Buchhalter und
Doctor nach seinem Gasthause, und ließen den Senator nachdenkend allein.
Der Drang, den Beweggrund so mancher unbegreiflichen Erscheinung in dem
Benehmen seines Weibes zu erforschen, vermochte ihn, sich nach dem
Schlafzimmer desselben zu begeben. Er trat leise in die dunkle Stube.
Jacobine schien zu schlummern. Am Fuße ihres Bettes, den Kopf in beide
Hände gestützt, saß Justine. Der Senator näherte sich der Kranken, ohne
von Jemand bemerkt zu werden; er bückte sich lauschend über das Bette.
Jacobine schlug die Augen auf, und fuhr mit dem Geschrei: »Alle gute
Geister loben Gott den Herrn!« empor. Justine erwachte aus ihrem
Nachdenken. »Der Vater, liebe Mutter!« -- sagte sie sanft zu derselben.
»Weg, weg aus meinen Augen!« lautete die gellende Antwort: -- »Weg! weg!
willst du mich umbringen? weg, entsetzlicher Mann!«
Sie drehte den Kopf nach der Wandseite, und schwieg hochathmend.
»Jacobine!« stammelte der von heftigem Zorn ergriffene Gatte, und faßte
ihre Schulter: »Weib! was hast du vor? Was soll dies Alles?«
Er mochte aber der Worte, so viele es ihm beliebte, verschwenden;
umsonst.
Die Senatorin beharrte wieder in dem dumpfen Unheilkündenden Schweigen.
»Nun so strafe dich Gott, lästerndes, nichtswürdiges Weib, daß du also
mit mir verfährst!« brach er in jäher Wuth aus, und hob die Hand zu
einer Mißhandlung. Justine verhinderte diese ängstlich, und bat mit
Lippe und Auge den Vater, hinwegzugehen.
»Nun, so folge du mir; scheide von dieser Rabenmutter, die mein Leben
zwecklos vergiftet!« sagte der Senator, zu sich selbst kommend, und
ergriff ihre Hand. Justine zögerte. Die Senatorin erhob sich, bleich
vor Aerger und Ungeduld. Sie drohte der Tochter mit dem Finger. Justine
zog unschlüssig die Hand aus der des Vaters. Mit dem bittersten Gefühle
der innern Empörung sagte dieser: »wie? auch du mein Kind, bist in
dieses gräuliche unbegreifliche Complott gegen mein Herz verwickelt?
Ich befehle dir, mir zu folgen; -- soll ich fremde Autorität anrufen,
daß mir mein einziges Kind gehorsam bleibe?«
Mit erneuter Gewalt ergriff er Justinens Hand und zog sie nach der
Thüre. Die Senatorin winkte der Gehenden, legte den Finger auf den Mund,
und rief ihr dann nach: »Du bist die elendeste Creatur, Justine, wenn du
meine Befehle vergissest!« Justine ging nun mit dem Vater auf dessen
Zimmer. Wie eine arme Sünderin stand sie vor ihm; er ruhte auf einem
Lehnstuhl von den Bewegungen seines Gemüths aus, und sammelte seine
Gedanken; sah die Tochter unverwandt an, seufzte, schüttelte öfters
mißmuthig das Haupt, und sagte endlich mit angegriffener Stimme:
»Gott weiß, Justine, daß ich mich immer bemüht habe, ein guter
Hausvater zu sein; daß ich oft mit der äußersten Anstrengung meinen
Jähzorn im Zaume gehalten habe, um Weib und Kind nicht weh zu thun,
hatten sie gleich meinen Zorn verdient. Aber solch Betragen, wie es
seit gestern Abend sich entwickelt, muß endlich ein Lamm in einen Wolf
verkehren. Sieh, Justine, vor einer Stunde war ich noch so fröhlich!
Es war mir Diverses wider Erwarten dergestalt nach Wunsch gegangen, --
es hatte sich so Manches, das ich befürchtete, anders und befriedigend
gestaltet und gedreht, daß ich die Welt hätte umarmen mögen, und meinen
liederlichsten Schuldner die Quittung geschrieben hätte. Da erhebt
sich wieder auf's Neue dieser häusliche Sturm, dessen Ursprung mir ein
Räthsel ist. Auch du, Justine, bist mir Eines. Am heutigen Morgen --
zu Anfang der Mittagstafel noch -- das fröhliche starke Mädchen, wie
sonst, bist du plötzlich ein betrübtes, finsteres geworden. Läugne
nicht; ich habe helle Augen, welche sahen, daß die deinigen verweint
waren, als du beim Nachtisch wieder zu uns kamst, nachdem deine
blödsinnige Mutter sich vor den Gästen zum bedauerlichen Spektakel
gegeben hatte. Gezwungen, unbeholfen war deine Rede, und du zwangst
dich, meinen Blicken zu entgehen. Jetzt bemerke ich wieder Thränen
in deinen Wimpern. Sprich, Justine, woher diese Veränderung? Sei
aufrichtig, mein Kind!«
Justine öffnete den Mund, aber dennoch schwieg sie kopfschüttelnd und
mit gesenktem Blicke. Der Senator sprang ungeduldig auf, spielte mit
seiner Tabaksdose, pfiff einige Töne des Marlborough-Lieds, und stellte
sich mit hochgerötheter Stirne vor die Tochter. »Undankbares Geschöpf!«
sagte er mit unterdrücktem Grimme: »Wirst du reden? Soll ich wie ein
Bube um die Gnade eines Worts von dir betteln? Heraus mit der Wahrheit,
verlarvte Person! Du weißt, was deine stätige Mutter im Schilde führt.
