»Welche Clara?«

»Clara Münzner.«

»Mein Gott! Sie wissen...?«

»Ja, mein Freund.«

»Woher? -- Herr, Sie reißen eine Vergangenheit vor mir auf, die jetzt

doppelt schmerzlich mein Gefühl verletzt.«

»Das soll sie nicht. Eines Engels Gedächtniß bringt Segen.«

»Ja, sie war ein Engel!... ein Engel, wie ihn diese Welt nicht

verdient.«

»Der Engel ist in seine Heimath gegangen.«

»Barmherziger! versteh ich Sie?«

»Clara ist todt.«

»Todt?... todt?... Und ich lebe noch; ... _wie_ lebe ich?...«

»Bis an ihr Ende hat sie in Ihnen gelebt, wenn gleich Länder und ein

Jahrzehend sie von Ihnen trennten. Jetzt wird sie, sollte es Noth thun,

für Sie beten bei dem unsterblichen Vater!« --

»Oh!« seufzte Müssinger, und lehnte sich mit vor das Gesicht gehaltenen

Händen zurück. Dann fragte er jedoch lebhaft: »Erklären Sie mir,

räthselhafter Mann! wie können _Sie_ von dem unterrichtet sein, was

außer mir...«

»Ich bin Clarens Bruder!« flüsterte der Doctor dem Senator in das Ohr...

»Xaver?«

»Derselbe, mein Freund. Ich höre, daß man uns wieder unterbricht. Ihr

Zimmer, dem Drang der Geschäfte Preis gegeben, ist nicht geeignet, daß

wir uns darinnen der wohlthätigen Erinnerung ungestört hingeben könnten.

Macht Ihnen die Vergangenheit Freude, so besuchen Sie mich. Ich wohne

eng, aber niedlich und einsam, in der Rahmgasse. Das Haus ist zum Apfel

geschildet. Fragen Sie im zweiten Stocke nach dem Doctor Leupold. Sie

werden mir willkommen sein.«

Indem der Buchhalter eintrat, verbeugte sich der Doctor gelassen und

fremdthuend gegen den unbeweglich hinstarrenden Senator, und ging.

Langsam und sinnend durchstrich er die Stadt, und machte geflissentlich

einen Umweg nach seiner Wohnung, um seinen Gedanken nachhängen zu

können. Hie und da nickten ihm aus Hütten oder wohlanständigen

Bürgerhäusern freundlich grüßende Gesichter zu. In einem armseligen

Gäßchen schlich eine bettelhaft gekleidete Frau, nachdem sie sich vorher

überall umgesehen, geheimnißvoll an ihn, und küßte seine Hand. Er

reichte ihr dagegen eine kleine Münze, und ermahnte sie für die Ruhe

eines Sünders zu beten. Hierauf schlug er sich rechts durch ein Paar

Durchgänge nach der Rahmgasse, und stieg im bezeichneten Hause in sein

Quartier hinauf. -- Eine sauber angekleidete Magd öffnete ihm

ehrfurchtsvoll die Gitterthüre an der Treppe. James, der in der

Wohnstube schreibend saß, richtete sich grüßend auf, und brachte

dienstfertig dem Pflegevater den Steifrock herbei, gegen den der Doctor

eilig den unbequemen Schlafrock vertauschte. Er nahm seinen Platz im

Lehnstuhle am Fenster, das, auf einen Garten aussehend, selbst einen

Garten vorstellte, geschmückt mit würzigen Blumenstöcken. In der Stube

sah es so reinlich, so friedlich und traulich aus; sie stellte ein

reizendes Stillleben dar. Der Boden, sauber wie ein Spiegel; die

Geräthschaften blank und rein. Ordnung überall; keine Falten in den

Teppichen der Tische, kein Stäubchen auf dem grünen Vorhange, der eine

kleine Büchersammlung barg; ein niedlicher Vogel im luftigen Bauer von

der weißen Decke schwebend; eine tickende Schwarzwälderuhr an der Wand;

viele summende Mücken auf dem Blumenflor am Fenster. Das Schweigen wurde

lange nur durch der Thierchen Geschwätz, den Perpendikelschlag, und die

knarrende Feder des jungen Engländers unterbrochen, der sich gleich

wieder an seine Arbeit gesetzt hatte. Der Doctor saß mit gefalteten

Händen, rückwärts gelehntem Kopf und geschlossenen Augen in seinem

Lehnstuhle. Seine Lippen trugen das Lächeln einer freundlichen

Gedankenwelt, die unter den zugezogenen Augendeckeln vorüber schwebte,

und er schwieg wie ein Träumender, bis er einen leisen Hauch an seiner

Wange fühlte, und forschend die Augen aufschlug. Schon dämmerte es.

