»Lassen Sie diese Förmlichkeit der Jugend und dem Volke, die in Respect

gehalten werden müssen, mein werther Beicht- und Taufsohn,« sprach der

Doctor. »Unser Verhältniß sei das eines Freundes zum Freunde. Ich finde

Sie mit den Büchern beschäftigt, deren Studium ich Ihnen empfahl, und

frage nicht, ob die heutige bedeutungsvolle Frühstunde Frucht getragen,

oder nicht. Im Herzen des Frommen gedeiht stets die himmlische Speise,

und der schnellste Entschluß belohnt sich am schnellsten. So wären wir

denn nun _eins_ in Gott und seiner Kirche, bester Herr, und Sie haben

ohne Zweifel die Gnade recht empfunden, die unser Heiland und Erlöser in

Ihnen erweckte? Die Huld unsrer barmherzigen liebreichen Mutter-Kirche,

die Ihnen erlaubt hat, alle Vorübungen, Prüfungen und Bräuchlichkeiten

zu überspringen, um sich so schnell als möglich in ihre Arme zu werfen?

Das Glück, das ich genoß, ich, eines der geringsten Rüstzeuge, die im

Felde des Herrn zu seiner größern Ehre streiten, -- Ihr Führer zur

Himmelsleiter sein zu dürfen, erfüllt mein Herz mit seligem Behagen.

Und auch in Ihrem Herzen, mein Sohn, ist nunmehr Friede; nicht wahr?«

»Wenn Glaube an unbedingte Erlassung Friede ist, so genieße ich des

Friedens,« antwortete Müssinger.

»Glaube ist allerdings der schützende Schild, und seine Wohlthat zögert

nicht. Ich wette darauf, Herr Senator, Sie erwarten nun mit sicherem

Fuße den Gast, vor dem Ihnen gestern noch gegraut.«

»Ihres Beistands versichert, ohne Zweifel.«

»Des Beistands des Herrn und seiner Schaaren, deren Engelfittich auch

den _Gedanken_ der Sünde von Ihrem Bewußtsein scheuchte. Halten Sie sich

an dem Bewußtsein Ihrer nunmehrigen Reinheit fest, und Sie werden nicht

straucheln. Der Versucher naht wohl zuweilen dem Menschen; am häufigsten

dem Gottgefälligen. Ich habe Ihnen den Lebenslauf unsers heiligen

Ordensstifters und des herrlichen Heidenapostels Xaver in die Hände

gegeben. Sie werden meinen Reden als Belege dienen. Aber -- je

gefährlicher die Versuchung, je herrlicher der Sieg der Beständigkeit.

Und auch das ist Versuchung, wenn dem Neubekehrten der Teufel

ketzerischen Zweifelmuths ins Ohr raunt: bist du denn nun auf dem

rechten Wege? Und auch das ist herrlicher Sieg, wenn der gottselige

Jünger ihm antwortet: Ja, Satan! Trotz dir und deinen Schrecken! -- Sie

verstehen mich. Ihre früheren Sünden _sind_ nicht mehr, denn das Blut

unsers Herrn hat sie getilgt, und mein Priesterwort ist Ihnen dafür

Bürge. Muth also, und ein klares Auge! Sie haben Gottes Gnade

gewonnen; -- gewinnen Sie auch jetzo das Vertrauen des Ordens, der Ihnen

Genesung brachte. Ein Thron ist schön, aber ein Coadjutor unser

Gesellschaft selbst in weltlichen Dingen zu sein, ist ein weit schönerer

Beruf.«

»Verlassen Sie sich auf mich, sobald Sie mir über die gefährlichste

Brücke geholfen haben, in allen Dingen, die nicht mit meiner Bürger- und

Vaterpflicht in Widerspruche stehen.«

»Verfängliche, aber unnöthige Klauseln!« lächelte der Doctor;

»Vaterpflicht? Die Kirche ist ja selbst die liebendste Mutter.

