ermangelte nicht die gebührende Aufmerksamkeit zu erregen. Die
plötzliche Schreckensbegebenheit hatte Aufsehen gemacht; die
vorangehenden Ereignisse, wie der Ort, die Stunde und alle
Einzelnheiten des Sterbefalls, waren geschickt, zu allerlei
Verarbeitung zu dienen. Ein entehrendes Gerücht hatte sich plötzlich
auf tausend Zungen verbreitet, und selbst im Senate seinen Sitz gefaßt.
Die Mehrzahl des Rathes jedoch, -- eifersüchtig auf dessen Vorrechte,
und die Bewahrung eines unbefleckten Rufs der Glieder desselben, --
bemühte sich, jede Ahnung, jede Vermuthung niederzuschlagen, die der
bürgerlichen Existenz des Collegen Müssinger hätte schädlich werden
können; und jede Angabe, und jede noch so leise Hindeutung auf obige
Begebenheit wurde mit Gewalt unterdrückt, während der Gegenstand
dieser Anklagen durch sein auffallend verändertes Betragen, dem
bloßen Verdacht einen Dolch nach dem Andern in die Hände gab. Die
wenigen Besucher mieden das Haus des Senators; er erschien am nächsten
Sonntage mit seiner Familie in der Kirche: nach seinem Betstübchen
starrte die gaffende Menge, aber aus seiner Nähe entfernten sich alle
diejenigen, die sonst während des Gottesdienstes gute Nachbarschaft
mit ihm gehalten hatten. Frau Jacobine merkte es nicht, Dank ihrer
Stumpfsinnigkeit; Justine nicht, denn ihre Unbefangenheit hatte keine
Ahnung von dem gräßlichen Verdacht; aber dem Senator, der dieses
wohl verstand, zehrte es, wie ein Wurm am Herzen. Er wurde immer
verschlossener. Zwischen ihm und der Mutter fielen die Worte immer
seltener; Justine litt unter den Folgen dieser übeln Verstimmung,
und ihr einziger Trost wurde jetzt, da sie -- ihr unbegreiflich --
keine ihrer Freundinnen mehr bei sich sah, oder zu Hause fand, die
englische Lehrstunde, zu der sich James wieder, nach den drei Tagen,
eingefunden hatte. Mit keiner Sylbe der vorangegangenen Mißhelligkeit
gedenkend, suchte Justine durch ein sittlich mildes Betragen ihre
Uebereilung gut zu machen, und James war nicht unversöhnlich. Es
stellte sich ein gewisses Vertrauen zwischen den beiden jungen Leuten
her. Justine benutzte den ersten Augenblick, in welchem sie ungestört
waren, es zu befestigen. Ernst und nachdenkend saß sie dem vortragenden
Lehrer gegenüber, und sagte, indem sie ihn bat, das Buch wegzulegen:
»Wir wollen plaudern, mein Herr, und uns gegenseitig wundern, wie
wir so plötzlich für einander passend geworden sind. Ich habe Eurer
Prophetenkunst schreiendes Unrecht angethan, und muß dieselbe leider
jetzo anerkennen. Der Abend jenes Samstags war der letzte glückliche
in unserm Hause. Heiterkeit und geräuschvolles Leben sind daraus
entschwunden, und es kommt mir beinahe vor, als wenn man von außen her
unser Unglück uns recht fühlbar zu machen suchte.«
»Dem Unglücklichen ist Mißgunst näher, als der Trost;« meinte James.
»Ich selbst habe, als Flüchtling, diese Erfahrung oft genug gemacht.
Indessen haben auch die Blumen der Freude ihre Zeit der Wiederkehr. Der
Sturm zernichtet nicht immer; er entwickelt auch Blüthen.«
»In unserm Hause?« fragte Justine ungläubig: »O nein, mein guter Herr.
