„Gott wird mich rächen,“ sprach der Pächter und gab die Schlüssel
heraus.
Nachdem die Geusen den Gutshof ausgeräumt hatten, kehrten sie auf
Schlittschuhen zurück zu den Schiffen, den leichten Häusern der
Freiheit.
„Ich bin Schiffskoch,“ sprach Lamm, der sie anführte, „ich bin
Oberkoch. Schiebt die wackren, mit Wein und Bier bepackten Schlitten;
treibt die Pferde, Rinder, Schweine und Schafe bei den Hörnern oder
auf andere Art vor Euch her, die ganze Herde, die ihr Naturlied singt.
Die Tauben gurren in den Körben. Die Kapaune, mit Brot gemästet,
sitzen erschrocken in den Holzkäfigen, darinnen sie sich nicht rühren
können. Ich bin Schiffskoch. Das Eis knirscht unter dem Eisen der
Schlittschuhe. Nun sind wir bei den Schiffen. Morgen wird es Musik
in der Küche geben. Laßt die Winde herab. Legt den Pferden, Kühen
und Ochsen Gurten um. Das ist ein artig Schauspiel, sie so am Bauch
aufgehängt zu sehen; morgen werden wir mit der Zunge an fetten
Fleischgerichten hängen. Sie werden mit der Windetalje aufs Schiff
gehißt. Das gibt Rippenstücke. Werft die Hühner, Gänse, Enten und
Kapaune aufs Geratewohl in den Schiffsraum. Wer wird ihnen den Hals
umdrehen? Der Schiffskoch. So, die Tür ist zu, den Schlüssel hab ich in
meinem Säckel. Gott sei gelobt in der Küche! Es lebe der Geuse!“
Alsdann begab Ulenspiegel sich auf das Admiralsschiff und führte
Dierick Slosse und die andern Gefangenen mit, die aus Furcht vor dem
Strick wehklagten und weinten.
Messire Worst kam bei dem Lärm herbei. Da er beim roten Fackelschein
Ulenspiegel und seine Gefährten erblickte, sagte er:
„Was willst Du von uns?“
Ulenspiegel antwortete:
„Wir haben diese Nacht den Verräter Dierick Slosse, der die Achtzehn in
Hinterhalt lockte, auf seinem Gute gefangen genommen. Dieser ist’s. Die
andern sind unschuldige Knechte und Mägde.“
Dann übereichte er ihm eine Geldkatze.
„Diese Florins,“ sagte er, „florierten in den Blumentöpfen im Hause des
Verräters: es sind Zehntausend.“
Messire Worst sprach zu ihnen:
„Ihr tatet übel, die Schiffe zu verlassen; aber um des guten Erfolges
willen soll Euch verziehen sein. Die Gefangenen und den Säckel mit
Gülden heiße ich willkommen, und auch Euch, wackere Männer, denen ich
nach Seerecht und Brauch ein Drittel der Prise zubillige. Das zweite
Drittel ist für die Flotte und das dritte für seine Gnaden von Oranien.
Den Verräter henket unverzüglich.“
Als die Geusen den Befehl ausgeführt hatten, machten sie ein Loch ins
Eis und warfen den Leichnam Dierick Slosses hinein.
