bekannt in der Stadt. Wenn ich fort bin, ~’t is van te beven de
klinkaert~ ... Alles zerbrechen ...“
„Ja“, sprach Ulenspiegel, erhob sich und gab ihm einen Fußtritt.
Der Wirt schlug ihn seinerseits, und Ulenspiegel sprach zu ihm: „Deine
Schläge fallen dicht, Dickwanst.“
„Wie Hagel“, sagte der Wirt, indem er Lamm behend die Börse fortriß und
sie Ulenspiegel zurückgab.
„Spitzbube, zahle jetzt einen Trunk für mich, da du wieder im Besitz
Deines Vermögens bist.“
„Du sollst trinken, schändlicher Taugenichts,“ entgegnete Ulenspiegel.
„Sehet, wie frech er ist,“ sagte die Stevenyne.
„So sehr wie Du schön bist, Herzchen,“ sagte Ulenspiegel.
Nun war die Stevenyne gut sechzig Jahre alt und hatte ein Gesicht wie
eine Mispel, doch ganz gelb von galligem Zorn. In der Mitte saß eine
Nase gleich einem Eulenschnabel. Ihre Augen waren voller Habgier und
ohne Liebe. Zwei lange Hauer stachen aus ihrem fleischlosen Munde und
auf ihrer linken Backe hatte sie einen großen, dunkelroten Fleck.
Die Dirnen lachten, indem sie sich über sie lustig machten, und sagten:
„Schätzchen, Schätzchen, gib ihm zu trinken. / Er wird Dich umarmen.
/ Ist es lange, daß Du Deine erste Hochzeit hieltest? / Hüte Dich,
Ulenspiegel, sie will Dich fressen. / Sieh ihre Augen, sie glänzen
nicht von Haß, sondern von Liebe. / Man könnte meinen, daß sie Dich
totbeißen will. / Sei ohne Furcht. / So machen’s alle verliebten
Frauen. / Sie will nur Dein Bestes. / Sieh, wie sie zum Lachen wohl
aufgelegt ist.“
Und wahrlich, die Stevenyne lachte und zwinkerte der Gilline, dem
Frauenzimmer im Brokatkleide zu.
Der Wirt trank, zahlte und ging fort. Die sieben Metzger schnitten den
Häschern und der Stevenyne Fratzen zum Zeichen des Einverständnisses.
Einer unter ihnen deutete durch eine Gebärde an, daß er Ulenspiegel für
einen Dummkopf hielte und ihn trefflich vexieren würde. Und dieweil er
der Stevenyne, die lachend ihre Hauer fletschte, spöttisch die Zunge
heraussteckte, sagte er Ulenspiegel ins Ohr:
„~’t is van te beven de klinkaert~“. (Es ist Zeit mit den Gläsern zu
klirren.)
Dann ganz laut und auf die Häscher zeigend:
„Hochedler Reformierter, wir halten alle zu Dir; zahle uns Essen und
Trinken.“
Und die Stevenyne lachte vor Vergnügen und streckte auch Ulenspiegel
die Zunge heraus, da dieser ihr den Rücken wandte. Und die Gilline im
Brokatkleid streckte desgleichen die Zunge heraus.
Und die Dirnen sprachen ganz leise: „Sehet die Spionin, die durch ihre
Schönheit mehr denn siebenundzwanzig Reformierte zu grausamer Tortur
und noch grausamerem Tode geführt hat. Gilline schwelgt in dem Gedanken
an den Lohn ihrer Angeberei: die ersten hundert Karolusgülden vom
Nachlaß der Opfer. Aber sie lacht nicht, gedenkend, daß sie sie mit der
Stevenyne wird teilen müssen.“
Und alle, Häscher, Metzger und Dirnen streckten die Zunge heraus, um
Ulenspiegel zu höhnen. Und Lamm schwitzte große Tropfen; er war rot vor
Zorn wie ein Hahnenkamm, doch er wollte nicht reden.
„Traktiere uns mit Essen und Trinken,“ sagten die Metzger und Häscher.
„Wohlan,“ sagte Ulenspiegel und ließ von neuem seine Karolus klingen,
„gib uns zu essen und zu trinken, o reizende Stevenyne, aus Gläsern zu
trinken, die klingen.“
Darob lachen die Dirnen abermals, und die Stevenyne fletschte ihre
Hauer.
Gleichwohl ging sie in Keller und Küche und trug Schinken, Würste und
Eierkuchen mit Blutwürsten auf, nebst Klingegläsern, also genannt, weil
sie mit einem Fuß versehen waren und wie ein Glockenspiel klangen, wenn
man sie anstieß.
Darauf sprach Ulenspiegel:
„Wer Hunger hat, der esse; wer Durst hat, der trinke.“
Bei dieser Rede schlugen Häscher, Dirnen, Metzger, Gilline und
Stevenyne mit Händen und Füßen Beifall. Dann suchte sich jeglicher
einen guten Platz; Ulenspiegel und Lamm und die sieben Metzger am
großen Ehrentisch, die Häscher und Dirnen an zwei kleinen Tischen. Und
sie aßen und tranken mit lautem Krachen der Kinnbacken, selbst die
beiden Schergen, so draußen waren und von ihren Kameraden hereingeholt
worden, um an dem Schmause teil zu haben. Und aus ihrem Ranzen sah man
Stricke oder Handfesseln herausgucken.
Da streckte die Stevenyne die Zunge heraus und sprach hohnlachend:
„Keiner wird hinaus gehen, der nicht bezahlt.“
Und sie ließ alle Türen verschließen und steckte die Schlüssel in ihre
Taschen.
Gilline erhob ihr Glas und sagte:
„Der Vogel ist im Käfig, laßt uns trinken.“
Drauf sagten zwei Mädchen, Gena und Margot, zu ihr:
„Ist wieder einer da, den Du umbringen lassen willst, schlechtes Weib?“
„Ich weiß nicht“, sprach Gilline. „Laßt uns trinken.“
Aber die drei Mädchen wollten mit ihr nicht trinken.
Und Gilline nahm ihre Laute und sang auf Französisch:
„Zum Klang der Mandoline
Sing’ ich Nacht und Tag.
Ich bin die lose Gilline,
Feil jedem, der mich mag.
Astarte lieh mir Lenden,
Drinnen Feuer loht.
Meine weißen Schuldern blenden,
Mein schöner Leib ist Gott.
Von blanken Gülden mache
Die Säckel ich Euch leer.
Von blankem Golde lache
Zu Füßen mir ein Meer.
Des Teufels Tochter bin ich;
Frau Eva mich gebar.
Dein Traum sei noch so minnig /
Durch mich nur wird er wahr.
Kalt bin ich, sprühe Funken,
Bin zärtlich untertan,
Bin lau, bin heiß und trunken
Nach Deinem Willen, Mann.
Sieh, ich verkaufe Reize,
Die Seele, Augen blau,
Glück, Lachen, Tränentau /
Selbst Tod: mit nichts ich geize.
Zum Klang der Mandoline
Sing’ ich Nacht und Tag.
Ich bin die lose Gilline,
Feil jedem, der mich mag.“
Und während sie also sang, war Gilline so schön, so hold und so
minniglich, daß alle Männer, Häscher, Metzger, Lamm und Ulenspiegel
stumm, gerührt und lachend dasaßen, vom Zauber gebannt.
Plötzlich brach Gilline in Gelächter aus, und Ulenspiegel anblickend,
sagte sie:
„So sperrt man die Vögel in den Käfig.“
Und ihr Zauber war gebrochen.
Ulenspiegel, Lamm und die Metzger blickten einander an.
„Gelt, werdet Ihr mich bezahlen,“ sagte die Stevenyne, „werdet Ihr mich
bezahlen, Junker Ulenspiegel, der aus dem Fleische von Predigern so
gutes Fett gewinnt?“
Lamm wollte reden, doch Ulenspiegel hieß ihn schweigen und sagte zur
Stevenyne:
„Wir bezahlen nicht im voraus.“
„So werde ich mich hernach aus Deinem Nachlaß bezahlt machen,“ sagte
die Stevenyne.
„Die Hyänen leben von Leichen,“ entgegnete Ulenspiegel.
„Ja,“ sprach der Häscher einer, „diese beiden da haben das Geld der
Prediger genommen, mehr denn dreihundert Goldkarolus. Das ist ein guter
Batzen für die Gilline.“
Diese sang:
„Wo fändst Du solche Reize?
Nimm alles, Augen blau,
Lust, Küsse, Tränentau /
Auch Tod: mit nichts ich geize.“
Dann sagte sie hohnlachend:
„Laßt uns trinken!“
„Laßt uns trinken,“ sprachen die Häscher.
„Bei Gott,“ sagte die Stevenyne, „laßt uns trinken! Die Türen sind
geschlossen, die Fenster haben starke Eisenstäbe, die Vögel sind im
Käfig. Laßt uns trinken.“
„Laßt uns trinken,“ sagte Ulenspiegel.
„Laßt uns trinken,“ sagte Lamm.
„Laßt uns trinken,“ sagten die Sieben.
„Laßt uns trinken,“ sagten die Häscher.
„Laßt uns trinken,“ sagte Gilline und ließ ihre Laute erklingen. „Ich
bin schön, laßt uns trinken. Ich werde den Erzengel Gabriel in den
Schlingen meines Liedes fangen.“
„Wohlauf, zu trinken,“ sprach Ulenspiegel, „Wein, um das Fest zu
krönen, und vom besten. An jedem Haar unserer durstigen Körper soll ein
Tropfen flüssigen Feuers hängen.“
„Laßt uns trinken,“ sagte Gilline; „noch zwanzig Gründlinge wie Du, und
die Hechte werden aufhören zu singen.“
Die Stevenyne brachte Wein. Alle saßen trinkend und schnaufend, die
Büttel und Dirnen zusammen. Die Sieben, die mit Ulenspiegel und Lamm
am Tische saßen, warfen Schinken, Würste, Eierkuchen und Flaschen von
ihrer Tafel an die der Dirnen, die sie im Fluge auffingen, wie Karpfen,
die an der Oberfläche eines Teiches nach Fliegen schnappen. Und die
Stevenyne lachte und fletschte ihre Hauer und wies auf Päcklein von
Kerzen, fünf aufs Pfund, die über dem Zahltisch baumelten. Es waren
die Kerzen der Dirnen. Dann sagte sie zu Ulenspiegel:
„Wenn man zum Scheiterhaufen geht, trägt man eine Unschlittkerze;
willst Du jetzt eine?“
„Laßt uns trinken,“ sprach Ulenspiegel.
„Laßt uns trinken,“ sprachen die Sieben.
Die Gilline sagte:
„Ulenspiegel hat so glänzende Augen wie ein Schwan, der verscheiden
will.“
„Wenn man sie den Schweinen zu fressen gäbe?“ meinte die Stevenyne.
„Das würde für sie Lichtmeß sein. Wohlauf getrunken,“ sprach
Ulenspiegel.
„Möchtest Du,“ sprach die Stevenyne, „daß man Dir auf dem Schafott die
Zunge mit einem glühenden Eisen durchbohrte?“
„Dann wäre sie besser zum Pfeifen. Laßt uns trinken!“ antwortete
Ulenspiegel.