Die Mutter, -- Ihr kennt sie. Der Vater ist heute noch einmal so finster
und verdrossen geworden. Uns wurde durch einen Amsterdamer Brief die
Gewißheit, daß Herr Birsher in unserm Hause verblichen.«
»Was ihn nur bewogen haben mag, die fremde Maske vorzunehmen?« --
»Er wollte uns kennen lernen, selber unerkannt. Ein Scherz, der, sich
unbewußt, den Trauermantel auf den Schultern trug.« --
»Der Mensch sei auf sein Ende gefaßt, jederzeit,« entgegnete James!
»Genug indessen von dem traurigen Gegenstande. Fröhlichkeit steht Ihnen
besser, als Betrübniß; und die Braut hat ja den Bräutigam nicht
verloren!«
»Ich verbitte mir die Anspielung,« sagte Justine lebhaft: »Herrn
Birsher's Sinn wird sich wohl anders wenden. Mir vergingen auch alle
Heirathsgedanken, stünde ich am Sarge meines Vaters. -- Mein guter
Vater!« setzte sie seufzend hinzu, in die stille Wehmuth versinkend,
die, in ihrem Schmerze selbst, uns wohl thut.
»Erheitern Sie sich!« erwähnte James, sich zu ihr beugend. »Hören Sie
mich. Der Schmerz bedarf nur eines Ableiters, um gemäßigt und ruhig
hinzufließen, wie ein geräuschloser Strom in seinem Bette. Was wäre wohl
zu diesem Zwecke geeigneter, als eine gute That? Im Ungemach ist ja
ohnehin das Herz weicher, geneigt zum Mitgefühl, weil der Kummer ihm
nicht mehr ein fremder ist. Ich nehme mir daher den Muth, Ihrem Tiefsinn
eine andere Richtung gebend, im Namen einer sehr bedrängten Frau Ihr
Mitleid, Ihre Freigebigkeit aufzufordern. Fürchten Sie keinen Mißbrauch
Ihrer Güte, hoffen Sie aber auf den Segen von Oben.«
»Nicht so viel Worte, Monsieur,« sprach das Mädchen, bereitwillig, der
neuen Wendung des Gesprächs zu folgen: »Man überredet mich selten, wenn
nicht schon mein Kopf und mein Gefühl gewonnen sind. Ich helfe gern, bin
auch nicht hart, wie oft die Leute sagen; ich bin auch nicht so
leichtsinnig, fremde Noth nicht zu bemerken und zu bedauern. Redet, wer
ist die Frau?«
»Eines französischen Offiziers Wittwe. Ihr Mann blieb in dem Treffen bei
Denain. Villars empfahl die unglückliche Frau der königlichen Gnade,
aber Ludwig vergaß der Armen. Der Regent mißhandelte sie sogar, als sie
es wagte, nach des Königs Tode bittend und flehend ihr Recht geltend zu
machen. Aus der Hauptstadt verwiesen, fristete sie in ihrer Heimath
durch Handarbeit kümmerlich ihr Leben. Endlich schien ihr das Glück
wieder zu leuchten. Eine sächsische Herrschaft, rückkehrend aus den
Bädern zu Aix schlug ihr vor, sie als Gouvernante der Kinder nach
Dresden zu nehmen. Von allen Hülfsmitteln entblößt schlug Madame de
Laynez willig ein, schied vom Vaterlande, um in Sachsen eine neue
Lebensbahn zu betreten, kam aber nur bis in diese Mauern. Von einer
heftigen Krankheit befallen, mußte sie hier zurückbleiben. Ihre Gebieter
hinterließen ihr eine dürftige Geldsumme, und sagten sich von ihr los.
Mehrere Monden hindurch schwebte die Verlassene zwischen Tod und Leben.
