In Trümmern, Blut und Tränen suche.“

„Wer ist denn mehr als die lockeren Dirnen Ursache des Verfalls?

Verlieren die armen, betörten Männer nicht bei ihnen ihre schönen,

glänzenden, klingenden Karolus, ihre Kleinodien, Ketten und Ringe und

gehen ohne Wams, zerlumpt und zerfetzt, wohl gar ohne Hemd von dannen,

dieweil jene sich an ihrem Raub mästen? Wohin ist das klare, rote Blut,

das in ihren Adern floß? Jetzt ist es wie Birnensaft. Und stechen

sie sich nicht auch mit Dolch, Messer und Degen, um ihre holden

reizenden Leiber zu genießen? Die bleichen, blutigen Leichname, die man

fortträgt, sind die Leichen armer Liebestoller. Wenn der Vater schmält

und finster auf seinem Sessel sitzt, wenn seine weißen Haare noch

weißer und starrer scheinen und aus seinen trocknen Augen, darinnen

der Kummer über des Sohnes Verderben brennt, die Tränen nicht fließen

wollen, wenn die Mutter, stumm und bleich gleich einer Toten, weint,

als ob sie nichts mehr sähe, denn die Schmerzen dieser Welt: wer läßt

alsdann diese Tränen fließen? Die Dirnen, die nichts lieben als sich

und das Geld und die denkende, arbeitende, philosophierende Welt an

ihren güldenen Gürtel halten. Ja, da sind die Sieben, und wir werden zu

den Dirnen gehen, Lamm. Deine Frau ist vielleicht auch dort; das wird

ein doppelter Fang sein.“

„Wohlan,“ sprach Lamm.

Man war dermalen im Rosenmond, gegen Ende des Sommers, wenn die Sonne

schon die Blätter der Kästenbäume rötet, die Vöglein in den Bäumen

singen, und keine Milbe so klein ist, daß sie nicht vor Behagen im

warmen Gras summte.

Lamm irrte mit gesenktem Kopf an Ulenspiegels Seite durch die Straßen

von Antwerpen und schleppte seinen Körper wie ein Haus daher.

„Lamm,“ sprach Ulenspiegel, „Du bläsest Trübsal. Weißt Du denn nicht,

daß nichts der Haut mehr schadet? Wenn Du in Deinem Kummer verharrst,

wird sie in Streifen von Dir abfallen. Und das wird sich hübsch

anhören, wenn man von Dir sagt: Der abgehäutete Lamm.“

„Mich hungert,“ sprach Lamm.

„Komm essen“, sprach Ulenspiegel.

Und sie gingen selbander zur „Alten Stiege,“ allwo sie Choesels aßen

und Dobbel-kuyt tranken, so viel sie konnten.

Und Lamm weinte nicht mehr.

Und Ulenspiegel sagte: „Gesegnet sei das gute Bier, das Dir die Seele

voller Sonnenschein macht! Du lachst und schüttelst Deinen Bauch. Wie

gern seh ich den Tanz der lustigen Gedärme!“

„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie würden noch weit mehr tanzen, wenn ich

das Glück hätte, mein Weib wiederzufinden.“

„Laß sie uns suchen,“ sprach Ulenspiegel.

So kamen sie in das Viertel der Unteren Schelde.

„Schau,“ sprach Ulenspiegel zu Lamm, „dieses Häuschen, ganz aus Holz,

mit schönen, wohlgefügten Fensterrahmen und Butzenscheiben. Betrachte

diese gelben Vorhänge und diese rote Laterne. Da, mein Sohn, thront

hinter vier Tonnen Braunbier, Uitzet, Dobbelkuyt und Wein aus Amboise

eine schöne Wirtin von fünfzig oder mehr Jahren. Jedes Jahr, das sie

zurücklegte, versah sie mit einer neuen Speckschicht. Auf einer der

Tonnen brennt eine Kerze und vor den Deckbalken hängt eine Laterne.

Es ist da hell und dunkel; dunkel für die Liebe und hell für die

Bezahlung.“

„Aber,“ sprach Lamm, „das ist ja ein Kloster von Teufelsnönnlein, und

diese Wirtin ist ihre Aebtissin.“

„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „diese ist’s, die in Herrn Beelzebubs Namen

fünfzehn schöne Mägdlein von lockerem Wandel auf den Pfad der Sünde

führt. Sie finden bei ihr Zuflucht und Nahrung, aber sie dürfen dort

nicht schlafen.“

„Kennest Du dies Kloster?“ fragte Lamm.

„Ich will dort Deine Frau suchen. Komm.“

„Nein,“ sagte Lamm, „ich habe es überlegt und gehe nicht hinein.“

„Willst Du deinen Freund ganz allein der Fährlichkeit unter diesen

Astartes aussetzen?“

„Möge er nicht gehen,“ sagte Lamm.

„Aber wenn er doch hingehen muß, um die Sieben und dein Weib zu finden?“

„Ich möchte lieber schlafen,“ sprach Lamm.

