Und Ulenspiegel sprach: „Die Geister treiben ihren Spott mit uns.“

Und eine gewaltige Faust packte Nele am Arm und schleuderte sie in den

Weltraum.

Und die Geister sangen:

„Wenn der Norden

Wird den Süden küssen,

Hören Tod und Tränen auf:

Such den Gürtel.“

„Wehe!“ sprach Ulenspiegel, „Norden, Süden und Gürtel, Ihr redet

dunkel, Ihr Herren Geister.“

Und sie sangen lachend:

„Norden ist Niederland;

Belgien ist Süden;

Gürtel, das ist Bündnis;

Gürtel, das ist Freundschaft.“

„Ihr seid nicht dumm, Ihr Herren Geister,“ sprach Ulenspiegel.

Und lachend sangen sie abermals:

„Der Gürtel, armer Schelm,

Zwischen Niederland und Belgien

Das ist gute Freundschaft

Und ein schönes Bündnis.

~Met raedt

En daedt,

Med doodt

En bloodt.~

Mit Rat

Und Tat,

Mit Tod

Und Blut.

Es müßte sein,

Wär nicht die Schelde,

Armer Schelm, wär nicht die Schelde.“

„Wehe,“ sprach Ulenspiegel, „Das also ist unser peinvolles Leben:

Tränen der Menschen und Lachen des Schicksals.“

„Bündnis von Blut

Und Tod,

Wär nicht die Schelde;“

wiederholten die Geister hohnlachend.

Und eine gewaltige Faust ergriff Ulenspiegel und warf ihn in den

Weltraum.

9

Da Nele zu Boden gefallen war, rieb sie sich die Augen und erblickte

nichts als die Sonne, die in goldigen Dünsten aufging. Auch die Spitzen

der Gräser waren ganz von Gold, und die Sonnenstrahlen färbten das

Gefieder der schlafenden Möwen gelb; doch sie erwachten bald.

Dann blickte Nele sich an, sah, daß sie nackend war, und bekleidete

sich hastig; dann sah sie Ulenspiegel gleichfalls nackend und deckte

ihn zu. Vermeinend, daß er schliefe, schüttelte sie ihn, aber er rührte

sich so wenig als ein Toter; sie ward von Furcht ergriffen. „Hab ich

meinen Gesellen mit diesem Zauberbalsam getötet?“ sprach sie. „Ich will

auch sterben! O, Tyll, wach auf! Er ist kalt wie Marmelstein!“

Ulenspiegel erwachte nicht. Zwei Nächte und ein Tag vergingen, und

Nele, vor Harm fiebernd, hielt bei ihrem Freund Ulenspiegel die Wacht.

Beim Anbruch des zweiten Tages vernahm Nele den Ton eines Glöckleins

und sah einen Bauern kommen, der eine Schaufel trug. Hinter ihm, eine

Wachskerze in der Hand, schritten der Bürgermeister und zwei Schöffen,

der Pfarrer von Stavenisse und ein Meßner, der ihm den Sonnenschirm

hielt.

Sie gingen, sagten sie, um dem wackeren Jakobsen das heilige Sakrament

der letzten Ölung zu geben; er war aus Furcht Geuse geworden, aber

nachdem die Gefahr vorüber, kehrte er im Sterben in den Schoß der

heiligen Römischen Kirche zurück.

Bald kamen sie zu der weinenden Nele und sahen Ulenspiegels Leichnam,

mit seinen Kleidern bedeckt, auf dem Rasen ausgestreckt. Nele kniete

nieder.

„Mägdlein,“ sprach der Bürgermeister, „was schaffst Du bei diesem

Toten?“ Sie wagte nicht die Augen aufzuschlagen und antwortete:

„Ich bete für meinen Liebsten, der wie vom Blitz getroffen hier

hingestürzt ist. Ich bin jetzt allein und will auch sterben.“

Darauf sprach der Pfarrer, vor Freuden schnaufend:

„Ulenspiegel, der Geuse ist tot; gelobet sei Gott! Bauer, spute Dich,

eine Grube zu graben, nimm ihm die Kleider fort, ehe er begraben wird.“

„Nein,“ sagte Nele und stand auf. „Die soll man ihm nicht wegnehmen; es

würde ihn in der Erde frieren.“

„Grabe das Grab,“ sagte der Pfarrer zu dem Bauern, der die Schaufel

trug.

„Das ist mir recht,“ sprach Nele unter Tränen; „in dem kalkhaltigen

Sande sind keine Würmer, und mein Geliebter wird unversehrt und schön

bleiben.“

Und ganz betört beugte sie sich über Ulenspiegels Körper und küßte ihn

unter Schluchzen und Tränen.

Bürgermeister, Schöffen und Bauer hatten Mitleid, aber der Pfarrer

sagte in einem fort frohgemut: „Der große Geuse ist tot, Gott sei

gelobt!“

Dann grub der Bauer das Grab, legte Ulenspiegel hinein und bedeckte ihn

mit Sand.

Und der Pfarrer sprach über dem Grabe die Totengebete; alle knieten

rund herum. Plötzlich geschah unter dem Sande eine große Bewegung, und

Ulenspiegel kam hervor, nieste und schüttelte sich den Sand aus den

Haaren. Dann packte er den Pfarrer an der Kehle und sprach:

„Inquisitor! Du legst mich lebendig ins Grab, dieweil ich schlafe! Wo

ist Nele? Hast Du sie auch begraben? Wer bist Du?“

Der Pfarrer schrie:

„Der große Geuse kehrt in die Welt zurück! Herr Gott, erbarm Dich

meiner Seele!“

Und er entfloh wie ein Hirsch vor den Hunden.

Nele trat zu Ulenspiegel.

„Küß mich, Herzliebste,“ sprach er.

Dann blickte er sich abermals um. Die beiden Bauern waren gleich dem

Pfarrer entflohen und hatten, um besser zu laufen, Schaufel, Tragsessel

und Schirm auf die Erde geworfen. Bürgermeister und Schöffen hielten

sich vor Angst die Ohren zu und stöhnten auf dem Rasen.

Ulenspiegel ging zu ihnen, schüttelte sie und sprach:

„Begräbt man Ulenspiegel, den Geist, und Nele, das Herz der Mutter

Flandern? Auch sie kann schlafen, aber sterben, nein! Komm, Nele.“

Und er ging mit ihr von dannen und sang sein sechstes Lied; doch wo er

das letzte gesungen, das weiß keiner.

Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak: Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und andern Orts · 第 34 / 46 题