Fünftes Buch

1

Da der Mönch, den Lamm gefangen genommen, merkte, daß die Geusen nicht

seinen Tod, sondern Lösegeld wollten, begann er auf dem Schiffe die

Nase hoch zu tragen.

„Sehet,“ sprach er auf und ab gehend, mit wütendem Kopfschütteln,

„sehet, in welchen Abgrund schmutziger, schwarzer, gemeiner Greuel ich

gefallen bin, da ich den Fuß in diesen Holznapf setzte. Wenn ich nicht

hier wäre, ich, den der Herr salbte ...“

„Mit Hundsfett?“ fragten die Geusen.

„Selbst Hunde,“ antwortete der Mönch, seine Rede fortsetzend. „Ja,

räudige, verlaufene, dreckige Hunde mit magerem Kreuz. Ihr, die

Ihr den fruchtbaren Schoß unserer heiligen römischen Mutter Kirche

gemieden habt, um die dürren Wege Eurer lumpigen, reformierten Kirche

zu betreten. Ja, wäre ich nicht hier in Eurem Holzschuh, Eurem Napf,

so hätte der Herr ihn schon längst in die tiefsten Abgründe des Meeres

versenkt, samt Euch, Euren verfluchten Waffen, Euren Teufelskanonen,

Eurem singenden Kapitän, Euren lästerlichen Halbmonden, ja, bis auf

den Grund der unergründlichen Tiefe von Satans Reich. Dort werdet ihr

nicht verbrennen, nein! aber zu Eis gefrieren, zittern und vor Kälte

umkommen, während der ganzen langen Ewigkeit. Ja, also wird Gott im

Himmel auslöschen das Feuer Eures gottlosen Hasses gegen unsere sanfte

heilige römische Mutter Kirche, gegen die hohen Heiligen, die Herren

Bischöfe und die gesegneten Edikte, die so überaus sänftiglich und

reiflich bedacht waren. Jawohl, ich werde Euch oben vom Paradiese

sehen, veilchenblau wie Rotebeete oder weiß wie Rüben, so sehr wird

Euch frieren. Tsi, tsi, tsi! Also geschehe es, geschehe es, geschehe

es!“

Die Matrosen, Soldaten und Schiffsjungen trieben ihren Spott mit ihm

und schossen aus Blasrohren mit trockenen Erbsen auf ihn. Und er

bedeckte sich das Gesicht mit den Händen gegen diese Geschosse.

2

Nachdem der Blutherzog die Niederlande verlassen hatte, wurden sie

von den Herren Messina-Coeli und Requesens mit minderer Grausamkeit

regiert; dann wurden sie von den Generalstaaten im Namen des

Königs regiert. Inzwischen eröffneten die Zeeländer und Holländer,

wohlgeborgen durch Meer und Deiche, so für sie natürliche Wälle und

Festungen sind, dem Gott der Freien freie Tempel. Die papistischen

Henker konnten nebenan ihre Hymnen singen, und Seine Gnaden von

Oranien, der Schweiger, war geschäftig, eine Dynastie von Statthaltern

und Königen aufzurichten.

Belgien ward von den Wallonen verwüstet, die ob der Genter Pazifikation

mißvergnügt waren, da sie alle Feindschaft begraben sollten. Und diese

wallonischen Paternosterknechte, die dicke, schwarze Rosenkränze um den

Hals trugen, davon zu Spienne im Hennegau zweitausend gefunden wurden,

stahlen Ochsen und Pferde zu zwölfhundert, zu zweitausend und wählten

sich die besten aus. Sie schleppten Frauen und Mädchen durch Felder und

Sümpfe fort und verbrannten in den Scheunen die bewaffneten Bauern, die

sich die Frucht ihrer harten Arbeit nicht rauben lassen wollten.

Und die Leute aus dem Volk sprachen untereinander:

„Don Juan wird mit seinen Spaniern kommen und Seine Herzogliche Hoheit

mit seinen Franzosen, nicht mit den Hugenotten, sondern den Papisten.

