Und der Mönch sprach: „Du beschimpfest mich, Dicker.“

„Nein,“ antworte Lamm, „ich mache Dich fett.“

Ein lauer Wind wehte, die Sonne schien warm. Der fiebernde Lamm war

auf seinem Bette gut festgebunden, damit er bei den jähen Anfällen des

Fieberwahns nicht vom Schiff spränge. Er wähnte sich noch in der Küche

und sprach:

„Der Ofen ist heute hell. Bald wird es Fettammern regnen. Frau, spanne

die Schlingen in unserm Obstgarten auf. Du bist schön so mit den bis

an den Ellbogen aufgeschlagenen Ärmeln. Dein Arm ist weiß, ich will

mit den Lippen hineinbeißen, das sind Sammetzähne. Wem gehört dieser

schöne Leib, wem gehören diese schönen Brüste, die unter Deinem weißen

Leibchen von feinem Linnen schimmern? Mir, mein süßer Schatz. Wer wird

das Frikassee von Hahnenkämmen und Kücken machen? Nicht zuviel Muskat,

das macht Fieber. Weiße Brühe mit Thymian und Lorbeeren. Wo sind die

Eidotter?“

Dann winkte er Ulenspiegel, das Ohr an seinen Mund zu halten, und sagte

ganz leise zu ihm:

„Bald wird es Wildpret regnen, ich werde Dir vier Fettammern mehr

aufheben als den Andern. Du bist Kapitän, verrate mich nicht.“

Dann hörte er die Wellen leise an die Schiffswand plätschern.

„Die Suppe kocht, mein Sohn, die Suppe kocht, aber wie langsam heizt

dieser Ofen!“

Sobald er seine fünf Sinne beisammen hatte, sprach er, vom Mönch redend:

„Wo ist er? Wächst sein Speck?“

Da er ihn erblickte, streckte er ihm die Zunge heraus und sagte:

„Das große Werk wird vollendet; des bin ich froh.“

Eines Tages verlangte er, daß die große Wage auf Deck gebracht würde

und daß man ihn auf ein Wagebrett und den Mönch auf das andere

legte. Kaum war der Mönch darauf, als Lamm wie ein Pfeil in die Luft

schnellte. Hocherfreut sagte er, indem er ihn ansah:

„Er ist schwer, er ist schwer! Ich bin ein leichter Geist neben

ihm; ich werde wie ein Vogel in die Luft fliegen. Ich habe einen

Gedanken: nehmt ihn herunter, damit ich herabsteigen kann; jetzt

legt die Gewichte auf; legt ihn wieder darauf. Wieviel wiegt er?

Dreihundertvierzehn Pfund. Und ich? Zweihundertzwanzig.“

6

In der Nacht des folgenden Tages ward Ulenspiegel bei Tagesgrauen durch

Lamm geweckt, welcher rief:

„Ulenspiegel, Ulenspiegel! zu Hilfe, hindere sie fortzugehen. Schneidet

die Stricke durch, schneidet die Stricke durch!“

Ulenspiegel stieg auf Deck und sagte:

„Warum rufst Du? Ich sehe nichts.“

„Sie ist es,“ antwortete Lamm, „sie, meine Frau; dort in der Schaluppe,

die jenes Vlieboot umkreist. Ja, um das Vlieboot, von dem die Lieder

und die Lautenklänge kommen.“

Nele war gleichfalls auf Deck gestiegen.

„Schneide die Stricke durch, Liebchen,“ sprach Lamm. „Siehst Du nicht,

daß meine Wunde geheilt ist? Ihre weiche Hand hat sie verbunden. Sie,

ja, sie. Siehst Du sie in der Schaluppe stehen? Hörst Du? Sie singt

noch. Komm, Geliebte, komm, flieh nicht Deinen armen Lamm, der ohne

Dich so einsam auf Erden war.“

Nele faßte seine Hand und berührte sein Gesicht.

„Er hat noch Fieber,“ sagte sie.

„Schneidet die Stricke durch,“ sprach Lamm, „gebt mir eine Schaluppe!

Ich lebe, ich bin glücklich, ich bin geheilt!“

Ulenspiegel zerschnitt die Stricke und Lamm sprang in weißen

Leinenhosen ohne Wams aus dem Bett und begann, das Boot selbst

hinunterzulassen.

„Sieh ihn an,“ sagte Nele zu Ulenspiegel. „Seine Hände zittern vor

Ungeduld bei der Arbeit.“

Da das Boot flott war, stiegen Ulenspiegel, Nele und Lamm mit einem

Ruderknecht hinein und steuerten auf das Vlieboot zu, das in der Ferne

im Hafen vor Anker lag.

„Sieh, das schöne Vlieboot,“ sprach Lamm, dem Ruderknecht helfend.

Vom morgenfrischen Himmel, den die Strahlen der jungen Sonne wie

vergüldetes Kristall färbten, hob das Vlieboot seinen Rumpf und seine

schlanken Masten ab.

Derweil Lamm ruderte, fragte Ulenspiegel:

„Sag uns nunmehr, wie Du sie wiedergefunden hast?“

Lamm gab stoßweise Antwort.

„Ich schlief, es ging mir schon besser. Plötzlich dumpfes Geräusch.

Etwas Hölzernes stößt ans Schiff. Schaluppe. Matrose läuft beim

Geräusch herbei: Wer da? Eine sanfte Stimme, ihre Stimme, mein Sohn,

ihre süße Stimme: Gut Freund! Dann derbere Stimme: Es lebe der Geuse!

Kommandant des Vlieboots „Johanna“ mit Lamm Goedzak sprechen. Matrose

wirft die Strickleiter hinunter. Der Mond schien. Ich sehe die Gestalt

eines Mannes auf Deck steigen: Starke Hüften, runde Kniee, breites

Becken. Ich sage mir: Falscher Mann. Mir ist, wie wenn eine Rose sich

erschließt und meine Wange berührt. Ihr Mund, mein Sohn, und ich höre

sie sagen, sie selbst, verstehst Du? sie selbst, indem sie mich mit

Küssen und Tränen bedeckt, die wie flüssiges, balsamisches Feuer auf

meinen Körper fallen: „Ich weiß, daß ich unrecht tue, aber ich habe

Dich lieb, mein guter Mann. Ich habe vor Gott geschworen, und ich

breche meinen Schwur, mein Mann, mein armer Mann! Ich bin oft gekommen,

ohne mich in Deine Nähe zu wagen. Der Matrose hat es mir endlich

erlaubt. Ich verband Deine Wunde; Du erkanntest mich nicht, aber ich

habe Dich geheilt. Sei nicht böse, lieber Mann. Ich bin Dir gefolgt,

aber ich fürchte mich, er ist auf diesem Schiff. Laß mich gehen. Wenn

er mich sähe, so verfluchte er mich und ich würde im ewigen Feuer

brennen!“ Weinend und glücklich küßte sie mich abermals und verließ

mich dann wider meinen Willen, trotz meiner Tränen. Du hattest mir ja

Arm und Beine festgebunden, mein Sohn, aber jetzt“ ....