James stand bei ihm, und hatte sich über sein Gesicht gebeugt.

»Ich wollte mich überzeugen, ob Sie schliefen, mein Vater,« sprach der

Jüngling. »Meine Arbeit ist vollendet; die Feierstunde da. Sie sind aber

heute nicht so munter und gesprächig, wie wohl sonst. Darf Ihr

Pflegesohn nach der Ursache fragen?«

»Die Ursache, mein Sohn, ist nur eine kleine Geschichte aus der

Zeit, da ich dein Alter hatte;« antwortete der Doctor, freundlich

ihm zunickend; »setze dich zu mir, und höre sie, wenn du willst. Ich

sage dir aber im Voraus, daß die Geschichte so kurz und einfach und

natürlich ist, wie nur eine in der Welt. Den Jüngling befriedigt

freilich nur ein Labyrinth von Abenteuern. Dem greisen Manne jedoch

schließt gerade die klarste Begebenheit einen Zaubertempel auf.

Versetze dich mit mir nach Augsburg, wo du zwar niemals warst, von

dem du aber manches gelesen. In jener alten, weit berühmten Stadt ist

eine abgelegene Gegend an der Stadtmauer, unfern von einem kleinen

Thore. Durch diesen leicht zu übersehenden Winkel soll, heißt die Sage,

der Teufel den Doctor Luther in's Freie geführt haben, da demselben

große Gefahr drohte, und alle anderen Ausgänge von Feinden besetzt

waren. Obgleich nun diese Geschichte durchaus Fabel und unhaltbar,

so führt doch noch zu heutiger Stunde der Platz den Namen: Dahinab!

-- In diesem Dahinab nun stand unter andern kleinen Häusern ein von

einem Gärtchen umgebenes; reputirlich anzuschauen, und die Wohnung

eines braven Mannes. Der Fleiß desselben hatte das Haus gebaut, und

die Heiligen, -- buchstäblich zu verstehen, -- hülfreich dazu gethan.

