1
Von den Dünen von Heyst aus sahen Ulenspiegel und Lamm viele
Fischerboote von Ostende, Blankenberghe und Knokke kommen, die voll
Bewaffneter waren und den Geusen von Zeeland folgten, welche am Hut den
silbernen Halbmond mit der Inschrift tragen: „Lieber dem Türken denn
dem Papst dienen.“
Ulenspiegel ist frohgemut und trillert wie eine Lerche; von allen
Seiten antwortet der kriegerische Trompetenton des Hahnes.
Die Bootsleute rudern oder fischen und verkaufen ihre Fische, und ein
Boot nach dem andern legt in Emden an. Dort weilt Guillaume de Bois,
welcher im Auftrage des Prinzen von Oranien ein Schiff ausrüstet.
Ulenspiegel und Lamm kommen nach Emden, dieweil die Geusenschiffe auf
Très-Long’s Befehl wieder das offene Meer gewinnen.
Très-Long, der seit elf Wochen in Emden lag, ward von Ungeduld
verzehrt. Er ging vom Schiff an Land und vom Land aufs Schiff, gleich
einem Bären an der Kette.
Ulenspiegel und Lamm spazieren am Hafendamm umher und erblicken allda
einen fürnehmen Herrn mit biedrem Gesicht, der ein wenig Trübsal bläst
und geschäftig ist, mit einem Spieß einen Pflasterstein des Hafendammes
herauszubohren. Es gelang nicht, aber er versuchte dennoch, das
Unternehmen zu gutem Ende zu führen, dieweil hinter ihm ein Hund einen
Knochen benagte.
Ulenspiegel nähert sich dem Hund und tut, als wolle er ihm den Knochen
rauben. Der Hund knurrt. Ulenspiegel läßt nicht nach und der Hund
vollführt ein heftiges Gebell.
Der Herr dreht sich bei dem Lärm um und spricht zu Ulenspiegel:
„Was hast Du davon, dieses Tier zu quälen?“
„Was habt Ihr davon, Herr, dieses Pflaster zu quälen?“
„Das ist nicht das gleiche,“ sagt der Herr.
„Der Unterschied ist nicht groß,“ entgegnet Ulenspiegel. „Dieser Hund
hält an seinem Knochen fest und will ihn behalten; dieser Pflasterstein
hält an seinem Damm fest und will dort bleiben, und es ist das
Mindeste, daß unsereins sich mit einem Hund abgibt, wenn Leute wie Ihr
sich mit einem Pflasterstein beschäftigen.“
Lamm stand hinter Ulenspiegel und wagte nicht zu reden.
„Wer bist Du?“ fragte der Herr.
„Ich bin Tyll Ulenspiegel, des Klas Sohn, der für den Glauben in den
Flammen starb.“
Und er sang wie eine Lerche, und der Herr krähte wie ein Hahn.
„Ich bin der Admiral Très-Long,“ sprach er; „was willst Du von mir?“
Ulenspiegel erzählte ihm seine Abenteuer und gab ihm fünfhundert
Karolus.
„Wer ist dieser Dicke?“ fragte Très-Long und deutete mit dem Finger auf
Lamm.
„Mein Geselle und Freund,“ antwortete Ulenspiegel. „Er will gleich mir
seine Büchse, die eine gar liebliche Stimme hat, auf Deinem Schiffe das
Lied von der Befreiung des Vaterlandes singen lassen.“
„Ihr seid beide wackre Leute,“ sagte Très-Long, „und sollt auf meinem
Schiffe hinaus fahren.“
Es war im Februar: scharf war der Wind, stark der Frost. Nach drei
Wochen verdrießlichen Wartens verläßt Très-Long Emden wider Willen. Mit
der Absicht, in den Hafen Texel einzulaufen, segelt er von Vlinland
ab, ist aber gezwungen, Wieringen anzulaufen, wo sein Schiff vom Eis
eingeschlossen wird.
Bald gab es ringsum ein lustiges Schauspiel: Schlitten und
Schlittschuhläufer, in Sammet gekleidet, Schlittschuhläuferinnen,
in Jacken und Röcken, so mit Gold, Perlen und scharlachroter und
himmelblauer Seide bestickt waren: Knaben und Mägdlein kamen und
gingen, glitschten, lachten, liefen in langer Reihe hintereinander,
oder paarweise und sangen das Lied der Liebe auf dem Eise. Oder sie
gingen in die mit Fahnen geschmückten Buden und aßen und tranken
Branntwein, Orangen, Feigen, Pfefferkuchen, Schollen, Eier, warme
Gemüse und Schmalzkuchen oder ~Eetekoeken~, das sind Krapfen, und
Gemüse in Essig, dieweil ringsum Schlitten und Segelschlitten mit ihren
Schnäbeln knirschend über das Eis hinfuhren.
Lamm suchte seine Frau und lief auf Schlittschuhen umher wie die
lustigen Männlein und Weiblein; aber er fiel oftmals hin. Inzwischen
ging Ulenspiegel in eine kleine Herberge am Hafen, um Speise und Trank
zu sich zu nehmen; dort brauchte er seine Portion nicht teuer zu
bezahlen, und er schwatzte gern mit der alten Wirtin.
Eines Sonntags gegen neun Uhr kehrte er dort ein und begehrte sein
Mittagessen.
„Ei,“ sagte er zu einem artigen Frauenzimmer, das herbeikam, um ihn
zu bedienen, „was hast Du mit Deinen früheren Runzeln gemacht? Dein
Mund hat all seine weißen, jungen Zähne und Deine Lippen sind rot wie
Kirschen. Ist dies sanfte, schalkhafte Lächeln für mich?“
„Nicht doch,“ sprach sie; „aber was soll ich dir geben?“
„Dich,“ sagte er.
Die Frau versetzte:
„Das wäre für einen mageren Hering, wie Du bist, zuviel. Willst Du kein
anderes Fleisch?“
Ulenspiegel schwieg.
„Was hast Du mit dem schönen, wohlgestalteten und behäbigen Mann
angefangen, den ich oftmals in Deiner Gesellschaft sah?“ fragte sie.
„Lamm?“ sagte er.
„Was hast Du mit ihm gemacht?“ fragte sie.
„Er ißt in den Buden harte Eier, geräucherte Aale, gepökelte Fische,
saures Gemüse und alles, was er zwischen die Zähne bekommen kann,
und das alles, um seine Frau zu suchen. Warum bist Du nicht mein,
Schätzchen? Willst Du fünfzig Gülden? Willst Du ein güldnes Halsband?“
Doch sie bekreuzte sich:
„Ich bin weder zu kaufen noch zu haben,“ sprach sie.
„Liebst Du nichts?“ fragte er.
„Ich liebe Dich als meinen Nächsten; aber vor allem liebe ich den Herrn
Christum und die heilige Jungfrau, die mir gebieten, ein züchtig Leben
zu führen. Hart und beschwerlich sind unsere Pflichten, aber Gott hilft
uns armen Frauen. Doch es sind ihrer etliche, die unterliegen. Ist Dein
dicker Freund fröhlich?“
Ulenspiegel antwortete:
„Beim Essen ist er lustig, mit nüchternem Magen traurig und immerdar
nachdenklich. Aber Du, bist Du fröhlich oder betrübt?“
„Wir Frauen,“ sprach sie, „sind Sklavinnen dessen, der uns beherrscht!“
„Der Mond,“ fragte er.
„Ja,“ sprach sie.
„Ich werde Lamm sagen, daß er dich besucht.“
„Tu das nicht,“ sagte sie; „er würde weinen und ich desgleichen.“
„Hast Du jemals seine Frau gesehen?“ fragte Ulenspiegel.
Seufzend antwortete sie:
„Sie sündigte mit ihm und ward zu einer grausamen Buße verdammt. Sie
weiß, daß er für den Sieg des Ketzertums aufs Meer geht, das ist
hart zu denken für ein christliches Herz. Verteidige ihn, wenn er
angegriffen wird, pflege ihn, wenn er verwundet wird; seine Frau trug
mir auf, diese Bitte an Dich auszurichten.“
„Lamm ist mein Freund und Bruder,“ antwortete Ulenspiegel.
„Ach,“ sprach sie, „warum kehret Ihr nicht in den Schoß unsrer heiligen
Mutter Kirche zurück!“
„Sie frißt ihre Kinder,“ antwortete Ulenspiegel.
Und er ging.
