umherschweifenden des Dieners ausweichend: »Ich wette darauf, der junge
Herr will mich besänftigen, daß ich nicht zürne, weil Er bereits zween
Tage lang gefaullenzt hat? Danke Er Gott, Monsieur, daß ich nicht so
strenge wie der Buchhalter bin, und mich überhaupt heute in einer Laune
befinde, die mich nicht zum Zanken kommen läßt. Es sei Ihm Alles
vergeben, aber continuire Er dafür in Seinem vorigen Fleiße.«
»Es hat sich hier Nichts zu vergeben, Herr Senator und geschätztester
Principal,« antwortete Nothhaft ziemlich dreist und nachdrücklich; »die
Ursache meiner Abwesenheit von Dero Comptoir wird mich, -- so hoffe ich,
-- sehr genügend entschuldigen. Ich bin hier, um dieselbe gebührend
vorzutragen, da Ew. Edeln Geschäfte gestern und vorgestern mir Solches
unmöglich gemacht. Freilich sollte ich gebührenderweise schwarz wie ein
Tintenfaß vor Ihnen stehen; allein, erstens hat der saumselige Schneider
mich noch nicht mit Kleidern versorgt, -- und -- zweitens -- will sich's
wohl ziemen, -- da eine fröhliche Botschaft an der traurigen hängt, daß
ich ihrer im fröhlichen Kleide gedenke. Wissen Sie demnach,
Hochzuverehrender, daß mein Herr Vater, -- bis dato Kaufmann und
Rathsherr in meiner Geburtsstadt, am verwichenen Freitage im 70sten
Jahre seines Alters das Zeitliche mit dem Ewigen vertauscht hat. Ich bin
sein einziger Erbe in Haus und Gewölbe geworden, und -- wie mir
schmeichelhafte Verwandte versichern, -- würde der Magistrat sich nicht
lange sperren, mir auch den Rathsstuhl des Verewigten als vollgültiges
wohlerworbenes Erbe zu überlassen.«
Der Senator war unwillkürlich vom Stuhle aufgestanden, hatte einen
nebenstehenden Sessel herbeigezogen, und winkte lächelnd und verbindlich
dem Commis, Platz darauf zu nehmen. Nothhaft ließ sich nicht lange
bitten, und indessen sprach Müssinger sehr freundschaftlich: »Sehen Sie,
bester Herr Nothhaft; der Tod ist so eigentlich kein Unglück, sondern
ein _Soll_, das früher oder später jeder Lebensnegoziant zu saldiren
hat. Trösten Sie sich demnach über den herben Verlust, und genehmigen
Sie den wärmsten Ausdruck meiner Theilnahme an Ihrem fernern
Wohlergehen. Dieses wird nun freilich lediglich von Ihnen abhängen, denn
Sie haben in meinem Geschäfte von der edeln Handels-Wissenschaft ohne
Zweifel so Vieles profitirt, daß Sie ganz gut auf Dero eigenen Füßen
werden stehen können. Behalte mir demnach nur die Fortdauer Ihrer
freundschaftlichen Anhänglichkeit vor, und bitte mir zu nächstem Sonntag
die Ehre aus, Ihnen mit einem Löffel Suppe aufwarten zu dürfen, wie ein
Handelsfreund dem Andern.«
Müssinger hätte hier gerne, nachdem er der Förmlichkeit ihr Recht
gegeben, das Gespräch beendet, aber Nothhaft saß immer noch breit und
lästig im Stuhle, nickte vornehm dankend mit dem Kopfe, und hob an, den
Zweisprach weiter fortzuspinnen.
»Eben darum, geehrter Herr Senator,« -- sagte er -- »weil ich weiß, wie
förderlich mir Ihre Freundschaft ist, und gewesen, so wie auch die
Meinige =vice versa=, so unterstehe ich mich, an obige Trauer-Nachricht
ein artiges Vergnügen zu knüpfen, indem ich auf ein Band hinweise, das
unsre bisherige Freundschaft-Societät zu befestigen geschickt sein
möchte. Mein seliger Herr Vater hat jeden Albus sechsmal umgewendet, ehe
er ihn ausgab, und vermittelst dieses Grundsatzes einen ansehnlichen
Kasten voll harter Thaler zusammengespart: ein Tuchgeschäft in vollem
Gange, eine Wein-Fabrik, ein wohleingerichtetes Haus, Gartenland und
Ackerfeld, Brunnen und Stall, Geschirr von Silber und Ringe von Gold.
