»Mit Vergnügen!« betheuerte James, legte den Hut ab, und bereitete

sich, auf den Tisch zu steigen. Justine stampfte ungeduldig mit den

Füßchen. »Mein Gott, wie förmlich!« rief sie, »legt doch um Gottes

Willen Euer englisches Phlegma ab. Ein Anderer wäre mit _einem_

Sprunge schon bei mir gewesen!« -- »Ein wenig Geduld!« ermahnte James

das Mädchen, nahm den armen Vorhang aus dessen Hand und in einem

Augenblicke saß er, wo er sollte. »Besonnen kommt man nicht minder

schnell zum Ziele,« sprach James weiter, und reichte Justinen die

Hände, sie vom Tische zu heben. Sie bedachte sich eine Weile, wollte

ihr böses Gesicht beibehalten, das schelmische Lächeln drang aber durch

das Gewitter, und wie ein Zephyr flog sie an des Jünglings Armen zur

Erde. »Ihr seid ein possirlicher Mensch!« sagte sie, ihm neckend in

die Augen sehend: »so oft ich Euch die Wahrheit sage, spielt Ihr den

Gekränkten, und gebt eine Sentenz zum Besten. Gewöhnt Euch das ab,

Monsieur. Ihr seid ja kein Kandidat, der blöde thun muß, um's liebe

Brod. Was ein vorwitziges Mädchen sagt, muß den Vernünftigen nicht

kümmern.«

»Menschen, die mir gleichgültig sind, kümmern mich auch nicht,«

antwortete James, der noch nicht alle Bitterkeit besiegen konnte.

Justine blickte ihn rasch und gleich wie strafend an, verzog dann

fröhlich lächelnd den Mund, und drehte sich, schnell wie der Wind, im

Kreise um.

»Seht aber doch, wie schön ich Alles hier eingerichtet habe!« rief sie,

sich dreimal gegen den Spiegel verbeugend, und lustig in die Hände

klatschend: »Ich wette darauf, die Königin Ulricke hat keine schönere

Wohnung.« --

»Die Freude, die Sie an Ihrem eigenen Werke haben,« entgegnete James

scherzend, »brächte mich beinahe auf die Vermuthung, diese Zimmer seien

für Ihren Verlobten eingerichtet.«

»Ach Gott, nein!« versetzte Justine, indem Sie die Hände in spaßhafter

Klage zusammenschlug; »Herr Birsher wohnt leider nicht an der Ecke, um

so geschwinde seinen Besuch abstatten zu können. Vor der Hand wird nur

ein alter steifer Holländer, der Herr van den Höcken hier sein Quartier

nehmen. Der beste Freund meines Vaters: sie haben sich aber in ihrem

Leben noch nicht gesehen. Der liebenswürdigste Mann: wir wissen aber

noch nicht das Geringste davon. Seht Euch das Zimmer noch einmal recht

an, und lobt meinen Geschmack. In _diesem_ Zustande seht Ihr es nicht

mehr wieder!«

»Wie so?«

»Herr van den Höcken wird schon alle meine Bemühungen zu Schanden

machen. Diese weißen Vorhänge wird der Rauch seiner Pfeife schwärzen,

all' diese Ordnung seine plumpe Hand zerstören. Ach, die Männer sind ja

nur dazu vorhanden, der Weiber zierliche Schöpfung zu verunglimpfen.«

»Wie kommen _Sie_ jetzt zu der Sentenz?«

»Das Medaillon an jenem Vorhang, den Ihr, Monsieur befestigt habt,

bringt mich zu der Beschwerde. Es steht schief und baufällig. Schade

dennoch um das arme Bild.«

»Warum befehlen Sie nicht?« fragte James lebhaft, sprang abermals auf

den Tisch, und richtete das vergoldete Prunkstück nach der Regel auf.

