zwingen, dich vor Beendigung meiner Mission in's Noviziat abgehen zu
lassen. Schweige, wenn du nichts Verständigeres vorzubringen weißt. Dort
liegen Frachtbriefe, Rechnungen, und zu beantwortende Missiven. Schreibe
ab, trage in's Buch und auf mein eigenes Register. Vergiß nicht
nachzurechnen, mein Sohn. Der Ansatz der Medizinalkräuter und
Farbehölzer, den mir der Pater Thomas Cosedro von Assumption beigelegt
hat, scheint mir übertrieben. Sieh vorläufig nach, bis der Capitän
selbst angelangt sein wird. Ich erwarte ihn bald. Ich werde nun
ausgehen, und mein Brevier im Freien lesen, und bei Spaldinger Wechsel
für das Provinzialat negoziren, und dem Himmel danken, daß er unsers
Ordens Bemühungen in hiesiger Stadt mit außerordentlichem Gedeihen
segnet. Wir zählen bereits mehrere bedeutende Männer zu unserer kleinen
Gemeinde, und der Beitritt eines einflußreichen Rathsherrn soll unserer
Mission, mit Christi Hülfe, größere Sicherheit und ein erfreuliches
Bestehen erleichtern. Gott erleuchte dich, mein Sohn, und behüte dich,
bis zum Wiedersehen!«
Wie der Doctor, nachdem er sein Haus verlassen, seine Wechselgeschäfte
verrichtet, wie er sodann unter den Bäumen der sogenannten Brunnenhaide
seine Gebete mit geflügelter Zunge abgethan, -- im Voraus weglesend, was
noch zum Nachmittag aufbehalten hätte bleiben sollen, bedarf keiner
weitläufigeren Beschreibung. Zufrieden, von Niemand in seiner
Andachtsübung gestört worden zu sein, schob er das Buch in die Tasche,
und ging zur Stadt zurück, berichtigte an der Brücke auf's Pünktlichste
den Zollpfennig, grüßte freundlich und ergebenst alle Gutgekleideten,
die an ihm vorüber kamen, und nickte mit verstohlener Herablassung
einigen gemeinen Arbeitsleuten zu, die eben so verstohlen beim Läuten
der Mittagsglocke ihre Kappe zogen. Die Höflichkeit des klugen Mannes
erstreckte sich sogar auch auf leblose Gegenstände. Vor dem
Schilderhause an der Thüre des ersten Bürgermeisters, vor dem
Stadtwappen über dem Thore des Rathhauses, vor den Kanonen der
Hauptwache, zog er den Hut ab, und entblößte sein Haupt beinahe vor
jedem ansehnlichen Hause, wenn gleich aus dessen Fenstern Niemand sah.
Sobald er wieder in die engen Straßen seines Viertels kam, machte die
Demuth dem Selbstbewußtsein Platz, und in der That war eine in jener
Gegend vorfallende Begebenheit ganz dazu geeignet, seinen Ideen eine
andere Richtung zu verleihen. In einem engen Gäßchen standen alle
Bewohner vor den Thüren. Viele fremde Nachbarn aus den anliegenden
Straßen erfüllten den Eingang des Gäßchens, und all' die zerstreuten
Gruppen gafften nach einem Hause, das auf seinem Aeußern schon das
Gepräge der Armseligkeit trug, hätte man auch nicht an dessen Fenstern
die blassen, von Schmutz und Hunger entstellten Kindergesichter gesehen,
die daraus auf die schwatzenden Leute starrten. Schon hatte sich der
Doctor zu einem Trupp plaudernder Schustergesellen gewendet, um
Erkundigungen einzuziehen, als aus dem Hause, nach welchem alle Blicke
sahen, der Pastor der Johanniskirche trat; im Amtskleide zwar, aber mit
dem feindseligsten Gesichte. Dem heftig ausschreitenden und schnaubenden
Manne folgte der gutmüthige Arzt Häckel, den das Volk gemeinhin nur den
Armendoctor nannte, und verschwendete manches gutgemeinte Wort des
Zuredens. Mehr noch indessen, als des Arztes Fürsprache griff das
Gesicht und das Aeußere eines andern Mannes, der hinter dem Arzte
einherschlich, an jedes halbmenschliche Herz.
