Mit einem schweren Seufzer löschte der Senator sein Licht, und gab sich

einem wilden Traumgewirre hin, das den von Schlafstörungen und Grübeln

Erschöpften endlich gegen Morgen umfing. Van den Höcken hatte schon

einigemal nach ihm gefragt, als er erwachte. Wie ein, seiner Sinne nicht

klar bewußter Mann, ließ er sich von dem eintretenden Bedienten die

Haare ordnen, zog sich nicht allzu sorgfältig an, und begab sich unter

dem ersten Geläute der Kirchenglocken zu den Seinigen. Die Senatorin

stand schon, geschmückt und mit Putz trotz einer Markgräfin überladen,

in der Mitte des Zimmers. Justine trat mit Blumensträußen und

Gesangbüchern versehen, ebenfalls im Staate von =Cros de Tours=, herein.

Die Senatorin nannte mit ihrer gewohnten Schläfrigkeit in Ton und Wesen,

ihren Mann einen trägen Langschläfer, der sein Frühstück allein, oder

mit seinem galanten Freunde aus Holland verzehren könne. Justinens

Scharfblick errieth jedoch weit gelehriger, daß in dem Vater immer noch

das ungewöhnliche Treiben wühle, das sie schon in den verflossenen Tagen

bemerkt hatte. Von der Freundlichkeit ihres Grußes wohlthuend angeregt,

wurde der Senator milder, und sagte fast liebevoll zu seiner Ehefrau:

»Liebe Jacobine! Ich muß dich heute freilich allein in die Kirche gehen

lassen, weil mich ein Geschäft zu Hause hält. Aber gerade deshalb bete

_du_ für mich, und denke meiner einmal im Guten gegen den

Schöpfer.« -- »Faselt er nicht schon wieder?« fragte die Senatorin,

spöttisch zu Justine gewendet: »Bete ein Jeder für sich, und erhalte der

Herr jedem den Verstand. Wenn ich den Doctor in der Kirche sehen sollte,

will ich nicht versäumen, ihn zu dir zu schicken. Ein Aderlaß ist dir

wahrlich nöthig, denn richtig scheint mir's seit einiger Zeit

nicht mehr in deinem Kopfe zu sein.«

Der Senator hob, statt der Antwort, beide Arme heftig gen Himmel, und

wendete sich von dem Weibe. -- »Ich will mich nicht erzürnen,« sagte er

mit gewaltsam unterdrücktem Unmuth: »es möchte vielleicht gut sein, daß

wir gerade _jetzt_ nicht im Hader scheiden. Darum gehe recht geschwinde,

Jacobine, und leb' wohl!«

»Der Mann wird sich noch durch seine Galle umbringen!« versetzte die

Senatorin gleichgültig, füllte sich den Mund mit getrockneten Feigen,

und rauschte in ihrem weiten Stoffkleide vornehm zur Thüre hinaus.

Justine blieb hinter ihr zurück, kam auf den Vater zu, und sagte

mitleidig: »Sprechen Sie lieber Vater, ob ich bei Ihnen bleiben soll?

Sie scheinen mir in der That krank zu sein.« -- »Geh', mein Kind,«

entgegnete Müssinger: »du erzürnst deine Mutter.« -- »Ich fürchte ihren

Zorn nicht,« versicherte Justine gleichmüthig; allein da der Senator

darauf bestand, zu bleiben, um seinen Geschäften zu genügen, folgte sie,

wiewohl besorgt, der Mutter in die Kirche. Die Glocken schlugen ringsum

die neunte Stunde, und Müssinger klopfte an van den Höcken's Thüre. Der

Gast, erhitzt von der Pein einer fast schlaflosen Nacht, empfing ihn

nicht in der besten Laune, und schien geneigt zu sein, das unangenehme

Geschäft zu verschieben. Der Senator jedoch, dem es wie ein Fels auf der

Brust lag, der um jeden Preis der Qual fernerer Ungewißheit enthoben

sein wollte, drang, wiewohl bescheiden, dennoch so bestimmt auf der

Arbeit Beginnen, daß van den Höcken endlich mit den Worten: »Sieh, wie

sich das machte! Gestern so säumig, heute ohne Rast und Weile!« den Rock

überwarf, seine Brieftasche aus dem wohlverschlossenen Koffer nahm, und

dem Hausherrn nach der Schreibstube folgte.