„Ei komm doch,“ sagte Ulenspiegel, öffnete die Türe und schob Lamm

vor sich her. „Sieh, die Wirtin sitzt hinter ihren Fässern zwischen

zwei Kerzen. Das Gemach ist weit, mit einer Decke von gedunkeltem

Eichenholz und rauchgeschwärzten Balken. Rund herum sind Bänke und

Tische mit wackligen Beinen, mit Gläsern, Schoppen, Bechern, Humpen,

Krügen, Karaffen, Flaschen und anderm Trinkgerät. In der Mitte sind

abermals Tische und Stühle, darauf Schauben, das sind Weibermäntel,

güldene Gürtel, Stelzschuhe von Sammet, Dudelsäcke, Pfeifen und

Schalmeien herumliegen. In der Ecke ist eine Stiege, die ins obere

Stockwerk führt. Ein kleiner, kahlköpfiger Buckliger spielt auf einem

Clavizimbal, das auf Glasfüßen steht, so dem Instrument einen scharfen

Ton geben. Tanze, mein Dicker. Fünfzehn schöne Dirnen sitzen dort, die

einen auf Tischen, die andern auf Stühlen, rittlings, gebückt oder

gerade, mit aufgestütztem Ellenbogen, verkehrt herum oder nach ihrer

Laune auf dem Rücken oder auf der Seite liegend. Sie sind weiß oder

rot gekleidet, ihre Arme sind nackt, ebenso die Schultern und die

Brust bis an die Mitte des Körpers. Es sind ihrer von allen Sorten da,

auserlesene! Bei den einen läßt das Kerzenlicht, das ihre blonden Haare

liebkost, die blauen Augen im Schatten, also daß man nur ihren feuchten

Glanz schimmern sieht. Andere schauen zur Decke hinauf und säuseln zur

Laute ein deutsches Lied. Wieder andre, rund, braun, fett und schamlos,

trinken Wein von Amboise aus vollen Humpen, zeigen ihre runden, bis zur

Schulter nackten Arme und ihr halb offnes Gewand, aus dem die runden

Brüste wie Äpfel hervorsehen, und ohne Scham sprechen sie mit vollem

Munde, eine nach der andern oder alle zumal. Höre sie an:

„Nichts da von Geld heute! Liebe wollen wir. Liebe nach unsrer Wahl“,

sagten die schönen Dirnen, „Liebe eines Kindes, Jünglings oder wer

immer uns gefällt, ohne zu zahlen“. / „Mögen die, in die Natur die

männliche Kraft legte, die wahre Männer macht, zu uns an diesen Ort

kommen, um Gottes und unsrer Liebe willen.“ / „Gestern war der Tag, da

man zahlte, heute ist der Tag, da man liebt!“ / „Wer will von unsern

Lippen trinken, sie sind noch feucht von der Flasche. Wein und Küsse,

das ist ein vollkommnes Fest!“ / „Wir spotten der Witwen, die allein

schlafen. Wir sind Dirnen! Heute ist ein Tag des Wohltuns! Den Jungen,

Starken und Schönen öffnen wir unsere Arme. Zu trinken!“ / „Schätzlein,

ist es der Liebesschlacht halber, daß Dein Herz in der Brust die

Trommel schlägt? Welche Unruhe! Das ist das Schlagwerk der Küsse! Wann

werden sie kommen, mit vollen Herzen und leerem Geldbeutel? Wittern sie

nicht leckere Abenteuer? Welcher Unterschied ist zwischen einem jungen

Geusen und dem Herrn Markgrafen? Seine Gnaden bezahlt in Gülden und der

junge Geuse mit Liebkosungen. Es lebe der Geuse! Wer will gehen und die

Kirchhöfe erwecken?“

Also redeten die jungen, heißblütigen und fröhlichen unter den Mädchen

von lockerem Wandel.

Aber es waren ihrer andere mit schmalem Gesicht und mageren Schultern,

die um Ersparnisse mit ihrem Körper Handel trieben und den Preis ihres

dürren Fleisches auf Heller und Pfennig aufschrieben. Diese schmälten

untereinander: „Es ist recht einfältig von uns, in diesem ermüdenden

Handwerk auf Entgelt zu verzichten um der wunderlichen Launen willen,

die den mannstollen Dirnen durchs Hirn fahren. Wenn sie ein Mondviertel

im Kopf haben, so haben wir es nicht. Wir ziehen es vor, in unsern

alten Tagen nicht unsere Lumpen durch die Gosse zu schleifen wie sie,

sondern uns bezahlen zu lassen, da wir feil sind. / Nichts von umsonst!

Die Männer sind häßlich, stinkend, brummig, Fresser und Säufer. Sie

allein bringen die armen Weiber ins Unglück!“

Doch die Jungen und Schönen vernahmen von diesen Reden nichts; sie

waren ganz bei ihrem Vergnügen und Zechen und sagten:

„Hört Ihr das Totenglöcklein von Notre Dame läuten? Wir brennen! Wer

will gehen und die Kirchhöfe erwecken?“

Da Lamm so viel Frauen, braune und blonde, frische und verblühte, zumal

sah, schämte er sich, schlug die Augen nieder und rief „Ulenspiegel, wo

bist du“?

„Er ist verschieden, mein Freund,“ sagte ein dickes Mädchen und faßte

ihn am Arme.

„Verschieden?“ fragte Lamm.

„Ja,“ sprach sie, „vor dreihundert Jahren, in Gesellschaft von Jacobus

de Coster van Maerlandt.“

„Lasset mich,“ sprach Lamm „und neckt mich nicht. Ulenspiegel, wo bist

Du? Komm und rette Deinen Freund! Ich gehe unverzüglich fort, wenn Ihr

mich nicht loslasset.“

„Du wirst nicht fortgehen,“ sagten sie.