An einem Märzmorgen, als ein scharfer Wind blies und wehte und das Eis
immer dicker machte, also daß Très-Longs Schiff nicht absegeln konnte,
trieben die Matrosen und Soldaten des Schiffes in Schlitten und auf
Schlittschuhen allerhand Kurzweil und Lustbarkeiten.
Ulenspiegel war in der Herberge, und die hübsche Frau sprach
tiefbetrübt und wie von Sinnen zu ihm:
„Armer Lamm! Armer Ulenspiegel!“
„Warum jammerst Du?“ fragte er.
„Wehe, wehe!“ sagte sie, „warum glaubt Ihr nicht an die Messe? Ihr
würdet gewißlich ins Paradies eingehen, und ich könnte Euch in diesem
Leben retten.“
Da Ulenspiegel sie an die Tür gehen und aufmerksam horchen sah, sagte
er: „Du horchst nicht nach dem fallenden Schnee?“
„Nein,“ sagte sie.
„Du leihst nicht dem seufzenden Winde das Ohr?“
„Nein,“ sagte sie wiederum.
„Noch dem frohem Lärm, den unsere wackeren Matrosen in der Schenke hier
nebenan machen?“
„Der Tod kommt wie ein Dieb,“ sprach sie.
„Der Tod!“ sagte Ulenspiegel. „Ich verstehe dich nicht. Komm hierher
und rede.“
„Sie sind da,“ sprach sie.
„Wer?“
„Wer?“ erwiderte sie. „Die Soldaten von Simonen-Bol, die in des Herzogs
Namen über Euch alle herfallen werden. Wenn man Euch hier so gut
behandelt, so geht’s Euch wie den Ochsen, die man schlachten will.
Ach,“ sagte sie, in Tränen zerfließend, „warum erfahre ich es erst
jetzt?“
„Weine und schreie nicht,“ sagte Ulenspiegel, „und bleibe.“
„Verrate mich nicht,“ sagte sie.
Ulenspiegel verließ das Haus, eilte in alle Buden und Schenken und
flüsterte den Seeleuten und Soldaten diese Worte ins Ohr: „Der Spanier
kommt.“
Alle eilten zum Schiffe, bereiteten in großer Hast alles, was zur
Schlacht nötig war, und erwarteten den Feind. Ulenspiegel sagte zu Lamm:
„Siehst Du das hübsche Weib in dem schwarzen, mit Scharlach bestickten
Kleid, so am Ufer steht und sein Gesicht unter der weißen Kapuze
versteckt?“
„Das ist mir ganz gleich,“ antwortete Lamm. „Mich friert, ich will
schlafen.“
Und er wickelte sich den Mantel um seinen Kopf und war also wie ein
Tauber.
Da erkannte Ulenspiegel die Frau und rief ihr vom Schiff zu:
„Willst Du uns folgen?“
„Bis ins Grab, aber ich kann nicht ... “
„Du tätest wohl daran,“ sagte Ulenspiegel. „Bedenke indessen: wenn die
Nachtigall im Walde bleibt, ist sie glücklich und singt; aber so sie
ihn verläßt und ihre schwachen Flügel dem starken Seewind aussetzt,
zerbrechen sie, und sie stirbt.“
„Ich habe daheim gesungen und ich würde draußen singen, wenn ich
könnte,“ sprach sie. Dann näherte sie sich dem Schiffe. „Nimm diesen
Balsam,“ sprach sie, „für Dich und Deinen Freund, der schläft, wenn er
wachen sollte.“
Und sie entfernte sich und sagte: „Lamm, Lamm! Gott bewahre Dich vor
allem Übel, komm gesund zurück.“
Und sie enthüllte ihr Antlitz.
„Mein Weib, mein Weib!“ schrie Lamm.
Und er wollte aufs Eis springen.
„Dein getreues Weib,“ sagte sie und lief behend von dannen.
Lamm wollte vom Deck aufs Eis springen, aber daran hinderte ihn ein
Soldat, der ihn am Mantel festhielt. Er schrie, weinte und flehte, ihn
gehen zu lassen.
Aber der Profoß sprach zu ihm:
„So du das Schiff verlässest, wirst Du gehenkt.“
Lamm wollte sich aufs Eis stürzen, aber ein alter Geuse hielt ihn fest
und sagte:
„Der Boden ist feucht, Du könntest nasse Füße bekommen.“
Lamm fiel aufs Gesäß, weinte und sprach unaufhörlich:
„Mein Weib, mein Weib, laßt mich zu meinem Weibe gehen!“
„Du wirst sie wiedersehen,“ sprach Ulenspiegel. „Sie liebt Dich, aber
sie liebt Gott mehr als Dich.“
„Die tolle Teufelin,“ schrie Lamm. „Wenn sie Gott mehr liebt als ihren
Mann, warum zeigt sie sich mir so hübsch und begehrenswert! Und wenn
sie mich liebt, warum verläßt sie mich?“
„Kannst Du in tiefe Brunnen sehen?“ fragte Ulenspiegel.
„Wehe,“ sprach Lamm, „ich werde bald sterben.“
Und bleich und betört blieb er auf Deck.
Inzwischen kamen die Leute von Simonen-Bol mit starkem Geschütz.
Sie schossen auf das Schiff, das ihr Feuer erwiderte. Und ihre Kugeln
zerbrachen das Eis rings umher. Gegen Abend fiel ein lauer Regen.
Da der Wind aus Westen wehte, ward das Meer unter dem Eise erregt
und hob es in ungeheuren Blöcken empor, die sich aufbäumten und
wieder zurückfielen, gegen einander prallten und sich übereinander
schoben, nicht ohne Gefahr für das Schiff, das, als die Morgenröte die
nächtlichen Wolken zerriß, seine linnenen Flügel entfaltete und wie ein
Vogel der Freiheit aufs hohe Meer segelte.
Da stießen sie zu der Flotte des Herrn de Lumey de la Marche, Admirals
von Holland und Zeeland und Höchstkommandierenden, der als solcher eine
Laterne oben am Maste trug.
„Sieh ihn Dir recht an, mein Sohn,“ sagte Ulenspiegel. „Der wird Deiner
nicht schonen, wenn Du mit Gewalt das Schiff verlassen willst. Hörst
Du seine Stimme wie Donner rollen? Sieh, wie breit und stark er bei
seiner hohen Gestalt ist. Schau seine langen Hände mit den gebogenen
Nägeln. Sieh seine runden Augen an, kalte Adleraugen, und seinen
langen, spitzen Bart, den er wachsen läßt, bis er alle Mönche und
Priester gehenkt hat, um den Tod der beiden Grafen zu rächen. Sieh,
wie furchtbar und grausam er ist; er wird Dich hoch und kurz aufhenken
lassen, wenn Du immerdar fortfährst, zu stöhnen und zu schreien: „Mein
Weib!“
„Mein Sohn,“ versetzte Lamm, „der spricht vom Strick für den Nächsten,
der selbst schon die hanfene Krause um den Hals hat.“
„Du sollst sie zuerst tragen. Das ist mein freundschaftlicher Wunsch,“
sagte Ulenspiegel.
„Ich werde Dich am Galgen sehen, wie Dir die giftige Zunge eine Klafter
lang aus dem Maul wächst,“ erwiderte Lamm.
Und alle beide hätten fast gelacht.
An jenem Tage kaperte das Kriegsschiff einen Kauffahrer aus Biskaya,
so mit Quecksilber, Goldstaub, Wein und Gewürzen befrachtet war. Und
dem Schiffe ward sein Mark, Menschen und Beute, ausgenommen, wie einem
Rindsknochen zwischen den Zähnen eines Löwen.
Zur selbigen Zeit legte der Herzog den Niederlanden grausame und
schändliche Steuern auf, laut denen alle Einwohner, so bewegliche und
unbewegliche Habe verkauften, tausend Gülden von zehntausend zahlen
mußten. Und dieser Schoß war dauernd. Alle Kaufleute und Händler jeder
Art mußten dem König den Zehnten vom Kaufpreis zahlen, und im Volk ging
die Rede, daß der König von den zehnmal in einer Woche verkauften Waren
das Ganze bekäme.
Und so gingen Handel und Gewerbfleiß den Weg des Verfalls und des Todes.
Und die Geusen nahmen Briel, eine starke Seefeste, die der Garten der
Freiheit genannt ward.
2
In den ersten Tagen des Maimonds, als das Schiff unter blauem Himmel
stolz über die Flut fuhr, sang Ulenspiegel:
„Die Asche brennt auf meinem Herzen.
