Und jeder, selbst die Richter, lachten ihn aus, als sie das hörten. Er
weinte zum Schein, um Mitleid zu erregen. Und die Frauen lachten.
In Anbetracht hinlänglicher Beweise ward er verurteilt, auf die Folter
gespannt zu werden, bis er bekannt hätte, wie er zu töten pflegte,
woher er gekommen, wo das den Opfern geraubte Gut sei und wo er sein
Gold versteckt hätte.
Da er in der Marterkammer war, mit zu engen Stiefeln aus neuem Leder
angetan, und der Amtmann ihn fragte, wie Satan ihm so schwarze
Anschläge und so schändliche Verbrechen eingegeben habe, antwortete er:
„Ich selbst bin Satan, mein natürlich Wesen. Von häßlichem Aussehen
und zu allen körperlichen Übungen ungeschickt, ward ich schon als
ein kleines Kind von jedermann für einen Tropf gehalten und oftmals
geschlagen. Nicht Knabe noch Mägdlein hatte Mitleid mit mir. In meiner
Jugend wollte mich keine, selbst nicht für Geld. Da faßte ich kalten
Haß gegen alle vom Weibe geborne Kreatur. Darum zeigte ich Klas an, den
jedermann liebte. Und ich liebte einzig das Geld, das war meine weiße
oder goldene Geliebte; ich fand Nutzen und Vergnügen daran, Klas in
den Tod zu treiben. Hernach mußte ich noch mehr als zuvor gleich einem
Wolf leben, und ich träumte vom Beißen. Als ich durch Brabant kam, sah
ich dort die Waffeleisen dieses Landes und dachte, daß ihrer eins mir
ein guter eiserner Rachen sein würde. Hielte ich Euch doch am Kragen,
Ihr bösen Tiger, die Ihr Euch an den Qualen eines Greises ergötzt! Ich
würde Euch mit größerer Lust beißen als den Soldaten und das Mägdlein.
Denn da ich es in seinem Liebreiz auf dem Sande in der Sonne schlafen
sah, das Säcklein mit Geld in den Händen haltend, war Liebe und Mitleid
in mir. Aber da ich mich zu alt fühlte und sie nicht besitzen konnte,
biß ich sie ...“
Auf des Amtmanns Frage, wo er wohne, antwortete der Gefangene:
„In Ramskapelle, von wo ich nach Blankenberghe, Heyst, ja selbst nach
Knokke gehe. An den Sonn- und Kirmestagen mache ich in allen Dörfern
Waffeln nach Brabanter Art, mit diesem Gerät hier. Und es ist immer
sauber und wohl eingefettet. Und diese ausländische Neuheit ward gut
aufgenommen. So es Euch gefällt, noch mehr davon zu erfahren, und wie
es zuging, daß niemand mich erkennen konnte, so will ich Euch sagen,
daß ich mir tags das Gesicht schminkte und meine Haare rot färbte. Was
das Wolfsfell anlangt, auf das Ihr mit Eurem grausamen Finger weiset,
dieweil Ihr mich verhört, so will ich Euch zum Trotze sagen, daß es von
zwei Wölfen stammt, die ich in den Forsten von Raveschoot und Maldeghen
geschossen habe. Ich brauchte nur die Häute zusammenzunähen, um mich
damit zu bedecken. Ich verbarg sie in meiner Kiste in den Heyster
Dünen. Da sind auch die Kleidungsstücke, die ich gestohlen, um sie
später bei guter Gelegenheit zu verkaufen.“
„Nehmt ihn vom Feuer fort,“ sagte der Amtmann.
Der Henker gehorchte.
„Wo ist dein Gold?“ fragte wiederum der Amtmann.
„Der König wird es nicht erfahren,“ antwortete der Fischhändler.
„Versengt ihn stärker mit den brennenden Lichten. Bringt ihn näher ans
Feuer,“ sagte der Amtmann.
Der Henker gehorchte, und der Gefangene schrie:
„Ich will nichts sagen. Ich habe schon zu viel geredet: Ihr werdet mich
verbrennen. Ich bin kein Zauberer, warum setzt Ihr mich wieder ans
Feuer? Meine Füße bluten vom vielen Brennen. Ich werde nichts sagen.
Warum noch näher? Sie bluten, sag ich Euch, sie bluten. Diese Stiefel
sind Schienen von glühendem Eisen. Mein Gold? Wohlan, mein einziger
Freund in dieser Welt, es ist ... bringt mich vom Feuer fort; es ist
in meinem Keller in Ramskapelle in einem Kasten ... lasset es mir.