Alles dieses ist mein, und mir geht nichts ab, als ein Weib. Ich halte
demnach, geziemend und gebührend, um Ew. Edeln Tochter an. Jungfer
Justine ist zwar ein schwieriges, schnippiges Ding; aber ich mag sie
doch wohl leiden, und hat man erst ein Dutzend Wochen im Ehestande
zugebracht, so findet sich Alles hinterdrein.« --
Der Senator saß verstummt da, und lächelte vor sich hin; ob aus Spott
oder aus Ueberraschung? Dann erwiderte er ziemlich treuherzig: »Lieber
Herr Nothhaft! Sie thun mir unläugbar eine Ehre an, so wie Justinen.
Aber, Bester! -- sollte es Ihnen denn unbekannt sein, daß meine Tochter
noch immer versprochen ist? Bevor Herr Birsher junior nicht sein Wort
und das meinige aufgegeben...«
»Täuschen Sie sich noch beständig mit dem Bräutigam aus New-York?«
fragte Nothhaft achselzuckend; »geben Sie um Gotteswillen die
Anwartschaft auf. Der junge Herr wird an Deutschland gedenken, und über
kurz oder lang wohl die _Brautgeschenke_ wieder einfordern lassen, die
sein armer Papa hieher bringen mußte; aber sicher nicht die _Braut_.«
»So?« -- fragte Müssinger etwas gereizt. »Woher wissen Sie das? Sind
Ihre Briefe sicher?«
»Hm!« antwortete Nothhaft ruhig und bedeutend; »ich meine nur...; wenn
ich der Sohn wäre -- ich könnte nimmer in das Haus heirathen, worinnen
man meinen Vater ... begraben hätte.«
Des Senators Mundwinkel zuckten krampfig. »Man muß es darauf ankommen
lassen,« sagte er trotzig.
»Lassen Sie's nicht ankommen,« fuhr Nothhaft fort: »verkennen Sie Ihren
Vortheil nicht. Eine Verbindung mit mir ist Ihnen heilsamer, als eine
Verwandtschaft mit dem Amerikaner. Ich habe zwar keine Million in Cassa;
aber einen Mund, der schweigen kann, und einen milden Verstand, der mit
dem Mantel der Liebe allzeit fertig und bereit steht, wenn gewisse
Menschen-Irrthümer zur Sprache kommen wollen.«
»Wie so? Wie begreife ich, was Sie mir sagen?«
»Denken Sie an des alten Gastfreundes Sterbetag. Gedenken Sie des
seltsamen Sterbefalls...«
»Und nun, Monsieur? Was will Er ... was wollen Sie damit sagen?«
»Der Pistolen auf der Diele, der verzettelten, gerade noch vor
Thorschluß, möchte man sagen, quittirten Wechsel ... oder
Verschreibungen...«
Der Senator wurde weiß wie die Wand, stand auf, schöpfte tief Athem, und
sagte mit gepreßter Stimme: »Sie sind ein schauerlicher Patron, und
verstehen's, solche unangenehme Todes-Auftritte recht täuschend zu
schildern, daß man sich unwillkürlich fürchten möchte.«
»Herrlich!« rief Nothhaft, »um so schneller werden Sie mit der Heirath
in Ordnung kommen. Schlagen Sie ein: Allianz! Respect dann vor Ihrer
Firma!«
»Ei! den müssen Sie auch haben, junger Mensch!« fuhr der Senator auf:
»haben ohne Allianz! Sie thun absonderlich vertraut mit mir; mehr als
sich's schicken dürfte! Werden wohl berathen sein, wenn Sie dieses
unterwegs lassen!«
Nothhaft sah den Aufblitzenden stutzig und verblüfft an. Die auflodernde
Hitze reute indessen den Senator im Augenblicke. Er beruhigte sich
gewaltsam, murrte ein finsteres: »Pfui!« gegen sich selbst gerichtet, in
den Bart, und fuhr fort: »Verzeihen Sie mir den Ausfall. Ich habe mir
vorgenommen, mich nicht zu erzürnen; aber die Zunge läuft manchmal wie
ein toller Deserteur davon. Mit Permiß! so wir uns alterirten, wollen
wir wieder Freunde sein. Das Schätzbare Ihrer Werbung ist mir nicht
entgangen; aber sagen Sie selbst: ist es möglich, Ihnen etwas, das
geringste aufmunternd zuzusagen, da der junge Birsher selber hier
eingetroffen ist?«
Nothhaft sprang überrascht vom Sessel. Er studirte lange an dem Ernste
in des Senators Augen; dann sprach er hitzig, wie ein Pfeil schwirrt:
»Wenn's in der That also ist, Herr Senator, so heißt's: Kurz resolvirt.