Das Mitleid gefühlvoller Menschen rettete sie endlich vom Grabe, aber
ihre völlige Genesung geht langsam von Statten. Mangel drückt sie, und
es bleibt ihr nichts übrig, als auf's Neue sich an die Theilnahme wahrer
Christen zu wenden.«
James hatte kaum geendet, und schon lag Justinens ansehnlich gefüllte
Börse in seiner Hand. -- »Kein Wort!« gebot sie, da er sprechen wollte:
»nichts davon. Gebt, helft, rettet! Es soll nicht dabei bleiben, wenn es
mir gelingt, den Vater in günstiger Stunde für die Bedrängte zu
gewinnen.« --
Eilig ging sie davon, damit James nicht die Bewegung sehen sollte, die
sich auf ihrem holden Antlitz kund gab. Aber der junge Mann hatte
scharfe Augen. Es war ihm nicht entgangen, daß die ganze Fülle der
herrlichen Seele aus Justinens Zügen gesprochen, und, selig überrascht
von einem Anblick, wie er ihn noch nie gehabt, sah er der Fliehenden
sehnsüchtig nach.
»Welch ein Mädchen!« seufzte er: »und ich -- täglich fühle ich mein
Unglück mehr, und darf nicht wanken und nicht weichen von der Stelle,
die mir so gefährlich wird.«
Justinens Gabe im Busen verbergend, schied er, um heim zu kehren. Unten
im Hause war viel Geräusch. Geldsäcke wurden gewogen, Thaler klangen;
die Diener gingen geschäftig hin und her; Nothhaft stieß im Vorbeigehen
mit dem Ellenbogen an James Arm, und machte ein sehr herrisches Gesicht,
als der Engländer sich befremdet nach ihm umsah. -- »_Der_ muß mir auch
aus dem Hause, und wenn's mich tausend Gulden kosten sollte!« murmelte
der Diener, dem Engländer nachsehend, zwischen den Zähnen. Berndt, der
eben in's Haus getreten war, hörte die Rede. »Warum so giftig, lieber
Bruder?« fragte er lächelnd: »giftig und freigebig obendrein? Du wirfst
mit Tausenden um dich? Glück zu!« -- »Ist's ein Wunder?« sagte Nothhaft
hierauf: »Baar Geld macht Muth. Wir schwimmen ja in Geld, siehst du. Laß
uns daher auch in Gottes Namen davon reden, und lüderliche
Schmeißfliegen damit todt schlagen.«
»Ich verstehe dich nicht, Herr Bruder,« versetzte Berndt achselzuckend,
»aber ich sehe, daß deine Prophezeihung nicht falscher hätte sein
können. Statt des Bankerotts strömt der Segen Gottes in das Haus.«
»Erbschaft! unverdientes Glück!« versicherte Nothhaft leise: »Wer
weiß, ob ich so Unrecht hatte;.... doch -- Stille! --« Er schlug sich
bedeutend auf den Mund. »Wer weiß auch« -- fügte er hinzu, wichtig und
geheim -- »wem's die Firma verdankt, daß sie noch mit Ehren steht?«
»Wichtigkeitskrämer!« lächelte Berndt ungläubig: »Du spreizest dich so
absonderlich, daß -- wer nicht wüßte, welch' ein Windbeutel du bist, --
glauben sollte, du errathest auf's Haar, was unser Herr denkt und
beschließt. Glück auf, zu dem Vertrauen, Herr Geheimhorcher! empfehle
mich zu Gnaden!«
»Ei, des breitmäuligen Augenverdrehers!« schalt Nothhaft verächtlich:
»wir wollen sehen, _wer_ am Ende hier im Sattel bleibt. Du bist ein
Esel, sonst hättest du schon gemerkt, daß meine Aktien um 200 Prozent
besser stehen, als ehedem.«
»Gott sei mir vor dem Prahler gnädig,« sagte Berndt, den Kopf
schüttelnd: »der Prinzipal redet mit dir so wenig, als mit mir, und die
Jungfer macht dir immer ein verdrüßlich Gesicht.«
»Soll bald ein freundlicheres machen,« versicherte Nothhaft hochmüthig.