Der Prediger in seinem Unmuthe wurde jedoch nicht gerührt.
»Keine Begleitung, keine Nachrede!« sagte er heftig: »Verehrtester Herr
Doctor Häckel! kein Jota weiter! und Er, Monsieur, schweige Er vollends.
Ich mag kein Wort an Ihn verlieren. Er hat mich betrogen, mir und der
Bürgerschaft ein Scandalum gegeben. Hätte ich von Anfang gewußt, mit
welchem =nebulone=, mit welchem Gelichter ich's zu thun haben sollte,
... nicht einen Schritt weit wäre ich gegangen! nicht Seine _Schwelle_
hätt' ich betreten!«
»Aber, ehrwürdiger Herr Pastor! eine Sterbe...« stammelte der so
unsanft Zurechtgewiesene.
»Was kümmert das mich?« eiferte der Geistliche mit größerem Unwillen:
»Wie gelebt, so gestorben. Wem Ihr Leute im Leben angehörtet, dem bleibt
auch im Tode. Helf Euch der, dem Ihr Euch übergeben, Ihr Auswurf!«
Er ging mit allen Zeichen fortdauernden Zorns aus der Gasse, und die
Mehrzahl der Gaffenden zog hinter ihm drein. Der Doctor sah noch, wie
der gutmüthige Arzt Häckel dem in seiner Betrübniß verstummenden
Bewohner jenes Häuschens ein Stück Geld in die Hand drückte, wie er,
mitleidig, aber ohnmächtig die Achseln zuckte, und sich dann eiligst
entfernte.
»Dem hat's der Pfarrer recht gesagt!« lachten einige rohe Bursche im
Vorübergehen; und auf Leupolds Fragen erwiderte ihm ein alter Bürger,
der, traurig den Kopf schüttelnd, sich ebenfalls zum Gehen wendete:
»Lieber Herr, Sie glauben nicht, welch ein Jammer das ist! Der Pastor
mag wohl im Grunde Recht haben, aber hart ist's, wenn man bedenkt, daß
die Armen doch Menschen sind!«
»Erkläre Er sich genauer, mein Freund.«
»Sie müssen wissen, lieber Herr, daß der blasse Mensch, der eben wieder
wie ein Verzweifelter in's Haus geht, ein Komödiant ist. Er gehört zu
der Bande, welche mit Erlaubniß des preislichen Magistrats in der Bude
auf dem Schwanenmarkte spielt. Vor acht Tagen sind die Leute erst
angekommen, und jener Mann, der eine schwerkranke Frau und vier oder
fünf Kinder mit sich führt, hat bei dem Wagenmeister Ulrich eine Wohnung
gefunden. Die Menschen behelfen sich gar kümmerlich in der feuchten
Stube und schlafen, so zu sagen, auf der schwarzen Erde. Da ist die Frau
nun kränker geworden, und bis an's Sterben gekommen. Der Armendoctor,
der um Gotteswillen zu ihr kam, und die Arznei aus seiner Tasche
bezahlte, hat dem armen Mann vertraut, wie schlimm es mit dem Weibe
steht, und ihn aufgefordert, sich nach geistlichem Zuspruch umzusehen.