„Ulenspiegel,“ sprach Lamm zum andren Mal kläglich, „wo bist Du, mein

Sohn? ... Madame, zieht mich nicht so bei den Haaren; ich versichere

Euch, es ist keine Perrücke. Zu Hilfe! Findet Ihr meine Ohren noch

nicht rot genug, ohne daß Ihr das Blut hineintreibt? Siehe, nun gibt

mir diese Andere immerdar Nasenstüber. Ihr tut mir wehe. Ach, womit

reibt man mir jetzt das Gesicht? Den Spiegel! Ich bin schwarz wie das

Loch eines Backofens. Ich werde alsbald bös werden, wenn Ihr nicht

ein Ende macht. Es ist schlecht von Euch, einen armen Menschen so zu

mißhandeln. Laßt mich! Wenn Ihr mich rechts und links und überall an

den Hosen gezogen und mich wie einen Kreisel gedreht habt, seid Ihr

dicker davon? Ja, ich werde sicherlich bös werden.“

„Er wird bös werden,“ sagten sie spottend; „er wird bös werden, der

gute Kerl. Lache lieber und sing uns ein Minnelied.“

„Ich werde allsogleich eins singen, wenn Ihr wollt; aber lasset mich

los.“

„Wen liebst Du hier?“

„Keine, weder Dich noch die Andern; ich werde beim Magistrat Klage

führen und er wird Euch peitschen lassen.“

„Ho, ho,“ sagten sie, „peitschen? Und wenn wir Dich vor dieser

Peitscherei mit Gewalt küßten?“

„Mich?“ fragte Lamm.

„Dich,“ sagten sie alle.

Und siehe da! Die Schönen und die Häßlichen, die Frischen und die

Verblühten, die Braunen und die Blonden stürzten sich auf Lamm, warfen

sein Barett in die Luft, desgleichen seinen Mantel, und liebkosten und

küßten ihn mit aller Kraft auf die Wange, die Nase, den Magen, den

Rücken.

Die Wirtin lachte zwischen ihren Talglichtern.

„Zu Hilfe,“ schrie Lamm, „zu Hilfe! Ulenspiegel, fege mir alles dieses

Lumpengesindel fort. Laßt mich los; ich will Eure Küsse nicht. Beim

Heiligen Blut! Ich bin verheiratet und bewahre alles für meine Frau.“

„Verheiratet,“ sagten sie, „aber das ist zu viel für deine Frau; ein

Mann von Deiner Beleibtheit! Gib uns ein wenig ab. Eine treue Frau, das

ist wohlgetan; ein treuer Mann ist ein Kapaun. Gott steh Dir bei! Du

mußt Eine wählen, oder wir peitschen Dich unsrerseits.“

„Das werde ich nicht tun,“ sagte Lamm.

„Wähle,“ sprachen sie.

„Nein,“ sagte er.

„Willst Du mich?“ fragte ein schönes, blondes Mägdlein. „Siehe, ich bin

sanftmütig und liebe den, der mich liebt.“

„Laß mich,“ sprach Lamm.

„Willst Du mich?“ fragte ein reizend Mädchen mit schwarzen Haaren,

braunen Augen und brauner Haut, und übrigens wie von Engeln gedrechselt.

„Ich mag keinen Honigkuchen,“ sprach Lamm.

„Und mich? Willst Du mich nicht nehmen?“ fragte ein großes Mädchen,

deren Stirn fast ganz mit Haar bedeckt war. Sie hatte dichte,

zusammengewachsene Brauen und große schwimmende Augen, Lippen so dick

wie Wülste und feuerrot; und rot auch Gesicht, Hals und Schultern.

„Ich mag keine glühenden Ziegelsteine,“ sprach Lamm.

„Nimm mich,“ sagte ein Dirnlein von sechzehn Jahren, mit der Schnauze

eines Eichkätzchens.

„Ich mag keine Nußknacker,“ sprach Lamm.

„Wir müssen ihn peitschen,“ sagten sie. „Womit? Mit schönen Peitschen,

so eine Schnur von gedörrten Leder haben. Ein stolzes Stäupen. Da

widersteht die härteste Haut nicht. Nehmt zehn Peitschen von Fuhrleuten

und Eseltreibern.“

„Zu Hilfe, Ulenspiegel!“ schrie Lamm.

Aber Ulenspiegel antwortete nicht.

„Du hast ein schlechtes Herz,“ sprach Lamm, seinen Freund überall

suchend. Die Peitschen wurden gebracht. Zwei der Dirnen schickten sich

an, Lamm das Wams auszuziehen.

„Wehe,“ sprach er, „mein armes Fett, das ich mit soviel Mühe angesetzt

habe, das werden sie mir gewißlich mit ihren scharfen Peitschen

herunterreißen. Aber Ihr Weibsbilder ohne Erbarmen, mein Fett wird Euch

nichts nützen, nicht einmal, um es in die Brühe zu tun.“

„Wir werden Talglichte daraus machen. Ist es nichts wert, ohne Kosten

Beleuchtung zu haben? Wer fortan sagen wird, daß das Licht von der

Peitsche kommt, wird jedermann närrisch scheinen. Wir werden bis an den

Tod daran festhalten und mehr als eine Wette gewinnen. Tunkt die Ruten

in den Essig. So, dein Wams ist ausgezogen. Auf Saint-Jacques schlägt

es Voll. Neun Uhr. Wenn Du beim letzten Schlag nicht gewählt hast,

peitschen wir Dich.“

Lamm sagte, schier gelähmt:

„Habt Mitleid und Erbarmen mit mir, ich habe meiner armen Frau Treue

geschworen und werde sie halten, ob sie mich gleich böslich verlassen

hat. Ulenspiegel, mein Liebling, zu Hilfe!“

Doch Ulenspiegel ließ sich nicht blicken.

„Sehet mich,“ sprach Lamm zu den Dirnen, „sehet mich zu Euren Füßen.