Justine verneigte sich steif. »Monsieur!« sagte sie, »ich bin mit Euch

zufrieden. Wie kömmt's, daß Ihr jetzt lebendiger werdet?«

»Ich _strebe_ nach Ihrer Zufriedenheit, Mademoiselle,« entgegnete James

verbindlich. -- »Das gefällt mir,« sprach Justine ernsthaft wie eine

Königin. »Ihr möget aber wissen, daß ich nicht genügsam in meinen

Forderungen bin.«

»Und doch würde ich eine _jede_ erfüllen!« versicherte James nicht

minder ernsthaft. »Jede?« fragte Justine noch ernsthafter: »Besinnt

Euch, Monsieur. Ich lasse nicht mit mir scherzen.«

»Auch scherze ich nicht,« schloß James fest und bestimmt.

»So wolltet Ihr also auch, wenn ich es verlange, den einfältigen

Lauscher über die Treppe werfen, der schon seit einer Minute den Kopf in

die Thüre steckt, und nicht ahnt, daß ich im Spiegel seine Ohren sehe?«

James sah sich verwundert um, und gewahrte Nothhafts Kopf, ein albernes

ertapptes Fuchsgesicht, aus dessen Munde stammelnd die Worte kamen: »Mit

Permiß, hochgeehrte Jungfer! Ich suche nur Ihren Herrn Vater!«

»Mit Permiß,« antwortete Justine verächtlich: »Er ist ein erbärmlicher

Pinsel, dem mein Herr Vater für seine Horcherei den Kopf zurecht setzen

soll. Führ' Er sich ab, und such' Er anderswo.«

Nothhaft verschwand mit leisen Verwünschungen. Justine lachte herzlich,

theils über den Diener, theils über James, der, wie aus einem Himmel

gefallen, vor ihr stand.

»Sagen Sie, wunderliche Fee!« sprach er: »Wie soll ich Sie nennen? Sie

wechseln die Farbe wie ein Demant. Schon glaubte ich auserkohren zu

sein, Ihnen einen wichtigen Dienst leisten, Ihren Beifall erwerben zu

können, und plötzlich löst sich Alles in einen Scherz auf.«

»Gesteht es nur, Monsieur!« erwiderte hierauf Justine: »Ihr seid eitel.

Ich bin es aber nicht weniger. Ihr könntet ein Franzose sein. Mein Ernst

ist jedoch nicht _immer_ Scherz.«

Die Gutmüthigkeit, die sich in Justinens Rede kund gab, machte dem

Jüngling Muth, nach ihrer Deutung zu fragen, allein Müssinger's

Dazwischenkunft setzte seiner Neugier unübersteigliche Schranken.

Der Senator trat heftig ein, und rief mit auffallender Sorglichkeit:

»Ist alles fertig, Justine? Alles hergerichtet und geordnet?« Auf die

Bejahung fuhr er fort, ohne auf James zu achten: »Brav, schön, meine

Tochter. Zur besten Zeit, mein Kind. Er ist angekommen. Van den Höcken

ist da. Der Kellerbursche aus dem römischen Kaiser hat mir's so eben

gesteckt. Allein gekommen, ohne Bedienung. Man kann den Mann nicht im

Gasthause lassen. Ich gehe selbst zu ihm. Sage mir, bin ich angezogen,

wie sich's gebührt? Fällt die Perücke gut? Sitzen die Strümpfe und

Kniebänder? Hängt der Degen recht, wie er soll? Wie findest du den

Busenstreif?«

»Schön und wohlanständig wie alles Uebrige, lieber Vater,« antwortete

Justine, ein feines Lächeln kaum bemeisternd: »Sie sind jedoch in einer

Unruhe befangen, die mir auffällt. Sie haben ja nicht vor den Kaiser zu

treten, sondern vor einen Kaufmann, der nicht mehr, nicht weniger ist,

als Sie selbst, und obendrein Ihr Handelsfreund!«

»Ach ja!« versetzte der Senator mit ängstlichem Athemzuge: »ach ja! das

ist er, aber die Schicklichkeit, die Mores, ... und dann meine Pflicht,

... und worauf es ankömmt! Liebe Justine, erhebe deine Seele zum Gebet!

... Deine Mutter ist Eis, ... du aber mein Kind halte den Daumen für

mich! hörst du? bringe mir Glück! freilich darfst du nicht wissen, ...

aber ... wie gesagt ... Adieu!«

Schon war er jenseits der Schwelle. Die Herzensangst, die unverkennbar

aus ihm sprach, machte Justine sehr nachdenklich. Sie stützte sich auf

den Tisch, und blickte sinnend auf die Straße. Nach einigen Augenblicken

des Nachdenkens drehte sie sich kopfschüttelnd um, um zu gehen.