Der Pastor ist zwar wie der Blitz bei der Hand gewesen, aber kaum hat er
gehört, daß die Frau eines Komödianten Weib sei, und -- wie ich
meine, -- demselben nicht einmal angetraut, als er ihr das Abendmahl
versagte. Wie es alsdann mit dem Begräbnisse gehen wird, das weiß Gott.«
Der Doctor ging, an der entsetzlichen Lage der Armen Antheil nehmend,
auf das elende Häuschen zu, blickte durch's Fenster, und übersah eine
Scene des Jammers, die sich jedes fühlende Herz versinnlichen mag. Das
Weib lag, von Verzweiflung und Schwäche gleich erschöpft, auf dem
elendesten Strohlager, und lallte die Worte: »Ach, Joseph! Joseph! warum
sind wir nur geboren worden? Ach, wie verläßt uns Gott! Ach! was soll
aus den Kindern werden!«
Und die Kinder schrieen, und der Mann stand im Winkel, drückte beide
Hände vor die Augen, und das eiskalte, bleiche, abgezehrte Gesicht
sprach mehr, als Worte vermocht hätten. Des Doctors Herz wurde aber noch
einmal so schwer, als er in des Mannes Zügen, besonders dann, als er
wieder die Augen öffnete, und wild zum Himmel hob, die Züge eines
bekannten Gesichts erblickte. Er klopfte rasch an's Fenster. Langsam
öffnete es der Trauernde. Der Doctor reichte ein Scherflein hinein, und
fragte leise: »Wie ist Euer Name, mein Freund.«
»Ich heiße Wohlgemuth, mein Herr«
Der Doctor schüttelte den Kopf. »Das ist nicht Euer wahrer Name, Mann
Gottes. Sagt mir den rechten.«
Der Mensch sah ihn verwundert an, und rieb sich verlegen die Hände.
»Ich wundre mich, daß ich meinen ächten Namen nicht schon vergessen
habe,« sagte er schmerzlich: »aber weil Sie so bestimmt fragen, will ich
ihn doch wieder einmal aus dem Gedächtniß hervorholen. Ich hieß einmal
Joseph Litzach.«
»Weiß Gott! er ist's!« sagte der Doctor, wie vor sich hin. »Ich kenne
Euch,« setzte er bei: »ich wünsche mit Euch unter vier Augen zu
sprechen.«
Der Mann deutete kummervoll auf die dahinschmachtende Frau. »Bevor es
nicht hier vorüber ist ...« sagte er leise, »kann ich nicht ausgehen.
Der Doctor meint: um die dritte oder vierte Stunde Nachmittags ... der
Pfarrer wird's wohl noch um ein Stündchen beschleunigt haben...«
Dem Doctor traten die Thränen in die Augen. »Vertraut auf Gott!« sprach
er: »Ich will Morgen wieder vorbeikommen.«
»Bewahre!« entgegnete Litzach hastig: »Sagen Sie, mein Herr, wo ich Sie
antreffen kann. Ich kann heute noch zu Ihren Diensten sein, wenn nicht
Gott an meiner Alten ein Wunder thut. Um vier Uhr haben wir ohnehin
Komödie...«
»Wie? und Ihr agirt mit, an diesem Trauertage?«
»O, mein Herr, darnach fragt der Principal nicht. Ich käme um den
Wochenlohn, um's ganze Brod. Wir agiren heute eine Schnurre, und ich muß
darinnen den Hanswurst machen, lustig, recht lustig, damit das verehrte
Publikum lacht, wenn mir auch das Herz unter der bunten Jacke entzwei
ginge.«
Der Doctor fand keine Worte. Litzach fuhr aber bald wieder fort: »Um
sechs Uhr stehe ich zu Diensten, mein Herr. Wenn Sie allenfalls um diese
Zeit auf der Mailbahn am Schwanenmarkte lustwandeln wollten ... ich will
mir aus des Principals Kleiderkammer einen reputirlichen Rock borgen,
damit ich Ihnen keine Schande mache. Jetzt aber ... entschuldigen Sie.
Meine Alte ruft ihren Joseph. Vielleicht muß ich ihr jetzo schon
Lebewohl sagen...«
Leupold nickte stumm mit dem Kopfe, und ging betrübt weiter, während der
Schauspieler wieder sein Fenster zumachte.