Kann man demütiger sein? Sage ich nicht genug damit, daß ich Eure große

Schönheit gleich den Heiligen verehre? Glücklich der Ehelose, der Eure

Reize genießen kann. Das ist ohne Zweifel das Paradies; aber schlagt

mich nicht, wenn es Euch beliebt.“

Plötzlich sprach die Wirtin, die zwischen ihren beiden Talglichtern

stand, mit lauter, dräuender Stimme:

„Gevatterinnen und Mädchen, ich schwöre Euch bei meinem Erzteufel, so

Ihr nicht im Augenblick mit Lachen und Güte diesen Mann zur Einsicht,

das heißt, in Euer Bett gebracht habt, so werde ich die Nachtwächter

rufen und Euch alle an seiner statt peitschen lassen. Ihr verdient

nicht den Namen loser Dirnen, wenn Ihr umsonst die leichtfertige Zunge,

die kecke Hand und lodernden Augen habt, um das männliche Geschlecht zu

reizen, wie die Weibchen der Glühwürmer tun, die nur zu diesem Ende

ein Licht haben. Und Ihr werdet ohne Gnade für Eure Dummheit gepeitscht

werden.“

Bei dieser Rede zitterten die Dirnen, und Lamm ward frohgemut. „Heda,

Gevatterinnen,“ sagte er, „welche Kunde bringt Ihr aus dem Lande der

peitschenden Riemen? Ich werde selber die Wächter holen. Sie werden

ihre Pflicht tun, und ich werde ihnen dabei helfen, das wird mir große

Kurzweil sein.“

Doch siehe, da warf sich ein liebliches Kind von fünfzehn Jahren zu

seinen Füßen.

„Herr,“ sagte sie, „Ihr sehet mich hier vor Euch in Demut ergeben.

So Ihr nicht geruhet, eine unter uns zu wählen, muß ich Euretwillen

geschlagen werden. Und die Wirtin dort wird mich in einen abscheulichen

Keller unter der Schelde stecken, wo das Wasser von den Wänden sickert,

und wo ich nur schwarzes Brot zu essen bekomme.“

„Wird sie wirklich meinetwegen geschlagen werden, Frau Wirtin?“ fragte

Lamm.

„Bis aufs Blut,“ antwortete diese.

Da betrachtete Lamm das Mägdlein und sprach: „Ich sehe dich so frisch

und duftig; deine Schulter taucht wie ein großes, weißes Rosenblatt aus

Deinem Kleide auf. Ich will nicht, daß diese schöne Haut, unter der das

Blut so jugendlich fließt, unter der Peitsche leidet, noch daß diese

Augen, vom Feuer der Jugend hell, wegen schmerzhafter Schläge weinen,

oder daß die Kälte des Kerkers diesen Körper einer Huldin erschauern

lasse. So will ich Dich denn lieber wählen als Dich geschlagen wissen.“

Das Mädchen führte ihn fort. Also sündigte er aus Seelengüte, wie er es

sein ganzes Leben tat.

Unterweilen stunden Ulenspiegel und ein großes, schönes, braunes

Mädchen mit krausem Haar einander gegenüber. Das Mädchen sah

Ulenspiegel lockend an, ohne ein Wort zu sagen, und schien ihn nicht zu

wollen.

„Liebe mich,“ sprach er.

„Dich lieben,“ sagte sie, „törichter Freund, der dessen nur nach der

Laune der Stunde begehrt?“

Ulenspiegel antwortete: „Der Vogel, der über Deinem Haupt dahinfliegt,

singt sein Lied und entfleucht. Also auch ich, süßes Herz: wollen wir

zusammen singen?“

„Ja,“ sprach sie, „ein Lied vom Lachen und von Tränen.“

Und das Mädchen warf sich an Ulenspiegels Hals.

Da nun alle Beide im Arm ihrer Liebsten vor Wonne vergingen, siehe da

drang beim Klange von Trommel und Pfeife eine lustige Kompanie von

Meisenfängern ins Haus, die sich drängten, stießen, sangen, pfiffen,

heulten und schimpften. Sie trugen Säcke und Käfige, ganz voll dieser

kleinen Vögel, und die Eulen, die ihnen dabei geholfen hatten, rissen

im Licht ihre gelben Augen auf.

Die Meisenfänger waren zehn Mann hoch, alle rot und vom Wein und

Würzbier geschwollen. Die Köpfe wackelten ihnen und sie schleppten ihre

schlotternden Beine und schrien mit so rauher, gebrochener Stimme, daß

es die furchtsamen Mädchen bedünkte, eher wilde Bestien in einem Walde

denn Menschen in einem Gemache zu hören.

Indessen sie ließen nicht ab zu sagen, indem sie einzeln oder allzumal

sprachen: „Ich will, den ich liebe.“ / „Wir gehören dem, der uns

gefällt. Morgen Denen, die an Gülden reich sind! Heute Denen, die an

Liebe reich sind.“ Die Meisenfänger antworteten: „Gülden haben wir,

Liebe desgleichen, für uns die Dirnen! Wer zurückweicht, ist ein

Kapaun. Dies sind Meisen, wir sind Jäger. Drauf! Brabant dem guten

Herzog!“

Doch die Frauenzimmer höhnten: „Pfui über die häßlichen Mäuler, die uns

zu fressen gedenken! Den Schweinen gibt man keinen Sorbett. Wir nehmen,

wer uns gefällt, und wollen mit Euch nichts zu tun haben. Ihr Öltonnen,

Specksäcke, dürre Nägel, verrostete Klingen, Ihr stinkt nach Schweiß

und Schmutz. Scheert Euch hinaus. Ihr werdet auch ohne unsere Hülfe

verdammt werden.“

Sie aber sprachen: „Die Wälschen sind heuer wählerisch. Edle Fräuleins

Zimperlich, Ihr könnet uns wohl geben, was Ihr aller Welt verkauft.“

Doch die Mädchen antworteten: „Morgen werden wir hündische Sklavinnen

sein und Euch nehmen; heute sind wir freie Frauen und weisen Euch fort!“

Da schrien Jene: „Genug der Worte! Wer hat Durst? Laßt uns die Äpfel

pflücken.“

So sprechend, stürzten sie sich auf sie, ohn Unterschied von Alter noch

Schönheit. Die schönen Mädchen, zu ihrem Vorhaben entschlossen, warfen

ihnen Stühle, Schoppen, Krüge, Becher, Humpen, Karaffen und Flaschen an

den Kopf, daß es hagelte und sie verwundet, zerquetscht und ihnen die

Augen ausgeschlagen wurden.