»Wie? Ihr seid noch da, Monsieur White?« fragte sie, wie erstaunt den

jungen Mann zu sehen, der sie mit verschränkten Armen und theilnehmend

betrachtete. »Könnt Ihr mir nicht sagen, was der Auftritt so eben

bedeutete?« setzte sie gezwungen lächelnd hinzu.

»Die Mächte, die uns leiten, warnen oft den Glücklichen, daß er sich auf

Unheil gefaßt mache,« entgegnete schonend und vorbereitend der Jüngling.

»So?« fragte Justine wieder mit durchdringendem Blicke: »Euch steht's

jedoch schlecht an, den Unglückspropheten allein hier spielen zu wollen.

Was berechtigt euch dazu? gewiß nur meine Nachsicht, die Euch zu solcher

mißbrauchten Vertraulichkeit den Muth giebt. -- Außer der Lehrstunde bin

ich nicht für Euch zu Hause.«

James Gefühl wallte über. »Nach Befehl,« entgegnete er kaum hörbar,

»hätte ich geahnt, daß Sie auf Ihre Frage nur ein stummes Achselzucken

wünschen, und nicht ein freundlich offen Wort, so hätte ich mir die

Beleidigung, Ihnen die Reue erspart.«

Er entfernte sich schnell. Schon war Justine im Begriff, bereits von dem

innern Vorwurfe gequält, ihn zurückzurufen; schon hob sich ihr Fuß, ihm

nachzueilen, aber Stimme und Bewegung bezwang sie im stolzen

Selbstgefühle. »Ein unerträglicher Mensch!« eiferte sie vor sich hin:

»Was er sich erlaubt! Ist das nicht der Ton, den ein Vater gegen seine

Tochter annimmt? Gelte ich ihm denn nicht für _voll_? Bin ich denn ein

Kind, das sich Alles gefallen lassen muß?« Ein schneller Blick in den

Spiegel belehrte sie zur Genüge, daß sie kein Kind mehr war, sondern

eine Jungfrau in der schönsten Blüthe des Alters. Wohlgefällig ordnete

sie die Spitzen, die ihren Busen zart und schwach verhüllten, die

Schärpe um das enge pralle Mieder, die Falte ihres seidenen Gewandes,

und ging einigemal vor dem Spiegel auf und ab. »Wahrlich!« sprach sie

alsdann mit verklärtem Angesichte: »Herr Birsher wird nicht die

häßlichste Braut aus Europa entführen. Wenn er nur auch recht hübsch

ist, und wohlgewachsen, und prächtig und sauber im Aeußern! Wie werden

sich die Jungfern ärgern und die Frauen, wenn ich in aller Herrlichkeit

mit ihm abziehe! Wie werde ich dagegen jubeln, wenn ich aus diesem Hause

scheide, wo mich die Mutter nicht liebt, nicht haßt und nur für ihre

Kammerjungfer ansieht, wo der Vater von Tag zu Tag wunderlicher wird.

Wahrhaftig, noch einmal ein Auftritt wie der vorige, und mir würde bange

um seinen Verstand!«

So eben ließen sich Stimmen in der Hausflur vernehmen, und gewichtige

Schritte kamen über die Treppe herauf. Erschreckt flog Justine aus dem

Zimmer, und bewillkommte sehr verlegen einen sehr dicken schweren Mann,

der an der Hand des Senators, in Reisekleider gehüllt, emporkeuchte. Ein

Lastträger folgte mit einem gewichtigen Koffer auf der Schulter. Das

ganze Comptoirpersonale lauschte unten mit vorgestreckten Hälsen.

»Der sehr achtbare Herr und Freund van den Höcken aus Amsterdam,« sprach

der Vater geschäftig zu Justine, und zupfte sie, einen sehr tiefen Knix

zu machen. Der Holländer versuchte seinerseits eine Verbeugung, sah

Justine starr aber freundlich an, blinzelte mit den kleinen Augen. »Ein

hübsches Kind, die Jungfer Tochter,« sagte er noch halb athemlos: »ein

recht hübsches Kind, eine lockende Eva! es ist charmant, Ew. Edeln, daß

ich dem römischen Kaiser Valet gesagt habe, um hier in die Arme einer

griechischen Helena zu sinken.«

»Ei, der Himmel bewahre mich in Gnaden!« platzte Justine heraus, und

floh vor den ausgestreckten Armen des Fremdlings nach der Mutter Zimmer.

