»Das darf ich nicht,« entgegnete der Doctor; »Zu welchem Endzweck auch?

Ihr seid arm, die Jungfer ist reich. Ihr Vater ist Senator; Ihr seid

Thürmer. Das paßt nicht. Aber die Hauptsache ist, daß Ihr Katholik seid,

daß sie Lutheranerin ist. Zwar arbeitet die Gnade des Höchsten, wie ich

vernehme, an ihrer Wiedergeburt, wie denn überhaupt, Dank sei es der

Fürbitte unserer hohen Patronin, unsere Gemeinde täglich im Stillen

zunimmt, bis sie laut wird reden können. Aber man rechne nicht auf das,

was noch nicht ist. Ich weiß nun zwar, daß ein Jünglingsherz ein

weiblich Gemüthe sucht, an das es sich bindet, wie die Rebe an die Ulme.

Die reine Verschwisterung tugendhafter Seelen mag und darf ich nicht

hindern. Ihr dankt der würdigen und gottseligen Frau Lainez die

Erleuchtung in Eurem frühern Irrthum. Weiht ihr Euer dankbar Gemüth, und

vergeßt das Weib, das nicht für Euch auf der Welt ist.«

Pahlens verneigte sich, etwas unbefriedigt jedoch, und schied von dem

Doctor, der sich zur Mailbahn begab. Auf und niederschreitend überlegte

er sein heutiges Tagewerk, horchte verdrüßlich auf die Trommel, die von

Zeit zu Zeit von der Komödienbude herüber schallte, auf das Geschrei des

Lustigmachers, der vor der Thüre des Schauplatzes sein Publikum einlud;

auf das Gejauchze der Gassenjungen, die den Possenreißer umschwärmten.

Die Mailbahn, von Spazierengehenden angefüllt, wurde leer, weil die

Neugierigen nach der Bude rannten, und bald befand sich der Doctor

allein mit einem Frauenzimmer, das schon lange auf den Augenblick, mit

ihm unter vier Augen zu reden, gewartet zu haben schien. Die Frau, in

bürgerlichem Kleide, näherte sich ihm schüchtern, und sagte nach einem

tiefen Knix: »Ich bin des Schreiners Buttler Frau, Ew. Hochwürden: Ihr

eifriges Beichtkind.«

»Was will Sie? Ich kenne Sie. Nun?«

»Ich kann es mit meinem Mann nicht länger aushalten.«

»Wie so?«

»Er mißhandelt mich.«

»Warum?«

»Weil ich, eine Krankheit vorschützend, mich weigere zur Kirche zu

gehen, und die Predigt zu hören, wie er's verlangt. Und dennoch fürchte

ich mich vor der Sünde.«

»Ohne Noth. Ich spreche Sie los. Gehe Sie in die Kirche, damit der

Schein bewahrt werde. Singe Sie mit, hört Sie aufmerksam der Predigt zu;

aber bewahre Sie Ihr kaum genesenes Seelenheil mit geistlichen

Stärkungsmitteln. So wird Ihr Mann beruhigt, und die Gemeinde schöpft

nicht Verdacht.«

»Aber, Ew. Hochwürden: ich fürchte, das ist Heuchelei!«

»Um einen guten Zweck zu erfüllen, ist auch eine gewisse Heuchelei

erlaubt. Beruhige Sie sich, gute Frau. Wie steht's mir Ihren Kindern?

Spürt Sie in diesen keine Anlagen zum Heil?«

»Ach Gott, nein, Herr Doctor. Die Buben sind so roh, und die Tochter hat

kaum die Confirmation überstanden.«

»So lasse Sie ab von ihnen. Keine voreilige Vertraulichkeit, damit die

Kirche nicht in Gefahr komme. Sie muß wachsen, im Verborgenen, wie die

Saat des Feldes. Uebergebe Sie die Kinder ihrem Schicksale. Gott wird

die Seinigen schon herausfinden.«

»Aber mich jammert, daß sie verdammt sein sollen. Sie sind doch _meine_

Kinder, meine ehelichen Kinder.«

»Die Frage wäre erst noch aufzustellen. Ist Sie nicht katholisch? Ihr

Mann Protestant? Abgesehen, daß solche paritätische Verbindungen an und

für sich nichts taugen, so könnte man gerade _Ihre_ Ehe nicht gültig

erklären. Sie wurde von keinem katholischen Priester eingesegnet.«

»Herr Doctor...!« stotterte die arme bestürzte Frau.