Der Fleißige war nämlich Kupferstecher, und hat -- durchaus dem Fach

sich hingebend, -- viele hundert Heiligenbilder gestochen und geätzt,

die zu damaliger Zeit in großen Ladungen über die Berge nach Italien

gingen. Der Künstler war fromm und still, wie seine Bilder, arbeitete

unverdrossen von früh bis spät, und seine einzige Erholung außer dem

Hause war am Sonnabend ein Ruhe-Stündchen auf der Schießstatt, bei

einem Krug Bier und freundlichem Geschwätze. Den Sonntag nahm die

Kirche und -- bei schönem Wetter -- ein Spaziergang mit dem Weibe nach

dem Ablaß oder nach Göggingen hinweg. Diese Lebensordnung machte auch,

daß es im Hause fein und ordentlich aussah, und der Friede doppelt

mit den Kindern einkehrte, die der Himmel dem einfachen Künstler

schenkte. Der Bube hieß Xaver, die Tochter Clara. Der Erste, zugleich

der Aeltere, sollte anfangs Kupferstecher werden, wie der Vater; die

Zweite ein braves Weib, wie die Mutter. Es ergab sich indessen bald,

daß Xaver, um schwacher Augen willen, der Kupferstecherkunst nicht

gewachsen war, und, noch in der Wahl verharrend, was einst aus dem

Jungen werden möchte, schickte ihn der Vater in die Schulen, damit er

etwas Tüchtiges lerne. Clara wuchs arbeitend und blühend auf, besuchte

kein anderes Haus, als das Haus Gottes, und ahnte nicht, daß an jener

Stätte ein sehnsüchtiger Jünglingsblick die verborgene Blume ausgespäht

hatte. Die Eltern ahnten's um so weniger. Der Bruder allein, der oft,

um zu studiren, im Gärtchen sich befand, merkte das Erste von der

Sache. Eine Bastion der Festungswerke, die gerade, -- senkrecht fast,

-- in die Höhe stieg, und die Ansicht über die Häuser des Dahinab frei

gab -- bildete die Schlußwand des Gartens. Auf dem Rand dieser Bastion

stand einmal um die Mittagszeit ein blutjunger Mann, und sah immer so

steif und unverrückt in den Garten hinab, daß dem studirenden Xaver,

-- als dieser, durch die Blätter der Laube schielend, zum zweiten oder

dritten Male das Unwesen wahrnahm, -- bang um den Verstand des jungen

Menschen wurde. Bald kam er jedoch dahinter, daß die Schildwache auf

der Bastion eigentlich der Schwester gelte. Denn so oft diese, blühend

und frisch wie eine Rose, um die Mittagsstunde aus dem Hause hüpfte,

den Bruder zu Tisch zu rufen, -- so oft zog _der_ auf der Schanze ein

Fernrohr aus der Tasche, und richtete es so scharf und fest auf das

Mädchen, als ein Constabler nur mit seinem Geschütz thun kann. Der

Bruder hütete sich wohl, der unbefangenen Schwester das Geringste von

seinen Beobachtungen, -- die er eine ganze Woche hindurch fortsetzte,

mitzutheilen. Endlich eines Vormittags, aus dem Collegium kommend,

wandelt ihn die Lust an, der Sache auf den Grund nachzuspüren. Er

steigt auf die Bastion, und findet den Bewußten bereits am Posten. Er

schlägt ihn auf die Schulter, und fragt ihn: Was hat Er dahinab zu

spioniren, mein Freund? -- Der Andere erröthet, antwortet aber vornehm:

Das geht _Ihn_ nichts an, mein Freund. -- Er ist ein Narr! sagt ihm

hierauf Xaver, und der Andere antwortet mit einem »unverschämten

Menschen.« Für einen Studenten von neunzehn Jahren ist das zu viel.

Er antwortet ebenfalls mit einer nachdrücklichen Beleidigung. Der

Andere greift nach seinem Degen. Xaver bedeutet ihm, er selbst dürfe

als angehender Theolog keine Waffe tragen; er werde aber nur hinunter

in's Haus gehen, sich einen Degen holen, und sicherlich binnen wenig

Minuten auf die Schanze zurückkehren, um die Sache auszumachen. »Was

hat Er in jenem Hause zu thun?« fragt der Andere verwundert. -- Es

ist das meiner Eltern; entgegnete Xaver. -- Und das Mädchen? -- Meine

Schwester. -- Nun lacht der Mensch ausgelassen, steckt die Klinge ein,

fällt dem Studenten um den Hals, und ruft: Wir müssen Kameradschaft

trinken. -- Wie so? -- Ich bin in deine Schwester verliebt, mein

Junge; fährt der Andere fort: ich sterbe, wenn ich nicht wenigstens

bald zu ihr sagen kann: Wie befinden Sie sich, Jungfer? Du mußt mich

bei deinen Eltern einführen, als einen Mitstudenten, als einen Freund

aus dem Gasthause, -- als was du willst. -- Nun erzählte der heftige

närrische Mensch weiter, und es kam heraus, daß er Kaufmannsdiener

sei, vor wenigen Wochen erst die Lehre verlassen habe, und in einer

der ersten Handlungen Augsburgs conditionirte. Ein Zufall hatte ihm

meine Schwester gezeigt. Dazumal wurden gerade Bittgänge gehalten

und Gottesdienst gefeiert, zum Besten und Frommen der unglücklichen

Rheinländer und Pfälzer, die unter dem Mordschwerdt des Königs

von Frankreich bluteten. Bei einer dieser Processionen war der

Kaufmannsdiener an Clara's Seite gekommen, und sie hatte ihm schnell

gefallen, obwohl sein Mund keine Sylbe mit ihr gesprochen. -- Xaver,

der in dem fremden jungen Mann einen Sohn wohlhabender Eltern aus

einer entfernten Stadt erkannte, dem derselbe gefiel, ließ sich endlich

bereden, gab den sonderbaren Gesellen für einen Bekannten aus, und

brachte ihn in der Eltern Wohnung. Ach, nun beginnt eine schöne Zeit;

sie umfaßt beinahe ein Jahr. Die Eltern gewannen den Fremdling lieb;

Clara theilte seine Gefühle. Xaver sah eine schöne Zukunft für die

Schwester leuchten. Die Mutter betete zu diesem Endzweck im Stillen.

