»Narrethei!« versetzte die Frau, ruhig essend: »was sollen d

+--------------------------------------------------------------+

| Anmerkungen zur Transkription: |

| |

| Gesperrt Text ist als _gesperrt_ markiert. In Antiqua |

| gesetzter Text ist als =Antiuqa= gekennzeichnet. Eine Liste |

| mit Korrekturen befindet sich am Ende des Textes. |

| |

+--------------------------------------------------------------+

Der Jesuit.

Charakter-Gemälde

aus dem

Ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts

von

C. Spindler.

Amerikanische Stereotyp-Ausgabe.

Philadelphia.

Verlag von F. W. Thomas.

1855.

Printed by T. K. & P. G. Collins

Der Jesuit.

Erster Theil.

Erster Abschnitt.

1720.

Des Senators Familienleben. -- Sein Comptoir und dessen Diener. --

James. -- Fortuna's Launen. -- Der Geschäftsfreund aus Holland. --

Das Gespräch unter den Kastanienbäumen. -- Der verhängnißvolle Besuch.

Schön ist es, über eine Schwelle zu schreiten, jenseits welcher der

Fleiß und die geschäftige Betriebsamkeit ihren Thron erbaut haben,

sobald man sieht, daß all das ewige Treiben das Wohlsein des Lebens

begründen soll, und nicht blos einen glatten Gypsmarmor um die trockne,

dürre Säule von Holz. Der Hausvater ist ein ehrwürdiger, geliebter

Mann, wendet er seiner unermüdlichen Thätigkeit Zinsen dazu an, daß

die Seinen sich fröhlich daheim finden in dem traulichen Hause; -- daß

er selbst, -- der Schöpfer des Wohlstandes -- behaglich ruhe in seinem

Eigenthume. Die heitere Wohnung wird ein Paradies für den Besitzer,

ein Ort des Friedens den Freunden, den Bedrängten ein Asyl. Keucht

aber im Erdgeschosse die besoldete Mühe im eisernen Dienstjoche,

während im obern Stockwerke die Langeweile, die Verdrossenheit, auf

einsamen Polstern, hinter kaltem Stein und vornehmen Goldwänden

gähnt, -- dann, Wanderer, meide die stolze Pforte, wenn auch noch so

einladend das »Salve« von ihrer Schwelle spricht. In dem Steinhaufen

gebietet kein fühlendes Gemüth, und vor dem starren Reichthum floh

die Zufriedenheit! -- Wer im Jahre 1720 gelebt, und das Innere des

Hauses gesehen hätte, welches der Senator Müssinger in der deutschen

Reichs- und Handelsstadt, die der Aufzeichner dieser Begebenheiten

meint, aber nicht nennt, dazumal bewohnte, müßte dem einleitenden

Spruche Beifall geben. Das stattliche Gebäude war von Uranbeginn

zum Denkmale des Hochmuths bestimmt gewesen. Ein Spekulant, der in

den ersten Jahren des spanischen Erbfolgekriegs durch Lieferungen

für die alliirten Heere ungeheure Summen gewonnen hatte, legte das

Fundament zu dem pallastähnlichen Hause. Die Vollendung desselben

sollte er nicht sehen. Mancher Schurkereien überwiesen, sollte ihm,

kurze Zeit nach der Schlacht bei Hochstädt, der Prozeß gemacht werden:

er entging der Schande jedoch durch einen kühnen Pistolenschuß. Die

leere, unausgebaute Prachtwohnung des verunglückten Lieferanten kaufte

bald der vom Glücke begünstigte Senator Müssinger. Der unternehmende

Handelsherr, der mit Ost- und Westindien verkehrte, fand sich zu enge

in dem kleinen Vaterhause, zog über in das Neue, Große; und Fortuna,

die bereitwillig in dem bescheidenen Spezereikrame des Kaufmanns

Platz genommen hatte, siedelte mit in das neue, geräumige Comptoir.

Müssingers Firma war die Erste auf dem Markte, und florirte weit und

breit im Aus- wie im Inlande; trieb Jahr für Jahr die schönsten Blüthen

und Früchte. Die Mehrzahl seiner Mitbürger beneidete den glücklichen

Senator; sie bewies aber durch diesen Neid -- entweder ihre

Unbekanntschaft mit Müssingers anderweitigen Verhältnissen, -- oder

einen Gelddurst, der Alles schnöde übersieht, was das Herz berührt, und

nicht allein den Courszettel im Gehirn. Trieb des Kaufmanns Geschäft

auch Blüthen, -- der Hausvater sammelte keine aus seinem Familienleben.

Seine Frau, seit achtzehn Jahren mit ihm vermählt, hatte ihm viele

Geldsäcke, keine Neigung zugebracht, und die Zeit nichts gethan, die

vom Berechnungsgeist der Väter verbundenen Ehegatten im Gemüthe zu

vereinen. Unfriede herrschte gerade nicht; -- der Friede aber, der

versöhnt und duldet und vergibt, wahrlich auch nicht. Der Senator, ein

lebendiger Mann, an den Fünfzigen stehend, cholerischen Temperaments,

dem beim geringsten Anlaß zu heiß unter der Stirn, die Halsbinde zu

enge wurde, stellte das schneidendste Widerspiel seiner Ehefrau dar,

die mit beleidigendem Uebermuth, welcher seine Quelle in fehlerhafter

Erziehung gefunden, eine Kälte und Trägheit vereinigte, wie sie sonst

nur im höchsten Norden, oder im sengendsten Süden vorkommen mag. Frau

Jacobine, im Ueberflusse aufgehätschelt, kannte nicht Sorge, nicht

Mühe, nicht einmal das bequeme Streben einer vornehmen Hausfrau.

Kam der Tag, so verlebte sie ihn, und er mußte eben so prunkend

einhertreten, wie seine Vorgänger; Geld in Hülle und Fülle für jedes,

auch noch so eingebildete Bedürfniß spenden, reichen Schmaus für Lippe

und Gaumen, und eine lange Plaudersitzung im Kreise der geschwätzigsten

Muhmen.

Während dessen schaffte und plackte der Senator, bald wie der ärmste

Knecht, bald wie der härteste Frohn, im Bezirk seines Handelsgetriebes,

und gönnte sich kaum vor sprudelnder Thätigkeit und muthwillig gehäufter

Arbeits- und Spekulationslast, die nöthigen Ruhestunden. Doch feierte er

diese wenigen nicht im Schoße der Seinen. Weder beim Frühstück, wo man

den braunen westindischen Trank aus japanischen Gefäßen schlürfte, und

dabei so steif saß, wie die blassen Figuren auf diesen Tassen, -- noch

beim Mittagsmahl, wo die leckerste Kost entweder mit gieriger Hast, oder

mit vitellischer Trägheit verschlungen wurde, war ihm froh zu Sinne.