Du hast auf den Grund ihres Steinherzens gesehen; du hast erfahren, was
in ihrem vertrockneten Gehirne spukt; heraus damit, oder ... Gott strafe
mich!...«
Er warf im Ausbruche der Wuth die porzellanene Tabatiere so stark zu
Boden, daß sie in tausend Stücke zersprang. Justine fuhr zusammen, faßte
des Vaters rechte Hand so kräftig, als sie konnte, und sagte zu ihm,
zwischen Thränen der Angst und einem plötzlichen Entschlusse schwankend:
»Um's Himmelswillen! keinen Schlag, mein Vater! ich bin solcher
Begegnung nicht gewohnt; Sie würden mich durch diese Entwürdigung
umbringen. Ich kann die Zwischenträgerin nicht machen. Ein schimpflicher
Zwang würde mich vollends nicht bewegen! Hüten Sie sich, Vater! daß Sie
nicht noch mehr des Fluchs auf Ihr Haus laden!«
»Mehr des Fluchs!« versetzte der Senator, und ließ ohnmächtig die Hände
sinken; »wahr gesprochen, meine Tochter; es lastet auf mir schon genug
des Unsegens. Geh' hin!«
Vor dem Bekümmerten ließ sich das gerührte Mädchen auf die Knie nieder,
und redete mit gefaßten und bewegten Worten zu ihm: »Ach, wenn Sie gut
und ruhig sind, mein Vater, will ich Alles thun; nur nicht ausplaudern,
was die Mutter mir errathen ließ; was meine Zunge aus Ehrfurcht und
Angst nicht aussprechen will. Sie sollen aber wissen, was die Mutter
zuletzt so gewaltig aufregte. Ob es eine Täuschung ihrer gereizten Sinne
gewesen -- ob Wirklichkeit -- ich weiß es nicht. Doch sie behauptet, es
habe sich langsam die Thüre ihrer Kammer geöffnet, und die Erscheinung
des in unserm Hause verstorbenen Birsher auf der Schwelle stehend sich
gezeigt, mit trüb wankendem Haupte und drohender Geberde. Die Gestalt
sei einige Augenblicke sichtbar geblieben, bis sie unter der Mutter
Schreckgeschrei verschwunden.«
»O des fratzenhaften Unsinns!« versetzte der Senator, obgleich sein
eigen Gesicht länger und schmäler wurde: »Gaukelspiel eines verwirrten
Weiberkopfes! Und daher die Mißhandlung, die mir von der
Unverbesserlichen angethan wurde!«
»Was im Uebrigen die Mutter verbittert,« fuhr Justine seufzend fort,
»ich will es nicht ergründen; ich will daran nicht glauben! ich müßte
ja an der Tugend des Mannes verzweifeln, den ich als Vater bis hieher
geehrt habe, und noch ferner von Herzen ehren will. Ich überlasse es
Ihnen, den Zwist mit Sanftmuth zu beenden und die Eintracht wieder
herbeizuführen, denn es ist nicht gut, wenn sich das Kind als Mittler
zwischen die Eltern stellen muß.«
Der Senator trocknete sich kalten Schweiß von der Stirne. »So geh'
hin,« sagte er ermattet. »Geh' hin, ich will nicht in dich dringen. Die
Zeit mag lösen, was mir weibischer Eigensinn noch verhehlt.«
Justine wollte bekümmert weggehen.
Der Senator rief sie zurück. »Du bist meine Feindin geworden,« sagte
er bitter und gekränkt; »ich verzweifle daran, deinen Starrkopf für
ein Projekt zu gewinnen, in dem ich alberner Thor dein und mein Glück
zu sehen vermeine. Ich hätte gewünscht, ich hatte es schon besprochen,
meinem alten Vorhaben Kraft und Vollendung zu geben; -- dich mit
Herrn Georg Birsher zu verheirathen, wie es schon beschlossen war.
