»_Mein_ König,« versetzte schmerzhaft der Jüngling, »besitzt kein Land,

als seine himmlische Heimath, die ihm kein Usurpator rauben kann. Der

Krone England gehören jedoch jene Länder auch nicht. Dort herrscht

Spanien und der Pabst.«

»Gott steh' uns bei!« rief unwillkürlich Justine aus. Da sie jedoch

bemerkte, daß James sie fragend ansah, fühlte sie Beschämung, und

setzte bei: »Bin ich nicht ein närrisches Kind, und werdet Ihr mich

nicht auslachen, daß ich vor dem Pabst erschrecke?« --

»Ich weiß ja,« entgegnete James ruhig, »daß in England, so wie hie

und da auf deutschem Boden die Amme schon dem Säugling den Namen des

Pabstthums neben der Verdammniß nennt. Mich wundert das eingesogene

Vorurtheil nicht, ob es mich gleich schmerzt, es in einer Seele, so

schöner Anlagen und Keime voll, wie die Ihrige, zu entdecken. Lassen

Sie unserm Parlamente seine Barbarei gegen Irland, dem fanatischen

Calvin seine Scheiterhaufen: dem Weibe sei Duldung ein bekannter,

wohlaufgenommener Gast.«

Das Mädchen sah den Lehrer mit großen Augen an; äußerte jedoch alsdann:

»Wahr, mein Herr; sehr wahr. Ohnehin kann ich nur urtheilen, wie der

Blinde von der Farbe. Ich habe noch nie einen Katholiken gekannt, noch

nie den römischen Gottesdienst gesehen.«

»Dann sahen Sie das Schönste nicht, was jemals der menschliche Geist

ersann, seine Anbetung des Allerhöchsten glänzend und würdig an den Tag

zu legen,« rief James, wie begeistert: »das geheimnißvollste, und doch

zu den Sinnen ernst und schmeichelnd sprechende Schauspiel! O! wer

rühmte sich wohl, je gewußt zu haben, was Gebet ist, der nicht dem

römischen Cultus einmal beigewohnt? Diesem erhabenen Opfer, das ein so

heiliges Band um alle Gemüther webt! Das ist der Tempeldienst für

fühlende Menschen, für Seelen, die sich begeistert an die Flügel der

Gottheit hängen wollen; der Dienst, den der heitere Süden gebar, und das

Land, in dem der Herr sichtbar wandelte. In unserm traurigen Norden, wo

das Herz kalt und unfruchtbar ist, wie der harte Boden, wo der

Alltagsverstand grübelt, statt zu _glauben_, ist Alles anders, und in

der eisigen Form versteinert endlich auch der Geist.«

»Ich wundre mich, daß ein englischer Protestant der feindlichen Kirche

so glänzend Gerechtigkeit wiederfahren lassen mag,« versetzte Justine,

als James schwieg: »_Unsre_ Prediger schildern sie ganz anders. Indessen

ist etwas Wahres an Euern Empfindungen und Meinungen. Das fühle ich

wohl. Aufrichtig gesagt: die Perücke unsers Pfarrers hat mir nie besser,

nie schlechter gefallen als seine Predigt, und die schnarrenden und

schluchzenden Stimmen meiner Kirchennachbarinnen machen allezeit das

Lied zu einem possierlichen, nicht ehrwürdigen Ohrenschmaus. Wir haben

indessen schon allzulang von Babylon gesprochen, mein guter Monsieur,

und die Mutter nimmt sich eben vor, zu erwachen.«

Die Unterredung, die einen so wunderlichen Umschwung genommen hatte,

fand ihr Ende, aber in Justinens Ohren setzte sie sich leise fort, und

das Mädchen konnte sich nicht erwehren, dann und wann Betrachtungen

über den Gegenstand anzustellen. Wohl hatte sie hin und wieder von den

geweihten Flammen, den prächtigen Gewändern einer Messe gehört; von der

herrlichen Musik, den duftenden Weihrauchwolken, den Blumengefäßen und

heitern Panieren; ... allein, theils war immer in ihrem Kreise nur

mißbilligend und verdammend von diesen Dingen die Rede gewesen, theils

waren diese angedeuteten Bilder zu verworren, um sich in _einem_ Rahmen

vor der Seele zusammenfügen zu können. Durch James feurige Rede waren

die seltsamen Vorstellungen wieder erwacht. Hielt sie mit ihnen die

finstre Johanniskirche zusammen, mit dem schmucklosen Altar, der

einfachen gothischen Kanzel, und dem zufällig eintönigen näselnden

Vortrag des Predigers, so mußten Letztere verlieren. Ihr lebhaftes,

fröhliches Gemüth haschte nach dem fröhlichern Eindruck, und, sann sie

oberflächlich über den Kern der unfreundlichen Schaale nach, so waren

eben jene geschmacklosen Kanzelreden, und das geistlose Plappergebet,

das ihre Mutter alle Abende ableierte, nicht geeignet, sie in dem

unbedingten Vertrauen zu _ihrer_ Lehre zu stärken.

In dem Geschäftslokale des Hauses ging indessen alles einen gedrängten,

unheimlichen, leisen Gang. Von Mäcklern und Unterkäufern wurde es nicht

leer. Aufgebrachte, drohende Gläubiger und Bürgen gingen oft aus dem

Hause; lauernde Juden, Leute die sonst nimmer in des Senators

Schreibstube gesehen worden, gingen häufig hinein, und einer gab dem

Andern die Thüre in die Hand. Waarenvorräthe wurden schnell

losgeschlagen, um Spottpreise weggegeben; kleinere Schuldposten an des

Senators Firma mit Härte und Ungebühr von Nothhaft eingetrieben.

Dürftige Geldlasten kamen ein, schwerere Ladungen gingen hinaus. Der

Neid hatte auf den _glücklichen_ Müssinger ein offnes Auge gehabt. Der

Unglückliche wurde von tausend Augen belauert. Ein dumpfes Gerücht kam

auf der Börse aus: der Senator stehe schlecht, sein Haus würde fallen.

Viele Geschäftsfreunde zogen sich plötzlich aus allen Verhältnissen mit

ihm; Andere, die nicht so schnell sich losmachen konnten, führten

drohende Reden in der Blume; die wenigsten warnten den Senator; keiner

bot ihm die Freundeshand. Müssinger hatte Mühe und Plage, unter diesen

beunruhigenden Vorzeichen sein unbefangenes Gesicht zu bewahren, und das

vornehme Uebersehen, das er sich angewöhnt hatte. Indessen wünschte sein

Herz ungeduldig den Buchhalter herbei, und _viele_ Augen warteten auf

dessen Rückkehr. Es hieß, von Amsterdam aus werde die Entwicklung

kommen; ob nun der erfrischende Ostwind, oder der niederwerfende Sturm.

Endlich kam in der Nacht der Buchhalter wieder an; mit Eilpferden, wie

er verreis't war. Der Senator wurde geweckt, und stieg zu dem Harrenden

in das Cabinet hinunter. Bei stiller Lampe und fest verriegelter Thüre

wurde die Unterhandlung gepflogen, bis das Morgenroth zu den Oeffnungen

der Fensterladen hereinsah, und die Gassen belebt wurden. Da trat der

Senator allein aus seinem Hause, und schlug den Weg zum Kaufhause ein.