Bald verdrüßlich keifend mit dem verdrüßlich langweiligen Weibe, bald

seine überseeischen Hoffnungen und Handelsoperationen nicht loslassend

in stummer Grübelei, floh ihn die Heiterkeit innerhalb seiner Mauern;

und auswärts, -- auf einem Collegium, wo er wieder von nichts, als von

Geschäften reden hörte, eine Pfeife Tabak rauchte, um sich zu betäuben,

in der Karte spielte, um sich zu zerstreuen -- verträumte er seine

Abende. -- Nicht Er, nicht sein Weib, das mit schnödem Geschwätze, oder

abgeschmackter Frömmelei den verlangweilten Tag beschloß, ahnten die

Quelle von Genuß und Freudigkeit, die ihnen in der Tochter, dem einzigen

Sprößling dieser übelpassenden Ehe, aufgehen hätte können. Die Natur

hatte in diesem lieblichen Geschöpfe die glücklichste Verschmelzung

widerstrebender Gemüthsrichtung zu Stande gebracht. Des Vaters

Heftigkeit herrschte zwar vor, allein mäßigende Ruhe stellte bald das

Gleichgewicht wieder her. Das Mädchen hatte seinen eigenen Kopf und

Willen; es war ja das einzige Kind, und nicht beschränkt von den Eltern.

Allein, der Leidenschaftlichkeit, dem heftigen Zorn sogar, folgte

schnell die Besinnung, die Theilnahme, die zarte Reue, die gefühlvollste

Vergeltung. Der Liebreiz des so wunderlich herangebildeten Mädchens war

in diesen Versöhnungsmomenten so groß, daß Freundinnen und Gesinde gern

den Sturm auflodernder Hitze ertrugen, um doppelt in der Milde zu

schwelgen, die unmittelbar darauf das Engelherz der Zürnenden

bethätigte. Der Vater war nicht so; -- denn, that ihm die jache Härte

manchmal selber weh, so verschloß er, seinem Stolze nichts zu vergeben,

das Gefühl in sich. Die Mutter glich eben so wenig ihrem Kinde; sie

_liebte_ zwar Niemanden auf der weiten Erde, aber sie _haßte_ aus

Gewohnheit; sie verachtete mit jener stumpfen Stätigkeit, an der sich,

hat sie einmal ein Ziel des Widerwillens ersehen, vergebens Belehrung,

Erfahrung und Pflichtgebot verschwendet. Justine, ein siebzehnjähriges

Mädchen, früh entfaltet in Gestalt und Verstand, fühlte wohl dunkel und

unbehaglich, daß sie zwischen den getrennten Eltern ihren eigenen Weg

wandle. Die Jugend aber, jene herrliche Zeit, in welcher man nur sich

selbst, wenn gleich oft allzuviel, vertraut, ungeduldig in's Freie, in

die Zukunft blickt, sie setzt sich über das Peinliche in naher Umgebung

hinweg; schafft sich ihre eigne Welt, und flieht die Mürrischen, um sich

an Freundliche zu schließen. So kam es, daß Justine bald wie ein fremder

Gast im Vaterhause wohnte, und größtentheils nur in dem Zirkel ihrer

Jugendgefährtinnen lebte. Seit der Confirmation war es jedoch ein

bischen anders mit Justinen geworden. Nie hatte sie noch ihren Vater so

bewegt gesehen, als in dem Augenblicke, wo sie, von der heiligen

Handlung kommend, in seinem Schreibstübchen vor ihm auf die Kniee sank,

ihn bittend, seinen Segen mit dem des Himmels zu vereinen. Des Senators

Stimme hatte gewankt, als er den Segen aussprach; an's Herz hatte er die

Tochter gedrückt, und, wie mit einem leisen Vorwurf gegen sich selbst,

hinzugesetzt: Glaube nur um Gotteswillen, mein Kind, daß ich dich liebe,

herzlich, wie es einem christlichen Vater zusteht. Aber ich muß an mich

halten mit dieser Zuneigung, sonst bricht mir das Herz vollends, wenn du

aus dem Hause gehst, nimmer wiederkehrst, und ich dann in ganz Europa

keinen Menschen mehr weiß, der mir näher am Herzen liegt, als der kalte

Tressenrock. Du bist alt genug, Justine, um zu wissen, daß eine Heirath

die Bestimmung eines jeden Mädchens ist, folglich auch die deine. -- Du

bist bereits verlobt: zu New-York in Amerika wohnt dein Bräutigam, der

junge Kaufmann Birsher, und, wie mir sein Vater neulich schrieb, werden

wohl nicht anderthalb Jahre vorübergehen, so kommt der designirte

Schwiegersohn selbst, um dich abzuholen. Dein Bestreben gehe also jetzt

vornehmlich dahin, der englischen Sprache mächtig zu werden, zu welchem

Endzweck ich für eine Lehrerin sorgen will.

Justine verließ den Vater mit sichtlichem Behagen. Ausgezeichnet

vor all ihren Gespielinnen nach Amerika zu ziehen, in das junge

Land, das sich europäische Imagination damals nur als ein Paradies,

unerschöpflich in Genuß und Reichthum, vorstellte; ... als Frau, an

der Seite eines jungen Crösus, dahin zu ziehen, das schmeichelte

der jugendlichen Eitelkeit gar sehr. Des Vaters Erklärung hatte

vollendet, was die Confirmation begonnen; das Mädchen war rasch zur

Jungfrau, zur Braut geworden. Justine zog sich nun auch wähliger von

dem Haufen ihrer Freundinnen zurück, verkehrte nur mit den Wenigen,

die, gleich ihr, nicht fern vom Hochzeitfeste zu stehen vermeinten,

und beschäftigte sich mehr als sonst, in Einsamkeit und Stille, mit

Arbeit und wißbegierigem Forschen. Mit der englischen Sprache allein

wollte es bei dem fleißigen Mädchen nicht so fort. Die Zisch- und

Gaumenlaute waren der Schülerin zuwider, und eine Lehrerin nach der

andern wich dem Ungestüm Justinens, die auf Jener Nachlässigkeit

den eignen Fehler schob. Die Zahl der, mit dem englischen Idiom

vertrauten Frauen war in jener Stadt nicht groß; daher hatte Justine

bald die Reihe durchgemacht. Die männlichen Lehrer ließen keinen

bessern Erfolg hoffen. Der Eine derselben, ein grämlicher Alter, mit

wunderlichen Launen, hatte schon nach der zweiten Lehrstunde all seine

Autorität eingebüßt; den zweiten, einen allbekannten Wüstling, noch

in rüstigen Jahren, trug der Vater billig Bedenken, bei der Tochter

einzuführen. Der Zufall schlug sich in's Mittel. An einem Tage saurer

Geschäfte handthierte und ordnete der Senator in eigner Person an

dem Krahnenhause der Stadt. Beträchtliche Waarensendungen in Ballen

und Kisten waren für ihn angekommen; nicht minder beträchtliche

Ladungen wollte er dem dienstfertigen Flusse anvertrauen. Seine

rüstigsten Handelsdiener, zwei junge und gewandte Leute aus guter

Familie zur Seite, ging er am Ufer auf und nieder, befahl hier den

ausladenden Bootsknechten, dort den herbeischaffenden Kärrnern. Der

eine Diener, Berndt, revidirte, die Frachtbriefe und Geleitzettel in

Händen; der andere Diener, Nothhaft, machte Zeichen und Zahlen auf die

Frachtstücke; um und um bewegten sich rührige, geschäftige Leute, und

_ein_ Treiben beseelte die Vielen am Ufer, vom Centnerschleppenden

Lastträger bis zu dem kleinen Buben herab, der die Theerpfanne hielt.