„Du redetest weniger, wenn Du gehenket wärest und Deine Liebste Dich
anschauen käme.“
„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „aber dann wöge ich mehr und fiele Dir auf
Dein niedliches Maul. Laßt uns trinken.“
„Was würdest Du sagen, wenn Du gestäupt und auf der Stirn und der
Schulter gebrandmarkt würdest?“
„Ich würde sagen, daß man sich im Fleisch geirrt hat,“ entgegnete
Ulenspiegel, „und daß man den Eber Ulenspiegel abgebrüht hat, anstatt
die Sau Stevenyne zu rösten. Laßt uns trinken.“
„Da Du von alledem nichts magst,“ sprach die Stevenyne, „so wirst Du
auf des Königs Schiffe geführt und allda verdammt werden, von vier
Galeeren gevierteilt zu werden.“
„So werden die Haifische meine vier Gliedmaßen bekommen und Du kannst
fressen, was sie nicht wollen,“ sprach Ulenspiegel. „Laßt uns trinken!“
„Was issest Du nicht eine dieser Kerzen?“ fragte die Stevenyne. „Sie
würden Dir in der Höllen dienlich sein, deine ewige Verdammnis zu
erhellen.“
„Ich sehe deutlich genug, um Deinen leuchtenden Rüssel zu betrachten,
Du schlechtgebrühete Sau. Laßt uns trinken!“ sprach Ulenspiegel.
Plötzlich pochte er mit dem Fuß seines Glases auf den Tisch, derweil er
mit den Händen das Geräusch eines Tapezierers nachmachte, der im Takte
ein Polster klopft, doch ganz ruhig, und dazu sprach er:
„~Tis (tydt) van de beven de klinkaert.~“ Es ist Zeit mit dem Klinger
zu klirren.
Das ist in Flandern das Zeichen für die Zecher, Händel anzufangen und
die Häuser mit roter Laterne zu plündern.
Ulenspiegel trank, dann ließ er sein Glas auf dem Tisch klirren und
sprach:
„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“
Und die Sieben taten es ihm nach.
Alle blieben ruhig. Die Gilline erbleichte, die Stevenyne blickte
verwundert. Die Büttel sprachen:
„Halten die Sieben es mit ihnen?“
Aber die Metzger beruhigten sie, mit den Augen zwinkernd; doch zugleich
riefen sie lauter und lauter mit Ulenspiegel:
„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren. Es ist Zeit mit dem Klinger zu
klirren.“
Die Stevenyne trank, um sich Mut zu machen.
Da schlug Ulenspiegel mit der Faust auf den Tisch, im Takt der
Tapezierer, die Polster klopfen. Die Sieben taten wie er: Gläser,
Krüge, Näpfe, Schoppen und Becher huben langsam zu tanzen an, fielen
um, zerbrachen, standen an einer Seite auf, um an der andern wieder
hinzufallen. Und immer dräuender, ernster, kriegerischer und eintöniger
erklang es:
„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“
„Wehe,“ sprach die Stevenyne, „sie werden alles zerbrechen.“
Und vor Furcht fletschte sie ihre beiden Hauer noch mehr denn
gewöhnlich.
Und vor Wut und Grimm entzündete sich das Blut in der Seele der Sieben
und in Ulenspiegels und in Lamms Seele.
Da ergriffen alle, so an Ulenspiegels und Lamms Tisch saßen, ihre
Gläser, ohne mit dem eintönigen, dräuenden Sang aufzuhören, und
zerbrachen sie im Takt auf dem Tisch, dieweil sie auf Stühlen ritten
und ihre Dolchmesser zogen. Sie vollführten ein so großes Lärmen mit
ihrem Sang, daß alle Fensterscheiben des Hauses erzitterten. Alsdann
machten sie gleich einer Rotte toll gewordener Teufel im Gemach und um
alle Tische die Runde und schrieen dabei ohne Unterlaß: „Es ist Zeit
mit dem Klinger zu klirren.“
Da standen die Schergen vor Furcht zitternd auf und ergriffen ihre
Stricke und Ketten. Aber die Metzger, Ulenspiegel und Lamm steckten
ihre Hirschfänger wieder in die Scheiden, standen auf, packten ihre
Stühle, schwangen sie gleich Knütteln, liefen behend durch das Gemach,
schlugen nach rechts und nach links, nur der Dirnen schonend, und
zerbrachen alles übrige, Hausrat, Scheiben, Truhen, Geschirr, Schoppen,
Näpfe, Gläser und Flaschen. Sie schlugen die Büttel ohn Erbarmen und
sangen immerfort im Takt der Tapezierer, die Polster klopfen: „Es ist
Zeit mit dem Klinger zu klirren.“ Derweilen hatte Ulenspiegel der
Stevenyne einen Faustschlag aufs Maul gegeben, ihr die Schlüssel aus
der Tasche genommen und zwang sie, ihre Lichte zu essen.
Die schöne Gilline kratzte mit ihren Nägeln an den Türen, Läden,
Fensterglas und Rahmen und schien sich durch alles durchdrängen zu
wollen wie eine furchtsame Katze. Dann kauerte sie sich leichenblaß in
einen Winkel, mit verstörten Augen, bläkte die Zähne und hielt ihre
Laute, als wollte sie sie beschützen.
Die Sieben und Lamm sprachen zu den Dirnen: „Wir werden Euch kein Leids
antun,“ und mit ihrer Hilfe banden sie die Büttel, die in ihren Hosen
zitterten, mit Ketten und Stricken. Sie wagten nicht Widerstand zu
leisten, maßen sie fühlten, daß die Metzger, die der Bienenwirt unter
den Stärksten auserlesen, sie mit ihren Messern in Stücke gehackt
hätten.
Bei jedem Licht, das die Stevenyne essen mußte, sprach Ulenspiegel:
„Dies ist fürs Henken, dies fürs Stäupen; dies andere fürs
Brandmarken; dies vierte für meine durchbohrte Zunge. Hier sind zwei
treffliche und gar fette für des Königs Schiffe und das Vierteilen
durch vier Galeeren; dies da für Deine Spionenhöhle, dies für dein
Weibsbild im Brokatkleid, und alle andern für mein Ergötzen.“
Und die Mädchen lachten, da sie sahen, wie die Stevenyne sich vor Grimm
wand und ihre Kerzen ausspeien wollte. Aber vergebens, denn sie hatte
den Mund zu voll davon.
Ulenspiegel, Lamm und die Sieben ließen nicht ab, im Takt zu singen:
„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“
Dann ließ Ulenspiegel ab und winkte ihnen, den Reim leise zu murmeln.
Solches taten sie, derweil er den Dirnen und Häschern diese Rede hielt:
„So einer unter Euch um Hilfe schreit, wird er auf der Stelle getötet.“
„Getötet“, sagten die Metzger.
„Wir werden schweigen,“ sprachen die Mädchen, „tu uns kein Leids an,
Ulenspiegel.“
Aber die Gilline, so mit herausgetretenen Augen und vorstehenden Zähnen
in ihrem Winkel kauerte, war keines Wortes fähig und preßte ihre Laute
an sich.
Und die Sieben murmelten immer im Takt: „Es ist Zeit mit dem Klinger zu
klirren.“
Die Stevenyne wies auf die Kerzen, so sie im Munde hatte, und machte
ein Zeichen, daß sie gleichermaßen schweigen würde. Die Häscher
gelobten wie sie.
Ulenspiegel redete weiter:
„Ihr seid hier in unserer Gewalt. Die dunkle Nacht ist gekommen,
wir sind nah bei der Leye, in der Ihr leicht ertrinkt, wenn man
Euch hineinstößt. Die Tore von Kortrijck sind geschlossen. So die
Nachtwächter den Lärm vernommen haben, werden sie sich nicht vom Fleck
rühren, maßen sie zu faul sind und wähnen, daß es gute Vlämen sind, die
beim Klang der Schoppen und Flaschen lustig singen. Also verhaltet Euch
ruhig vor Euren Bezwingern.“
Dann redete er zu den Sieben:
„Gehet Ihr nach Peteghem, zu den Geusen zu stoßen?“
„Bei der Kunde Deines Kommens haben wir uns dazu angeschickt.“
„Von da werdet Ihr aufs Meer gehen?“
„Ja“, sagten sie.
„Kennet Ihr unter diesen Häschern einen oder zwei, die man loslassen
könnte, um uns zu dienen?“
„Zwei“, sprachen sie, „Niklas und Joos, die niemals die armen
Reformierten verfolgten.“
„Wir sind getreu,“ sagten Niklas und Joos.
Sodann sprach Ulenspiegel:
„Hier sind zwanzig Karolusgülden für Euch, zweimal so viel als ihr
gekriegt hättet, wenn Ihr den schändlichen Judaslohn empfangen hättet.“
Plötzlich schrien die fünf Andern.
„Zwanzig Gülden! Wir dienen dem Prinzen um zwanzig Gülden. Der König
zahlt schlecht. Gebt jedem von uns die Hälfte davon, und wir werden dem
Richter alles sagen, was Du willst.“
Die Metzger und Lamm murmelten dumpf:
„Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren! Es ist Zeit, mit dem Klinger
zu klirren!“
„Auf daß Ihr nicht zu viel redet,“ sagte Ulenspiegel, „werden die
Sieben Euch gebunden bis Peteghem zu den Geusen führen. Ihr sollt
zehn Gülden bekommen, wenn Ihr auf dem Meere seid. Bis dahin sind wir
gewiß, daß die Feldküche Euch bei Brot und Suppe festhalten wird. So
Ihr tapfer seid, sollt Ihr Euren Anteil an der Beute haben. So Ihr
versuchet zu desertieren, werdet Ihr gehenket werden. So Ihr entwischet
und also dem Strick entgeht, werdet Ihr das Messer finden.“
„Wir dienen dem, der uns bezahlt,“ sagten sie.
„Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren! Es ist Zeit, mit dem Klinger
zu klirren,“ sagten Lamm und die Sieben und schlugen mit den Scherben
der zerbrochenen Töpfe und Gläser auf den Tisch.
„Desgleichen werdet Ihr die Gilline, die Stevenyne und die drei
Frauenzimmer mit Euch führen. Wenn eine darunter entwischen will, so
sollt Ihr sie in einen Sack nähen und in den Fluß werfen.“ „Er hat mich
nicht getötet,“ sprach die Gilline, sprang aus ihrem Winkel auf und
schwang ihre Laute in der Luft. Und sie sang:
„Blutiges hatt’ im Sinn ich:
Ein schlimmer Traum fürwahr!
Des Teufels Tochter bin ich;
Frau Eva mich gebar.“
Die Stevenyne und die andern machten Miene zu weinen.
„Fürchtet nichts, Ihr Schätzchen“, sprach Ulenspiegel, „Ihr seid
so lieblich und sanft, daß man Euch allerorten lieben, feiern und
hätscheln wird. Bei jeder Prise werdet Ihr Euren Anteil an der Beute
haben.“
„Und mir, die alt ist, wird man nichts geben,“ greinte die Stevenyne.
„Einen Sou pro Tag, Krokodil,“ sagte Ulenspiegel, „denn Du sollst die
Leibeigene dieser vier schönen Mädchen sein, Du wirst ihre Röcke,
Leintücher und Hemden waschen.
„Ich, Herr Gott!“ sagte sie.
Ulenspiegel entgegnete:
„Du hast sie lange Zeit gemeistert und vom Ertrag ihrer Körper gelebt,
sie aber arm und hungrig gelassen. Du magst greinen und plärren, es
wird geschehen, wie ich gesagt habe.“
Darob lachen die vier Mädchen, spotten der Stevenyne und sagen zu ihr,
die Zunge herausstreckend:
„Jede kommt in dieser Welt an die Reihe. Wer hätte das von der
Stevenyne, der Geizigen gedacht. Sie wird als Leibeigene für uns
arbeiten. Gesegnet sei seine Gnaden, Herr Ulenspiegel!“
Darauf sprach Ulenspiegel zu den Metzgern und zu Lamm:
„Leert die Weinkeller, nehmet das Geld; es soll zum Unterhalt der
Stevenyne und der vier Mädchen dienen.“
„Sie knirscht mit den Zähnen, die Stevenyne, die Geizige,“ sagten die
Mädchen. „Du warest hart, nun ist man es gleicherweise gegen Dich.