Darauf sprach Messire Worst:
„Ist um die Schiffe Gras gewachsen, daß ich die Hennen glucksen, die
Schafe blöken und die Ochsen brüllen höre?“
„Das sind Gefangene für unsern Schnabel,“ antwortete Ulenspiegel; „sie
werden das Lösegeld mit Fleischgerichten bezahlen. Der Herr Admiral
wird das Beste davon bekommen. Was diese anbelangt, die Knechte und
Mägde, unter denen artige hübsche Weiblein sind, so will ich sie wieder
auf mein Schiff bringen.“
So getan, hielt er ihnen diese Rede:
„Gevatter und Gevatterinnen, Ihr seid hier auf dem besten Schiff,
das es gibt. Wir verbringen hier die Zeit mit Schmäusen, Gelagen und
Schlemmerei ohne Ende. So es Euch beliebt fortzugehen, zahlt Lösegeld;
so es Euch beliebt, hier zu bleiben, werdet Ihr so leben wie wir:
arbeiten und gut essen. Was diese allerliebsten Weiblein angeht, so
gestatte ich ihnen mit Erlaubnis des Admirals gänzliche Freiheit und
sage ihnen, daß es mir einerlei ist, ob sie ihre Liebsten, die mit
ihnen aufs Schiff gekommen sind, behalten oder irgend einen wackeren,
hier anwesenden Geusen erküren wollen, daß er in ehelicher Gemeinschaft
mit ihnen lebe.“
Aber all die niedlichen Weiblein waren ihren Liebhabern getreu,
ausgenommen eine, die Lamm lächelnd anschaute und ihn fragte, ob er sie
wolle.
„Schönsten Dank, mein Schatz,“ sagte er, „aber ich bin anderweitig
beschäftigt.“
„Er ist verheiratet, der Biedermann,“ sagten die Geusen, da sie sahen,
daß es die Frau verdroß.
Aber sie drehte ihm den Rücken und erkor sich einen andern, der gleich
Lamm einen guten Bauch und ein gutes Vollmondgesicht hatte.
An jenem und den folgenden Tagen gab es an Bord gewaltige Schmäuse und
Gelage mit Wein, Geflügel und Fleischgerichten. Und Ulenspiegel sagte:
„Es lebe der Geuse! Blase, scharfer Nordwind, wir werden die Luft mit
unserm Atem erwärmen. Unser Herz ist Feuer und Flamme für das freie
Gewissen. Feuer und Flamme ist unser Magen für das Fleisch des Feindes.
Trinken wir Wein, die Milch der Männer. Es lebe der Geuse!“
Nele trank auch aus einem großen güldenen Humpen, und vom Winde
gerötet, blies sie die schrille Pfeife. Und ohngeachtet der Kälte aßen
und tranken die Geusen fröhlich auf Deck.
18
Plötzlich erblickte die Flotte am Strand eine schwarze Schar, in
der Fackeln leuchteten und Waffen blinkten. Dann wurden die Fackeln
gelöscht und große Dunkelheit herrschte.
Die Befehle des Admirals wurden übermittelt und das Signal Achtung
auf den Schiffen gegeben. Alle Feuer erloschen, Matrosen und Soldaten
legten sich, mit Äxten bewaffnet, auf Deck platt auf den Bauch. Die
wackeren Kanoniere standen mit ihren Leuten bei den Geschützen, die
mit Kugelsäcken und Kettenkugeln geladen waren. Sobald der Admiral und
die Kapitäne riefen: „Hundert Schritt!“ was die Entfernung des Feindes
bezeichnete, sollten sie mit dem Heckgeschütz, dem Sterngeschütz oder
den Breitseiten Feuer geben, je nach ihrer Lage im Eise.
Und man hörte die Stimme des Messire Worst sagen:
„Todesstrafe für den, der laut spricht.“
Und die Kapitäne sprachen ihm nach:
„Todesstrafe für den, der laut spricht!“
Die Nacht war sternklar, aber der Mond schien nicht.
„Hörst Du,“ sagte Ulenspiegel zu Lamm, / sein Flüstern war wie
Geisterhauch / „hörst Du die Stimme der Amsterdamer und das Knirschen
des Eises unter den Schnäbeln ihrer Schlittschuhe? Sie laufen schnell.
Man hört sie sprechen. Sie sagen: „Die faulenzenden Geusen schlafen.
Der Schatz von Lissabon ist unser!“ Sie zünden Fackeln an. Siehst Du
ihre Sturmleitern, ihre häßlichen Gesichter und die lange Linie ihres
Schlachthaufens? Es sind ihrer tausend und mehr.“
„Hundert Schritt!“ rief Messire Worst.