Ueberlegen sie genau, wie's anzufangen sein möchte, damit der Herr von
New-York nicht an's Ueberlegen komme. Parbleu! Ihr Jawort ist so gut als
schon in meiner Tasche. Justinens wird sich dann schon finden. Apropos
indessen, Ew. Edeln: dem ehrlichen Freiersmann kann es nicht angenehm
vorkommen, wenn sich die Braut an ein fremdes, leider malhonnettes Volk
hängen will. Jungfer Justine ist in der Education sehr vernachlässigt.«
»Monsieur Nothhaft!« sagte Müssinger erstaunt, und wieder böse
werdend. --
»Na! ruhig im Gemüthe, Herr Senator! Ich hab's aus guter Quelle. Der
englische melancholische Junker, der hier im Hause den Sprachmeister
abgiebt -- der verdient's, daß Sie ihm böse, gram und giftig werden. Er
hat Justine gekirrt; Parbleu! ich weiß es sehr genau. Morgen-Promenaden
-- im Frühroth -- Berndt hat's mit angesehen, wie sie plauderten,
wie sie Abschied nahmen. Solche Lustwandeleien im Morgenthau mögen
vielleicht unter den grobhäutigen Engländern gäng und gäbe sein, aber
der gute Ruf unsrer deutschen Töchter und Schwestern bekömmt leicht
davon den Schnupfen.«
»Ich werde die Sache untersuchen,« erwiderte der Senator strenge;
wendete sich aber von dem Freiwerber ab, damit er nicht die Röthe der
Schaam auf seiner Stirne bemerke: »Verlassen Sie sich darauf: ist's
wahr, -- soll's gewiß nicht mehr geschehen!«
»Dann bin ich um meiner Jungfer Braut willen bereits content!« äußerte
Nothhaft, den Weg zum Abschiede suchend. Der Senator ermangelte nicht,
dem Zuversichtlichen zu bemerken, daß seinem Ansuchen bei weitem noch
kein _Amen_ gesprochen worden, aber unwillkürlich nahm seine Rede einen
trügerischen Schein an, und Nothhaft -- wäre er auch nicht der alte
dumm-dreiste und hochmüthige Geck gewesen, wie sonst, -- hatte Ursache,
mit mancher Hoffnung von dannen zu gehen.
»Verzeihe mir der Himmel die Sünde, wie er mir heute bereits die
schwereren vergab!« sagte der Senator leise vor sich hin, wie im
Gebet; »ich konnte mir in der Verlegenheit des Augenblicks nicht
anders helfen. Der freche Tölpel, der ein Endchen meiner Geheimnisse
kennt, muß berücksichtigt werden, -- wenigstens, bis er die Stadt im
Rücken, den Weg nach seiner Heimath unter der Sohle hat.« Er ging hin
und her in der Stube, musterte seinen Schreibtisch, seine Bücher, --
zuckte auf wie vor dem Anblick einer Schlange, als er die bestaubte
Hauspostille darunter gewahr wurde, schob sie mit unmuthiger Hand in
einen klaffenden Wandschrank, und reinigte dann die Finger vom Staube.
