Nachwort des Übersetzers

„Es ist eigentümlich, daß der Name eines Schriftstellers wie Charles

de Coster im Auslande noch so gut wie unbekannt ist, sowohl in

dem sprachverwandten Frankreich wie auf dem klassischen Boden des

Interesses für Weltliteratur, in Deutschland“, heißt es in dem einzigen

deutschen Essay über ihn, den Fräulein _Elsa Schulhoff_ (in der

„Nationalzeitung“ vom 18. und 20. August 1901) veröffentlicht hat.

„Und doch“, fährt sie fort, „ist es der Name eines Mannes, der das für

einen Schriftsteller höchste Ziel erreicht hat, ein Werk zu schaffen,

worin ein ganzes Volk sein Streben und Irren, seine Freuden und Leiden

ausgesprochen findet und sich wiedererkennt. Die Belgier bezeichnen

den „Ulenspiegel“ als ihre _nationale Bibel_. Es ist ein Buch, das

nur auf diesem Boden entstehen konnte, das den Charakter dieser Rasse

zeigt mit seinen Lichtern und Schatten, der derben Lust am Leben auf

der einen, dem Hang zum Mystizismus auf der andern Seite, seiner zähen

Freiheitsliebe, seiner Freude an der Arbeit, an bescheidenem häuslichem

Behagen, und daneben seinem Geschmack am Grausigen und Grausamen.“

Die vorliegende Verdeutschung versucht es, diesem echt niederdeutschen

Buche in Deutschland Heimatsrecht zu gewinnen und es aus einer

fremden Sprache in ein stammverwandtes Idiom zurückzuretten. Das

älteste Volksbuch von Till Ulenspiegel, in niedersächsischer Sprache

geschrieben, ist uns leider nicht erhalten. Jedoch existiert eine

hochdeutsche Übersetzung oder Bearbeitung, die im Jahre 1515 bei

Johannes Grieninger in Straßburg erschien, und eine wahrscheinlich

gleichfalls auf den niedersächsischen Text zurückgehende vlämische

Übersetzung: „~Van Ulespegels leuen. Gheprint Thanrwerpen in die

Kape by my Michiel van Hoochstraten~“ (o. J. 1520-1530?), auf welche

vermutlich auch die -- in der Vorrede[5] unseres Buches leider nicht

näher bezeichnete -- vlämische Ausgabe zurückgeht, von der, wie dort

erwähnt, de Coster eine Reihe von Schwänken in seinen Roman verwoben

hat. Es handelt sich hier also um eine ganze Kette von Hin- und

Herübersetzungen und Bearbeitungen -- bei derartigen Stoffen keine

Seltenheit -- in der unsre vorliegende Verdeutschung nur das letzte

Glied bildet.

Die Anmerkung zur Vorrede gibt ferner summarisch an, welche Kapitel aus

Buch I seines Werkes de Coster mehr oder minder frei der alten Quelle

entlehnt hat. Wer sich über das Verhältnis von Vorlage und Nachbildung

unterrichten will, der möge zu dem (leicht erhältlichen) Niemeyerschen

Neudruck des Volksbuches von 1515 greifen und Kapitel 6 unseres Buches

mit der dortigen Historie 1 vergleichen, ferner Kap. 13 mit Historie

2,[6] Kap. 19 mit 9, Kap. 24 mit 3 und 4, Kap. 35 mit 71, Kap. 39

mit 19, Kap. 41 mit 20, Kap. 42 mit 22 sowie am Schlusse mit 58, Kap.

43 am Schlusse mit 11, Kap. 47 mit 10, Kap. 48 mit 48, Kap. 49 mit

35, Kap. 53 mit 34, Kap. 55 mit 33, Kap. 57 mit 27, Kap. 60 mit 25,

Kap. 62 mit 17, Kap. 63 mit 39, Kap. 64 mit 43, Kap. 66 mit 82 des

Volksbuches. Oft, wie in Kap. 48 beider Bücher, ist die Anekdote in

ihren Einzelheiten getreu wiedergegeben; nicht selten ist sie besser

motiviert, bisweilen ihrer unflätigen oder grausamen Derbheit beraubt

(so der Schluß von Kap. 42 aus dem von Historie 58 und Kap. 66 aus

Historie 82). Ein paarmal ist sogar nur das Motiv verwertet (für Kap.