„Hundert Schritt!“ riefen die Kapitäne.
Da gab es großes Getöse wie Donner und klägliches Geheul auf dem Eise.
„Vierundzwanzig Kanonen donnern zumal,“ sagte Ulenspiegel. „Sie
fliehen! Siehst Du die Fackeln sich entfernen?“
„Ihnen nach,“ gebot der Admiral Worst.
„Ihnen nach,“ geboten die Kapitäne.
Aber die Verfolgung war von kurzer Dauer, maßen die Flüchtlinge einen
Vorsprung von hundert Schritt und die Beine furchtsamer Hasen hatten.
Und bei den auf dem Eise Jammernden und Sterbenden wurden Gold und
Kleinodien gefunden, auch Stricke, um die Geusen zu binden.
Und nach diesem Siege sprachen die Geusen untereinander:
„~Als God met ons is, wie tegen ons zal zijn?~ So Gott mit uns ist, wer
mag wider uns sein! Es lebe der Geuse!“
Doch am Morgen des dritten Tages erwartete Messire Worst mit Unruhe
einen neuen Angriff. Lamm sprang auf Deck und sagte zu Ulenspiegel:
„Führe mich zum Admiral, der Dir nicht Gehör geben wollte, als Du Frost
prophezeitest.“
„Geh ungeführt,“ erwiderte Ulenspiegel.
Lamm verschloß die Küchentüre und ging. Der Admiral stand auf Deck und
spähete, ob er nicht von der Stadt her etwelche Bewegung wahrnehmen
könnte.
Lamm sprach, auf ihn zutretend:
„Gnädiger Herr Admiral, darf ein geringer Schiffskoch Euch seine
Ansicht sagen?“
„Sprich, mein Sohn,“ sagte der Admiral.
„Euer Gnaden,“ sagte Lamm, „das Eis in den Krügen taut auf, das
Geflügel wird wieder zart; der Reif, der die Wurst wie Schimmel
überzog, verschwindet; die Butter ist schmierig, das Öl flüssig, das
Salz rinnt. Es wird in Bälde regnen und wir werden gerettet sein, Euer
Gnaden.“
„Wer bist Du?“ fragte Messire Worst.
„Ich bin Lamm Goedzak,“ antwortete er, „der Koch des Schiffes Briel.
Und wenn alle die großen Gelehrten, so sich für Astronomen ausgeben,
ebenso gut in den Sternen lesen wie ich in meinen Brühen, so könnten
sie uns sagen, daß wir diese Nacht Tauwetter mit Sturmgebraus und
Hagelschauern haben werden. Aber das Tauwetter wird nicht andauern.“
Und Lamm kehrte zu Ulenspiegel zurück, und um Mittag sprach er zu ihm:
„Ich prophezeie weiter: der Himmel wird schwarz, der Wind weht
stürmisch, es fällt ein warmer Regen; es ist schon ein Fuß Wassers auf
dem Eise.“
Am Abend rief er fröhlich aus:
„Die Nordsee ist gestiegen, es ist Flutzeit. Die großen Wellen, die in
den Zuyderzee eindringen, zerbrechen das Eis, das in großen Stücken
birst und auf die Schiffe springt. Es sprüht Lichtfunken: da kommt der
Hagel. Der Admiral wünscht, daß wir uns von Amsterdam zurückziehen, und
das mit soviel Wasser, daß unser größtes Schiff flott wird. Nun sind
wir im Hafen von Enckhuysen. Das Meer gefriert von neuem. Ich bin ein
Prophet, und das ist ein Wunder Gottes.“
Und Ulenspiegel sprach:
„Wir wollen ihm zutrinken und ihn segnen.“
Und der Winter ging vorüber und der Sommer kam.