Harmlos flossen die Tage, von Vertrauen, von Freundschaft und Liebe

getragen, dahin! In dem engen Häuschen, in dem kleinen Garten waren

alle glücklich. Aber -- der Friede, das Glück hat seine Grenzen, und

somit endigte auch dieses.«

Der Doctor sammelte sich hier, wehmüthig werdend, und sprach nach einer

langen Stille, gefaßt und trocken weiter: »Der junge Mensch hatte

nicht redlich an der Familie gehandelt. In dem Augenblick, als alle,

-- Clara selbst -- im Stillen auf eine baldige Erklärung und Werbung

hofften, verließ er Augsburg, heimlich, schnell, um in die Heimath

zurückzukehren. Ein Brief belehrte uns, daß er als Protestant, -- er

hatte sich für einen der Unsern ausgegeben -- nicht daran denken könne,

aus der Neigung seiner Jugend Ernst zu machen, und mit blutendem Herzen

sich von der Stelle losreißen müsse, die ihm theuer und lieb geworden,

wie das Vaterhaus. -- Wir weinten; Clara verzweifelte fast. Die Jahre

beruhigten zwar ihr Herz, aber -- an dem Entfernten treu und eigen

hängend, blieb sie Jungfrau, legte als fromme Wärterin die Eltern in's

Grab, und folgte ihnen dann, zehn Jahre, nachdem _er_ sie verlassen, --

mit seinem Namen auf den Lippen. Hiermit, mein Sohn, endigt sich die

Geschichte, deren erster Theil noch jetzt meine Seele mit angenehmen

Bildern füllt. Du hast meine Eltern, meine Schwester und mich kennen

gelernt. Vor achtzehn Jahren habe ich Claren verloren, und heute --

bewundere die Wege der Allmacht! heute finde ich _ihn_ wieder, der

sie verließ, der vielleicht ihr Leben abkürzte; finde ihn wieder,

unglücklich, darniedergedrückt von _schweren_, schweren Aengsten, wie

ich fürchte; ein armer, elender Mensch, im Schooße des Ueberflusses der

eiteln Welt!«

»Errathe ich?« fragte James ungestüm: »Der Senator?«

Der Doctor nickte mit dem Haupte. -- »Beinahe,« sagte er, »hätte mich

die Schwachheit überrascht, ein Wohlbehagen zu empfinden, als ich ihn

so erbarmenswürdig vor mir stehen sah, und jetzt erst bestimmt in's

Reine kam, daß _er_ jener Walter sei, den ich -- seltsam fürwahr --

beinahe vergessen hatte. Kein Zug der Jugend mehr in seinem Gesichte;

keine Zufriedenheit in seinem Hause; keine Ruhe in seiner Brust. Die

Vergeltung hat an dir gearbeitet! wollte ich sagen; doch Gott hielt

meine Zunge im Zaume. Clara hat mir ja auf dem letzten Lager ihre Liebe

zu ihm als Vermächtniß hinterlassen, und ich muß ihn oder die Seinen

glücklich machen, wenn ich's vermag; schon darum, weil ihn _Clara_

geliebt, weil ihn _Clara_ gesegnet hat! --«

»O ein heiliges Gefühl, ein heiliges Erbe ist die Liebe!« versetzte

James mit einer wehmüthigen Innigkeit. Der Doctor ergriff ihn fest bei

der Hand, und redete: »Mein Sohn, hüte dich vor Sophismen, wie sie nur

gar zu gerne die Leidenschaft gebiert, wenn sie sich in Fesseln spürt.