35 aus Hist. 71, für 39 aus 19). Im Allgemeinen aber ist die Benutzung

eine ziemlich freie dichterische Umgestaltung.

Dies ist schon deshalb begreiflich, weil de Coster seinen

Ulenspiegel aus dem Mittelalter in die Renaissance versetzt hat.

Der niedersächsische Ulenspiegel ist / nach der Überlieferung /

bekanntlich zu Knetlingen bei Braunschweig geboren und zu Mölln bei

Lübeck begraben, wo sein Grabstein das Jahr 1350 nennt. Die vlämische

Tradition nimmt ihn ebenfalls für sich in Anspruch, gestützt auf

einen Grabstein an der Kirche zu Damm in Flandern, der als Todesjahr

1301 nennt. Aus der Differenz dieser Daten hat man geschlossen,

daß zwei lustige Schelme dieses Namens gelebt haben, von denen der

deutsche, berühmtere, der Sohn war. Jedenfalls lebten beide im tiefsten

Mittelalter, in einer streng katholischen Zeit, die zwar grobe Späße

über die Pfaffen liebte, aber jede Ketzerei gegen die Grundlagen des

Glaubens verpönte. Beide Volkshelden erscheinen lediglich als boshafte,

bisweilen grausame Plagegeister ihrer Mitmenschen, als witzige,

oft unflätige Betrüger der Einfalt, als Gauner, Zechpreller und

Landstreicher, „behende, listige und durchtriebene“ Bauernburschen, die

sich mit ihrer Büberei „nirgends Dank verdienen.“

De Coster hat seinen Liebling um zwei Jahrhunderte verjüngt und ihn

mitten in die große niederländische Freiheitsbewegung hineinversetzt,

in der er zum allbeliebten, wackeren Streiter für die Glaubensfreiheit

des Protestantismus wird. Bei aller Anlehnung an das alte Volksbuch

im Anfang von Ulenspiegels Erdenwallen ist ihm also, um mit Gottfried

Keller zu reden, „das Antlitz nach einer anderen Himmelsrichtung

gekehrt“; er ist moralisch und zeitlich ganz gegensätzlich orientiert.

Das alte Volksbuch ist ferner nur eine lose aneinandergereihte

Schwanksammlung über Ulenspiegel, deren ganze Komposition darin

besteht, daß sie verschiedene Schelmenstreiche ähnlicher Art

zusammenträgt, wodurch bisweilen Wiederholungen entstehen. De Coster

hat den alten Schelm zum Helden eines zusammenhängenden Romans gemacht,

seine Landstreichereien mit einer auferlegten Pilgerfahrt nach Rom

motiviert und eine ganze Reihe ihm nahestehender Nebenfiguren um ihn

gruppiert, die er / außer seinen im Volksbuche nur schwach angedeuteten

Eltern / frei erfunden hat. Er hat ihm schließlich eine kunstvolle

Folie in der düstren Gestalt des ihm gleichaltrigen Königs Philipp von

Spanien gegeben. „Es ist nicht mehr die Legende eines Menschen, sondern

das Gedicht einer Rasse, was de Coster geschrieben hat“, sagte Camille

Lemonnier in seiner Grabrede auf den Autor mit Recht. Es ist „das Epos

des 16. Jahrhunderts“, das er zu schaffen sich vorgesetzt hatte.

