dar, über welche sparsame Epheugewinde herabhingen. Das Pförtchen, ohne
Seitenfenster oder Lücke, war enge, niedrig, und sehr fest, von
Eichenholz gezimmert. In der Umgegend, durch Gartenmauern und Gehäge von
dem Pförtchen abgesondert, standen nur einige halbverfallene, elende
Wallhäuschen, deren Bewohner, im Taglohne arbeitend, schon beim Grauen
des Morgenlichts ausgingen, und in später Nacht erst wieder heimkamen.
Alle Thüren und Fenster zu; nur hie und da schrie aus dem Innern ein
eingesperrtes Kind, oder bellte ein angeketteter Hund. -- Mit fragendem
Blicke deutete Justine auf die bezeichnete Thüre. James nickte, und
wollte an dieselbe pochen. Rasch hielt ihm das Mädchen die Hand, und
sagte mit gedämpfter Stimme: »Wo führt Er mich hin, Monsieur? Da hinein
gehe ich nicht.« James betrachtete einen Augenblick ihre Miene. Die
seinige verfinsterte sich nicht. »Nach Belieben!« entgegnete er schnell,
»so gehen wir zurück, weil Sie sich fürchten.«
Der Vorwurf der Furcht, so wenig er verwunden sollte, traf sein Ziel.
Justine maß von neuem mit dem Auge die verschlossene Thüre, den zum
Gehen gewendeten Jüngling, die menschenleere Nachbarschaft. »Glaubt Ihr,
daß ich ein Kind sei?« fragte sie alsdann mit Vorwurf. »Furcht kenne
ich nicht, Monsieur, aber ich muß darauf sehen, daß mein Vorwitz mich
nicht an einen Ort bringe, der vielleicht meinem Geschlecht und meiner
Familie gleich unangemessen wäre.«
»Wie, Mademoiselle?« fragte James mit flammenden Augen: »Glauben Sie,
daß _ich_ fähig sei, Sie an einen solchen Ort zu führen? O wenden Sie
schnell um, ich will Ihre Erniedrigung nicht.«
Justine machte ihm rasch ein Zeichen, zu schweigen, und faßte, an ihn
tretend, seinen Arm. Sie hatte eines Mannes Schritt gehört, und in der
That kam ein Herr um die Ecke der Mauer, den Hut tief in's Gesicht
gedrückt, und zum Ueberfluß einen Mantel um das Kinn geschlagen, daß
auch kein Zug von ihm zu erkennen war. Einen flüchtigen Blick warf
er auf die verhüllte Dame und ihren Begleiter, klopfte dann ziemlich
vertraut zweimal an die räthselhafte Thüre. Ein Mensch von gemeinem
Ansehen öffnete sie, und schob hinter dem Eintretenden die Riegel vor.
Justine hatte eben in dem Moment des Oeffnens die Aussicht auf einen
Hof mit Bäumen, und ein darin stehendes Gebäude erhascht. -- »Kennt
Ihr den Mann?« fragte Sie ihren Führer. Er verneinte. »Es sieht doch
da drinnen nicht wie in einer Mörderhöhle aus!« fuhr sie lächelnd
fort: »wäre es Euch noch gefällig, mich zu begleiten?« »Ihr wollt es?«
versetzte James: »in Gottes Namen denn!« -- Er klopfte zweimal wie der
Vorgänger. Derselbe Pförtner schloß auf, bückte sich wie ein Bekannter
vor dem Engländer, und begrüßte auch auf ein Zeichen desselben die
Dame. Der Hof war bald durchschritten, das Gebäude bald erreicht.