»Der Tag ist recht günstig,« sagte er, da sie durch das leere Comptoir

nach dem Cabinette schritten: »die Diener sind vermuthlich alle im

Gottesdienste. Da läßt sich das Geschäft rund abmachen, und bei den

Zahlungen liebe ich sonderlich keine Zeugen.«

»Ich auch nicht,« entgegnete der Senator zähneklappernd; zog den Laden

des Hoffensters auf, und bot dem Fremden einen Stuhl. Van den Höcken

machte sich mit dem Schlosse des Portefeuille zu schaffen; Müssinger

blätterte mit zitternder Hand in dem Hauptbuche. Nachdem endlich

der Holländer eine ziemliche Partie von Wechseln geordnet, und die

Brieftasche wieder zugemacht hatte, sah er mit fragenden Blicken auf

den unruhigen Schuldner. Der Letztere bemerkte es, und sagte mit kaum

hörbarer Stimme: »Es wird Alles bald abgethan sein, werther Herr. Hier

-- sehen Sie im Buche, was ich Ihnen soll; und in meiner Cassa, was ich

habe!«

Er stieß mit dem Fuße den Deckel der Geldkiste auf; sie war beinahe

leer. -- Van den Höckens Gesicht verfinsterte sich ungemein. »Was soll

das, Herr?« fragte er scharf. -- »Ich bin jetzt schon ein vornehm

thuender Bettler,« versetzte Müssinger: »Gewährt mir Ihr Mitleid nicht

Jahresfrist, so stehe ich auch am Pranger.« -- »Sie haben es durch

Ihre unmäßige Spekulationswuth verschuldet,« fuhr van den Höcken mit

strengem Verweise fort: »Ihre Firma schien nur solid, und war eine

Seifenblase, um Andere sichere Creditoren zu täuschen.« --

»Herr!« sprach der Senator mit mühsamer Fassung und Unterwürfigkeit:

»Sein Sie nicht ungerecht; Ihre Menschlichkeit, ... mein Unglück...!«

»Pah!« eiferte der Gläubiger: »jeder Verschwender schützt Unglück vor,

und appellirt an weiche Herzen. Ein Kaufmann muß ein steinhartes Herz

besitzen, soll er nicht selbst zu Grunde gehen. Und wer steht mir denn

am Ende dafür, daß diese ganze Wehklage nicht eine bloße Komödie sei,

und in einen fraudulösen Bankerott ausgehen werde, weil sich gerade die

_Gelegenheit_ darbietet...«

»Herr! nehmen Sie den Schimpf zurück!« fuhr ihm der Senator wüthend in

die Rede.

»Was da!« brummte van den Höcken wild entgegen: »Dero gestrige

Proposition darf wohl auf den Gedanken führen; und kurz und gut:

die leere Geldkiste befriedigt mich nicht. Hier in meiner Hand sind

Ihre Wechsel. Sehen Sie dieselben an, und lernen Sie mich kennen!

Ich bin nicht umsonst den weiten Weg hierher gereist; ich will nicht

vergebens...«

»Wohlan,« unterbrach ihn der verzweifelnde Schuldner: »Da doch nichts

Ihr Menschengefühl erregen kann! Wohlan! Sie sollen Ihren Willen haben.

Diese Wechsel kenne ich, und Sie sollen nicht umsonst sich bemüht haben.

Sehen sollen Sie, wie ich meine Rechnung schließe!«

Mit der einen Hand stieß er die Wechselpapiere von sich, die ihm van den

Höcken vorhielt, mit der andern zog er eine von den Pistolen aus dem

Fache des Schreibtisches.

Bei dieser unverhofften drohenden Bewegung entsetzte sich van den Höcken

zum Tode. »Herr! Sie wollen doch nicht...« lallte er, vom Stuhle

auffahrend.

* * * * *

Nothhaft, der Comptorist, hatte die Kirche umgangen, seine Zeit in einer

versteckten Spielstube zugebracht, und kehrte, nach manchem Verluste,

nach Hause zurück, um seine letzten Thaler zu sich zu stecken, und auf's

Neue sein Glück zu versuchen. Zweimal hatte er schon an der

verschlossenen Hausthüre geklingelt, niemand ihm aufgethan. Die

haushütende Magd hielt am Dachfenster des Hintergebäudes eine gewichtige

Unterredung mit der Dienerin im Nachbarhause. Der Knecht war auswärts zu

seinem Schätzchen geschlichen. Demnach brannte dem lockern Kaufdiener

die Ungeduld auf den Nägeln, und, als nehme er sich vor, Sturm zu

läuten, zog er kräftig und unausgesetzt an der volltönenden Schelle.