Bürgerpflicht? Ein relativer Begriff. Halbheit, mein Bester, führt nur

zu Trostlosigkeit. Man muß, was man sein will, _ganz_ sein, und auf dem

Wege der Religion kommen unsere Pflichten nie ins Gedränge, wenn man

ohne des Vorurtheils Brille um sich schaut. Die Wahrheit ist immer nur

_Eine_: das Recht ist stets nur _Eines_. Menschliche Satzungen fehlen;

die göttliche Wahrheit nimmer. Sind Sie überzeugt, Ihrer Mitbürger

Bestes zu wollen, so gehen Sie muthig zum Ziel. Wüthende Parteien und

schielende Gesetze schelten gar zu oft Hochverrath, was man mit allen

Bürgerkronen nicht aufwiegt, -- die Rettung des Vaterlandes. Ich behalte

mir vor, Ihnen diese unerschütterlichen Grundsätze deutlicher

auszuprägen, wenn sie zur Anwendung reifen sollten.«

»Zur Anwendung?« fragte der Senator gedehnt, denn sein Kopf ging im

wirbelnden Kreise.

»So ists, mein Sohn,« erwiderte der Doctor ruhig; »die Gestirne wandeln

ihre Bahn; folglich auch die Schicksale der Welten, der Völker, der

Gemeinden, der einzelnen Menschen. Lassen Sie uns den Fall setzen, es

wäre dem Himmel gefällig, in dieser Stadt die Anarchie des Lutherthums

zu beendigen, die von dem unerforschlichen Rathschluß nur aus dem Grunde

zugelassen worden ist, damit der erschlaffende Christussinn sich an dem

Widerstande wetze und siegend wieder auflebe. Noch mehr: der Allmächtige

hätte _Sie_ ausersehen, das Panier des wahren Glaubens, dem Sie

freiwillig sich unterworfen, kühn und frei zu erheben. Würden Sie sich

dessen weigern? Gott durch eine schimpfliche Feigheit beleidigen? Oder

gestehen, daß Sie sich selbst belogen, als Sie sich dem Meßopfer

zugewendet?«

»Wahrlich, ich erstaune ob Ihrer Rede,« sagte der Senator mit

Angstschweiß auf der Stirne: »welch einen Kampfplatz thun Sie mir in

diesen Worten auf?«

»Keinen gefährlichen; denn Gott würde mit dem Beharrlichen sein,

und sein Engel den Satan stürzen. Beruhigen Sie sich indessen. Das

Heldenbild eines solchen Kampfes lebt nur in der Einbildungskraft,

nicht in der Zeit, die eine gemessene, mathematisch schleichende

ist. Wir bekehren nicht mehr mit Feuer und Schwert, sondern mit dem

kraftvollen Honig der überzeugenden Rede. Wir dringen uns nicht mehr

den Völkern auf. Die Völker werden aber, vom geheimen Zuge ergriffen,

alle zu unserm Tische treten. Die Wunder der grauen Judenzeit geschehen

nicht mehr, sondern langsam, still webend, wie der Trieb der Natur,

bereitet der Schöpfer seine Ereignisse vor; Mirakel, nicht kleiner

als die der heiligen Bücher, aber mystischer als sie. Durch göttliche

Schickung rüttelte sich der Wolf der Ketzerei los; aber mit dem Gifte

erstand zugleich das Gegengift. Der Ursprung unserer Gesellschaft,

ist er nicht ein Wunder? erzeugt im Staube, und herrlich fortblühend

an der Brust der Könige? Zeigen Sie mir ein ähnliches Beispiel in der

Geschichte aller Völker, und bezweifeln Sie den Fingerzeig des Herrn,

der uns, seine Streiter erweckte; nicht zum blutdürstigen Morde, wie

jene Dominikaner, die ihren Beruf, die Unseligen, verkannten; nicht

zum faulen Bettel, wie jene schmutzigen Mönche des Franziskus von

Assisi, welche ihre Sendung mit Füßen treten; sondern zu der schweren

Arbeit, wie sie die Noth der Zeit erfordert. Warum wüthet man gegen

uns? Weil man uns ungemessen fürchtet. Warum verläumdet man uns?

Weil wir heller sehen, als alle Welt. Wie kömmt es aber, daß wir das

können? Weil die hunderttausend Augen meiner Brüder nur ein Einziges

sind, und ein scharfes; ihre hunderttausend Arme nur ein Einziger,

und ein thätiger; beseelt von _einem_ Willen, von _einer_ Kraft. Ein

Ziel ermißt unser Blick, nach dem _Einen_ greifen unsere Hände; nach

dem _Einen_ schreitet unser Fuß: Ehre dem Herrn in der Höhe! Nachfolge

dem Menschgewordenen Sohne und seinem Kreuze! Belehrung der Gläubigen,

Zurechtweisung der Verirrten und der noch nicht im Geiste Gebornen!