Ulenspiegel und Lamm kamen bei dem Lärm herzu und ließen ihre

zitternden Liebhaberinnen oben an der Stiege. Da Ulenspiegel die Männer

auf die Weiber losschlagen sah, ergriff er im Hof einen Besen, riß das

Besenreis herunter, gab Lamm einen andern, und damit prügelten sie die

Meisenfänger ohn Erbarmen.

Das Spiel dünkte den also durchgewalkten Trunkenbolden hart; sie

hielten einen Augenblick inne, und die mageren Dirnen, die sich

verkaufen und nicht verschenken wollten, selbst an diesem großen Tage

der freiwilligen Liebe, wie die Natur sie gebeut, nutzten dies ohne

Verzug. Wie Nattern glitten sie zwischen die Verwundeten, liebkosten

sie, verbanden ihre Wunden, tranken den Wein von Amboise an ihrer Statt

und leerten ihnen so trefflich die Säckel von Gülden und anderer Münze,

daß ihnen auch nicht ein elender Heller blieb. Dann, da es Feierabend

läutete, setzten sie sie vor die Tür, die Ulenspiegel und Lamm schon

verlassen hatten.

29

Ulenspiegel und Lamm marschierten auf Gent und kamen bei Morgengrauen

nach Lokeren. Die Erde war weithin betaut, weiße, kühle Dünste

schwebten über den Wiesen. Da Ulenspiegel vor einer Schmiede vorbeikam,

trillerte er wie die Lerche, der Vogel der Freiheit. Und alsbald

erschien ein Kopf mit zerzaustem, weißem Haar in der Tür der Schmiede

und ahmte mit schwacher Stimme den kriegerischen Trompetenstoß des

Hahnes nach.

Ulenspiegel sagte zu Lamm:

„Dieser ist der Schmied Wasteele, der bei Tage Spaten, Hacken und

Pflugscharen macht und das Eisen schmiedet, wenn es heiß ist, um

daraus schöne Gitter für die Chöre von Kirchen zu bilden. Doch des

Nachts macht und schleift er oftmals Waffen für die Soldaten des

freien Gewissens. Dies Spiel hat ihm kein gutes Aussehen verschafft,

sintemalen er bleich ist wie ein Gespenst, traurig wie ein Verdammter

und so mager, das ihm die Knochen die Haut durchlöchern. Er hat

sich noch nicht schlafen gelegt, da er ohne Zweifel die ganze Nacht

geschafft hat.“

„Tretet alle beide ein,“ sagte der Schmied Wasteele, „und führet Eure

Esel auf den Anger hinter dem Hause.“

Da dies besorgt war und Ulenspiegel und Lamm sich in der Schmiede

befanden, trug der Schmied Wasteele alles, was er während der Nacht an

Degen geschärft und an Lanzenspitzen geschmiedet hatte, in den Keller

seines Hauses und bereitete die tägliche Arbeit für seine Gesellen vor.

Er blickte Ulenspiegel mit glanzlosen Augen an und fragte ihn:

„Welche Kunde bringst Du mir vom Schweiger?“

Ulenspiegel antwortete:

„Der Prinz ist mit seinem Kriegsvolk aus den Niederlanden vertrieben,

wegen der Feigheit seiner Söldlinge, die „Geld, Geld!“ schreien, wenn

sie kämpfen sollen. Er ist mit den getreuen Soldaten, seinem Bruder,

dem Grafen Ludwig, und dem Herzog von Zweibrücken nach Frankreich

gezogen, zum Beistand des Königs von Navarra und der Hugenotten. Von

da ging er nach Deutschland, nach Dillenburg, allwo manche Flüchtlinge

aus den Niederlanden bei ihm sind. Du sollst Waffen und das von Dir

gesammelte Geld hinsenden, derweil wir auf dem Meere das Werk freier

Männer vollbringen.“

„Ich werde tun, was sein muß,“ sagte der Schmied Wasteele; „ich habe

Waffen und neuntausend Gülden. Aber seid Ihr nicht auf Eseln gekommen?“

„Jawohl,“ sprachen sie.

„Und ist Euch nicht unterwegs Kunde von drei Predigern geworden, so

getötet, geplündert und in ein Loch in den Felsen der Maas geworfen

sind?“

„Ja,“ sagte Ulenspiegel mit großem Gleichmut, „diese drei Prediger

waren Spione des Herzogs und Meuchelmörder, gedungen, den

Freiheitsprinzen aus dem Wege zu räumen. Wir zwei, Lamm und ich,

brachten sie vom Leben zum Tode. Ihr Geld ist unser, und ihre Papiere

desgleichen. Wir werden davon nehmen, was uns für die Reise not tut;

den Rest werden wir dem Prinzen geben.“

Und Ulenspiegel öffnete sein und Lamms Wams und zog die Papiere und

Pergamente heraus. Nachdem der Schmied Wasteele sie gelesen hatte,

sagte er:

„Sie enthalten Pläne für Schlacht und Verschwörung. Ich werde sie dem

Prinzen zustellen lassen, und es soll ihm kund werden, daß Ulenspiegel

und Lamm Goedzak, seine getreuen Vaganten, sein edles Leben retteten.

Ich werde Eure Esel verkaufen lassen, auf daß man Euch nicht an Euren

Reittieren erkenne.“

Ulenspiegel fragte den Schmied Wasteele, ob das Schöffengericht zu

Namur schon die Häscher auf ihre Fersen gesetzt habe.

