„Bildest Du Dir ein, daß Du bezahlt wirst, ohne gearbeitet zu haben? Du
Diebsbrut, wenn Du nicht hinaufkletterst, so laß ich Dich peitschen.
Und Dein Französisch wird Dich nicht retten.“
„Es ist eine schöne Sprache,“ sagte der Dolmetsch, „eine Liebes- und
Kriegersprache.“
Er kletterte hinauf.
„Nun, Faulenzer?“ fragte Lamm.
Der Dolmetsch antwortete:
„Ich sehe nichts, weder in der Stadt, noch auf den Schiffen.“
Beim Hinunterklettern sagte er:
„Nunmehr bezahle mich.“
„Behalte, was Du gestohlen hast,“ erwiderte Lamm; „aber unrecht Gut
gedeihet nicht, Du wirst es gewiß wieder ausbrechen.“ Der Dolmetsch
kletterte abermals auf den Mast und schrie plötzlich:
„Lamm, Lamm, ein Dieb schleicht in Deine Küche!“
„Ich habe den Küchenschlüssel in meiner Gürteltasche,“ antwortete Lamm.
Ulenspiegel nahm Lamm beiseite und sprach zu ihm:
„Mein Sohn, diese große Ruhe in Amsterdam erschreckt mich. Sie haben
einen geheimen Anschlag.“
„Das dachte ich auch,“ sagte Lamm. „Das Wasser gefriert in den Krügen
im Schrank, das Geflügel ist wie Holz, die Würste sind mit weißem
Reif überzogen; die Butter ist wie Stein, das Öl schneeweiß, das Salz
trocken wie Sand in der Sonne.“
„Da ist der Trost nahe,“ sprach Ulenspiegel. „Sie werden in großer Zahl
kommen und uns mit Geschütz angreifen.“
Er ging an Bord des Admiralschiffes und sagte dem Admiral, was er
fürchtete. Der antwortete ihm:
„Der Wind weht von Engelland her, es wird schneien, aber nicht frieren.
Geh wieder auf Dein Schiff.“
Und Ulenspiegel tat also.
In der Nacht kam ein starker Schneefall; aber alsbald wehte der Wind
von Norwegen her, das Meer gefror und ward wie eine Tenne. Der Admiral
sah was geschehen war.
Da er nun befürchtete, daß die Amsterdamer aufs Eis kommen möchten,
um die Schiffe in Brand zu stecken, befahl er den Soldaten, ihre
Schlittschuhe bereit zu halten, im Fall, daß sie draußen und um die
Schiffe herum kämpfen müßten. Den Kanonieren der geschmiedeten und
gegossenen Kanonen befahl er, die Kugeln in Haufen neben die Lafetten
zu legen und die Lunten alleweil brennend zu halten.
Doch die Amsterdamer kamen nicht.
Und so ging es sieben Tage.
Am Abend des achten Tages befahl Ulenspiegel, den Matrosen und Soldaten
einen guten Schmaus aufzutischen, um ihnen gegen den scharfen Wind,
welcher blies, einen Panzer zu machen.