19
Um die Mitte des August, wenn die körnersatten Hennen beim Lockruf
des Hahnes, der ihnen seine Liebe trompetet, taub bleiben, sprach
Ulenspiegel zu seinen Matrosen und Soldaten:
„Der Blutherzog, welcher in Utrecht ist, wagt dort, ein segensreiches
Edikt zu erlassen, das den Einwohnern der Niederlande, die sich nicht
unterwerfen wollen, unter andern lieblichen Gaben Hunger, Tod und
Verderben verheißt. Alles, was noch ganz ist, soll vertilgt werden, und
Seine Königliche Majestät wird das Land durch Fremde bevölkern lassen.
Beiß zu, Herzog, beiß zu! Der Hauer des Ebers zerbricht den Zahn der
Vipern. Wir sind Eber. Es lebe der Geuse!
„Alba, das Blut berauscht Dich! Wähnst Du, daß wir Deine Drohungen
fürchten oder an Deine Milde glauben? Deine berühmten Regimenter,
deren Loblied Du in der ganzen Welt sangest, Deine „Unbesiegbaren,“
Deine „Unveränderlichen,“ Deine „Unsterblichen“ hielten sich sieben
Monate damit auf, Haarlem, die schwache, von Bürgern verteidigte Stadt
zu beschießen. Sie haben gleich gewöhnlichen Sterblichen den Tanz der
berstenden Minen in der Luft getanzt. Bürger machten ihnen Halskragen
von Pech; am Ende siegten sie glorreich, indem sie die Entwaffneten
erwürgten. Henker, hörst Du die Stunde der Vergeltung schlagen?
„Haarlem hat seine tapferen Verteidiger verloren, seine Steine
schwitzen Blut. Es hat bei seiner Belagerung zwölfhundertachtzigtausend
Gülden eingebüßt und ausgegeben. Der Erzbischof ist dort wieder
eingesetzt. Mit leichter Hand und fröhlicher Fratze segnet er die
Kirchen ein. Don Federigo ist bei diesen Einsegnungen gegenwärtig, der
Bischof wäscht ihm die Hände, die Gottes Auge rot sieht, und er nimmt
das Abendmahl in beiderlei Gestalt, was dem armen Volk nicht erlaubt
ist. Und die Glocken läuten, und das Glockenspiel sendet seine ruhigen,
wohlklingenden Weisen in die Luft: es ist wie Engelsang auf einem
Friedhof. Auge um Auge! Zahn um Zahn! Es lebe der Geuse!“
20
Die Geusen waren derzeit in Vlissingen, wo Nele das Fieber bekam.
Da sie das Schiff verlassen mußte, ward sie bei Peeters, einem
Reformierten, am Turven-Key untergebracht.
Ulenspiegel war gar sehr betrübt, aber doch froh, wenn er bedachte,
daß in dem Bett, darin sie ohne Zweifel genesen würde, die spanischen
Kugeln sie nicht erreichen könnten.
Und mit Lamm war er immerwährend bei ihr, pflegte sie gut und liebte
sie noch mehr. Und da schwätzten sie.
„Lieber und Getreuer,“ sprach Ulenspiegel eines Tages, „weißt Du die
Zeitung nicht?“
„Nein, mein Sohn,“ antwortete Lamm.
„Sahest Du das Vlieboot, das sich neulich unserer Flotte anschloß, und
weißt Du, wer dort alle Tage die Laute spielt?“
„Infolge der letzten Fröste bin ich auf beiden Ohren wie taub,“ sagte
Lamm. „Warum lachst Du, mein Sohn?“
Aber Ulenspiegel setzte seine Rede fort:
„Einmal hörte ich sie ein vlämisches Lied singen und fand ihre Stimme
lieblich.“
„Ach,“ sprach Lamm, „auch sie sang und spielte die Laute.“
„Weißt Du die andere Zeitung?“ fuhr Ulenspiegel fort.
„Ich weiß sie nicht, mein Sohn,“ antwortete Lamm.