Gesegnet sei Seine Gnaden, Herr Ulenspiegel!“
Dann wandten sich alle drei gegen Gilline:
„Du warst ihre Tochter, ihre Ernährerin, Du teiltest die Frucht der
schändlichen Angeberei. Wirst Du es wohl noch wagen, uns zu schlagen
und zu beschimpfen in Deinem Brokatkleid? Du verachtetest uns, weil
wir nur Barchent trugen. Nur vom Blute der Opfer bist Du so reich
gekleidet. Laßt uns ihr das Kleid ausziehen, auf daß sie uns dadurch
gleich sei.“
„Ich dulde es nicht,“ sagte Ulenspiegel.
Und die Gilline flog ihm an den Hals und sprach:
„Gesegnet seist Du, der mich nicht getötet hat und nicht will, daß ich
häßlich sei!“
Und die eifersüchtigen Mädchen blickten Ulenspiegel an und sagten:
„Er ist in sie vernarrt wie alle.“
Die Gilline sang zur Laute.
Die Sieben zogen gen Peteghem und führten die Häscher und Dirnen an der
Leye entlang. Im Wandern murmelten sie: „Es ist Zeit, mit dem Klinger
zu klirren! Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren!“
Bei Tagesanbruch kamen sie ins Lager, sangen wie die Lerche, und
Hahnenschrei antwortete ihnen. Die Mädchen und die Häscher wurden
scharf bewacht. Dessen ohngeachtet fand man am dritten Tag um Mittag
die Gilline tot, das Herz von einer langen Nadel durchbohrt. Die
Stevenyne wurde von den drei Mädchen bezichtigt und vor den Hauptmann
der Kampanie, seine Rottenmeister und Sergeanten geführt, die zu
Richtern eingesetzt waren. Allda bekannte sie ohne peinliche Frage, sie
habe die Gilline getötet, aus Eifersucht auf ihre Schönheit und aus Wut
darob, daß die Dirne sie ohne Gnade als Leibeigne behandelte. Und die
Stevenyne ward gehenket und dann im Walde begraben. Auch die Gilline
ward begraben, und über ihrem reizenden Leib wurden Sterbegebete
gesprochen.
Derweil hatten sich die beiden Büttel, von Ulenspiegel beredet, vor
den Burgvogt von Kortrijck begeben, denn den Lärmen und Toben und
die Plünderung, so im Hause der Stevenyne geschehen, mußten von
besagtem Burgvogt bestraft werden, maßen daß Haus der Stevenyne in der
Burgvogtei außerhalb der Gerichtsbarkeit von Kortrijck lag. Nachdem sie
dem Herrn Burgvogt erzählt, was sich zugetragen, sagten sie mit tiefer
Überzeugung und schlichter Einfalt der Sprache:
„Die Mörder der Prediger sind mit nichten Ulenspiegel und sein getreuer
und vielgeliebter Lamm Goedzak, die nur zu ihrer Ergötzung in den
„Regenbogen“ gekommen sind. Sie haben sogar Pässe vom Herzog, und wir
haben sie gesehen. Die wahren Schuldigen sind zwei Kaufleute aus Gent,
der eine mager, der andere sehr fett, so nach dem Lande Frankreich
auf und davon sind, nachdem sie bei der Stevenyne alles zerschlagen
hatten; diese haben sie mitsamt ihren vier Dirnen zu ihrem Zeitvertreib
mitgeführt. Wir hätten sie wohl am Kanthaken gefaßt, doch es waren
sieben Metzger da, von den stärksten der Stadt, die ihre Partei
nahmen. Sie haben uns alle gebunden und nicht eher freigelassen, als
bis sie weit im Lande Frankreich waren. Und hier sind die Spuren der
Stricke. Die vier andern Büttel sind ihnen auf den Fersen und erwarten
Verstärkung, um Hand an sie zu legen.“
Der Burgvogt gab einem Jeden zwei Karolus und ein neues Kleid für ihre
getreuen Dienste.
In der Folge schrieb er an den Rat von Flandern, an das Schöffengericht
in Kortrijck und andere Gerichtshöfe, um ihnen zu vermelden, daß die
wahren Mörder gefunden wären. Und er beschrieb ihnen das Abenteuer des
Langen und Breiten. Darob erzitterten die vom Rat von Flandern und von
den andern Gerichtshöfen. Und der Burgvogt ward ob seines Scharfsinns
trefflich gelobt.
Und Ulenspiegel und Lamm wanderten friedsam auf der Straße von Peteghem
nach Gent an der Leye entlang. Es verlangte sie, nach Brügge zu kommen,
allwo Lamm sein Weib zu finden hoffte, und nach Damm, wo Ulenspiegel,
der in Träume versunken war, schon hätte sein mögen, um Nele zu sehen,
die betrübt mit Katheline, der Irren, lebte.
36
Seit geraumer Zeit waren im Weichbild von Damm und der Umgegend
unterschiedliche abscheuliche Verbrechen begangen worden. Mägdlein,
junge Burschen und Greise, von denen man wußte, daß sie mit Geld
versehen nach Brügge, Gent oder sonst einer Stadt oder Ortschaft in
Flandern gegangen waren, wurden tot aufgefunden. Sie waren nackend wie
Würmer und von so langen spitzen Zähnen ins Genick gebissen, daß der
Halswirbel bei allen gebrochen war.
Die Ärzte und Bader erklärten, daß diese Zähne die eines großen Wolfes
seien. Ohne Zweifel wären Diebe nach dem Wolfe gekommen, sagten sie,
und hätten die Opfer geplündert.
Ohngeachtet aller Nachforschungen konnte niemand entdecken, wer die
Diebe waren. Bald ward der Wolf vergessen.
Etliche angesehene Bürger, die sich ohne Geleit kühn auf den Weg
gemacht hatten, verschwanden, ohne daß man wußte, was aus ihnen
geworden, es sei denn, daß ein Bauer, der des Morgens ging, sein
Feld zu bestellen, Wolfsspuren auf seinem Acker fand, derweil sein
Hund mit den Pfoten die Furchen aufscharrte und einen armen Leichnam
bloß legte, der die Spuren der Wolfszähne im Genick oder unterm Ohr
aufwies, gar oft auch am Bein und immer von hinten. Und allemal war der
Wirbelknochen und das Bein gebrochen.
Der Bauer ging voller Angst stracks zum Amtmann, ihm Kunde zu bringen,
und dieser kam mit dem Kriminalschreiber, zwei Schöffen und zwei
Wundärzten nach dem Ort, wo der Leichnam des Getöteten lag. Nachdem sie
ihn fleißig und sorgsam visitiert und manchmal, wenn das Gesicht noch
nicht von den Würmern zerfressen war, seinen Stand, sogar Namen und
Geschlecht erkannt hatten, verwunderten sie sich baß, daß der Wolf, der
aus Hunger tötet, dem Toten kein Stück Fleisch abgebissen hatte. Und
die von Damm entsetzten sich schier, und war keiner, der nachts ohne
Geleit auszugehen wagte.
Nun trug es sich zu, daß etliche wackere Soldaten auf die Suche nach
dem Wolfe geschickt wurden, mit dem Befehl, ihn Tag und Nacht in den
Dünen längs des Meeres zu suchen.
Sie waren zur Zeit nahe bei Heyst in den großen Dünen. Die Nacht war
gekommen. Einer unter ihnen, der auf seine Kraft vertraute, wollte sie
verlassen, um allein, mit seiner Büchse bewaffnet, auf die Suche zu
gehen. Die Andern ließen ihn seinen Willen, überzeugt, daß er, tapfer
und bewaffnet, wie er war, den Wolf töten würde, wenn anders er sich zu
zeigen wagte.
Da ihr Kumpan fort war, zündeten sie ein Feuer an, würfelten und
tranken nach Herzenslust aus ihrer Branntweinflasche.
Und von Zeit zu Zeit schrien sie:
„Holla, Kamerad, komm zurück; der Wolf fürchtet sich, komm trinken!“
Aber er antwortete nicht.
Plötzlich, da sie einen lauten Schrei, wie den eines Sterbenden
vernahmen, eilten sie dorthin, von wannen der Schrei kam und sagten:
„Halt aus, wir kommen Dir zu Hülfe.“
Doch es währte lange, bis sie ihren Kameraden fanden, denn die Einen
sagten, der Schrei sei aus dem Tal, und die Andern, er sei vom Kamme
der Dünen gekommen.
Endlich, da sie Dünen und Tal mit ihren Laternen gründlich abgesucht
hatten, fanden sie ihren Gefährten an Arm und am Bein gebissen und den
Hals hinterrücks gebrochen, wie bei den andern Opfern. Auf dem Rücken
liegend, hielt er seinen Degen in der geballten Faust; seine Büchse lag
auf dem Sande. Neben ihm fanden sich drei abgeschnittene Finger, die
sie mitnahmen und die nicht seine waren. Sein Säckel war geraubt.
Sie nahmen den toten Leib ihres Gefährten, seinen guten Degen und seine
wackere Büchse auf die Schultern, und betrübt und ergrimmt trugen sie
den Leichnam zum Amtshaus, wo der Amtmann sie in Gesellschaft des
Kriminalschreibers, der zwei Schöffen und der beiden Wundärzte empfing.
Die abgeschnittenen Finger wurden geprüft und als die eines Greises
erkannt, der in keinem Handwerk Arbeiter war, denn die Finger waren
dünn und die Nägel daran lang wie bei Männern des Richter- oder
Priesterstandes.
Des andern Tages gingen der Amtmann, die Schöffen, der
Kriminalschreiber, die Wundärzte und die Soldaten nach der Stelle, wo
der arme Tote gebissen worden, und sahen, daß dort Blutstropfen auf dem
Grase waren und Fußstapfen, so bis ans Meer gingen und dort aufhörten.
37
Es war zur Zeit der reifen Trauben, im Weinmond, am vierten Tage, wo
man in der Stadt Brüssel vom Sankt Niklasturm herab nach der Hochmesse
dem Volk Säcke mit Nüssen zuwirft.
In der Nacht wurde Nele durch Geschrei, so von der Straße kam, geweckt.
Sie suchte Katheline in der Kammer und fand sie nicht. Sie lief nach
unten und öffnete die Tür, und Katheline trat ein und sagte:
„Rette mich, rette mich! der Wolf, der Wolf!“
Und Nele hörte vom Feld her fernes Geheul. Zitternd entzündete sie alle
Lampen, Wachslichte und Talgkerzen.
„Was ist geschehen, Katheline?“ fragte sie, sie in ihre Arme schließend.