Der Doctor benützte den Umstand, daß er an einigen Häusern heimlicher
Glaubensgenossen vorbeikam, um mit einem Worte Litzachs arme Familie
ihrem Mitleid zu empfehlen. Die Leute waren alsobald bereit, einiges
Essen und ein Paar Pfennige hinzuschicken. Der Dürftige ist am Ersten
geneigt, dem Dürftigen beizustehen.
Dem Doctor war es lieb, durch die Begegnung eines andern Bekannten aus
seinen trüben Gedanken gerissen zu werden. Aus seinem Hause trat ein
rüstiger Seemann in braunem Rocke und manchesternen Beinkleidern,
tüchtigen Schuhen mit großen silbernen Schnallen, das Halstuch
nachlässig in den Schifferknoten geschlungen, und ein derbes spanisches
Rohr in der Hand. Der bordirte Hut mit der auszeichnenden Schleife
verrieth den Capitän.
»Grüße Sie Gott, Ew. Hochw... Herr Doctor, wollt' ich sagen!« rief der
Capitän in tiefem Basse: »Ich wollte eben ein Paar Dutzend Tonnen Teufel
reklamiren, weil ich Sie nicht zu Hause gefunden. Sie müssen, Gott
bessre mich! mit mir zu Mittag speisen; später als gewöhnlich, aber gut
und herzhaft, wie's ein Seehund gerne hat. Um elf Uhr bin ich aus der
Kalesche gestiegen, und habe im goldnen Schwan mein Absteigquartier
genommen oder, besser gesagt, Anker geworfen.«
Somit nahm er den Doctor vertraulich, aber ergebenst unter dem Arm, und
steuerte mit ihm in anderer Richtung weiter.
»Sie haben mich wohl früher erwartet?« fuhr er fort: »Aber, -- Sturm und
Segel! ich mußte laviren, bald auf Osten, bald auf Westen halten, ehe
ich hier anlegen konnte. Mein Schiff ist frisch und gut im Havre
eingelaufen, und das würdige Collegium zu Paris hat bereits seine
Contanti empfangen. Der Handel blüht im Stillen, und er Vater
Lavalette, der, so jung er noch ist, bereits eine ungemeine
Spekulationsgabe entwickelt, hat mir schon von neuen Etablissementen und
neu auszurüstenden Fahrzeugen gesprochen. Ich habe Briefe von Paris und
Lissabon an den Pater Superior, und wünsche, daß Sie mir nach Vidimirung
der eingesandten Rechnungen und Bescheinigung des Geldes, das ich bei
Ihnen niederzulegen habe, einen Empfehlungsbrief an den wackern Herrn
mitgeben möchten.«
Der Doctor versicherte ihn seiner Bereitwilligkeit, und die Herren
setzten sich im Gastzimmer des Schwanen zum Speisen nieder. Leupold war
hier auf wohlbekanntem Felde. Die Gastwirthin, eine noch ziemlich junge
und rasche Frau, hatte, von andächtigen Freundinnen bestürmt, von dem
Doctor in's Geheimniß gezogen, ihren heimlichen Uebertritt zur
verborgenen Kirche nicht schwer gemacht. Der Wirth, ein schwerfälliger
Reichsstädter von wenig Scharfsinn, war leicht zu täuschen gewesen, und
ahnte nicht das Mindeste von der Religionsveränderung seines Weibes. Er
schätzte den Doctor, der häufig das Haus besuchte, als tüchtigen
Politiker hoch, und die Frau benutzte jede unbewachte Minute, um aus den
salbungsvollen Worten ihres geheimen Beichtigers Trost und Ruhe zu
schöpfen. Ihre unerfreuliche Ehe, wie die immer neu erwachsenden Zweifel
ihres Gewissens machten ihr Trost zum Bedürfniß. Nebenbei sprach die
Stadt auch Vieles von ihrem weichen gefühlvollen Herzen, und der
Nachbarn Zunge bezeichnete ziemlich genau diejenigen junge Männer, die
sich der Theilnahme der hübschen Frau zu schmeicheln gehabt.