Der Schweiger, der Holland, Zeeland, Geldern und Overyssel friedlich zu

regieren wünscht, tritt durch geheimen Vertrag die Belgischen Lande ab,

auf daß Herr von Anjou sich dort zum König mache.“

Etliche aus dem Volke hatten gleichwohl Vertrauen. „Die Herren von

den Generalstaaten,“ sagten sie, „haben zwanzigtausend wohlbewaffnete

Leute mit vielen Kanonen und guter Reiterei. Sie werden allen fremden

Soldaten widerstehen.“

Aber die Wohlunterrichteten sprachen: „Die Herren von den

Generalstaaten haben zwanzigtausend Mann auf dem Papier, aber nicht

im Felde; es fehlt ihnen an Reiterei, und sie lassen sich ihre Pferde

eine Meile von ihrem Lager von den Paternosterknechten stehlen. Sie

haben keine Artillerie, denn wiewohl sie deren hier bedürfen, haben sie

beschlossen, hundert Kanonen mit Pulver und Kugeln an Don Sebastian

von Portugal zu senden. Und man weiß nicht, wohin die zwei Millionen

Taler gehen, die wir in vier Raten durch Steuern und Kriegsauflagen

bezahlt haben. Die Bürger von Gent und Brüssel rüsten sich, Gent für

die Reformation und Brüssel desgleichen; in Brüssel schlagen die Frauen

die Schellentrommel, dieweil ihre Männer an den Wällen arbeiten. Gent,

die Kühne, schickt Brüssel, der Fröhlichen, Pulver und Kanonen, woran

es ihr mangelt, um sich gegen die Mißvergnügten und die Spanier zu

verteidigen.“

Und ein Jeglicher in den Städten wie auf dem platten Lande sieht

ein, daß man kein Vertrauen haben darf, weder zu den Herren von den

Generalstaaten, noch zu vielen andern. Und wir Bürger und das niedere

Volk sind betrübt in unsern Herzen, daß wir im Lande unsrer Väter keine

Besserung sehen, wiewohl wir unser Geld hergeben und bereit sind, unser

Blut zu geben. Und das Land Belgien ist bang und erzürnt, daß es keine

getreuen Anführer hat, die ihm Gelegenheit geben zu Schlacht und Sieg,

da ihre Waffen der Feinde der Freiheit harren.

Und die Wohlunterrichteten sprachen untereinander:

„Bei der Genter Pazifikation haben die Herren von Holland und Belgien

Beilegung aller Feindschaft geschworen und gegenseitigen Beistand

zwischen den belgischen und niederländischen Staaten. Sie erklärten die

Edikte für null und nichtig, die Konfiskationen für aufgehoben, Frieden

zwischen beiden Religionen; sie versprachen, alle Säulen, Trophäen,

Inschriften und Bildnisse, so der Herzog zu unserer Unehre errichtet,

niederzureißen. Aber in den Herzen der Führer sind die Feindschaften

noch nicht niedergerissen. Adel und Geistlichkeit erregen Zwietracht

zwischen den Staaten der Union; sie empfangen Geld, um die Soldaten zu

bezahlen, und behalten es für ihre Völlerei. Fünfzehntausend Prozesse

um Rückforderung der eingezogenen Vermögen harren der Erledigung. Die

Lutherischen und Römischen vereinigen sich gegen die Calvinisten;

den rechtmäßigen Erben gelingt es nicht, den Räubern ihr Vermögen

abzujagen; die Statue des Herzogs liegt am Boden, aber in ihren Herzen

lebt das Bild der Inquisition.“

Und das arme Volk und die bekümmerten Bürger harrten immerdar des

tapferen und getreuen Feldherrn, der sie in die Schlacht für die

Freiheit führte.