Katheline setzte sich verstörten Blicks und sagte, die Kerzen
anschauend:
„Das ist die Sonne, sie verscheucht die bösen Geister. Der Wolf, der
Wolf heult draußen auf dem Felde.“
„Aber“, sprach Nele, „warum bist Du aus Deinem warmen Bette gestiegen,
um Dir in den feuchten Septembernächten das Fieber zu holen?“
Und Katheline sprach:
„Hanske hat diese Nacht geschrieen wie der Fischadler und ich habe die
Tür aufgemacht. Und er hat zu mir gesagt: „Trink diesen Zaubertrank;“
und ich habe getrunken. Hanske ist schön. Nehmt das Feuer fort. Alsdann
hat er mich an den Kanal geführt und zu mir gesagt: „Katheline, ich
werde Dir die siebenhundert Karolus wiedergeben und Du sollst sie
Ulenspiegel, Klasens Sohn, geben. Und hier sind zwei, um Dir ein Kleid
zu kaufen; bald wirst du ihrer tausend haben.“ / „Tausend,“ sprach ich,
„mein Geliebter, dann werde ich reich sein.“ / „Du sollst sie haben,“
sagte er. „Aber sind nicht in Damm Frauen oder Mädchen, die jetzt
ebenso reich sind, wie du sein wirst?“ / „Ich weiß nicht,“ antwortete
ich. Aber ich wollte ihre Namen nicht sagen, aus Furcht, daß er sie
liebte. Darauf sprach er zu mir: „Forsche danach und sage mir ihre
Namen, wenn ich wiederkomme.“
„Die Luft war kalt, der Nebel schwebte über den Wiesen, dürres Reisig
fiel von den Bäumen auf den Weg. Und der Mond schien, und auf dem
Wasser des Kanals waren Feuer. Hanske sprach zu mir: „Das ist die
Nacht der Werwölfe, alle schuldbeladenen Seelen steigen aus der Hölle
auf. Du mußt mit der Linken dreimal das Zeichen des Kreuzes machen und
Salz! Salz! Salz! rufen, das ist das Sinnbild der Unsterblichkeit, und
sie werden Dir nichts antun.“ / Und ich sagte: „Ich werde tun, was
Du willst, Hanske, mein Herzliebster.“ Und er umarmte mich und sagte
dabei: „Du bist mein Weib.“ / „Ja,“ sprach ich. Und bei diesem süßen
Worte glitt himmlische Wonne wie Balsam über meinen Leib. Er bekränzte
mich mit Rosen und sagte: „Du bist schön.“ / Und ich sprach zu ihm: „Du
bist auch schön, Hanske, mein Herzliebster, in deinen feinen Kleidern
von grünem Sammet mit güldenen Borten, mit deiner langen Straußenfeder,
die auf deinem Barett wallt, und deinem Antlitz, das bleich ist wie
Meeresleuchten. Und wenn die Mädchen von Damm Dich sähen, so würden sie
Dir alle nachlaufen und dein Herz begehren, doch Du mußt es nur mir
geben, Hanske.“ / Er sprach: „Suche zu erfahren, welche am reichsten
sind, ihr Vermögen wird Dein sein.“ Dann ging er von dannen und ließ
mich zurück, nachdem er mir verboten, ihm zu folgen. Ich blieb stehen
und ließ die zwei Karolus in meiner Hand klingen. Ich zitterte am
ganzen Leibe und war schier erstarrt wegen des Nebels. Da sah ich
einen Wolf mit grünem Gesicht und langen Schilfblättern in seinem
weißen Fell die Uferböschung hinansteigen. Ich schrie. „Salz! Salz!
Salz!“ und machte das Zeichen des Kreuzes, aber das schien ihn nicht zu
schrecken. Und ich lief aus allen Kräften und schrie, und er heulte,
und ich hörte das Klappern seiner Zähne ganz nah bei mir und einmal
ganz nah an meiner Schulter, daß ich glaubte, er würde mich packen.
Doch ich lief schneller als er. Zum großen Glück stieß ich an der Ecke
der Reiherstraße auf den Nachtwächter mit seiner Laterne. „Der Wolf,
der Wolf!“ schrie ich. „Fürchte dich nicht,“ sprach der Nachtwächter,
„ich werde dich nach Hause führen, irre Katheline.“ Und ich fühlte, daß
seine Hand, die mich hielt, zitterte. Er hatte auch Furcht.“
„Aber er hat wieder Mut gefaßt,“ sprach Nele. „Hörst Du ihn jetzt mit
schleppender Stimme singen: „Hört Ihr Leute und laßt Euch sagen, die
Glocke hat zehn geschlagen.“ Und er läßt seine Knarre schnarren.“
„Nehmt das Feuer fort,“ sagte Katheline, „der Kopf brennt. Komm wieder,
Hanske, mein Buhle.“
Und Nele blickte Katheline an, und sie bat Unsere heilige Jungfrau, das
Feuer des Wahnsinns von ihrem Haupte zu nehmen. Und sie weinte über sie.
38
In Bellem, an den Ufern des Brügger Kanals, begegneten Ulenspiegel
und Lamm einem Reiter, der drei Hahnenfedern auf seinem Filzhut trug
und in gestrecktem Galopp nach Gent ritt. Ulenspiegel trillerte wie
eine Lerche, und der Reiter hielt an und antwortete mit Kreyants
Trompetenstoß.
„Bringst Du Zeitung, ungestümer Reiter?“ antwortete Ulenspiegel.
„Hochwichtige Zeitung,“ sagte der Reiter. „Auf des Herrn von Chatillon
Rat, der im Lande Frankreich Admiral ist, hat der Freiheitsprinz Befehl
erteilt, Kriegsschiffe auszurüsten, ohngeachtet die, so in Emden
und Ostfriesland schon bewaffnet sind. Die kühnen Männer, die diese
Aufträge erhalten haben, sind Adrian de Berghes, Herr von Dohlhain,
sein Bruder, Ludwig von Hennegau, der Baron de Montfaucon, Herr Ludwig
van Brederode, Albert van Egmont, des Enthaupteten Sohn und kein
Verräter wie sein Bruder, Berthel Enthens von Mentheda, der Friese,
Adrian Menningh, Hemubyse, der hitzköpfige und stolze Genter, und Jan
Brock.
Der Prinz hat seine ganze Habe, mehr denn fünfzigtausend Gülden,
hingegeben.“
„Ich habe fünfhundert für ihn,“ sprach Ulenspiegel.
„Tragt sie bis ans Meer,“ sagte der Reiter. Und er galoppierte von
dannen.
„Er gibt seine ganze Habe,“ sagte Ulenspiegel, „wir andern geben nur
unsere Haut.“
„Ist das denn nichts,“ sagte Lamm, „und werden wir immer nur von
Plünderung und Metzelei reden hören? Die Orange ist zu Boden gefallen.“
„Zu Boden gefallen wie die Eiche; aber aus der Eiche macht man Schiffe
für die Freiheit!“
„Zu seinem Nutzen,“ sprach Lamm. „Aber da wir nichts mehr zu befahren
haben, laß uns wieder Esel kaufen. Ich marschiere gern sitzend und ohne
an den Fußsohlen ein Glockenspiel zu haben.“
„So laß uns Esel kaufen,“ sagte Ulenspiegel. „Diese Tiere sind leicht
wieder los zu schlagen.“
Sie gingen zu Markt und erstanden dort zwei schöne Esel mit Zaumzeug.
39
Da sie Bein hier, Bein da ritten, kamen sie nach Oost-Camp, wo ein
großer Wald ist, dessen Saum bis an den Kanal ging. Sie betraten ihn,
um Schatten und liebliche Düfte zu finden, und sahen nichts andres,
denn lange Waldwege, die in allen Richtungen nach Brügge, Gent, Süd-
und Nord-Flandern führten.
Unversehens sprang Ulenspiegel vom Esel.
„Siehst Du dort nichts?“
Lamm sagte: „Ja, ich sehe.“ Und zitternd: „Mein Weib, mein gutes Weib.
Das ist sie, mein Sohn. Ha! Ich vermag nicht, zu ihr zu gehen. Sie so
wiederzufinden!“
„Worüber klagst Du?“ fragte Ulenspiegel. „So halb nackt ist sie schön,
in dem Leibchen von geschlitzten Nesselleinen, welches das blühende
Fleisch sehen läßt. Die da ist zu jung, sie ist nicht Deine Frau.“
„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie ist es, mein Sohn; ich erkenne sie. Trag
mich, ich kann nicht mehr gehen. Wer hätte das von ihr gedacht? So
ohne Scham, als Zigeunerin gekleidet, zu tanzen! Ja, das ist sie; sieh
ihre zierlichen Beine, ihre Arme, nackt bis zur Schulter, ihre runden,
bräunlichen Brüste, die halb aus dem Nesselleibchen hervorsehen. Schau,
wie sie mit der roten Fahne den großen Hund neckt, der danach springt.“
„Das ist ein Zigeunerhund,“ sprach Ulenspiegel; „die Niederlande
bringen dergleichen nicht hervor.“
„Zigeuner ... ich weiß nicht ... Aber sie ist es. Ha! mein Sohn, Ich
sehe nicht mehr hin. Sie streift ihre Hosen noch höher, um ihre runden
Beine besser sehen zu lassen. Sie lacht, um ihre weißen Zähne zu
zeigen, und schallend, um ihre wohlklingende Stimme hören zu lassen.
Sie macht ihr Leibchen oben auf und wirft sich zurück. Ach, dieser Hals
eines verliebten Schwanes, diese nackten Schultern, diese hellen kecken
Augen! Ich laufe zu ihr!“
Und er sprang vom Esel.
Aber Ulenspiegel hielt ihn fest.
„Dies Mägdlein,“ sprach er, „ist nicht Deine Frau. Wir sind bei einem
Zigeunerlager. Hüte Dich. Siehst Du den Rauch hinter den Bäumen?
Hörst Du das Hundegebell? Halt! Da sind etliche, die uns ansehen und
vielleicht bereit sind zu beißen. Wir wollen uns mehr im Dickicht
verbergen.“
„Ich verberge mich nicht,“ sagte Lamm. „Diese Frau ist die meine, eine
Vlämin wie wir!“
„Blinder Narr,“ sagte Ulenspiegel.
„Blind, nein! Ich sehe wohl, wie sie halb nackend tanzt und lacht und
den großen Hund neckt. Sie stellt sich, als sähe sie uns nicht. Aber
sie sieht uns, gewißlich. Tyll, Tyll! Jetzt springt der Hund auf sie
und wirft sie zu Boden, um die rote Fahne zu bekommen. Und sie fällt
und stößt einen Klagelaut aus.“
Und Lamm stürzte hastig hinzu und sprach zu ihr:
„Mein Weib, mein Weib! Wo hast Du Dir weh getan, Liebchen? Warum
lachest Du so ausgelassen? Deine Augen sind wild.“
Und er umarmte und liebkoste sie und sprach:
„Das Schönheitsmal, das Du unter der linken Brust hattest! Ich sehe es
nicht. Wo ist es? Du bist nicht mein Weib! Großer Gott im Himmel!“
Und sie hörte nicht auf zu lachen.
Plötzlich rief Ulenspiegel:
„Sieh Dich vor, Lamm.“
Und sich umwendend, sah Lamm einen großen Mohren von Zigeuner vor sich
stehen, mit hagerem Gesicht und braun wie Pfefferkuchen.
Lamm hob seinen Spieß auf, stellte sich zur Wehr und schrie:
„Zu Hilfe, Ulenspiegel.“
Ulenspiegel war mit seinem guten Degen zur Hand.
Der Zigeuner sagte auf Hochdeutsch zu ihm:
„Gebt mir Geld, einen Reichstaler oder zehn.“
„Sieh“, sprach Ulenspiegel, „das Mägdlein geht laut lachend von dannen
und dreht sich immerdar um, damit wir ihr nachfolgen.“
„Gebt mir Geld“, sagte der Mann. „Bezahle deine Liebe. Wir sind arm und
wollen Dir nichts antun.“
Lamm gab ihm einen Karolus.