»Gräme Sie sich nicht. Ich will es so genau nicht nehmen. Aber lasse Sie

die Kinder den eigenen Weg gehen, und erwarte Sie alles von der Zeit.«

Die Frau verneigte sich wieder demüthig, und entfernte sich. Der Doctor

setzte sich auf eine Bank, lehnte sich an die dahinter stehende Linde,

und schloß, wie er zu thun pflegte, nachdenkend die Augen. Der heutige

Tag war jedoch ganz dazu gemacht, ihm die Unterhaltung der

verschiedensten Art zu bereiten. Ein rasch daherkommender Mann nahm

geräuschvoll neben ihm Platz.

Der Doctor erkannte, aufblickend, in dem Nachbar des Senators

Comptoirdiener Nothhaft. Der Mensch, dem der Doctor als solcher

unbekannt war, befand sich heute in gar aufgeregter Stimmung, und eine

händelsüchtige, tückische Weinlaune sprach aus seinen Augen und seiner

Haltung. Um ein Gespräch anzuknüpfen, das er zu wünschen den Anschein

hatte, bot er dem Doctor eine Priese Tabak. Dieser versagte.

»Brauchen sich nicht zu geniren!« redete Nothhaft ziemlich barsch:

»s'ist nichts Giftiges, nichts Schlafmachendes darunter.«

Der Doctor, um den Grobian nicht zu beleidigen, nahm eine Priese, ohne

davon Gebrauch zu machen. Nothhaft besänftigte sich, und versetzte:

»Freue mich, Dero Bekanntschaft zu machen. Ew. Edeln sind ohne Zweifel

fremd auf hiesigem Platze?«

»Nicht doch, mein Herr; und dennoch mögen Sie Recht haben.«

Nothhaft stierte ihn verlegen an, lächelte dann, und fuhr fort:

»Recht gut gesagt, mein Herr. Justissime! Optime! Das ist all' mein

Latein! Wie finden Sie das? Wenn man indessen Geld hat, -- er klopfte

auf die klingende Tasche, -- so braucht man die Schulfüchserei nicht.

He?«

Der Doctor nickte.

»Um aber wieder auf den Tabak zu kommen, so ist eine prudente Vorsicht

wohl vonnöthen. Da kommt oft ein Mensch daher, bietet Ihnen Tabak; Sie

schnupfen, schlafen ein, und finden sich am andern Morgen entweder im

Werbhaus, oder auf einem holländischen Transportschiffe. Nicht so, mein

Herr?«

»Ich weiß das nicht.«

»Sie wissen das nicht? Parbleu! das ist zum Lachen. Nun, nun! Sie haben

freilich nichts mehr zu riskiren. _Junge_ Seelen sind die besten. Na!

wie gehen hier die Geschäfte?«

»Welche?«

»Sapperment! die Ihrigen. Wie läßt sich die Kaperei an? Ja, bei uns

gibt's einen tüchtigen Menschenschlag, wie gemacht zum Matrosen und

Soldaten. Wie viel Seelen haben Sie schon auf dem Korne? Na, Männchen!

machen Sie _mir_ doch aus Ihrem Handel kein Geheimniß. Parbleu! ich bin

auch schon in Amsterdam gewesen. Ich kenne die Vögel an den Federn. Thun

Sie nicht so unschuldig. Unser Magistrat kann einen Puff vertragen, ist

seelenfroh, wenn man _ihn_ ungeschoren läßt, drückt beide Augen zu.