Die Henker kamen her und töteten
Mit Dolch und Feuer, Kraft und Schwert
Und lohnten die schändlichen Spione.
Wo Lieb’ und Treue war, die holden Tugenden,
Säten sie Mißtraun und Verrat.
Zum Tod mit den Schergen,
Schlaget die Trommel des Krieges.
Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!
Briel ist genommen.
Und Vlissingen auch, der Schlüssel der Schelde;
Gott ist gut, Camp Veere ist genommen.
Wo waren Zeelands Geschütze?
Wir haben Kugeln, Pulver und Blei,
Geschmiedete und gegossene Kugeln.
Gott ist mit uns, wer ist wider uns?
Schlaget die Trommel des Krieges und Ruhmes!
Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!
Das Schwert ist gezückt. Seid mutigen Herzens!
Fest sei der Arm. Das Schwert ist gezückt.
Fluch sei dem Zehnten, der uns verarmt,
Tod dem Henker, der Strang für den Räuber,
Meineidigem König rebellisches Volk!
Gezückt ist das Schwert für unsere Rechte,
Für unsere Häuser, die Weiber und Kinder.
Gezückt ist das Schwert, die Trommel schlagt!
Seid mutigen Herzens; fest sei der Arm!
Fluch sei dem Zehnten, der falschen Vergebung!
Schlaget die Trommel des Kriegs, die Trommel schlagt!“
„Ja, Gevattern und Freunde,“ sprach Ulenspiegel, „sie haben in
Antwerpen vor dem Rathaus ein glänzend Gerüst errichtet, mit rotem Tuch
überzogen. Darauf sitzt der Herzog inmitten der Lakeien und Söldlinge
wie ein König auf seinem Throne. Wenn er wohlwollend lächeln will,
macht er eine saure Fratze. Schlaget die Trommel des Krieges!
„Er hat Vergebung gewährt: Still da ... Sein vergüldeter Harnisch
gleißt in der Sonne, der Generalprofoß hält zu Pferde neben dem
Baldachin. Siehe da kommt der Herold mit den Paukenschlägern. Er liest:
es ist die Vergebung für alle, so nicht gesündigt haben, die andern
sollen grausam gestraft werden.
„Höret, Gevattern. Er verliest das Edikt, welches bei Strafe der
Rebellion die Bezahlung des zehnten und zwanzigsten Pfennigs
vorschreibt.“
Und Ulenspiegel sang:
„O Herzog, hörst Du des Volkes Stimme,
Das starke Raunen? So schwillt das Meer,
Wenn die große Springflut sich naht.
Genug des Geldes, genug des Blutes,
Genug der Trümmer! Schlaget die Trommel.
Gezückt ist das Schwert. Schlaget die Trommel der Trauer!
Das ist die Kralle in blutiger Wunde,
Der Raubmord. Was mußt Du denn all unser Gold
Zu unserem Blute mischen, um es zu trinken?
Wir gingen den Pfad der Pflicht, getreu
Des Königs Majestät. Meineidig ist er,
Des Eides sind wir ledig. Schlaget die Trommel des Krieges!
Herzog von Alba, Blutherzog,
Werkstatt und Kaufladen siehe geschlossen,
Siehe die Brauer, Bäcker und Krämer,
Die ob der Steuer nicht wollen verkaufen.
Wenn Du vorübergehst, grüßet Dich wer?
Nicht einer. Fühlst Du wie Pesthauch nicht
Haß und Verachtung Dich umwittern?
Das schöne Land Flandern,
Das frohe Land Brabant
Sind traurig wie Totenhöfe.
Und da, wo einst in der Zeit der Freiheit
Die Bratschen sangen, die Pfeifen schrillten,
Herrscht Schweigen und Tod.
Schlaget die Trommel des Krieges.
Wo frohe Gesichter lachten
Von Zechern und singenden Liebespaaren,
Starren jetzt die bleichen Gesichter
Derer, die in Ergebung warten
Auf den Schwerthieb der Ungerechten.
Schlaget die Trommel des Krieges.
Keiner hört mehr in den Schenken
Das fröhliche Klinken der Gläser
Noch der Mädchen helle Stimmen,
Die mit Gesang die Stadt durchzogen.
Und Brabant und Flandern, Länder des Frohsinns,
Wurden Länder der Tränen.
Schlaget die Trommel der Trauer.
Erde der Väter, geliebte Dulderin,
Unter des Mörders Fuß nicht beuge die Stirn.
Fleißige Bienen, stürzt Euch in Schwärmen
Auf die hispanischen Drohnen.
Reihen lebendig begrabner Frauen und Mädchen,
Schreiet zum Himmel nach Rache.
Irret nachts auf den Fluren, Ihr armen Seelen,
Und schreiet zum Himmel. Es zittert der Arm, um zu schlagen.
Das Schwert ist gezückt! Herzog, wir reißen die Därme Dir aus
Und peitschen damit Dein Gesicht,
Schlaget die Trommel. Das Schwert ist gezückt.
Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“
Und alle Seeleute und Soldaten von Ulenspiegels Schiff und auch die von
den andern Schiffen sangen desgleichen:
„Das Schwert ist gezückt, es lebe der Geuse!“
Und ihre Stimmen grollten wie Donner der Freiheit.
3
Es war im Januar, dem grausamen Monat, da das Kalb im Leibe der Kuh
gefriert. Es hatte geschneit und obendrein gefroren. Die Knaben
fingen mit Vogelleim die Sperlinge, so auf dem hartgefrorenen Schnee
ihre kümmerliche Nahrung suchten, und brachten dieses Wild in ihre
Hütten. Vom grauen, hellen Himmel hoben sich regungslos die Gerippe
der Bäume ab. Ihre Zweige waren mit schneeigen Kissen bedeckt, welche
gleichfalls die Hütten und Mauerfirsten bedeckten, auf denen man Spuren
von Katzenpfoten erblickte, die gleichfalls im Schnee auf die Sperlinge
Jagd machten. Die Wiesen waren weithin unter diesem wundersamen Vließe
verborgen, das die Erde in der scharfen Winterkälte warm hielt. Der
Rauch der Häuser und Hütten stieg schwarz gen Himmel, und man vernahm
keinen Laut.
Und Katheline und Nele waren allein in ihrer Behausung, und Katheline
sagte kopfschüttelnd:
„Hans, mein Herz zieht mich zu Dir. Du mußt Ulenspiegel, Soetkins
Sohn, die siebenhundert Karolus wiedergeben. Wenn du arm bist, komm
wenigstens, daß ich Dein leuchtendes Antlitz schaue. Nimm das Feuer
fort, mein Kopf brennt. Wehe, wo sind Deine schneekalten Küsse, wo ist
Dein Körper aus Eis? Hans, mein Geliebter.“
Sie stand am Fenster. Plötzlich kam im schnellsten Trab ein Läufer
vorbei, der Schellen am Gürtel trug, und rief:
„Es kommt der Amtmann, der Amthauptmann von Damm!“
Und derart lief er bis zum Rathause, um Bürgermeister und Schöffen
dorthin zu berufen.
Alsdann hörte Nele zwei Hörner durch die dumpfe Stille. Alle aus Damm
traten vor die Türen, vermeinend, daß Seine Königliche Majestät sich
durch solche Fanfaren ankündigte.
Und Katheline trat auch an die Tür mit Nele. Von fern sahen sie
glänzende Reiter, die zu Hauf ritten, und vor ihnen ritt ein Mann in
schwarzem, mit Marderfell verbrämtem Sammetrock; sein Wams war mit
echten Goldborten besetzt und die Stiefel von falbem Kalbsleder, mit
Marderfell verbrämt. Und sie erkannten den Amthauptmann.
Hinter ihm ritten junge Ritter, die ohngeachtet der Verordnung
Seiner hochseligen Kaiserlichen Majestät, an ihren Sammetgewändern
Stickereien, Borten, Streifen und Einfassungen von Gold, Silber und
Seide trugen. Und ihre Röcke, die sie unter ihren Mänteln trugen,
waren gleich denen des Amtmanns mit Pelz verbrämt. Sie ritten munter
daher, und die langen Straußenfedern, die ihre mit Knöpfen und güldenen
Borten verzierten Baretts schmückten, wallten im Winde.