Zu seinen Vorstudien genügte ihm daher auch nicht im entferntesten

die viel ältere, durch die junge Buchdruckerkunst rasch verbreitete

Schwankdichtung des ausgehenden Mittelalters; er mußte sich vor

allem in die Chroniken und Flugblätter der Renaissance vertiefen; er

bereiste, wie der oben zitierte Essay hervorhebt, die Gegenden, wo sich

die Kämpfe der Geusen abgespielt hatten, durchstöberte in zehnjähriger

Arbeit Archive, Museen und Bibliotheken, belauschte das Volk in den

vlämischen Wirtshäusern, auf den Märkten und Kirmessen, die auch

jetzt noch wenig von der derben Ausgelassenheit verloren haben, die

Teniers’ oder Jan Steens Pinsel schilderte ... „Aber trotzdem“, heißt

es weiter, „ist sein Buch kein historischer oder kulturhistorischer

Roman im gewöhnlichen Sinne geworden; er bleibt eine „Legende“; neben

realistischer Schilderung kommt als seine Hauptstimmung eine Poesie zu

Worte, die sich bis zum Ausdruck des Visionären steigert“.

„Überhaupt“, heißt es in dem angeführten Essay weiter, „sind es die

Gegensätze, die dem Buche seine Eigenart geben, der Gegensatz auch

zwischen dem Charakter des Werkes und dem des Verfassers. Diese oft

tollen und grotesken Szenen sind von einem Manne geschrieben, der von

sich sagt. „Ich bin ein melancholisches Geschöpf, dessen Lustigkeit

Wahnsinn oder Unsinn ist“, und der einer Freundin schreibt: „Hast

Du in den schönen Büchern die feine Melancholie, die ausgesuchte

Traurigkeit bemerkt, welche die geheimsten Fibern des Herzens berührt?

Darin liegt das ganze Wesen der Kunst.“ Diese Stimmung liegt wie

ein Schleier über dem sonderbaren Buche, sie verdichtet sich nicht

nur zu ergreifenden Episoden oder Gestalten, auch in der Mitte der

übermütigsten Auftritte braut der Dichter auf einmal Schwermut, um

seinen Lieblingsausdruck zu brauchen. Zu seiner Art der Darstellung

hat sich de Coster von den alten Volksbüchern anregen lassen: er gibt

nicht eine fortlaufende Erzählung, sondern setzt seine Kapitel von

sehr ungleichem Umfang, als vollständig in sich abgeschlossene kleine

Bilder oder auch nur Stimmungen nebeneinander. Es ist die Technik der

Mosaiks, jedes Steinchen ein festbegrenztes geschliffenes Stück von

eigner Form und Farbe und doch zu einem untrennbaren, lebendigen Ganzen

sich zusammenfügend. Einen eigenartigen Reiz gibt dem Buche auch die

Behandlung der Sprache. Durch langjähriges Studium besonders der Werke

von Rabelais und Montaigne hatte sich de Coster das Französisch des 16.

Jahrhunderts ganz zu eigen gemacht und es schon in seinen ersten Buche,

den „~Légendes Flamandes~“, mit vollendeter Meisterschaft gehandhabt.

Aber er legt in seinen Briefen Gewicht darauf, daß er dieses „einzige

Idiom“ nicht nur übernommen, wie er es fand, sondern daß er es ganz in

sich aufgenommen, es „verdaut“ und verjüngt habe.“

Als „Till Ulenspiegel“ im Jahre 1867 erschien, fand er eine begeisterte

Aufnahme, aber nur in einem kleinen Kreise von Schriftstellern, Kennern

und Künstlern, unter denen besonders die Maler die Bedeutung des

Buches sofort erkannten. Aus diesem Buche wehte ihnen der flandrische

Erdgeruch entgegen, den die Kunst der Vergangenheit besessen hatte.