Ein einziger lehnte unbeschäftigt, mit verschränkten Armen an dem

Krahnengebäude. Der Einzige mußte unter dem Getümmel dem Senator

auffallen, als dieser gerade ihm vorüberkam. Der eifrige Mann blieb

unwillkürlich vor dem jungen Menschen stehen, dessen Kleidung,

obgleich nicht allzuwohl erhalten, auf einen Lehrling oder Diener der

Kaufmannsgilde schließen ließ. -- He, junger Mensch! redete der Senator

ihn an: he! warum so müßig? Die Sonnenstrahlen machen nicht satt; wohl

aber eine Schüssel, die man im Schweiße seines Angesichts verdient

hat. Trägheit in der Jugend macht alte Spitalleute. Hat Er hier nichts

weiter zu schaffen, so geh' Er wieder hinter Sein Pult, statt Maulaffen

feil zu haben, und stehle Er Seinem Prinzipal nicht das Brod ab, das Er

ißt! --

Nicht die Flamme, die der gerechte Tadel auf dem Angesichte des

Gescholtenen entzündet, sondern die Röthe eines unschuldig gekränkten

Gefühls stieg auf die Stirne des Fremden, der in ausländisch betontem

Deutsch nicht mit der Antwort säumte. -- »Seht zuvor, mit wem Ihr

sprecht, Herr!« sagte er etwas bitter: »Niemand würde lieber arbeiten,

denn ich, wenn mir nur Jemand Arbeit gäbe.« -- Kann's hier daran

fehlen? fragte Müssinger verwundert. -- »Ich bin ein Fremder.« --

Woher? -- »Ein Engländer. Mein Name ist James White. Mein Vater

war Baronet und Tory. Sein Schicksal wollte, daß sein Wappen, die

blutige Hand von Ulster, sich an ihm erwahre. Für den Prätendenten

bewaffnete er seine Faust. Georgs Henker schlug sie ihm ab, und

hierauf das Haupt. Vor fünfthalb Jahren floh meine Mutter mit mir nach

Deutschland herüber. Seit einem Jahre hat sie hier ihr Grab gefunden.

Sie starb, bevor der Mangel zu uns trat. Ihr Hinscheiden raffte

aber alle Hülfsmittel weg. Die Armuth trieb mich in's Werbhaus; die

Barmherzigkeit eines alten Mannes, der mir wohl will, rettete mich

vom Soldatenstande. Aber noch lebe ich von seinen Wohlthaten, und ich

schäme mich dessen.« Das ist recht; Wohlthaten erzeigen, ist wacker,

aber edler, sie nicht zu mißbrauchen. Versteht Ihr etwas vom Handel,

junger Herr? -- »Nein; ich sollte Theologie studiren; verstehe Latein,

Rhetorik, Philosophie, ein bischen Spanisch, und aus dem Grunde meine

Muttersprache.« -- So? Verdorbner Theolog also? Doch Protestant, will

ich hoffen? --

Der junge Mann bückte sich schweigend.

»Könnt und wollt Ihr Unterricht im Englischen geben?« fragte Müssinger

weiter. -- »Ich kann's, und schäme mich dessen nicht.«

»Kommt mit. Versuchts mit meiner Tochter. Freie Station, wie meine

Comptoirdiener, die Wohnung ausgenommen, und ein billiges Salär nach

Euern Fähigkeiten verspreche ich Euch. Beliebt's?« -- »Gern; doch muß

ich's meinem Versorger melden.« -- Gut; wer ist der Mann? -- »Ein

Doctor der Rechte, heißt Leupold, ist von Herkunft ein Fremder, lebt

zu seinem Vergnügen seit anderthalb Jahren ungefähr in hiesiger

Stadt, und beschäftigt sich ausschließlich mit seinen Studien.« -- Ein

Bücherwurm und Rechtsverdreher also? murmelte der Senator zwischen den

Zähnen: Bin nicht neugierig auf die Bekanntschaft. Mögt indessen sein

Gutachten einholen, junger Herr. Er wird wohl nichts dagegen haben,

denn ich bin der Senator Müssinger! --

Der stolze Kaufmann ging von dem unglücklichen jungen Baronet weg, und

vergaß denselben im Gewühl seiner Geschäfte bald darauf. Der finstere

und einsilbige Buchhalter trat ihm in der großen Schreibstube mit einem

Paket Briefe entgegen, die er alsobald, wie gewohnt, erbrach und

durchlas. Er begleitete jedoch diese alltägliche Verrichtung mit so

vielen heftigen Bewegungen und schlecht unterdrückten Zornworten, daß

die Comptoirgehülfen aufmerksam wurden, und manchen neugierigen Blick

durch die Gitterrahmen in das Cabinet des Prinzipals sandten. Endlich,

nachdem der ganze Briefpack durchflogen, stürmte der Senator wie ein

Pfeil vom Sessel auf, warf Schubladen und Schlösser zu, und tobte durch

die Nebenthür in das Innere des Hauses. »Der himmlische Vater erbarme

sich!« seufzte Berndt mit andächtigem Blicke und Händefalten, denn er

gehörte zur philadelphischen Gesellschaft: »was wird es heute wieder in

dem Hause geben?« -- Der andere Diener, Nothhaft, ein ziemlich lockrer

Geselle, lachte indessen wie ein Schelm vor sich hin, und summte die

Worte eines damals beliebten Liedes:

Nach dem Brunnen geht der Krug

Oft genug;

Und am End' bekömmt er doch

Welch ein Loch!

St! zischte der Buchhalter, hinter dem Hauptbuche aufstehend, zu dem

Vorlauten hinüber, und Berndt stieß ihn mit dem Ellenbogen in die

Rippen. Der arge Mensch fuhr aber kichernd, wiewohl noch leiser, fort:

Christ! sitz steif, denn der Protest

Setzt Dich fest;

Und dann heißt's mit Schand und Spott

Bankerott!

Will Er wohl schweigen? schalt der Buchhalter auffahrend: Was

sollen diese Schelmenverse in einer ehrsamen Handelsstube? Pfui des

leichtfertigen Dieners, der seine eigne saubere Firma gern für eine

schmutzige ausgeben möchte. Noch einen solchen Ausdruck, und Er ist um

Dienst und Lohn, und für ein schlecht Testimonium will ich dann schon

sorgen. Ueberhaupt mag Er sichs gesagt sein lassen, daß ich hinfüro

Seinen Lebenswandel, von dem mir zu Ohren gekommen ist, nicht also

dulden werde. Alle Abende spielt und bankettirt Er, und am Sonntag

kömmt Er nicht aus der Kaffeeschenke, der Billardstecken nicht aus

Seiner Hand. Wo das beste Rostocker Bier zu finden ist, das weiß

Er auf ein Haar; aber man fragt Ihn vergebens, wie die spanischen

Dublonen stehen. Sein Nebengehülfe ist allzustill; Er ist allzutoll.