„Ich werde Euch sagen, was ich weiß,“ antwortete Wasteele. „Ein Schmied

aus Namur, ein wackerer Reformierter, kam jüngst hier durch, unter dem

Vorgeben, meine Hülfe für Gitter, Wetterfahnen und andres Eisenwerk

an einem Kastell, das man nahe dem Tor de la Plante erbauen will, zu

erbitten. Der Gerichtsdiener des Schöffengerichts hat ihm gesagt, daß

seine Herren schon eine Sitzung gehabt hätten und daß ein Schenkwirt

vorgeladen sei, maßen er etliche hundert Klafter von der Mordstätte

entfernt wohnte. Befragt, ob er nicht die Mörder gesehen habe, oder

Die, auf die er Verdacht haben könnte, hat er geantwortet: „Ich habe

Bauern und Bäuerinnen gesehen, die zu Esel reisten und von mir zu

trinken verlangten und auf ihren Tieren sitzen blieben oder abstiegen,

um bei mir zu trinken, die Männer Bier, die Frauen und Mädchen Meth.

Ich sah zwei wackere Bauern, so davon redeten, den Herrn von Oranien

um einen Fuß kürzer zu machen.“ So sprechend, machte der Wirt pfeifend

nach, wie ein Messer durch einen Hals schnitt. „Beim Eisenwind,“ sprach

er, „ich werde Euch insgeheim beistehen, da ich die Macht habe, es

zu tun.“ Er sprach und ward freigelassen. Seit jener Zeit haben die

Gerichtsräte ohne Zweifel Sendschreiben an ihre Untergebenen gerichtet.

Der Wirt sagt, er habe nur Bauern und Bäuerinnen auf Eseln gesehen,

daraus folgt, daß man auf alle, die man auf Eseln reiten sieht, Jagd

machen wird. Und der Prinz braucht Euch, Kinder.“

„Verkaufe die Esel,“ sprach Ulenspiegel, „und behalte das Kaufgeld für

den Schatz des Prinzen.“

Die Esel wurden verkauft.

„Nunmehr,“ sprach Wasteele, „müsset Ihr Jeder ein Handwerk haben, das

von den Zünften frei und unabhängig ist. Verstehst Du, Vogelbauer und

Mausefallen zu machen?“

„Ich machte sie ehedem,“ sprach Ulenspiegel.

„Und Du?“ fragte Wasteele Lamm.

„Ich werde ~Eete-koeken~ und ~Olie-koeken~ verkaufen“; das sind Krapfen

und Ölkuchen.

„Folget mir. Hier sind fertige Käfige und Mausefallen, auch Werkzeuge

und Kupferdraht, um sie auszubessern und neue zu fertigen. Sie wurden

mir von einem meiner Spione gebracht. Dies ist für Dich, Ulenspiegel.

Was Dich anbetrifft, Lamm, so ist hier ein kleiner Backofen und ein

Blasebalg; ich werde Dir Mehl, Butter und Öl geben, um die Krapfen und

Ölkuchen zu backen.“

„Er wird sie aufessen,“ sprach Ulenspiegel.

„Wann werden wir die ersten machen?“ fragte Lamm.

Wasteele antwortete:

„Ihr werdet mir erst eine oder zwei Nächte helfen; ich kann meine große

Arbeit nicht allein zwingen.“

„Ich habe Hunger,“ sprach Lamm; „isset man hier?“

„Brot und Käse ist da,“ sprach Wasteele.

„Ohne Butter?“ fragte Lamm.

„Ohne Butter,“ sagte Wasteele.

„Hast Du Bier oder Wein?“ fragte Ulenspiegel.

„Das trinke ich nimmer,“ antwortete er, „aber ich werde nach dem

„Pelikan“ nahebei gehen und Euch etwas holen, so Ihr es wünschet.“

„Ja,“ sprach Lamm, „und bringe uns Schinken mit.“

„Ich werde tun, was Ihr begehrt,“ sagte Wasteele und blickte Lamm gar

verächtlich an.

Er brachte jedoch ~dobbel-clauwaert~ und einen Schinken mit. Und Lamm

aß wohlgemut für fünf.

Und er sagte:

„Wann werden wir uns an die Arbeit machen?“

„Diese Nacht,“ sagte Wasteele; „aber bleibe in der Schmiede und habe

keine Furcht vor meinen Gesellen; sie sind Reformierte wie Du.“

„Das ist gut,“ sagte Lamm.

Zur Nacht, als es Feierabend geläutet hatte und alle Türen geschlossen

waren, stieg Wasteele mit Ulenspiegel und Lamm in den Keller hinab und

ließ sich von ihnen helfen, eine große Menge Waffen in die Schmiede

hinaufzutragen. Dann sagte er:

„Hier sind zwanzig Büchsen auszubessern, dreißig Lanzenspitzen zu

schleifen und Blei für fünfzehnhundert Kugeln zu schmelzen. Ihr müsset

mir dabei helfen.“

„Mit allen Händen,“ sprach Ulenspiegel. „Warum habe ich nicht vier, um

Dir zu nützen?“

„Lamm wird uns zu Hülfe kommen,“ sprach Wasteele.

„Ja,“ sagte Lamm kläglich und vor Müdigkeit umfallend, aus Ursach des

unmäßigen Trinkens und Essens.

„Du wirst das Blei schmelzen,“ sprach Ulenspiegel.

„Ich werde das Blei schmelzen,“ sprach Lamm.