Und sie sprachen untereinander: „Wo sind die erlauchten Unterzeichner

des Kompromisses, die, wie sie sagten, männiglich zum Wohle des

Vaterlandes vereinigt waren? Warum bildeten diese falschen Männer eine

so „heilige Allianz“, wenn sie diese sogleich brechen mußten? Weshalb

sich mit soviel Aufsehen versammeln, des Königs Zorn erregen, um sich

hernach wie Feiglinge und Verräter zu trennen? Zu Fünfhundert, wie

sie waren, hoher und niedrer Adel, als Brüder vereinigt, retteten sie

uns vor der spanischen Wut; aber sie opferten das Wohl des belgischen

Landes ihrem eigenen Wohl, gleichwie van Egmont und van Hoorn.“ „Wehe,“

sagten sie, „sehet jetzo Don Juan, den schönen Ehrgeizigen kommen,

Philipps Feind, aber mehr noch unsrer Länder Feind. Er kommt um des

Papstes und seiner selbst willen. Adel und Klerus üben Verrat.“

Und sie beginnen einen Scheinkrieg. An den Mauern der großen und

kleinen Straßen von Gent und Brüssel, selbst an den Masten der

Geusenschiffe, sah man nunmehr die Namen der Verräter angeheftet,

der Heerführer und Kommandanten von Festungen: die des Grafen von

Liedekerke, der sein Schloß nicht gegen Don Juan verteidigte; des

Burgvogtes von Lüttich, der die Stadt an Don Juan verkaufen wollte; der

Herren von Aerschot, von Mansfeldt, von Berlaymont, von Rassanghien;

die des Staatsrats, des Georges de Lalaing, Stadthalters von Friesland,

des Feldhauptmanns de Rossignol, des Sendboten von Don Juan und

Vermittlers zum Meuchelmord zwischen Philipp und Jauréguy, dem plumpen

Mörder des Prinzen von Oranien. Ferner die Namen des Erzbischofs von

Cambray, der die Spanier in die Stadt einlassen wollte; die Namen der

Jesuiten von Antwerpen, die den Staaten drei Tonnen Goldes, / das ist

zwei Millionen Gülden / anboten, damit das Schloß nicht zerstört würde

und für Don Juan erhalten bliebe; die Namen des Bischofs von Lüttich

und der geschwätzigen römischen Prediger, welche die Patrioten in

bösen Leumund brachten; die des Bischofs von Utrecht, den die Bürger

fortschickten, um anderswo das Kraut des Verrats zu weiden, und der

Bettelorden, die in Gent zu Gunsten Don Juans Ränke schmiedeten.

Die von Herzogenbusch nagelten den Namen von Carme Pierre an den

Schandpfahl, der, vom Bischof und dessen Clerus unterstützt, sich

anheischig machte, die Stadt dem Don Juan auszuliefern.

In Douay jedoch henkten sie den Rektor der Universität, der

gleichermaßen spanisch geworden, nicht in effigie. Doch auf den

Geusenschiffen sah man auf der Brust der gehenkten Strohmänner Namen

von Mönchen, Äbten und Prälaten und von achtzehnhundert reichen Frauen

und Jungfrauen des Beghinen-Klosters zu Mecheln, die die Henker des

Vaterlandes mit ihren Groschen unterhielten und mit Gold und Federn

schmückten.

Und auf diesen Strohmännern, den Schandpfählen der Verräter, stand der

Name des Marquis d’Harrault, des Kommandanten der Feste Philippeville,

der die Kriegs- und Mondvorräte unnütz vergeudete, um unter dem Vorwand

des Mangels an Lebensmitteln, die Feste dem Feind auszuliefern. Da

stand der Name Belvers, der Limburg übergab, als diese Stadt sich noch

acht Monate halten konnte; der des Staatskanzlers von Flandern; des

Magistrats von Brügge, des Magistrats von Mecheln, der seine Stadt

für Don Juan offen hielt. Da standen die Namen der Herren von der

geldernschen Rechnungskammer, die wegen Verrates geschlossen wurde; die

des Rates von Brabant, der Kanzlei des Herzogtums, des geheimen Rats

und des Finanzrats; die des Oberamtsmanns und des Bürgermeisters von

Menin und der bösen Nachbarn von Artois, die zweitausend Franzosen, so

auf Plünderung auszogen, unverweht durchließen.