„Welches Gewerbe treibst Du?“
„Alle“, erwiderte der Zigeuner. „Da wir Meister in der Geschicklichkeit
sind, vollführen wir wundersame und zauberische Künste. Wir spielen die
Schellentrommel und tanzen ungarische Tänze. Und es ist mehr denn einer
unter uns, der Käfige macht und Roste, die schönsten Kalbsrippen darauf
zu braten. Aber alle Vlämen und Wallonen fürchten und vertreiben uns.
Da wir nicht vom Erwerb leben können, leben wir von Raub, das ist, von
Gemüsen, Fleisch und Geflügel, so wir dem Bauern nehmen müssen, da er
sie uns nicht geben noch verkaufen will.“
Lamm sprach zu ihm:
„Woher kommt das Mägdlein, das so sehr meiner Frau gleicht?“
„Sie ist unseres Häuptlings Tochter,“ sagte der Schwarze.
Dann sprach er leise, wie einer, der sich fürchtet:
„Sie wurde von Gott mit Liebestollheit geschlagen und weiß nichts von
weiblicher Scham. Sobald sie einen Mann erblickt, wird sie lustig und
toll und lacht unablässig. Sie spricht wenig, und lange hielt man sie
für stumm. Nachts hockt sie trübsinnig am Feuer, manchmal weinend und
ohne Ursache lachend und auf den Leib deutend, wo sie Schmerzen hat,
sagt sie. Um die Mittagsstunde im Sommer nach der Mahlzeit ist ihre
Tollheit am wildesten. Alsdann tanzt sie fast nackend in der Umgebung
des Lagers. Sie will nur Kleidung aus Tüll und Nesseltuch tragen,
und im Winter können wir sie nur mit großer Mühe in einem Mantel von
Ziegenfell einhüllen.“
„Aber,“ sprach Lamm, „hat sie nicht irgend einen Freund, der sie
hindert, sich dergestalt dem Ersten Besten hinzugeben?“
„Sie hat keinen,“ sagte der Mann, „denn die Reisenden, die sich ihr
nähern und ihre irren Augen wahrnehmen, haben mehr Furcht vor ihr als
Liebe. Dieser dicke Mann war kühn,“ sagte er, auf Lamm weisend.
„Laß ihn reden, mein Sohn,“ versetzte Ulenspiegel. „Der Stockfisch
spricht schlecht vom Walfisch. Welcher von beiden gibt das meiste Oel?“
„Du hast heute Morgen eine scharfe Zunge,“ sprach Lamm.
Aber Ulenspiegel sagte, ohne ihn anzuhören, zum Zigeuner:
„Was tut sie, wenn andere so kühn sind wie mein Freund Lamm?“
Der Zigeuner antwortete traurig:
„Alsdann hat sie Vergnügen und Gewinn. Die sie besitzen, bezahlen
ihre Lust, und das Geld dient dazu, sie zu kleiden und auch für die
Bedürfnisse der Greise und Frauen.“
„Sie gehorcht also keinem?“ fragte Lamm.
Der Zigeuner erwiderte:
„Lassen wir denen, so Gott heimsucht, ihr Wollen. Er gibt derart seinen
Willen kund. Solches ist unser Gesetz.“
Ulenspiegel und Lamm gingen fürbaß. Und der Zigeuner kehrte ernst und
stolz in sein Lager zurück. Und das Mägdlein tanzte mit ausgelassenem
Lachen in der Lichtung.
40
Unterwegs nach Brügge sprach Ulenspiegel zu Lamm:
„Wir haben eine große Summe Geldes ausgegeben, um Soldaten anzuwerben,
die Büttel zu bestechen, die Zigeunerin zu beschenken und die
unzähligen Ölkuchen zu bezahlen, die es Dir gefiel, unaufhörlich zu
essen, anstatt ihrer einen zu verkaufen. Und trotz dem Begehren deines
Bauches ist es an der Zeit, vernünftiger zu leben. Gib mir Dein Geld,
ich werde die gemeinsame Börse aufheben.“
„Tu das,“ sprach Lamm. „Doch laß mich nicht Hungers sterben,“ sagte er,
sie ihm reichend, „denn bedenke, groß und gewaltig wie ich bin, bedarf
ich einer kräftigen und reichlichen Nahrung. Für Dich, der Du mager und
schmächtig bist, ist es gut, von der Hand in den Mund zu leben, zu
essen oder nicht zu essen, was Du findest, wie die Planken am Hafen,
so von Luft und Wasser leben. Aber ich, den die Luft aushöhlt und der
Regen heißhungrig macht, ich brauche andern Schmaus.“
„Du sollst ihn haben, tugendhaften Fastenschmaus. Die bestgefüllten
Wänste widerstehen da nicht; sie schrumpfen nach und nach ein und
machen den schwersten Mann leicht. Und bald wird man ihn, weidlich
entfettet, wie einen Hirsch laufen sehen, meinen zierlichen Lamm.“
„Ach,“ sprach Lamm, „was wird künftig mein mageres Schicksal sein? Mich
hungert, mein Sohn, und ich möchte zur Nacht essen.“
Der Abend sank. Sie hielten ihren Einzug in Brügge durch das Genter Tor
und zeigten ihre Pässe vor. Nachdem sie für sich selbst einen halben
Sou und zwei für ihre Esel hatten bezahlen müssen, gingen sie in die
Stadt. Lamm, der Worte Ulenspiegels gedenkend, schien tiefbetrübt.
„Werden wir alsbald zur Nacht essen?“ fragte er.
„Ja,“ antwortete Ulenspiegel.
Sie stiegen in der „Meermin“, der „Seejungfer“ ab, die als Wetterfahne,
ganz aus Gold, über dem Giebel der Herberge angebracht ist, führten
ihre Esel in den Stall, und Ulenspiegel bestellte für sich und Lamm
Nachtessen: Brot, Bier und Käse.
Der Wirt lachte spöttisch, da er diese karge Kost auftrug. Lamm aß
mit langen Zähnen und blickte voller Verzweiflung Ulenspiegel zu,
der in das zu alte Brot und den zu jungen Käse hineinbiß, als wären
es Fettammern gewesen. Und Lamm trank sein Dünnbier ohne Genuß.
Ulenspiegel lachte, da er ihn so kläglich sah. Und es war noch jemand,
so im Hofe der Herberge lachte und manchmal das Gesicht an den
Fensterscheiben zeigte. Ulenspiegel sah, daß es ein Weib war, das sein
Gesicht versteckte. In der Meinung, es sei irgend eine boshafte Magd,
dachte er nicht mehr daran, und da er Lamm so blaß, traurig und bleich
sah, wegen der vereitelten Begierden seines Magens, jammerte ihn sein
und er gedachte, für seinen Gefährten einen Eierkuchen mit Blutwürsten,
ein Gericht Rindfleisch mit Saubohnen oder irgend eine andere heiße
Schüssel zu bestellen, als der Wirt eintrat, seinen Hut lüftete und
sprach:
„Wenn die Herren Reisenden ein besser Nachtmahl begehren, so müssen sie
sprechen und sagen, was es sein soll.“
Lamm riß die Augen weit auf und den Mund noch weiter und blickte
Ulenspiegel mit banger Unruhe an.
Dieser antwortete:
„Wandernde Handwerker sind nicht reich.“
„Es kommt gleich wohl vor,“ sprach der Wirt „daß ihnen nicht ihr ganzer
Besitz bekannt ist.“ Und auf Lamm deutend: „Dies gute Vollmondsgesicht
ist soviel wert wie zwei andere. Was beliebt den Herrschaften zu
speisen und zu trinken? Ein Speck-Eierkuchen, heute frisch gedämpfte
Choesels, ein Kapaun, der auf der Zunge zergeht, eine schöne, auf
dem Rost gebratene Kalbsrippe mit einer Tunke von vier Gewürzen,
Dobbel-knol aus Antwerpen, Dobbel-kuyt aus Brügge und Löwener Wein,
nach Art des Burgunders gekeltert? Und ohne Bezahlung.“
„Bringt alles,“ sprach Lamm.
Der Tisch ward alsogleich besetzt, und Ulenspiegel ergötzte sich
daran, dem armen Lamm zuzusehen, der sich hungriger denn je auf den
Eierkuchen, die Choesels, den Kapaun, den Schinken und die Kalbsrippen
stürzte und Dobbel-knol und Dobbel-kuyt und Löwener Wein, auf
burgundische Art gekeltert, maßweise in den Schlund goß.
Als er nichts mehr essen konnte, schnob er vor Behagen wie ein Walfisch
und ließ seine Blicke über den Tisch schweifen, um zu sehen, ob es
nichts mehr zu beißen gäbe. Und er knusperte die Krumen.
Weder Ulenspiegel noch er hatten das hübsche Lärvchen gesehen, das
lächelnd durch die Scheibe blickte und im Hofe hin und wieder ging.
Nachdem der Wirt Glühwein mit Zimmet und Madeirazucker gebracht hatte,
tranken sie weiter. Und sie sangen.
Als die Nachtstunde nahte, fragte der Wirt sie, ob sie ein jeder in ihr
großes und schönes Gemach hinaufgehen wollten. Ulenspiegel entgegnete,
daß ein kleines für beide genügte. Der Wirt versetzte:
„Das habe ich nicht; Ihr sollt jeder, ohne zu zahlen, ein
herrschaftliches Zimmer haben.“
Und fürwahr, er führte sie in reich mit Hausrat und Teppichen versehene
Gemächer. In Lamms Gemach stund ein großes Bett. Ulenspiegel, der
wacker gezecht hatte und vor Schläfrigkeit umsank, ließ ihn zu Bett
gehen und tat flugs desgleichen.
Am andern Tage zur Mittagszeit trat er in Lamms Zimmer und sah ihn
schlafen und schnarchen. Neben ihm lag ein zierliches Täschlein voll
Geld. Er machte es auf und sah, daß es Goldkarolus und Silberstüver
waren.
Er schüttelte Lamm, um ihn aufzuwecken. Dieser kam aus dem Schlaf, rieb
sich die Augen und unruhig umherblickend, sagte er:
„Mein Weib, wo ist mein Weib?“
Und auf eine leere Stelle neben sich im Bette deutend, sagte er:
„Da war sie kurz zuvor.“
Dann sprang er aus dem Bett und blickte wieder allenthalben umher,
durchwühlte alle Ecken und Winkel der Zimmers, den Alkoven und die
Schränke und sagte, mit dem Fuß stampfend:
„Mein Weib, wo ist mein Weib?“
Der Wirt kam bei dem Lärm herauf.
„Taugenichts,“ sprach Lamm und packte ihn an der Kehle, „wo ist mein
Weib, was hast Du mit meinem Weibe gemacht?“
„Ungeduldiger Wanderer,“ sprach der Wirt, „Dein Weib? Welches Weib? Du
bist allein gekommen. Ich weiß nichts.“
„Ha, er weiß es nicht,“ sprach Lamm. „Er weiß es nicht,“ sprach er und
durchstöberte abermals alle Ecken und Winkel des Gemachs.
„Ach! Sie war da, diese Nacht, in meinem Bette wie zur Zeit unserer
holden Liebe. Ja. Wo bist Du, Liebchen?“
Und die Börse auf den Boden werfend:
„Nicht Dein Geld brauch ich, sondern Dich, Deinen holden Leib, Dein
gutes Herz, o, meine Geliebte! O Himmelsfreuden, Ihr kehrt nicht
wieder. Ich hatte mich gewöhnt, Dich nicht mehr zu sehen, ohne Liebe
zu leben, mein süßer Schatz. Und nunmehr verlässest Du mich, nachdem Du
wieder zu mir gekommen warst. Ach ich will sterben. Ha! mein Weib, wo
ist mein Weib?“
Und auf dem Boden, auf den er sich geworfen, weinte er heiße Zähren.