Die Gesellschaft in dem Schwan war nicht zahlreich. Der Capitän und der
Doctor, tafelnd in der einen Ecke. In der andern die Wirthin, am
Schenktische und an dem Küchenfenster beschäftigt, durch welches die
Speisen hereingereicht wurden. In der Stube auf und niederwandelnd der
Herr des Hauses selbst, -- bald mit der Fliegenklatsche arbeitend, bald
von Belgrads Einnahme, vom Reichstag zu Saragossa, und den schlechten
Zeiten posaunend. Am Fenster zwei Kartenspieler: ein pausbäckiger
Sensal, und ein Offizier der Stadtmiliz: beide der Frau vom Hause
zärtlich zugethan; beide nicht von ihr erhört. Die Unterhaltung war, wie
gewöhnlich, wenn Einer allein spricht, wie hier der Wirth, -- nicht sehr
glänzend und erbaulich. Der Capitän aß stark und trank nicht wenig; der
Doctor beobachtete seine Umgebung, die Wirthin tranchirte, die Spieler
trieben ihre Belustigung fort. Eine Reisekalesche, die vor dem Hause
hielt, brachte alle Köpfe in Bewegung. Sie fuhren an's Fenster; nur die
erfahrnern Tafelgäste blieben ruhig. Der Reisende, ein junger Mann, trat
langsam in die Stube, während er befahl, Mantelsack und übriges Gepäck
nach dem besten Zimmer des Hauses zu liefern. Die von dem Anblick des
hübschen Mannes freundlich angesprochene Wirthin machte denselben zum
Nachbar des Doctors, und gebot, das verlangte Diner eiligst
herbeizuschaffen. Der Fremde grüßte Capitän und Doctor höflich, und
streckte sich dann bequem auf dem Stuhle aus. Der Wirth setzte sich
gegenüber, und stierte den Gast neugierig an. Die Spieler setzten das
Spiel fort. Der Capitän brach das Schweigen.
»Gute Reise gehabt, mein Herr?«
»Sehr gut.«
»Kommen weit her, ohne Zweifel?«
»Sehr weit.«
»Durchreisend?«
»Nein.«
»Geschäfte auf hiesigem Platze?«
»Ja.«
»Wären wir Landsleute? Ich bin ein Friese.«
»Ich nicht.«
»Darf man fragen, mein Herr...«
»O ja.«
»Woher die Reise...«
»Kellner! eine Flasche Wein!«
Hiermit brach der einsilbige Fremde ab. Der Capitän biß sich
versehentlich in die dicken Lippen. Der Doctor lächelte und betrachtete
den Lakonischen genauer. Er sah gar nicht aus wie ein Spaßvogel, sondern
wie ein ernsthafter, sehr besonnener Mann. Sein regelmäßiges Gesicht war
ruhig, die Augen groß, und blickten fest vor sich hin. Keine
Freudigkeit, aber eine eiserne Fassung sprach von der Stirne, und der
ganzen Gestalt. Das Trauerkleid, das der Fremde trug, entschuldigte
allerdings den Ernst, welcher der natürlichen Heiterkeit der Jugend
Abbruch that. Der Fremde aß mit vielem Anstande, was ihm vorgesetzt
wurde, und trank den Wein stark mit Wasser vermischt. Den Doctor, dem
seine früheren Verhältnisse Mäßigkeit zur ersten Pflicht gemacht hatten,
freute das regelmäßige, abgewogene Betragen des Fremden, und er richtete
auf die Gefahr hin, eben so zurecht gewiesen zu werden, wie vorhin der
Capitän, einige artige Worte an den Nachbar, die auch verbindlich und
kalt erwidert wurden. Indessen sprang der Offizier, der so eben seine
Partie gewonnen hatte, mit Getöse von dem Stuhle, und riß die
Fensterflügel auf.