»So?« fragte Berndt, dessen Neid allgemein rege wurde: »Du mein
Jesulein! darf man schon Glück wünschen, Herr Hochzeiter?«
»Narren sagen oft die Wahrheit;« erwiderte Nothhaft, noch patziger als
zuvor, und Berndt versetzte giftiger: »Gratulire also, Herr Associé und
Schwiegersohn. Wird bald heißen: Müssinger und Compagnie? Charmant. Nun
begreife ich erst, warum ich den Pastor Lammer zum Herrn habe bitten
müssen. Das Aufgebot wird gewiß bereits bestellt? Nun, viel Succeß und
geneigte Protektion, werthester Herr College! Vergessen Sie Dero
getreusten Diener nicht im Glücke!«
»O du miserabler, kothiger Adam!« spottete Nothhaft. Der Buchhalter
klopfte aber an's Comptoirfenster, und rief: »Soll ich euch Stühle
hinaussetzen zu bequemerer Conversation, ihr Lungerer? Herein, hier
giebt's zu thun, ihr, des lieben Herrgotts Müssiggänger!«
Berndt schwenzelte, der Amtspflicht getreu, schnell in die Schreibstube,
Nothhaft zögerte stätig. Indessen trat bereits der Pastor der
Johanniskirche im Amtsrock in das Haus. -- »Der Herr Senator oben?«
fragte er vornehm und schleppend. Nothhaft bejahte freundlichst, und
schlich mit einem bedeutenden: »Aha!« an sein Pult.
Der Senator empfing den Pastor an der Thüre seines Zimmers, und
bewillkommte ihn so freundlich, als ein im Gemüth Verletzter nur vermag.
Der Geistliche nahm dieses Entgegenkommen als eine ihm gebührende
Huldigung an, und antwortete darauf ohne sichtbare Herablassung.
»Ich bin wahrlich neugierig, Herr Senator,« sagte er, »zu erfahren, zu
welchem Endzweck ich hier bin. Unter allen den, meiner geistlichen
Pflege Empfohlenen, haben Sie mir noch am wenigsten zu schaffen gemacht.
Mein Amt legt mir indessen die Pflicht auf, einem Jeden Gehör zu
schenken; dem Sterbenden, dem Frommen und dem Sünder. Das Erste sind Sie
nicht; das Zweite?.. will ich nicht beschwören. Was befehlen Sie?«
»Sündig sind alle Menschen vor Gott und seiner Kirche;« entgegnete der
Senator melancholisch und achselzuckend: »Die Frömmigkeit ist dagegen
nur ein Gnadengeschenk. Ich habe Sie, würdiger Herr, für jetzt ersuchen
wollen, der Spender einer Gabe zu sein, die ich der Armuth bestimme.
Vertheilen Sie nach Ihrem Gutdünken diese Summen unter diejenigen
Bedürftigen, die Ihnen der Unterstützung am würdigsten scheinen.«
Der Pastor wog die ansehnliche Rolle in der Hand, und ein Schimmer von
Behagen flog über sein düstres Gesicht. Im nächsten Augenblicke war es
jedoch wieder Stein, wie zuvor. »In Gottes Namen,« sprach er, und ließ
das Geld in die weite Tasche seines Priesterrockes gleiten: »Der Armuth
sei dies Scherflein gesegnet. Ew. Hochedlen Freigebigkeit kömmt mir
unerwartet.«
»Der Himmel hat mich mit einer reichen Erbschaft bedacht,« antwortete
der Senator seufzend: »ich opfere einen kleinen Theil derselben auf den
Tisch der Dürftigen. Sie mögen für einen Unglücklichen beten.«
Der Prediger faßte den Handelsherrn scharf in's Auge. »Für einen
Sünder?« fragte er betonend, und da keine Antwort erfolgte, fuhr er