„Wehe,“ sprachen die Bürger untereinander, „nun hat der Herzog von

Anjou einen Fuß in unserm Lande; er will bei uns König werden. Sahet

Ihr ihn in Mons einziehen, klein und mit dicken Hüften, großer Nase,

gelbem Antlitz und spöttischem Munde. Es ist ein großer Fürst, der

die ungewöhnlichen Liebschaften liebt, und damit sich in seinem Namen

weibliche Anmut mit männlicher Kraft paare, nennt man ihn Seine

Groß-Hoheit, den Herzog von Anjou.“

Ulenspiegel war nachdenklich. Und er sang:

„Der Himmel ist blau, die Sonne hell;

Umhüllt die Banner mit Flor,

Mit Flor die Degengriffe,

Versteckt die Juwelen,

Kehrt um die Spiegel;

Ich singe das Lied vom Tode,

Das Lied vom Verrat.

Sie setzten ihnen auf Leib und Brust

Den Fuß, den stolzen Ländern:

Brabant und Flandern, Hennegau,

Antwerpen, Artois, Luxemburg.

Junker und Pfaffen übten Verrat;

Des Lohnes Köders lockte sie.

Ich singe das Lied vom Verrat.

Wenn allerorts der Feind nun raubt,

Der Spanier in Antwerpen herrscht,

Lustwandeln in den Gassen der Stadt,

Äbte, Pfaffen und Feldhauptleute,

In Seide gekleidet, mit Gold verbrämt.

Von gutem Wein glänzt ihr volles Gesicht

Und trägt ihre Schande zur Schau.

Und durch sie wird die Inquisition

Triumphierend zum Leben erwachen.

Von den neuen Ritelmans

Werden Taubstumme dann verhaftet

Um Ketzerei.

Ich singe das Lied vom Verrat.

Unterzeichner des Vergleichs,

Feige Unterzeichner;

Euer Name sei verflucht.

Wo seid Ihr zur Stunde des Krieges?

Ihr folget gleich Raben

Der spanischen Fährte.

Schlaget die Trommel der Trauer.

Die Zukunft, belgisches Land,

Wird Dich verdammen, weil Du

Gewaffnet Dich ließest berauben.

Zukunft, eile Dich nicht.

Sieh die Verräter geschäftig:

Es sind zwanzig, es sind tausend;

Alle Ämter haben sie inne,

Die Großen geben sie den Kleinen.

Sie sind im Einverständnis,

Den Widerstand zu hindern

Durch Zwietracht und Trägheit,

Ihre Losung des Verrats.

Verhüllt mit Flor die Spiegel

Und die Degengriffe.

Dies ist das Lied des Verrats.

Spanier und Unzufriedene

Erklären sie für Rebellen,

Verbieten, ihnen zu helfen

Mit Brot und Obdach,

Mit Pulver und Blei.

Doch fängt man sie, um sie zu henken.

Um sie zu henken.

Gleich lassen sie sie frei.

Auf! sagen die Brüßler.

Auf! sagen die Genter

Und das belgische Volk.

Euch arme Menschen will man

Zermalmen zwischen dem König

Und dem Papst, welcher den Kreuzzug

Gegen Flandern betreibt.

Sie kommen, die feilen Söldner,

Beim Blutgeruch herbei,

Scharen von Hunden,

Hyänen und Schlangen,

Die hungert und dürstet.

Armes Land der Väter,

Reif für Trümmer und Tod.

Nicht Don Juan ist es,

Der es Farnese, des Papstes Liebling,

Mundgerecht macht,

Doch Die, so Du mit Gold

Und Ehren überhäuft.

Die Deiner Weiber, Töchter

Und Kinder Beichte hörten.

Sie warfen Dich zu Boden,

Es setzt der Spanier Dir

Das Messer an die Kehle.

Sie trieben Spott mit Dir,

Da sie zu Brüssel des Prinzen

Oranien Kommen gefeiert.