Dann riß er plötzlich die Tür auf und begann im Hemde in der ganzen
Herberge und auf der Straße umherzulaufen und zu schreien:
„Mein Weib, wo ist mein Weib?“
Aber er kam bald zurück, denn die bösen Buben höhnten ihn und warfen
ihn mit Steinen.
Und Ulenspiegel nötigte ihn sich anzukleiden und sprach zu ihm: „Sei
nicht untröstlich. Du wirst sie wiedersehen, sintemal Du sie gesehen
hast. Sie liebt Dich noch, da sie wieder zu Dir gekommen ist, denn ohne
Zweifel war sie es, die das Nachtmahl und die fürnehmen Zimmer bezahlt
hat und diesen vollen Säckel auf das Bett gelegt hat. Diese Metallspäne
sagen mir, daß dies nicht die Tat einer Ungetreuen ist. Weine nicht
mehr, und laß uns zur Verteidigung unseres Vaterlandes weiterziehen.“
„Laß uns noch in Brügge bleiben,“ sprach Lamm, „ich will durch die
ganze Stadt laufen und werde sie wiederfinden.“
„Du wirst sie nicht wiederfinden, da sie sich vor Dir versteckt,“
sprach Ulenspiegel.
Lamm stellte den Wirt zur Rede, aber dieser wollte ihm nichts sagen.
Und sie machten sich auf nach Damm.
Während sie so wanderten, sprach Ulenspiegel zu Lamm:
„Warum sagst Du mir nicht, wie Du sie diese Nacht bei Dir fandest und
wie sie Dich verließ?“
„Mein Sohn,“ antwortete Lamm, „Du weißt, daß wir dem Fleisch, Bier
und Wein alle Ehre angetan hatten und daß ich mit Mühe schnaufte, als
wir zu Bett gingen. Ich trug eine Wachskerze wie ein fürnehmer Herr,
um mir zu leuchten, und hatte den Leuchter auf eine Truhe gesetzt,
um zu schlafen. Die Tür war halb offen geblieben, die Truhe war nahe
dabei. Als ich mich auskleidete, blickte ich mein Bett voller Liebe
und Sehnsucht nach Schlaf an. Die Wachskerze erlosch mit einem Mal.
Ich vernahm etwas wie einen Hauch und ein Geräusch leichter Schritte
in meiner Stube, aber maßen meine Schläfrigkeit größer war denn meine
Furcht, fiel ich schwer ins Bett. Da ich im Einschlafen war, sprach
eine Stimme, ihre Stimme, oh, mein Weib, mein armes Weib! sprach zu
mir: „Hast Du gut gespeist, Lamm?“ Und ihre Stimme war mir nahe,
desgleichen ihr Antlitz und ihr holder Leib.“
41
Am selbigen Tage war König Philipp schwermütiger denn sonst, denn er
hatte zuviel Zuckergebäck gegessen. Er hatte auf seinem lebendigen
Klavizimbal gespielt; das war eine Kiste, die Katzen enthielt, deren
Köpfe durch runde Löcher unter den Tasten herauskamen. Jedesmal,
wenn der König auf eine Taste schlug, traf diese die Katze mit einem
Stachel, und das Tier miaute und jammerte vor Schmerz.
Aber Philipp lachte nicht.
Unablässig forschte er im Geiste, wie er Elisabeth, die große Königin,
besiegen und Marie Stuart auf den Thron von England setzen könne.
Zu dem Ende hatte er an den bedürftigen und verschuldeten Papst
geschrieben; der Papst hatte geantwortet, daß er für dieses Unternehmen
gern die heilgen Gefäße aus den Kirchen und die Schätze des Vatikans
verkaufen würde.
Aber König Philipp lachte nicht.
Ridolfi, der Buhle der Königin Maria, welcher sie zu befreien, hernach
zu heiraten und König von England zu werden hoffte, kam vor König
Philipp, um mit ihm den Mord Elisabeths abzukarten. Aber er war ein
solcher Schwätzer, wie der König schrieb, daß man von seiner Absicht
ganz offen an der Börse von Antwerpen gesprochen hatte. Und der Mord
unterblieb.
Und Philipp lachte nicht.
Später schickte der Blutherzog, den Befehlen des Königs zufolge, ein
Paar Mörder nach England. Ihr Erfolg war, gehenkt zu werden.
Und Philipp lachte nicht.
Und also machte Gott den Ehrgeiz dieses Vampirs zu nichte, der nichts
geringeres wollte, als Maria Stuart ihren Sohn zu rauben und an ihrer
Statt mit dem Papst über England zu herrschen. Und der Mörder erboste
sich, dies edle Land groß und mächtig zu sehen. Unablässig richtete er
seine farblosen Augen dahin und suchte, wie er es verderben möchte,
um danach über die Welt zu herrschen, die Reformierten auszurotten,
sonderlich die Reichen, und die Güter der Opfer zu erben.
Aber er lachte nicht.
Man brachte ihm Mäuse und Ratten in einem eisernen Kasten, mit hohen
Rändern, an einer Seite offen; und er setzte den Boden des Kastens auf
ein starkes Feuer und ergötzte sich daran, zu sehen und zu hören, wie
die armen Tierlein sprangen, schrieen, ächzten und starben.
Aber er lachte nicht.
Dann ging er bleich und mit zitternden Händen in die Arme der
Prinzessin Eboli, um die Glut der Wollust, an der Fackel der
Grausamkeit entzündet, zu löschen.
Und er lachte nicht.
Und die Prinzessin Eboli empfing ihn aus Furcht und nicht aus Liebe.
42
Die Luft war heiß, kein Windhauch kam von dem ruhigen Meer. Die Bäume
am Kanal von Damm rauschten kaum, die Grillen blieben in den Wiesen,
dieweil die Dienstleute der Kirchen und Abteien auf die Felder kamen,
um für die Pfarrer und Äbte den Dreizehnten von der Ernte zu holen.
Vom blauen, glühenden und tiefen Himmel sandte die Sonne Glut herab,
und die Natur schlief unter ihren Strahlen wie ein schönes, nacktes
Mädchen, das unter den Liebkosungen seines Geliebten erschlafft ist.
Die Karpfen machten Luftsprünge auf dem Wasser des Kanals, um nach den
Fliegen zu schnappen, die wie ein Wasserkessel summten, derweil die
Schwalben mit langem Leib und großen Flügeln ihnen ihre Beute streitig
machten. Vom Boden stieg ein warmer Dunst auf, der im Licht glänzte und
schillerte. Hoch vom Turm verkündete der Glöckner von Damm durch eine
gesprungene Glocke, die wie ein Kessel dröhnte, die Mittagsstunde und
die Essenszeit für die Bauern, die bei der Heuernte waren. Die Frauen
schlossen ihre Hände trichterförmig und riefen ihre Brüder oder Männer
mit Namen: „Hans, Pieter, Joos“ und man sah ihre roten Kappen über den
Heuhaufen. In der Ferne ragte vor Lamms und Ulenspiegels Augen der Turm
der Frauenkirche hoch, viereckig und schwerfällig, und Lamm sprach:
„Da, mein Sohn, sind Deine Schmerzen und Liebesfreuden.“
Aber Ulenspiegel antwortete nicht.
„Bald“, sprach Lamm, „werde ich meine alte Wohnung und vielleicht mein
Weib wiedersehen.“
Aber Ulenspiegel antwortete nicht.
„Du Holzpuppe,“ sagte Lamm, „Du steinernes Herz, kann nichts Dich
ergreifen, nicht die Nähe der Orte, wo Du Deine Kindheit verbrachtest,
noch die teuren Schatten des armen Klas und der armen Soetkin, der
beiden Märtyrer? Was! Du bist nicht traurig noch fröhlich; was hat Dir
also das Herz ausgedörrt? Sieh mich an, wie bang und unruhig ich bin,
und wie ich trotz meines Wanstes hüpfe; sieh mich....“
Lamm schaute Ulenspiegel an und sah sein Haupt gebeugt und das
Angesicht fahl; seine Lippen bebten und er weinte stumm.
Und Lamm schwieg.
So wanderten sie, ohne ein Wort zu sprechen, bis nach Damm. Sie zogen
durch die Reiherstraße ein und sahen keine Seele wegen der Hitze. Die
Hunde lagen vor den Türschwellen mit heraushängender Zunge auf der
Seite und gähnten. Lamm und Ulenspiegel schritten bis zum Rathaus,
davor Klas war verbrannt worden. Ulenspiegels Lippen zitterten noch
mehr, und seine Tränen versiegten. Sie kamen vor Klasens Haus, das ein
Kohlenhändler bewohnte. Er trat ein und sprach zu ihm:
„Erkennest Du mich? Ich will mich hier ausruhen.“
Der Kohlenhändler antwortete:
„Ich erkenne Dich, Du bist der Sohn des Geopferten. Geh in diesem
Hause, wohin Du willst.“
Ulenspiegel ging in die Küche, dann in Klasens und Soetkins Kammer und
weinte dort.
Als er wieder hinuntergestiegen war, sprach der Kohlenhändler zu ihm:
„Hier ist Brot, Käse und Bier. So Du Hunger hast, iß; so Du Durst hast,
trinke.“
Ulenspiegel winkte mit der Hand, daß er weder Hunger noch Durst habe.
Dann ging er mit Lamm, der rittlings auf seinem Esel saß, dieweil
Ulenspiegel den seinen am Halfter führte.
Sie kamen zu Kathelines Hütte, banden ihre Esel an und traten ein. Es
war Essenszeit. Auf dem Tisch standen grüne Bohnen in der Schale, mit
großen weißen Bohnen gemischt. Katheline aß. Nele stand neben ihr und
wollte just eine Essigtunke, die sie vom Feuer genommen, in Kathelines
Napf gießen.
Da Ulenspiegel eintrat, erschrak sie so, daß sie den Topf mitsamt der
Tunke in Kathelines Napf warf. Diese begann kopfschüttelnd die Bohnen
um den Topf aufzusuchen, schlug sich gegen die Stirn und sagte wie eine
Irre:
„Nehmt das Feuer fort! Der Kopf brennt!“
Der Geruch des Essigs machte Lamm hungrig.
Ulenspiegel blieb stehen und blickte Nele an. Er lächelte liebevoll
inmitten seiner großen Trübsal.
Und Nele legte ihre Arme um seinen Hals, ohne ihm ein Wort zu sagen.
Auch sie schien närrisch; sie weinte und lachte und errötete vor
großer, süßer Wonne; sie sagte nur immerfort: „Tyll, Tyll!“ Ulenspiegel
betrachtete sie gücklich. Dann ließ sie ihn los, trat ein wenig zurück,
schaute ihn freudig an, stürzte ihm wieder entgegen und umhalste ihn
stürmisch, und so etliche Male. Er umfaßte sie glückselig und konnte
sich nicht von ihr trennen, bis sie auf einen Stuhl sank, matt und wie
von Sinnen; und sie sagte ohne Scheu:
„Tyll, Tyll, mein Geliebter, da bist Du wieder!“
Lamm stand an der Tür. Als Nele sich beruhigt hatte, sagte sie, auf ihn
deutend:
„Wo hab’ ich diesen dicken Mann gesehen?“
„Das ist mein Freund,“ sagte Ulenspiegel. „Er begleitet mich und sucht
seine Frau.“
„Ich erkenne Dich,“ sprach Nele zu Lamm. „Du wohntest in der
Reiherstraße. Du suchtest Deine Frau; ich habe sie in Brügge gesehen,
allwo sie in aller Frömmigkeit und Andacht lebt. Da ich sie gefragt
hatte, warum sie ihren Mann so grausam verlassen habe, antwortete sie
mir:
„Solches war der heilige Wille Gottes und das Gebot der heiligen Buße;
aber ich kann fürder nicht mit ihm leben.“
Lamm ward bei dieser Rede traurig und blickte die Bohnen mit Essig an.