gemessen und drohend fort: »Der Unglückliche, von Gott gewichene,
betrüge sich nur nicht. Geld und Gut ist eine schöne Sache, insoferne
man damit Christum speist; aber eitel Schlacken vor dem großen Richter
der Welt, will man damit eine Missethat abkaufen. Die Buße ist
unfruchtbar, wenn nicht herzliche Reue die Brust des Verirrten erfüllt;
unfruchtbar, und wenn er Millionen in Klingelbeutel oder Armenbüchsen
wärfe.«
Der Senator sah den Pastor erstaunt und erbleichend an, bedachte sich
einen Augenblick, und erwiderte alsdann mit niedergeschlagenen Augen:
»Ich begreife Ew. Ehrwürden nicht. Man kann unglücklich sein, ohne
gesündigt zu haben. Der Sünder selbst jedoch kehrt sich freudig zur
Reue, wenn man ihm nur _glauben_ will; wenn er nur das Vertrauen haben
darf, daß ihm einst vergeben werde.«
»Einst? einst?« versetzte der Pastor mit überlegendem Blick gen Himmel:
»Ja, einst vielleicht; denn Gottes Barmherzigkeit ist ein tiefer
Brunnen. Das entscheidet sich indessen -- nach meiner Meinung -- erst am
letzten Tage des Zorns und der Strafe. Ich halte nämlich dafür, daß kein
Mensch auf Erden, selbst nicht ein ordinirter, sich anmaßen dürfe, die
Sünden eines Anderen hinwegzunehmen, -- sobald sie unter die Schweren
gehören. Nur der Herr prüft Herzen und Nieren. Das Gewand der wahren
Reue ist ein feines Kleid, aber es muß das Leben hindurch getragen, in's
Grab genommen, und dem Herrn am jüngsten Gerichte untadelhaft
vorgewiesen werden. Dann mag allerdings seine unendliche Milde
vergeben.«
»Sie entfalten eine traurige Zukunft vor meinen Augen,« erwiderte der
Senator schwerbekümmert, und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl nieder:
»Ihre Kollegen --«
»Sprechen vielleicht anders,« fiel der Geistliche ein: »ich betheure
aber, daß sie im Irrthume tappen, und bin bereit, meine Meinung vor
jeder Synode durchzufechten. Meine Mitarbeiter im Weinberge sind zum
Theil junge Leute, denen der philosophische Kram unserer Zeit den Kopf
verwirrt hat. Der alte Lammer geht jedoch nicht ab von seinen
Grundsätzen, die er seit fünfzig Jahren gelehrt hat. Er läßt kein
Schäflein seiner Heerde davon abgehen, so lange er noch ein rüstiger
Hirt ist. Er ist Keiner von den Sanften und Süßen, die nur schmeicheln,
wo sie packen, -- nur einlullen, wo sie donnern sollten. Trost dem
Unglücklichen, denn er ist zu seinem Heil! Krieg dem Sünder, denn er ist
wieder zu seinem Heil. Unablässig, bis an seinen Tod, schneide ich ihm
das wilde Fleisch aus der Wunde, daß sie frisch blutend vor Gottes Thron
komme, und ich dann sagen darf: Sieh, Herr, dein unwürdiger Knecht hat
dir nicht in's Amt gegriffen. Er hat nicht gepfuscht, da, wo _Du_ nur
heilen kannst; aber er bringt dir den Kranken, dürstend nach der
Genesung, wie in der Stunde, da ihm zuerst sein Uebel unerträglich
wurde!«
Eine heftige Unruhe bemeisterte sich Müssingers, und sein von Schwermuth
in Fesseln geschlagener Jähzorn rüttelte gewaltsam an seinen Banden.