-- »Wie dieser Anblick mich plötzlich an die Jugend erinnert hat!«
sagte er mit wehmüthigem Vorwurfe zu sich selbst; »dieses Buch, woraus
ich meinen Eltern den Abendsegen lesen mußte, dessen Haupt-Predigt- und
Erbauungsstellen ich auswendig gelernt hatte, trotz dem Vater-Unser...
Dieses Buch, worein der Vater alle Begebenheiten unsers Hauses
verzeichnete, wie eine Geschlechterchronik, -- dieses Buch soll mir von
nun an ein Gräuel sein!« Er seufzte, drückte jedoch den Wandschrank
entschlossen zu, und zog ein kleines Büchlein aus dem Busen, das er
mit einer seltsamen Mischung von Neugierde, Zuversicht und Zweifel
betrachtete. »Du sollst in Zukunft mein Hort sein?« fragte er flüsternd
und setzte, darin blätternd, hinzu: »Ihr Heiligen Alle, deren Häupter
aus diesen Bildern, mit Dornen und Blut bekränzt, schauen! nehmt Euch
meiner an, daß ich nicht vergehe in muthlosem Schwanken! wahrt mir doch
den Frieden, den ich kaum durch einen beispiellos raschen Entschluß
gewonnen!« Sein Blick fiel auf den Rand eines Kupferstichs, und in dem
Blicke ging es auf wie ein Freudenfeuer. »Münzner! Münzner! ist das
nichts Claras Weltname? Und ist sie nicht der Engel, der heute mein
Pathe gewesen? Und ich sollte friedlos bleiben, da sie für mich zu
den Füßen des Heilands betet? Muth, mein Herz!« Die Glocke, die zum
Frühstück rief, ertönte.
Der Senator versteckte das Gebetbuch, zog sein Gesicht in die
gebieterischen Alltags-Falten, und begab sich zur Wohnstube. Der Kaffee
dampfte von dem blaudamastenen Tafeltuche, das glänzende goldgeringelte
Porzellan, berührt von dem schweren silbernen Geräthe, erklang hell; im
Uebrigen blieb es stumm in dem kleinen Kreise. Die Senatorin, die kaum
den Morgengruß des Mannes erwidert hatte, saß, zwar ihm zur Seite, aber
dennoch halb von ihm gewendet, und genoß, die Tasse in der bequem
ruhenden Hand haltend, das Frühstück und den Morgenstrahl, der durch's
Fenster schlug, zugleich. Justine hütete mit besorgten Blicken bald den
stillen Vater, bald die feindselige Mutter, und bestellte die
Frühstücks-Angelegenheit; schenkte ein, bediente, nöthigte wie es der
Brauch war. Berndt saß unfern, wie ein Lämmchen, unfähig, ein Wässerchen
zu trüben, unterrichtete bald den Principal von den Arbeiten, die er
heute schon gethan, bald schoß er lauernde Blicke nach dem Mädchen. Der
ernste Buchhalter, gegen jede Kaffebedienung deprecirend, zum
zwanzigsten Male behauptend, daß er bereits in aller Frühe seine Portion
genossen, stand hinter dem Herrn, und producirte eine eingelaufene
Missive nach der Andern, eine Reihe abzusendender, und eine Menge der
Unterschrift bedürftiger Papiere.
Müssinger las und unterschrieb schweigend, sandte den Buchhalter
hinunter, beschied Berndt in einer Stunde auf seine Stube, und fragte,
nachdem auch dieser feuerroth hinweggegangen, mit ungewöhnlich sanftem
Tone: »Wie nun, Jacobine, und du, mein Justinchen? Ist denn schon
die Tafel für den zu erwartenden Gast geordnet?« -- Justine wollte
die Mama antworten lassen, aber die Senatorin hatte dazu keine Lust.