Es war eine Reaktion gegen das trotz der Sprachgemeinschaft fremde

französische Wesen, das sich in Politik, Kunst, Literatur und Leben

eingebürgert hatte; es war ein germanisch-protestantischer Gegenschlag

gegen das geistige und weltliche Rom. Aber gerade diese Teilnahme der

Maler, heißt es in dem oben zitierten Essay, war ein Grund, daß das

Werk nicht in weitere Kreise drang. Sie hatten sein Erscheinen durch

ihre Mitarbeit feiern wollen, und so erschien denn Ulenspiegel zuerst

als Prachtausgabe mit einigen dreißig Radierungen erster belgischer

Meister, darunter von Félicien Rops das berühmte grausige Blatt von

dem am Glockenschwengel Erhängten. Der sehr hohe Preis des Buches

war selbstredend ein Hindernis für seine Verbreitung. Erst 1893 kam

es zu einer Neuauflage; der Autor war inzwischen längst im Elend

gestorben. Ein Jahr darauf wurde in Brüssel, am Teiche von Ixelles, ein

Doppelstandbild von Ulenspiegel und Nele errichtet, dessen Nische das

Reliefbildnis ihres geistigen Vaters ziert.

Charles Henri de Coster wurde am 20. August 1827 geboren, und zwar

in München, wo sein Vater Intendant des belgischen Bischofs und

päpstlichen Nuntius Charles Mercy d’ Argenteau war. Der Bischof

übernahm die Patenstelle bei ihm; seine Patin war die Marquise de

la Tour du Pin, die französische Gesandtin in Turin. „Welch ein

Gegensatz!“ ruft die Verfasserin des mehrfach zitierten Aufsatzes aus.

„Dieser schöne, von allen als Liebling des Bischofs verhätschelte

Knabe, in der frommen Pracht eines Bischofspalastes aufwachsend, und

der Freidenker, der fünfzig Jahre später von fanatischen Katholiken

verfolgt und ohne Beistand der Geistlichkeit begraben wird! Dazwischen

liegt das Leben eines genialen Künstlers mit hochfliegenden Plänen, mit

der Mißachtung der realen Lebensbedingungen und herben Enttäuschungen.

„Nach der Übersiedlung seiner Familie nach Brüssel und dem frühen

Tode des Vaters war de Coster darauf angewiesen, nach einem Beruf

zu greifen. Sein Pate wünschte, daß er Priester würde, was er aber

ablehnte. Auch das Bankfach, in das einflußreiche Gönner ihn brachten,

verließ er bald wieder, bezog die Universität Brüssel und wurde nach

Beendigung seiner Studien Mitarbeiter an verschiedenen Zeitungen und

Zeitschriften. Aber „ich kann aus meiner Feder kein Handwerkszeug

machen“, schreibt er mißmutig; nur zum freien Künstler fühlt er

sich geboren. Das war auch der Eindruck, den seine Persönlichkeit

auf den ihm näher stehenden Kreis gleichstrebender junger Talente

machte, die bald das Höchste von ihm erwarteten. Nach einigen feinen

kleinen Novellen brachten ihm seinen ersten Erfolg im Publikum seine

1858 erschienenen „~Légendes Flamandes~“. Mit Feuereifer stürzte

er sich nun in die Vorarbeiten zu seinem großen Werke: er suchte

in ihnen zugleich Vergessenheit für den Bruch eines jahrelangen,

eigentümlichen Liebesverhältnisses, in das wie in seine eigne sensitive

Künstlernatur die nach seinem Tode veröffentlichten ~Lettres à Eliza~

mit demselben schwermütigen Zauber hineinleuchten, der alles umgibt,

was er geschrieben hat. Um ganz seiner Dichtung leben zu können, gab

er seine Anstellung an den Staatsarchiven auf und veröffentlichte

in den folgenden zehn Jahren nur noch einen kleinen Band „~Contes

Brabançonnes~“. So ohne jede Einnahme, während seine Ausgaben sich

durch die für seine Vorarbeit nötigen Reisen vermehrten, von seiner

Jugend her an einen gewissen äußeren Schmuck des Lebens gewöhnt, war er

bei Beendigung seines Werkes nicht nur mit seinem kleinen väterlichen

Erbteil zu Ende, sondern auch tief in Schulden geraten. Das Ausbleiben

eines pekuniären Erfolges des Ulenspiegel brachte die Katastrophe. Zu

spät lernte Coster nun den „fürchterlichen Wert des Geldes“ verstehen,

nicht mehr für den Ruhm wollte er arbeiten, sondern nur noch für seine

Gläubiger. Aber seine Vermögensverhältnisse waren zu hoffnungslos

verwirrt. Auch eine Anstellung als Professor der französischen

Literatur an der neu gegründeten Kriegsschule konnte ihn nicht retten,

denn seine Gläubiger machten von dem ihnen in Belgien zustehenden Recht

der Beschlagnahme von Staatsgehältern den unerbittlichsten Gebrauch.