Denke deines Versprechens, der Zusage, die du mir gegeben. Du gehörst

nicht mehr dir selbst an, du gehörst nicht _mir_. Und wäre dies Alles

nicht, so sollte meine Erzählung dir bewiesen haben, daß Ungleichheit

des Glaubens Verderben bringt.« -- James schwieg mit bitterem

Gefühle. -- »Ich sehe, daß es Zeit ist, deine Besuche in des Senators

Hause abzukürzen,« fuhr der Doctor sorglich fort: »die letzte Aufgabe

vollende noch. Vielleicht begründest du dadurch das Heil einer Person,

die du _liebst_, wie ich fürchten muß.« -- »Und gelänge es mir,« fragte

James, Muth fassend: »dürfte ich alsdann hoffen, mein Vater?«

»Dein Schicksal hängt nicht von mir ab,« antwortete der Doctor: »wäre

dieses aber auch, -- Sohn! hätten wir uns in dir getäuscht...? Laß mich

das nicht ahnen!«

»O, welch' ein Schicksal ist mir bereitet worden?« seufzte der junge

Mann: »Zu welchem Gewerbe, -- mir widerstrebend, meinen Sinn empörend,

wurde ich bestimmt! und zum Dank dafür verbietet man mir grausam, zu

fühlen wie ein Mensch!«

»Dafür rasest du wie ein Thor,« unterbrach ihn der Doctor heftig: »zur

Strafe wirst du deine bisherigen Andachtsübungen verdoppeln, bis ich es

anders bestimme! --« Milder fuhr er, und plötzlich besonnen fort: »Was

wäre dein Schicksal unter den dänischen Dragonern gewesen, du

Verblendeter? Du schlägst die Hand, die dir wohl that. Dein Gewerbe

empört dich? Das heißt: Deine Pflicht gefällt dir nicht. Glaube mir: Oft

ist auch _mir_ die Meinige zuwider, aber ich erfülle sie dennoch ohne

Murren, weil ich überzeugt bin, daß zu einem vollkommenen Bau der

geringste Dienst vonnöthen ist, wie der edelste. Die Leute, die im

finstern Schacht den Keller wölben, haben durch ihre lichtscheue Arbeit

mehr gethan, als der Meister, der das leichte Prunkgetäfel anschlägt,

und den Blumenstrauß stecken auf den fertigen Bau kann vollends jeder

Lehrjunge. Bescheide dich also dankbar vor dem Höchsten, zu dessen

größerer Ehre wir handeln, und bemeistre flüchtige Aufwallungen der

Jugend, die immer nur eitel sind, und denen im vorliegenden Falle

ohnehin nicht _entgegengekommen_ wird.«

Dieses letzte Argument entschied. James fühlte wohl, was _er_ empfand,

aber die Empfindung der Geliebten war ihm mehr als zweifelhaft

geblieben. Er schwieg daher halb unterwürfig, halb gekränkt, und

waffnete sich mit starrer Kälte, als er am folgenden Tage des Senators

Haus betreten mußte. »Wo will Er hin?« schnauzte ihn mit unerträglicher

Grobheit der verdrießliche Nothhaft an, der ihm just entgegen kam.

»Zur Jungfer Justine.« -- »Die Jungfer hat Kopfschmerzen. Komm Er ein

Andermal.« -- James wollte, nachdem er mit leichtem Achselzucken den

Ungeschliffenen gemessen, still davon gehen, als sich Justinens Stimme

von oben vernehmen ließ: »Kommt nur herauf, werther Monsieur; für Euch

bin ich zu Hause, nur für den Neidhammel nicht, der Euch =sans façon=

belügt, wie ein Schelm!« -- James stutzte erfreut. Von Zorn brennend,

und mit einem: »Verdammter Naseweis!« lief Nothhaft in das Comptoir.

»Laßt Euch meine Sprache nicht befremden,« sagte Justine ohne Umstände

in Gegenwart der Mutter zu dem jungen Engländer: »Wir Deutsche haben --

wie wir denn in allem derb sind -- ein derbes Sprichwort, das man wohl

sonst nur in Pöbels Mund hört, das aber stets wohl angebracht ist, wenn

man _vom_ Pöbel redet: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil!