Ein Karthäuser wird ein schlechter Kaufmann; ein Bruder Lüderlich

aber noch ein schlechterer. Gott steh' Ihm im Commerz bei, wenn Er es

einmal zum eignen Herrn bringt. -- Das wird er auch; versetzte Nothhaft

trocken, ohne sich zu erzürnen: Der Kaufmann muß wagen und wetten, und

dazu bin ich gemacht, wie unser Herr, der sich aus der Saffranbude zum

ersten Kaufmann allhier verstiegen hat. Sorgen Sie nicht für mich, Herr

Buchhalter. Der Herr Senator kennt mich besser, als daß er mich um

eines zwecklosen Liedleins willen, oder weil ich den Sonntag Nachmittag

beim Billard zubringe, fortschicken sollte. --

Der Buchhalter schwieg verdrüßlich; theils weil ihn des Dieners

Verstockung empörte, theils, weil der Senator wieder in sein Cabinet

zurückkam, und ihn eilends zu sich hinein beschied. Hierauf wurde

die Thüre geschlossen, die Schieber vor die Gitter gestoßen, und

die beiden Comptoristen waren von den Vorgesetzten geschieden, wie

die Lehrlinge, die im Vorzimmer schafften und bosselten, von ihnen

selbst geschieden waren. -- Sie sitzen im geheimen Rath! flüsterte

Nothhaft seinem Nachbar zu: Der Perückennarr, der Buchhalter, mag aber

schwatzen und difteln, wie er will. Unsere Contanti stehen schlecht,

abscheulich schlecht. Ich habe schon neulich einmal einen Blick in des

Herrn Correspondenzlade geworfen, die zufällig offen stand...... -- O

pfui! Du neugieriger Saaldiener! fiel Berndt ein. Nothhaft sprach aber

wie oben weiter: »Du Hans! Was kann ich denn für mein scharfes Auge?

Genug; wir sollen zahlen und zahlen, und wollen und wollen nicht; weil

wir nicht können. Unsere Aktien in Indien stehen schlecht. Mit der

vermaledeiten Bodmerei haben wir, wie es scheint, unsinnig viel Geld

verschleudert und verloren. Assekuranten unserer eigenen Schiffe sind

bankerott geworden; viel Unglück auf einmal! und dann das Leben in

diesem Hause! ein wahres Heidideldum!« -- »Ja wohl,« bekräftigte Berndt

seufzend, »ein heidnisches Scandalum. Herz, was begehrst du? Keine

Wirthschaft, keine Gottesfurcht! Wir müssen nach dem Gemüse gleich vom

Tische aufstehen, und Braten, Gänselebern und indianische Vogelnester

kommen hinterdrein. Also, lieber Freund und Kollege! wir beginnen zu

wanken? Danke für gegebenes Aviso. Ich will gleich auf anderweitige

Versorgung denken.« -- »Unter der Hand, Bester,« setzte Nothhaft bei:

»nicht vor der Zeit gebrochen. Hübsch alles abgewartet; für einen

klugen Diener gibt's in Bankerottchen gute Ernten.« -- »Der Eintritt

des Unheils möge noch ferne bleiben, bis mir eine andere Schwelle

gesegnet ist!« betete Berndt mit zerknirschter Miene: »das Schlampampen

ohne Condition ist mir und dem lieben Gott zuwider, und kostet nur

Geld, statt einzubringen.« -- »Betbruder und Scharrer!« schalt

Nothhaft. »Jammre nicht. Der Geist Gottes wird ja nicht ermangeln, dir

Alles im Voraus zu entdecken. Ich bin zwar nur ein Weltkind, habe keine

Anwartschaft auf das tausendjährige Reich, aber im Herzen bin ich froh,

wenn die Umstände mich zwingen, ein Haus zu verlassen, in dem mich nur

der gute Lohn zurück hält. 'S ist eine Galeere, dies Comtoir.« -- »Bete

und arbeite! sagt die heilige Schrift,« sprach Berndt hierauf demüthig,

»ich weiß mich einer Zeit zu erinnern, in welcher dir gar wohl in

dieser Schreibstube war, und noch wohler an dem Tische des Prinzipals.

Du hattest damals noch große Dinge im Kopfe, und scheutest dich nicht,

deine sündhaften Augen auf die Jungfer zu werfen. Aber seit sie dir

den Spaß verdorben, ...« -- »Pfui, Berndt, mich daran zu erinnern,«

entgegnete Nothhaft: »die hochmüthige Person! wie sie sich spreizte in

ihrem Stolz! Und mein Vater ist doch eben so gut in seinem Städtchen

ein Rathsherr, als der Ihrige hier! und mein Vater hat vielleicht mehr

Geld, als ihr Vater besaß, da er noch die Rosinen Pfundweis, und das

Baumöl pr. Kännchen verkaufte. Ich hätte sie geheirathet. Parbleu! Das

hätte ich gethan; aber sie trug die Nase verzweifelt hoch! Stand ich

in der Kirche und stierte hinauf zum Betstübchen, so zog sie gewiß das

Fenster vor, oder versteckte sich hinter's Gesangbuch. Zweimal paßte

ich's ab, und präsentirte ihr, an Kirchendieners Statt, den Predigttext

und die Nummer des Lieds. Immer erhielt ich ein frostiges: »Inkommodir'

Er sich nicht, Mosje!« zum Dank. So schlag der Donner hinein!«

Berndt hielt bei der Verwünschung beide Ohren zu. Nothhaft fuhr indessen

schadenfroh fort: »Na, Gott gesegn' ihr die baldige Abkühlung! Hochmuth

kommt vor dem Fall. Prosit, Justinchen. Die Puppe hat dem Papa und der

Mama gesagt: mein Gesicht sei ihr fatal, und darum mußte ich am Tische

den Platz verändern, damit sie sich nicht an meinem vis à vis den

Appetit verderbe. Geliebt es Gott, wollen wir bald den Spieß umkehren.

Wo sie weint, will ich lachen!«

Berndt stieß ihn abermals in die Seite, denn Senator und Buchhalter

kamen aus dem Kabinet, mit entschlossenen Gesichtern, und ein Lehrling

wurde gleich hinweg gesandt, Eilpferde für den Geschäftsführer zu

bestellen; Eilpferde nach Amsterdam. Der Prinzipal händigte dem

dienstfertigen und erprobten Diener noch ein wohlverschlossenes

Portefeuille ein, nahm von ihm Abschied, und ging, da die Mittagsglocke

im Hause läutete, mit seinem Comptoristen zu Tische.

Die gewöhnlichen Bürgergerichte waren verzehrt, die Diener durch einen

Wink von der bisher schweigsamen Tafel entlassen und eine kostbare

Gallertschüssel aus welcher der Duft des Zimmts, und herrlichen

Bordeauxweins stieg, wurde, nebst den Platten des Nachtisches,

aufgesetzt. Die Frau Senatorin wendete sich leckerhaft vergnügt zu der

reizenden Speise; Justine schnitzte kichernd ein Eichhörnchen aus einem

Mandelkerne; der Hausherr sah trüb vor sich hin, klopfte mit dem Messer

an die silbernen Gefäße und brach endlich das Stillschweigen mit einer

Einleitung, auf die er lange studirt haben mochte.

»Was meint Ihr wohl,« begann er mit erzwungenem Scherze, -- »was meint

Ihr, wenn auf einmal all' dieses Silber und Porzellan zur Decke

hinausflöge, und eitel irdene Teller auf dem Tische zurückblieben mit

nothdürftiger Kost?«

Die Senatorin zuckte verächtlich die Achseln ob dem mißlungenen Spaße.

Justine rief lachend: »'s wäre ein hübscher Herrenstreich. Papa würde

alsdann tief in den Geldkasten greifen müssen, um dem Schaden

abzuhelfen.«

»Und wenn nun auch diese Geldkiste leer geworden wäre?« fragte Müssinger

weiter.