Tiefe Stille herrschte rund um das alterthümliche Haus, das ehedem ein
Kloster gewesen zu sein schien. Die in der Hausflur aufgeschichteten
Geräthe ließen vermuthen, daß hier früher ein Magazin gewesen. Die
halbdunkle, halbverfallene Treppe knisterte unter den Schritten der
Kommenden. Neue Besorgnisse stiegen in Junstinens Seele auf. Da pochte
James an eine recht unscheinbare Thüre. Sie ward geöffnet, und der
Engländer mit seiner Begleiterin trat rasch hinein. »Mein Gott!«
flüsterte nun James der Letzteren zu: »wir sind am unrechten Orte!«
Aber schon hatte der Oeffnende, ein Pförtner, wie jener am Hauptthore,
die Thüre zugemacht, und wies die Kommenden in einen hölzernen
Verschlag, der zur Seite stand. Eine Bank war in dem dämmerigen
Versteck zu sehen, und ein hölzernes Gitter gab die Aussicht auf das
Gemach, in welches die Senatorstochter gerathen war. Ein Spitzgewölbe,
dem Ansehen nach eine verwitterte Kapelle, mit Grabsteinen auf dem
Fußboden, und ausgebrochenem Ziegelpflaster. Die Fenster waren theils
zerfallen, theils von Spinneweben umflort. An den Mauern liefen zu
beiden Seiten Verschläge hin, dem ähnlich, in welchem sich Justine
befand; theils mit vergitterten, theils mit offenen Fensterlucken;
Betstübchen aus sehr lang verwichener Zeit. Durch die Oeffnungen
waren tief verhüllte Männer, Weiber in Schleierhauben, Kaputzmänteln
und anderer Vermummung zu sehen. -- »Wir sind in der ehemaligen
Kapitelstube der Johanniter!« sagte James leise und verlegen zu der
staunenden Freundin: »Verzeihen Sie mein Ungeschick. Schweigen Sie aber
zu Allem, was hier vorgehen möchte. Sie haben nichts zu befahren.«
Justine sah ihn starr an, und wendete sich, ohne eine Sylbe zu
erwidern, zu dem Gitter, um zu beobachten, was der Thürsteher beginnen
würde, der durch die Kapelle auf einen großen Kasten zuging, welcher
am obern Ende derselben stand. Er öffnete das Schloß, hob den Deckel,
schlug die vordere Wand herab, und siehe, es gestaltete sich unter
seinem Geschäfte ein Altar mit zwei hölzernen Stufen, und belegt mit
einem sauberen weißen Linnen. Zwei Leuchter mit Wachskerzen, die der
Diener anzündete, und einige Gefäße mit Blumen standen zu den Seiten
eines Kruzifixes. Schmucklos war im Uebrigen der Altar. Der Diener
nahm einige zinnerne Kännchen nebst Schlüssel und Serviette aus einer
Lade, setzte eine kleine Schelle auf die Stufen nieder, und entfernte
sich durch eine enge Thüre hinter dem schnell errichteten Opfertische.
Justine sah nun deutlich, wie von den Leuten um und um Gebetbücher
und Rosenkränze aus den Taschen genommen wurden, und sie ahnte, was
hier geschehen würde. Diese Ahnung wurde zur Gewißheit, als die enge
Thüre wieder aufging, der Diener heraustrat, mit einem großen Buche
in der Hand, aus welchem viele bunte Bänder herabhingen, und ihm ein
ansehnlicher, ehrwürdig aussehender Mann folgte, in einem funkelnden,
wunderlich geschnittenen Gewande, einen vergoldeten Kelch tragend,
und in ernstes Sinnen und Gebet versunken. Justine hatte einigemal
auf Bildern und in Kupferstichen römisch-katholische Priester in
solchen Kleidern gesehen, und zweifelte nun nicht, sich an einem Orte
zu befinden, wo man den römischen Gottesdienst unter'm Schleier des
Geheimnisses feierte. Welch ein Gefühl in ihrer Brust entstand, läßt
sich nicht beschreiben. Unwillig gegen die ihrem Glauben widerstrebende
Form, gegen den dienstfertigen Führer, gegen ihren eigenen Leichtsinn,
hätte sie den Ort verlassen, aber die verriegelte Thüre, die Furcht
vor dem Aufsehen, das entstehen würde, -- mehr noch als das -- ihre
_Neugierde_ hielt sie fest.
Das Meßopfer begann mit der größten Ruhe, und der Anstand des
Geistlichen versöhnte bald die Protestantin mit den Gebräuchen, die sie
nicht faßte. Sie sah den Priester demüthig vor den Stufen des Altars auf
die Kniee sinken; sie fühlte, daß er vor dem Einigen seine Schuld
bekenne, für sich und seine Gläubigen; und geheimnißvoll vorbereitend
drangen die halblaut gesprochenen lateinischen Worte zu ihrem Ohr.