Dieweil Lamm sein Blei schmolz und seine Kugeln goß, warf er grimme

Blicke auf den Schmied Wasteele, der ihn zu wachen zwang, wenn er vor

Schläfrigkeit umfiel. Mit stillem Zorn goß er die Kugeln und hatte

großes Verlangen, dem Schmied Wasteele das geschmolzene Blei auf den

Kopf zu schütten. Doch er hielt an sich. Um Mitternacht, als Wut

und übergroße Müdigkeit ihn gleichermaßen überfielen, hielt er ihm

mit zischender Stimme diese Rede, dieweil der Schmied Wasteele und

Ulenspiegel geduldig Flintenläufe, Büchsen und Lanzenspitzen schliffen.

„Siehe,“ sprach Lamm, „Du magerer, bleicher und kümmerlicher Mensch

glaubst an die Aufrichtigkeit von Fürsten und andern Großen der Erde,

und voll Übereifer verachtest Du Deinen Leib, Deinen edlen Leib, den

Du in Elend und Niedrigkeit umkommen lässest. Nicht darum hat Gott ihn

mit Mutter Natur geschaffen. Weißt Du, daß unsere Seele, so des Lebens

Odem ist, zum Atmen der Bohnen, des Rindfleisches, Bieres und Weines,

des Schinkens, der Würste und der Ruhe bedarf? Du aber lebst von Brot,

Wasser und Nachtwachen.“

„Von wannen kommt Dir dieser Redefluß?“ fragte Ulenspiegel.

„Er weiß nicht, was er redet,“ antwortete Wasteele traurig. Aber Lamm

erboste sich:

„Ich weiß es besser als Du. Ich sage, daß wir Narren sind, ich, Du

und Ulenspiegel desgleichen, uns die Augen aus dem Kopf zu arbeiten

für all die Prinzen und Großen der Erde; sie würden trefflich lachen,

wenn sie sähen, wie wir vor Müdigkeit umkommen und nicht schlafen, um

Waffen zu schmieden und Kugeln für ihren Dienst zu gießen. Derweilen

trinken sie französischen Wein aus güldenen Humpen und essen deutsche

Kapaunen von Schüsseln aus engelländischem Zinn. Indessen wir in der

Luft nach Gott suchen, durch dessen Gnade sie mächtig sind, fragen

sie nicht danach, ob ihre Feinde uns mit ihren Sensen die Beine

abschlagen und uns in die Grube des Todes werfen. Inzwischen aber

werden sie, die weder Reformierte noch Calvinisten, weder lutherisch

noch katholisch sondern ganz und gar Skeptiker und Zweifler sind,

Fürstentümer kaufen und erobern; sie werden das Gut der Mönche, Äbte

und Klöster verzehren; ihnen wird alles gehören: Jungfrauen, Frauen

und Dirnen. Aus ihren güldenen Humpen werden sie auf ihre dauernde

Spottlust trinken, auf unsere immerwährenden Albernheiten, Torheiten

und Eseleien und auf die sieben Todsünden, so sie, oh Schmied Wasteele,

vor Deiner von Begeisterung mageren Nase begehen. Schau die Felder,

die Wiesen, die Ernten, die Obstgärten, die Ochsen, das Gold, das aus

der Erde kommt; schau die Tiere des Waldes, die Vögel des Himmels, die

köstlichen Fettammern, die feinen Krammetsvögel, den Wildschweinskopf,

die Rehkeule: ihnen gehört alles, Waidwerk und Fischfang, Erde, Meer,

alles. Und Du lebst von Brot und Wasser, und wir richten uns hier zu

Grunde, ohne zu schlafen, ohne zu essen und zu trinken. Und wenn wir

gestorben sind, werden sie unserm Aas einen Fußtritt geben und zu

unsern Müttern sprechen: „Macht andere, diese sind nichts mehr nutz.“

Ulenspiegel lachte stumm, Lamm prustete vor Entrüstung, aber Wasteele

sagte mit sanfter Stimme:

„Du redest leichtfertig. Ich lebe mit nichten für Schinken, Bier,

noch Fettammern, sondern für den Sieg des freien Gewissens. Der

Freiheitsprinz tut gleich wie ich. Er opfert sein Hab und Gut,

seine Ruhe und sein Glück, um die Henker und die Tyrannei aus den

Niederlanden zu vertreiben. Tu wie er und versuche mager zu werden.

Nicht durch den Bauch rettet man die Völker, sondern durch stolzen Mut

und Beschwerden bis an den Tod, ohne Murren ertragen. Und jetzo geh und

leg Dich schlafen, wenn Dich schläfert.“

Doch Lamm wollte nicht, maßen er sich schämte.

Und sie schliffen Waffen und gossen Kugeln bis an den Morgen. Und also

während dreier Tage.

Dann brachen sie in der Nacht nach Gent auf und verkauften Käfige,

Mausefallen und Oelkuchen.

Und sie rasteten in Meulestee, dem Städtlein der Mühlen, dessen rote

Dächer man allerorten erblickt, und kamen dort überein, ihr Handwerk

getrennt auszuüben und sich am Abend vor der Feierstunde in der

Herberge „Zum Schwanen“ zu treffen.

Lamm streifte durch die Gassen von Gent, indem er seine Oelkuchen

verkaufte und Geschmack an diesem Handwerk fand. Er suchte sein Weib,

leerte gar viele Schoppen und aß ohn Unterlaß.

Ulenspiegel hatte des Prinzen Briefe Jakob Scoelap, einem Doktor der

Medicin, und Lieven Smet, einem Tuchschneider, Jan de Wulfschager und

Gillis Coorne, einem Rotfärber übergeben, desgleichen Jan de Roose,

einem Ziegelbrenner. Diese gaben ihm das Geld, so sie für den Prinzen

gesammelt hatten, und hießen ihn noch etliche Tage in Gent und in der

Umgegend verweilen; denn man würde ihm noch mehr geben.