Aber Lamm sagte:
„Es ist nichts übrig als Schiffszwieback und Dünnbier.“
„Es lebe der Geuse,“ sagten sie. „Wir halten Fastenschmaus, bis die
Stunde der Schlacht geschlagen hat.“
„Sie wird nicht so bald schlagen,“ sprach Lamm. „Die Amsterdamer
werden kommen, um unsere Schiffe zu verbrennen, aber nicht diese
Nacht. Zuvor müssen sie sich ums Feuer versammeln und viele Schoppen
Glühwein mit Madeirazucker trinken / Gott gebe ihn Euch. Nachdem sie
dann bis Mitternacht mit Geduld, Vernunft und vollen Schoppen geredet
haben, werden sie beschließen, daß es morgen an der Zeit sein wird,
zu beschließen, ob sie uns die kommende Woche angreifen wollen oder
nicht. Morgen, wenn sie wiederum Glühwein mit Madeirazucker trinken,
/ Gott gebe ihn Euch / werden sie zum andern Mal mit Ruhe, Geduld
und vollen Schoppen beschließen, daß sie sich an einem andern Tage
versammeln müssen, um zu erfahren, ob das Eis eine große Schar Menschen
tragen könne oder nicht. Und sie werden es durch gelahrte Männer prüfen
lassen, die ihre Meinungen auf Pergament niederlegen. Wenn sie dieses
empfangen haben, werden sie wissen, daß das Eis eine halbe Elle dick
und fest genug ist, um etliche hundert Mann mit Kanonen und Feldstücken
zu tragen. Dann werden sie sich abermals versammeln, um mit Ruhe,
Geduld und vielen Schoppen Glühwein zu beratschlagen, und werden in
Erwägung ziehen, ob sie wegen des Schatzes, den wir den Lissabonern
abnahmen, unsere Schiffe angreifen oder verbrennen sollen. Und also
ratlos und zaudernd, werden sie dennoch beschließen, daß unsere Schiffe
erbeutet und nicht verbrannt werden müssen, ohngeachtet des großen
Unrechts, daß sie uns derart zufügen würden.“
„Du sprichst trefflich,“ sagte Ulenspiegel, „aber siehst Du nicht die
Feuer, so in der Stadt angezündet werden, und die Leute, die Laternen
tragen und geschäftig umher rennen?“
„Das ist, weil sie frieren,“ sprach Lamm.
Und seufzend fügte er hinzu:
„Alles ist aufgegessen, kein Rindfleisch, Schweinefleisch noch
Geflügel mehr, kein Wein und, ach, kein gutes Doppelbier, nichts als
Schiffszwieback und Dünnbier. Wer mich lieb hat, folge mir.“
„Wohin gehst Du?“ fragte Ulenspiegel. „Niemand darf das Schiff
verlassen.“
„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „Du bist derzeit Kapitän und Befehlshaber. Ich
werde nicht gehen, wenn Du es nicht willst. Geruhe aber zu bedenken,
daß wir ehegestern unsere letzte Wurst gegessen haben, und daß in
dieser schweren Zeit das Küchenfeuer die Sonne der guten Kameradschaft
ist. Wer möchte hier nicht den Dampf der Brühen riechen, nicht die
duftende Blume des göttlichen Weines einatmen, so aus fröhlichen
Blüten, als da sind: Heiterkeit, Lachen, Wohlwollen gegen jedermann,
gemacht ist. Wohlan, Kapitän und getreuer Freund, ich wage es Dir zu
sagen: mein Herz verzehrt sich in Kummer, da ich nicht esse. Ich, der
ich nur die Ruhe liebe, nicht gern töte, ausgenommen eine zarte Gans,
ein fettes Hühnchen oder eine saftige Truthenne, ich folge Dir in
Schlachten und Strapazen. Sieh von hier die Lichter auf jenem reichen,
mit Groß- und Kleinvieh wohl versehenem Bauernhof. Weißt Du, wer darauf
wohnt? Es ist der Schiffer aus Friesland, der Messire Dandelot verriet
und achtzehn arme Ritter und Freunde nach Enckhuysen führte, da es noch
spanisch war, also daß sie auf dem Roßmarkt zu Brüssel geköpft wurden.