Van den Höcken lachte ungemessen, und wehrte dem Senator ab, der

Justinen nacheilen wollte.

»Lassen Ew. Edeln das wilde Jüngferlein immerhin springen und laufen,«

sagte er fortlachend, »der Wein muß brausen, das Bier schäumen. Am Ende

gibt es noch den solidesten Trank. Ich bin der Jungfer schon recht

zugethan, und denke, _sie_ soll mir es auch werden. Alte Hagestolze wie

ich, haben das Geheimniß endlich weg, wie man das Frauenzimmer kirre

macht. Für's Erste jedoch,« setzte er hinzu, »weisen Sie mir mein Zimmer

an, und entschuldigen Sie mich bei Ihrer lieben Frau. Zum Thee komme ich

herüber. Meine müden Beine müssen bis dahin ausrasten.«

Der Senator stieß dienstfertig die Thüre auf, und van den Höcken

betrachtete mit Wohlgefallen sein Quartier. »Ew. Edeln haben mich wie

einen Cogreßambassadeur logirt,« schmunzelte er, »Item, unsere

persönliche Bekanntschaft hebt vollkommen gut an; wünsche nur, daß auch

in =saeteris= alles gut ablaufe, mein bester Herr.«

Der Senator wollte den Augenblick benutzen. Er stellte sich daher vor

den im Lehnstuhle ruhenden Gast, und begann zu erzählen von dem

Buchhalter, der nicht zugegen, von dessen oberflächlichem Brief, von der

Freude, die er empfinde, den Handelsfreund zu bewirthen, von den bösen

Zeiten und den Wagnissen eines Spekulanten, und besonders von der

Nothwendigkeit, sich als Christen gegenseitig zu unterstützen, und zu

schonen. Als er jedoch bis zu diesem Punkte gekommen war, faltete der

Gast seine Stirne mächtig, bewegte mißbilligend den Kopf, und entgegnete

ziemlich unfreundlich: »Geschätzter Herr Senator! Dergleichen

Betrachtungen schicken sich wenig in der ersten Bewillkommnungsstunde.

Was jedoch die Spekulanten betrifft, und die christliche Moral, so

sollen Erstere nicht weiter fliegen wollen, als die Federn reichen, und

Letztere nicht begehren, daß Einer, um dem Andern durch die Finger zu

sehen, sich selber ruinire. Sie werden mich begreifen, obgleich ich

nicht das beste Deutsch rede. Im Holländischen könnte ich mich freilich

besser ausdrücken. Uebrigens lassen wir dergleichen Erörterungen auf

morgen. Meine Maxime ist: zuerst ruhen, dann arbeiten. Morgen nach dem

Frühstück von Geschäften. Meine Wechsel sind in aller Ordnung. Halten

Sie nur das Ihrige in Bereitschaft.«

Der Senator war wie von kaltem Wasser übergossen. -- »Ew. Edeln

vergessen,« stotterte er, »daß meines Buchhalters Abwesenheit......«

»Doch keinen Aufschub macht?« unterbrach ihn van den Höcken, herzlich

lachend. »Warum nicht gar! Ein exakter Kaufmann, wie Sie, weiß die

Zahltermine auch ohne den Buchführer. Respekttage habe ich in Hülle und

Fülle gelassen, und aufhalten kann ich mich nicht länger als zwei Tage.

Also haben Ew. Edeln die Güte, sich nicht länger zu sträuben. Ich weiß

es; große Summen gehen schwer vom Herzen; mir selbst nicht minder;

allein was sein muß......, nun, Sie sind ja ein Ehrenmann, und somit

heute kein Wort mehr hievon.«

Müssinger empfahl sich mit verstecktem Mißvergnügen, und ging bis zur

Dämmerung heftig auf dem Altan des Hauses hin und her, um sich die

gehörige Fassung zuzuwenden, deren er, seinem Gaste gegenüber, bedurfte.