Mit einem tiefen Seufzer setzte sie die Tasse geräuschvoll hin,
kehrte dem Senator völlig den Rücken, und starrte in's Blaue. -- »Ei,
Jacobine...!« -- sagte Müssinger hierauf staunend und gereizt, --
näherte sich der Schmollenden, und wollte die Hand auf die Lehne des
Stuhles legen, um sich vertraulich zu ihr herabzubücken; aber wie vor
einem Scorpion fuhr die Senatorin empor, wischte schnell mit ihrem
Schnupftuche die Stelle ihres Kleides ab, woran zufällig sein Finger
gestreift hatte, und schritt trotzig und stumm in's Seitenzimmer. Die
Thüre ging krachend hinter ihr zu. -- »Was bedeutet das?« -- fragte
Müssinger, seine Jast kaum bezwingend. Justine erzählte schüchtern und
verlegen, daß sich der Mutter Betragen seit ihrem Spaziergange von
gestern nach dem Ritterhofe geändert habe; daß sie nichts über die
Veranlassung zu diesem stummen Groll geäußert, und daß sie, Justine,
von der Sache nicht das Geringste begreife. -- »Mit wem hat deine
Mutter draußen gesprochen?« -- fragte der Vater mit krauser Stirne.
Justine gestand, daß sie, in Scherz und Gelächter mit andern Personen
ihres Alters und ihrer Bekanntschaft vertieft, es nicht bemerkt habe.
»Welche unselige Grille beherrscht das Weib nun wieder!« -- sagte der
Senator empört, aber wie mitleidig die Achseln ziehend. -- »Ist denn
wohl ein Hausvater in dieser Stadt, der unglücklicher wäre, als ich?
Diese stumpfsinnige Xantippe, die mein Leben verbittert...«
Justine flog mit thränendem Auge an seinen Hals, und fragte: »Lieber
Vater! Sind Sie denn auch mit _mir_ böse? Verdiene auch ich Ihren
Unwillen?« --
Der Senator sah sie gerührt an, schob sie dann, plötzlich verfinstert,
von sich, und antwortete: »Unter deinen Fehlern vermißte ich wenigstens
bis heute die Heuchelei. _Nun_ tritt auch diese hervor. Ungerathene mit
dem Unschuldsblick! Wohin hast du dich verirrt? Mit einem jungen Manne,
der mein Vertrauen verräth, bist du am frühen Morgen auf den Gassen der
Stadt gesehen worden. -- Bekenne! wohin führen diese Gänge? und seit
wann?« --
Justine erbleichte ein wenig; allein sie war bald wieder gefaßt. »Berndt
hat mich verläumdet,« -- sagte sie ruhig; -- »der Schleicher trat auf
meinen Fersen in das Haus. Glauben Sie dem Menschen nicht. Verlangen Sie
jedoch nicht, daß ich Ihnen mehr von dem Morgengange sage, als daß er
nur ein einzig Mal -- Gestern -- statt gefunden, und daß ich die Hütte
einer Armen aufgesucht. Um Alles Uebrige befragen Sie, wenn es Ihnen
gefällt, den Monsieur White selbst.«
»Welch ein kühnes Vertrauen!« -- rief Müssinger. -- »Ich will glauben,
daß noch die Sünde nicht mit Euch ging. Was soll aber daraus in Zukunft
werden? Du wirst, hoffe ich, nicht den thörichten Gedanken hegen, den
bettelarmen Baronet, -- obendrein zu einer Zeit, wo dich noch andere
Bande fesseln, die vielleicht fester zu knüpfen, dein Verlobter kam...«
»Vollenden Sie nicht, Herr Vater,« versetzte Justine; »lernen Sie mich
besser kennen. Ihre Besorgnisse sind grundlos. Da Herr Birsher hier
angekommen, schickt sich's ohnehin nicht, daß ich den Besuch eines
Mannes ferner annehme. Sie werden mich verbinden, wenn Sie Herrn White
heute schon entlassen. In Frieden, denke ich, wenn Sie meinen Ruf
schonen wollen. Was Berndt betrifft....«
»Das ist meine Sorge!« ergänzte der Senator, und eilte auf seine Stube,
wo sich Berndt demüthig und bald einfand.
»Er hat sich erlaubt,« fuhr ihn der Principal mit Strenge an, »meine
Tochter durch böse Nachrede zu verunglimpfen, und ihr einen Spaziergang
zum Verbrechen zu machen, von dem ich unterrichtet war, und der einer
Armen galt. Verläumder und Züngler dulde ich nicht in meinem Hause. Er
hat sich um einen andern Dienst umzusehen, und mit Ablauf des Quartals
von meiner Schreibstube abzuziehen. =Bon Dies.=«
Stumm und niedergeschlagen entfernte sich Berndt, und murmelte zwischen
den Zähnen: »Das kommt von Nothhaft, dem neidischen Bengel! Das gedenk'
ich ihm!«
Der Geist der Verdrossenheit hatte sich auf Müssingers Dach gelagert.