Damit Sie aber sehen, wie redlich meine Absicht ist, so bin ich bereit,

Ihnen ein bedeutenderes Pfand meines Vertrauens zu geben.«

»Monsieur! Wofür halten Sie mich?«

»Ei, Liebster! wozu die Umstände? Für ein kluges Holländerchen, für ein

pfiffiges Seelenverkäuferchen. Machen Sie mir doch nichts weiß. Ich

hatte noch nicht die Ehre, Sie zu kennen, aber wie ich Sie heute mit dem

Capitän Tormerpick aus dem Schwanen treten sah, vertraulich, Arm in Arm,

von Geschäften redend, -- ich war im Kaffeehause gegenüber, -- da hatte

ich's auf der Stelle weg. Der Capitän hat den Ruf, mit Seelen zu

handeln, und nach dem Sprüchlein: »Gleich und gleich...««

»Sie erzeigen mir viel Ehre, mein Herr!«

»Noch mehr, mein werthester Geschäftsfreund. Ich will Ihnen Credit

geben: ein Capital; solid und unverzinslich; im Gegentheil: ich will die

Deposit-Interessen tragen.«

»Ich begreife Sie nicht.«

»Werden's alsobald. Sub dato Morgen oder Uebermorgen liefre ich Ihnen

eine Seele: kerngesund, jung, von denselben Schultern und Fäusten; etwas

naseweis zwar und ungezogen, allein in den Colonieen hat man

vortreffliche Schulen aufgerichtet. Soll mich der Teufel holen, wenn die

gute Seele nicht ihre 2000 spanische Taler werth ist, wie einen Albus.

Nun, acceptiren Sie? Die Emballirkosten trage ich noch obenein aus

meinem Beutel...«

»Erklären Sie sich deutlicher.«

»Parbleu! ich habe schon Alles gesagt. Als ich Sie da so allein und

brütend sitzen sah, fuhr mir's gerade durch den Kopf. Mit einem Worte:

ich weiß einen Burschen, den diverse Leute gern vom Halse haben möchten.

Er hat Bärenkraft, und der Stock wird seinen harten Kopf schon zurechte

bringen. Meinen Namen sollen Sie indessen gut behalten, aber ich

garantire Ihnen meine Solvabilität. Ich bezahle die Fang- und

Transportkosten bis an das Schiff. Schlagen Sie ein, und sagen Sie mir,

wann die Promesse liquidirt werden soll.«

»Das ist noch sehr zu überlegen, mein Herr,« versetzte der Doctor

lächelnd: »wenn Ihnen morgen noch eine Unterredung beliebt, so finden

Sie sich um dieselbe Stunde hier ein. Für heute muß ich meiner

Unterhaltung ein Ende machen, da, wie ich sehe, ein Freund, den ich

hierher beschied, uns zu stören kommt.«

»Meinetwegen!« sagte Nothhaft, des Doctors Hand schüttelnd: »Auf Morgen

also. Ew. Edeln, fehlen Sie nicht, ich werde auf dem Platze sein.«

Er ging, und Litzach, der schon vor einigen Minuten auf der Mailbahn

erschienen war, kam. Der Doctor hatte Mühe, den Mann unter der

übertrieben großen Perücke, dem pfirsichblüthfarbigen Sammetkleide mit

Seidenstickerei verbrämt, zu erkennen. Das hagere, kummervolle Gesicht

des Schauspielers paßte so wenig zu dem Staatsrocke, als die

unscheinbaren Strümpfe, der zerknitterte Hut und die unmäßige

Bandschleife, die vom kurzen Degen in verblichenen Farben herniederhing.

»Setzt Euch, mein Herr!« sagte der Doctor voll mitleidiger Höflichkeit:

»Für's Erste: erzählt mir, wie es in Eurem Hause steht!«

»Meine Alte lebt noch,« antwortete Litzach: »der Doctor meint jetzo, sie

werde am Leben bleiben, und Gott sei gepriesen dafür. Mitleidige

Menschen haben meine Hütte mit ihren Wohlthaten erfüllt, und der

Principal machte mir so eben das schmeichelhafte Compliment: ich hätte

meine Lazzi noch nie so gut gemacht, als heute. Die Leute haben viel

gelacht, und der extemporirte Spaß floß mir nur so vom Munde. Gottlob!

ich darf hoffen, daß mich der Impresar behält.«

»Das Alles macht mir Freude,« versetzte der Doctor: »Ihr möget wissen,

Monsieur, daß ich Euch schon lange kenne, wenn Ihr der Litzach seid, der

auf der Jesuitenschule zu Augsburg studirte.«

»Der bin ich,« sagte Litzach seufzend: »und Sie, mein Herr?«

»Ich bin Münzner,« erwiderte der Doctor.