Und sie schienen alle gute Freunde und Kumpane des Amthauptmannes, in
Sonderheit ein Ritter mit finsterer Miene, in grünen Sammet gekleidet
und in einen Mantel mit goldverbrämtem schwarzem Sammet, desgleichen
das mit langen Federn geschmückte Barett. Seine Nase hatte die Form
eines Geierschnabels, die Lippen waren schmal; er hatte rote Haare, ein
bleiches Gesicht und stolze Haltung.
Dieweil das Häuflein der Ritter vor Kathelines Haus vorbeiritt, fiel
diese plötzlich dem Pferde des bleichen Ritters in den Zügel und rief
närrisch vor Freude:
„Hans, mein Geliebter, ich wußte es, Du kehrst wieder. Wie schön Du
bist, so ganz in Sammet und Gold, wie eine Sonne auf dem Schnee!
Bringst du mir die siebenhundert Karolus? Wirst Du wiederum schreien
wie der Fischadler?“
Der Amthauptmann hieß das Häuflein der Edelleute still halten, und der
bleiche Ritter sagte:
„Was will diese Geusin von mir?“
Doch Katheline hielt immer noch das Pferd am Zügel.
„Gehe nicht wieder fort,“ sprach sie, „ich habe soviel um Dich geweint.
Holde Nächte, mein Liebster, mit Küssen von Schnee und Körpern von Eis.
Das Kind ist hier!“
Und sie zeigte auf Nele, die ihn zornig anblickte, denn er hatte seine
Peitsche gegen Katheline erhoben. Aber Katheline sprach weinend:
„Ach, gedenkst Du dessen nicht mehr? Habe Mitleid mit Deiner Magd.
Führe sie mit Dir, wohin Du willst. Nimm das Feuer fort, Hans,
Erbarmen!“
„Hinweg!“ sagte er.
Und er drängte sein Pferd so stark vorwärts, daß Katheline den Zügel
losließ und zu Boden fiel, und das Pferd trat auf sie und schlug ihr
eine blutende Wunde an der Stirn.
Darauf sagte der Amtmann zu dem bleichen Ritter:
„Herr, kennet Ihr diese Frau?“
„Ich kenne sie nicht,“ sagte er; „es ist ohne Zweifel etwelche
Verrückte.“
Aber Nele, die Katheline aufgehoben hatte, sprach:
„Wenn diese Frau verrückt ist, so bin ich es nicht, Euer Gnaden, und
ich will von diesem Schnee, den ich esse, sterben“ / und sie nahm mit
den Fingern etwas Schnee / „wenn dieser Mann nicht meine Mutter gekannt
hat, wenn er ihr nicht all ihr Geld genommen und nicht des Klas Hund
getötet hat, um siebenhundert Karolus, so dem armen Toten gehörten, von
der Brunnenmauer unseres Hauses zu nehmen.“
„Hans, mein Herzliebster,“ weinte Katheline, die blutend vor ihm auf
den Knien lag, „Hans, mein Geliebter, gib mir den Friedenskuß. Sieh,
mein Blut fließt. Die Seele hat sich ein Loch gemacht und will hinaus.
Ich werde bald sterben, verlaß mich nicht.“ Dann sagte sie ganz leise:
„Damals tötetest Du Deinen Gefährten aus Eifersucht am Deiche.“ Und
sie streckte den Finger in der Richtung nach Dudzeele. „Zu jener Zeit
liebtest Du mich sehr.“
Und sie faßte und umschlang des Edelmanns Knie und nahm seinen Stiefel
und küßte ihn.
„Wer ist dieser Getötete?“ fragte der Amthauptmann.
„Ich weiß es nicht, Euer Gnaden,“ sagte er. „Was kümmern uns die Reden
dieser Geusin? Vorwärts.“
Das Volk rottete sich um sie zusammen; reiche und geringe Bürger,
Handwerker und Bauern nahmen Kathelines Partei und riefen:
„Gerechtigkeit, Herr Amtmann, Gerechtigkeit!“
Und der Amtmann sagte zu Nele:
„Was ist es mit diesem Getöteten? Sprich wie Gott und die Wahrheit es
verlangt.“
Nele redete und sprach, auf den bleichen Edelmann deutend:
„Der da ist alle Samstag in die Keet gekommen, um meine Mutter zu
besuchen und ihr Geld zu nehmen; er hat seinen Freund, Hilbert
genannt, auf dem Acker von Servaes van der Vichte umgebracht. Nicht
aus Liebe, wie diese arme Närrin wähnt, sondern um die siebenhundert
Karolus für sich allein zu haben.“
Und Nele erzählte von Kathelines Liebschaft und was diese gehört, als
sie in der Nacht hinter dem Deich, der den Acker des Servaes van der
Vichte durchschneidet, versteckt war.
„Nele ist boshaft,“ sagte Katheline, „sie spricht hart von Hans, ihrem
Vater.“
„Ich schwöre, daß er wie ein Fischadler schrie, um sich anzumelden,“
sprach Nele.
„Du lügst,“ sagte der Edelmann.
„O nein!“ sagte Nele, „und Ihr, Herr Amtmann und alle hohen Herren,
so zugegen sind, sehen es wohl: Du bist nicht vor Kälte, sondern vor
Furcht so bleich. Woher kommt es, daß Dein Antlitz nicht mehr glänzt?
Du hast also die Zaubersalbe verloren, mit der Du es einriebest,
damit es hell erschiene wie die Wogen im Sommer, wenn es donnert.
Aber Du wirst vor den Gitterfenstern des Rathauses verbrannt werden,
verfluchtet Zauberer. Du warst die Ursache von Soetkins Tode, Du hast
ihren vaterlosen Sohn ins Elend getrieben. Du bist gewiß ein Edelmann
und kamst zu uns Bürgern, um meiner Mutter ein einzig Mal Geld zu
bringen und es ihr alle andern Male zu nehmen.“
„Hans,“ sprach Katheline, „Du wirst mich wiederum zum Sabbat führen
und mich wiederum mit Balsam einreiben. Hör nicht auf Nele, sie ist
boshaft. Du siehst das Blut; die Seele hat sich ein Loch gemacht und
will hinaus. Ich werde bald sterben und in die Vorhölle kommen, wo es
nicht brennt.“
„Schweig, verrückte Hexe, ich kenne Dich nicht,“ sprach der Edelmann,
„und ich weiß nicht, was Du meinst.“
„Und doch bist Du es, der mit einem Gefährten kam und ihn mir zum Manne
geben wollte; Du weißt, daß ich ihn nicht wollte. Was hat Dein Freund
Hilbert mit seinen Augen gemacht, als ich meine Nägel hineingekrallt
hatte?“
„Nele ist boshaft,“ sagte Katheline, „glaub ihr nicht, Hans, mein
Herzliebster. Sie ist auf Hilbert zornig, weil er ihr Gewalt antun
wollte; aber jetzt kann er es nicht mehr, denn die Würmer haben ihn
gefressen. Und Hilbert war häßlich, mein süßer Hans, Du allein bist
schön. Nele ist boshaft.“
Nunmehr sprach der Amtmann:
„Ihr Frauen, gehet in Frieden.“
Aber Katheline wollte die Stätte nicht verlassen, wo ihr Freund war.
Sie mußte mit Gewalt in ihre Behausung gebracht werden.
Und das ganze versammelte Volk schrie:
„Gerechtigkeit, Euer Gnaden, Gerechtigkeit!“
Da die Gemeindebüttel auf den Lärm herzugekommen waren, befahl der
Amtmann ihnen, zu bleiben, und sagte zu den Rittern und Edelleuten:
„Edle Herren, ohngeachtet aller Privilegien, so den erlauchten
Adelsstand im Lande Flandern schützen, muß ich Euren Joos Damman
auf die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen, in Sonderheit die der
Zauberei, verhaften lassen, bis er gemäß den Gesetzen und Verordnungen
des Reiches gerichtet ist. Liefert Euren Degen aus, Herr Josse.“
„Herr Amtmann,“ sagte Joos Damman mit großem Hochmut und Adelsstolz,
„indem Ihr mich verhaftet, vergeht Ihr Euch gegen das flandrische
Gesetz, denn Ihr seid nicht selbst Richter. Nun wisset Ihr, daß es
nicht erlaubt ist, ohne richterlichen Auftrag zu verhaften, ausgenommen
die Falschmünzer, Straßenräuber und Wegelagerer, Brandstifter und
Frauenschänder; desgleichen die Soldaten, so ihren Hauptmann verlassen,
die Zauberer, die Gift anwenden, um die Gewässer zu vergiften, die
entlaufenen Mönche oder Beghinen und die Verbannten. Wohlan, Ihr edlen
Herren, verteidigt mich!“
Da Etliche gehorchen wollten, sprach der Amtmann zu ihnen:
„Edle Herren, da ich allhier unsern König, Grafen und Herrn vertrete,
welchem die Entscheidung der schwierigen Fälle vorbehalten ist, so
gebiete und befehle ich Euch bei Strafe, für Rebellen erklärt zu
werden, Eure Degen wieder in die Scheide zu stecken.“
Die Edelleute gehorchten, doch Herr Joos Damman zauderte immer noch.