Literarische Pläne beschäftigten ihn zwar fortwährend, doch hat er

größere Arbeiten nicht mehr veröffentlicht; der Rest des Lebens war

ein qualvolles Ringen von einem Zahlungstermine zum andern. Auch der

Tag, an dem er starb, der 7. Mai 1879, war einer dieser grausamen

Verfalltage, und das letzte, was er geschrieben, waren am Vorabende

einige Dankesworte an einen Freund, der ihm die nötige fällige Summe

für den folgenden Tag versprochen hatte. „Sie retten mich. Charles de

Coster, der recht krank ist.“ Bei der Leiche dieses Dichters, der alles

Schöne so sehr geliebt hatte, fanden seine Freunde, wie sein Biograph

Ch. Powin erzählt, eine arme Frau, deren Gesicht durch ein unheilbares

schreckliches Leiden entstellt war und die ihn aus Dankbarkeit für sein

Mitleid gegen sie die letzten Tage gepflegt hatte.“

„Ich gehöre zu denen, die zu warten wissen,“ hatte de Coster angesichts

des beschränkten Achtungserfolges seines Hauptwerkes geschrieben. „Ich

schätze mich ein auf etwas für heute, auf viel für die Zukunft.“ Diese

stolze Voraussicht hat ihn nicht betrogen. „Der Verkannte von Heute,

der Lebende von Morgen“, wie ihn Camille Lemonnier, der „belgische

Zola“, an seinem Grabe nannte, ist der Vater der jungbelgischen

Literatur geworden, die einen Rodenbach und Maeterlinck, einen

Verhaeren und Lerberghe, einen Khnopff und Elskamp hervorgebracht

hat. Wenn der Lyriker Verhaeren seine ersten Gedichte „Les Flamandes“

zum Preise seines Vaterlandes anstimmte und einer bodenwüchsigen

belgischen Lyrik die Zunge löste, wenn Maeterlinck sein strudelköpfiges

Erstlingsdrama „Prinzessin Maleine“ auf flandrischen Boden verlegte

und gleich Verhaeren jene eigentümliche Mischung von Realismus und

Mystik in seinen späteren Werken beibehielt, wenn die ganze belgische

Provinz des französischen Parnasses ihre eigene heimische Note besitzt

und in die französische Literatur einen ganz neuen Ton hineingetragen

hat, so war dies alles nur nach dem Vorgang de Costers möglich. Nach

seinem Vorbilde hat das ganze belgische Schrifttum, trotz seines klugen

sprachlichen Anschlusses an den französischen Kulturkreis, der ihm eine

ungleich höhere Beachtung sichert als den stammverwandten Niederlanden

ihre holländische Schriftsprache, seine germanische Art behauptet und

dadurch eine der fruchtbarsten und eigenartigsten Synthesen in der

Weltliteratur geschaffen: die von germanischem Geist und romanischer

Form, der seit den Tagen der Renaissance unser heißes Bemühen gilt.