Plötzlich blieb er stehen, und sagte vor sich hin: »Bin ich denn nicht

ein blödsinniger Mensch, daß ich noch hoffe, und kann diese Hoffnung mit

nichts in der Welt rechtfertigen? Was soll mir eine leere gespenstige

Erwartung? Warum habe ich nicht auf der Stelle dem hartnäckigen Manne

gesagt, was er morgen dennoch erfahren muß? daß es weit ärger mit mir

steht, als selbst mein Buchhalter ihm gesagt, dessen vergebliche

Bemühungen er nur für die Flausen eines Mannes, der nicht zahlen _will_,

zu halten scheint. Ich muß mich demüthigen vor ihm, wie nicht vor einem

Kaiser, und nur von seiner Barmherzigkeit Rettung erwarten! Ein saurer

Schritt, -- der sauerste meines Lebens! ist er aber vergebens, auch mein

Letzter, so wahr mir Gott gnädig ist. Vor des Holländers Augen

zerschmettre ich mir den Kopf!«

Von diesem Gedanken erfüllt, stieg er hinab in sein Cabinet, lud mit

der Entschlossenheit der abgestumpften Verzweiflung seine großen

Reisepistolen, und legte sie, unfern von seinem Drehstuhle, in ein

verstecktes Fach des Schreibtisches. Hierauf schloß er sorgfältig zu,

gab den Comptoirbedienten für den _ganzen_ folgenden Tag -- einen

Sonntag -- freien Urlaub, und verfügte sich in die Wohnstube, wo

er seine Frau, ihre Freundinnen, Justine und van den Höcken schon

beisammen fand. Der Thee wurde nach holländischer Sitte herumgereicht.

Der Gast setzte sein größtes Vergnügen darein, sich von der Tochter

bedienen zu lassen, und durch mehrere Scherze, wie sie alte

Herren seines Schlags sich oft zu erlauben pflegen, die Röthe der

Jungfräulichkeit auf ihre Wangen zu jagen.

»Das wäre ein Mädchen,« sagte er unter Andern, »das wieder Leben in mein

verödetes Hauswesen bringen könnte, wenn ich einen Sohn hätte, oder wenn

die Jungfer mich selbst zum Manne nehmen wollte. Unsre steifen

Amsterdamer Puppen müßten sich verstecken vor der muntern Frau van den

Höcken. Wahrhaftig, Ew. Edeln: -- seh' ich die Jungfer an, so wird mir's

wohl begreiflich, wie sie _ihre_ Tochter sein kann; aber die bequeme

Madam dort im Kanape würde nicht jeder für _ihre_ Mutter halten.«

»Hm!« dehnte die Senatorin etwas empfindlich, »Ew. Edeln und meine

Wenigkeit stellten dafür ein passenderes Paar vor.«

»Wahrhaftig!« lachte van den Höcken ausgelassen. »Sie haben recht, meine

Werthgeschätzte, und ich würde auch des Schicksals Wink nicht unbeachtet

lassen, hätte es dem Himmel gefallen, sie in ledigem Stande vor meine

Augen und Gemüth zu führen. Wie die Sachen aber jetzo stehen, werde ich

mich schon an die Jungfer Tochter halten müssen.«

»Bitte sehr!« lächelte Justine schnippisch, und zog ihre Hand aus der

Rechten des Holländers. Die geneigte Mama setzte indessen phlegmatisch

bei: »Inkommodire sich der Herr nicht. Meine Tochter ist versprochen,

sie wird eine Birsher in New-York.«

»Oho!« entgegnete van den Höcken. »Mit dem Birsher nehm ich's auch noch

auf. Bin ich nicht so jung wie der Sohn, bin ich doch reicher als der

Vater, und der Weg nach Amsterdam ist um ein gutes Stück näher, als der

nach Amerika.«

»Danke gar sehr, lieber Herr!« spöttelte Justine. -- Die Mutter nickte

ihr den völligsten Beifall zu. Der Vater ließ sich vertraulich neben

dem Holländer nieder, und sagte, als die Frauen sich wieder alle um

die Theekanne und Butterschnitten drängten, so süß als möglich: »Ew.