»Narrethei!« versetzte die Frau, ruhig essend: »was sollen diese

Fragen?«

»Euch vorbereiten auf eine unangenehme Möglichkeit;« brach Müssinger

los: »Es steht noch auf der Schwebe, ob wir reiche Leute bleiben, oder

Bettler werden sollen.«

»Ist denn heute der erste April,« fragte die Frau, »daß der Herr Senator

uns mit ähnlichen Kindereien behelligt?« -- Justine merkte aber, in des

Vaters Augen sehend, den Ernst, wie die Ungeduld, die in ihm arbeitete.

Er fuhr heftiger fort: »Deine Frage ist Kinderei, Jacobine. Ein Kaufmann

scherzt nicht dergestalt mit seiner Bilanz. Wahr ist's. Mir droht

Unglück. Eng mit mir verbundene Häuser sind gebrochen, Kaper haben meine

Schiffe genommen, der letzte Sturm, von dem die Berichte meldeten, hat

Kauffahrer vernichtet, auf welche ich bedeutende Kapitalien =à grosse

Aventure= herlieh. Der Ultimo bringt eine Fracht von schweren

holländischen Wechseln. Ich bin zu Grunde gerichtet, wenn es meinem

Buchhalter nicht gelingt, meinen Hauptcreditor in Amsterdam zu

besänftigen und zur Prolongation zu bewegen.«

»Armer Vater!« versetzte Justine mitleidig. Die Mutter zog jedoch die

Stirne in Falten. »Unbesonnener Vater!« predigte sie: »Räuber an Weib

und Kind! Mußt du dein Hab und Gut auf die Spitze stellen, und an ein

paar elende Schiffe hängen? Pfui, du bist ein Verschwender, den man in's

Irrenhaus stecken sollte, wenn nur damit gedient wäre. Doch ist dein

Vergehen gewiß nur ein schlechter Scherz, sonst wollte ich anders mit

dir reden. Sprächst du wahr, so müßte mein Vermögen heraus bei Heller

und Pfennig, samt Zinsen und Zubehör. Ich würde mich nicht hinsetzen,

dir zu Liebe, und Grütze speisen, wie eine Taglöhnersfrau. Ich bin ein

gutes Leben gewöhnt, und hätte hundert Männer haben können, die reicher

und schöner waren, als du. Darum fordere ich auch, daß du mich haltest,

wie bisher, oder das Eingebrachte herausgibst; sonst müßte ich klagen.«

Des Senators Gesicht überlief Leichenblässe, und er bückte sich

scheinbar nach der entfallenen Serviette, um seine Verlegenheit und

seinen Grimm zu verbergen. Dann sagte er gezwungen gleichgültig: »Recht,

Jacobine. Deine Liebe ist mir wieder recht klar geworden. Leider kann

sie sich nicht so triftig vor dem Gerichte ausweisen, indem wirklich

mein Vorgeben nur Scherz war, um deine Gesinnung auf den denkbaren Fall

hin, zu prüfen.«

»Schäme dich,« eiferte, nun erst zornroth werdend, die Senatorin: »Ich

dachte es gleich. Mir den Appetit in dem Grade zu verderben! Mir also

die Galle zu reizen! Ich bin ohnehin die unglücklichste Frau in der

ganzen Welt, wenn ich nicht meine Seelenruhe und Bequemlichkeit habe!

Gottvergessener, frevelhafter Mann! Justine, den Extract!«

Justine, bereits angewiesen, wie bei ähnlichen Gelegenheiten zu

verfahren, stand schon mit der stärkenden Essenz vor der Mutter. Der

Senator fuhr heftig vom Stuhle auf, summte das Marlborough-Lied durch

die Zähne, und zog die Halsbinde weiter. Mit einem Male erblickte er,

seitwärts unter der Thüre, den jungen Mann, den er am Morgen zum

Sprachlehrer angeworben. Der Eintretende war ein erwünschter Ableiter

und Besänftiger. Der Senator liebte es durchaus nicht, vor einem Andern,

als den Hausgenossen, seinen Jähzorn zu zeigen, und hielt plötzlich an

sich. »Sieh da, mein junger Freund!« redete er den Jüngling an, »Ihr

kommt gerade recht. Wie es scheint, hat Euer Pflegvater eingewilligt?«

»Er erlaubte mir, in dem ungewohnten Dienste mich zu versuchen;«

antwortete James bescheiden und ruhig. Die Senatorin hatte bei seinem

Eintritt die begonnene Ohnmacht vergessen. Nicht minder neugierig und

überrascht sah Justine nach dem jungen, fremden Manne, der in seiner

einfachen, fast dürftigen Kleidung, furchtloser vor ihrem Vater stand,

als sie es bisher an irgend einem Aermern und Jüngern wahrgenommen.

»Ein junger Engländer,« sagte Müssinger, ihn den Frauen vorstellend,

»der Justinen in seiner Sprache unterrichten soll. Ich empfehle der

Jungfer Fleiß, und dem Lehrer den besten Eifer. Geht hin, junger Herr,

und empfehlt Euch der Frau Senatorin und Eurer Schülerin. Dann mögt Ihr

gleich den Unterricht beginnen, und zeigen, was Ihr wißt und könnt.«

James ging frei und ungezwungen auf die Mutter zu, faßte, indem er sich

verneigte, ihre beiden Hände, und schüttelte sie, näherte sich dann

Justinen, that dasselbe, und wollte ihr zierlich die Wange küssen.

Erröthend und heftig bog sich das Mädchen zurück, und stieß ihn von

sich. Die Mutter rümpfte die Nase, der Vater lächelte. »Ei,« sprach er,

»junger Herr, wir sind hier zu Lande nicht in Eurer Heimath, wo solcher

Brauch üblich ist. Hier küßt man den Frauen die Hand und den Jungfrauen

die Fingerspitze.«

Mit einiger Verlegenheit sich entschuldigend, aber mit vielem Anstande,

that nun James, was ihm geheißen war, und versöhnte somit die Mutter;

Justine jedoch nur halb, die in dem ungewöhnten Wesen des neuen Lehrers

etwas fand, das ihr mißfiel, von dem sie sich indessen keine klare

Rechenschaft geben konnte. Mit übel verhehltem Widerwillen führte sie

den Jüngling an ihren Arbeitstisch, zeigte ihm die Bücher, die bisher

ihr Leitfaden gewesen waren, und berichtete von ihren bisherigen

schwachen Fortschritten. James meinte, nach flüchtiger Einsicht und

flüchtigem Hören, die Jungfer sei bei Weitem nicht so mehr im Wissen

zurück, als sie wohl meine; desto mehr hingegen im guten

Willen. -- Justinens Gesicht verfinsterte sich wieder merklich, und

schweigend setzte sie sich, als der Vater den Befehl wiederholt hatte,

den Unterricht alsobald anzufangen. Auf die Stuhllehne seiner Frau

gelehnt, folgte nun der Senator dem Beginnen des jungen Engländers, und

sah bald, daß derselbe seiner Sache vollkommen gewiß sei. Zugleich

gefiel ihm die zutrauliche, freundliche Weise, mit welcher er der

stummen Schülerin die Vorzüge der Sprache auseinander setzte; er hoffte

von dieser, aus dem Alltagsgeleise weichenden Art, den besten Erfolg,

und entfernte sich endlich unter aufmunterndem Lobe. Die Lehrstunde ging

fort unter der Aufsicht der Mutter, die aber bald, der Gewohnheit

nachgehend, dem Schlummer in die Arme sank.