»Ich weiß nicht,« sagte der Senator, mit Mühe an sich haltend: »wie Sie
dazu kommen, Herr Pastor, mir Ihr System so schonungslos darzulegen. Ich
kann diejenigen blos bedauern, die, in einem Fehltritt befangen, von
Ihnen Trost und Erlassung begehren, und wünsche Ew. Ehrwürden recht wohl
und lange zu leben!« --
Der Pastor bückte sich, und versetzte spitzig: »Alles, wie Gott will,
Ew. Hochedeln. Der alte Lammer stirbt gern, wenn seine Uhr abgelaufen
ist. Der Herr schenke Allen einen sanften Tod. Meine Worte bereue ich
jedoch nicht, denn ich glaubte sie _hier_ vonnöthen. Uebrigens hat
unsere Unterredung sicherlich ein anderes Ende erreicht, als wir beide
hofften, Herr Senator, nicht wahr? _Ich_ bin nicht böse deshalb, und
wünsche kein Vertrauen, das ich nicht mit der sündlichen Willfährigkeit
vergelten könnte, die man von mir erwartet. Die offne Beichte in der
Kirche steht Ihnen frei. Werde mit seinem Gewissen fertig, wer da kann.
=Sapienti sat=, Herr Senator, und: Gott bess're Sie!«
»Was ist das? Was sagen Sie da?« fuhr der Senator auf. Lammer zog aber
bereits die Thüre hinter sich zu. Müssinger schritt im Zimmer auf und
nieder, und rang die Hände. Steht mir denn das Zeichen auf die Stirne
gebrannt? fragte er sich mit erstickter Stimme: Die blöden Augen
dieses Wolfs im Hirtenkleide selbst scheinen errathen zu haben, ... o
gewiß!... und der Mensch kann so unbarmherzig sein!... und der Mann
ist _Protestant_? O der herzlosen, steifen Eiferer! was sie berühren,
wird Eis oder Thräne. Hätte ich, wie ein altes Weib, auch in der
_Woche_ die Kirche besucht, keine Nachmittagspredigt, keine Bet- und
Vorbereitungsstunde versäumt, dem Klingelbeutel reichlicher gegeben,
und den Schwarzröcken Ueberfluß in Küche und Kasten geliefert, --
der harte Mensch würde nun nicht so widrig mit mir gesprochen haben,
da ihm sonst _Worte_ weit wohlfeiler sind, als der Heller, den der
Geizige, selten genug, einem Bettler spendet! Warum habe ich auch nur
einen Schritt versucht, mich der Kirche wieder zu nähern, die Alles
gethan zu haben glaubt, ist die trockene Predigt und das Geplärre des
Lieds vorüber! -- Warum? setzte er fragend und gemäßigter bei: Warum?
Ach! drückt nicht hier auf meiner Brust eine Last, unter welcher
ich erliege? Ist es nicht verzeihlich, daß ich in der Angst meiner
Seele Linderung suche und Trost? Aber nun fehlt mir der Muth, und ich
fürchte...
Ein bescheidenes Klopfen unterbrach seine Betrachtungen. Fast
erschreckt eilte er an die Thüre, öffnete, und sah, sehr überrascht,
den Doctor Leupold draußen stehen. Er konnte sich nicht Rechenschaft
geben, warum der Anblick des Mannes ihn freundlicher ansprach, als er
wohl zuweilen gehofft hatte, wenn er sich die Möglichkeit gedacht,
ihm wieder zu begegnen. Er bewillkommte ihn mit einiger Auszeichnung,
und führte ihn bei sich ein. Der Doctor entschuldigte sich tausendmal
um der Störung willen, die er vielleicht verursache, und ließ im
freundlichsten Tone das Wort fallen, daß sein Besuch wohl eben so gut
hätte unterbleiben können.