Unwillkürlich machte sie die Geberden der übrigen Zuhörer nach. Sie
hörte stehend das Evangelium, beugte das Haupt bei der Wandlung. Sie
genoß im Geiste das Abendmahl des Priesters mit, und als derselbe dem
Volke verkündete, die Messe sei vorüber, als er wieder hinter der Thüre
entschwand, durch welche er gekommen, -- da bedauerte fast Justine, daß
das seltsame, nie gesehene Schauspiel vorüber gegangen. Um den Eindruck,
den dasselbe auf sie gemacht, noch aus dem baufälligen Hause mit sich in
die freie Luft zu retten, drängte sie rasch den Begleiter, der sie
zurückhalten wollte, nach der Thüre, und trat, -- beinahe die Erste der
Davongehenden, aus der Kapelle.
»Was thun Sie?« flüsterte ihr James besorglich zu: »Sie werden sich
verrathen, erkannt werden! Wir hätten die Letzten sein sollen!«
Von der triftigen Einrede erschüttert, stand Justine verlegen still, zog
den Schleier fester zu, und sah kaum nach den Vorübergehenden, die,
vermummt wie sie, mit flüchtigem Seitenblick von dannen zogen.
»Hier herein!« sagte mittlerweile der junge Engländer, und zog Justine
in eine andere, nur angelehnte Thüre: »Hier finden wir, was wir gesucht,
und indessen wird Haus und Hof von den neugierigen Gästen rein.«
Justine sah sich in dem Gemache um, und ward angenehm überrascht, ein
ziemlich junges und hübsches Frauenzimmer, in prunkloser, aber
sorgfältiger Kleidung, vor sich zu haben.
Dieses Letztere bewillkommte sie demüthig freundlich, mit einem
wohlgesetzten Gruße in ausländischem Deutsch.
»Darf ich fragen...?« äußerte Justine. --
»Mein Name ist Lainez;« versetzte die junge Frau: »wie glücklich machen
Sie mich, indem Sie mich eines Besuchs würdigen, und einer Gelegenheit,
Ihnen zu sagen, wie dankbar ich für die großmüthige Hülfe bin, die Sie
mir durch den uneigennützigsten Wohlthäter, durch Herrn White,
angedeihen ließen.«
»Die Offizierswittwe, von der ich Ihnen sagte;« schaltete James ein:
»Nur ein Zufall ließ uns die rechte Thüre verfehlen.«
»So?« erwiderte Justine trocken, indem sie einen mißfälligen und
mißtrauischen Blick auf den Engländer warf, sich aber dann schnell zu
der Französin wendete:
»Sie leben in einer geheimnißvollen Nachbarschaft, Madame.«
»Ich kenne meinen nächsten Nachbar nicht;« antwortete die Wittwe
unbefangen, und sah Justinen furchtlos in das Auge; »der Verwalter
dieses ehemaligen Magazinhauses hat viel von dem bedeutenden Gelasse, in
dem er befiehlt, an arme Miethsleute gegeben, und die Armuth verkriecht
sich gern. Die Hausgenossen sind mir fremd, bis auf eine alte, beinahe
taube Frau, die mich mit Wasser und Holz versieht.«
»Ich glaube Ihnen,« versicherte Justine, indem sie der Freundlichen die
Hand reichte: »Monsieur White wird um desto bekannter mit den Leuten
sein, die ich so eben verließ.« --
»Ein Zufall, wie gesagt, Mademoiselle, brachte uns in die Mitte einer
Versammlung, von der ich unter der Hand Einiges vernommen, zu welcher
ich mich jedoch nicht zähle.«
Justine betrachtete ihn ungläubig, und erwiderte rasch und drohend:
»Gleichviel, Monsieur, wie's Euch gefällt, mich zu belehren. Die Herrn
und Frauen mögen unterdessen sorgen, daß nicht auch der _Senat_ unter
der Hand Einiges von ihrem Thun vernehme. War mein Vater heute an
_meinem_ Platze, so war ein Unheil fertig. Wer bürgt übrigens dafür, daß
_ich_ nicht plaudre?«
»Ihr Herz,« versetzte James ruhig und zuversichtlich: »Sie sind ein
zartfühlendes Weib. Sie werden nicht vorsätzlich Unglück über Menschen
bringen, die es wagen, im Verborgenen eine Feier zu begehen, welche ihr
Gewissen zu seiner Beruhigung verlangt, obgleich ein hartes Staatsgesetz
sie verbietet.«
»Was ist denn hier im Werke? Was ist vorgefallen?« fragte Madame Lainez
verwundert und neugierig.