Justine hatte, wenig auf die Reden ihres Lehrers horchend, mit

unverwandtem Auge die Mutter beobachtet, und wie es schien, den Moment

der Siesta erwartet, denn im Augenblicke, als Jacobinens Augen zufielen,

nahm sie dem in seinem Vortrag versunkenen James das Buch aus der Hand,

klappte es schnell zu, und sagte, kurz abfertigend: »Lassen wir's jetzt

gut sein, Monsieur. Ich habe keine Lust, und damit genug. Weil mein

Vater es will, und Euch vielleicht an einem Verdienste in unserem Hause

etwas gelegen sein möchte, will ich wohl mich anstellen, als sei mir die

Sache Ernst. Spart Euch jedoch alle ernstliche Mühe, denn ich kann Eure

Sprache nicht leiden, folglich nicht sprechen. Adieu bis Morgen,

Monsieur.«

James sah die gar offenherzige Schülerin überrascht an, biß sich

gekränkt in die Lippen, und erwiderte: »Wahrlich, Mademoiselle, aus

Ihrem Munde hätte ich ein lieblicheres Wort erwartet. Mein Vater war ein

Edelmann, und hat mir den Grundsatz eingeprägt, nirgends lästig zu sein,

wo ich nicht nützen kann. Ich werde gehen; erlauben Sie jedoch, daß ich

das Erwachen Ihrer Mutter abwarte, um mich in der Form von ihr zu

beurlauben. Bis dahin dulden Sie meine Gegenwart.«

»Ich wollte Euch nicht beleidigen, mein Herr,« antwortete hierauf

Justine etwas beschämt: »Vergebt, wenn ich die Worte vielleicht schlecht

gewählt. Ich bin oft vorlaut mit Reden, die mich nachher reuen. Eure

Person wäre mir nicht so unangenehm, aber Eure Sprache pfeift und zischt

so viel, sie ist so rauh, daß...«

»Wundern muß ich mich,« fiel James schnell versöhnt ein, »daß Ihr Herr

Vater, Ihnen und Ihrem Wunsche gegenüber, mit Gewalt auf dieser Sprache

besteht. Unlust lernt und fördert nicht, aber die Zeit ist verloren.«

»Hm!« lächelte Justine, die Augen auf das Schreibbuch geheftet: »ich

soll nach New-York verheirathet werden, und der Vater glaubt...«

»Nach New-York in Nordamerika?« fragte James staunend. Justine nickte

schweigend, und machte Buchstaben auf das vor ihr liegende Blatt.

»Nach New-York?« wiederholte James, und schlug mit verschränkten Armen

die Blicke zur Decke auf: »So weit vom Vaterhause? Da müssen Sie

freilich englisch lernen.«

»Nicht doch,« versetzte Justine lächelnd, aber bestimmt: »mein

zukünftiger Mann mag deutsch lernen, und die Freunde meinethalben

französisch, um sich mit mir zu unterhalten. Das Englisch für die

Domestiken lernt sich dort an Ort und Stelle.«

»Sie irren sich im ersten Punkte,« behauptete James: »man würde es zu

New-York für eine Schande halten, eine andere Sprache in Gesellschaft zu

reden, als die englische Colonisten-Muttersprache. Im Innern finden Sie

wohl noch das holländische Idiom, aber...«

»Sieh' doch,« unterbrach ihn Justine, durch den Widerspruch gereizt:

»Ihr redet ja so entschieden, als ob Ihr mit eigenen Ohren gehört

hättet, was Ihr behauptet.«

»Das hab' ich auch;« bekräftigte James mit aufgeheiterten Zügen: »den

größten Theil der Knabenzeit verlebte ich auf Amerika's Continente, zu

New York, mitunter auch weiter im Lande.«

»Wie?« fragte Justine, plötzlich zutraulicher und milder: »ach, erzählt

mir doch von dieser meiner zweiten Heimath. Man hat mir schon so viel

Schönes davon vorgesagt, daß ich begierig bin. Wir wollen fein zusammen

rücken, und recht leise sprechen, und recht leise horchen, daß die

Mutter nicht so früh erwache. Seht, ich bin ganz Ohr.«

Sie hatte sich bei diesen Worten mit beiden Armen auf den Rand des

Tisches gelehnt, und sah mit gespannter Aufmerksamkeit und so

vorwitzigen Augen dem Lehrer in's Gesicht, daß er seine Blicke auf die

Manschetten seiner Hände richten mußte, um nur den Faden des Gesprächs

festhalten zu können.

»Mein Vater,« hob er auf wiederholte Aufforderung an, »hatte zur Zeit

ein Commando in der Citadelle zu New-York; mein Onkel einen entlegenen

Wachtposten gegen das Gebiet der Indianerstämme zu. Gelegenheit gab es

für mich, den achtjährigen Knaben, genug, somit das Leben in der

amerikanischen Stadt wie auf dem Lande kennen zu lernen. Innerhalb der

erstern fand ich wenig Freude. Das Sein darinnen war steif und

einförmig, keine Heiterkeit, aber viel Frömmelei und militärischer

Druck. Am Werkeltage schafft die sich selbst übertreibende Mühe, denn

_reich_ zu werden ist das Ziel, wonach Alle streben. Dazwischen tönt die

Trommel und das Commandowort der Besatzung. Am Sonntage ist der Sabbath

strenger geheiligt, als in England selbst. Die Lust hüllt sich in Sack

und Asche, und einförmige Glockenschläge langweilen den Städter, bis er,

von der Last des Feiertags ermüdet, das Bette sucht.«

»O weh!« seufzte Justine, »das ist ein traurig Bild. Da lebt sich's ja

in unserer dunkeln Stadt noch besser und schöner. Doch macht das

Landleben vielleicht wieder Alles gut, und Herr Birsher wird mir wohl

den Gefallen erzeigen, es der Stadt vorzuziehen.«

»Wenn ich vom freien Lande Amerika's reden soll,« erwiderte James, »so

bemeistert sich meiner eine heilige Wehmuth, denn mir gefiel es sehr,

obgleich eine frohe Jungfrau, wie Sie, nicht leicht dieses Gefallen

theilen möchte. Um New-York, in billiger Nähe, finden Sie kein städtisch

Landhaus: kümmerliche, flache Gärten nur, ohne Schatten, ohne Obdach,

denn die Soldatenherrschaft duldet im Umkreise von Stadt und Citadelle

nicht Busch, nicht Haus. Setzt man jedoch über's Wasser, und dringt in's

Innere vor, so geht für ein muthig Herz und ein kühnes Auge die Wonne

an. Der angebauten Fluren sind nur wenige, von sklavisch pflügenden

Colonisten besorgt, allein ringsum dehnen sich Forste, in deren Saum

sich nur bis jetzt die Axt verirrte, Urwälder mit himmelhohen Bäumen und

zahlreichem Wilde. Welch' ein herrlich Schauspiel, auf solcher

Waldstraße hinzureiten, unterm dichten Laubdach, durch welches nie der

Sonne Strahlen dringen! Welch' ewiges Schweigen weit umher! so geeignet,

das Gemüth zu erheben! Stundenlang bin ich oft im Grase gelegen, und

habe auf das Hacken des Hehers, auf das Fuchsgebell gehorcht; lauschend

unter den tausendjährigen Säulen der Natur. Doch fördert man endlich

gern den Weg, weil die Dämmerung naht, das wilde Gethier in seinen

Lagern aufsteht, und vielleicht der Weg noch lange sich streckt, bis zu

dem einsamen Blockhause, in dem der müde Wanderer das Nachtlager finden

soll. Man erreicht des Waldes Ende, und sieh, ein neues Schauspiel

fesselt den entzückten Blick. Einer der Riesenströme, die Amerika

durchschneiden, hemmt den Weg. Das Auge trägt kaum bis an das jenseitige

Ufer, und stolz schaukeln sich die Wogen des gewaltigen Flusses dahin.