Edeln haben eine unvergleichliche Gabe, zu scherzen. Ein Anderer hätte

glauben können, Sie hätten in der That ein Auge auf unser Kind.«

»Das habe ich auch,« bekräftigte van den Höcken. »Ich bin der

schnippischen Jungfer seelengut, und möchte sie für mein Leben gern in

_meinem_ Bauerchen haben.« --

»Ha!« versetzte der Senator, vor dessen Seele allerlei Hoffnungen und

Plane wieder aufdämmerten: »Wir waren ja bisher, ohne uns zu kennen, so

gute Freunde, achtbarer Herr...«

Er stockte, _ein_ Auge sah verlegen auf den zitternden Busenstreif, das

Andere auf den Holländer, der, seine Pfeife kaltblütig anbrennend,

langsam zu ihm sagte: »Nun? und weiter? Drücken Ew. Edeln ab! Nun?«

»Ich meinte nur,« fuhr der Senator, seine Schmiegsamkeit mit

ungeduldiger Ruhe behauptend, fort, -- »daß ich Ihnen nicht leicht ein

Ansuchen fehl gehen lassen möchte, wenn dessen Erfüllung in meiner Macht

stände.«

»Versteh ich Sie?« fragte van den Höcken heimlicher: »Vielleicht auch

nicht das Ansuchen um die Jungfer Tochter?« --

»Ihr Scharfsinn, werther Herr, ...« begann der Senator. --

»Bitte! keine Complimente!« fiel der Holländer ein. »Der Birsher steht

aber im Wege. Wie könnte man _den_ wegschaffen?«

»I nun,« flüsterte Müssinger, »man müßte sehen, wie sich etwa die

Gelegenheit darböte...«

»Ein ehrliches Mannswort zu brechen?« sagte van den Höcken ernst, und

mit Vorwurf: »ein kaufmännisches Versprechen ist heilig wie ein Eid. Es

muß gehalten werden, wenn auch eine Gelegenheit sich darböte ... lieber

Mann, und ein noch zehnmal reicherer Freier als van den Höcken von

Amsterdam, der Ihnen nur um der lieblichen Tochter willen den niedrigen

Charakterzug vergibt --«

»Mein werther Herr,« wollte der Senator auffahren. Der Gast hielt ihn

jedoch im Zaume, indem er ihm zuflüsterte: »Machen Sie doch Ihren

Schritt nicht vor Ihrer Familie und den Fremden offenbar. Schämen Sie

sich im Stillen vor mir allein, und wundern Sie sich nicht, wenn ein

ehrlicher Mann zögert, Ihnen Credit zu geben, da Ihre feierlichen

Zusagen Ihnen feil geworden sind.«

Den Rücken des Senators überlief es wie mit tausend Nadelspitzen.