So sprechend, ruderte er mit starken Schlägen, wie die gespannte Schnur

eines Bogens, die den Pfeil vorwärts schnellt.

Als sie sich dem Vlieboot näherten, sprach Lamm:

„Da steht sie auf Deck und spielt die Laute, meine reizende Frau mit

goldbraunem Haar, braunen Augen, noch blühenden Wangen, bloßen, runden

Armen und weißen Händen. Hüpfe auf den Wellen, Schaluppe!“

Da der Kapitän des Vlieboots die Schaluppe herankommen und Lamm

wie einen Teufel rudern sah, ließ er eine Strickleiter von Deck

herunterwerfen. Als Lamm ihr nahe war, sprang er aus der Schaluppe auf

die Leiter, auf die Gefahr hin, ins Meer zu stürzen, und stieß das Bot

drei Klafter weit zurück. Wie eine Katze kletterte er an Bord und lief

auf seine Frau zu, die, vor Freude halbohnmächtig, ihn umarmte und

küßte. Dabei sprach sie:

„Lamm! Du darfst mich nicht mitnehmen, ich habe bei Gott geschworen,

aber ich habe Dich lieb. Ach, lieber Mann!“

Nele rief aus:

„Das ist ja Calleken Huybrechts, die schöne Calleken!“

„Die bin ich,“ sagte sie, „aber ach, meine Schönheit ist nicht mehr in

der Mittagshöhe.“

Und sie schien betrübt.

„Was hast Du getan?“ fragte Lamm. „Was geschah mit Dir? Warum hast Du

mich verlassen? Warum willst Du mich jetzo meiden?“

„Hör mich an,“ sprach sie, „und zürne nicht, ich will Dir alles sagen.

Wissend, daß alle Mönche Erwählte Gottes sind, vertraute ich mich einen

von ihnen an. Er hieß Broer Cornelis Adriaensen.“

Da Lamm dies vernahm, sprach er:

„Was! dieser schlimme Heuchler, der ein Maul hatte wie eine Kloake voll

Schmutz und Unrat und von nichts sprach, als das Blut der Reformation

zu vergießen! Was! dieser Lobredner der Inquisition und der Edikte!

Wehe! dieser schuftige Taugenichts war es!“

Calleken sagte:

„Beschimpfe den Mann Gottes nicht!“

„Der Mann Gottes!“ sprach Lamm, „ich kenne ihn! Er war der Mann der

Unflätereien und Zoten. Unseliges Geschick! Mußte meine schöne Calleken

diesem geilen Mönch in die Hände fallen. Komm mir nicht nahe, ich

ermorde Dich! Und ich, der ich sie so liebte! Mein armes Herz betrogen,

das ganz ihr gehörte! Was willst Du hier? Weshalb hast Du mich

gepflegt? Du hättest mich sollen sterben lassen. Hebe Dich weg, ich

will Dich nicht mehr sehen, hebe Dich weg oder ich werfe Dich ins Meer.

Mein Messer! ....“

Sie umarmte ihn und sprach:

„Lamm, lieber Mann, weine nicht. Ich bin nicht, was Du denkst; ich bin

diesem Mönch nicht zu Willen gewesen!“

„Du lügst,“ sprach Lamm, weinend und zähneknirschend. „Ach, ich war

nimmer eifersüchtig, und jetzt bin ich’s. Traurige Leidenschaft, Zorn

und Liebe: der Drang, zu morden und zu umarmen. Hinweg! nein, bleib.

Ich war so gut zu ihr. Mordlust beherrscht mich. Mein Messer! Oh! das

brennt, verzehrt, nagt ... Du lachst über mich ....“

Und weinend, sanft und demütig umarmte sie ihn.

„Ja,“ sprach er, „ich bin albern in meinem Zorn; ja, Du hütetest meine

Ehre, die Ehre, die wir Narren an die Röcke einer Frau hängen. Darum

also stecktest Du Dein süßestes Lächeln auf, wenn Du mich batest, mit

Deinen Freundinnen zur Messe zu gehen ...“

„Laß mich reden,“ sprach die Frau, ihn umarmend. „Ich will augenblicks

tot sein, wenn ich Dich hintergehe.“

„So stirb,“ sprach Lamm, „denn Du wirst lügen.“

„Hör mir an,“ sprach sie.

„Rede oder schweige,“ sagte er, „mir ist es einerlei.“

„Broer Adriaensen,“ sagte sie, „galt für einen guten Kanzelredner.

Ich ging, ihn zu hören. Er stellte den geistlichen Stand und das

Zölibat weit über alle andern, weil sie die Frommen am besten ins

Paradies führen. Seine Beredsamkeit war gewaltig und ungestüm. Mehrere

ehrbare Frauen, darunter ich, und sonderlich eine gute Zahl Witwen

und Jungfrauen wurden ganz verstört davon. Maßen der ehelose Stand so

vollkommen ist, empfahl er uns, darin zu verbleiben. Wir schwuren,

nicht mehr ehelich zu leben ....“

„Ausgenommen mit ihm, ohne Zweifel,“ sagte Lamm unter Tränen.

„Schweig,“ sagte sie erzürnt.

„Weiter,“ sagte er, „vollende; Du hast mir einen harten Schlag

versetzt, den werd’ ich nicht überwinden.“

„Doch, lieber Mann,“ sagte sie, „wenn ich allzeit bei Dir sein werde.“

Sie wollte ihn umarmen und küssen; er aber stieß sie zurück.

„Die Witwen,“ sagte sie, „gelobten ihm in die Hand, sich nie wieder zu

verheiraten.“

Und Lamm hörte zu, in eifersüchtiges Sinnen versenkt.