Und die Lerchen stiegen trillernd zum Himmel empor und die erschlaffte
Natur ließ sich von der Sonne liebkosen. Und Katheline stach mit ihrem
Löffel rund um den Topf nach den weißen Bohnen, den grünen Schoten und
der Tunke.
43
Zur selbigen Zeit ging ein fünfzehnjähriges Mägdlein allein bei hellem
Tage durch die Dünen von Heyst nach Knokke. Niemand sorgte sich um sie,
denn man wußte, daß die Werwölfe und die bösen, verdammten Seelen nur
bei Nacht beißen. In einem Beutel trug sie achtundvierzig Silbersous,
die vier Karolusgülden wert waren, welche ihre Mutter, Toria Pieterson,
zu Heyst wohnhaft, ihrem Ohm, Jan Rapen zu Knokke, von einem Verkauf
her schuldete. Das Mägdlein, Betkin genannt, ging, mit ihren schönsten
Kleidern angetan, frohgemut von dannen.
Am Abend besorgte sich ihre Mutter, da sie nicht heim kam. Doch sie
gedachte, daß sie bei ihrem Oheim genächtigt hätte, und beruhigte sich.
Am folgenden Tag zogen Fischer, die mit vollen Netzen vom Meere
zurückkamen, ihr Boot auf den Strand und luden ihre Fische auf Wagen,
um sie wagenweise nach dem Stadtrecht von Heyst zu verganten. Sie
stiegen den mit Muscheln besäeten Pfad hinan und fanden auf der Düne
ein nacktes ausgeplündertes Mädchen, selbst des Hemdes entblößt; um sie
her war Blut. Da sie nahe kamen, sahen sie an ihrem armen, gebrochenen
Halse die Spuren langer, spitzer Zähne. Sie lag auf dem Rücken, und
ihre Augen waren offen und blickten gen Himmel, und der Mund war
gleicherweise offen, als ob sie in Todesangst schreien wollte!
Sie bedeckten des Mägdleins Leichnam mit einem Oberkleid und trugen ihn
nach Heyst ins Rathaus. Alsobald versammelten sich die Schöffen und der
Wundarzt, welcher erklärte, das diese langen Zähne nicht Wolfszähne
wären, wie die Natur sie macht, sondern die eines schlimmen und
höllischen Werwolfs, und daß man Gott bitten müsse, das Land Flandern
zu erlösen.
Und in der ganzen Grafschaft, sonderlich in Damm, Heyst und Knokke,
wurden Fürbitten und Gebete angeordnet. Und das Volk stand wehklagend
in den Kirchen.
In der Heyster Kirche, in der des Mägdleins Leiche ausgestellt war,
weinten die Männer und Weiber beim Anblick ihres blutigen, zerrissenen
Halses. Und die Mutter sagte in der Kirche: „Ich will zum Werwolf gehen
und ihn mit den Zähnen töten.“
Und die Frauen trieben sie weinend an, solches zu tun. Und etliche
sagten:
„Du wirst nicht wiederkehren.“
Und sie machte sich mit ihrem Mann und ihren beiden wohlbewaffneten
Brüdern auf, den Wolf in Strand, Düne und Tal zu suchen, aber sie
fanden ihn nicht. Und ihr Mann mußte sie nach Hause bringen, denn sie
hatte sich in der nächtlichen Kälte das Fieber geholt. Und sie wachten
bei ihr und flickten die Netze für den nächsten Fischzug.
In Erwägung, daß der Werwolf ein Tier ist, so von Blut lebt und nicht
die Toten plündert, sagte der Amtmann von Damm, daß ohne Zweifel Diebe,
die durch die Dünen streiften, diesem ihres ungerechten Vorteils wegen
nachgingen. Darum ließ er durch öffentliches Ausschellen bekannt
machen, daß männiglich wohl bewaffnet und mit Knütteln versehen auf
alle Bettler und Tagediebe losgehen, sie gefangen nehmen und visitieren
solle, ob sie in ihren Taschen Goldkarolus oder das eine und andre
Stück von der Kleidung des Opfers hätten. Hernach sollten die rüstigen
Bettler und Tagediebe auf des Königs Galeeren gebracht werden, die
alten und bresthaften aber solle man laufen lassen. Aber man fand
nichts.
Ulenspiegel ging zum Amtmann und sprach:
„Ich will den Werwolf umbringen.“
„Wer gibt Dir Zuversicht?“ fragte der Amtmann.
„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ antwortete Ulenspiegel. „Gebt mir
Erlaubnis, in der Gemeindeschmiede zu arbeiten.“
„Du magst es tun,“ sprach der Amtmann.
Ulenspiegel sagte keinem aus Damm, weder Mann noch Weib, ein Wort über
seinen Anschlag, ging nach der Schmiede und schmiedete dort insgeheim
eine schöne und große Falle, um wilde Tiere zu fangen.
Am folgenden Samstag, dem Lieblingstage des Werwolfs, machte
Ulenspiegel sich auf. Er trug einen Brief des Amtmanns an den Pfarrer
von Heyst und die Falle unter seinem Mantel. Im Übrigen war er mit
einer guten Armbrust und einem wohlgewetzten Dolchmesser bewehrt und
sprach zu Denen von Damm:
„Ich will Möwen jagen und aus ihren Daunen der Frau Amtmännin
Kopfkissen machen.“
Auf dem Wege nach Heyst kam er auf den Strand und hörte die hohle See
große Wogen mit Donnergebrüll rollen; und der Wind, der von Engelland
blies, heulte im Tauwerk der gescheiterten Schiffe. Ein Fischer sprach
zu ihm:
„Dieser böse Wind ist unser Schade. Diese Nacht war das Meer still,
aber nach Sonnenaufgang hat es sich jählings empört. Wir können nicht
zum Fischfang hinaus.“
Ulenspiegel war froh, denn er war solcherart sicher, in der Nacht Hülfe
zu finden, wenn es not tat.
In Heyst ging er zum Pfarrer und gab ihm des Amtmanns Brief.
Der Pfarrer sprach zu ihm:
„Du bist kühn, allein wisse, daß keiner am Samstag Abend allein durch
die Dünen geht, der nicht gebissen und tot auf dem Sande gelassen wird.
Die Deicharbeiter und andere wollen nur in Scharen gehen. Der Abend
sinkt. Hörst Du den Werwolf im Tal heulen? Wird er wiederum, wie in
der verwichenen Nacht, auf dem Kirchhof die ganze Nacht entsetzlich
schreien? Gott sei mit Dir, mein Sohn, aber geh nicht dorthin.“
Und der Pfarrer bekreuzte sich.
„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel.
Der Pfarrer sagte:
„Dieweil Du so tapferen Willen hast, will ich Dir beistehen.“
„Herr Pfarrer,“ sprach Ulenspiegel, „Ihr tätet an mir und dem armen,
untröstlichen Lande ein löbliches Werk, wenn Ihr zu Toria, des Mädchens
Mutter, und desgleichen zu ihren beiden Brüdern ginget, um ihnen zu
sagen, daß der Wolf in der Nähe ist und daß ich ihn erwarten und töten
will.“
Der Pfarrer sagte:
„Wenn Du noch nicht weißt, auf welchem Wege Du Dich aufstellen sollst,
so halte Dich auf dem, der zum Kirchhof führt. Er ist zwischen zwei
Ginsterhecken, nicht breit genug für zwei Männer.“
„Ich werde mich dort aufstellen,“ versetzte Ulenspiegel. „Und Ihr,
wackerer Herr Pfarrer, Helfer bei der Befreiung, befehlt und gebietet
der Mutter des Mägdleins, ihrem Mann und ihren Brüdern, sich vor der
Nachtstunde wohlbewaffnet in der Kirche einzufinden. Wenn sie den
Schrei der Möwe hören, so heißt das, daß ich den Werwolf gesehen habe.
Sie müssen sogleich die Sturmglocke läuten und mir zu Hülfe kommen. Und
wenn noch andere tapfere Männer da sind ...?“
„Es sind keine da, mein Sohn,“ antwortete der Pfarrer. „Die Fischer
fürchten den Werwolf mehr als Pest und Tod. Aber geh nicht hin.“
Ulenspiegel erwiderte:
„Die Asche brennt auf meinem Herzen.“
Drauf sprach der Pfarrer:
„Ich werde tun, wie Du begehrst. Sei gesegnet. Hast Du Hunger oder
Durst?“
„Beides,“ gab Ulenspiegel zur Antwort.
Der Pfarrer gab ihm Bier, Brot und Käse.
Ulenspiegel trank, aß und machte sich auf den Weg.
Unterwegs, da er die Augen aufhob, sah er seinen Vater Klas in der
Herrlichkeit zur Seite Gottes im Himmel, wo der helle Mond schien, und
er betrachtete das Meer und die Wolken, und er hörte den Sturmwind von
Engelland wehen.
„Wehe,“ sprach er, „Ihr schwarzen, raschen Wolken, Ihr seid wie die
Rache auf den Fersen des Mordes. Du grollendes Meer, Du Himmel, der
sich schwärzt wie der Höllenschlund, Ihr Wogen mit feurigem Schaum, die
Ihr über das düstere Wasser laufet und ungeduldig und zornig zahllose
feurige Tiere, Ochsen, Schafe, Pferde und Schlangen schleudert, so sich
über die Flut wälzen oder sich emporrecken und Flamenregen speien,
pechschwarzes Meer, schwarzumflorter Himmel, flammt mit mir, den
Werwolf, den schlimmen Mädchenmörder, zu bekämpfen. Und Du Wind, der
Du kläglich im Dünengras und im Takelwerk der Schiffe heulst, Du bist
die Stimme der Opfer, die Gott um Rache anrufen, der mir bei diesem
Unterfangen beistehen möge.“
Und er stieg in das Tal hinab und schwankte auf seinen Naturstützen,
als ob er ein Saufgelage im Kopf und den Magen mit Kohl überladen
hätte. Und er sang rülpsend, taumelnd und spuckend, stand still und
stellte sich, als ob er sich erbräche. Aber in Wahrheit machte er die
Augen auf, um alles um sich her wohl zu betrachten, als er plötzlich
ein gellendes Geheul hörte und beim Schein des hellen Mondes die lange
Gestalt eines Wolfes gegen den Kirchhof laufen sah.
Wiederum taumelnd, trat er auf den Fußsteig, der zwischen den
Ginsterbüschen gebahnt war. Dort tat er, als ob er fiele, und stellte
die Falle nach der Seite auf, von wo der Wolf kam, lud seine Armbrust
und ging zehn Schritt weiter in der Haltung eines Trunkenen, immerdar
taumelnd, rülpsend und würgend. Aber in Wahrheit spannte er seinen
Geist wie einen Bogen und hielt Augen und Ohren weit offen.