Aufrechthaltung der allein seligmachenden Kirche! Krieg auf Tod und

Leben dem Satan der Zeit, welcher da ist _der_ der Unvernunft, _der_

der Hartnäckigkeit _der_ des Lasters! -- Hier nannte ich Ihnen in Kürze

die Grundlagen unserer Bestimmung, die Zwecke unsers Daseins. Giebt es

vortrefflichere auf Erden? Verdienen Sie nicht die größte Theilnahme,

und den göttlichen Schutz, der ihnen so offenbar zu Theil geworden?

Ueberall verbreitet, in jedem Welttheile angesiedelt, predigen wir die

wahre, reine Religion. Wir haben ganze Völker dem Heile zugewendet;

wir haben Halbthiere zu Menschen gemacht. Wir leiten das Gewissen

der Fürsten; wir bewachen den Stuhl des Statthalters Jesu Christi.

Unsere Schulen -- wer lobte sie nicht als die Vollkommensten! Unsere

Zöglinge -- wer rühmte sie nicht als die Gelehrtesten? Meine Brüder

-- wer hätte sich nicht an ihrer heitern Freundlichkeit, an ihrem

milden Ernste, an ihrer Weisheit erquickt? Um jedoch ausgezeichnet

und allumfassend wirken zu können, mußten wir umfassende Hilfsmittel

wählen und schaffen: ein Band der Religion, der Wissenschaften, der

Künste, der Gewerbe, des Handels um die Erde und die fernsten Meere

legen. Für alle Bedürfnisse des Menschenwohls Sorge zu tragen, haben

wir uns verbindlich gemacht; wir besitzen in unserm Ordensschooße alle

Elemente dazu; die Mittel muß die Außenwelt geben, die uns freilich

gern und oft zurückstoßen möchte, während sie uns danken sollte. Die

kanonische Armuth der Kirche, die Kargheit der meisten Fürsten, versagt

uns bedeutende Unterstützungen, und unsere Spekulation muß aushelfen;

daher -- im Vertrauen -- unsere Colonien in fernen Welttheilen; daher

Schiffe mit unserer Fracht auf dem Meere; daher das Bedürfniß, Stapel-,

Lager- und Ausladungsplätze in allen Gegenden der Windrose zu besitzen.

Ich komme jetzt ganz natürlich auf unser hiesiges Etablissement, das

im Anbeginn einen solchen Lagerplatz ganz allein bezwecken sollte.

Einige Vertraute waren nöthig; mein Vorgänger entdeckte jedoch viel

Glauben, viel fromme Sehnsucht, und pflanzte die Reben des Herrn mit

gutem Gedeihen an, so daß ich, sein unwürdiger Nachfolger, schon eine

ansehnliche Zahl von Sprößlingen vorgefunden. Auch mit _mir_ war der

Segen des Herrn und das Glück, das mich berief, _Ihnen_ zu dienen; dem

alten bereuenden Freunde, dem nievergessenden Freunde Clara's. Ihr

Einfluß, mein Sohn, wird, hoffe ich, viel Gefahr von unserer stillen

Gemeinde abwenden, und ein guter Wächter für den Handelsvertrieb der

Gesellschaft sein, die hingegen stets bereit sein will, ihre müßigen

auf hiesigem Platze liegenden Capitalien in Ihre vertrauten Hände

zu legen, und gegen billigen Zins zu lassen; so wie sie Ihnen auch

bereits, -- gänzlich uneigennützig, und mit Ihren frommen Gesinnungen

nicht bekannt -- die bewußten Wechsel auf Brasilien angeboten: so wie

ein Freund dem andern zu dienen verpflichtet sein sollte.«

»Ihrem Orden meinen Dank;« sagte der Senator erheitert: »ich will zu

vergelten suchen, wie ich kann. Treue Freunde thun heut zu Tage Noth.

Sie haben mein Ohr bezaubert durch Ihren kurzen Bericht und Ueberblick

Ihrer Wirkungskreise. Wahrlich! ein solcher Verein ist ein Wunder, ein

noch nie gesehenes, nie erhörtes; und Sie, hochwürdiger Herr, müssen

sich im Paradiese wähnen, wenn Sie stündlich sich erinnern, auch ein

Glied an dieser großen edeln Brüderkette zu sein!«

Der Doctor sah bei dieser Wendung ernst und wehmüthig auf die stumpfen

Spitzen seiner Schuhe, lehnte das Kinn auf den Rohrstock, und entgegnete

nach einem verhaltenen Seufzer: »Je nun, Herr Senator! Jeder Beruf hat

seine Last! und ich gehöre zu den Lastthieren unseres Ordensberufs. Herr

Senator! um ein gläubig Gewissen, um ein ungeschwächtes Vertrauen auf

die Unfehlbarkeit eines vorgesetzten Endzwecks ist's eine schöne Sache.