Da man auf dem Kanale

So mannig Feuerwerk

Mit Freudengeknatter sah,

Soviel triumphierende Schiffe,

Gemälde und Wandbehänge,

Da, Belgien, spielte man

Von Joseph die Geschichte,

Wie ihn die Brüder verkauft.“

3

Da der Mönch merkte, daß man ihn reden ließ, trug er auf dem Schiffe

die Nase hoch; und um ihn noch mehr zum Predigen anzureizen, lästerten

die Matrosen und Soldaten die heilige Jungfrau, die hohen Heiligen und

die frommen Andachtsübungen der heiligen römischen Kirche.

Dann geriet er in Wut und spie tausend Beschimpfungen gegen sie aus.

„Ja,“ schrie er, „ja, da bin ich traun in der Höhle der Geusen. Ja,

dies sind wahrlich die verfluchten Länderaussauger! Ja. Und man sagt,

daß der Inquisitor, der heilige Mann, ihrer zu viele verbrannt hat!

Nein: Es ist noch genug von dem schmutzigen Ungeziefer übrig. Ja, auf

den guten, tapferen Kriegsschiffen unseres Herrn Königs, die ehedem

so sauber und gut gewaschen waren, sieht man jetzo das Ungeziefer

der Geusen, ja, das stinkende Ungeziefer. Ja, es ist schmutziges,

stinkendes, schändliches Ungeziefer, der singende Kapitän, der Koch mit

dem Bauch voller Gottseligkeit, und sie alle mit ihren lästerlichen

Halbmonden. Wenn der König seine Schiffe mit der Lauge der Geschütze

gesäubert hat, wird für mehr als hunderttausend Gülden Pulver und

Kugeln vonnöten sein, um diese schmutzige, gemeine, stinkende Seuche

zu vertreiben. Ja, Ihr seid alle in Frau Luzifers Bette geboren,

die verdammt ist, mit Satanas zwischen Mauern von Ungeziefer, unter

Vorhängen von Ungeziefer und auf Polstern von Ungeziefer zu buhlen.

Ja, und dort in ihren abscheulichen Umarmungen erzeugten sie die

Geusen. Ja, ich spucke auf Euch.“

Auf diese Rede hin sprachen die Geusen zu ihm:

„Was behalten wir diesen Faulenzer hier, der nichts kann als

Schimpfworte ausspeien? Wir wollen ihn lieber henken.“

Und sie machten sich ans Werk.

Als der Mönch sah, daß der Strick bereit, die Leiter an den Mastbaum

gelehnt war und man ihm die Hände binden wollte, sagte er kläglich:

„Habt Mitleid mit mir, Ihr Herren Geusen, es ist der Teufel des Zornes,

der in meinem Herzen spricht, und nicht Euer geringer Gefangener, ein

armer Mönch, der auf dieser Welt nicht mehr als einen Hals hat. Gnädige

Herren, erbarmt Euch. Schließt mir den Mund mit einer Angstbirne, wenn

Ihr wollt, / eine gar schlechte Frucht / aber henket mich nicht.“

Ohne auf ihn zu hören, und trotz seines wütenden Widerstandes

schleppten sie ihn nach der Leiter. Da schrie er so gellend, daß Lamm

zu Ulenspiegel, der bei ihm in der Küche war und ihn pflegte, sprach:

„Mein Sohn, mein Sohn, sie haben ein Schwein aus dem Koben gestohlen

und stechen es ab. Oh, die Spitzbuben! Wenn ich doch aufstehen könnte.“

Ulenspiegel ging hinauf und erblickte nichts als den Mönch. Da dieser

seiner gewahr wurde, fiel er auf die Kniee und sagte, die Hände zu ihm

erhebend:

„Herr Kapitän, Kapitän der tapferen Geusen, die zu Wasser und zu

Lande furchtbar sind, Eure Soldaten wollen mich henken, weil ich mich

mit der Zunge vergangen habe. Das ist eine ungerechte Strafe, Herr

Kapitän, denn alsdann müßten alle Advokaten, Sachverwalter, Prediger

und Weiber ein hänfenes Halsband haben, und die Welt würde entvölkert

werden. Herr, errettet mich vom Strick. Ich werde für Euch beten, und

Ihr werdet nicht verdammt werden, gebt mir Pardon. Der Sprechteufel

verleitete mich und zwang mich, unaufhörlich zu reden: das ist ein gar

großes Unglück. Dann läuft mir die Galle über und läßt mich tausend

Dinge sagen, die ich nicht denke. Gnade, Herr Kapitän, und Ihr Herren

alle, bittet für mich.“

Plötzlich erschien Lamm im Hemd auf Deck und sagte:

„Kapitän und Kameraden, es war nicht das Schwein, daß quiekte, sondern

der Mönch; des bin ich froh. Ulenspiegel, mein Sohn, ich habe einen

großartigen Plan inbetreff des frommen Vaters gefaßt. Schenk ihm das

Leben, aber laß ihn nicht frei, sonst wird er noch einen schlechten

Streich auf dem Schiffe verüben. Vielmehr laß ihm auf Deck einen engen,

recht luftigen Käfig machen, darin er nur sitzen und schlafen kann, wie

man sie für die Kapaunen macht. Laß mich ihn füttern, und wenn er nicht

soviel ißt, wie ich will, möge er gehenkt werden.“

„Möge er gehenkt werden, wenn er nicht ißt“, sagten Ulenspiegel und die

Geusen.

„Was gedenkst Du mit mir zu machen, Dicker?“ fragte der Mönch.

„Das wirst du sehen,“ antwortete Lamm.

Und Ulenspiegel tat, was Lamm wünschte, und der Mönch ward in den Käfig

gesetzt, und Jedermann konnte ihn darin nach Belieben betrachten.

Lamm war in die Küche hinuntergegangen; Ulenspiegel ging ihm nach und

hörte ihn mit Nele streiten.

„Ich werde mich nicht hinlegen,“ sagte er, „nein, ich werde mich nicht

hinlegen, damit andere kommen und in meinen Brühen herum mantschen.

Nein ich werde nicht in meinem Bette bleiben wie ein Kalb!“

„Werde nicht böse, Lamm,“ sprach Nele, „sonst wird Deine Wunde wieder

aufbrechen, und Du wirst sterben.“

„Wohlan,“ sagte er, „ich werde sterben; ich bin es satt, ohne mein Weib

zu leben. Ist es noch nicht genug, daß ich es verloren habe, willst du

mich auch noch hindern, mich, den Schiffskoch, auf die Suppe zu achten?

Weißt du nicht, daß dem Duft der Brühen und Fleischgerichte eine

Heilkraft innewohnt? Sie nähren selbst meinen Geist und panzern mich

wider das Unglück.“

„Lamm,“ sagte Nele, „Du mußt auf unseren Rat hören und Dich von uns

heilen lassen.“

„Ich will mich heilen lassen,“ sprach Lamm; „aber es soll nur ein

anderer hier herein kommen, irgend ein unwissender, stinkender,

triefäugiger, rotznasiger Taugenichts und soll an meiner Statt als

Schiffskoch herrschen und mit seinen schmutzigen Fingern in meine

Brühen fahren, so schlüg’ ich ihn lieber mit meiner Holzkelle tot, die

dann von Eisen wäre.“

„Gleichviel,“ sagte Ulenspiegel, „Du brauchst einen Gehilfen, Du bist

krank.“

„Ein Gehilfe für mich!“ sagte Lamm, „mir ein Gehilfe! Bist Du denn nur

mit Undankbarkeit vollgepfropft wie eine Wurst mit gehacktem Fleisch?

Ein Gehilfe, mein Sohn, und Du sagst das mir, Deinem Freund, der Dich

so lange und so reichlich genährt hat! Jetzt wird meine Wunde wieder

aufbrechen. Schlechter Freund, wer würde dir hier wohl die Nahrung

bereiten wie ich? Was würdet Ihr beiden anfangen, wenn ich nicht

da wäre, um dir, Kapitän, und Dir, Nele, etwelches leckere Gericht

vorzusetzen?“

„Wir würden selbst in der Küche arbeiten,“ sprach Ulenspiegel.