Kurz und trotzig, um den Herrn von Amsterdam seine Beschämung nicht

sehen zu lassen, wendete er sich von ihm, und vergaß die Pflichten

des Hausherrn. Van den Höcken übersah ihm den Ingrimm, und mischte

sich in ein Gesellschaftsspiel, das die Frauen beliebt hatten. Hier

entfaltete er bald eine Fröhlichkeit, die man ihm nicht angesehen

hatte, eine Freigebigkeit, die den Spielerinnen nicht mißfiel, und

eine Gutmüthigkeit, die ihm Justinens Herz geneigter machte. Er zog es

auffallend vor, sich mit dem muntern Mädchen zu unterhalten, gab sich

viele Mühe, es an sich zu fesseln. Der Senator sah mit schwankenden

Hoffnungen und vieler Reue dieser feinen Bewerbung zu, bis die zehnte

Stunde schlug, und die Schicklichkeit gebot, den Gast nach seinem

Zimmer zu geleiten, und die Frauen allein zu lassen. Verbindlich und

gefällig wünschte van den Höcken allerseits gute Nacht, und begehrte

scherzend von Justinen den Verlobungskuß. Die Jungfer verweigerte sich

lachend. Van den Höcken hatte sich's vorgenommen, die süße Frucht nicht

unberührt zu lassen. -- »Will Sie mich nicht qua Bräutigam küssen,

spröde Jungfer,« sagte er lachend, »so erlaube Sie mir doch wenigstens,

Sie =qua= Papa zu küssen. Ich könnte es ja doch sein, denke ich; he? --«

»Gute Nacht, Herr Vater!« antwortete dem Scherze nachgebend und munter

das lustige Mädchen, und bot ihm Stirne und Wange zum Kuß. Van den

Höcken zauderte nicht, von der Erlaubniß Gebrauch zu machen, und

verließ, glänzend und strahlend von Vergnügen das Zimmer. Der Herr vom

Hause, von widrigen Gefühlen bewegt, ging, den vergoldeten Armleuchter

in der Hand, zum Gastzimmer hinaus. Beide Männer schwiegen ernsthaft.

Der Senator öffnete mit eignen Händen die grünen Damastvorhänge des

Alkovens, schloß die Fenster, zeigte stumm auf alle Bequemlichkeiten der

Wohnung, und wollte sich mit einem trocknen: »Schlafen Ew. Edeln wohl!«

abführen. Van den Höcken redete ihn darauf an.

»Wollen wir denn im Groll scheiden, werther Herr und Gastfreund?« sagte

er: »Lassen Sie uns Friede machen. Ich habe Ihnen meine Meinung gesagt,

und Sie haben bereut; somit gut. Wollen Sie bedenken, daß Feindseligkeit

nichts taugt. Sie haben mich selber in Ihr Haus geladen, und

vertrauensvoll hab ich's angenommen. Sein Sie auch freundlich in dem

gastfreundlichen Hause. Bei Gott, ich bin es auch wieder.«

Der Senator konnte zwar die dargebotene Rechte des Kaufmanns nicht

ausschlagen, aber gefangen geben mochte sich sein Stolz auch nicht.

Steif verbeugte er sich daher und erwiderte: »Ew. Edeln wollen scherzen.

Ich habe Alles vergessen, und bitte um dieselbe Vergünstigung. Wann

befehlen Sie morgen geweckt zu werden?«

»Ich incommodire nicht,« versetzte van den Höcken, ziemlich unbefriedigt

von des Senators Rede: »mein übergesegneter Körperumfang weckt mich

frühzeitig, duldet mich nicht im Bette. Um acht Uhr wünsche ich mit dem

Frühstück bedacht zu werden, damit wir um Neun an unser Geschäft gehen

können.«

»Sehr wohl,« entgegnete Müssinger eiskalt; »Alles soll geschehen, wie

Sie es anordnen. Gute Nacht!« --

Van den Höcken legte sich zu Bette: aber der Senator fand in seiner

Stube keine Ruhe. Einmal sogar verließ er dieselbe, das Licht in der

Hand, und schlich in leisen Pantoffeln bis zu der Schlafkammer seiner

Tochter. Schon hatte er den Finger gekrümmt, um anzuklopfen, aber scheu

trat er wieder zurück, suchte er wieder seine Stube. -- Warum das

Mädchen in das Geheimniß ziehen? sagte er mißbilligend zu sich selbst:

Wird nicht ihr Eigensinn oder ihre Angst mich verderben? Es ist nicht

gut, wenn der Vater die Rettung seiner Habe in schwache Kinderhände

legt. Im Alter folgt der Vorwurf hinterdrein, oder auf der Stelle

mißlingt der Plan. In welchem Lichte stünde ich vor dem holländischen

Herrn! Könnte er's dann nicht mit Händen greifen, daß ich ihn nur in's

Haus gelockt, um ihn zu kirren; daß ich auf gewisse Art der Kuppler

meiner Tochter...? Pfui, Müssinger. Diese Blöße wäre unverzeihlicher,

als die, welche deine Schwäche und deine fürchterliche Bedrängniß

gaben. Fasse Muth, unglücklicher Mann! Trinke den bittern Kelch aus,

wie du es dir vorgenommen. Ist der Holländer, seiner Pünktlichkeit und

Hartnäckigkeit zum Trotz, ein Mann von Gefühl, wie ich beinahe nach

seinen Reden vor dem Schlafengehen glauben möchte, so wird ihn die

treue Schilderung meiner Lage rühren; wo nicht ... in Gottes Namen!

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 3 / 32 段