Voll Scham erzählte Calleken weiter:

„Er wollte nur schöne und junge Frauen und Jungfrauen als Büßerinnen

haben; die andern, die schickte er zu ihren Pfarrern zurück. Er

gründete einen Orden von Andächtigen, indem er uns alle schwören ließ,

keine andern Beichtiger als ihn zu nehmen. Ich leistete den Schwur.

Meine Genossinnen, die besser unterrichtet waren als ich, fragten mich,

ob ich mich nicht in der Heiligen Disziplin und der Heiligen Pönitenz

unterweisen lassen wollte. Ich war bereit. Es war aber zu Brügge am

Kai der Steinschneider, nahe dem Kloster der minderen Brüder ein Haus,

darin eine Frau, namens Calle de Najage, wohnte. Die unterrichtete und

ernährte junge Mädchen um einen Goldkarolus im Monat. Broer Cornelis

konnte in ihr Haus gelangen, ohne daß er dem Anschein nach sein Kloster

verließ. In dieses Haus ging ich: in ein Kämmerlein, darin er allein

war. Allda befahl er mir, ihm alle meine natürlichen und fleischlichen

Begierden zu sagen. Erstlich traute ich mich nicht, aber ich gab

endlich nach, weinte und sagte ihm alles.“

„Wehe!“ klagte Lamm, „so empfing dieser schweinische Mönch Deine holde

Beichte.“

„Er sagte mir immer / und solches ist wahr, lieber Mann / daß über

der irdischen eine himmlische Scham sei, durch welche wir Gott unsere

weltliche Scham zum Opfer bringen, und daß wir also unserm Beichtiger

alle unseren geheimsten Begierden bekennen und alsdann würdig sind, die

heilige Geißelung und die heilige Buße zu empfahen.

„Zuletzt nötigte er mich, nackend vor ihn zu treten, um auf meinem

Körper, der gesündigt hatte, die allzuleichte Züchtigung meiner Sünden

zu erhalten. Eines Tages zwang er mich, mich zu entkleiden; ich ward

ohnmächtig, als ich mein Hemd vor ihn fallen lassen mußte. Er brachte

mich durch Salze und Riechfläschchen wieder zu mir. „Für diesmal ist es

gut, meine Tochter,“ sagte er, „kehre in zwei Tagen wieder und bringe

eine Geißel mit.“ Das dauerte lange Zeit, ohne daß jemals ... ich

schwöre bei Gott und all seinen Heiligen ... Mann ... versteh mich ...

schau mich an ... sieh, ob ich lüge ... ich blieb rein und treu ... ich

liebte Dich.“

„Armer, süßer Körper,“ sagte Lamm. „O Schandfleck auf Deinem

Hochzeitskleid!“

„Lamm,“ sprach sie, „er redete im Namen Gottes und unsrer heiligen

Mutter Kirche; mußte ich ihn nicht anhören? Ich liebte Dich immer, aber

ich hatte bei der Jungfrau mit furchtbaren Eiden geschworen, mich Dir

zu versagen. Und doch war ich schwach, Deinetwegen schwach. Entsinnst

Du Dich des Gasthauses in Brügge? Ich war bei Calle de Najage, Du kamst

auf Deinem Esel mit Ulenspiegel vorbeigeritten. Ich ging Dir nach. Ich

hatte eine hübsche Summe Geldes und gab für mich nichts aus. Ich sah

Dich hungern, mein Herz zog mich zu Dir, ich empfand Mitleid und Liebe.“

„Wo ist er jetzt?“ fragte Ulenspiegel.

Calleken antwortete:

„Nach einer vom Magistrat befohlenen Nachforschung und auf Anstiften

Böswilliger mußte Broer Adriaensen Brügge verlassen und flüchtete nach

Antwerpen. Man hat mir auf dem Vlieboot erzählt, daß mein Mann ihn

gefangen genommen hat.“

„Was!“ sprach Lamm, „der Mönch, den ich mäste, ist ....“

„Er,“ antwortete Calleken, ihr Gesicht verhüllend.

„Eine Axt, eine Axt,“ schrie Lamm, „daß ich ihn schlachte und das Fett

dieses geilen Bockes meistbietend verkaufe! Rasch zurück zum Schiffe.

Die Schaluppe! Wo ist die Schaluppe?“

Nele sprach zu ihm:

„Es ist eine niedrige Grausamkeit, einen Gefangenen zu töten oder zu

verwunden.“

„Du siehst mich mit bösen Augen an; würdest Du mich daran hindern?“

„Ja,“ sagte sie.

„Wohlan,“ sprach Lamm, „ich werde ihm nichts antun. Laß mich ihn nur

aus dem Käfig werfen. Die Schaluppe! Wo ist die Schaluppe?“

Sie stiegen flugs ein und Lamm ruderte eifrig und weinte, alles mit

einander.

„Du bist traurig, Mann?“ fragte Calleken.

„Nein,“ sprach er, „ich bin froh. Du wirst mich gewißlich nicht

verlassen?“

„Nimmer,“ sagte sie.

„Du warst rein und treu, sagst Du; aber süßes Liebchen, geliebte

Calleken, ich lebte nur, um Dich wiederzufinden, und siehe da, Dank

diesem Mönch wird in all unsren Wonnen das Gift der Eifersucht sein ...

Sobald ich traurig oder nur müde bin, werde ich Dich nackend sehen, wie

Du Deinen schönen Leib dieser schimpflichen Geißelung unterwirfst. Der

Lenz unsrer Liebe war mein, doch der Sommer gehörte ihm. Grau wird der

Herbst sein und in Bälde wird der Winter kommen, meine treue Liebe zu

begraben.“

„Du weinst?“ sagte sie.

„Ja,“ sprach er, „was vergangen ist, kehrt nicht wieder.“

„Wenn Calleken treu war, so sollte sie Dich Deiner häßlichen Worte

halber allein lassen,“ sagte Nele darauf.

„Er weiß nicht, wie ich ihn liebte,“ sprach Calleken.

„Sagst Du die Wahrheit?“ rief Lamm aus. „Komm, Liebchen, komm, mein

Weib. Kein grauer Herbst ist mehr da, und kein Winter, uns zu begraben.“

Und er schien fröhlich, und sie kamen zum Schiffe.