Ulenspiegel entgegnete:
„Wir haben Befehl erhalten, mit unsern Schiffen die Schelde bis
Antwerpen hinunterzufahren, um dort feindliche Schiffe zu nehmen oder
zu verbrennen. Was die Männer betrifft, so wird kein Quartier gegeben.
Was hälst Du davon, Dickwanst?“
„Ach,“ sprach Lamm, „werden wir in diesem traurigen Lande immer nur
von Brennen, Henken, Ertränken und andern Hinrichtungen armer Menschen
hören? Wann wird doch der gesegnete Friede kommen, da man ohne Sorge
Rebhühner braten, Frikassées von Huhn bereiten, und in der Pfanne
die Blutwürste zwischen den Eiern bruzzeln lassen kann? Ich mag die
schwarzen lieber, die weißen sind zu fett.“
„Diese holde Zeit wird kommen,“ antwortete Ulenspiegel, „wenn wir in
den flandrischen Obstgärten an den Äpfel-, Pflaumen- und Kirschbäumen
statt der Früchte an jedem Zweig einen Spanier aufgeknüpft sehen.“
„Ach,“ sagte Lamm, „wenn ich nur meine Frau wiederfinden könnte, meine
vielliebe, innig geliebte, herzallerliebste, getreue Frau! Denn versteh
mich recht, mein Sohn, ich bin kein Hahnrei gewesen und werde es nimmer
sein; dazu war sie zu kühl und ruhig in ihrem Benehmen; sie mied die
Gesellschaft der andern Männer. Wenn sie schönen Putz liebte, so war
das nur aus weiblicher Neigung. Ich war ihr Koch, Bratenwender und
Küchenjunge, das gestehe ich gern; warum bin ich es nicht wieder; aber
ich war auch ihr Herr und Ehemann.“
„Genug des Redens,“ sagte Ulenspiegel. „Hörst Du den Admiral rufen:
„Die Anker gelichtet!“ Und nach ihm die Kapitäne dasselbe rufen? Wir
müssen uns jetzt segelfertig machen.“
„Weshalb gehst Du so schnell fort?“ sprach Nele zu Ulenspiegel.
„Wir gehen zu Schiff,“ sagte er.
„Ohne mich?“ fragte sie.
„Ja,“ sagte Ulenspiegel.
„Bedenkst Du nicht, daß ich dahier gar bang um Dich sein werde?“ sagte
sie.
„Liebchen,“ sprach Ulenspiegel, „meine Haut ist von Eisen.“
„Du spottest,“ sagte sie. „Ich sehe nur Dein Wams, das von Tuch und
nicht von Eisen ist, darunter ist Dein Körper, wie meiner aus Fleisch
und Bein. Wenn man Dich verwundet, wer wird Dich verbinden? Willst Du
ganz allein in Mitten der Krieger sterben? Ich gehe mit Dir?“
„Wehe,“ sprach er, „wenn die Lanzen, Kugeln, Degen, Äxte und
Streithämmer mich verschonten und auf Deinen holden Leib fielen,
was würde ich Taugenichts ohne Dich in dieser niederträchtigen Welt
beginnen?“
Aber Nele sprach:
„Ich will Dir folgen, es ist keine Gefahr dabei; ich werde mich hinter
der hölzernen Brustwehr verstecken, wo die Scharfschützen sind.“
„Wenn Du gehst, bleibe ich, und dein Freund Ulenspiegel wird für einen
Verräter und Feigling gelten; aber höre mein Lied:
„Mein Haar ist ein Sturmhut, aus Erz gebaut,
Natur hat gewappnet mein Leben.
Von Leder ist mir die erste Haut,
Von Stahl die zweite gegeben.
Vor Deiner Fratze mich nimmer graut,
Nie rufst Du mich, Tod, aus dem Leben.
Von Leder ist mir die erste Haut,
Von Stahl die zweite gegeben.