Justine sagte: »Das kümmert Sie nicht, liebe Frau. Noch ein Wort zu
Herrn White: Ich bin Euch für die gute Meinung verbunden, Monsieur. Ihr
fangt an, in meiner Seele zu lesen. Was wünscht diese wohl gerade
jetzt?«
»Die Heimkehr;« antwortete James gefällig: »darf ich Ihnen wieder meinen
Arm bieten?«
»Mit nichten, Monsieur. Ich werde ohne Euch den Weg nach dem Hause
meines Vaters finden. Ich fürchte weitere _Zufälle_ an Eurer Seite. Eure
völlige Entfernung ist mein Wunsch, und bis Ihr diesen erfüllt, werde
ich schon der Dame hier zur Last fallen müssen.«
»Welche Ehre!« betheuerte die Lainez: »Wie schmeichelhaft diese Güte!«
»Sie zürnen?« fragte James gekränkt und bestürzt.
»Die ganze Stadt spricht von Justinen's Launen;« erwiderte Müssingers
Tochter; »ich habe heute die Caprice vorsichtig zu sein; ich werde sie
auch Morgen und Uebermorgen haben, und bitte Euch daher, dieses heutige
Zusammensein als unser Letztes anzusehen.«
»Sie verstoßen mich?« rief James mit den Lauten des tiefsten Grams,
wollte heftig auf das Mädchen zugehen, -- faltete jedoch, sich
besinnend, die Hände, warf noch einen seelenvollen Blick auf Justine,
und empfahl sich dann rasch mit einer Verbeugung.
Justine hatte den schnellen Abschied nicht erwartet, und ihr aufgeregtes
Mißtrauen machte einem wärmern, mildern Gefühl Platz. »Ich habe dem
Monsieur vielleicht Unrecht gethan,« sagte sie langsam zu der
Offizierswittwe, die neugierig auf ihrer Stirne las; »allein was soll
ein Mädchen thun, dem ein Mann Ursache zu gerechtem Argwohn gab?
Aengstlich auf der Hut sein, denn die Männer sollen lieben, uns mit
Schlingen zu überziehen, und jenes Engländers Zufälle scheinen mir ein
Netz. Nun aber zu Ihnen, meine Gute. Ihr Gesicht gefällt mir, wie Ihr
Benehmen, das von keiner gewöhnlichen Herkunft zeugt. Lassen Sie mich
wissen, worin ich Ihnen noch gefällig sein könnte.«
»Meine junge Dame! ich habe schon so Vieles von Ihrer Güte genossen, daß
ich unbescheiden sein würde, wenn ich ein Mehreres verlangte. Ihre Hülfe
reichte hin, die Wohnung, in welcher Sie mich finden, wie ein
anständiges Wittwenzimmer auszuschmücken, und Sie würdiger aufzunehmen.
Darf ich noch begehren, daß Sie Ihrer Milde Etwas hinzufügen, so flehe
ich Sie nur an, dem guten Herrn White, der trostlos von Ihnen ging, zu
verzeihen, wenn ich gleich nicht weiß, wodurch er Ihren Unmuth
verschuldet hat.«
Justine bewegte ungeduldig das Haupt. »Warum reden Sie von ihm?« fragte
Sie: »Ich habe Krieg mit ihm, nicht Sie; Sie scheinen viel von ihm zu
halten.«
»Mademoiselle!« erwiderte die Lainez: »Ich lebe eigentlich nur in
meinen Wohlthätern. Von der übrigen Welt habe ich Abschied genommen,
seit ich meinen Mann verlor, der bei Denain den Tod eines braven
Soldaten starb. Gott sei gelobt, daß die Handlungen eines wackern
Mannes noch für dessen Wittwe und Nachkommen Früchte tragen.