»Münzner?« wiederholte Litzach, wie sich besinnend, ergriff dann des

Doctors Hände, sah ihm lange ins Gesicht, drückte dann einige

Augenblicke, wie von Erinnerung verklärt, die Augen zu, öffnete sie

wieder weit, und rief mit einem tiefen Athemzuge: »Weiß es Gott: das ist

Xavers redliches, ehrbares Antlitz! Ach! habe ich denn das fröhliche

Angedenken an Schul- und Jugendfreundschaft verdient? Wir haben uns »Du«

genannt, mein lieber, alter Xaver! fürchte jedoch nicht, daß ich noch

jetzt, wenn fremde Leute zugegen sind, das »Du« gebrauchen werde! du

bist gewiß ein gelehrter und reicher Mann geworden, ich hingegen nur ein

armer, verachteter Comödiant. Aber, erlaube mir, dich wenigstens in der

ersten Stunde des Wiedersehens mit dem vertraulichen Namen zu begrüßen.

Erlaube, daß ich dich nur jetzo Bruder nennen darf; das wird mich

erheben auf lange Zeit.«

»Rede, mein armer Litzach! Erzähle mir, was dir seit unserer Trennung

begegnete.«

»Ich könnte hierauf antworten: Unglück, Unglück, Unglück! und Alles wäre

gesagt; aber du willst, ich soll weitläufiger sein, und so will ich dir

folgen, obschon ich dennoch nicht viel Worte machen werde. Ich hatte

meine Schulen perfekt durchgemacht, viel im Kopfe, und auch, Dank meiner

sparsamen Eltern, viel im Beutel. Das war ein Unglück. Ich hing die

Wissenschaften an den Nagel, lebte in Hülle und Fülle, versuchte es im

Kriege bei einer Freipartie, und kam endlich ganz herunter. Der Kasten

war leer, der Kopf wüst geworden, und in meinen besten Jahren stand ich

da, und fragte mich, wie ich mich als zehnjähriger Bube gefragt hatte:

»Was willst du werden? Was anfangen? Was unternehmen?« Zu jener Zeit kam

die Merseburgische Comödiantenbande nach dem Orte, der meinen letzten

Heller verschlungen hatte, und ich erinnerte mich plötzlich, daß man uns

im Collegium auch hin und wieder hatte Comödie spielen lassen. Wenn du

dich erinnerst, so wirst du wissen, daß man mich um meines glatten

Gesichts und meiner schwächlichen Gliedmaßen willen, vorzugsweise

erwählt hatte, die Weibsbilder zu agiren. Ich habe die Judith gespielt

und die Herodia, und sogar einmal die Lalage in dem Schäferspiele: »Der

treue Hirt,« womit der junge Professor der Rhetorik einst zu Augsburg so

viel Aergerniß anrichtete. -- Ei! dachte ich bei mir; wenn die Väter der

Gesellschaft Jesu das Comödienspiel bei ihren jungen Leuten einführten,

warum soll ich nicht mein Brod verdienen, wie andere verdorbene

Studenten und reducirte Soldaten? Gedacht, gethan. Der Principal Richter

nahm mich an, und eine recht fröhliche Wanderzeit begann für mich.

Damals, lieber Münzner, machte ich nicht den Hanswurst, sondern die

Amanten. Ich stellte vornehme Leute auf der Bühne vor, und trug mich

auch nobel außer derselben, in Tressenröcken und sorgfältiger Wäsche.

Hätte ich mich nur nicht verliebt!«

»Bis hieher war ich frei, und hatte nichts geliebet;

Doch, daß mir diese Pein die Sinnen nie betrübet,

Kam nicht von Tugend her. Weil mich der Wahn verkehrt

Schätz' ich aus Uebermuth nicht _eine_ meiner werth,

Bis ich das Wunderbild beschauet,

Das mich vor dem ergötzt, ob dem mir jetzund grauet.«

»Ich rede von meiner Frau, eines herrschaftlichen Beamten Tochter zu

Halberstadt. Wie sehr empfand ich den Dichter, als ich sie sah:«

»Die als ein Wirbelwind mich hin und her gerückt,

Und mein zerscheitert Schiff in langem Sturm zerstückt!

Ich sah sie, und entbrannt'! sie fühlte neue Flammen!