Das Volk schrie:
„Gerechtigkeit, Euer Gnaden, Gerechtigkeit! Er soll seinen Degen
ausliefern!“
Darauf tat er es sehr wider Willen, stieg vom Pferde und ward von zwei
Schergen nach dem Gemeindekerker geführt. Er ward jedoch nicht in die
Verließe gesperrt, sondern vielmehr in ein vergittertes Gemach, wo er
für sein Geld gutes Feuer, gutes Bett und gute Nahrung erhielt; davon
nahm sich der Kerkermeister die Hälfte.
4
Am andern Tage gingen der Amtmann, die beiden Kriminalschreiber, zwei
Schöffen und ein Wundarzt gen Dudzeele, um zu sehen, ob sie auf Servaes
van der Vichtes Acker längs des Deiches, der das Feld durchschnitt, den
Leichnam eines Mannes fänden.
Nele hatte zu Katheline gesagt: „Hans, dein Liebster, verlangt Hilberts
abgeschnittene Hand. Heute Abend wird er wie ein Fischadler schreien,
in unsere Hütte kommen und Dir die siebenhundert Goldkarolus bringen.“
Katheline hatte geantwortet:
„Ich werde sie abschneiden.“ Und wirklich nahm sie ein Messer und
machte sich in Neles Begleitung auf; die Gerichtsbeamten folgten ihr.
Sie ging rasch und stolz mit Nele, der die frische Luft das hübsche
Gesicht rötete. Die alten, hüstelnden Gerichtsbeamten folgten ihr
schier erfroren; sie waren alle wie schwarze Schatten auf der weißen
Ebene, und Nele trug ein Grabscheit. Als sie auf Servaes van der
Vichtes Acker und auf dem Deiche anlangten, ging Katheline bis zur
Mitte und sprach, zur Rechten auf die Wiese deutend: „Hans, Du wußtest
nicht, daß ich da verborgen war und beim Klirren der Degen erbebte.
Und Hilbert schrie: Dies Eisen ist kalt. Hilbert war häßlich, Hans ist
schön. Du sollst seine Hand haben, laß mich allein.“ Dann stieg sie
zur Linken hinab, kniete auf dem Schnee nieder und rief dreimal in die
Luft, um den Geist herbeizurufen.
Dann gab Nele ihr das Grabscheit, über das Katheline dreimal das
Zeichen des Kreuzes machte. Alsdann zeichnete sie auf dem Eise die
Form eines Sarges und drei umgekehrte Kreuze, eins nach Osten, eins
nach Westen, eins nach Norden und sprach: „Drei, das ist Mars nahe bei
Saturn, und drei ist Entdeckung unter Venus, dem hellen Stern.“ Darauf
zog sie einen großen Kreis um den Sarg und sagte: „Hebe Dich hinweg,
böser Geist, der den Leichnam bewacht.“ Dann fiel sie betend auf die
Kniee: „Teufelsfreund, Hilbert,“ sagte sie, „Hans, mein Herr und
Meister, befiehlt mir, hierherzukommen, um Dir die Hand abzuschneiden
und sie ihm zu bringen. Ich schulde ihm Gehorsam. Laß nicht das Feuer
der Erde gegen mich los, weil ich die Ruhe Deines edlen Grabes störe,
und vergib mir um Gott und der Heiligen willen.“
Dann zerbrach sie das Eis in der Linie des Sarges und erreichte den
feuchten Rasen, dann den Sand. Und der Amtmann und seine Beamten, Nele
und Katheline erblickten den Körper eines jungen Mannes, der vom Sande
weiß wie Kalk war. Er trug ein Wams von grauem Tuch, desgleichen den
Mantel; sein Degen war ihm zur Seite gelegt. Er hatte eine Tasche von
Eisenmaschen am Gürtel, und ein breiter Dolch steckte unter seinem
Herzen. Auf dem Tuche des Wamses war Blut, und dies Blut war unter
seinen Rücken geflossen. Und der Mann war jung.
Katheline schnitt ihm die Hand ab und tat sie in ihren Beutel. Und
der Amtmann ließ es geschehen; dann befahl er ihr, den Leichnam aller
seiner Waffen und Gewandung zu entblößen. Katheline fragte, ob Hans
es also befohlen habe. Der Amtmann antwortete, daß er nur nach seinen
Befehlen handle, und alsbald tat Katheline, was er wollte.
Als der Leichnam entblößt war, sah man, daß er trocken wie Holz,
aber nicht verwest war; und der Amtmann und seine Beamten gingen von
dannen, nachdem sie ihn wieder mit Sand hatten bedecken lassen, und
die Büttel trugen die Sachen des Toten. Da sie vor dem Gemeindekerker
vorbeikamen, sagte der Amtmann zu Katheline, daß Hans sie dort erwarte;
sie ging freudig hinein.
Nele wollte sie daran hindern, und Katheline erwiderte immerfort: „Ich
will Hans, meinen Herrn sehen.“
Und Nele weinte auf der Schwelle, denn sie wußte, daß Katheline als
Zauberin verhaftet war, um der Beschwörungen und Zeichen willen, so sie
auf den Schnee gemacht hatte.
Und in Damm ging die Rede, daß es keine Gnade für sie gäbe. Und
Katheline wurde in den westlichen Kerker des Gefängnisses gebracht.
5
Am folgenden Tag, da der Wind aus Brabant wehte, schmolz der Schnee,
und die Wiesen wurden überschwemmt.
Und die Sturmglocke rief die Richter zum Gericht der „Vierschare,“
das wegen der Feuchtigkeit der Rasenbänke unter einem Schirmdache
stattfand. Und das Volk stand im Kreise um die Richter.
Joos Damman wurde aller Fesseln ledig in seiner fürnehmen
Tracht vorgeführt. Auch Katheline wurde herbeigeführt, mit vorn
zusammengebundenen Händen, in einem Kleide von grauer Leinwand, der
Gefängnistracht.
Joos Damman bekannte im Verhör, daß er seinen Freund Hilbert im
Zweikampf auf Degen getötet habe. Als man ihm sagte: Er ist von
einem Dolchstoß getroffen, antwortete Joos Damman: „Ich habe ihn
niedergestochen, weil er nicht rasch genug starb. Da ich unter dem
Schutz der flandrischen Gesetze stehe, die verbieten, den Mörder nach
Ablauf von zehn Jahren zu verfolgen, so bekenne ich den Mord willig.“
Der Amtmann sprach zu ihm:
„Bist Du kein Zauberer?“
„Nein,“ antwortete Damman.
„Beweise es,“ sagte der Amtmann.
„Ich werde es zu gelegener Zeit und am rechten Orte tun, aber es
beliebt mir nicht, es jetzt zu tun.“
Der Amtmann befragte alsdann Katheline; sie hörte ihn nicht und schaute
Hans an:
„Du bist mein grüner Ritter, schön wie die Sonne. Nimm das Feuer fort,
Herzliebster.“
Darauf sprach Nele an ihrer Stelle:
„Sie kann nichts bekennen, als was Ihr schon wisset, Euer Gnaden und
Ihr Herren. Sie ist keine Hexe, sondern nur irre.“
Nunmehr redete der Amtmann und sprach:
„Zauberer ist der, welcher durch teuflische Mittel, wissentlich
angewendet, sich bemüht, irgend etwas zu erreichen. Nun sind diese
beiden, Mann und Weib, Zauberer nach Absicht und Tat, er, weil er
ihr die Salbe für den Hexensabbat gegeben und sich das Gesicht hell
wie Luzifer gemacht hat, um Geld und Befriedigung seiner Wollust zu
erhalten; sie, weil sie sich ihm unterworfen hat, da sie ihn für einen
Teufel hielt, und sich seinen Begierden hingegeben hat. Er hat sich mit
Zauberei abgegeben, sie ist seine offenbare Mitschuldige. Derhalben
dürfen wir kein Mitleid haben, und ich muß es sagen, denn ich sehe die
Schöffen und das Volk der Frau allzu wohl gesinnt. Sie hat zwar nicht
gemordet noch gestohlen, noch Vieh und Menschen behext, noch irgend
einen Kranken durch außergewöhnliche Mittel geheilt, sondern nur durch
Hausmittel, so der ehrbaren, christlichen Arzeneikunde bekannt sind.