Mademoiselle! mein Gatte, Victor Lainez, machte, -- wir waren kaum
einige Monate verbunden, -- an der Spitze seiner Grenadierkompagnie,
die Schlacht bei Malplaquet mit. Der Himmel wollte, daß er den
tapfern Boufflers aus der drohendsten Gefahr retten konnte, worein
ein scheu gewordenes Pferd den Marschall versetzt hatte; ferner, daß
er den kühnen Ritter St. George, der die Reiterei gegen die Feinde
führte, durch einen heldenmüthigen Angriff aus dem Gedränge riß. --
Villars belohnte freilich die seinem Nebenbuhler Boufflers geleistete
Hülfe nur mit Geiz und Verdruß, aber des Marschalls Familie verließ
mich doch nicht in meiner Noth. Und als ich, vom Mißgeschick dem
vaterländischen Boden entfremdet, hier in Krankheit verfiel, erwarb
mir des Ritters St. George Rettung einen Freund in dem guten James
White. Das Ungefähr machte ihn mit meiner Lage bekannt: kaum hörte er,
daß mein seliger Mann dem Stuart, den er mit vielen tausend Engländern
als König verehrt, einen Ehrendienst geleistet, als auch sein Beistand
sich verdoppelte. Er wußte, selbst mittellos, seinen Pflegevater, den
Doctor, in mein Interesse zu ziehen, -- mein Schicksal zu erleichtern,
und endlich in Ihnen nicht minder einen guten Engel für mich zu
gewinnen.«
»So?« versetzte Justine, beinahe mit einem Anstriche von Eifersucht: »Es
muß Ihnen peinlich sein, Madame, von einem jungen Mann abzuhängen.
Frauen sollten billig wieder nur Frauen die Erleichterung eines
unverdienten Mißgeschicks verdanken. Welches ist denn Ihr weiteres Ziel?
Ohne Zweifel sehnen Sie sich, in die Heimath zurückzukehren?«
Die Lainez schüttelte traurig den Kopf. »Ich finde nur Gräber dort,
die mir werth sind,« antwortete sie: »meine Lieben sind alle hinüber.
-- Weitläufige Verwandte, die die Aufhebung des Edikts von Nantes aus
ihrer Heimath verwiesen, leben zu Berlin. Ich kenne diese fremden
Vettern und Basen nicht, und fürchte, sie werden auch mich nicht kennen
wollen.«
»Ihre Furcht möchte gegründet sein,« begann Justine, nach einigem
Nachdenken. Die Lainez fuhr fort:
»Und ist es nicht grausam, daß ich diese Ueberzeugung hegen muß? Trage
ich denn die Schuld, daß mein Vater, seiner Familie Vortheil
berücksichtigend, den katholischen Glauben für sich und die Seinigen
annahm? Die Auswanderung hätte uns zu Grunde gerichtet, um Gut und Leben
gebracht. Im Grunde ist es ja doch gleichviel, unter welchen Gebräuchen
wir Gott verehren. Wir sind die Kinder _Eines_ Vaters, und, so gut von
ihm die zahllosen Sprachen verstanden werden, in welchen die Welt zum
Himmel betet, so gut versteht er auch des Herzens frommen Willen von der
Form zu sondern.«
Justine sah ihr bewegt, scheu und dennoch freundlich in's Auge. -- »Sie
sprechen gut, Madame!« sagte sie: »Sie erregen meine lebhafte Theilname.
Ich werde Sie wieder sehen; ganz gewiß, Madame. Ich will über Ihre
Zukunft mit Ihnen reden. Verlassen Sie sich auf mich. Ich bin ein junges
Mädchen, aber ich habe meinen eigenen Kopf. Ich dürfte Ihnen von
größerem Nutzen sein, als der Monsieur White. Es wäre mir lieb, wenn Sie
sich seinem Beistande entzögen, und mir erlaubten, Ihnen schicklichere
Dienste zu leisten. Ich muß überlegen, ... mein Gott! ich habe diesen
Morgen schon so Vieles gehört und gesehen;.... sagen Sie mir aufrichtig:
Sie wissen in der That nicht, was in Ihrem Hause -- Ihrem Zimmer
gegenüber, vorzugehen pflegt?«
»Wahrlich: Nein, Mademoiselle.«
»So bleibt mir nichts übrig, als die Delikatesse zu bewundern, womit
sich augenscheinlich eine Gesellschaft Ihrer annimmt, zu welcher Sie
eigentlich gehören, -- die es aber vermeidet, Sie in ihren Kreis zu
drehen, um Sie der Gefahr einer möglichen Entdeckung zu entziehen.