Sein Bemühen ermangelte nicht des gewünschten Erfolges. Schritte kamen,

das Schloß ging langsam und zögernd auf.

»Taubes, ungeschicktes Murmelthier!« grollte der Eintretende, erschrack

aber über die Maßen, als er nicht die Hausmagd, die er gemeint, sondern

den Prinzipal selbst vor sich sah, der das Amt eines Pförtners

verrichtet hatte. Seine Unbesonnenheit verwünschend, und den Jähzorn des

Senators aus Erfahrung fürchtend, bückte er sich verlegen, und stotterte

eine Entschuldigung her, die nicht schlechter hätte ausfallen können.

Wunderbarer Weise genügte sie gerade heute dem wenig duldsamen

Prinzipal. »Schon gut, mein lieber Nothhaft,« versetzte er mit leiser

Stimme: »Er meint es nicht böse. Darum,« -- hier schloß er die Thüre

wieder sorgfältig, -- »darum ist mir's auch lieb, daß _Er_ gerade

heimkömmt. Ist etwa die Kirche schon zu Ende?« fragte er hastig nach. --

Nothhaft war innerlich erschrocken ob der Todtenblässe, die auf des

Senators Antlitz lag, und nicht minder ob der raschen Unsicherheit in

seiner leisen Rede; er erwiderte daher kleinlaut: »Nein, hochgeehrter

Herr, ich konnte aber vor Uebelsein nicht in der Kirche ausdauern.

Deshalb ... so eben schlug es zehn Uhr.« -- »Zehn Uhr erst?« fragte der

Senator wieder mit schleppendem Tone: »wie die Zeit schleicht! ich

dachte, es müsse Mittag vorüber sein. Komm' Er mit in's Comptoir.«

»Soll ich nicht die Fensterladen öffnen?« sagte Nothhaft, als sie in der

finstren Stube standen. -- »Nicht doch,« erwiderte Müssinger hastig,

»drinnen ist es schon heller. Nicht wahr, Nothhaft, Er hat nicht Furcht,

noch Grauen?«

»Ich habe Beides nie gekannt,« betheuerte Nothhaft, sehr aufmerksam

werdend.

»Desto besser!« setzte der Senator bei: »so wird Er doch Rath wissen.

Mich hat es stark angegriffen.« -- »Was denn Herr Senator?« -- »Rede Er

nicht laut. Es hat sich vor einer halben Stunde, -- es kann vielleicht

auch eine Stunde sein, -- ein Unglück im Hause begeben.«

»Ein Unglück? hier im Hause?«

»Ja doch; nur leise gesprochen. Dort im Kabinett...« Der Senator

drückte, das Gesicht wegwendend, die Thüre auf.

»Im Kabinett?« fragte Nothhaft, dem es kalt über den Körper fuhr, ohne

sich zu regen. »Was ist dort?«

»Der Holländer ...« stammelte Müssinger, -- »es war plötzlich aus mit

ihm.«

»Mit dem Holländer?«

»Er ist in meinen Armen ... gestorben, glaube ich. Geh Er hinein, und

sehe Er nach, ob Er's auch so findet, oder ob vielleicht...«

Nothhaft war schon im Kabinette. Van den Höcken lag leblos an der Erde,

mit entstelltem Gesichte, und in Unordnung gebrachter Kleidung. Kein

Athem war an ihm zu erhorchen, kein Pulsschlag zu finden. Der Diener

fühlte des Körpers Eiseskälte, und hielt sich nicht lange bei demselben

auf. Einen Falkenblick warf er durch das Gemach, und kam eilends wieder

zu dem Herrn zurück. Dieser saß, die Hände zwischen den Knieen

gefaltet, und das Haupt gesenkt, im Winkel der dunklen Schreibstube.

»Nun?« war sein einziges Fragewort.