Gnade und Erbarmen, Ihr Herren Richter! Verfluchter Henker, nimm die
Lichte fort ... Er brennt mich stärker ... Es ist in einem Kasten mit
doppeltem Boden, in Wolle eingewickelt, damit man kein Geräusch hört,
wenn der Kasten geschüttelt wird. Nun habe ich alles gesagt; nehmt mich
fort.“
Da er vom Feuer fortgenommen war, lächelte er boshaft.
Der Amtmann fragte ihn warum.
„Aus Freude, erlöst zu sein,“ antwortete er.
Der Amtmann sagte zu ihm:
„Hat keiner Dich gebeten, Dein gezahntes Waffeleisen zu zeigen?“
Der Fischhändler antwortete:
„Man sah, daß es gleich allen andern war, nur daß es Löcher hat, in die
ich die Eisenzähne einschraubte. Bei Tagesanbruch nahm ich sie heraus.
Die Bauern ziehen meine Waffeln denen andrer Händler vor und heißen
sie: ~Waefels met brabandsche Knopen~, Waffeln mit Brabanter Knöpfen,
weil die leeren Löcher, wenn die Zähne herausgenommen sind, kleine
Halbkugeln wie Knöpfe bilden.“
Aber der Amtmann darauf:
„Wann packtest Du die armen Opfer?“
„Bei Tag und Nacht. Bei Tage streifte ich durch die Dünen und auf den
Landstraßen und stand mit meinem Waffeleisen auf der Lauer, sonderlich
des Samstags, dem Tag des großen Brügger Markts. Sah ich irgend einen
Bauer trübsinnig daherschlendern, so ließ ich ihn gehen, denn ich
vermeinte, daß er wohl an Schwindsucht des Geldbeutels leide. Aber ich
ging Dem zur Seite, den ich lustig wandern sah, und wenn er des nicht
gewärtig war, biß ich ihn in den Hals und nahm seinen Säckel. Und nicht
allein in den Dünen, sondern auf allen Stegen und Wegen des platten
Landes.“
Darauf sprach der Amtmann:
„Bereue und bete zu Gott.“
Aber der Fischhändler lästerte:
„Der Herrgott hat mich so gewollt, wie ich bin. Ich tat alles wider
Willen, durch den Zwang der Natur getrieben. Ihr bösen Tiger, Ihr
bestraft mich ungerecht. Aber verbrennt mich nicht ... Ich tat alles
wider Willen. Habt Erbarmen, ich bin arm und alt; ich werde an meinen
Wunden sterben, verbrennt mich nicht.“ Nunmehr ward er zur „Vierschare“
unter die Linde gebracht, um dort vor versammeltem Volk sein Urteil zu
vernehmen.
Als abscheulicher Mörder, Dieb und Gotteslästerer ward er verurteilt,
daß ihm die Zunge mit glühendem Eisen durchbohrt, die rechte Hand
abgeschnitten, und er bei langsamem Feuer lebendig verbrannt werden
sollte, bis der Tod einträte, und dies vor den Gitterfenstern des
Rathauses.
Und Toria schrie:
„Das ist Gerechtigkeit! Er büßt!“
Und das Volk rief:
„~Lang leven de Heeren van de wet~, langes Leben den Herren Richtern!“
Er ward ins Gefängnis zurückgebracht, wo man ihm Fleisch und Wein gab.
Und er wurde guter Dinge und sagte, daß er dergleichen bis zur Stunde
nie gegessen noch getrunken habe; aber der König, der sein Vermögen
erbe, könnte ihm wohl diese letzte Mahlzeit bezahlen.
Und er lachte bitter.
Am nächsten Tage bei Morgengrauen, da man ihn zur Richtstatt führte,
sah er Ulenspiegel neben dem Scheiterhaufen stehen und rief, mit dem
Finger auf ihn deutend:
„Jener dort, der Greisenmörder, muß gleichfalls sterben. Vor zehn
Jahren warf er mich in den Brügger Kanal, weil ich seinen Vater
verklagt hatte. Hierin diente ich Seiner Katholischen Majestät als
getreuer Untertan.“
Das Armesünderglöcklein der Frauenkirche läutete.