Kurz: ihr und mein Gemüth, die stimmten wohl zusammen!«

»Ich entführte die Liebste. Der Fluch ihres Vaters folgte uns nach,

und, sobald meines Weibes Eltern in die Grube gesunken, fiel das

Elend über uns her. Der lustige Name, den ich mir beigelegt, war ein

schneidender Spott auf unsere traurige Lage. Katharine hatte nicht

ein bischen Geschick zu der Comödie. Man _lachte_ sie aus, sobald sie

sich nur zeigte: der Principal zankte, und ich antwortete gallebitter,

und wir wurden von der Gesellschaft weggeschickt. Eine schwere

Brustkrankheit warf mich nieder, und verschlang Alles, was wir hatten!

Am Stabe schleichend, von Katharinen geführt, die unser erstes Kind

auf dem Rücken trug, bettelte ich mich weiter, von Kloster zu Kloster,

von Spital zu Spital, von Bande zu Bande. Endlich fanden wir einen

gutmüthigen Principal, der uns einen Wochenlohn anbot. Mein Weib sollte

für die Truppe waschen, _ich_ sollte agiren. Aber mit dem Amoroso war's

vorbei! Ich hatte keine Stimme mehr, und keine Kraft. Der Principal

richtete mich zum Rüpel ab. Ach, Münzner! wie war mir zu Muthe, als

ich zum ersten Male als Narr auf die Bretter trat! Daheim lag mein

Jüngstes im Sarge, meine Katharine, der Niederkunft gewärtig, auf dem

Strohlager, und sie war allein, und nur Hunger und Mangel saßen an

ihrer Seite, und ich mußte Possen reißen, und die bittern Thränen der

Verzweiflung flossen aus meinen Augen über die geschminkte Narrenlarve

in den Kienrußbart!«

Litzach wischte sich eine Zähre von der Wange, und fuhr gepreßten

Herzens fort: »Ich machte den Lustigmacher schlecht. Die Zuschauer

meinten, ich sei ein betrübter weinerlicher Narr; sie warfen mich mit

verdorbenen Aepfeln, und der Principal zog mir die Jacke aus, und

schickte mich fort. Als ich heimkam, brachte mir die Wehmutter einen

Buben entgegen, den sie um Gotteswillen empfangen hatte, und _ich_

brachte der Mutter meine Kindes sechszehn Groschen -- und -- den

Abschied.«

»Herr Gott!« seufzte der Doctor. Litzach fuhr fort: »Ja, mein lieber,

alter Freund: wer nur als Zuschauer vor dem gemalten Vorhange der

Comödie steht, weiß nicht, wie viel gebrochene Herzen unter dem Tand der

Flimmer-Kleidung schlagen. Ist es gerade nicht Kummer, der die Brust der

Maskenspieler zerreißt, so ist es der giftige Neid, so ist es die

brütende Unzufriedenheit, die hinter dem bunten Spiele eine fröhliche

Welt suchte, und nur kümmerliche Lappen und eine trostlose Zukunft fand.

Der Leichtsinn nur, dem Alles gleichgültig geworden, mag ruhig in diesem

Getobe niedriger Leidenschaften schlafen; auf diesem wankenden Boden,

den Prahlerei und Jammer beherrschen. Was uns Geschicklichkeit erwirbt,

raubt uns auf der anderen Seite die Ungewißheit unserer Lage, und die

Verachtung, die auf uns lastet. -- Ich überspringe nun manches Jahr des

Unheils, und bemerke blos, daß ich in der Zeit einen Theil jenes

Leichtsinns mir errang. Ich wurde stumpf, fühllos; ich lernte seltsame

und lächerliche Grimassen machen und Capriolen schneiden, ob mir schon

der Tod an der Kehle säße. Ich errang den Ruf eine guten Comödianten,

eines possierlichen Burschen, ich fand ein besseres Brod. Ich hatte

gespart: ich hatte meinen Kindern ganze Kleidungsstücke angeschafft,

meine Katharine mit dem Nöthigsten versehen; ich hatte ein Bett gekauft,

und beinahe schon die Summe zu einem Plüschrocke beisammen, der mich in

den Stand gesetzt hätte, reputirlich unter die Leute zu geben, als

Katharine in die langwierige Krankheit verfiel. Unser Wohlstand verging

wie eine Seifenblase, und ein Dienst, den ich bei der Gesellschaft des

sel. Velten antreten sollte, mußte ebenfalls aufgegeben werden. So kam

ich hierher, so fandest du mich. Nach langen Jahren erregt dein Anblick,

Münzner, wieder das erste lebhaft frohe Gefühl in meinem Herzen. Die

Hoffnung, daß meine Katharine leben wird, und dein Wiederfinden, macht

mich glücklich. Ach, wie wahr redet der unvergleichliche Lohenstein in

einem seiner Trauerstücke:

Je finsterer die Nacht, je heller ist das Licht:

Je öfter man die Hand an spitz'ge Dörner sticht,

Je mehr bekränzt man sich mit blutbemilchten Rosen:

Je mehr die Mittagshitz uns sticht, je süßer tosen

Die feuchten Abendlüft'; ist Wetter, Sturm und Well'

Und Wolke trüb und schwarz, so dünkt uns noch so hell

Und lustig Sonn' und Port. Die steinern harten Ketten,

Die Felsenlast, die uns zu Boden schier getreten,

Des Lebens steter Tod, der jeden Blick uns schreckt,

Das dunkel-grause Loch, in das wir eingesteckt,

Der Trauerrauch hat sich verkehrt in sanfte Wonne,

Die Nacht hat sich verstellt in eine lichte Sonne!«

Nach diesen pathetisch hergesagten Worten schüttelte der Schauspieler

des Doctors Hand noch einmal herzlich, und ein warmer Tropfen fiel auf

diese Hand.

»Du bist mit dem Weibe, das du _deines_ nennst, nicht copulirt?« fragte

der Doctor.

»Die Ehen in unsrer Gilde,« erwiderte Litzach beschämt, »sind meistens

wild, und leider ist's auch die meinige. Jedoch thut es mir und

Katharinen sehr wehe, daß, unsern unablässigen Versuchen zum Trotz, sich

noch kein Geistlicher unterstanden, unsern Bund zu segnen.«

»Ich will es thun;« erwiderte der Doctor: »aber, die Hand auf den Mund,

mein Freund, und eine Bedingung zugesichert.«

»Ach, Ew. Hochwürden...« stammelte Litzach entzückt: »Ich will

schweigen, wie das Grab, ... ich verstehe Sie wohl ... aber -- welche

Bedingung?«

»Eure Kinder müssen katholisch sein. Vermuthlich sind sie lutherisch

getauft, da Euer Weib es ist, wie ich glaube.«

»Ew. Hochwürden,« stammelte Litzach verlegen, »die armen Würmer sind

noch gar nicht getauft. Die Kosten -- und dann die Scheu der meisten

Geistlichen, ... wie gerne will ich...«

»Gut;« versetzte der Doctor: »ihnen soll geholfen werden. Ich will Euch

zu mir berufen lassen, Freund; die Seelen müssen gerettet sein, und Eure

Noth gemildert. Ich will mehr für Euch thun, wenn Ihr verschwiegen seid

und bereitwillig, das zu erfüllen, was ich im vorkommenden Falle von

Euch verlangen werde. Entsagt indessen der Hanswurstjacke: ich will Euch

eine Empfehlung auf das nächste Dorf, Breitenbach, mitgeben. Kost,

Lagerstätte und Geborgenheit werden Euch dort nicht entstehen. Dann will

ich weiter sehen, was zu Eurem Besten gereichen möchte.«

»Ach, Engel Gottes!« rief Litzach: »wie soll ich danken...? Aber -- ich

soll acht Tage vorher dem Principal aufkündigen, -- und dann ... bin ich

in seiner Schuld. Mein Wochenlohn beträgt zwei Thaler und acht Groschen

extra, was man gewöhnlich in der Kunstsprache Rekreation oder Biergeld

zu nennen pflegt. Ich habe indessen einen Vorschuß von drei Thalern

etlichen Groschen abzuzahlen, und...«

»Mein Jesus! welch' betrübte Rechnung!« seufzte der Doctor voll

Mitgefühl, und reichte dem Schauspieler eine Hand voll Geldes: »Sagt

dem filzigen Direktor auf: im Augenblicke, und zahlt ihm den Bettel von

drei Thalern. So soll nicht gesagt sein, daß ein Zögling der Väter von

der Gesellschaft Jesu länger in solcher Dienstbarkeit bestehe. Geht,

mein Freund. Ich werde Euch rufen lassen. Erquickt Eure Kranken und

Hungrigen, und danket dem Herrn!«

Litzach jauchzte: »Ja, mein Wohlthäter! Den Herrn und Sie werde ich

preisen, -- dem Principal sein Geld und seine Kleider vor die Füße

werfen, und voll Hoffnung erwarten, was Sie über mich beschließen. Von

diesem Gelde kann ich mit den Meinen einen Monat lang durchkommen, und

mein Glück ist gemacht!