Ein dumpfes Mißbehagen bedrängte Alle, die darunter wohnten, Justine
ausgenommen, die mit unbefangenem Herzen, mit klaren Augen die Zukunft
musterte. Freilich mischte sich auch in diese unbefangene Klarheit dann
und wann ein wenig Unruh, wenn sie an den Verlobten dachte, der so
plötzlich erschienen war; von dessen Wollen und Wünschen noch nichts
verlautet hatte. »Wie wird er die Sache entscheiden?« fragte sie sich,
»und will er mich noch heimführen, oder hat der Tod seines Vaters
seinen vielleicht erzwungenen Vorsatz geändert? Aber: wie sieht wohl
der junge Mann aus?« fragte sie sich noch weit öfter, und erbebte ein
Bischen, dachte sie sich des alten Birshers Corpulenz, seine Perücke,
seine Manieren, die sich vielleicht alle, wenn auch nach verjüngtem
Maßstabe, in dem Sohne wiedergaben, wie im Spiegel. Werde ich ihn
heirathen? -- war natürlich die letzte, die bedeutendste Frage, die
Justine an ihren Verstand, an ihr Herz richtete. Der Verstand, der den
Reichthum und das daraus entspringende heitere Leben zu schätzen wußte,
sagte allerdings: Ja! aber das Herz? In diesem verborgensten Winkel
tauchte von Zeit zu Zeit, einem spielenden Geist zu vergleichen, ein
Bild auf, -- angenehm in seinen Zügen, unangenehm jedoch in seiner
Bedeutung: James. -- Justine wurde nun sehr ernsthaft, sehr unruhig,
und dankte dann dem Himmel von ganzer Seele, als dieses Bild nach
kräftigem Bedenken mit einem Male verschwand, und nimmer wieder kam.
-- So halte ich dem besorgten Vater Wort, und meiner eigenen Würde! --
sagte sie gleich einer Siegerin, und ging, eines hellen Entschlusses
voll, die Schlüssel des Hauses einzufordern, um das Gastmahl zu rüsten.
Frau Jacobine machte gar keine Schwierigkeit, auch heute die Wirthschaft
dem Mädchen anzuvertrauen. »Du wälzest einen Stein von meinem Herzen!«
-- sprach sie, die Schlüssel hinreichend, und wieder in die Kissen des
Kanape's versinkend, in denen sie sich ausnahm, wie eine im Nachdenken
Verlorne.
»Darf ich nicht wissen, was Sie beängstigt oder ärgert, liebste Mutter?«
-- fragte Justine mit sanfter Theilnahme. Die Mutter schlug die Hände
zusammen, und schüttelte den Kopf mit Heftigkeit. »Frage mich nicht,
Justine!« -- sagte sie alsdann mit phlegmatischem Pathos: »Es wird die
Zeit kommen, da sich Alles enthüllen wird. Armes Kind! und ich ... eine
arme Mutter! Mir bleibt nichts übrig, als zu überlegen, wie wir beide
einer großen Seelengefahr zu entrinnen haben. Gott wird ja einen Engel
schicken! Behalte indessen die Schlüssel dieses unseligen Hauses! In
meinem Leben rühre ich sie nicht mehr an!«
Sie schwieg verstockt, und Justine fürchtete für den Verstand der
Mutter.
»So werden Sie mir doch erlauben,« -- sprach sie, -- »eine Gehülfin zu
erwählen; denn in der Zeit, als Herr Birsher hier aus- und eingehen
wird, dürfte es viel zu thun geben, dem ich allein nicht gewachsen
wäre.«
»Wie du willst. Gott segne den Herrn Birsher! Er hätte aber besser
gethan, zu New York zu bleiben. Wen willst du jedoch dir zur Seite
setzen?«
»Eine Freundin: Madame Laynez, eine Französin.« -- »Wer ist die Person?