„Die Küche!“ sagte Lamm. „Du taugst dazu, gute Küche zu essen, sie zu

schnüffeln und einzuschlürfen, aber kochen, nein! Armer Freund und

Kapitän, ich würde Dir, mit Verlaub zu sagen, in Streifen geschnittene

Gürteltaschen zu essen geben, und Du würdest sie für harte Kaldaunen

halten. Laß mich, mein Sohn, laß mich hier bleiben, sonst werde ich wie

ein Stock eintrocknen.“

„So bleibe Schiffskoch,“ sprach Ulenspiegel; „wenn du nicht gesund

wirst, schließe ich die Küche zu und wir essen nur Schiffszwieback.“

„Ach, mein Sohn,“ sprach Lamm, vor Freude weinend, „Du bist gut wie

unsere liebe Frau.“

4

Er schien jedoch zu genesen.

Alle Samstage sahen die Geusen, wie er den Leibesumfang des Mönches mit

einem langen Lederriemen maß.

Am ersten Samstag sagte er:

„Vier Fuß.“

Und sich selber messend, sprach er:

„Vier und einen halben Fuß.“

Und er schien schwermütig.

Doch am achten Samstag war er fröhlich und sagte von dem Mönche:

„Vier dreiviertel Fuß.“

Und als er ihm Maß nahm, erboste sich der Mönch und sprach:

„Was hast du mit mir vor, Dicker?“

Aber Lamm steckte die Zunge heraus und schwieg.

Und siebenmal am Tage sahen die Matrosen und Soldaten ihn mit irgend

einem andern Gericht ankommen und dabei sagen:

„Hier sind fette Bohnen mit flandrischer Butter; hast Du je so gute

in Deinem Kloster gegessen? Du hast ein volles Gesicht, hier auf dem

Schiff magert man nicht ab. Fühlst Du nicht, wie Dir die Fettpolster im

Rücken wachsen? Bald wirst Du kein Pfühl mehr brauchen, um zu schlafen.“

Bei der zweiten Mahlzeit des Mönches sprach er:

„Sieh da, das sind Krapfen nach Brüsseler Art. Die Wälschen nennen sie

Crèpes, denn sie tragen sie zum Zeichen der Trauer am Hut. Diese jedoch

sind nicht schwarz, sondern blond und im Ofen goldig gebacken. Siehst

Du die Butter darauf rinnen? So wird auch Dein Bauch werden.“

„Ich habe keinen Hunger,“ sprach der Mönch.

„Du mußt essen,“ sagte Lamm. „Glaubst Du, daß es Krapfen von

Buchweizenmehl sind? Es ist reines Weizenmehl, frommer Vater, Vater im

Fett, es ist feinstes Weizenmehl, Vater mit vierfachem Kinn; ich sehe

schon das fünfte keimen, und mein Herz ist froh. Iß!“

„Laß mich in Ruhe, Dicker,“ sprach der Mönch.

Lamm ward zornig und antwortete:

„Ich bin Herr über Dein Leben. Ziehst du den Strang einem guten Napf

Erbsenbrei mit gerösteter Brotrinde vor, die ich Dir alsbald bringen

werde?“

Und als er mit dem Napf kam, sagte Lamm:

„Der Erbsenbrei hat es gern, wenn er in Gesellschaft gegessen wird;

darum habe ich deutsche Knödel dabei gegeben, schöne Klöße von

Korinther Mehl, ganz frisch ins kochende Wasser geworfen. Sie sind

schwer, aber sie setzen Speck an. Iß, soviel du kannst. Jemehr Du

issest, um so größer ist meine Freude. Ziere Dich nicht, und schnaufe

nicht so stark, als ob es Dir zu viel würde. Iß! Ist Essen nicht besser

als gehenkt werden? Laß mal Deine Schenkel sehen? Sie werden auch

fetter. Zwei Fuß und sieben Zoll rund herum. Wo ist ein Schinken, der

soviel mißt?“

Eine Stunde darauf kam er wieder zum Mönche.