»Mein Herr Doctor,« sagte der Senator hierauf verbindlich: »die Besuche
werther Freunde, denen wir Dank schuldig sind, sollten _nie_
unterbleiben. Sie lehren mich ohnehin, was ich schon längst hätte thun
sollen. Sie verzeihen jedoch; eine Fluth von Begebenheiten raubte mir
die Muße, Ihre Wohnung aufzusuchen.«
»Unnöthig,« versicherte der Doctor: »ich dachte nicht daran, Sie an
einen sehr erläßlichen Besuch mahnen zu wollen. Mein Gang in Ihr Haus
hatte einen anderen Zweck; ... allein -- und ich darf sagen -- mit
Vergnügen sehe ich, daß er wohl vereitelt ist.«
»Ein Zweck?... vereitelt?...« fragte Müssinger. »Wie so? erklären Sie
sich.«
»Sie setzen mich durch Ihre Frage in Verlegenheit,« sagte Leupold
hierauf zögernd: »indessen darf der Mensch, wenn er sich seines Wollens
nicht zu schämen hat, wohl reden, ohne den Vorwurf der Ruhmredigkeit
auf sich zu laden. Ich habe hier einige Wechsel auf St. Sebastian
und Brasilien. Das Haus Minhaô ist solid, die Summen sind nicht
unbedeutend, bald fällig. Ich hatte den Auftrag, Ihnen dieselben auf
eine gewisse Zeit zum Genuß gegen äußerst billige Preise anzubieten.
Allein, -- wie ich beim Eintritt in Ihr Haus bemerkte, so hat der
Ueberfluß Ihnen auf's Neue die Hand gereicht, und durch ihn wird meine
wohlgemeinte Hülfe überflüssig.«
Der Senator erhob bewundernd seine Augen, ergriff beide Hände des
Doctors, schüttelte sie, und sprach: »Mein Herr, Sie bereiten mir
den frohsten Augenblick meines Lebens! Da ich gerade an allem Trost
verzweifle, richten Sie, ein Fremder, mich wieder auf. Gott sei Lob,
ich bedarf Ihres freundlichen Darlehens nicht; aber -- glauben Sie mir,
-- demungeachtet habe ich's _doppelt_ empfangen.«
»Und somit keine Sylbe mehr davon,« setzte der Doctor ruhig hinzu: »Sie
preisen mich unverdient. Eine Gesellschaft von Menschenfreunden wollte
Ihnen Ihre Theilname beweisen, und hatte keine Gefahr dabei, da sich
Ihre Geschäfte etablirt haben.«
Der Senator nickte seufzend mit dem Kopfe und entgegnete: »Ja, mein
Herr, so ist's. Nicht minder jedoch meinen wärmsten Dank der
Gesellschaft, von welcher Sie sprachen, und die ich wünschte kennen zu
lernen.«
»Das ist Ihnen -- _hier_ -- unmöglich,« sagte der Doctor: »lassen Sie
uns, da ich einmal Ihnen zur Last falle, von etwas Anderem reden. Wie
gesagt: Fortuna ist bei Ihnen eingekehrt, und ich freue mich, Ihnen
damals auf der Promenade ein gutes Prognostikon gestellt zu haben;
allein -- Sie selbst -- Herr Senator, -- scheinen sich nicht im
Geringsten zu freuen.«
»Einem Manne gegenüber,« entgegnete Müssinger, »der sich mir als
verschwiegener und hülfreicher Freund erwiesen hat, kann ich keine Lüge
sagen. Die ... Erbschaft, die mich wieder auf den Gipfel meines vorigen
Reichthums hebt, ist mir ganz gleichgültig. Ich bin ein armer, armer
Mann. Mein Gemüth ist krank, meine Seele sehnt sich vergebens nach
Genesung.«
»Und Religion, -- die sicherste Trösterin?« fragte der Doctor mitleidig.
»O, lassen Sie das!« erwiderte der Senator still ergrimmt: »Die
Religion ist entartet in ihren Dienern. Weiß Gott, -- Herr! wir haben
uns in einer sehr bedeutenden Stunde kennen gelernt, -- aber -- ob ich
nicht vielleicht Ursache hätte, jetzt dem Flußbette näher zu stehen,
als damals?«
»Ich würde Sie alsdann nicht mehr zurückhalten,« erwiderte der Doctor
kalt und ernsthaft: »Sie verdienen hier und jenseits das traurigste
Loos, wenn Sie zum zweitenmal wagen, wovon die Vorsehung Sie _einmal_
schon gerettet.«
»Sie wissen nicht...!« entschlüpfte dem leidenschaftlichen Senator: »Es
giebt noch drückendere Schmerzen, als _die_ des Mangels und der Schaam.