-- Ich zweifle nicht, daß in Eurer Sprache sich ebenfalls ein ähnlicher

Spruch vorfinden werde. Der Bursche, der Euch belog, ist der Klotz,

der sich sogar einmal unterstanden hat, sich in mich zu verlieben. Ich

bitte Euch! damals noch ein Kind von fünfzehn Jahren, sollte ich an

dem blatternarbigten Ungeschickt eine Freude finden! Ich habe ihm das

Zärtlichthun abgewöhnt; nun verfolgt mich jedoch der holde Amadis mit

tausend Tücken und Nücken, die mir, -- wider seinen Willen, -- Spaß

machen, weil ich sie gewöhnlich vereitle. Seit der letzten Horcherei

hat er auch auf Euch seinen hohen Zorn geworfen. Fürchtet Euch aber

nicht, Monsieur: Ihr steht unter meinem Schutze.«

»Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Mademoiselle,« antwortete James

lächelnd: »Doch wüßte ich schon selbst mir den Ueberlästigen vom Halse

zu schaffen, wenn er mir ernstlich zur Last fallen wollte.«

»Das meine ich auch,« ließ sich die Senatorin breit und förmlich

vernehmen; »Er hat starke Knochen, Monsieur, und mag sich durchhelfen.

Für dich, Justine, schickt es sich indessen ganz und gar nicht, einem

jungen Mann solche Promessen zu geben. Die Chapeaus sind doch -- so Gott

will, -- dafür in der Welt, _uns_ zu beschützen, und es ziemen sich

folglich solche cavaliere Redensarten keineswegs für eine schon verlobte

Tochter. Ich werde also...«

»Uebergenug, beste Mama,« fiel Justine kurz abfertigend ein; »Sie

verstehen es, mich zum Schweigen zu bringen, und Ihr, Monsieur, beginnt

die Lehrstunde!« -- James gehorchte, doch Justinens Geist war keineswegs

bei der Grammatik. Ungeduldig zählte ihr Auge die Minuten auf der

Wanduhr, und sie machte Schicht, sobald die Glocke schlug. Ein Vorwand

wurde bald gefunden, den Lehrer zu begleiten, und schnell raunte sie ihm

zu: »Wie ist's, Herr? habt Ihr der armen Französin das Geschenk

gebracht? Lindert es ihr Elend? Was ist ferner zu thun?« -- James

erwiderte verlegen: »Ich bringe Ihnen der Unglücklichen heißen Dank,

Ihre reichliche Gabe hat sie in Ueberfluß versetzt, und zu ihrem Glücke

fehlt nur noch Eines: _Sie_, freundliche Geberin, von Angesicht zu

sehen; Ihnen mündlich danken zu können!« --

»Rathet der guten Frau ab,« versetzte Justine ängstlich; »sie soll ja

nicht hierher kommen. Der Vater, -- er ist ohnehin mürrisch -- würde es

nicht gerne sehen. Die Mutter gibt in ihrem Leben kein Almosen, und ich

hätte nur Verdruß, wenn es herauskäme, daß ich mein Taschengeld...«

Sie stockte, besann sich einen Augenblick und setzte dann hinzu: »Die

arme Frau soll sich deshalb nicht so grämen. Ich wünsche selbst, sie zu

sehen, mich nach ihren Bedürfnissen zu erkundigen, aber Ihr begreift, es

geht nicht an, daß sie komme. Ja, -- wenn ich ein Mittel wüßte, ... ich

würde mich gerne selbst einmal zu ihr schleichen ... ich helfe gar zu

gern; ... aber ... ich weiß nicht...«

»Das Mittel wäre leicht,« entgegnete James, etwas zögernd: »Vertrauen

Sie sich mir an; ich führe Sie; in einer Stunde sind wir hin- und

zurückgegangen.«

Justine blickte ihn neugierig und strenge forschend an: »Ich halte Euch

für einen Ehrenmann, Herr White. Ich würde mich nicht fürchten, mit Euch

zu gehen. Aber wann? Ich will nicht mit Euch gesehen werden, und am

Abend gehe ich nicht aus, mögt Ihr wissen.«

»So bleiben uns die frühen Morgenstunden,« meinte James, und der