Da zeigt sich ein schwarzer Punkt in dem Geschäume der Wellen.

Die Reisenden verdoppeln den Ruf »Hü-o!« denn der schwarze Fleck ist die

Fähre, die wild und gebieterisch durch die Strömung dringt, und uns über

das rothe Gold, das die Abendsonne auf den Wasserrücken legt, zum

ersehnten Gestade schafft. Nun geht's über Haide und feuchten Grund

hinweg, dem Walde zu, der blau und ungewiß aus der Ferne sieht. Rechts

starren Felsen, und aus ihren Schluchten donnern die Gießbäche und

Wasserfälle der Wildniß meilenweit zu uns herüber. Links dehnt sich die

Fläche, schlecht bebaut, aber üppig wuchernd mit dem, was die Natur auf

sie gepflanzt, an mastigen Futterkräutern und prachtvollem Unkraut.

Schaaren von kreischenden Vögeln schwirren über die Ebene, den Felsen

zu, denn die sinkende Sonne scheucht ein Gewitter auf, das eilig

daherkömmt, eiliger, als jener nackte, rothhäutige Indianer, der, von

seinem Hunde begleitet, Flinte und Tasche auf der Schulter, gestreckten

Laufs von der Jagd zurückkehrt, und von den Gestirnen, wie von den

Felsenspitzen den Weg zu seines Stammes Wohnplatz erfragt. Mit der

Schnelligkeit des Rosses jagt der Sohn der Wildniß durch den weiten

Raum, einem Nebelbilde gleich das auf Sumpf und Moor zur Nachtzeit der

Luftzug hin und her treibt. Ihn kümmert keine Straße, kein Pfad, keine

Brücke, keine Fähre, denn die Welt ist sein Haus, der Himmel sein Zelt,

und frische Sinne stellt er als Wacht und Läufer aus. Gerade aus geht

er, wie das flüchtige Wild, das er verfolgt. Nicht um den Hügel herum,

über ihn hinweg eilt sein Fuß. Er ruft nicht den Kahn oder den Floß;

schnell wie ein Fisch schießt er durch Strom und Gewässer. Wir haben ihn

aus den Augen verloren, ehe fünf Minuten vergehen. Er sieht uns jedoch

durch Dämmerung und Gewitterduft noch auf eine halbe Stunde weit, und

lacht der unbehülflichen Eile, mit welcher wir dem Walde zulaufen, um

uns vor dem Regen zu schützen, der in großen Tropfen fällt; vor dem

Orkan, der mächtig daher braust. Nun ist der Forst nicht mehr

schweigend; nun redet er mit Millionen Zungen, und dieses Rauschen,

dieses Wehen, das Krachen und Fallen der Aeste und Kronen macht den

Menschen stumm. Bären und Wölfe fliehen über den Weg, ganze Strecken

lang neben dem Reisenden her, und an Zwietracht und Kampf denkt im

Sturme keiner von Beiden. Der Donner, der Blitzstrahl machen nun die

schönen Schrecknisse voll, die uns erschüttern und erheben, aber diese

Himmelslampen leuchten auch zur Hütte, die uns gastlich aufnimmt, und

auf deren Mooslager wir in behaglicher Ruhe das Hochgewitter

verschlummern.«

James endete hier, Athem schöpfend, die pittoreske Schilderung eines

Ganges durch Haide und Forst der neuen Welt, zu welcher ihn die

zauberische Macht wohlthuender Erinnerung wider Willen hingerissen

hatte, und erhob beinahe schüchtern den Blick zu Justinen, in deren

Antlitz er Unzufriedenheit mit seinem langen und abschweifenden

Berichte zu entdecken fürchtete. Wie freudig überrascht war er jedoch,

in Justinen's glänzenden Augen die aufmerksamste Theilnahme leuchten zu

sehen. -- Das Mädchen nickte ihm beifällig zu, legte zutraulich ihre

Hand auf die seinige, und sagte:

»Ei, wie gut erzählt Ihr doch, mein guter Herr! Ich habe just _gesehen_,

was Ihr beschrieben habt. Doch hab' ich auch an dem _Gemälde_ genug. Die

Herrlichkeiten, deren Schönheit ich wohl _ahne_, sind im Grunde doch

nicht für ein schwaches Weib, das im bequemen Stübchen oder auf dem

hübsch geordneten Landgut wohl dann und wann gern hören oder lesen mag,

wie es in der Wildniß aussieht, ohne darum die Lust zu verspüren, selbst

sie zu beschauen. Diese Wälder .... diese Haiden und Ströme .... und

vollends diese einsamen Blockhäuser, Tagereisen weit von jeder

Nachbarschaft entfernt....! mich schaudert!«

»Gerade in diesen Hütten ist patriarchalische Glückseligkeit zu Hause,«

erinnerte James mit Wärme, »noch entsinne ich mich der Einwohner von

einigen solchen Wohnungen. Glückliche Familien, zufrieden in ihrer

Abgeschiedenheit, im Kreise ihres stillen Eigenthums. Das innigste Band

verknüpft hier die Gatten, die Kinder, die Enkel: das Band der Liebe;

und Liebe fordert ja nur den kleinsten Raum; ein Winkelchen nur, in dem

die glücklichen Leute so viel Platz finden, sich in die Arme zu nehmen

und zu sagen: ich bin dir gut, auf ewig, bis zum Tode gut!« --

So sehr auch die vorige Rede des Lehrers Justine in Anspruch genommen

hatte, so wenig schien das Mädchen Geschmack an der folgenden zu finden.

Verwundert hatte sie den jungen Mann betrachtet, -- beängstigt fast die

Gelegenheit gesucht, seine Worte zu unterbrechen, und endlich ungeduldig

das schwere Wörterbuch vom Tisch gestoßen, daß ob dem Geräusche die Frau

Senatorin erschreckt aus dem Schlummer fuhr.

»Die Lehrstunde ist zu Ende, bester Monsieur;« sagte Justine mit steifer

Verbeugung zu James. »Vergeßt jedoch nicht, daß ich Euch morgen

Vormittag ganz bestimmt erwarte. Ich habe plötzlich viele Lust bekommen,

Eure Sprache zu erlernen, und hoffe, daß Euer Beistand mir von vielem

Nutzen sein werde.«

James, obgleich nicht wissend, ob er seinen Ohren, nach allem dem, was

vorgegangen war, zu trauen habe, versprach feierlichst, wiederzukehren,

küßte der Senatorin mit aller Förmlichkeit die fleischige Hand, bückte

sich still vor der gleichgültig nickenden Justine, und empfahl sich, wie

ein Mann von Bildung und Welt.