Ulenspiegel gab Lamm die Schlüssel zum Käfig und er öffnete ihn. Er

wollte den Mönch bei einem Ohr auf Deck ziehen, aber er konnte es

nicht; er wollte ihn seitwärts herausziehen, aber das ging ebenso wenig.

„Man muß alles zerbrechen; der Kapaun ist fett,“ sagte er.

Nunmehr kam der Mönch heraus und rollte seine dicken, blöden Augen,

dieweil er seinen Bauch mit beiden Händen festhielt. Da zog eine große

Welle unter dem Schiff her und er fiel auf sein Gesäß.

Und Lamm sprach zum Mönche:

„Wirst Du noch „Dicker“ sagen? Du bist dicker als ich. Wer zwang Dich,

sieben Mahlzeiten am Tage zu halten? Ich. Woher kommt es, Schreihals,

daß Du jetzt ruhiger bist und sanfter zu den armen Geusen?“

Und er redete weiter:

„So Du noch ein Jahr im Käfig bleibst, wirst Du nicht mehr daraus

herfür können. Deine Wangen beben wie Schweinesülze, wenn Du Dich

bewegst; Du schreist schon nicht mehr, bald wirst Du nicht mehr atmen

können.“

„Schweig, Dicker,“ sagte der Mönch.

„Dicker!“ sprach Lamm und geriet in Wut. „Ich bin Lamm Goedzak, Du

bist Bruder Dicksack, Fettsack, Lügensack, Schlucksack, Wollustsack.

Du hast vier Finger breit Speck unter der Haut, man sieht Deine Augen

nicht mehr. Ulenspiegel und ich könnten bequem in der Kathedrale

Deines Bauches hausen! Du nennst mich Dicker; willst Du einen Spiegel,

um Deinen Bauch zu betrachten? Ich habe Dich gemästet, Du Denkmal

von Fleisch und Bein. Ich habe geschworen, daß Du Fett speien, Fett

schwitzen und Fettspuren zurücklassen solltest wie ein Talglicht, das

in der Sonne schmilzt. Man sagt, daß der Schlagfluß beim siebenten Kinn

kommt; Du hast ihrer jetzo fünf und ein halbes.“

Dann zu den Geusen gewendet:

„Sehet diesen Lüstling! Das ist Bruder Cornelis Adriaensen Nichtsnutzen

aus Brügge. Er predigte allda eine neue Schamhaftigkeit. Sein Fett

ist die Strafe, sein Fett ist mein Werk. Nun höret alle, Matrosen

und Soldaten: Ich werde Euch verlassen, Dich verlassen, Ulenspiegel,

auch Dich, kleine Nele, um in Vlissingen, wo ich Vermögen habe, mit

meiner lieben Frau zu leben, die ich wiederfand. Ihr habt mir ehedem

geschworen, mir alles zu bewilligen, um was ich Euch bitten würde ...“

„Das ist Geusenmord,“ sprachen sie.

„Wohlan,“ sagte Lamm, „betrachtet diesen Lüstling, diesen Bruder

Adriaensen Nichtsnutzen aus Brügge; ich schwur, ihn in seinem Fett

umkommen zu lassen wie ein Schwein. Bauet einen größeren Käfig und

zwingt ihn, täglich zwölf Mahlzeiten anstatt sieben zu essen; gebt ihm

eine fette, süße Nahrung. Jetzt ist er schon wie ein Ochs; macht, daß

er wie ein Elefant wird, und Ihr werdet in Bälde sehen, daß er den

Käfig ausfüllt.“

„Wir werden ihn mästen,“ sagten sie.

„Und jetzo,“ fuhr Lamm fort, zum Mönche sprechend; „sage ich Dir

Nichtsnutz Valet. Ich lasse Dich nach Mönchsweise mästen, anstatt Dich

henken zu lassen; nimm zu an Fett und glaube an den Schlagfluß.“

Dann nahm er sein Weib Calleken in die Arme:

„Schau her, grunze oder brülle, ich raube sie Dir, Du wirst sie nicht

mehr geißeln!“

Aber der Mönch geriet in Wut und sprach zu Calleken:

„So gehest Du ins Bett der Unzucht, lüsternes Weib! Ja, Du gehst ohne

Mitleid für den armen Märtyrer von Gottes Wort, der Dich die heilige,

liebliche und himmlische Zucht lehrte. Sei verflucht! Kein Priester

möge Dir verzeihen; möge der Boden unter Deinen Füßen brennen, Zucker

Dir wie Salz erscheinen, Rindfleisch wie verwestes Hundefleisch.

Das Brot werde Dir zu Asche, die Sonne zu Eis, und der Schnee zu

Höllenfeuer. Verflucht sei Deine Fruchtbarkeit, Deine Kinder sollen

scheußlich sein, mit dem Leib eines Affen und einem Schweinskopf,

der größer ist als ihr Bauch. Du sollst leiden, wimmern und ächzen

in dieser und in jener Welt, in der Hölle, die Deiner wartet, in der

Hölle aus Pech und Schwefel, so für Weiber Deiner Art angezündet ist.

Meine väterliche Liebe wiesest Du zurück. Sei dreifach verflucht

von der Heiligen Dreieinigkeit und siebenfach verflucht von den

Leuchten der Kirche. Deine Beichte sei Dir Verdammnis, die Hostie ein

tödliches Gift, und in der Kirche möge jede Fliese sich erheben, um

Dich zu zermalmen und Dir zu sagen: Diese ist die Buhlerin, diese ist

verflucht, diese ist verdammt!“

Und Lamm hüpfte vor Freude und sagte fröhlich:

„Sie ist treu gewesen, er hat es gesagt, der Mönch; es lebe Calleken!“

Aber sie sprach weinend und zitternd:

„Mann, nimm diese Verwünschung von mir. Ich sehe die Hölle! Nehmt die

Verwünschung von mir!“

„Nimm die Verwünschung zurück,“ sagte Lamm.

„Ich werde sie nicht zurücknehmen, Dicker,“ sagte der Mönch.

Und die Frau harrte knieend, ganz bleich und bekümmert, und mit

gefalteten Händen flehte sie Bruder Adriaensen an.