Nothhaft zuckte die Achseln. »Hin ist hin;« sagte er, »er hört den

Kuckuck nicht mehr schreien. Wie kam denn Alles so plötzlich, Herr

Senator?«

Müssinger zog einen tiefen Seufzer aus der Brust. »Wir rechneten

zusammen;« -- flüsterte er scheu: »wir hatten eben Alles geschlossen,

da überkam es ihn plötzlich, -- er sank -- auf meinen Knieen wurde es

mit ihm alle.« --

»So?« entgegnete Nothhaft mit seltsam gezogenem Tone: »Ein Glück nur,

daß es _nach_ dem Rechnungsabschluß traf.« -- »Was meint Er?« fuhr der

Senator schnell, wie aus einem Traume, in die Höhe: »was ist jetzt bei

der Sache zu thun?« -- »Der Herr Prinzipal scherzen wohl mit mir;«

versetzte der Diener: »die Gerichte müssen gerufen, des Verblichenen

Effekten versiegelt werden: das ist ja klar.« -- »Die Gerichte?« fragte

Müssinger, wie von Schauder überlaufen, und sehr zerstreut: »ach ja, ...

wahr ist's; das ist zu thun, ... und Siegel, meint Er, müssen auch?...«

»Herr Senator,« entgegnete Nothhaft spitzig: »Sie sind ja selbst beim

Rathe; müssen das besser verstehen, als ich einfältiger Schreiber.« --

»Er hat Recht, mein Sohn, sehr Recht;« sprach der Kaufherr alsdann,

wie sich besinnend: »Und wann wäre es wohl nöthig, ... glaubt Er?« ...

-- »So schnell als möglich:« fiel Nothhaft ein: »Verzögerung könnte

zu Unannehmlichkeiten Anlaß geben.« -- »Leider! leider!« stimmte der

Senator ein: »Darum laufe Er, guter Nothhaft, und sei Er diskret gegen

Jedermann, damit es sich so glatt und stille abmachen lasse, als nur

möglich.«

»Sehr wohl, Herr Senator;« antwortete Nothhaft, bereitwillig nach dem

Hute greifend: »wollten Sie indessen einen Rath nicht verschmähen?

Schaffen Sie die Pistole weg, die drinnen auf dem Boden liegt.«

Der Senator fuhr zusammen. »Eine Pistole?« stotterte er: »es muß ein

Zufall dieselbe ... laßt doch sehen!«

Sich an den Diener haltend ging er nach dem Cabinete, wendete aber

alsobald der Stelle, wo der Holländer lag, den Rücken, und stierte

auf die Waffe nieder, die Nothhaft dienstwillig und eifrig aufhob. --

»Wir wollen sie zu der andern legen,« sagte derselbe leise und hastig;

»sie könnte übeln Effekt machen, und wenn Sie's erlauben, bringe ich

auch die Halsbinde des armen Schelmen hier wieder in Ordnung. Es läßt

gerade, als ob sich drei Finger hinein verwickelt hätten, um sie

zusammenzuschnüren.«

Ohne Regung kehrte der Senator dem Diener, der ohne Scheu an van den

Höcken die besagte Aenderung vornahm, den Rücken fortwährend zu.

»Ich wollte ihm die Binde öffnen,« sagte er halblaut: »aber es ist

möglich, daß ich in der Alteration sie fester zuzog...«

»Ja, ja,« stimmte Nothhaft, sein Geschäft vollendend ein: »es geschieht

wohl öfters, daß die Hand ungeschickter ist, als der Kopf. So. Das wäre

gut, und ich will laufen, was ich kann. Haben Sie noch etwas hier

mitzunehmen, Herr Prinzipal, so nehmen Sie es jetzt. Es wird schicklich

sein, daß die Herren von Gericht das Cabinet verschlossen finden.«

Der Senator wurde wieder regsam, und begann, ohne eine Sylbe zu

sprechen, aber mit einer beunruhigenden Hast, auf seinem Schreibtische

Papiere und Bücher untereinander zu werfen, ohne in der beklagenswerthen

Zerstreuung, die ihn fesselte, dasjenige zu finden, was er zu suchen

schien. Nothhaft trat hinter ihn, und sein Auge fiel auf ein Packet von

Wechselbriefen, nach welchen des Senators linke Hand immer tappte,

während seine Rechte sie immer wieder verschob. Der Diener ergriff sie.

»Sie suchen wohl diese Papiere mit Ihrer Unterschrift?« fragte er

dringend. »Da! da! Herr -- sechs -- sieben -- neun Tratten auf sie

selbst, von van den Höcken in Cours gesetzt und endossirt.« --

»Endossirt?« fragte der Senator, heftig nach den Briefen haschend.