»=Mort de ma vie!=« rief er: »Sensal! Wechselbote! schau er auf! ein
Kernmädel giebt's hier zu schauen!«
Der Sensal sah hin, und sagte ziemlich lau: »Die Jungfer Müssinger! Aha!
benebst Frau Mama!«
»Thu' Er nicht so kalt und vornehm!« zankte der Offizier; »=Parole
d'honneur!= das Mädel ist das Liebenswürdigste in der ganzen Stadt! Seh'
er nur, was sich die Flegel von Sänftenträgern einbilden, daß sie eine
so artige Last, wie diese, aufzunehmen gewürdigt sind.«
»Wohl bekomme ihnen die Mama von vier Zentnern!« sagte der Sensal
spöttisch, und nippte an seinem Glase. »Sie und ihr federleichtes
Töchterlein gönne ich Ihnen von Herzen.«
»Das spricht der Neid aus Ihm, Sensal.«
»Ei nu, Herr Lieutenant,« hob die Wirthin an, die es nicht leiden
konnte, daß andere Frauenzimmer hübsch gefunden wurden: »das
absonderliche Wunderwerk finde ich nun auch nicht an der Mamsell. Ein
putziges Dingelchen, recht keck, recht unverschämt, und geschminkt,
ich lasse mir's nicht nehmen. Geht sie nicht am Sonntage wie ein Pfau
auf ihren hohen Absätzen über die Gasse? Ist wohl ein Mensch, der sich
nicht über ihren Stolz ärgerte? Die Mama ist auch grob und hochmüthig,
das weiß Gott! aber dabei ist sie dumm wie eine Henne. Das Töchterchen
hingegen versteht Antworten zu geben, -- so spitzig und witzig, und
giftig und triftig, daß allen ehrlichen Leuten die Galle steigt.
Das leichte Töchterchen mag froh sein, daß sie schwere Geldsäcke
aufzuweisen vermag.«
Der Sensal schnippte mit den Fingern.
»Das spricht der Neid aus Ihnen, Frau Gasthalterin!« schaltete der
Lieutenant ein, spaßhaft und impertinent zugleich: »Der Himmel verdopple
mir die Gage, wenn ich nicht gleich zugriffe; -- die Jungfer dürfte nur
die Hälfte ihres Geldes haben. Meine Schulden zu bezahlen fände ich doch
genug: auf Ehre.«
»Ew. Gnaden sprechen in's Blaue hinein,« versicherte kaltblütig der
Sensal: »O! der Himmel hängt in diesem Hause voller Geigen, aber die
Baßgeige wird doch am Ende ein Loch bekommen. Sie hätte es jetzt schon,
wenn der dicke Holländer nicht so artig gewesen wäre, ... na! ich will
klüger thun, und schweigen.«
»Hm!« begann die Wirthin: »es wurde allerlei gemunkelt, das einem die
Haut schaudern machte, und das...«
»Das gefährlich ist, wiederzukauen!« fuhr der Wirth dazwischen: »ich
bitte mir's aus, Frau Schwanenwirthin, daß Sie kein Wort mehr darüber
verliert. Der hochpreißliche Senat hat's allen rechtschaffenen Bürgern
befohlen. Auf allen Zunftstuben wurde es verblämt, und den
Plaudermäulern angedeutet; und ich bin auch Zunftmeister, und muß auch
auf Ordnung halten.«
»Wohl geredet!« rief der Lieutenant beifällig: »Wie die Zunft, muß auch
die Frau pariren und Subordination muß sein. Bei alledem möchte ich
wissen, wohin die Damen sich begeben haben. Auf Ehre, ich möchte es
erfahren. Wäre ihres Spazierwegs Ziel der Kuchengarten oder die
Windmühle, ich ließe flugs meinen Polen satteln, um die reizende Jungfer
von Mund zu Mund zu begrüßen.«
Der Sensal zuckte bei den prahlerischen Aeußerungen des Windbeutels die
Achseln, sah aber beinebst durch's Fenster, und erwiderte: »Da kommt
Einer, der Ihnen, gnädiger Herr Lieutenant, ganz gewiß die beste
Auskunft zu geben vermag: der übergeschnappte Thürmer von St. Paul, der
zum Rasendwerden in des Senators Tochter verliebt ist, ohne daß er je
ein Wort mit ihr gesprochen hätte. Brüstet sich nicht der Geck in seinem
betrodelten Kleide wie ein Graf, und wer sollt es dem geputzten Affen
ansehen, daß er zu Posaune und Glockenstrang geboren und gebildet
wurde?«
Der Mann Quaestionis flatterte in das Zimmer, geschmückt wie der
albernste Zierbengel seiner Zeit.