Zu diesen ästhetisch-kulturellen Motiven von de Costers Ruhm oder

Nachruhm tritt für die große Masse seiner Landsleute noch ein andres

hinzu, nämlich eine gewisse politische Aktualität, die sich aus

der Betrachtung der näheren Umstände leicht ergibt. Das Königreich

Belgien bildet die „unerlösten“ spanischen, später österreichischen

Niederlande; es war bis zur französischen Revolutionszeit vorwiegend

vlämisch, d.h. niederdeutsch; Orts- und Straßennamen sowie die

Gerichtssprache waren bis 1794 vlämisch, nur in Brüssel, das

größtenteils wallonisch, d.h. französisch bevölkert war, herrschte von

jeher das romanische Element vor. Durch die französische Eroberung

kam Belgien bis 1814 zu Frankreich; im ersten Pariser Frieden fiel

es an das Königreich der Niederlande, von dem es sich aber dank der

Agitation der französisch gesinnten Brüsseler Liberalen und des

Klerus losriß, als die Julirevolution von 1830 ausbrach. Seitdem

bildet es ein selbständiges Königreich mit klerikaler Regierung,

der eine starke antiklerikale, sozialistische Opposition schroff

gegenübersteht. Man begreift aus diesen Gegebenheiten den heftigen

Antiklerikalismus des Patrioten de Coster, dem nur die Wahl zwischen

diesen beiden Gegensätzen blieb. Für ihn war die Vereinigung Belgiens

mit dem protestantischen Holland im Jahre 1814 die späte Frucht

des heroischen, doch schließlich erschlafften Freiheitskampfes

gegen die spanische Tyrannei gewesen; und nun hatten die Schwarzen

im Bunde mit den französisch Gesinnten ihm zum zweiten Male die

Frucht des Sieges geraubt. Man versteht jetzt erst völlig die tiefe

Bedeutung des mystischen Orakels von dem Gürtel der Einheit, den

Ulenspiegel zu suchen auszieht, und von den sieben Lastern, die diese

Einheit immer wieder zerstören. Am Ende des Buches wiederholt sich

diese Prophetie mit einem Nachdruck, als wollte sie aus dem Ganzen

herausspringen wie sein geheimer Sinn, eine flammende Mahnung, die

Lehren der Vergangenheit zu beherzigen, und ein Bindeglied zwischen der

anscheinend weit abgerückten Vergangenheit und dem pulsenden Leben der

Gegenwart zu knüpfen. Von hier ausgehend, schärft sich der Blick für

diese politische Mystik, die dem Uneingeweihten so ganz wesenlos und

unmotiviert erscheint; und man wird in den leidenschaftdurchzitterten

Darstellungen Karls V. und Philipps II., die wahre historische

Zerrbilder sind, vom Haß eines Renaissance-Pamphletisten gesehen, und

nicht vom sachlichen Blicke der Klio, unschwer die Parallele zu den

beiden Napeleons erkennen, von denen der erste Belgien beherrscht hatte

und der andre zu der Zeit, da der Roman entstand, begehrliche Blicke

darauf warf. Auch die gelegentlichen gehässigen Darstellungen deutscher

Landsknechte und Fürsten scheinen aus dem eifersüchtigen Bangen des

belgischen Patrioten um seine heimische Freiheit entsprungen; nur das

belgische „Volk“ wird von ihm mit einen idealisierenden Glorienschein

umgeben. Wer immer aber von ähnlichen politischen Gesinnungen

beseelt war, der mußte dieses Buch eines zurückgewandten Propheten

mit nationalen Wallungen lesen und es lieb gewinnen. Und so ist

„Ulenspiegel“ für die Belgier noch heute eine nationale Bibel, die auch

in der altertümelnden Sprache sich an die alten Bibelübersetzungen

anschließt. Für den Nichtbelgier fallen solche Motive der Schätzung

freilich fort; immerhin muß uns Deutsche, die einen dreißigjährigen

Krieg für die Glaubensfreiheit kämpften, die seit Goethes und Schillers

Tagen der Befreiung der Niederlande auch literarisch nahe stehen, der

germanische Unterstrom dieses französischen Buches anheimeln; und

archaisierende Romane sind uns seit Scheffels „Ekkehard“, Meinholds

„Bernsteinhexe“ und den unvergeßlichen Novellen C. F. Meyers ja auch

nichts Fremdes mehr; jeder ästhetisch Gebildete wird also diese

Abspiegelung des Geistes der Reformationszeit bewundern. In Frankreich

hatte Gustave Flaubert das historische Genre wenige Jahre vor de

Coster gleichfalls zu Ehren gebracht, als er seine „Salambo“ schrieb;

de Coster jedoch, dem die Quellen ungleich weiter flossen, leistete

Größeres in der Wiedergabe des kulturhistorischen Dunstkreises und

besonders im Ausdruck, der fast stets wie aus einer alten Chronik

entnommen klingt, auch da, wo der Dichter aus Eigenstem geschöpft hat.