Dieses Vertrauen auf Gott, meine Obern und meiner Pflicht wohlthätige

Früchte ist mein Reichthum, mein Paradies. Die Pflichten selbst sind gar

oft schwer, widern oft an; allein man tröstet sich mit der Fürsicht, die

das Alles befiehlt und ordnet, und wissen muß, zu welchem guten Zweck

Alles so befohlen und geordnet werden soll. Lichtpunkte in meinem Berufe

und Treiben sind Vereinigungen, so erwünscht, so freundlich, wie die mit

Ihnen im Namen der sanftesten Religion eingegangene. Clara betete für

Ihr Glück! Clara's Freund feindlich mir gegenüber zu sehen, der

Verdammniß verfallen, der Hoffnung bar, einst mit Claren, mit mir

vereinigt zu werden!... Der Gedanke schmerzte mich tief, und indem ich

Sie für unsere Lehre gewinnen durfte, gewann ich selbst einen Schatz

tröstenden Bewußtseins!«

Der Senator war bewegt, da er in die bewegten Augen des Doctors sah, und

auch die seinigen gaben Thränen, und in einer herzlichen Umarmung

erkannten sich Priester und Neophyt als höhere Würdenträger der

Menschheit; als verwandte Gemüther, als Freunde.

Der Senator sagte hierauf, indem er sich die Augen trocknete, und des

Doctors Hand ergriff: »Was mir einfällt, mein würdiger Freund! Ihr

Pflegesohn scheint Lust zu haben, ein Proselyt meiner Tochter zu

werden, denn umgekehrt läßt sich bei des Mädchens Starrköpfigkeit die

Sache nicht denken. Allein ... Sie begreifen ... und ersparen mir wohl

fernere Erläuterung.«

»Allem ist schon vorgebaut;« unterbrach ihn der Doctor: »mir ist's nicht

entgangen, und dem jungen Menschen ist bereits Ihr Haus untersagt. Ihn

binden frühere Pflichten, und Zeit ist's, daß sein Schwärmen endige.«

»Welch ein Mann sind Sie!« rühmte der Senator, freudig des Doctors

Hand schüttelnd: »solch' ein Scharfsinn -- solch' feine verhütende

Moral lernt sich wahrlich nur in Ihren Collegien. Was sind dagegen

unsere trockenen, dürren Gymnasien, wo man nur Buchstaben lernt, und

nicht Menschenkenntniß? -- Was unsere Schreibstuben, in denen man den

Charakter unserer Geschäftsfreunde, wie der Welt, nur nach den Zahlen

taxirt, die sie in Gold oder Papieren aufzustapeln vermögen! Was Ihnen

der klare Forscherblick schon verrathen, das mußte mir der Mund eines

schleicherischen Handlungdieners...«

Die Schelle am Hause wurde gezogen: einmal, zweimal, dreimal,

bescheiden, aber steigend, wie sich dazumal geladene Fremde anzumelden

pflegten, während Hausfreunde nur zweimal läuteten und Hausgenossen das

ganze mit _einem_ derben Riß an der Schelle abzuthun gewohnt waren. Der

Senator erblaßte; das Wort erstarrte in seinem Munde, ein heftiges

Zittern überkam ihn.