»Sieh da, Monsieur Pahlens,« rief ihm der Offizier entgegen:
»Magnifiquester aller Thürmer! Woher, wohin, guter Freund? Ist Ihnen der
Stern unserer Stadt, die wonnevollste und freudenbringendste der Grazien
begegnet?«
»Ach, gnädiger Herr!« versetzte Pahlenz mit schwärmerischem Ausdruck:
»Des Lebens Licht hat mir gefunkelt auf meinem Seufzerpfad! Ich habe sie
gesehen, in deren Aug Cupido mit gespanntem Bogen sitzt; das Götterkind.
Zum Ritterhof begibt sich die Schöne, wie ich höre. Wäre ich doch der
Kaffee, den sie schlürft, der Kuchen, den sie genießt. Gleich dem
Zwieback, das ihre Hand zerbricht, zerbröselt sich mein Herz in eitler
Sehnsucht!« --
»Abgeschmackter Gimpel!« brummte der schwarze Fremde leise vor sich hin,
stand auf, und entfernte sich, langsam, wie er gekommen.
Niemand, den Doctor ausgenommen, bemerkte seinen Abgang, denn der
verliebte Thürmer ergoß sich in blumenreichen und geschraubten
Redensarten, schnitt Jedem das Wort von Munde, betäubte das Ohr eines
Jeden. Der Offizier unterbrach ihn endlich ziemlich brüsk, schnallte
sich den Degen um, setzte sich den Hut martialisch auf, fuhr in die
Handschuhe, und bereitete sich, den Damen zum Ritterhofe zu folgen.
»Geht Er mit, Sensal?« fragte er barsch.
»Ich habe auf der Niederlage zu thun. Auch besitze ich kein Pferd, das
mit Ihrem Polen gleichen Schritt halten könnte.«
»=Mort de ma vie!= ich besinne mich so eben, daß mein armer Polak sich
den Fuß zertrat, und den Stall hüten muß. Ich werde zu Fuß gehen müssen.
Begleiten Sie mich etwa, Monsieur Pahlens?«
»Das würde sich nicht schicken, Ew. Gnaden. Ohnehin schlägt um 4 Uhr
meine Stunde. Mein armer Teufel von Gesell ist ziemlich krank, und kann
die Abendluft nicht vertragen. Ich muß also selbst...«
»Die Posaune zur Hand nehmen, und tuten?« fiel der Offizier spottend
ein: »=Parole d'honneur!= Schade um den jungen galanten Mann! Das
ignoble Handwerk paßt wenig zu seinen feinen Gewohnheiten. Nicht wahr,
meine Herren? nicht wahr, Madam? =A revoir! Adieu!=«
Er empfahl sich unter lautem Gelächter. Nach einigen Anmerkungen über
den Offizier und dessen Schulden ging auch der Mäckler. Den Capitän
riefen seine Geschäfte, die Wirthin die Hauswirthschaft; der Gastwirth
schlief, der Doctor und Pahlens gingen zusammen auf die Straße.
»Wie habe ich mich gesehnt, einmal mit Ihnen allein zu sprechen,« begann
Pahlens vertraulich, aber ehrfurchtsvoll: »Seitdem Sie mein geistlicher
Vater wurden, kenne ich niemand auf der Erde, vor dem ich mein Herz
auszuschütten geneigter wäre.«
»Das gehört in den Beichtstuhl, mein Sohn;« erwiderte der Doctor leise.