Sein Anzug war in einer Unordnung, wie er ihn noch nie auf der Straße

gezeigt hatte; unverändert so, wie er ihn um die Mitternachtsstunde

umgeworfen hatte; die Schuhe niedergetreten, die Strümpfe hängend, die

Halsbinde locker, und das Haar zerrüttet. Doch war sein Schritt so

hastig, daß er wie im Fluge an den Leuten vorbeischoß, die mit

Lebensmitteln zur Stadt kamen. Am Krahnenhause war Alles noch still und

einsam. Einzelne Schiffer lungerten am Gestade, oder wälzten sich auf

dem Verdeck ihrer Fahrzeuge. Der Senator hielt sich nicht bei den

Grüßenden auf, sondern lief immer stromabwärts, bis er die letzten

Gebäude und Schuppen der Quai's und der Stadt hinter sich hatte, und zu

der Kastanienallee gelangte, welche, auf eine Viertelmeile sich

erstreckend, neben dem Flusse hinlief, zum Spaziergange der Städter

dienend. Steinbänke waren zwischen den Bäumen angebracht, und eine mäßig

hohe Brustwehr von Eisengitter schloß den Platz gegen den Strom zu, der

reißend und tief unter der Balustrade vorüber tobte. Dieser Ort war,

der Kühlung wegen, im hohen Sommer stark besucht; jedoch meistens nur in

den Abendstunden; denn die Aurora verträumen die Müßigen gerne, und

ihren Genuß im Freien verschmähen die Arbeitsamen. So kam es denn, daß

auch am heutigen Tage nur ein einziger Mann auf der Promenade saß, halb

von einem mächtigen Stamme verdeckt, dessen Farbe von dem grauen

Oberrocke des Mannes wenig abstach. Eine Druckschrift lag auf den Knieen

des Einsamen, allein die Aufmerksamkeit, die er auf dieselbe verwendete,

hinderte ihn nicht, den Senator zu gewahren, der herbeieilte, ohne etwas

vor sich zu sehen, als das Ziel seiner Wünsche; der, einige Schritte von

dem Lesenden entfernt, schnell wie der Blitz den Stock wegwarf, mit

_einem_ Satze auf dem Geländer saß, und sich im folgenden Moment in den

Fluß gestürzt haben würde, hätte ihn nicht der herzugekommene kräftig

bei den Schultern gefaßt, und ihn zurückgezogen.

Der Versuch eines feigen Selbstmords duldet keine Zeugen. Der Mann der,

einem großen Zwecke zu genügen, das Leben wegwirft, wird in seiner

Begeisterung den Arm zurückstoßen, der ihn hindern will. Der Schwärmer,

der Wahnsinnige, der gegen sich den Dolch zuckt, wird auf kurze Zeit die

Raserei eines Thieres gegen Denjenigen wenden, der ihm die Waffe

entreißt; der Schwächling aber, oder der Mensch, der einem falschen

Ehrgefühl, seinem Hochmuth, sich zum Opfer schlachten will, verliert

alle Herzhaftigkeit, sieht er sich ertappt; denn er ging auf einen

Frevel aus. Ohnmächtig läßt er den Vorsatz fahren, und die bitterste

Beschämung vergilt den kurzen Rausch eines erzwungenen Heroismus.

Der Senator lag mit geschlossenen Augen und hochathmender Brust in den

Armen des unbekannten Helfers, und ließ sich von ihm, ohne das mindeste

Widerstreben zu äußern, nach der nächsten Bank geleiten. Hier hielt er

sich an den Baum, und schlug beide Hände vor's Gesicht. Nach einem

kurzen Stillschweigen sagte der Andre mit sanfter und wohlklingender

Stimme: »Sie wollten ein voreilig Werk thun, lieber Mann, aber Gott hat

Anderes mit Ihnen im Sinne. Beruhigen Sie sich daher; vergessen Sie, daß

der Teufel Sie in Versuchung führte, und gehen Sie wieder muthvoll an

die Geschäfte, die Ihnen obliegen.«

Der Senator zuckte zusammen, schlug die Augen wild auf, und erwiderte

dem Manne, in dessen ernstem Gesichte ein erfreuliches Mitgefühl zu

lesen war, mit gepreßter Stimme: »Warum haben Sie mich zurückgehalten,

Herr? Jetzt wäre Alles vorbei, und meine Ehre nicht doppelt verloren,

wie es geschehen wird, wenn man in der Stadt erfährt, was ich versucht

habe.«

»Bekümmert Sie das allein?« fragte der Nachbar tröstend: »Beruhigen Sie

sich, wiederhole ich Ihnen. Ich bin ein verschwiegener Mann,

verpflichtet zur Bewahrung der Geheimnisse, die man mir anvertraut, und

werde niemals Ihren Frieden oder den Ihrer Familie durch eine

Unbescheidenheit stören.«

Der Senator sah sich scheu um. »Wahr ist's;« sagte er hierauf: »Wir

sind die einzigen Anwesenden an diesem Orte. Wenn Sie daher schweigen

wollten... Kennen Sie mich?«

»Ich könnte es verneinen, um Sie zu täuschen;« erwiderte der Andere:

»allein ich hasse den unschuldigsten Winkelzug. Sie sind mir bekannt,

Herr Senator; aber wie gesagt, schon mein Stand schützt Sie vor einer

möglichen Indiskretion.«

»Darf ich fragen...?« sagte Müssinger, ihm gespannt in's Auge

blickend. --

»Ich nenne mich Leupold, bin Doctor beider Rechte, und habe seit manchen

Jahren als Sachwalter bei verschiedenen Gerichten fungirt. Ich verstehe

mich auf's Schweigen; um so mehr, als es hier den Ruf eines Mannes gilt,

dessen Haus mein guter Pflegesohn zu besuchen berufen worden ist.«

»Ich entsinne mich,« entgegnete der Senator, nicht unangenehm

überrascht, den neuen Bekannten durch ein gewisses Band des Vertrauens

an sich gefesselt zu sehen: »Wären andre Umstände vorhanden, ich würde

mich Ihrer Bekanntschaft freuen, Herr Doctor. Vergeben Sie mir daher,

wenn ich nicht bin, wie ich sein sollte.«

»Solche Revolutionen gehen nicht leicht ab. Gehen sie nach Hause, Herr

Senator. Ein niederschlagendes Pulver und Ruhe werden Ihre Besonnenheit

am Besten wieder herstellen.«

»Nach Hause? Wo denken Sie hin? Nach Hause, wo ich der Schande entgegen

sehe? Sie haben mich verhindert, im Flusse mein Ende zu suchen. Lassen

Sie mich wenigstens so weit fliehen, als mich meine Füße tragen. Ich bin

ein zu Grunde gerichteter Mann. Ich kann den Spott der Feinde und die

Vorwürfe der Meinen nicht ertragen. Ich will fort, über See!«

Er stand rasch auf, um in dem verstörten Zustande, worinnen er sich

befand, in die Welt zu laufen. Der Doctor hielt ihn zurück. -- »Bedenken

Sie, was sie thun!« sagte er: »Ich kenne nicht Ihr Leid, nicht Ihre

Verhältnisse. Aber die Lage Ihrer Angehörigen wird zehnfach schlimmer,

wenn Sie diesen Schritt thun, und Ihnen folgt die Schande zehnfach. Ich

habe viel erfahren in der Welt. Das Schicksal hat uns auf eine so seltne

Weise zusammengeführt, daß ich mir fast die Freiheit nehmen möchte, mir

ein Recht auf Ihr Vertrauen anzumaßen. Daher...«

»Ist es denn der Mühe werth, Ihnen ein Geheimniß aus dem zu machen, was

binnen drei Tagen die ganze Stadt wissen wird, wissen muß? Herr! mein

Geschäft bricht ein. Der Ultimo kommt heran, ich kann nicht zahlen. Ein

unbarmherziger Gläubiger, der jede Verlängerung ausschlug, kommt

übermorgen selbst hier an, um mich zu verderben. Kaum vermochte mein

Agent mir davon früher Kunde zu bringen. Ich kann ihn nicht befriedigen,

nicht den sechsten Theil seiner Wechselforderung schaffen. Alle Quellen

sind erschöpft; meine Bücher weisen eine geldleere Wüste auf. Der Senat

stößt den Bankerutier aus, und meine Familie in's Elend. Da, da wissen

sie Alles, was ein Kaufmann sonst nur im letzten Augenblick gesteht.