»Herr ... Birsher...!« stammelte er. Der Doctor rüttelte ihn zurecht,

und sagte ihm tröstend und ermahnend: »Sie sind entsündigt. Im Namen der

Dreieinigkeit! gehen Sie hin; trauen Sie auf meinen Beistand, und geben

Sie nicht Anlaß zum Argwohn, noch Aergerniß!«

Ein nachfolgender Zug an der Comptoirschelle benachrichtigte den

Hausherrn, daß der Fremde hereingelassen worden, -- daß der Besuch nicht

dem _Kaufmann_ allein gelte. Seine Pflicht zu erfüllen, nahm sich

Müssinger zusammen, und ging dem die Treppe Ersteigenden höflich

entgegen. Der große junge in Schwarz gekleidete Mann mit dem wenig

gefärbten ernsten Gesichte und den hellen geradausschauenden Augen hätte

den Senator beinahe wieder aus der Fassung gebracht; was indessen der

erste Anblick verderben zu wollen schien, brachten die ersten Worte des

Fremden wieder ins Geleis. Der junge Mann streckte, ohne den Hut zu

rücken, aber mit offenem Gesichte dem Wirthe die Hände entgegen, und

sagte: »Ei, herzlich willkommen, Herr Senator. Freue mich, Sie endlich

zu sehen. Vor Allem Entschuldigung, daß ich mich gestern, von der Reise

ermüdet, durch den Kellner anmelden ließ. Hierauf verbindlichen Dank für

die Einladung, und -- das Beste kömmt zuletzt -- meine herzlichste

Erkenntlichkeit für die Bewirthung meines armen Vaters.«

Der Senator bückte sich äußerst verlegen, und öffnete die Thüre des

Tafelzimmers. Ohne sich jedoch unterbrechen zu lassen, fuhr der junge

Mann ruhig und behaglich fort: »Das Grab meines guten Vaters war das

Erste, was ich hier besuchte. Meine Thräne ist darauf zurückgeblieben,

und mein Segen nicht minder. Wir wollen uns jedoch, nach diesem

Berichte, die Hände darauf geben, daß wir kein Wort mehr über sein

Schicksal verlieren wollen. Sie übersehen gütigst die Farbe meiner

Kleider, so wie ich selbst den eigenen Kummer übersehen will, um

Ihnen nicht ein unerträglicher, unwillkommener Gast zu sein.« Der

Senator sah den Doctor verwundert, aber mit erleichtertem Herzen

an. Leupold studirte in dem Gesichte Birshers. Er erkannte seinen

gestrigen Tischnachbar im Schwan. Dieselbe ruhige Unbefangenheit, die

ihn im Gasthause ausgezeichnet hatte, verließ ihn auch heute nicht.