Wir Menschen irren stets. Wo wir uns sicher trauen,

Sinkt unser Schiff in Grund. Wenn man's verloren hält,

Hat das Verhängniß oft das beste Glück bestellt!«

So rief er noch mit allem Aufwande seiner rhetorischen Kunst, und eilte

mit geflügelten Schritten der Bude zu, aus welcher die befriedigten

Zuschauer gerade nach Hause strömen. Der Doctor fand sich, da die größte

Menge über die Mailbahn zog, in seinen Betrachtungen gestört, und

wanderte, mit seinem Tagewerke wohl zufrieden, gegen seine Wohnung.

James berichtete ihm: Der Senator Müssinger sei vor wenigen Minuten

plötzlich bei dem Doctor eingetreten, habe sich eilig und zerstreut nach

demselben erkundigt, und darauf mit zitternden Händen ein Billet

geschrieben, das der junge Mann dem Doctor wohl unversiegelt zustellte.

Der Senator sagte darin mit bebend gezeichneten Schriftzügen: »Mein

einziger mitfühlender Jugendfreund! Ich verzweifle, Ew. Edeln nicht in

=loco= zu finden. Kommen Sie eiligst, sobald Sie können, in meine

Schreibstube. Wir werden ganz allein sein. Ich stehe am Rande einer

Seelen-Crida; _Sie_ nur vermögen mir zu rathen. So eben erhalte ich den

Aviso: der junge Birsher von New-York ist in Person hier angekommen!«

Zweiter Theil.

Erster Abschnitt.

Der Freier. -- Jacobinens Geheimniß. -- Das Senators Tröster. --

Georg Birsher. -- Tischgespräche. -- Häuslicher Sturm. -- Justinens

Opfer. -- Abendunterhaltungen. -- St. Sebastian und die heilige

Pulcheria. -- Das Gespenst. -- Der Superior. -- Seine Philosophie. --

Wuth der Leidenschaft. -- Qual der Schuld. -- Neues Ungewitter. --

Der Heilige unter den Myrthen. -- Die Geisterbannerin. -- Verlobung.

-- Vorträge auf der Mailbahn. -- Plaudern zur Unzeit.

Nothhaft war schon seit den ersten Frühstunden im Hause des Senators

herumgegangen, -- glänzend, strahlend, hoffärtig wie ein Pfau.

Feiertäglich geputzt, vom Tressenhute bis zur schweren Silberschnalle am

Korduanschuh mit dem leuchteten Absatze, hatte er mehrere Male an die

Thüre des Principals geklopft, und murrend von der Verschlossenen

Abschied genommen. So hielt er Schildwachtposten und Schildwachtgang

durch's ganze Haus, getraute sich aus Respekt nicht den Fuß in der

Senatorin Zimmer zu setzen, und hielt es unter seiner Würde, in die

Schreibstube zu treten, durch deren Fensterchen Berndt den geputzten

Wandler mit neugierig neidischen Augen betrachtete. Endlich, -- von

mancher Priese Tabak gestärkt, und an dem Glauben haltend, daß Geduld

Alles überwinde, besiegte der Commis, der nichts Geringes im Schilde

führte, die schleichende Zeit und seinen Unmuth. Die Hausthüre ging

auf; der Senator kam heim. Mit einer vertraulich patzigen Verbeugung

empfing ihn Nothhaft an der obern Treppenstufe, und sein Herz lachte im

Stillen, denn sein Benehmen schien zu wirken. Der hochfahrende Senator

hatte völlig die Miene eines betretenen Kindes angenommen. Seine Stirne

lag zwar glatt und freundlich, aber in den Augen saß eine gewisse

unerklärliche Demuth, und seine Stimme war lammfromm und gemäßigt.

»Was verlangt Er, mein Sohn?« fragte der Senator, nachdem er den Commis

in seine Stube gewinkt; und stolzer hielt Nothhaft sein Haupt, und

nachlässiger spielte er mit dem Uhrbande.

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 10 / 32 段