Ermessen Sie meine Lage, und posaunen Sie dieselbe aus, oder schweigen

Sie. Mir ist Alles gleichviel. Lassen Sie mich aber fort. --«

»Wollen Sie in's Verderben rennen, und auf Glück, auf Gott, und

Ihre eigne Männlichkeit nicht vertrauen -- gehen Sie hin!« sprach

mit abstoßendem Tone der Doctor, und wendete sich mißmuthig von dem

Verzagenden. -- Dieser kurze Bescheid brachte indessen den Senator

wieder zu sich. Wir sind häufig in mißlichen Lagen, wie die Kinder,

klagen und jammern immer mehr, je größre Mitklage wir erwecken, und

schweigen plötzlich gefaßt, wenn unser »Zeter« keinen Eindruck mehr

macht. Der Senator sah sich betroffen nach seinem neuen Freunde um.

Sein Fuß wurzelte. Er legte seine Hand auf des grauen Mannes Schulter,

und fragte nach geraumen Schweigen: »Was sagten Sie da? Wem soll ich

vertrauen? Gott? Guter Herr, ich bin kein Pietist, und nicht von

heute. Lassen wir das. Dem Glück? Ich habe mich lange dabei wohl

befunden, allein, wenn _eine_ Stütze bricht, halten auch die andern

nicht lange mehr. Meiner Männlichkeit? Wie meinen Sie das?«

»Der Wille des Menschen vermag viel,« antwortete der Doctor: »In ihm

liegt der Beistand des Höchsten; er regiert das Glück; glauben Sie mir

das. Das Leben ist nun einmal ein Kampf, diese Welt der Fechtplatz.

Wer sich am rüstigsten durchschlägt, gelangt sicher zum Ziel.

Uebelverstandenes Ehrgefühl, -- schlecht ausgelegte Moral sogar, kann

den besten Kämpfer entwaffnen, und zum Spott seiner Gegner machen. Man

behaupte die Bahn, in welche man geworfen ist, und träume sich nicht

in eine andere. Man zittre nicht vor der Gefahr, man trete ihr auf den

Nacken.«

»Ich verstehe Sie nicht,« äußerte der Senator, und ließ sich horchend

neben den Doctor nieder: »ich bin fünfzig Jahre alt geworden, und wenn

ich gleich schon Aehnliches, wie Sie mir da predigen, _gefühlt_ habe,

_gesagt_ hat mir es noch Niemand.«

»Sie haben nur die Handelswelt kennen gelernt,« versetzte achselzuckend

der Doctor: »Ein Beispiel wird Sie jedoch überzeugen. Sehen Sie hier

einen Traktat über die Seeschlacht bei la Hogue, wo Admiral Russel die

französische Flotte vernichtet hat. Diese Schlacht war eine der

außerordentlichsten Begebenheiten der Zeit, und herbeigeführt und

gewonnen unter den widerstrebendsten Conjunkturen. Nicht Wind, nicht

Wetter, nicht das eiserne Joch der Verantwortlichkeit achtend, wurde

geschlagen, wurde gesiegt. Aus dem gefürchteten Verderben trat glänzend

die Victorie hervor. So viel vermag der Wille und die dadurch aufgeregte

Kraft des Menschen. Und, -- merken Sie sich das genau: im bürgerlichen

Leben, wie im Schlachtandrang gilt der Satz: Hilf dir selbst, und Gott

ist mit dir. Stoße _den_ vom Brett, der dich hinunterstoßen will, oder

schweige und ergieb dich verzagt in das verdiente Geschick.« -- »Ich

staune über Ihre Reden, gelehrter Herr,« sagte der Senator, obschon

aufgerichteter als zuvor: »wie aber soll ich sie in =praxi= anwenden?

Dunkel bleiben mir Ihre Worte, oder machen mich zittern, sollte ich Sie

verstehen.« -- Der Doctor lächelte.

»Träumen Sie ja nicht von Gespenstern,« erwiderte er halb im Scherze:

»ich schreibe nur sanfte Mittel vor. Sie führen ja nicht das Bajonnet,

nicht den Commandostab. Nur so viel in Kurzem: Geben Sie nicht feig

Alles verloren. Von Stunde zu Stunde wechselt das Glück seine Häuser,

und schüttet vielleicht in der nächsten den goldenen Regen durch Ihren

Schornstein. Verlarven Sie nicht. Spricht das Unglück von Ihrer Stirne,

so finden Sie keinen Freund mehr, während der Schein der Zuversicht

Ihnen vielleicht in der letzten Minute den thätigsten wirbt. Waffnen Sie

sich wider den Gegner, der sich naht; nicht mit Messer und trotziger

Schmähung, sondern mit dem glatten, überredenden Worte, und der

vielversprechenden Stirne. Freundlichkeit bezwingt den festesten

Vorsatz. Jeder Mensch hat den verwundbaren Fleck. Jeder Mensch ist

eitel. Suchen Sie die Ferse des Achilles. Schmeicheln Sie seiner

Eitelkeit. Der günstige Augenblick einmal benützt, und die Wechsel

werden prolongirt, die Frist ist gewonnen, mit ihr die Hoffnung, und in

der Hoffnung liegen ja alle unsere Reiche. Was möglich ist, kann auch

wahr werden, und das Mißgeschick macht immer wieder der Fortuna Platz.

Hören Sie nie auf, auf sich zu zählen, und auf meine Verschwiegenheit.«

Mit einer anständigen Verbeugung verließ der Doctor den Handelsherrn,

und wandelte nach der Stadt zurück. Müssinger sah ihm verwundert nach,

und dann in sein eignes Innres. Mittel und Wege fand er freilich

darinnen nicht vor, aber ein besserer Muth belebte seinen Geist, und

sein Plan, sich aus der Welt zu schaffen, kam ihm bald wie ein Traum,

bald lächerlich vor. Der prachtvolle Morgen trug das Seinige dazu bei,

den aufgeregten zu beruhigen. Die erste Folge dieser eintretenden Ruhe

war die Sorgfalt, die der Senator darauf verwendete, seinen Anzug

wieder bildlicher und anständiger herzustellen. Alsdann stand er auf,

blickte zum Himmel auf, und murmelte: Wohlan! den Versuch ist ja wohl

die Lehre werth, und im schlimmsten Falle ändert ja der Strom binnen

drei Tagen nicht sein Bett! -- Somit drückte er den Hut in die Augen,

wanderte gravitätisch zur Stadt zurück, und seiner gleichgültigen

Miene hätte Niemand angesehen, wie es vor einer halben Stunde um ihn

gestanden.