Der ungewöhnliche Prunk, von welchem die Tafel strotzte, nöthigte ihm

keinen Blick der Verwunderung ab, und, als sei er schon seit geraumer

Frist ein Genosse dieser Tafelrunde, begrüßte er ohne förmliche

Umschweife die geputzte Senatorin, die sich endlich einfand, und

Justine, die im Kleide der Hausfrau erschien, um, der Küche entsagend,

bei Tische das Ehrenamt zu verrichten. Nachdem Doctor Leupold von

dem Senator den Seinigen und dem Fremden vorgestellt worden, begann

das Mahl, dem heute im Uebrigen kein anderer Gast als der ernsthafte

Buchhalter beiwohnte. Die Unterhaltung war anfänglich geschraubt. Der

Senator bewachte mit ängstlichem Auge Herrn Birsher, die Senatorin

saß mit stummem verzogenem Munde und niedergeschlagenen Augen, der

Buchhalter schwieg nicht minder devot, und der Doctor allein führte mit

dem New-Yorker ein unbedeutendes Gespräch. Justine beobachtete, und

ihre Aufmerksamkeit, -- sobald es ihre Geschäfte erlaubten -- theilte

sich zwischen Herrn Birsher und dem Doctor. Die Züge des Letztern

hatten für sie etwas Bekanntes, mancher Anklang seiner Stimme war ihr

ebenfalls nicht fremd, und dennoch hatte sie ihn im Cabinete des Vaters

nur ein einzigmal -- beinahe _nicht_ gesehen, keine Sylbe aus seinem

Munde gehört. Sie grübelte in der Erinnerung, gelangte jedoch zu keinem

Ergebniß, weil ihr des Doctors Nachbar interessanter erschien. Wider

Willen kehrte ihr Auge immer häufiger auf den jungen Amerikaner zurück,

und sie mußte sich gestehen, daß ihre Phantasie an dem Manne eine Sünde

begangen. Nicht die müde Behaglichkeit des Vaters, -- die entschlossene

Ruhe eines mit sich selbst auf's Reine gekommenen Menschen, redete

von dieser Stirne, aus diesen Blicken, die manchmal hell und fest den

ihrigen begegneten, -- die ihr eine freundliche Bewunderung, verbunden

mit einer beinahe ehrfurchtsvollen Scheu, einflößten. Sie horchte

neugierig auf jedes seiner Worte; sie lächelte unwillkürlich und

beifällig, als der Zurückhaltende endlich gesprächig wurde. -- Nach der

dritten Speise schob Birsher mit einer leichten Verbeugung den Teller

etwas zurück, und sagte: »der Hunger ist gestillt, und zum Vergnügen

esse ich nicht. Ich erbitte mir daher die Vergünstigung, unangefochten

und nachsichtsvoll beurtheilt, ein unthätiger Zeuge der fernern

Mahlzeit sein zu dürfen.«

Die Senatorin, viel auf Tafelgenüsse haltend, und dieselben sogar in

ihrem jetzigen gereizten Zustande nicht vernachlässigend, warf dem

Redner einen mißbilligenden, verwunderten Blick zu. Birsher bemerkte

denselben, fuhr aber, ruhig und verbindlich zu der Frau vom Hause

gewendet, fort: »Ein Paar Worte, hochzuverehrende Gastfreundin, werden

hinreichen, den Verdacht einer Unschicklichkeit von mir zu entfernen.

Ich habe es wohl erfahren, daß man in Deutschland die freundschaftlichen

Mahlzeiten hochschätzt und sie verlängert; daß man den Grundsatz hegt,

dem willkommenen Gast könne nie zu viel angeboten werden, und er könne

hinwieder nie zu viel genießen. Bei uns in Amerika ist die Lebensart

viel einfacher, so wie unsere Wohnungen, unser Tafelgeräthe und unsere

Kleidungen einfacher sind. Drei Gerichte, eine Flasche Bier oder Wein,

ein herzliches Tischgespräch von einer halben Stunde, ein aufrichtiges

Gebet zum Beschluß -- das sind die Bestandtheile unserer Sonntags- und

Feier-Tafeln. Lassen Sie mich bei dieser Gewohnheit, die meine

Landessitte mir einprägte, die mir immer wohl bekam. Ich will, da ich

meinen Theil _von_ diesem überprächtigen Gastmahle nicht gehörig

annehmen darf, meinen Antheil zu der Unterhaltung geben, und fange damit

an, Ihnen unumwunden zu bekennen, weßwegen ich im Grunde hierher

gekommen bin.«

Alle Anwesende neigten höflich das Haupt, und der Senator, um eine

Erwiderung verlegen, sagte mit zweifelhaft schwankendem Tone: »Ew. Edeln

kommen unsern Wünschen zuvor. Ich darf gestehen, ... daß ... so höchst

angenehm mir auch Dero Ankunft erschienen, ich nicht begreife, wie es

möglich wurde, Sie schon jetzt hier zu begrüßen. Meiner erprobten

Berechnung gemäß könnte das schnellst segelnde Schiff kaum die Nachricht

nach New-York gebracht haben, daß...«

»Ihre Berechnung täuscht nicht, Herr Senator,« antwortete Birsher:

»das dänische Kauffahrteischiff Kiöbenhaven, das vom Texel abging, mit

der Depesche des Herrn van den Höcken befrachtet, kann erst seit drei

Wochen, fiel die Fahrt vollkommen günstig aus, zu New-York angekommen

sein. Doch hatte ich nicht auf eine Nachricht aus Europa gewartet.

Eine Ahnung -- man möchte sagen, wie mein schottischer Faktor zu sagen

pflegt: ein zweites Gesicht hat mich über's Meer getrieben!«

»So?« fragte Doctor und Buchhalter. Des Senators Gesicht verlängerte

sich. Die Frauen hingen mit ihren Blicken an dem Munde des Erzählers.

Dieser bemerkte die gespannte Neugier, und sprach lächelnd weiter:

»Erwarten Sie keine Gespenstergeschichte. Nichts Ungewöhnliches. Ein

einfacher Traum ist's nur, der sich leicht erklärt, wenn man erfährt,

daß Vater und ich uns unaussprechlich lieb gehabt. Um ein Capital

zu retten, das in Ostfriesland unsicher stand, und um mir -- wovon

nachher -- einen Schatz mitzubringen, unternahm der alte Herr die

mühevolle Reise. Eine Art von Heimweh gesellte sich zu den obigen

Motiven. Er hatte früher in Holland und Deutschland gelebt. Es war

ihm in diesen Ländern wohl ergangen. Er wollte das Paradies seiner

Jugend noch einmal sehen vor seinem Ende. Er hoffte, seine lästige

Corpulenz auf der Seefahrt zu vermindern. Er bestand -- eigensinnig von

jeher -- auf seinem Vorhaben, und segelte ab. Das Schiff hatte einen

bedeutungsvollen Namen: Fare well! Mein Glück- und Segensruf hing sich

an des Schiffes Wimpel, und -- setzte ich mich gleich stracks wieder

vor die Bücher und die Correspondenz, so schaukelte sich doch meine

Seele neben dem Vater auf dem fern hingleitenden Fare well! Diese

Einbildung verwuchs, so zu sagen, mit mir, und gab sicherlich Anlaß

zu dem Traume, der mir einst, geraume Zeit nach des Vaters Abfahrt,

vorkam. Ich saß im Comptoir und schrieb. An die Thüre klopfte es.