Ich kenne sie nicht.« -- »Die Frau Syndikus empfahl sie mir,« --
versetzte, um eine Antwort etwas verlegen, Justine. -- »So?« --
erwiderte Jacobine mit großen Augen; -- »meinethalben dann. Die
Syndikussin empfiehlt sicher kein Gesindel; sonst möchte ich wohl
gerathen haben, auf der Hut zu sein. Die Franzosen machen gerne lange
Finger, und bei Gelegenheiten, wie die heutige...« -- »Lassen Sie mich
walten, Mutter; und erheitern Sie sich. Dieser unbegreifliche Mißmuth
würde den Gast verschüchtern und den Vater erzürnen.« »Den Vater?« --
rief die Mutter zusammenfahrend aus; -- »schweige von ihm. Ich will
nichts von ihm wissen, nichts von ihm hören! Ich wollte, ich hätte ihn
nie gesehen. Du wärest nie geboren worden!« -- »Mutter!« -- »Ich
wollte, meine Augen müßten den fremden Gast nicht sehen. Aber -- nicht
wahr, es wäre unschicklich, wenn ich bei Tische fehlte?« -- »Gewiß,
liebe Mutter! Bedenken Sie selbst, -- die Frau vom Hause...«
»Mein Heiland, ja! Was muß man nicht thun, um der Schicklichkeit willen?
Was muß man nicht verschweigen und verbeißen um der Schande willen! Ach,
liebste Tochter, ich werde viel leiden an dieser Tafel! Jeder Bissen
wird mir im Munde quellen. Ach Gott! verzeihe mir meine Sünden; womit
hab' ich aber all' diese Noth verdient?«
»Ich fürchte mich bei Ihnen, Mutter!«
»Bei mir?« ächzte das Weib, das sich mit Gewalt in eine Aufregung
versetzte, die sich lächerlich und peinlich zugleich ausnahm; »bei mir,
du gottloses Kind? Und ich bin doch ein Lamm, wie Schnee so rein; und
ich habe dich zur Welt geboren, und ich sinne und sinne seit gestern,
daß mir der Kopf schwindelt, wie ich dich, meinen Herzensschatz, mit mir
zugleich erretten kann. An _mir_ sollst du dich halten, und nur Gott
fürchten in Demuth, und ... deinen Vater in Angst! Fürchte dich vor dem
Vater, wie das unschuldige Lamm vor dem Wolf! Thue von heute an nie
mehr, was er begehrt, denn er begehrt nur unser Verderben.«
Justine sah die Frau, die sich wie eine in Wahnsinn fallende
zerängstigte, mit großen Augen, dann mit Mitleid, dann mit
Geringschätzung an, drehte sich endlich kurz und gut um, und sah nach
ihren Pflichten.
»Was ich versprochen, kann ich heute schon mit dem Segen Gottes
beginnen,« -- schrieb sie in Eile an die Laynez: »Kommen Sie, gute Frau.
Versuchen Sie es für's Erste auf ein Paar Tage, wie es Ihnen gefallen
möchte bei Ihrer herzlichen Freundin Justine.«
Sie sendete diesen Zettel durch den dümmsten Packknecht ihres Vaters in
den Johanniterhof an die Adresse, und verlor im Drang ihrer überhäuften
Geschäfte bald die seltsamen Launen ihrer Mutter, -- sogar den
eingeladenen merkwürdigen Gast aus den Gedanken.
Indessen hatte sich bereits ein anderer Geladener in des Senators Stube
eingestellt. Müssinger erkannte selbst beinahe den Eintretenden nicht,
so sehr veränderte diesen der schwerbetreßte Rock, die ansehnlich
bauschende Halsbinde und die große weiß erglänzende Perücke.
»Im Namen des Herrn und Heilands!« sagte der Kommende -- Doctor
Leupold -- mit leiser Stimme.
»Amen, und willkommen, hochwürdiger Herr!« antwortete der Senator
ebenso, und ging dem Doctor entgegen, ihm die Hand zu küssen, eine
Ehrenbezeugung, deren sich Leupold weigerte.