Aber ... nun wird wohl nichts daraus werden. Die abergläubische Mama
wird dir's verbieten, wäre es auch nur aus dem Grunde, weil ich eine
_Hoffnung_ darauf gesetzt. Du wirst dich weigern, weil du dein Loos an
Jacobine bindest. O, bewege nicht die Lippen, mir ein versagendes Nein
zuzurufen. Ich lese es schon in deinem scheuen Auge. So sei es darum.
Ich werde tragen, und du -- gehe hin!«
»Sie täuschen sich, bester Vater,« erwiderte Justine fest und
bescheiden: »Ihr Wille ist _hier_ mein Gesetz; ich bin bereit, den
Herrn zu heirathen, wenn Sie es befehlen.«
Der Senator betrachtete sie mit großen Augen, und ein lächelnder Schein
spielte um den bitter geklemmten Mund. Er streichelte Justinens Gesicht
mit wiederkehrender Zärtlichkeit. »Belügst du mich nicht, Mädchen? Oder
hältst du mich nicht etwa hin, um im Augenblick, wo es darauf ankömmt,
wahr zu sein, dein Wort zurückzunehmen?«
»Ich lüge nicht, lieber Herr Vater,« bekräftigte Justine mit offener
Stirne; »ich will des Herrn Birsher Frau werden, wann Sie es haben
wollen.«
»Und deiner Mutter unvermeidliche Einsprache?«
»Die Mutter ist damit einverstanden, lieber Vater.«
»Einverstanden?«
»Die hat mich sogar mit Thränen gebeten, den Antrag nicht
zurückzuweisen, wenn er mir gemacht werden sollte; und ich darf Sie
ersuchen, Herr Vater, daß Sie mit der Hochzeit eilen, wie es nur die
Schicklichkeit verstattet.«
»Unverständliche Sybille! ich fasse dich nicht.«
»Mir ahnt, Herr Vater, als ob in diesem Bunde viel Besorgniß ihr Grab
finden müßte,« erwiderte Justine mit Bedeutung: »wann Sie wollen,
demnach, mein Vater.«
»Wie ist es dem ruhig verständigen Mann gelungen, in so kurzer Zeit
dein gepanzertes Herz zu erobern? Er hat nicht einmal deiner Eitelkeit
geschmeichelt.«
»Sie halten mich noch für ein Kind. Herr Birsher mißfällt mir nicht.
Ich liebe ihn indessen eben so wenig. Ob sich die herzliche Zuneigung
finden wird? -- ich weiß es nicht. Aber ich opfre mich gerne einer
zweifelhaften Zukunft, um Sie und Ihr Haus zu beruhigen.«
»Beruhigen? Du beglückst mich, Gold-Justine. Ich fange an, vor dir
Respekt zu haben. Verlange für die Freude, die du mir so unvermuthet
machst, was du willst.«
Justine besann sich eine Weile, ernst und in sich versunken. »Wenn ich
nun zweierlei verlangte?« fragte sie mit klarerem Auge.
»Begehre.«
»Daß Sie für's Erste die Mutter ganz ihren Gedanken überlassen, Friede
mit ihr halten, und meine Heirath beschleunigen wollen?«
»Zugestanden. Böses Mädchen! Du eilst, mein Haus zu verlassen und
deinen verwaisten Vater!«
»Sie ahnen nicht, wie schmerzlich dieses Scheiden mir sein wird; aber
Mama wünscht Herrn Birsher so schnell als möglich aus der Stadt zu
entfernen.«
»Wie so? Weshalb denn, zum Donner?«
Justine überging diese Frage mit Schweigen. »Für's Zweite,« fuhr sie
fort: »geben Sie mir die Erlaubniß, Sie zu warnen. Monsieur White hat
sich falsch gegen mich bewiesen; und ich fürchte, sein Pflegevater
meint es auch nicht ehrlich mit Ihnen.«
»Der Doctor?« Dem Senator schlug das Gewissen.
»Wenn ich meinen Augen -- einer gewissen Erinnerung trauen darf, so ist
der Doctor nicht, was er zu scheinen vielleicht Ursache hat.«
»Unglückliche!« -- fuhr Müssinger auf. Justine unterbrach ihn:
»Ich will meinen Scharfblick nicht über den Ihrigen stellen. Ich
überlasse es Ihnen, auf der Hut zu sein. Es ist nicht unmöglich, daß
ich mich getäuscht. Die Wahrheit muß sich jedoch bald auf diese oder
die andere Weise enthüllen.«
»Du treibst Gauklerkünste,« sagte der Senator verlegen lächelnd: »Und
auf's Wort und deine vielleicht grundlose Ahnung hin, soll ich dir in
einer Sache folgen, deren Bewandtniß mir völlig unbekannt ist?«