Auf meiner Fahne steht Leben, schaut!
Allzeit im Lichte leben.
Von Leder ist mir die erste Haut,
Von Stahl die zweite gegeben!“
Und singend zog er von hinnen, nicht ohne den bebenden Mund und die
hübschen Augen der fiebernden Nele geküßt zu haben, die in einem weinte
und lachte.
Die Geusen sind in Antwerpen. Sie erbeuten Alba’s Schiffe bis in den
Hafen hinein. Bei hellem Tage dringen sie in die Stadt, befreien
Gefangene und machen andre, die ihnen Lösegeld einbringen sollen. Sie
heben die Bürger mit Gewalt aus und zwingen etliche bei Todesstrafe,
ihnen zu folgen und nicht zu sprechen.
Ulenspiegel sprach zu Lamm: „Des Admirals Sohn wird im Hause des
Kanonikus gefangen gehalten; wir müssen ihn befreien.“
Als sie ins Haus des Kanonikus drangen, sahen sie den Sohn, den sie
suchten, in Gesellschaft eines dicken schmerbäuchigen Mönches, der
zornig auf ihn einredete, denn er wollte ihn in den Schoß unserer
heiligen Mutter Kirche zurückführen. Aber der junge Bursche wollte
nicht. Er ging mit Ulenspiegel fort. Indessen packte Lamm den Mönch bei
der Kapuze und trieb ihn durch die Straßen von Antwerpen vor sich her,
indem er sagte:
„Du bist hundert Gülden Lösegeld wert, schnüre Dein Bündel und schreite
voraus. Was säumst Du? Hast Du Blei in Deinen Sandalen? Marsch,
Specksack, Speiseschrank, Suppenbauch.“
Der Mönch sagte in großer Wut:
„Ich gehe, Herr Geuse, ich gehe, aber trotz aller Achtung, die ich
Eurer Büchse schulde, Ihr seid gleich mir fettleibig, schmerbäuchig und
dick.“
Aber Lamm stieß ihn vor sich her und sprach:
„Wagst Du es, elender Mönch, Dein klösterliches, unnützes Faulenzerfett
mit dem Fett eines Vlämen zu vergleichen, das durch Anstrengungen,
Strapazen und Schlachten ehrlich angemästet ist? Lauf, oder ich werde
Dir wie einem Hund einen Fußtritt geben, und das mit dem Schnabel
meines Schuhes.“
Aber der Mönch konnte nicht laufen, und er war ganz außer Atem und Lamm
desgleichen. Und so gelangten sie zum Schiffe.
21
Nachdem die Geusen Rammekens, Gertruidenberg und Alckmaer erobert
hatten, kehrten sie nach Vlissingen zurück.
Nele, die genesen war, erwartete Ulenspiegel am Hafen.
„Tyll,“ sagte sie, da sie ihn sah, „mein trauter Tyll, bist Du nicht
verwundet?“
Ulenspiegel sang:
„Auf meiner Fahne steht Leben, schaut!
Allzeit im Lichte leben.
Von Leder ist mir die erste Haut,
Von Stahl die zweite gegeben.“
„Ach,“ sprach Lamm, sein Bein nachschleppend, „die Kugeln, Granaten und
Kettenkugeln regnen um ihn her, und er fühlt davon nichts als den Wind.
Du bist ohne Zweifel ein Geist, Ulenspiegel, und auch Du, Nele, denn
ich sehe Euch allezeit heiter und jugendlich.“
„Warum schleppst Du das Bein nach?“ fragte Nele ihn.
„Ich bin kein Geist und werde es auch nie werden,“ sagte er. „Zudem
habe ich einen Axthieb in den Schenkel erhalten / die meiner Frau waren
so weiß und rund! / Sieh, ich blute. Ach, warum habe ich sie nicht
hier, um mich zu pflegen!“
Doch Nele erwiderte zornig:
„Was bedarfst Du einer wortbrüchigen Frau?“
„Sprich nicht schlecht von ihr,“ sagte Lamm.