Und Lamm sprach zum Mönche:

„Nimm die Verwünschung zurück, sonst wirst Du gehenkt. Und so der

Strick Deines Gewichtes halber reißt, wirst Du von neuem gehenkt

werden, bis der Tod eintritt.“

„Gehenkt und wiederum gehenkt,“ sagten die Geusen.

„Wohlan“, sprach der Mönch zu Calleken, „geh hin, Unzüchtige, gehe mit

diesem dicken Mann; ich nehme meine Verwünschung zurück, aber Gott und

alle seine Heiligen werden ein Auge auf Dich haben.“

Schwitzend und schnaufend schwieg er still.

Plötzlich rief Lamm aus:

„Er schwillt! Er schwillt: Ich sehe das sechste Kinn. Beim siebenten

kommt der Schlagfluß. Und jetzt,“ sagte er, sich zu den Geusen wendend,

„Gott befohlen, Du, Ulenspiegel, und Ihr alle, meine guten Freunde,

Gott befohlen, Du, Nele, und die heilige Sache der Freiheit; ich vermag

nichts mehr für sie.“

Nachdem er allen den Bruderkuß gegeben und ihn empfangen hatte, sagte

er zu seiner Frau Calleken:

„Komm, es ist die Stunde der rechtmäßigen Liebe.“

Derweil das Boot auf dem Wasser glitt und Lamm und seine Herzliebste

davontrug, riefen Matrosen, Soldaten und Schiffsjungen, indem sie alle

ihre Hüte schwenkten: „Leb wohl, Bruder, leb wohl, Lamm, leb wohl,

Bruder, Freund und Bruder!“

Und Nele sprach zu Ulenspiegel, indem sie ihm mit der Spitze ihres

zierlichen Fingers eine Träne aus dem Auge wischte:

„Bist Du traurig, Liebster?“

„Er war gut,“ sagte er.

„Wehe,“ sagte sie, „wird denn dieser Krieg nimmer enden? Müssen wir

denn allezeit in Blut und Tränen leben?“

„Laß uns die Sieben suchen,“ sagte Ulenspiegel; „die Stunde der

Befreiung naht.“

Gemäß Lamms Wunsch mästeten die Geusen den Mönch im Käfig. Als er für

Lösegeld in Freiheit gesetzt wurde, wog er dreihundertsiebzehn Pfund

und fünf Unzen flandrisch Gewicht.

Und er starb als Prior seines Klosters.

7

Um jene Zeit versammelten sich die Herren von den Generalstaaten in

Haag, um über Philipp, König von Spanien, Graf von Flandern, Holland

usw. zu Gericht zu sitzen, gemäß den von ihm genehmigten Urkunden und

Privilegien.

Und der Schreiber sprach also:

„Es ist männiglich bekannt, daß ein Landesfürst von Gott als Herrscher

und Oberhaupt seiner Untertanen eingesetzt ist, um sie vor allen

Kränkungen, Unterdrückungen und Gewalttaten zu schützen, wie ein Hirte

für die Verteidigung und den Schutz seiner Schafe angestellt ist.

Gleichermaßen ist es bekannt, daß die Untertanen nicht von Gott zum

Nutzen des Fürsten geschaffen sind, um ihm in allem, was er befiehlt,

gehorsam zu sein, sei es eine fromme oder gottlose, eine gerechte oder

ungerechte Sache, noch um ihm wie Sklaven zu dienen. Sondern der Fürst

ist Fürst für seine Untertanen, ohne die er nicht sein kann, auf daß

er nach Recht und Vernunft regiere, auf daß er sie liebe und erhalte

wie ein Vater seine Kinder, wie ein Hirte seine Schafe, und sein Leben

wage, um sie zu schirmen. So er es nicht tut, soll er nicht für einen

Fürsten, sondern für einen Tyrannen gehalten werden. König Philipp hat

durch Soldaten, Kreuzzugsbullen und Exkommunikationen vier feindliche

Heere gegen uns gehetzt. Was soll kraft der Gesetze und Bräuche des

Landes seine Strafe sein?“

„Er werde abgesetzt,“ antworteten die Herren von den Staaten.

Der Schreiber fuhr fort:

„Philipp hat seine Eide gebrochen; er hat die Dienste, die wir ihm

leisteten, vergessen, und die Siege, die wir ihm erringen halfen. Da

er sah, daß wir reich waren, ließ er uns von den hispanischen Räten

plündern und brandschatzen.“

„Er werde als Undankbarer und Räuber abgesetzt.“

„Philipp,“ fuhr der Schreiber fort, „hat in den mächtigsten Städten

des Landes neue Bischöfe eingesetzt und ihnen die Güter der reichsten

Abteien als Pfründe verliehen. Mit ihrer Hilfe führte er die

hispanische Inquisition ein.“

„Er werde abgesetzt als Henker und Verschwender fremder Güter,“

antworteten die Herren von den Staaten.

„In Ansehung dieser Tyrannei unterbreiteten die Adligen des Landes im

Jahre 1566 eine Bittschrift, in welcher sie den Herrscher inständig

baten, seine harten Edikte zu mäßigen, insonderheit die, so die

Inquisition beträfen. Er weigerte es jederzeit.“

„Er werde abgesetzt als Tiger, der von seiner Grausamkeit nicht läßt,“

antworteten die Herren von den Staaten.

Der Schreiber fuhr fort:

„Es besteht starker Verdacht, das Philipp durch seine hispanischen Räte

den Bildersturm und die Plünderung der Kirchen insgeheim angestiftet

hat, um unter dem Vorwand von Verbrechen und Unruhen fremde Heere gegen

uns ins Feld zu schicken.“

„Er werde abgesetzt als Werkzeug des Todes,“ antworteten die Herren von

den Staaten.

„In Antwerpen ließ Philipp die Einwohner niedermetzeln und richtete die

vlämischen und fremden Kaufleute zu Grunde. Er und sein hispanischer

Rat geben einem gewissen Rhoda, einem berüchtigten Taugenichts, durch

geheime Weisung, das Recht, sich zum Haupt der Plünderer zu machen,

Beute zu sammeln, sich seines königlichen Namens zu bedienen, seine

Insiegel und Gegensiegel zu fälschen und sich wie sein Regent und

Statthalter aufzuführen. Die königlichen Briefe, die aufgefangen und in

unseren Händen sind, beweisen die Tatsache. Alles geschieht mit seiner

Zustimmung und im Einvernehmen mit den spanischen Räten. Leset seine

Briefe. Er lobt darin das zu Antwerpen Geschehene, erkennt an, daß ihm

ein ausgezeichneter Dienst geleistet sei, verspricht, ihn zu belohnen,

und fordert Rhoda und die andern Spanier auf, auf diesem glorreichen

Pfade weiter zu wandeln.“

„Er werde als Dieb, Räuber und Mörder abgesetzt“, antworteten die

Herren von den Staaten.