»Herein!« rief ich. Alles still. Nun stand ich auf und sah selbst

nach. Vor der Thüre stand mein Vater: gekleidet, wie wohl sonst, aber

blaß. Willkomm! sagte ich, und streckte die Hand aus. Er aber sprach:

Beileibe, Freund Georg; ich bin ja gestorben, und muß in Europa

bleiben. -- Ich fuhr auf, und das nächste Schiff nahm mich mit nach

Holland. Van den Höcken sagte mir bei der Ankunft in Amsterdam nichts

Neues. Ich war von der Wahrheit meiner Ahnung innig überzeugt.«

»Das ist eine entsetzliche Geschichte!« sagte die Senatorin, und erhob

sich, von Gespensterfurcht ergriffen, vom Stuhle, um mit starren Augen

und bebendem Kinn von hinnen zu wanken. Der Senator, der auf glühenden

Kohlen gesessen, beeilte sich, der Frau seinen Arm zum Weggehen

anzubieten. Mit einer Geberde schaudernden Abscheu's stieß ihn jedoch

Frau Jacobine zurück, griff mit heftiger Gewalt nach Justinens Hand, und

verließ, auf dieselbe gestützt, das Eßzimmer.

»Die Frau Senatorin scheint reizbarer zu sein, als ihre Constitution

errathen läßt,« versetzte Birsher, etwas aus der Fassung gewichen; »ich

habe dennoch nur Alltägliches erzählt, um einen Beitrag zur Seelenkunde

zu geben.«

»Ein merkwürdiger Beitrag allerdings,« hob der Doctor an, um des

Senators betretene Beschämung zu bemänteln; »die Geschichte zeugt von

Ihrer außerordentlichen Liebe zu dem Vater, dessen Tugend ein späteres

Lebensziel verdient hätte.«

»Ich habe beschlossen, daß er in seinen Vorsätzen, in seinen Wünschen

fortlebe,« entgegnete Birsher: »sein Wille ist mir ein schätzbareres

Vermächtniß als seine beträchtlichen Güter. Ich bin weniger gekommen, um

hier das mir zustehende Erbtheil zu holen, als um den hochachtbaren

Herrn Senator zu fragen, ob er die Freundschaft, die er für meinen Vater

hegte, auf mich fortpflanzen, und mich, wie der Selige gewünscht, zu

seinem Schwiegersohne an- und aufnehmen will.«

»Herr Birsher,« stammelte der Senator, höchlich überrascht: »Ihr

wackerer Sinn spricht sich so unerwartet aus, da...«

»Was der Vater beschloß, will ich gehorsam ausführen! -- Von seinen

Händen hätte ich blindlings die nie gesehene, ungeliebte Braut

empfangen. Was soll ich nun thun, da ich die liebliche Jungfer gesehen,

da ich aus jedem Munde nur ihr Lob vernommen? Ich bin kein Freund von

vielem Reden. Ja oder Nein, Herr Senator? obschon unter Männern von

Wort ein »Nein« nicht wohl denkbar ist. Ueberlegen Sie nicht, grübeln

Sie nicht. Der Brautschmuck ist in Ihrem Hause. Das Capital, das mein

Vater, es schon verloren gebend, zu Emdes rettete, hat er verwendet,

gewisse Verbindlichkeiten, die Ew. Edlen gegen van den Höcken hatten,

aufzulösen; die quittirten Verschreibungen zu der Jungfer Nadelgeld

bestimmt. Mein Vater hat Alles im Voraus geleistet und besorgt ....

werden Sie nun nicht auch das Ihrige gegen mich thun?«

»Ich wills, ich werde es!« rief der Senator ausbrechend, weil ihm ein

Felsenberg von der Brust fiel: »ich heiße Sie doppelt willkommen, als

meinen lieben Sohn und Handelsfreund.«

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 12 / 32 段