Oder.... will man erst Ihrer Verschwiegenheit gewisser werden.«
»Noch einmal, Mademoiselle, ich verstehe Sie nicht.«
Justine rieb sich ungeduldig die Stirne. -- »Ich werde ganz verwirrt,«
sagte sie: »Ihre Unwissenheit.... White's räthselhaftes Betragen.... ist
der Monsieur Protestant oder nicht?«
»So viel ich weiß: ja. --«
»Und Sie, Madame, sind, wie Sie sagten, Katholikin?«
»Aufrichtig zu sein, Mademoiselle, muß ich Ihnen bekennen, daß mein
Vater, ob er gleich zur Messe ging, dennoch Protestant geblieben. Wir
Kinder folgten, größer geworden, seinen Grundsätzen. Herr von Lainez
ließ mir freien Willen in Religionssachen. Meine Verwandten zu Berlin
werden freilich nie glauben, was ich Ihnen so eben gestand, aber es ist
nicht minder wahr, daß ich einem Rücktritt mich entgegen sehne.«
»Dann müssen Sie aus diesem Hause!« rief Justine lebhaft: »ja Madame.
Sie müssen, -- ehe Sie erfahren...«
»Was, Mademoiselle?«
»Ich werde überlegen, -- nachdenken, Sie dieser Lage entreißen. Glauben
Sie mir; ich will nur Ihr Heil, Ihres Lebens Wohl.«
»Erklären Sie sich....«
»Ein Andermal ... Morgen oder Uebermorgen! So eben schlägt die Stunde,
in der ich schon zu Hause sein sollte. Ich verlasse Sie jetzt, um Sie
bald gefaßter wieder zu sehen. Veranstalten Sie indessen, daß ich den
Engländer hier nicht finde. Leben Sie wohl, meine Beste. Keinen Dank
für die Kleinigkeit, die ich Ihnen reichen durfte; ich wünsche, ich
hoffe, ein Mehreres für Sie thun zu können. Adieu.«
Justine ging in der heftigsten Bewegung von dannen. Die Lainez folgte
ihr verlegen über den Hof; öffnete ihr die Pforte, und des Senators
Tochter eilte die Gasse hinauf. James, der an der Ecke ihrer wartete,
wie ein armer Sünder seines Richters, hätte zu keiner unpassenderen
Zeit in ihren Weg treten können.
»Was wollt Ihr?« fragte sie ernst und hastig, und streifte an ihm
vorüber.
»Mademoiselle!« entgegnete er verschüchtert: »hassen Sie mich nicht!
ich wollte meine Reue ... ich hatte nicht Ruhe; ... darf ich nicht ein
Wort...?«
»Incommodirt Euch nicht, Monsieur,« sagte Justine kurz: »Schleicht nicht
an meiner Seite hin. Bleibt zurück. Ihr wißt bereits wie ich denke.
Adieu.«
Der niedergedonnerte James blieb in der That, an der Geduld der Zornigen
verzweifelnd, zurück, und schlug den Weg in eine andere Straße ein. Er
rannte an einer bekannten Figur vorbei; an dem Kaufmannsdiener Berndt,
der ihn von der Seite mit einem Blicke, ohne ihn zu grüßen, maß, und
dann eiligst der Jungfer folgte, die er wahrscheinlich von ferne, mit
James redend, gesehen.
White hatte indessen nicht Zeit, nicht Besonnenheit genug, über diese
Begegnung nachzudenken. Die, wie er sich bewußt war, verschuldete
Mißbilligung und Verachtung eines geliebten Mädchens, auf dessen
Gedanken-Consequenz nicht gehörig gerechnet worden war, bekränkte ganz
allein sein Herz, erfüllte sein Gemüth. Er verwünschte im raschen Laufe
nach seiner Wohnung seine Bestimmung, sein Geschick, seine Liebe, und
den Zwang, dem er unterworfen. Mit thränendem Auge und hochschlagender
Brust erreichte er sein Stübchen, und warf sich, wie trostlos auf das
Lager. Er hatte nur wenige Minuten mit geschlossenen Augen seine Sinne
gesammelt, als er hinter der Bretterwand, die sein Gemach von dem
Schlafkabinete des Doctors trennte, das Geräusch einer aufgehenden und
zufallenden Thüre vernahm. Er horchte, und unterschied die Stimme des
Doctors, die Stimme des Senators Müssinger.