„Wir wollen nichts als die Erhaltung unserer Privilegien, einen

redlichen und gesicherten Frieden, eine maßvolle Freiheit, sonderlich

in Betracht der Religion, die vornehmlich Gott und das Gewissen

betrifft. Von Philipp hatten wir nichts denn lügnerische Verträge,

die dazu dienten, Zwietracht unter den Provinzen zu säen, um sie

nacheinander zu unterjochen und sie mit Plünderung, Konfiskation,

Hinrichtungen und Inquisition gleich dem indischen Reich zu behandeln.“

„Er werde abgesetzt als Meuchelmörder, der den Mord der Länder mit

Vorsatz übt,“ antworteten die Herren von den Staaten.

„Er hat die Länder durch den Herzog von Alba und seine Bluthunde,

durch Medina-Coeli, Requesens und die Verräter aus dem Staatsrat und

den Provinzen geschröpft. Er empfahl Don Juan und Alexander Farnese,

dem Prinzen von Parma, wie man aus den aufgefangenen Briefen ersieht,

eine blutige Strenge. Er erklärte Seine Gnaden von Oranien in die

Reichsacht, dang bis jetzt drei Meuchelmörder und wird in Bälde den

vierten dingen. Er ließ Burgen und Festungen bei uns errichten, die

Männer lebendig verbrennen, die Frauen und Mädchen lebendig begraben;

er erbte ihre Vermögen, erdrosselte Montigny, de Berghes und andere

Ritter, ohngeachtet seines königlichen Wortes. Er tötete seinen Sohn

Don Carlos, vergiftete den Prinzen von Ascoly, dem er Dona Eufrasia,

die von ihm schwanger war, zum Weibe gab, um den künftigen Bastard mit

seinen Gütern zu bereichern. Er schleuderte ein Edikt gegen uns, das

uns alle, nachdem wir Leib und Gut verloren, zu Verrätern erklärte, und

er beging das in einem christlichen Lande unerhörte Verbrechen, die

Unschuldigen mit den Schuldigen zu verwechseln.“

„Er werde abgesetzt in Gemäßheit aller Gesetze, Rechte und

Privilegien,“ antworteten die Herren von den Staaten.

Und des Königs Siegel wurden zerbrochen.

Und die Sonne schien über Land und Meer, vergoldete die reifen Ähren,

reifte die Trauben und warf Perlen auf jede Welle als Schmuck der

Freiheit, der Braut der Niederlande.

Dann schoß dem Prinzen von Oranien, da er zu Delft weilte, ein

vierter Meuchelmörder drei Kugeln in die Brust. Und er starb, seinem

Wahlspruch getreu: „Ruhig inmitten der wilden Wellen.“

Seine Feinde sagten von ihm, daß er, um Philipp einen Possen zu

spielen, und nicht verhoffend, über die südlichen und katholischen

Niederlande zu regieren, sie durch geheimen Vertrag Seiner

allergnädigsten Hoheit von Anjou angeboten habe. Aber dieser war nicht

geboren, um mit der Freiheit, so die außergewöhnlichen Liebschaften

nicht liebt, das Kind Belgien zu erzeugen.

Und Ulenspiegel verließ mit Nele die Flotte.

Und das belgische Vaterland ächzte unter dem Joche, von den Verrätern

geknebelt.

8

Es war im Erntemond, die Luft war schwül, der Wind lau. Schnitter und

Schnitterinnen konnten das Korn, das sie gesät, nach Herzenslust unter

freiem Himmel, auf freier Erde ernten.

Friesland, Drenthe, Ober-Yssel, Geldern, Utrecht, Nord-Brabant, Nord-

und Südholland, Walcheren, Nord- und Süd-Beveland, Duiveland und

Schouwen, welche Zeeland bilden, die ganze Nordseeküste von Knokke bis

Helder, die Inseln Texel, Vlieland, Ameland, Schiermonnikoog, von der

westlichen Schelde bis zur östlichen Ems, sollten vom spanischen Joche

befreit werden. Moritz, des Schweigers Sohn, setzte den Krieg fort.

Ulenspiegel und Nele, die ihre Jugend, Kraft und Schönheit bewahrt

hatten, denn die Liebe und der Geist Flanderns altern nicht, lebten

geruhig auf dem Turm von Necre und harrten der Zeit, wo sie nach manch

harten Prüfungen den Wind der Freiheit über das Vaterland Belgien

könnten wehen lassen.

Ulenspiegel hatte gebeten, Kommandant und Wächter des Turms zu werden,

mit der Angabe, daß er mit seinen Adleraugen und seinen Hasenohren wohl

merken könnte, ob der Spanier versuchen werde, in den befreiten Landen

sich wieder einzustellen. Alsdann werde er „Wacharm“, das ist auf

Vlämisch Sturm läuten.

Der Magistrat tat, wie er wollte. Seiner guten Dienste halber gab

man ihm täglich einen Gülden, zwei Kannen Bier, Bohnen, Käse,

Schiffszwieback und in der Woche drei Pfund Rindfleisch.

Solchergestalt lebten Ulenspiegel und Nele zu zweit gar trefflich. Von

Ferne erblickten sie mit Freuden die freien Inseln Zeelands, nahebei

Wiesen, Wald, Burgen und Festungen und die gewappneten Geusenschiffe,

so die Küsten bewachten. Zur Nacht stiegen sie oftmals auf den Turm,

setzten sich auf die Plattform und plauderten allda von harten

Schlachten, von vergangener und zukünftiger schöner Liebe. Von da sahen

sie das Meer, das in diesen heißen Tagen leuchtende Wogen ans Ufer warf

und sie gleich feurigen Gespenstern gegen die Inseln schleuderte. Und

Nele erschrak, da sie so viele Irrlichter in den Poldern erblickte,

die, wie sie sagte, arme Seelen sind. Und alle diese Orte waren

Schlachtfelder gewesen. Und die Irrwische hüpften aus den Poldern

hervor, liefen die Deiche entlang und kamen dann wiederum in die Polder

zurück, als ob sie die Leichen, denen sie entstiegen waren, nicht im

Stich lassen wollten.