Oft genug ist das Buch, wie der mehrfach erwähnte Essay sehr fein

hervorhebt, „außerordentlich derb, gelegentlich bis zum Abstoßenden,

hierin wie in der breiten Ausmalung großer Schmausereien und in der

Satire auf die Geistlichkeit an Rabelais gemahnend. Aber dann ist es

plötzlich, als öffne sich während eines Trinkgelages ein Fenster, und

ein Hauch frischer, reiner Luft dringe hinein. Zwischen die burlesken

Szenen schiebt sich ein kleines Landschaftsbild. / Auch in der

Schilderung des Freiheitskampfes werden zügellose Szenen manchmal nur

durch einen Satz, durch einen Gedanken von seltener Gefühlszartheit

und Melancholie ins Gleichgewicht gebracht. / Oft nur mit wenigen

Strichen, aber stets auf das Lebendigste gezeichnet, ist auch die Fülle

historischer Persönlichkeiten, mit denen Ulenspiegel auf seinen Fahrten

in Verbindung tritt: Egmont, tapfer und hochmütig, sein ihm blindlings

zustimmender Freund Horn, der herkulische, trinkfreudige und kluge

Brederode, der große Schweiger Oranien und sein ritterlicher Bruder.

/ Meisterstücke sind nicht minder Auftritte wie der Bildersturm in

Antwerpen, das Nachtstück im Gasthaus zum Regenbogen in Courtrai mit

der dämonischen Gestalt der Gilline, der spanischen Spionin, oder die

groteske Prozession des Heiligen Martin in Ypern; sie prägen sich dem

Gedächtnis des Lesers unauslöschlich ein. Und ebenso bewundernswert ist

die Abwechslung, mit der de Coster diese Szenen zu gestalten weiß.“

Es wäre noch vieles zu sagen über die um Ulenspiegel gruppierten

Figuren: den schlichten, arbeitsamen Klas, der so gar kein Held ist,

der seine Richter um Gnade anfleht und der doch als Märtyrer seiner

Überzeugung den Holzstoß besteigt, / über die arme herzensgute Soetkin

(Suschen), die aus Gram und an den Folgen der Folter stirbt, / über

das reizende Idyll der Liebe zu Nele, die mit ihrer Landsmännin, dem

Goetheschen Klärchen, so nahe verwandt ist, / über den burlesken

„Freßsack“ Lamm, der im Grimm über das Davonlaufen seines von den

Pfaffen verhetzten Weibes zu einem komischen Löwen wird, / und vor

allem über den Helden selbst, der ein Taugenichts und Tagedieb war und

der plötzlich unter der Wucht des Erlebten zum Manne heranreift, von

dem einen Rachegedanken beherrscht: „Klasens Asche brennt auf meiner

Brust“. Das und vieles Andere verdient eingehende Würdigung; aber es

mag bei diesen Andeutungen bleiben, die den Leser nur auf den Weg des

eigenen Genusses führen wollen und damit ihre Aufgabe erfüllt haben.

Fräulein _Marie Lamping_, die mir bei der Übersetzung hilfreich zur

Seite gestanden hat, und Fräulein _Elsa Schulhoff_, deren Aufsatz ich

die Anregung zu dieser Verdeutschung verdanke, sei auch an dieser

Stelle mein aufrichtiger Dank gesagt.

F. v. O.-Br.

Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak: Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und andern Orts · 第 35 / 46 题