Aber sie wollte ihre Tochter dem Teufel ausliefern, und wenn diese
nicht trotz ihrer Jugend mit so redlichem, wackeren Mute widerstanden
hätte, so hätte sie Hilbert nachgegeben und wäre wie jene eine Hexe
geworden. Darum so frage ich die Herren vom Gericht, ob sie nicht der
Meinung sind, daß die Beiden auf die Folter gespannt werden müssen!“
Die Schöffen antworteten nicht und zeigten dadurch genugsam, daß
solches nicht ihr Wunsch sei, soweit es Katheline betraf.
Darauf redete der Amtmann weiter:
„Ich bin gleich Euch von Mitleid und Erbarmen für sie bewegt. Aber
konnte diese irrsinnige Hexe, die dem Teufel so trefflich gehorchte,
nicht mit einer Sichel ihrer Tochter den Kopf abschneiden, wenn ihr
mitangeklagter Buhle es ihr befohlen hätte, gleichwie es Katharine Daru
im Lande Frankreich auf Geheiß des Teufels bei ihren beiden Töchtern
getan hat? Konnte sie nicht, wenn ihr schwarzer Gemahl es ihr geboten
hätte, Tiere töten, die Butter im Butterfaß gerinnen machen, indem sie
Zucker hinein warf? Konnte sie nicht in Person allem Teufeldienst,
Hexentanz, Greueln und Buhlschaft der Zauberer beiwohnen? Konnte
sie nicht Menschenfleisch essen und die Kinder schlachten, Pasteten
daraus machen und sie verkaufen, wie ein Pastetenbäcker in Paris es
getan hat? Konnte sie nicht die Lenden der Gehenkten abschneiden und
forttragen, um hineinzubeißen und solchergestalt schändlichen Diebstahl
und Entweihung zu begehen? Und ich fordere vom Gerichtshof, daß alle
beide, Katheline und Joos Damman, auf die Folter gebracht werden, um zu
erfahren, ob sie kein anderes Verbrechen als die schon bekannten und
erforschten begangen haben. Da Joos Damman sich weigert, irgend etwas
außer dem Mord zu gestehen, und Katheline gar nichts ausgesagt hat, so
erheischen die Reichsgesetze das Verfahren, das ich bezeichnet habe.“
Und der Spruch der Schöffen lautete auf Tortur am Freitag, welcher
übermorgen war.
Und Nele rief: „Gnade, Ihr Herren,“ und das Volk rief mit ihr. Aber es
war vergeblich.
Und Katheline blickte Joos Damman an und sprach:
„Ich habe Hilberts Hand, hole sie diese Nacht, mein Geliebter!“ Und sie
wurden wieder ins Gefängnis geführt.
Dort ward dem Kerkermeister auf Geheiß des Gerichtshofes anbefohlen,
jedem zwei Wärter zu geben, die sie allemal, wenn sie einschlafen
wollten, schlagen sollten, aber die zwei Wächter Kathelines ließen
sie die Nacht durch schlafen, und die von Joos Damman schlugen ihn
unbarmherzig, so oft er die Augen schloß oder nur den Kopf neigte.
Sie hungerten den ganzen Tag und die Nacht des Mittwoch und den ganzen
Donnerstag bis zum Abend; dann gab man ihnen zu essen und zu trinken:
Fleisch mit Salz und Salpeter, und Wasser mit Salz und Salpeter. Das
war der Anfang ihrer Tortur. Und am Morgen, als sie vor Durst schrien,
führten die Büttel sie in die Folterkammer.
Dort wurden sie einander gegenüber gelegt und jeder auf eine Bank
gebunden, die mit verknoteten Stricken bedeckt war, was ihnen große
Pein verursachte. Und sie mußten jeder ein Glas Wasser mit Salz und
Salpeter trinken.
Da Joos Damman auf der Bank einschlafen wollte, schlugen ihn die Büttel.
Und Katheline sprach:
„Schlagt ihn nicht, Ihr Herren, Ihr zerbrechet seinen armen Körper. Er
hat nur ein einziges Verbrechen begangen, und das aus Liebe, als er
Hilbert umbrachte. Mich dürstet und dich auch, mein geliebter Hans.
Gebt ihm zuerst zu trinken. Wasser! Wasser! Mein Körper brennt. Schonet
seiner, ich werde bald für ihn sterben. Zu trinken!“
Hans sprach zu ihr:
„Garstige Hexe, stirb und verrecke wie eine Hündin. Werft sie ins
Feuer, Ihr Herren Richter. Mich dürstet!“
Die Schreiber schrieben alle seine Worte nieder.
Darauf sprach der Amtmann zu ihm:
„Hast Du nichts zu gestehen?“
„Ich habe nichts mehr zu sagen“, antwortete Damman. „Ihr wisset alles.“
„Da er beim Leugnen beharrt,“ sagte der Amtmann, „soll er, bis auf
neues und vollständiges Geständnis, auf der Marterbank und auf diesen
Stricken bleiben: er soll Durst leiden und am Schlafen verhindert
werden.“
„Ich werde bleiben,“ sagte Joos Damman, „und mich damit ergötzen, diese
Hexe auf jener Bank leiden zu sehen. Wie findest Du das Hochzeitsbett,
mein Schätzchen?“
Und Katheline antwortete ächzend:
„Kalte Hände und heißes Herz. Hans, mein Liebster. Mich dürstet, mein
Kopf brennt!“
„Und Du, Weib,“ sprach der Amtmann, „hast Du nichts mehr zu sagen?“
„Ich höre den Karren des Todes und das Klappern der Gebeine,“ sprach
sie. „Mich dürstet! Er führt mich an einen großen Fluß, in dem Wasser,
frisches, klares Wasser ist; aber dies Wasser ist Feuer. Hans, mein
Freund, befreie mich von diesen Stricken. Ja, ich bin im Fegefeuer, und
ich sehe oben den Herrn Jesus in seinem Paradies und die gnadenreiche
Jungfrau. Oh, unsere liebe Frau, gib mir einen Tropfen Wassers, beiße
nicht allein in diese schönen Früchte.“
„Dies Weib wird von grausamem Wahnsinn geplagt,“ sagte einer der
Schöffen. „Sie muß von der Folterbank genommen werden.“
„Sie ist so wenig wahnsinnig wie ich,“ sagte Joos Damman, „das ist
eitel Spiel und Verstellung.“ Und mit drohender Stimme sagte er zu
Katheline: „Ich werde Dich, die so trefflich die Irre spielt, im Feuer
sehen.“ Und er knirschte mit den Zähnen und lachte ob seiner grausamen
Lüge.
„Mich dürstet, erbarmt Euch, mich dürstet,“ sagte Katheline. „Hans,
mein Liebster, gib mir zu trinken. Wie weiß Dein Gesicht ist! Lasset
mich zu ihm, Ihr Herren Richter.“ Und den Mund weit öffnend: „Ja, ja,
jetzo legen sie mir das Feuer in die Brust, und die Teufel binden mich
auf dies grausame Bett. Hans, Du bist so mächtig, nimm deinen Degen und
töte sie! Wasser! zu trinken, zu trinken!“
„Verrecke, Hexe,“ sagte Joos Damman. „Man sollte ihr eine Angstbirne
ins Maul stecken, damit sie, die Bäuerin, sich nichts gegen mich, den
Edelmann, herausnehmen kann.“
Auf diese Rede erwiderte ein Schöffe, der dem Adel feind war: „Herr
Amtmann, es ist den Rechten und Bräuchen des Reiches zuwider, denen,
so peinlich befragt werden, Angstbirnen in den Mund zu stecken. Denn
sie sind hier, um die Wahrheit zu bekennen, und damit wir sie nach
ihren Aussagen richten. Das ist nur verstattet, wenn der verurteilte
Angeklagte auf dem Blutgerüst zum Volke sprechen, es dergestalt rühren
und einen öffentlichen Aufruhr erregen könnte.“
„Mich dürstet,“ sagte Katheline. „Gib mir zu trinken, Hans, mein
Herzliebster.“
„Ha, du leidest, verfluchte Hexe,“ sprach er, „Du, die einzige Ursache
aller Qualen, die ich erdulde. Aber Du wirst in dieser Folterkammer die
Marter der Kerzen, den Wippgalgen und die Holzstückchen zwischen den
Nägeln der Füße und Hände erleiden. Man wird dich rittlings auf einen
Sarg setzen, dessen Rücken so scharf ist wie eine Messerklinge, und Du
wirst bekennen, daß Du keine Wahnsinnige, sondern eine schlimme Hexe
bist, der Satan befohlen hat, den Edelleuten etwas anzutun. Zu trinken!“
„Hans, mein Lieber,“ sprach Katheline, „zürne Deiner Magd nicht. Ich
leide tausend Schmerzen für Dich, mein Gebieter. Schonet seiner, Ihr
Herren Richter; gebet ihm einen vollen Becher zu trinken und hebt mir
nur einen Tropfen auf. Hans, ist die Stunde des Fischadlers noch nicht
da?“
Jetzo sagte der Amtmann zu Joos Damman:
„Da Du Hilbert umbrachtest, was war der Anlaß des Zweikampfes?“
„Es war wegen einer Dirne aus Heyst, die wir alle beide haben wollten.“
„Eine Dirne aus Heyst,“ schrie Katheline und wollte mit Gewalt von der
Bank aufstehen. „Du betrügst mich mit einer Andern, du falscher Teufel.