Vorschlag gefiel Justinen. »Schön!« rief sie, »das paßt. Mutter schläft

fest bis um neun Uhr. Vater ist vor acht nicht sichtbar, und kümmert

sich nicht um mich. Um sechs Uhr also. Dann sind die Straßen noch

ziemlich leer von den Leuten, die mich nicht sehen sollen. Wartet meiner

morgen um diese Stunde am Neumarkte. Wollt Ihr das thun, so wird mir das

artige Abenteuer Freude machen.«

James versicherte seine Bereitwilligkeit, und ging, nicht mit leichtem

Herzen, aus dem Hause. Justine schwelgte dagegen in dem Genusse ihres

kleinen Geheimnisses. Der Umstand, die Wohlthäterin einer Bedrängten

geworden zu sein, schmeichelte ihrer Eitelkeit, und schien ihrem Leben

eine gewisse Bedeutung zu verleihen. Sie sah sich nicht mehr verdammt,

zwischen einer stumpfsinnigen Mutter und einem schwermüthigen Vater den

freudenlosen Pfad zu gehen; sie wirkte nach Außen hin, und diese Idee

erquickte ihren Geist, der ihr zu etwas Besserem geschaffen schien, als

zu der Einklammerung in alltägliche Hausverhältnisse. Justine war so gut

und liebevoll, als sie sich manchmal schroff und ungestüm geberdete. Sie

hätte gewünscht, die Pflegerin der Welt zu sein, alle Schätze der

Goldminen Amerikas zu besitzen, um sie an die Armuth zu vertheilen. Sie

konnte darum der Neugierde nicht widerstehen, das dankbare Geschöpf

ihrer Milde zu sehen, dessen Noth mit eigenen Ohren zu vernehmen, ihm

Trost zu geben durch Worte und durch die freigebige That. Mit Ungeduld

erhob sie sich, als der bezeichnete Tag angebrochen, von ihrem Lager.

Ein Blick durch's Fenster belehrte sie, daß das schönste Wetter ihre

heimliche Wanderung begünstige; schnell war sie in ein unscheinbares

Gewand gehüllt, ihr Haar, ihr Antlitz von einem dichten Schleier

bedeckt, und, bevor noch der Zeiger auf sechs Uhr wies, die Thüre ihrer

Schlafkammer leise, leise geöffnet. Ein Geräusch hielt sie auf der

Schwelle zurück. Am Ende des Ganges öffnete nämlich auch der Senator

behutsam die Thüre _seines_ Gemachs, und trat, wie auf den Zehen,

heraus; völlig angezogen. Langsam schritt er die Treppe hinab, und ging

aus dem Hause. Justine war betroffen. Sie hatte den Vater gestern am

ganzen Tage nicht gesehen. Eine Sitzung des Senats hatte ihn, seinem

Vorgeben nach, fern gehalten. Und heute, dieses leise, schleichende

Ausgehen ... es kam ihr seltsam vor. Allein, was war denn, seit jener

unglücklichen Begebenheit, nicht seltsam in dem Benehmen ihre Vaters?

Schnell gefaßt trat Justine ihren Weg an, um die Zeit nicht zu

versäumen, und ihren Begleiter nicht warten zu lassen.

James hatte sich schon seit geraumer Zeit auf dem Neumarkte

eingefunden. Auch an ihm war der Senator, tief in Gedanken,

vorbeigekommen. Mit klopfendem Herzen begrüßte er Justine, die eiligst

herbei hüpfte, den Schleier nur leicht lüftete, mit dem Kopfe nickte,

und zur Eile antrieb. Stumm ging James neben der Holden her, die ihre

Schritte immer munterer förderte. Der Weg war jedoch weit. James führte

seine Schülerin in ein entlegenes Quartier der Stadt, wohin sie noch

nie gekommen war. Stutzig sah sie sich auf einer Kreuzstraße um, und

sagte englisch zu dem Führer: »Hat hier nicht die Ehrlichkeit ein Ende,

Sir? und wie steht's mit der Euern? --« James lächelte etwas verlegen,

deutete jedoch auf eine Thüre, und antwortete: »Wir sind am Ziele!«

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 6 / 32 段