Eines Nachts sprach Nele zu Ulenspiegel:

„Sieh, wie zahlreich sie im Dreiveland sind und wie hoch sie fliegen;

nach den Vogelinseln zu sehe ich die meisten. Willst Du mit dahin,

Tyll? Wir nehmen den Balsam, welcher Dinge zeigt, die sterblichen Augen

unsichtbar sind.“

Ulenspiegel antwortete:

„Wenn es jener Balsam ist, der mich zu dem großen Hexensabbat

entführte, so hab ich nicht mehr Vertrauen dazu, als zu einem leeren

Traum.“

„Man soll die Kraft der Zauber nicht leugnen,“ sagte Nele. „Komm

Ulenspiegel.“

„Ich werde mitgehen.“

Am nächsten Tag bat er den Magistrat, daß ein weitsehender und getreuer

Soldat ihn vertreten möge, um Turm und Land zu bewachen.

Und er begab sich mit Nele zu den Vogelinseln.

Da sie über Felder und Deiche wanderten, sahen sie kleine grünende

Eilande, zwischen denen das Meer strömte, und auf den Rasenhügeln,

die bis zu den Dünen reichten, eine große Menge Kibitze, Möwen und

Seeschwalben, die regungslos dasaßen und mit ihren Körpern die Eilande

wie mit Schnee bedeckten. Darüber flogen Tausende dieser Vögel. Der

Boden war voller Nester. Da Ulenspiegel sich bückte, um auf dem

Wege ein Ei aufzuheben, sah er eine Möwe auf sich zuflattern, die

einen Schrei ausstieß. Auf diesen Ruf kamen ihrer mehr denn hundert

herzu, die vor Angst schrien und über Ulenspiegels Kopf und über den

benachbarten Nestern schwebten; aber sie wagten sich ihm nicht zu

nähern.

„Ulenspiegel,“ sprach Nele, „diese Vögel bitten um Gnade für ihre Eier.“

Dann begann sie zu zittern und sagte:

„Ich fürchte mich, die Sonne geht zur Rüste, der Himmel ist weiß,

die Sterne kommen hervor; es ist die Geisterstunde. Sieh, diese

roten Dünste, die den Boden streifen. Tyll, mein Geliebter, welch

Ungeheuer der Hölle öffnet so in der Wolke seinen feurigen Rachen? Sieh

nach Philippsland zu, wo der königliche Henker um seines grausamen

Ehrgeizes willen zu zweien Malen so viele arme Menschen töten ließ, die

tanzenden Irrlichter. Es ist die Nacht, wo die Seelen der armen, in den

Schlachten Gefallenen die kalte Vorhölle des Fegefeuers verlassen, um

sich in der linden Luft der Erde zu erwärmen. Es ist die Stunde, in der

Du von Christo, welcher der Gott der guten Zauberer ist, alles erbitten

kannst.“

„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sprach Ulenspiegel. „Wenn doch

Christus mir die Sieben zeigen könnte, deren Asche, in alle Winde

gestreut, Flandern und die ganze Welt beglückt!“

„Ungläubiger,“ sprach Nele, „Du wirst sie kraft des Balsams erblicken.“

„Vielleicht,“ sprach Ulenspiegel, auf den Sirius deutend, „wenn irgend

ein Geist von jenem kalten Sterne herabsteigt.“

Bei dieser Gebärde setzte sich ein Irrlicht, das ihn umgaukelte, auf

seinen Finger, und je mehr er sich mühte, es los zu werden, um so

fester haftete es.

Da Nele versuchte, Ulenspiegel zu befreien, hatte sie auch ein Irrlicht

auf den Fingerspitzen.

Ulenspiegel schlug auf das seine und sprach:

„Antworte! Bist Du die Seele eines Geusen oder eines Spaniers? So Du

die Seele eines Geusen bist, gehe ein ins Paradies, bist Du aber eines

Spaniers Seele, geh wiederum in die Hölle, woher Du kommst.“

Nele sprach zu ihm:

„Beschimpfe die Seelen nicht, und wären es Seelen von Henkern.“

Sie ließ ihr Irrlicht auf der Fingerspitze tanzen und sprach dabei:

„Irrlicht, niedliches Irrlicht, welche Kunde bringst Du aus dem Lande

der Seelen? Womit sind sie dorten beschäftigt? Essen sie und trinken

sie, da sie doch keinen Mund haben? Denn Du hast keinen, hübscher

Irrwisch. Oder nehmen sie nur im gesegneten Paradies menschliche

Gestalt an?“

Ulenspiegel sagte:

„Kannst Du also die Zeit vergeuden, zu dieser kärglichen Flamme zu

reden, die keine Ohren hat, Dich zu hören, noch einen Mund, Dir zu

antworten?“

Doch ohne auf ihn zu hören, sprach Nele:

„Irrwisch, antworte durch Tanzen, denn ich werde Dich dreimal befragen:

einmal im Namen Gottes, einmal im Namen der heiligen Jungfrau und

einmal im Namen der Elementargeister, welche die Boten zwischen Gott

und den Menschen sind.“

Also tat sie, und der Irrwisch tanzte drei Mal.

Darauf sprach Nele zu Ulenspiegel:

„Leg Deine Kleider ab, ich werde desgleichen tun. Hier ist die silberne

Büchse mit dem Zauberbalsam.“

„Es ist mir einerlei,“ sagte Ulenspiegel.

Als sie sich entkleidet und mit dem Zauberbalsam gesalbt hatten, legten

sie sich nackend nebeneinander aufs Gras. Die Möwen schrien klagend.

Der Donner grollte dumpf in der Wolke, darin der Blitz zuckte, der

Mond ließ kaum die güldenen Spitzen seiner Sichel zwischen zwei

Wetterwolken hervorsehen; Ulenspiegels und Neles Irrlichter tanzten mit

den andern in der Wiese.