Und er sah nichts als die Wolkengebilde, die wie toll über den Himmel
jagten, und eine breite, dicke, kurze, schwarze Gestalt, die auf ihn
zukam. Und er vernahm nichts als das klagende Heulen des Windes, das
Donnergrollen des Meeres und das Knirschen der Muscheln des Meeres
unter einem schweren, springenden Schritt.
Er tat, als wollte er sich setzen, und fiel schwer wie ein Trunkenbold
auf den Weg. Und er spie aus.
Dann hörte er zwei Schritte von seinem Ohr ein Klirren von Eisenwerk,
dann das Zuklappen der Falle und den Schrei eines Menschen.
„Der Werwolf hat seine Vorderpfoten in der Falle,“ sprach er. „Er
erhebt sich heulend, schüttelt das Eisen und möchte laufen. Aber er
wird nicht entkommen.“
Und er schoß ihm mit der Armbrust einen Bolzen in die Beine.
„Jetzt fällt er getroffen zu Boden.“
Und er schrie wie eine Möwe.
Plötzlich läutete die Kirchenglocke Sturm und eine helle Knabenstimme
rief im Dorfe:
„Erwacht, Ihr Schläfer, der Werwolf ist gefangen.“
„Lob sei Gott,“ sprach Ulenspiegel.
Toria, Betkins Mutter, Lansaem, ihr Mann, Josse und Michiel, ihre
Brüder, kamen zuerst mit Laternen.
„Ist er gefangen?“ fragten sie.
„Schaut auf den Weg,“ antwortete Ulenspiegel.
„Gott sei gelobt!“ sagten sie.
Und sie bekreuzten sich.
„Wer läutet da?“ fragte Ulenspiegel.
Lansaem antwortete:
„Das ist mein Ältester; der Jüngste läuft durch das Dorf, pocht an die
Türen und ruft, daß der Wolf gefangen ist. Dir sei Lob und Dank!“
„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel.
Plötzlich redete der Werwolf und sprach:
„Hab Erbarmen mit mir, Erbarmen, Ulenspiegel.“
„Der Wolf spricht,“ sagten sie, sich alle bekreuzend. „Er ist ein
Teufel und kennt schon Ulenspiegels Namen.“
„Hab Erbarmen, Erbarmen,“ sagte die Stimme. „Heiße die Glocke
schweigen; sie läutet für die Toten. Erbarmen, ich bin kein Wolf.
Meine Handgelenke sind von der Falle durchbohrt; ich bin alt und
blute, Erbarmen! Was ist das für eine helle Kinderstimme, die das Dorf
aufweckt? Erbarmen!“
„Dich hört ich schon früher sprechen“, sagte Ulenspiegel ungestüm. „Du
bist der Fischhändler, Klasens Mörder, der Vampir der armen Mägdlein.
Gevatter und Gevatterinnen, habet keine Furcht. Es ist der Älteste, der
nämliche, durch den Soetkin vor Kummer starb.“
Und mit der einen Hand hielt er ihn am Hals unterm Kinn, mit der andern
zog er sein Dolchmesser.
Aber Toria, Betkins Mutter, hielt ihn zurück.
„Fangt ihn lebendig,“ schrie sie.
Und sie riß ihm seine weißen Haare in Büscheln aus und zerfleischte
sein Gesicht mit ihren Nägeln.
Und sie heulte vor grimmer Wut.
Mit den Händen in der Falle, sprang der Werwolf vor heftigem Schmerz
auf dem Wege herum.
„Erbarmen,“ sprach er, „Erbarmen, bringt dies Weib fort. Ich werde zwei
Karolus geben. Zerbrecht die Glocken! Wo sind die schreienden Kinder?“
„Lasset ihn am Leben!“ schrie Toria, „damit er büßt! Die Sterbeglocken,
die Sterbeglocken für Dich, Mörder. Bei langsamen Feuer mit glühenden
Zangen! Laßt ihn leben, damit er büßt!“
Inzwischen hatte Toria ein Waffeleisen mit langen Armen vom Weg
aufgehoben. Sie betrachtete es beim Fackelschein und sah innen auf den
beiden Eisenplatten tief eingegrabene Rauten nach Brabanter Art; des
Weiteren war es wie ein eiserner Rachen mit langen, spitzen Zähnen
versehen. Wenn sie es öffnete, war es wie der Rachen ein Windspiels.
Da Toria das Waffeleisen hielt, es auf und zu klappte und das Metall
klirren ließ, schien sie von männlicher Raserei betört. Sie knirschte
mit den Zähnen, röchelte wie eine Sterbende und ächzte, gepeinigt von
glühendem Rachedurst. Sie quetschte den Gefangenen mit dem Gerät an den
Armen, Beinen und überall, in Sonderheit aber am Halse, und allemal,
wenn sie ihn quetschte, sagte sie:
„So tat er mit den eisernen Zähnen bei Betkin. Er büßt. Blutest Du,
Mörder? Gott ist gerecht. Die Sterbeglocken! Betkin ruft mich zur
Rache. Fühlst Du die Zähne, das ist Gottes Rachen!“
Und ohne Unterbrechung noch Erbarmen quetschte sie ihn und schlug ihn
mit dem Waffeleisen, wenn sie nicht quetschen konnte. Und ihrer großen
Ungeduld halber tötete sie ihn nicht.
„Übt Barmherzigkeit“, schrie der Gefangene. „Ulenspiegel, erstich
mich mit dem Messer, dann sterb’ ich schneller. Nehmt dies Weib fort.
Zerbrich die Totenglocken, töte die schreienden Kinder.“
Und Toria zerhackte ihn immerfort, bis ein alter Mann, der Mitleid
hatte, ihr das Waffeleisen aus den Händen nahm.
Da spie Toria den Werwolf ins Gesicht, riß ihm die Haare aus und sagte
dabei: „Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen wirst Du büßen! Meine
Nägel an Deine Augen!“
Auf das Gerücht hin, daß der Werwolf ein Mensch und kein Teufel sei,
waren derweil alle Fischer, Bauern und Weiber von Heyst herbeigekommen.
Etliche trugen Laternen und brennende Fackeln. Und alle schrieen:
„Mörderischer Dieb, wo verbirgst Du das Gold, das Du den armen Opfern
stahlest? Er soll alles herausgeben.“
„Ich habe keins; habt Erbarmen,“ sagte der Fischhändler.
Und die Weiber warfen ihn mit Steinen und Sand.
„Er büßt, er büßt!“ schrie Toria.
„Erbarmen“, ächzte er. „Mein Blut fließt und durchnäßt mich. Erbarmen!“
„Dein Blut,“ sprach Toria. „Dir wird noch genug verbleiben, um zu
büßen. Legt Balsam auf seine Wunden. Mit abgehauener Hand, bei
langsamen Feuer und glühenden Zangen soll er büßen, büßen!“ Und sie
wollte ihn schlagen.
Dann fiel sie bewußtlos, wie tot, auf den Sand; und man ließ sie
liegen, bis sie wieder zu sich kam.
Indessen hatte Ulenspiegel die Hände des Gefangenen aus der Falle
losgemacht und sah, daß an der rechten Hand drei Finger fehlten.
Und er befahl, ihn festzubinden und in einen Fischerkorb zu legen.
Männer, Weiber und Kinder trugen abwechselnd den Korb. So zogen sie
nach Damm, um dort Gerechtigkeit zu fordern. Und sie trugen Fackeln und
Laternen.
Und der Fischhändler sagte unaufhörlich: „Zerschlagt die Glocken, tötet
die schreienden Kinder!“
Und Toria sagte: „Er soll büßen, bei langsamen Feuer und glühenden
Zangen soll er büßen.“
Dann waren alle beide still. Und Ulenspiegel hörte nichts mehr als
Torias stoßweises Atmen, den schweren Tritt der Männer auf dem Sand und
das Meer, das wie Donner grollte.
Und Trauer im Herzen, betrachtete er die Wetterwolken, die wie toll
über den Himmel jagten, die See, auf der man feurige Schafe erblickte,
und beim Schimmer der Fackeln und Laternen das fahle Gesicht des
Fischhändlers, der ihn mit grausamen Augen ansah.
Und die Asche brannte auf seinem Herzen.
Und vier Stunden lang marschierten sie bis Damm, allwo das Volk in
Menge versammelt war, denn man hatte schon Kunde erhalten. Alle wollten
den Fischhändler sehen, und schreiend, singend und tanzend, folgten sie
der Fischerschar und sagten:
„Der Werwolf ist gefangen, er ist gefangen, der Mörder! Gesegnet sei
Ulenspiegel. Lang lebe unser Bruder Ulenspiegel!“
Und es war wie ein Volksaufstand.
Da sie vor des Amtmanns Haus kamen, trat dieser heraus und sagte zu
Ulenspiegel:
„Du bist der Sieger. Dir sei Lob und Dank!“
„Klasens Asche brannte auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel.
Darauf sprach der Amtmann:
„Du sollst die halbe Erbschaft des Mörders haben.“
„Gebet den Opfern,“ erwiderte Ulenspiegel.
Lamm und Nele kamen. Nele lachte und weinte vor Freude und küßte ihren
Freund Ulenspiegel. Lamm sprang schwerfällig in die Luft, klopfte ihm
auf den Bauch und sagte:
„Dieser ist tapfer, treu und rechtschaffen. Er ist mein lieber Geselle;
Ihr habt nicht seines Gleichen, Ihr Leute vom platten Lande.“
Aber die Fischer lachten und spotteten seiner.
44
Die Sturmglocke läutete am nächsten Tage, um Amtmann, Schöffen und
Gerichtsschreiber zur „Vierschare“ zu rufen: zum Gericht auf den vier
Rasenbänken unter dem Gerichtsbaum, welcher eine schöne Linde war.
Ringsum stund das gemeine Volk. Der Fischhändler wollte im Verhör
nichts bekennen, selbst nicht, als man ihm die drei Finger vorwies, die
der Soldat abgeschnitten hatte und die an seiner rechten Hand fehlten.
Er sagte immerdar:
„Ich bin arm und alt, übt Barmherzigkeit.“
Doch das gemeine Volk höhnte ihn und sprach:
„Du bist ein alter Wolf, ein Kinderschlächter; habt kein Mitleid, Ihr
Herren Richter.“
Die Weiber sagten:
„Sieh uns nicht mit Deinen kalten Augen an, Du bist ein Mensch und
kein Teufel. Wir fürchten Dich nicht. Grausame Bestie, feiger als
eine Katze, die die Vöglein im Neste verspeist, Du tötest die armen
Mägdlein, die ihr zartes Leben in Ehrbarkeit zu leben begehrten.“
„Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen soll er büßen“, schrie Toria.
Und den Gemeindebütteln zum Trotz hetzten die Mütter die Buben auf,
den Fischhändler mit Steinen zu werfen. Und sie taten es gern, höhnten
ihn jedesmal, wenn er sie ansah, und schrieen immerfort: „Blutsauger,
schlagt ihn tot!“
Und Toria schrie ohne Unterlaß:
„Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen soll er büßen!“
Und das Volk murrte.
„Sehet,“ sprachen die Weiber untereinander „wie es ihn friert in der
hellen Sonne, die am Himmel leuchtet und bescheint seine weißen Haare
und sein Gesicht, das Toria zerfleischt hat.“
„Und er zittert vor Schmerz.“
„Das ist Gottes Gericht.“
„Er steht mit kläglicher Miene da.“
„Seht seine Mörderhände! Sie sind ihm vorn zusammengebunden und bluten
von den Wunden der Falle.“
„Er soll büßen, büßen!“ schrie Toria.