»Endossirt auf die Ordre des Georg Birsher zu New-York!« fuhr Nothhaft

fort, indem er sie überlieferte: »und -- wahrhaftig quittiert von

demselben.«

»Birsher?« fragte der Senator, betäubt auf die Blätter schauend.

Nothhaft lächelte betäubend: »Stecken Sie ein, Herr Prinzipal. Daß Sie

bezahlt haben, beweisen ja schon die Wechsel in Ihrer Hand,.... das

="Quitta"= hätte wegbleiben können. Die Dinte ist gar zu frisch. Lägen

vielleicht noch andere Dokumente in der Brieftasche, die ich bei dem

Holländer wahrnahm?«

»Was geht mich van den Höcken's Portefeuille an?« fuhr Müssinger

stutzig werdend auf. Nothhaft machte einen entschuldigenden

Katzenbuckel, und trieb zum Fortgehen an. Wie ein Kind folgte der

Senator seinen Worten, schloß das Kabinet, ohne sich _einmal_

umzusehen, und ging, an Nothhaft's Arme, zu seiner Stube, wo er sich,

an allen Gliedern zitternd, zu Bette legte. Wie ein guter Geist

erschien ihm die aus der Kirche zurückkehrende Justine, die, von des

Vaters Unpäßlichkeit hörend, mitleidig zu ihm eilte. Der Vater konnte

und wollte nicht reden, sondern versuchte nur in einzelnen Lauten

sein Kind zu beruhigen. Justine erschöpfte sich in Muthmaßungen über

des Rathsherrn Zustand, bis die Schelle des Hauses wieder sehr stark

geläutet, und vieles Geräusch hörbar wurde. Die Thüre des Zimmers

sprang auf, und Frau Müssinger, weiß wie die Wand, und schwerfällig,

wie noch nie, schwankte in's Zimmer. -- »Was ist das?« kreischte sie,

ohne des Kranken zu achten: »Das Haus wimmelt von Gerichtspersonen

und Schergen! Ach, das Unglück! Der Holländer soll sich erhängt

haben, höre ich! Ach, welch eine Schande! Gieb die Schlüssel her, du

gottvergessener Mann, der mir durch seine sauberen Freunde so viel

Schrecken verursacht!«

»Justine wird öffnen,« versetzte der Senator unter Fieberschauern, indem

er dem Mädchen die Schlüssel reichte: »Stecke diese Wechsel zu dir,«

flüsterte er demselben zu; »bewahre sie sorgfältig!« -- Justine schob,

nicht minder blaß vor Schrecken, die Papiere ein, und entfernte sich

eilends. Die Mutter dagegen blieb zurück, um den Mann ferner zu

quälen. -- »Welch ein abscheulicher Spektakel!« ächzte sie, in den

Lehnstuhl am Bette sinkend: »In diesem Hause halte ich's nicht mehr aus.

Der Holländer wird umgehen, in seinem weißen Mantel, ein schreckhaftes

Gespenst! O Herr, gehe nicht mit uns in's Gericht! Was ich erleben muß!

Pfui, abscheulich! Die Steuercommissärin hatte Recht, obgleich schon

_Sie_ mich in der Kirche zum Entsetzen gebracht hat. _Sie_ hat gestern

gesehen, was wir alle nicht sahen. Wir saßen Abends zu Dreizehn am

Tische, und Einer von den Dreizehn muß binnen Jahresfrist sterben! Wie

mich das schon alterirte! Man sieht aber: Wahr ist's! der Holländer hat

bereits die Welt gesegnet.«

»Und ich werde es noch heute,« seufzte der Senator, »wenn du nicht

nachlässest mit deinem abscheulichen Gekreische, Jacobine!«

»Und dennoch wirst du mich dulden müssen, bis Justine kömmt,« antwortete

sie phlegmatisch: »Ich gehe ohne Begleitung nicht über den Gang.«

Nothhaft trat ein, und ging rasch auf den Senator zu. »Alles besorgt,

Herr Prinzipal,« rief er wichtig und vertraulich: »Die Herren sind schon

unten, lassen ihre Condolenz vermelden, und soeben den Verstorbenen über

die Treppe nach seinem Zimmer bringen.«

»Gott stehe uns bei!« jammerte die Senatorin mit der ausgelassenen

Betrübniß stumpffühlender Leute, während Müssinger sein Gesicht in dem

Kissen verbarg: »Warum ließest du den Landläufer nicht im römischen

Kaiser, da es ihm ohnehin nicht beliebte, in seiner Heimath zu sterben?