Wußtest du, daß ich hinter dem Deich horchte, als Du sagtest, Du
wolltest alles Geld haben, das Klas gehörte? Du wolltest es gewißlich
in Leckereien und Schlemmereien mit ihr ausgeben! Ach, und ich, die ihm
ihr Blut gegeben hätte, wenn er Gold daraus hätte machen können! Und
alles wegen einer Andern. Sei verflucht!“
Aber plötzlich weinte sie und versuchte, sich auf ihrer Folterbank
umzudrehen:
„Nein, Hans, sage, daß Du Deine arme Magd noch lieb haben willst, und
ich will mit meinen Fingern die Erde aufscharren und einen Schatz
finden. Ja, es ist einer da, und ich werde mit der Wünschelrute gehen,
die sich nach der Seite neigt, wo die Metalle sind; und ich werde
ihn finden und ihn Dir bringen. Küsse mich, Liebster, und Du sollst
reich werden; und wir werden Fleisch essen und alle Tage Bier trinken.
Ja, ja, die da trinken auch Bier, frisches, schäumendes Bier. O, Ihr
Herren, gebt mir nur einen Tropfen davon, ich bin im Feuer. Hans, ich
weiß es wohl, wo Haselruten sind, aber wir müssen bis zum Frühjahr
warten.“
„Schweig, Hexe,“ sagte Joos Damman, „ich kenne Dich nicht. Du hast
Hilbert für mich gehalten. Er war’s, der Dich besuchte. Und in Deinem
boshaften Gemüt nanntest Du ihn Hans. Wisse, daß ich nicht Hans heiße,
sondern Joos. Wir waren von gleichem Wuchs, Hilbert und ich. Ich
kenne Dich nicht. Ohne Zweifel war es Hilbert, der die siebenhundert
Karolusgülden stahl. Gebt mir zu trinken. Mein Vater wird einen Becher
Wassers mit hundert Gülden bezahlen; aber dieses Weib kenne ich nicht.“
„Gnädiger Herr,“ rief Katheline aus, „er sagt, daß er mich nicht kennt;
aber ich, ich kenne ihn wohl und weiß, daß er auf dem Rücken ein
braunes, behaartes Mal so groß wie eine Bohne hat. Ha, Du liebtest eine
Dirne aus Heyst. Schämt sich ein wahrer Liebhaber seines Liebchens?
Hans, bin ich nicht noch schön?“
„Schön!“ sagte er. „Du hast ein Gesicht wie eine Mispel und einen Leib
wie ein Reisigbündel. Sehet das Bettelweib, das von fürnehmen Herren
geliebt sein will. Zu trinken!“
„Du sprachst nicht also, Hans, mein süßer Herr,“ sagte sie, „da ich
sechzehn Jahre jünger war denn jetzt.“ Dann schlug sie sich vor Kopf
und Stirn. „Die Glut darinnen dörrt mir Herz und Gesicht; schelte
mich nicht darum. Weißt Du noch, wenn wir Gesalzenes aßen, um mehr zu
trinken, wie Du sagtest? Jetzt ist das Salz in uns, mein Liebster, und
der Herr Amtmann trinkt Wein aus der Romagna. Wir wollen keinen Wein,
gebt uns Wasser. Es rieselt im Grase, das Wässerlein, das die klare
Quelle macht; das gute Wasser, es ist kalt. Nein, es brennt, es ist
höllisches Wasser.“ Und Katheline weinte und sagte: „Ich habe Niemandem
Übles getan, und jedermann wirft mich ins Feuer. Zu trinken! Man gibt
den herrenlosen Hunden Wasser. Ich bin eine Christin, gebt mir zu
trinken. Ich habe Niemandem Übles getan. Zu trinken!“
Darauf redete ein Schöffe und sagte:
„Diese Hexe ist nur in so weit toll, als sie vom Feuer behauptet, daß
es ihr den Kopf verbrenne. In andern Dingen ist sie es nicht, maßen sie
uns klaren Geistes half, die sterblichen Reste des Toten zu entdecken.
Wenn das behaarte Mal sich auf Joos Dammans Körper findet, so genügt
dies, um festzustellen, daß er und der Teufel Hans, von dem Katheline
betört ward, derselbe ist. Henker, laß uns das Mal sehen.“
Der Henker entblößte Hals und Schulter und zeigte das braune behaarte
Mal.
„Ach,“ sagte Katheline, „wie weiß Deine Haut ist! Beinahe wie die
Schultern eines Mägdleins. Du bist schön, Hans, mein Geliebter. Zu
trinken!“
Der Henker stach mit einer langen Nadel in das Mal; aber es blutete
nicht.
Und die Schöffen sprachen untereinander:
„Er ist ein Teufel, und er wird Joos Damman umgebracht und sein Gesicht
angenommen haben, um die arme Welt desto sichrer zu täuschen.“
Und der Amtmann und die Schöffen erschraken und sprachen:
„Er ist ein Teufel, und es ist Zauberei im Spiel.“
Und Joos Damman sagte:
„Ihr wisset, daß keine Zauberei im Spiel ist, und daß es solche
fleischigen Auswüchse gibt, die man stechen kann, ohne daß sie bluten.
Wenn Hilbert von dieser Hexe Geld genommen hat, denn sie ist ja eine,
die bekennt, mit dem Teufel gebuhlt zu haben, so durfte er es mit
ausdrücklicher Zustimmung dieser Bäuerin und ward also als Edelmann für
seine Zärtlichkeiten bezahlt, wie es die Dirnen alle Tage tun. Gibt es
in dieser Welt nicht gleich den Dirnen leichtfertige Burschen, so sich
von den Weibern ihre Kraft und Schönheit bezahlen lassen?“
Die Schöffen sagten untereinander:
„Sehet die teuflische Dreistigkeit! Seine behaarte Warze hat nicht
geblutet; er ist ein Mörder, Teufel und Zauberer und will sich
schlechtweg für einen Duellanten ausgeben, indem er seine andern
Verbrechen auf den teuflischen Freund wälzt, dem er den Leib, aber
nicht den Geist getötet hat ... Und sehet, wie bleich sein Gesicht ist.
/ So erscheinen alle Teufel, rot in der Hölle, bleich auf Erden, denn
sie haben nicht das Lebensfeuer, das dem Gesicht seine rote Farbe gibt,
und inwendig sind sie Asche. Er muß ins Feuer zurückgebracht werden,
damit er rot wird und brennt.“
Darauf sagte Katheline:
„Ja, er ist ein Teufel, aber ein guter, freundlicher Teufel. Und der
heilige Jakobus, sein Schutzpatron, hat ihm erlaubt, die Hölle zu
verlassen. Er bittet den Herrn Jesum alle Tage für ihn. Er wird nur
siebentausend Jahre im Fegefeuer sein müssen: die Jungfrau will es,
aber Herr Satan ist dagegen. Aber die hohe Frau tut, was sie will.