„Auch für Dich läutet die Glocke,“ sagte er zu Ulenspiegel. „Du wirst
gehenkt werden, denn Du hast getötet.“
„Der Fischhändler lügt,“ schrien alle, so dem gemeinen Volk angehörten;
„er lügt, der mörderische Henker.“
Wie eine Verrückte warf Toria ihn mit einem Stein, der ihn an der Stirn
verletzte, und schrie:
„Wenn er Dich ersäuft hätte, so hättest Du nicht gelebt, um als ein
blutsaugender Vampir mein armes Töchterlein zu beißen.“
Ulenspiegel blieb stumm; Lamm sagte:
„Hat einer ihn den Fischhändler ins Wasser werfen sehen?“
Ulenspiegel gab keine Antwort.
„Nein, nein,“ schrie das Volk, „er hat gelogen, der Henker!“
„Nein, ich habe nicht gelogen,“ schrie der Fischhändler; „er warf mich
hinein, dieweil ich ihn anflehte, mir zu vergeben. Doch ich hielt mich
an einem am Ufer verankerten Kahn fest und rettete mich. Durchnäßt und
fröstelnd, erreichte ich mit Mühe meine armselige Behausung. Dort bekam
ich das Fieber, keiner pflegte mich, und ich vermeinte zu sterben.“
„Du lügst,“ sagte Lamm, „keiner hat es gesehen.“
„Nein, keiner hat es gesehen!“ schrie Toria. „Ins Feuer mit dem Henker.
Vorm Sterben muß er noch ein unschuldiges Opfer haben; ins Feuer, auf
daß er büße! Er hat gelogen. Wenn Du es getan hast, gestehe nichts,
Ulenspiegel. Er hat keine Zeugen. Bei langsamem Feuer und glühenden
Zangen soll er büßen.“
„Hast Du den Mord begangen?“ fragte der Amtmann Ulenspiegel.
Ulenspiegel antwortete:
„Ich habe Klasens mörderischen Ankläger ins Wasser geworfen. Meines
Vaters Asche brannte auf meinem Herzen.“
„Er gesteht,“ sagte der Fischhändler, „er wird auch sterben. Wo ist
der Galgen, daß ich ihn sehe? Wo ist der Henker mit dem Schwert der
Gerechtigkeit? Das Armesünderglöcklein läutet für Dich, Taugenichts,
Greisenmörder.“
Ulenspiegel sagte:
„Ich habe Dich ins Wasser geworfen, um Dich umzubringen. Die Asche
brannte auf meinem Herzen.“
Und die Weiber im Volk sagten:
„Warum gestehst Du’s, Ulenspiegel? Niemand hat es gesehen; jetzt mußt
Du sterben.“
Und der Gefangene lachte und sprang vor boshafter Freude und schwenkte
seine gefesselten, mit blutigen Binden bedeckten Arme.
„Er wird sterben,“ sagte er, „und von der Erde zur Hölle fahren als
Lump, Dieb und Taugenichts, mit dem Strick um den Hals wird er sterben;
Gott ist gerecht.“
„Er wird nicht sterben,“ sagte der Amtmann. „Nach zehn Jahren ist der
Mord auf flandrischem Boden verjährt. Ulenspiegel hat eine schlechte
Tat begangen, aber aus kindlicher Liebe. Ulenspiegel wird über diesen
Fall nicht verhört werden.“
„Es lebe das Gesetz,“ rief das Volk.
Die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten. Und der Gefangene
knirschte mit den Zähnen, senkte den Kopf und weinte seine erste Träne.
Die Hand wurde ihm abgehackt und die Zunge mit glühenden Eisen
durchbohrt, und er ward bei langsamem Feuer vor den Gitterfenstern des
Rathauses verbrannt.
Im Verscheiden rief er:
„Der König wird mein Gold nicht bekommen; ich habe gelogen ... Ihr
grausamen Tiger, ich werde wiederkommen und Euch beißen.“
Und Toria schrie:
„Er büßt, er büßt! Die Arme und Beine, die zum Mord eilten, krümmen
sich. Der Körper des Schlächters raucht. Sein weißes Hyänenhaar brennt
auf seiner bleichen Fratze. Er büßt! Er büßt!“
Und mit wölfischem Geheul starb der Fischhändler.
Und die Totenglocken der Frauenkirche läuteten.
Und Lamm und Ulenspiegel bestiegen wieder ihre Esel.
Nele blieb betrübten Herzens bei Katheline, die ohne Unterlaß sagte:
„Nehmt das Feuer fort! Mein Kopf brennt, Hanske, mein Buhle, komm
wieder!“