Wie würde sich jetzt die hoffärtige Wirthsfrau gebärden, die sich trägt

wie unsereins, hochmüthig thut, wie der Großmogul, und sich erst heute

in einem ganz neuen Stoffkleide brüstete, daß es der ganzen Kirche zum

Aergerniß gereichte! Statt dessen haben _wir_ nun die Schande! Geh' Er,

Nothhaft, sorge Er wenigstens dafür, daß der Mensch nicht von den

Amtsknechten heraufgetragen werde. Ich bin des Todes, wenn der Scherge

in das Stockwerk kommt, das ich bewohne.«

»Sorgen Sie nicht, wertheste Frau Prinzipalin,« versetzte Nothhaft: »Der

Herr sind ja verblichen, wie schon viele tausend Christenmenschen, und

die Ehre schneidet der Tod nicht ab. Die Herren werden ein Inventarium

dressiren, und die Habseligkeiten des van den Höcken unter Siegel

verwahren, bis die Erben auszumitteln. Auch habe ich für nöthig

erachtet, Herr Senator, einen Postboten nach Steinstadt abzuordnen,

damit der Buchhalter hereinkomme, sintemalen Dero Leibesumstände

denselben nicht erlauben werden, an der Spitze der Geschäfte zu

bleiben.«

»Warum nicht?« fragte der Senator mühsam, aber aufbrausend: »Der

Unglücksfall hat mich sehr angegriffen, aber bis zur Krankheit ist noch

ein weiter Sprung. Ein Magnesia-Pülverchen bringt wieder alles in's

Geleis.«

»Mit Gottes Hülfe!« sagte Justine, die so eben, nicht wenig erschüttert,

hereinkam, und dem Senator die Comptoirschlüssel übergab. Sie holte das

Medikament aus der kleinen Hausapotheke, reichte es dem Vater, und fuhr

fort: »Ich will gleich nach dem Doctor Widerlein schicken, -- was bis

jetzt vergessen wurde, -- damit Sie wieder von dem Schrecken zu recht

kommen.«

»Ich bin nicht krank,« behauptete der Senator, sich ärgerlich

aufrichtend: »kein solch Geschwätze! Ich werde allen meinen Arbeiten

vorstehen, wie bisher! --«

»Der Briefträger brachte so eben diese beiden Schreiben,« unterbrach ihn

der süßliche Berndt, der mit den Briefen in der Hand hereinschlich.

»Geb' Er her,« befahl der Senator, und winkte alsdann den Dienern sich

zu entfernen. Sie gehorchten; gähnend und schmollend schloß sich Frau

Jacobine, die Langeweile des Krankendienstes fürchtend, an die

Subalternen an, um ohne Gefahr nach ihrem Zimmer zu gelangen. Der

Senator gab aber der Tochter die Briefe, und sagte leise zu ihr: »Nimm,

mein Kind; mir schwimmt und flirrt es vor den Augen. Es frommt jedoch

viel, sich vor dem Comptoirgesindel rüstiger zu stellen, als man ist.

Dir verberge ich mich nicht. Lies du mir daher vor, und unterstütze

meine Schwäche.«

Bereitwillig erbrach Justine das erste Schreiben. »Von Amsterdam!«

sagte sie, und der Senator zuckte hoch auf. »Hochedelgeborner Herr!«

fuhr sie lesend fort: »Ew. Edeln will ich nicht ermangeln, nach

abgethaner fataler Differenz mit denen Verschreibungen Ew. Edeln in

Wechselform, anzuzeigen, daß wieder bereit bin, auf Garantie des

werthen Freundes, der sich jetzo bei Denselben befindet, in Allewege

Credit obwalten zu lassen. -- Wir Kaufleute stehen ja in Gotteshand,

und können wanken. Wohl _dem_ jedoch, der einen Bürgen und Stützen

findet, wie den aller Orten geachteten Herrn Birsher von New-York.«

»Was soll das?« fuhr der Senator auf, da Justine verwundert inne hielt:

»Der Teufel verstehe, was der Schreiber will. Sieh nach der

Unterschrift.«

Justine that es, stutzte, wischte sich die Augen, und sagte endlich

leise: »Ich weiß nicht.... aber doch stehts da; -- van den Höcken heißt

die Unterschrift.«

»Van den Höcken!« schrie der Senator: »Sind wir beide toll?«

»Das Datum ist vier Tage alt,« versetzte Justine mit schwankender

zweifelhafter Stimme.