„Sieh,“ sprach er, „hier sind neun Tauben. Sie sind für Dich

geschlachtet, die unschuldigen Tierchen, die ohne Furcht über den

Schiffen flogen. Verschmähe sie nicht, ich habe ihnen eine Butterkugel

in den Leib gelegt, samt Weißbrot, geriebener Muskatnuß und

Gewürznelken, in einem kupfernen Mörser gestoßen, der wie Deine Haut

glänzt. Die liebe Sonne freut sich, in einem Gesichte, so blank wie das

Deine, sich spiegeln zu können. Das kommt vom Fett, vom guten Fett, das

ich Dir verschafft habe.“ Bei der fünften Mahlzeit brachte er ihm ein

„Waterzoey“.

„Was denkst Du von diesem gedämpften Fische?“ fragte er. „Das Meer

trägt Dich und ernährt Dich, mehr würde es auch nicht für Seine

Königliche Majestät tun. Ja, ja, ich sehe das fünfte Kinn deutlich

sprossen, ein wenig mehr an der linken als an der rechten Seite. Wir

werden diese Seite, die zu kurz gekommen ist, fett machen müssen,

denn Gott hat uns gesagt: „Seid gerecht gegen jedermann.“ Wo wäre

Gerechtigkeit, wenn nicht in gleichmäßiger Verteilung von Fett? Für

Deine sechste Mahlzeit werde ich Dir Muscheln, die Austern der armen

Leute, bringen, dergleichen man Dir in Deinem Kloster nie aufgetragen

hat. Die Unwissenden kochen sie und essen sie so, aber das ist nur

der Prolog ihrer Zubereitung. Man muß hernach die Schalen abnehmen,

ihre zarten Körper in ein Pfännlein tun und sie da sanft mit Sellerie,

Muskat und Nelken dämpfen, die Brühe mit Bier und Mehl binden und

sie mit gerösteten Brotschnitten anrichten. So habe ich sie für Dich

gemacht. Warum schulden die Kinder ihren Vätern und Müttern so großen

Dank? Weil sie ihnen Obdach, Liebe, doch sonderlich die Nahrung gegeben

haben. Demnach mußt Du mich wie Deinen Vater und Deine Mutter lieben

und gleich ihnen bist Du, Vielfraß, mir Dank schuldig. Drum sieh mich

nicht mit so wilden, rollenden Augen an.

„Bald werde ich Dir eine Biersuppe mit Mehl bringen, gut gezuckert,

mit viel Zimmt. Weißt Du, warum? Damit Dein Fett durchsichtig wird

und unter Deiner Haut bebt: so sieht man es, wenn Du Dich bewegst.

Horch, da läutet es Schlafenszeit: schlummere in Frieden, ohne Sorgen

für den kommenden Tag, und sei sicher, Deine geschmälzten Mahlzeiten

wiederzufinden, und Deinen Freund Lamm, der nicht ermangeln wird, sie

Dir zu geben.“

„Geh von hinnen und laß mich beten,“ sagte der Mönch.

„Bete,“ sprach Lamm, „bete in fröhlicher Schnarchmusik. Bier und

Schlafen werden Dir Fett, gutes Fett ansetzen. Ich bin froh.“

Und Lamm ging, sich ins Bett zu legen.

Und die Matrosen und Soldaten fragten ihn:

„Was hast Du davon, diesen Mönch, der Dir nicht wohl will, so reichlich

zu füttern?“

„Laßt mich nur machen,“ sprach Lamm. „Ich vollführe ein großes Werk.“

5

Im Mai, wenn die flanderischen Bäuerinnen sich nachts langsam drei

schwarze Bohnen nach rückwärts über den Kopf werfen, um sich vor

Krankheit und Tod zu schützen, brach Lamms Wunde wieder auf. Er bekam

starkes Fieber und begehrte, auf Deck, dem Käfig des Mönches gegenüber

zu liegen.

Ulenspiegel war es zufrieden, doch aus Furcht, daß sein Freund bei

einem Anfall ins Meer stürzte, ließ er ihn auf seinem Lager tüchtig

festbinden.

In seinen lichten Augenblicken empfahl er unablässig, daß man den Mönch

nicht vergäße, und streckte ihm die Zunge heraus.

Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak: Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und andern Orts · 第 32 / 46 题