»Warum blieb er nicht zum Abendbrod?« war des Vaters erste Frage, als er

zu den Frauen heraufkam: »ich habe ihm freie Kost versprochen, damit er

sich häufig einfinde, und Justine durch die Conversation die

Fortschritte mache, die ihr Fleiß nicht erringt. Ich hätte gern heut mit

dem Menschen geplaudert, denn auf dem Collegio schwatzen sie auch nur

von Briefen, Procenten, Sicht und Manco, und mir brummt vor Arbeiten der

Kopf. Mit dem pietistischen Berndt ist nichts anzufangen, und Nothhaft

jubilirt gewiß wieder in der Schenke. Die Frau Senatorin erwartet ihre

Basen, Justinchen treibt Kindereien, oder liest in Arminius und

Thusnelda. Mit dem Engländer hätte ich ein vernünftig Wort reden

können.«

»O, ich bitte dich,« erwiderte die Frau, indem sie vornehm vom Stuhle

aufrauschte: »binde den fremden Menschen nicht so sehr an's Haus. Die

Unschicklichkeit von heute werde ich ihm nie vergessen. Es taugt nicht,

wenn man einen Adelichen in eine Bürgerfamilie verpflanzt. Solch

hungriges Geziefer ohne Geld und Mittel bewahrt doch immer sein

Vornehmthun und seinen Stolz, dem Alles zu schlecht ist, was ihn

umgibt.«

»Du vergissest, Frau,« antwortete der Senator, »daß du selbst in diesem

Augenblicke den unerträglichsten Hochmuth auskramst. Ich kann das an

einem Weibe vollends nicht leiden, weil nur der Mann ihm die Würde und

den Rang im Staate verleiht. Schweig darum!«

»Wenn's mir beliebt,« setzte die Senatorin phlegmatisch bei: »Deine

Matrosen- und Lastträger-Weisheit beleidigt mich nicht, und ich gebe

darum meinen Stolz nicht auf. Mir gehört er, einem hergelaufenen

Burschen gegenüber, der kein Verdienst hat, als daß sein Vater Baronet

war, und ein gehenkter, fürchte ich obendrein, weil du vom Prätendenten

ein Wort fallen ließest. Wer an meinem Tische ißt, und von meinem Gelde

lebt, ist _unter_ mir, und damit gut.«

Der Senator fühlte seine Geduld zu Ende gehen, und entfernte sich

schnell, die Thüre hinter sich zuwerfend. --

»Der Mann ereifert sich um des Kaisers Bart,« sagte die Mutter spöttisch

und eiskalt, indem sie die Seidenzupfkästchen, mit welchen sie sich in

der Abendgesellschaft zu beschäftigen pflegte, hervorholte: »es verlohnt

sich auch der Mühe, für einen Menschen Parthie zu nehmen, den ich morgen

aus dem Hause jage, wenn mir's beifällt.«

»Ich will nur von _ihm_ englisch lernen!« erwiderte kurz und herrisch

Justine, und drehte sich auf dem Absatze gegen das Fenster um.

»Oho, mein Püppchen!« sagte die Mama lächelnd, und wollte dem Mädchen

scherzend auf die Wangen klopfen. Die Tochter entzog sich ihr jedoch

ziemlich ungestüm, und entgegnete scharf und bestimmt: »ich will, daß

man meinen Lehrer mit Freundlichkeit behandle; sonst werde ich Gleiches

mit Gleichem vergelten.« -- Die Mutter wußte nun, woran sie war, und

gab, wie schon unzähligemale, um nicht einen guten Alliirten gegen den

kampflustigen Eheherrn zu verlieren, auch diesmal nach; ging, ohne die

eigensinnige Tochter zu schelten, in ihr Kränzchen, und ließ dem jungen

James in ihrem Hause freien Paß. Sie begnügte sich, ihm ihre Abneigung

dadurch zu beweisen, daß sie ihm kein Wort gönnte; nicht bei Tische,

nicht während der Lehrstunden, die sie sorgsam bewachte. Am Vormittage

lernte Justine fleißig, und schien die eifrigste Schülerin. In den

Nachmittagsstunden jedoch wurde der Schlummer der Mutter benützt.

Justine gab das Signal zum Schweigen, und alsdann das des Erzählens,

und Nordamerika war einige Tage hindurch die Axe, um die sich James

Berichte und Erklärungen drehen mußten. Endlich sagte einst Justine, da

der Engländer wieder von dem beliebten Thema anheben wollte: »Stille;

genug! ich kenne das dortige Leben, wie meinen Arbeitssack, und muß

gestehen, es gefällt mir nicht. Herr Birsher wird sich entschließen

müssen, sich mit mir in einem andern Lande anzusiedeln, wo es

lebendigere, fröhlichere Leute gibt, und einen mildern Himmelsstrich,

und viele Freude, und viel Gesang. Wenn ich aus Kälte, Reif und Nebel

im Winter nicht scheiden soll, bleibe ich lieber in der Heimath, und

zur traurigen Hausunke will ich mich in meiner Jugend nicht machen

lassen. Wißt Ihr, guter Herr, was ich will und verlange? Ein Dasein

voll Vergnügen. Ich bin ja reich, des Vaters und der Mutter einzige

Erbin, und Herr Birsher ist, wie es heißt, ein kleiner König an

Ueberfluß. Warum soll ich mich nicht der Welt freuen, weil ich Alles

dazu besitze? Ferner will ich einen ewig heitern Himmel über mir, blau

und sonnefunkelnd; Myrthen, Lorbeer und Rosen auf meinen Wegen....;

ach! wenn ich Euch beschreiben könnte, wie mir manchmal im Traum das

Land erscheint, in dem ich leben möchte...!«

»Die Myrthe winkt Ihnen schon,« antwortete James mit leichtem Seufzer:

»das Land, von dem Sie sprachen und träumten, _ist_ auch wirklich.

Ziehen Sie südwärts in dem schönen jungen Welttheil Amerika, so

finden Sie es. Die Mittagsländer bieten die üppigste Reichthumsfülle.

Der Schöpfer hat über sie das Horn des Ueberflusses ausgeschüttet.

Ueber ihren Triften und Höhen hängt der ewig leuchtende Himmel; in

ihren Fluren wächst die ungeheure Palme neben dem Heer von duftenden

Kräutern, die in der Luft auf Meilen in die Runde Wohlgeruch

verbreiten. Der Mensch _kämpft_ dort nicht dem Boden sein Leben

ab; spielend gewinnt er ein fröhliches Dasein. In jenen lustigen

Wäldern tummelt sich der bunten Vögel glänzendes Gefieder; stattliche

Heerden, und der kräftigen Wildrosse flüchtige Geschwader beleben die

Landschaft, die an jedem Morgen in neuem tausendfältigen Reiz aufgeht,

und in der dunkelsten Nacht nichts von ihrem Reiz verliert. Dort bewegt

sich ein leidenschaftlich lebendiges Volk. Die Cymbeln rufen zum Tanz;

die duftenden Büsche, vom Glühwurm erleuchtet, hallen den Jubel wieder,

und die Githarre murmelt wie eine liebe Geisterstimme unter dem Fenster

der angebeteten Dame.«

»Das klingt ja schön!« flüsterte Justine froh bewegt: »O sagt, gehört

das schöne Land auch Euerm Könige?«

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 1 / 32 段