Werdet Ihr wider sie sein? Wenn Ihr ihn recht betrachtet, werdet Ihr
sehen, daß er von seiner teuflischen Natur nichts behalten hat, denn
den kalten Körper und das leuchtende Antlitz, wie es die See im August
hat, wenn es donnern will.“
Und Joos Damman sagte:
„Schweig, Hexe, Du bringst mich ins Feuer.“ Dann sprach er zum Amtmann
und zu den Schöffen: „Seht mich an, ich bin kein Teufel. Ich bin aus
Fleisch und Bein, Blut und Wasser. Ich trinke und esse, verdaue und
scheide aus gleich Euch; meine Haut ist gleich der Euren und mein Fuß
desgleichen. Henker, zieh mir die Stiefel aus, denn ich kann mich mit
den gefesselten Füßen nicht rühren.“
Der Henker tat es, nicht ohne Furcht.
„Sehet,“ sprach Joos und zeigte seine weißen Füße. „Sind das Klauen,
Teufelsfüße? Was meine Blässe angeht, / ist keiner unter Euch so blaß
wie ich? Ich sehe mehr als drei, die so sind. Aber nicht ich bin’s,
der gesündigt hat, sondern diese garstige Hexe und ihre Tochter, die
boshafte Anklägerin. Woher hat sie das Geld, das sie Hilbert gegeben
hat? Woher stammten die Gülden, die sie ihm lieh? War es nicht der
Teufel, der sie bezahlte, um fürnehme, unschuldige Männer anzuklagen
und dem Tode auszuliefern? Diese beiden müssen gefragt werden, wer
den Hund im Hof erwürgte, wer das Loch grub und davon ging, nachdem
er alles herausgenommen, ohne Zweifel, um den Schatz an einem andern
Ort zu verbergen. Soetkin, die Witwe, hatte kein Vertrauen zu mir, da
sie mich nicht kannte, wohl aber zu ihnen, die sie alle Tage sah. Die
beiden sind’s, die des Kaisers Habe gestohlen haben.“
Der Gerichtsschreiber schrieb, und der Amtmann sprach zu Katheline:
„Weib, hast Du nichts zu Deiner Verteidigung zu sagen?“
Katheline schaute Joos Damman an und sagte gar verliebt:
„Es ist die Stunde des Fischadlers. Ich habe Hilberts Hand, mein lieber
Hans. Sie sagen, daß Du mir die siebenhundert Karolus wiedergeben
wirst. Nehmt das Feuer fort, nehmt das Feuer fort!“ schrie sie sodann.
„Zu trinken, zu trinken, mein Kopf brennt. Gott und die Engel essen im
Himmel Äpfel.“
Und sie verlor das Bewußtsein.
„Bindet sie von der Folterbank los,“ sprach der Amtmann. Der Henker und
seine Knechte gehorchten. Und sie taumelte und hatte geschwollene Füße,
maßen der Henker die Stricke zu fest geschnürt hatte.
„Gebt ihr zu trinken,“ sprach der Amtmann.
Es ward ihr frisches Wasser gegeben; sie goß es begierig hinunter,
indem sie den Becher zwischen den Zähnen festhielt und nicht loslassen
wollte, wie ein Hund mit einem Knochen tut. Dann gab man ihr noch mehr
Wasser, und sie wollte Joos Damman davon bringen, aber der Henker riß
ihr den Becher aus den Händen. Und sie fiel wie ein Bleiklumpen zu
Boden und schlief.
Darauf schrie Joos Damman wütend:
„Auch ich bin durstig und schläfrig! Warum gebet Ihr ihr zu trinken?
Warum lasset Ihr sie schlafen?“
„Sie ist schwach, ein Weib und irre,“ sprach der Amtmann.
„Ihr Irrsinn ist ein Spiel,“ sagte Joos Damman; „sie ist eine Hexe; ich
will trinken, ich will schlafen!“
Und er schloß die Augen, doch die Knechte des Henkers schlugen ihn ins
Angesicht.
„Gebt mir ein Messer,“ schrie er, „daß ich diese Tölpel in Stücke
schneide. Ich bin ein Edelmann und ward noch nie ins Gesicht
geschlagen! Wasser! Laßt mich schlafen, ich bin unschuldig. Nicht ich
habe die siebenhundert Karolus genommen, sondern Hilbert. Zu trinken!
Ich habe nie Zauberei und Beschwörung getrieben. Ich bin unschuldig,
laßt mich. Zu trinken!“
Darauf fragte der Amtmann:
„Womit verbrachtest Du die Zeit, seit Du Katheline verlassen?“
„Ich kenne Katheline nicht; ich habe sie nicht verlassen,“ erwiderte
er. „Ihr befragt mich über Dinge, die mit der Sache nichts zu tun
haben. Ich brauche Euch nicht zu antworten. Zu trinken, laßt mich
schlafen. Ich sage Euch, Hilbert war’s, der alles verübt hat.“
„Bindet ihn los,“ sagte der Amtmann. „Führt ihn in sein Gefängnis
zurück. Aber er soll Durst leiden und nicht schlafen, bis daß er alle
seine Zaubereien und Beschwörungen bekannt hat.“
Und es war eine grausame Folter für Damman. So laut schrie er in seinem
Gefängnis: Zu trinken, zu trinken! daß das Volk ihn hörte, aber ohne
jedwedes Mitleid. Und da er vor Müdigkeit umfiel und ihn seine Wächter
ins Gesicht schlugen, war er wie ein Tiger und schrie:
„Ich bin ein Edelmann und werde Euch Bauern umbringen. Ich werde zum
König, unserm Herrn, gehen. Zu trinken!“
Aber er bekannte nichts, und man ließ ihn allein.
6
Es war zur Maienzeit; die Gerichtslinde war grün, grün waren auch
die Rasenbänke, auf denen die Richter saßen. Nele war als Zeugin
vorgeladen. An diesem Tage sollte das Urteil gesprochen werden.
Und das Volk, Männer, Weiber, Bürger und Arbeiter, stunden rings um die
Dingstätte, und die Sonne schien hell.
Katheline und Joos Damman wurden vorgeführt, und Damman schien noch
bleicher wegen der Marter des Durstes und der schlaflos verbrachten
Nächte.
Katheline, die nicht auf ihren zitternden Beinen stehen konnte, wies
auf die Sonne und sprach:
„Nehmt das Feuer fort, mein Kopf brennt!“
Und sie blickte Joos Damman voll zärtlicher Liebe an.
Und er blickte sie voller Haß und Verachtung an.
Und die Ritter und Edelleute, seine Freunde, die nach Damm berufen
waren, standen männiglich als Zeugen vor dem Gerichtshof.
Darauf redete der Amtmann und sprach:
„Nele, das Mägdlein, die ihre Mutter Katheline mit so großer Liebe
verteidigt, hat in der Tasche, die an den Rock, den Feiertagsrock
derselbigen angenäht ist, ein Brieflein gefunden, Joos Damman
unterzeichnet. Unter den Überbleibseln von Hilbert Ryvisch fand ich in
der Gürteltasche des Toten einen andern Brief von besagtem Joos Damman,
dem hier vor Euch gegenwärtigen Angeklagten. Ich habe alle beide bei
mir bewahrt, damit Ihr im rechten Augenblick, der jetzt gekommen ist,
über die Hartnäckigkeit dieses Mannes urteilen und ihn nach Recht und
Gerechtigkeit freisprechen oder verdammen könnt. Hier ist das in der
Gürteltasche gefundene Pergament. Ich habe es nicht berührt und weiß
nicht, ob es lesbar ist oder nicht.“
Die Richter waren darob in großer Bestürzung.
Der Amtmann versuchte die Pergamentkugel auseinander zu wickeln, aber
es war vergeblich, und Joos Damman lachte.
Darauf sagte ein Schöffe:
„Legt die Kugel ins Wasser und hernach vors Feuer; wenn sie durch ein
Geheimnis zusammengeklebt ist, werden Feuer und Wasser es auflösen.“
Das Wasser ward herbeigebracht; der Henker entzündete auf dem Felde
ein großes Holzfeuer. Der Rauch stieg durch die grünenden Zweige der
Gerichtslinde blau in den hellen Himmel empor.
„Leget den Brief nicht in das Becken,“ sagte ein Schöffe, „denn wenn
er mit in Wasser gelöstem Ammoniak geschrieben ist, werdet Ihr die
Schriftzeichen auslöschen.“
„Nein,“ sagte der anwesende Wundarzt, „die Schriftzüge werden nicht
verlöschen; das Wasser wird nur die Tünche aufweichen, die das Öffnen
dieser magischen Kugel verhindert.“
Das Pergament ward ins Wasser getaucht, erweicht und entfaltet.