„Warte, hier ist Balsam,“ sagte Nele, „ich habe ihn für Ulenspiegel
aufbewahrt; streich ihn auf Deine Wunde.“
Da Lamm seine Wunde verbunden hatte, war er froh, denn der Balsam
linderte den brennenden Schmerz. Und sie gingen alle drei wieder zu
Schiff.
Da sie den Mönch sah, der dort mit gefesselten Händen herumspazierte,
sagte sie: „Wer ist der? Ich habe ihn schon gesehen und glaube, ihn zu
erkennen.“
„Er ist hundert Gülden Lösegeld wert,“ sagte Lamm.
An jenem Tage war in der Flotte ein Freudenfest. Trotz des rauhen
Dezemberwindes, trotz Regen und Schnee waren alle Geusen der Flotte auf
den Decks der Schiffe. Die silbernen Halbmonde glänzten matt auf den
zeeländischen Hüten.
Und Ulenspiegel sang:
„Leyden ist frei. Der Blutherzog zieht aus den Niederlanden.
Läutet, klingende Glocken,
Glockenspiel, sende Dein Lied in die Lüfte!
Klinget, Flaschen und Gläser!
Hat der Bluthund sich von den Schlägen erholt
Mit eingeklemmtem Schwanz,
Stürzt er sich mit blutigem Blick
Von neuem gegen die Stöcke.
Sein zerschlagenes Gebiß
Bebt und schlottert ohne Kraft.
Der Blutherzog ist abgerückt:
Klinget, Flaschen und Gläser. Es lebe der Geuse!
Er möchte sich wohl selber beißen,
Die Stöcke zerbrachen sein Gebiß.
Er senkt sein Bulldoggengesicht,
Und denkt der Zeiten des Fraßes und Mordes.
Der Blutherzog ist abgerückt:
Schlaget die Trommel des Ruhmes!
Schlaget die Trommel des Krieges!
Es lebe der Geuse!
Er ruft dem Teufel: „Dir verkauf’ ich meine
Hündische Seele für eine Stunde der Kraft.“
„Deine Seele gilt mir gleichviel
Wie ein Hering,“ entgegnet der Teufel.
Die Zähne wachsen nicht wieder,
Nun muß er die harten Bissen meiden.
Der Blutherzog ist abgerückt:
Es lebe der Geuse!
Die kleinen Gassenköter, einäugig, krätzig und krumm,
Die von den Broten leben oder verenden,
Heben die Pfoten allzumal
Gegen ihn, der aus Mordlust gemordet:
Es lebe der Geuse!
„Er liebte nicht Freunde noch Liebste,
Nicht Frohsinn, Sonne, noch seinen Herrn.
Nur der Tod, das war seine Braut.
Der zerbricht ihm die Pfoten
Zum Vorspiel der Hochzeit.
Er liebt keinen Menschen heil und ganz.
Schlaget die Freudentrommel!
Es lebe der Geuse!“
Und die kleinen Gassenköter, krumm,
Einäugig, hinkend und krätzig,
Heben von neuem die Pfoten
Heiß und salzig ...
Und mit ihnen Molosser und Windhund.
Hunde von Ungarn und von Brabant,
Von Luxemburg und Namur.
Es lebe der Geuse!
Trübselig, Schaum vor dem Maule,
Wird er verenden bei seinem Herrn,
Welcher ihm einen Fußtritt gibt,
Weil er nicht tüchtig gebissen.
In der Hölle wird er dem Tod
Angetraut; der nennt ihn „Mein Herzog“.
Und er heißt ihn: „Meine Inquisition“.
Es lebe der Geuse!
Läutet, klingende Glocken;
Glockenspiel, sende Dein Lied in die Lüfte.
Klinget, Flaschen und Gläser:
Es lebe der Geuse!“