»Mein Guter,« sprach er nach einiger Ueberlegung in seinem Cabinette zu

dem Buchhalter: »Es liegt mir daran, daß Ihr Euch von dem Amsterdamer

nicht in meinem Hause finden lasset. Es dient mir zu besserem Stand und

Hinterhalt, wenn ich sagen kann, daß Ihr, auf andern Geschäftstouren

begriffen, noch nicht zu mir heimkehrtet, mir seine Antwort noch nicht

hinterbrachtet. Ihr habt mir nur in einem Briefe gemeldet, daß _er_

selbst kommen würde, sich mit mir in Richtigkeit zu setzen; nichts

weiter, versteht Ihr mich? Ich gewinne durch diese Unwissenheit

Aufschub, und während dessen geht eine neue Quelle auf.« -- »Das gebe

Gott!« seufzte der treue Buchhalter: »wo befiehlt aber mein

hochzuverehrender Herr Prinzipal, daß ich mich hinbegebe?« -- »Ihr mögt

nach Steinstadt reisen,« erwiderte der Senator, »und bei Gericht den

Zwangprozeß gegen unsern saumseligen Schuldner, den Apotheker, eifrig

betreiben und anhängig machen. In einigen Tagen ist das Geschäft

beendigt, zu dem ich einen Diener abfertigen würde, wenn nicht die

Umstände wären, wie sie sind. Damit jedoch Eure Abfertigung ein gewisses

Aufsehen mache, mögt Ihr hier noch zu verbreiten suchen, daß Ihr in

meinem Namen auf die Steinkohlengruben bieten sollt, die der Graf zu

Steinstadt versteigern läßt.«

»In Gottes Namen!« ließ sich der Buchhalter vernehmen, und ging, sich

fertig zu machen. Der Senator stieg indessen hinauf zu seinen

Frauensleuten, und kündigte ihnen an, der Herr van den Höcken von

Amsterdam werde binnen wenigen Tagen eintreffen, und eingeladen werden,

in dem Hause seines Geschäftsfreundes sein Quartier zu nehmen. Deshalb

müsse das beste Gastzimmer in Stand gesetzt, und in Küche und Keller

alles auf den Fuß hergerichtet werden, einen so ehrenwerthen Besuch nach

Gebühr zu empfangen und zu vergnügen. Die Senatorin murrte und maulte

viel über die ungelegene Störung des Hauswesens, gab dann, da sie nichts

an dem Befehl zu ändern vermochte, in aller Gleichgültigkeit Justinen

die Schlüssel zu Haus und Hof und ließ die flinke, bereitwillige Tochter

für Alles sorgen. Sie selbst sah, nach wie vor, ganze Stunden lang

durch's Fenster, schlief, betete ihre Psalmen gedankenlos, und hatte am

Abend, in träger Ruhe unter den Freundinnen sitzend, viel von der Mühe

und Plackerei einer weitläufigen Wirthschaft und unbequemer Gäste zu

erzählen. Die Spiel- und Klatschschwestern säumten nicht, das Erfahrene

und Gehörte in der ganzen Stadt zu verbreiten. Durch Lehrlinge und

Diener und Mäkler ging von der andern Seite das Gerücht von jener

Steinkohlenspekulation um, und der Senator hatte die Freude, auf der

Börse wieder freundliche Gesichter zu sehen, und das Wiederaufkommen

seines Credits zu bemerken. »Van den Höcken wird bei ihm wohnen!«

flüsterten sich Händler und Sensale zu; »er erwartet ihn also mit gutem

Gewissen! Auf die Steinkohlengruben des Grafen läßt er bieten? Sie

müssen baar bezahlt werden, weil die Excellenz das Geld für Spa braucht.

Er florirt also wieder, der Herr Müssinger!« Und: »Ein wackrer Mann!

ein braver Mann!« scholl es nun wieder weit und breit, gerade aus dem

Munde derjenigen, die ihn schon am meisten geschmäht hatten. Die

ruhigern, solidern Kaufleute zuckten indessen die Achseln, schüttelten

die Köpfe, murmelten von Dunst und tauben Nüssen und erwarteten die

Zukunft. Aengstlicher und sehnsüchtiger als sie Alle, erwartete der

Senator die Tage der Entscheidung, und es wurde ihm schwül zu Sinne,

denn schon waren fast zweimal 24 Stunden seit der Unterredung mit dem

Doktor verflossen, und noch hatte sich, außer dem Dunst nichts geändert

in seinen Verhältnissen. Wo er ging und stand, dachte er an

unausbleiblichen Bankerott, und zugleich an die Worte des Doktors, die

wie Metallklänge an sein Ohr schlugen: »Hilf dir selbst, und Gott ist

mit dir. Stoße _den_ vom Brett, der dich hinabstoßen will!« »Kann ich

denn diese harten Reden nicht los werden?« fragte er sich oft, wild an

seine Stirne schlagend, und verschloß sich dann wieder auf

Viertelstunden in den stillsten Winkel seines Hauses.

Unterdessen machte Justine die fleißige Wirthin, und ordnete und putzte

in den Gastzimmern, daß es eine Freude war. James, der vergebens zur

Stunde kam, und den die Mutter schnöde abgefertigt hatte, sah im

Vorübergehen die Thüre der Gaststube zufällig offen, blickte hinein und

grüßte Justine, die auf einem Tische stand, und sich umsonst bemühte,

die schwere Stange des Vorhangs auf die Hacken über dem Fenster zu

bringen. Ihr Gesichtchen war feuerroth vor Zorn, und mit weinerlicher

Stimme rief sie dem Engländer zu: »So kommt doch herein, Monsieur! seit

zehn Minuten rufe ich mir die Kehle rauh, nach den einfältigen dummen

Mägden, die mich hier allein gelassen haben. Noch eine Minute, und ich

hätte die schwere Fahne da, wie sie ist, auf das Getäfel geworfen, und

wenn Spiegel und Marmortisch, und Alles dabei zu Grunde gegangen wäre.

Helft mir!«

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 2 / 32 段