»Erholen Sie sich,« sagte der Erstere: »in allen Verhältnissen des
Lebens ist uns Fassung am nöthigsten. Der Mensch ist seiner Herr, sobald
er über seinem Schmerze, wie über seinem Glücke steht. Die Erinnerung an
das Jahr 1690 hat Sie übel angegriffen. Hier stört uns niemand; hier
lauscht niemand.«
»Arme Clara!« seufzte der Senator: »nach neun und zwanzig Jahren muß
sich Dein Andenken so grell in meinem Gehirne erneuern! In welcher bösen
Zeit, mein Freund! O, in welchen betrübten Stunden!«
»Clara ist im Himmel, Herr Senator. Sie sitzt zu den Füßen der
Gebenedeiten, und sieht gewiß segnend auf uns herab, denn dort oben
löscht jeder Groll aus, und Clara grollte Ihnen auch hienieden nicht.«
»Welche Reden, würdiger Herr! das sind Worte des Trostes, der
unendlichen Zuversicht auf unendliche Barmherzigkeit! Aber -- was hilft
es? Ein stummer Fluch verfolgt mich, -- und weil mein frevelhafter
Leichtsinn ein unschuldig Herz gebrochen, bricht die Schuld das
Meine. --«
»Der Schatz göttlicher Liebe ist groß, unermeßlich. Vertrauen Sie dem
Heiland. Ich darf seine Stelle auf Erden vertreten, wenn ein reuiges,
nach Versöhnung lechzendes Gemüth sich vor dem Kreuze in Staub wirft.
Sie erschraken beinahe, Herr Senator, als ich, Vertrauen mit Vertrauen
vergeltend, Ihnen bekannte, daß ich die Weihen meiner Kirche trage.
Wollte die heilige Mutter Gottes, daß Sie auch derselben angehörten! um
zu erproben, ob ich den Beruf und die göttliche Gnade zu meinem Stande
besitze.«
»O!« -- stieß der Senator nach einigen Augenblicken mit Gram und Kummer
heraus: »fast wünschte ich auch, einer der Ihrigen zu sein, daß ich auf
Milde und Vergebung rechnen dürfte. --«
»Die Sonne scheint dem Bösen, wie dem Guten;« antwortete der Doctor
mit Salbung: »Der Verirrte hat in seinem Irrthum selbst Anspruch
auf die Gnade seines Schöpfers: um wie viel mehr der Bereuende? der
Entfremdete, der einen Bild des Sehnens nach der traurenden Heimath
zurückwirft? Beruhigen Sie sich, bester Freund. Das Wort, das Sie so
eben gesprochen haben, macht Sie schon gleichsam zu den Unsrigen. Ich
trage daher, -- die Macht benützend, die unsere frommen Väter im Namen
des Statthalters Gottes auszuüben begannen, -- kein Bedenken, Ihnen
die Tröstungen unsrer Religion anzubieten, da Ihnen, wie ich bemerke,
diejenigen, welche Ihre bisherige Lehre Ihnen zu geben vermag, nicht
zulänglich scheinen. Sammeln Sie Ihr Gedächtniß, mein werther Sohn,
und erleichtern Sie Ihr Herz. Mein Ohr ist Ihnen offen, und meine Hand
bereit, jeden Kummer aus Ihrer Brust zu nehmen, und den Balsam der
Versöhnung dafür hinein zu legen.«
Der Doctor schwieg, und James hörte Stühle rücken, den Senator verlegen
husten, und endlich mit unsicherer Stimme erwidern:
»Ich danke Ihnen, würdiger Herr, für die Wohlthat, die Sie mir zu
erzeigen bereit sind. Allein, -- obgleich mein Herz sich nach der
himmlischen Speise sehnt, und ich nicht läugnen mag, daß es noch empört
ist von der starren Härte, mit welcher der Diener meiner Kirche meinem
kindlichen Vertrauen entgegen kam, -- so muß ich doch nicht minder
bekennen, daß die in der Jugend eingesogenen Grundsätze und Lehren mir
zu verbieten scheinen, von Ihrer barmherzigen Freundschaft Gebrauch zu
machen. Ich bin nie ein Kopfhänger gewesen, -- leide nur seit einiger
Zeit an den schweren Scrupeln meines Gewissens, -- ich darf nur von der
mildesten aller Religionen Milderung meines Zustandes erwarten, -- aber
-- das ist die Macht des Vorurtheils, wenn Sie es so nennen wollen, daß
ich in meiner Angst nicht weiß, ob ich in Ihren Vorschlag eingehen darf,
wenn ich gleich sonst an jeder Tröstung verzweifle.«