»O mein Kopf, mein Kopf!« jammerte Müssinger, die Stirne mit beiden

Händen haltend: »ich werde närrisch, rasend! Laß den Brief sehen! Gott

sei mir gnädig! es ist Höckens Schrift...! O du mein lieber starker

Gott und Herr!« -- Er weinte fast in der fürchterlichen Wallung seines

heftigen Gemüths. -- »Dieser Brief!« stöhnte er, -- »und jene Wechsel,

das Endossement, das Acquit, -- ich erinnere mich erst jetzt, -- von

Birsher's Hand...! o mein armes Gehirn!« --

»Mein Vater! was haben Sie, was ist?« fragte Justine schluchzend in der

höchsten Angst. Der Senator riß ihr statt der Antwort den andern Brief

aus der Hand. »Gib!« stammelte er außer sich: »Gib! vielleicht macht

mich dies Papier vollends wahnsinnig!« Er riß es, trotz Justinens

Widerstreben, auf, überflog es mit dem starrenden Blick,.... ein

krampfhaftes schreckliches Lachen erschütterte seine Brust, und mit den

trostlosen Worten: »Auch das noch! Einen Tag früher, und -- ich elender,

elender Mensch!« sank er ohnmächtig aufs Lager zurück.

Schaudernd raffte Justine das fallende Blatt auf. In wenig Zeilen meldet

darinnen ein Hamburger Correspondent ein großes Glück. Die Hamburger

Lotterie war gezogen worden, und das große Loos auf den Senator

gefallen.

Zweiter Abschnitt.

Verdacht. -- Der Pastor der Johanniskirche. -- Sein Nachfolger

bei dem Senator. -- Der Doctor in seinem Hause. -- Die

Kupferstecher-Familie. -- Justinens geheimer Ausgang. -- Die Messe.

-- Die Wittwe des bei Denain gebliebenen Offiziers. -- Die Beichte.

-- Des Doctors Tagewerk. -- Geschichte eines Schauspielers. -- Der

unerwartete Fremde. --

Es bestätigte sich durch den von Amsterdam eingelaufenen Brief, der den

Commissarien des Gerichts schuldigerweise vorgelegt wurde, daß der in

des Senators Hause verschiedene Fremde nicht van den Höcken gewesen; aus

dem Inventarium dagegen, welches über den an Creditbriefen,

Empfehlungsschreiben, kostbarem Leibgeräthe und beträchtlichen Pretiosen

reich ausgestatteten Nachlaß des Verstorbenen aufgerichtet wurde, schien

nicht undeutlich hervorzugehen, daß Herrn Birsher den Aeltern von

New-York selbst das Unglück betroffen. Vor Allem rechtfertigte diese

Muthmaßung ein reicher Frauenschmuck, der sich vorfand, in ein artiges

Etui gepackt, auf welchem mit Goldschrift die Worte standen: »Meiner

vielgeliebten künftigen Schwiegertochter und Freundin, Justine

Müssinger, zum Hochzeitsgeschenke.« --

Der Anblick dieses Schmucks, den ein galanter Commissarius der

Verlobten vorwies, regte in derselben erst deutlich die Beziehung

an, in welche sie zu dem Dahingegangenen hatte treten sollen. Seine

letzten Worte vergegenwärtigten sich ihr wieder aufs Neue, und ihr

Gemüth ergriff eine stille Wehmuth, wie sie noch nie empfunden. Sie

wäre selbst krank geworden, wenn die Umstände eine längere Pflege an

des Vaters Bette erheischt hätten. Der Senator genas indessen wie

durch ein Wunder, plötzlich am Tage der Bestattung seines Gastes.

Durch die tobenden Vorzeichen einer furchtbaren Nervenkrankheit hatte

sich seine starke Natur gearbeitet, aber der fliehende Feind rächte

sich demungeachtet. Die Paar Tage streiften die Schärfe und klare

Bestimmtheit seines cholerischen Temperaments von ihm. Haltung und

Gang, Gesichtsfarbe und Rede, -- Alles war anders geworden; aus dem

heftigen, gerade durchgehenden Manne ein scheuer schwermüthiger Mensch,

der seiner Arbeiten nicht mehr froh wurde, nicht mehr polterte und

lärmte, aber dafür gern innerhalb seiner vier Wände für sich allein

brütete und glossirte.

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 4 / 32 段