»Nicht doch, Herr Doctor;« versetzte Pahlens: »Rathen Sie mir als
Freund. Meine Lage wird mir unerträglich. Ich bin zu etwas Besserem
geboren, als auf dem abscheulichen Thurme zu verblühen, und den
Lutheranern zu ihrem Gottesdienste hülfreiche Hand und Lunge zu leihen.
Was werden Sie denken, wenn ich Ihnen sage, daß mir in verwichener Nacht
die heilige Mutter im Traume erschien, und zu mir sprach: »Mein lieber
Sohn; allzulange schon verkümmerst Du im Ketzerdienste. Geh hinaus, und
suche Dir ein bessers Glück. Ich und alle heiligen Engel werden dir den
nöthigen Beistand leisten.« Sofort erwachte ich, und konnte nicht mehr
einschlafen. Wie sehr ich jedoch grübelte, ein Mittel zu finden, die
gnädigen Absichten des Himmels zu erfüllen, so stumpf blieb dennoch mein
Geist. Rathen Sie mir, was soll ich thun? Als Geiger oder Lautenschläger
in die Welt ziehen, oder etwa als Apostel der wahren Lehre? Das Letztere
wäre mein Wunsch, allein mich fesselt hier ein Sehnen und Wähnen, ein
Hangen, ein Verlangen, das vielleicht sündlich ist, weil es eine
Ketzerin zum Gegenstande hat.«
»Was soll ich Euch sagen, mein Sohn?« antwortete der Doctor: »Ich will
die Erscheinung, die Ihr gehabt, nicht bezweifeln. Wunder sind
allerdings möglich, und es wäre Frevel, sie zu läugnen. So wahr es ist,
daß der göttliche Mittler dem heiligen Franziskus, die göttliche Mutter
dem preiswürdigen Loyola in Person erschienen, so läßt sich's gar wohl
denken, daß die unbefleckte Mutter auch zu Euch im Traum gesprochen;
denn -- was Euch an der Heiligkeit jener Männer mangelt, das ersetzt Ihr
durch gläubige Zuversicht, und kindlichen Gehorsam. Jedoch, gerade, weil
ich an diese Erscheinung wahrhaft glaube, dächte ich, Ihr fordert durch
eifrige Gebeterweckung den Himmel auf, Euch einen nähern Fingerzeig zu
geben; bevor Ihr Euer jetziges Amt von Euch werft, um in die Welt ohne
Plan hinauszugehen. Ein besserer Redner als ich, würde Euch sagen, daß
Euer Loos kein böses ist; daß Ihr besser thätet, gerade auf Eurem
einsamen Thurme sitzen zu bleiben, und Euere Seele, gleich der eines
Einsiedlers, zum wahren Christenthum immer mehr zu erwecken und
anzufeuern, als daß Ihr jetzo wie ein Irrwisch im Weltgetümmel umher
fackelt. Er würde Euch sagen, daß Ihr jetzo, als ein, Gottlob zur
Mutterkirche Bekehrter, auf Eurem Thurme ein wahres Sinnbild der
siegenden Kirche vorstellt, wie sie, im Verborgenen triumphirend, oben
sitzt, während zu ihren Füßen die Baaldiener orgeln, schreien und ihre
Possen treiben. Ich sage Euch blos: Schweigt, betet, und erwartet mit
Geduld, wie es der Himmel mit Euch zum Guten lenken wird. Was ist's
aber mit der Neigung, von der Ihr spracht? Hat sie nicht die Tochter des
Senators Müssinger zum Gegenstand?«
»Ach! Sie lesen in den Falten meines Herzens!« entgegnete der Geck; »Ich
muß meine Schwachheit gestehen. Gehen Sie aber nicht strenge mit mir
in's Gericht. Mein Herz ist so weich und empfänglich, als mein Mund
blöde. Durch das Auge ist das Mädchen in meine Seele gedrungen. Geredet
habe ich noch nicht mit ihr, und werde es auch nie, wenn Sie mir's nicht
erlauben.«