Plötzlich wurden Nele und ihr Liebster von eines Riesen Faust gepackt,

der sie gleich Kinderbällen in die Luft schleuderte, sie wiederfing,

auf einander rollte und zwischen seinen Händen knetete, indem er sie in

die Wasserlachen zwischen den Hügeln warf und sie voller Seegras wieder

herauszog. Und indem er sie also im Weltraum umherfliegen ließ, sang er

mit einer Stimme, bei der alle Möwen der Inseln vor Schrecken erwachten:

„Es will mit scheelen Blicken

Das schwache Erdgewürm

Die Gottesworte schauen,

Die unsrer Hut vertraut.

Lies, Wurm, lies das Geheimnis,

Das heilige Rätselwort,

Das Erde, Luft und Himmel

Mit sieben Nägeln trägt.“

Und fürwahr, Ulenspiegel und Nele erblickten auf dem Rasen, in der

Luft und am Himmel sieben erzene, leuchtende Tafeln, die mit sieben

flammenden Nägeln befestigt waren. Auf den Tafeln stund geschrieben:

„Aus dem Moder keimt das Leben;

Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;

Demant in der Kohle ruht.

Dumme Lehrer weise Schüler geben;

Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut.“

Und der Riese schritt voran, und alle Irrlichter hinter ihm her. Sie

zirpten gleich Grillen und sagten:

„Seht ihn an, den großen Meister,

Papst der Päpste, größter König;

Mit dem Wahn den Kaiser speist er,

Ist von Holz und taugt gar wenig.“

Plötzlich veränderten sich seine Züge; er schien magerer, trauriger

und größer. In der einen Hand hielt er ein Zepter, in der andern einen

Degen. Sein Name war Hoffart.

Und er warf Nele und Ulenspiegel zu Boden und sprach:

„Ich bin Gott.“

Nun erschien an seiner Seite eine rotbäckige Dirne mit bloßen Brüsten,

offenem Gewand und frechen Blicken; ihr Name war Wollust. Kam alsdann

eine alte Jüdin, die die Schalen der Möweneier auflas: ihr Name war

Habsucht. Und ein gefräßiger, gieriger Mönch, der Leberwürste aß

und sich mit Bratwürsten vollstopfte und gleich der Sau, auf der er

ritt, unaufhörlich kaute: das war die Völlerei. Es kam dann noch die

Faulheit, bleich und gedunsen, mit lahmem Bein und erloschenem Auge.

Der Zorn trieb sie mit dem Stachel vor sich her. Die Faulheit jammerte

kläglich und fiel, in Tränen zerfließend, vor Ermattung auf die Knie.

Alsdann kam der hagere Neid mit einem Vipernkopf und Hechtzähnen;

der biß die Faulheit, weil sie es zu gut hatte, den Zorn, weil er zu

lebhaft war, die Völlerei, weil sie zu satt, die Wollust, weil sie zu

rot war; die Habsucht wegen der Eierschalen, die Hoffart, dieweil sie

ein purpurn Gewand und eine Krone hatte. Und die Irrlichter tanzten im

Kreise um sie her.

Und mit den Stimmen von Männern, Weibern, Jungfrauen und weinerlichen

Kindern, sagten sie wimmernd:

„Hoffart, Vater des Ehrgeizes, Zorn, Quell der Grausamkeit, Ihr habet

uns auf den Schlachtfeldern, in Gefängnissen und bei den Hinrichtungen

getötet, um Eure Zepter und Eure Kronen zu behalten! Neid, Du hast viel

edle, nützliche Gedanken im Keime zerstört, wir sind die Seelen der

verfolgten Erfinder. Habsucht, Du hast das Blut des armen Volkes in

Gold verwandelt, wir sind die Geister Deiner Opfer. Wollust, Gesellin

und Schwester des Mordes, Du hast Nero, Messalina und Philipp, den

König von Spanien geboren; Du kaufst die Tugend und bezahlst die

Verderbtheit; wir sind die Seelen der Toten. Faulheit und Völlerei, Ihr

beschmutzt die Welt, Ihr gehört auf den Kehricht; wir sind die Seelen

der Toten.“

Und man hörte eine Stimme sprechen:

„Aus dem Moder keimt das Leben:

Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;

Dumme Lehrer weise Schüler geben.

Um Asche zu haben und Kohlenglut,

Der streifende Wurm, was er wohl tut?“

Und die Irrlichter sagten:

„Wir sind das Feuer, die Vergeltung für die uralten Tränen und

Schmerzen des Volkes; Vergeltung für die großen Herren, die in

ihren Ländern auf menschliches Wild Jagd machen; Vergeltung für

nutzlose Schlachten, für das in Gefängnissen vergossene Blut, für die

verbrannten Männer, für die lebendig begrabenen Frauen und Jungfrauen.

Wir sind die Vergeltung für die gefesselte, blutige Vergangenheit. Wir

sind das Feuer, wir sind die Seelen der Toten.“

Bei diesen Worten wurden die Sieben in hölzerne Figuren verwandelt,

ohne etwas von ihrer vorigen Gestalt einzubüßen.

Und eine Stimme sagte:

„Ulenspiegel, verbrenne das Holz.“

Und Ulenspiegel kehrte sich zu den Irrlichtern.

„Ihr, die Ihr aus Feuer seid, waltet Eures Amtes.“

Und in Menge umgaben die Irrlichter die Sieben; die verbrannten und

wurden zu Asche verwandelt.

Und ein Strom von Blut floß.

Dieser Asche entstiegen sieben andere Gestalten; die erste sprach:

„Mein Name war Hoffart, jetzt heiße ich edler Stolz.“

Die andern redeten auch, und Ulenspiegel und Nele sahen aus der

Habsucht die Sparsamkeit, aus dem Zorn die Lebhaftigkeit, aus der

Völlerei die Eßlust, aus dem Neid den Wetteifer und aus der Faulheit

die Träumerei der Poeten und Weisen hervorgehen. Und die Wollust auf

ihrer Ziege ward in ein schönes Weib mit Namen Liebe verwandelt.

Und die Irrlichter tanzten einen fröhlichen Reigen um sie her.

Alsbald vernahmen Ulenspiegel und Nele tausend helle, lachende Stimmen

von verborgenen Männern und Weibern; die machten einen Lärm wie von

hölzernen Klappern und sangen:

„Wenn auf Land und Meeresflut

Diese sieben herrschen werden,

Alsdann ist das Glück auf Erden:

Menschen, dann lebt frohgemut.“

Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak: Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und andern Orts · 第 33 / 46 题