Die Stimme des Innern...«
»Sagen Sie nur frei heraus: das Gewissen,« unterbrach ihn der Doctor
sanft aber fest: »Um das Gewissen ist es eine kitzliche Sache;
freilich. -- So lange aber Gott die Quelle aller Liebe, die Kirche eine
freundliche Mutter ist, so lange darf selbst der trotzigste Sünder
unverrückt auf Gnade und Verzeihung rechnen. Im Zeitlichen wie in der
Ewigkeit. Soll denn der Mensch, der ein Verbrechen beging, das _er_
vielleicht in der nächsten Minute bereut, an diesem Unglück verkümmern,
rettungslos daran verzweifeln, während sein frisches Leben noch viel
des _Guten_ schaffen könnte? In der Strafe selbst liegt Vergebung,
und ein Augenblick der Reue des Sünders wiegt manches schuldlose
Menschenleben auf.«
»Sie sprechen von Gott, dem Quell aller Liebe?« fragte der Senator
scheu. -- »Er ist's!« bekräftigte der Doctor. -- »Von der Kirche, einer
freundlichen Mutter?« -- »Sie ist's.«
Der Senator seufzte tief beim Angedenken an Lammers Worte. Der Doctor
sagte aber nun mit gemessenem Tone: »Unsere Ansichten weichen ab, wie
ich sehe. Es befremdet mich nicht, da ich mich zu einer andern Kirche
bekenne, als Sie.« -- Dem Senator starb die weitere Frage im Munde,
da der Doctor ganz ruhig fortfuhr: »Ich bin Katholik. Von _meiner_
Kirche hab' ich gesprochen: und -- wahrlich -- sie erfüllt ihre
Mutterpflichten tüchtiger als Eine.« --
Müssinger bückte sich verlegen. Der Doctor sprach unbefangen weiter:
»Von unserer Kirche Schwelle geht kein Vertrauender ungetröstet, kein
Leidtragender unerquickt, kein Verirrter ungelöset. Alle ihre Gebräuche
deuten in ihrer mystischen Form auf die heiligsten Pflichten hin; auf
die der Versöhnung, der Menschenliebe. Doch, wem sage ich das, und zu
welchem Endzweck?« fügte er, sich besinnend bei: »Sie mein verehrter
Herr, haben nie die apostolische Lehre näher prüfen gelernt, da die
Gesetze Ihrer freien Stadt die Ausübung jenes Cultus und die Ausbreitung
unsers Lehrbegriffs auf ihrem Gebiete aufs strengste untersagen; gewiß
ist es Ihnen auch völlig gleichgültig, wie ein Katholik von seinem
Glauben denkt.«
»Ich habe zu Augsburg meine Lehrzeit verlebt,« versetzte nachdenkend der
Senator: »Ich habe mich oft hinter dem Rücken meiner Vorgesetzten in die
katholische Kirche geschlichen, mich an der feierlichen Pracht des
Gottesdienstes, an der herrlichen Musik ergötzt, ... ich kann nicht
läugnen, daß...«
Justinens Stimme störte die Herren. Das Mädchen trat ein, und berichtete
dem Vater, -- sich vor dem Fremden sittsam verbeugend -- über eine nicht
besonders bedeutende Angelegenheit der Wirthschaft. Der Doctor
betrachtete während dessen sowohl den Senator, als seine Tochter mit
der größten Aufmerksamkeit. Als Justine wieder hinausgegangen war, sagte
Leupold mit fast bewegter Stimme: »Wahrlich, Herr Senator! Wüßte ich
nicht durch meinen Pflegesohn, daß Ihre Tochter sich Justine nennt, ich
würde darauf schwören, sie müsse Clara heißen.«
Der Senator richtete schnell und fragend die Augen auf den Doctor.
»Clara?« fragte er: »Wie kommen Sie zu diesem Namen?«
»Clara war, wie _Justine_.«