Dieser Verräter, namens Slosse, hat vom Herzog zweitausend Gülden für
seinen Verrat empfangen. Für das Blutgeld hat er wie ein rechter Judas
den Hof gekauft, den du da siehst, und sein Vieh und die Äcker ringsum,
deren Frucht und Wachstum ihn jetzt reich machen.“
Ulenspiegel erwiderte:
„Die Asche brennt auf meinem Herzen. Die Stunde der Rache hat
geschlagen.“
„Und die Stunde der Nahrung desgleichen,“ sagte Lamm. „Gib mir zwanzig
Burschen mit, tapfere Soldaten und Matrosen; ich werde den Verräter
holen.“
„Ich will ihr Anführer sein,“ sprach Ulenspiegel. „Wer Gerechtigkeit
liebt, folge mir. Nein, nicht alle, Ihr Lieben und Getreuen. Ich
brauche nur zwanzig; wer sollte sonst das Schiff bewachen? Laßt die
Würfel entscheiden. Nun sind es zwanzig, kommt. Die Würfel entscheiden
gut. Legt Eure Schlittschuhe an, und fahrt in der Richtung der Venus,
die über dem Hof des Verräters glänzt. Kommt, Ihr Zwanzig, mit der
Axt auf der Schulter, lauft und gleitet. Das helle Licht wird Euer
Leitstern sein. Der Wind pfeift und treibt den Schnee in weißen Wirbeln
auf dem Eis vor sich her. Kommt, tapfere Männer! Ihr singt nicht, Ihr
sprecht nicht; Ihr lauft schweigend geradeaus, dem Stern zu; das Eis
knirscht unter Euren Schlittschuhen.
„Wer fällt, steht sogleich wieder auf. Wir kommen ans Ufer: nicht eine
Gestalt auf dem weißen Schnee, kein Vogel in der eisigen Luft. Bindet
die Schlittschuhe los.
„Jetzt sind wir auf dem Lande, hier sind die Wiesen. Legt die
Schlittschuhe wieder an. Wir sind im Umkreis des Hofes und halten den
Atem an.“
Ulenspiegel klopft an die Tür, Hunde bellen. Er pocht nochmals; ein
Fenster geht auf, und der Baas steckt den Kopf hinaus und fragt:
„Wer bist Du?“
Er sieht nur Ulenspiegel; die andern sind hinter der Keet, dem
Waschhaus, versteckt.
Ulenspiegel antwortet:
„Messire de Boussu befiehlt Dir, Dich zur Stunde nach Amsterdam zu ihm
zu begeben.“
„Wo ist Dein Geleitbrief?“ fragt der Mann, indem er hinuntergeht und
ihm die Tür öffnet.
„Hier,“ antwortet Ulenspiegel und weist auf die zwanzig Geusen, die
sich hinter ihm in die offene Tür stürzen.
Darauf spricht Ulenspiegel zu ihm:
„Du bist Slosse, der verräterische Schiffer, der die Herren Dandelot,
van Battemburgh und andere Ritter in Hinterhalt lockte. Wo ist das
Blutgeld?“
Der Pächter antwortet zitternd:
„Ihr seid Geusen, gebt mir Pardon; ich wußte nicht, was ich tat. Ich
habe kein Geld daheim, ich werde alles geben.“
Lamm sagte:
„Es ist dunkel; gib uns Talg- oder Wachskerzen.“
Der Baas antwortet:
„Die Talgkerzen sind dort aufgehängt.“
Da ein Licht angezündet war, sagte einer der Geusen in der Küche:
„Es ist kalt, wir wollen ein Feuer machen, hier ist gutes Reisig.“
Und er wies auf ein Brett mit Blumentöpfen, darinnen vertrocknete
Pflanzen standen. Er nahm eine beim Schopf, und als er sie mit dem Topf
schüttelte, fiel der Topf hin, und es rollten Dukaten, Gülden und Reale
über den Boden.
„Da ist der Schatz,“ sprach er, auf die andern Blumentöpfe deutend.
Und wahrlich, als sie sie ausgeleert hatten, fanden sie zehntausend
Gülden darin.
Als der Baas das sah, schrie und weinte er.
Die Knechte und Mägde des Hofes kamen bei dem Geschrei in ihren Hemden
herbei. Die Männer, die ihren Herrn rächen wollten, wurden geknebelt.
Bald versteckten sich die schamhaften Frauen, sonderlich die jungen,
hinter den Männern.
Darauf trat Lamm vor und sagte: „Verräter, wo sind die Schlüssel zum
Keller und zum Pferde-, Kuh- und Schafstall?“
„Ihr schändlichen Räuber werdet aufgehenkt werden, bis Ihr sterbt,“
sprach der Pächter.