Nachdem jene später am Neuen Galgen wegen Ketzerei gehenket waren,

wurden ihre Leichname auf dem Galgenfelde, nahe dem Tor von Brügge

begraben.

30

Indessen eilte der Profoß Spelle, der Rothaarige, mit seinem roten

Stock bewaffnet, auf seinem dürren Klepper von Stadt zu Stadt.

Allerorten errichtete er Schafotte, entzündete Scheiterhaufen und

schaufelte Gruben, um die armen Frauen und Mädchen darin lebendig zu

begraben. Und der König erbte.

Ulenspiegel saß mit Lamm in Meulestee unter einem Baum und war voller

Mißmut. Ohngeachtet man sich im Juni befand, war es kalt. Vom Himmel,

der mit grauen Wetterwolken bedeckt war, fiel ein feiner Hagel.

„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „ohne Scham treibst Du Dich seit vier Nächten

umher und läufst den Dirnen nach. Du gehst in ~de Zoeten Inval~, in

den „süßen Fall“ schlafen, und Du wirst es machen wie der Mann auf dem

Schild, der mit dem Kopf zuerst in einen Bienenstock fiel. Vergebens

harr’ ich Deiner „Im Schwanen“, und Dein unzüchtig Leben verheißt mir

nichts Gutes. Was nimmst Du nicht tugendlicher Weise ein Weib?“

„Lamm“ sagte Ulenspiegel, „der, dem Eine für Alle gilt und dem Alle

Eine sind, darf seine Wahl nicht leichtfertig überstürzen.“

„Und Nele, denkst Du ihrer nicht?“

„Nele ist in Damm, gar weit fort,“ sagte Ulenspiegel.

Dieweil er so saß und der Hagel dicht fiel, lief ein artiges Weiblein

vorüber, das sich den Kopf mit seinem Rock bedeckte.

„Heda,“ sprach es, „Hans der Träumer, was machst Du unter diesem Baum?“

„Ich träume von einer Frau, die mir aus ihrem Rock ein Dach wider den

Hagel macht,“ antwortete Ulenspiegel.

„Du hast sie gefunden,“ sprach die Frau, „steh auf!“

Ulenspiegel erhob sich und ging auf sie zu.

„Willst Du mich abermals allein lassen?“ fragte Lamm.

„Ja,“ sagte Ulenspiegel; „aber geh in „den Schwanen,“ iß eine

Hammelkeule oder zwei und trink zwölf Humpen Bier, dann wirst Du

schlafen und keine Langeweile haben.“

„So werde ich tun,“ sprach Lamm.

Ulenspiegel trat zu dem Frauenzimmer.

„Heb meinen Rock an einer Seite auf,“ sprach sie. „Ich tu es auf der

andern, und jetzt laß uns laufen.“

„Warum laufen?“ fragte Ulenspiegel.

„Weil ich von Meulestee fliehen will,“ sagte sie. „Der Profoß Spelle

ist mit zwei Häschern dort und hat geschworen, alle Dirnen, die ihm

nicht fünf Gülden zahlen wollten, peitschen zu lassen. Darum laufe ich;

laufe auch Du und bleibe bei mir, um mich zu verteidigen.“

„Lamm,“ rief Ulenspiegel, „Spelle ist in Meulestee. Geh nach

Destelbergh in den „Stern der Weisen.“

Und Lamm stand voller Schrecken auf, faßte seinen Bauch mit Händen und

begann zu rennen.

„Wohin geht dieser dicke Hase?“ sagte das Mädchen.

„In einen Bau, wo ich ihn wiedertreffen werde,“ antwortete Ulenspiegel.

„Laß uns laufen,“ sprach sie und stampfte mit dem Fuße die Erde gleich

einer ungeduldigen Stute.

„Ich möchte tugendlich sein, ohne zu laufen,“ sagte Ulenspiegel.

„Was bedeutet das?“ fragte sie.

Ulenspiegel antwortete: „Der dicke Hase will, daß ich dem guten Wein,

dem Würzbier und der frischen Haut der Frauen entsage.“

Das Mädchen sah ihn mit bösem Blick an.

„Du bist kurzatmig, mußt Dich ausruhen,“ sagte sie.

„Mich ausruhen,“ antwortete Ulenspiegel. „Ich sehe kein Obdach.“

„Deine Tugend,“ sagte das Mädchen, „wird Dir als Decke dienen.“

„Dein Rock ist mir lieber,“ sagte er.

„Mein Rock,“ sagte das Mädchen, „wäre unwürdig, einen Heiligen, wie Du

es sein willst, zu bedecken. Hebe Dich fort, daß ich allein laufe.“

„Weißt Du nicht,“ antwortete Ulenspiegel, „daß ein Hund auf vier Beinen

rascher läuft als ein Mensch auf zweien? Darum laufen wir besser, da

wir vier haben.“

„Du führst kecke Reden für einen tugendlichen Mann.“

„Jawohl,“ sagte er.

„Aber,“ sagte sie, „ich habe immer gesehen, daß die Tugend eine ruhige,

schläfrige, dicke und frostige Eigenschaft ist. ’s ist eine Larve, die

mürrischen Gesichter zu verbergen, ein Sammetmantel für einen Mann von

Stein. Ich liebe die, so in der Brust eine Kohlenglut haben, die am

Feuer der Mannheit entzündet, zu kühnen und lustigen Abenteuern reizt.“

„Also sprach die schöne Teufelin zum glorreichen Sankt Antonius,“

erwiderte Ulenspiegel.

Eine Herberge war zwanzig Schritt entfernt auf der Landstraße.

„Du hast gut geredet,“ sagte Ulenspiegel, „jetzt heißt es gut trinken.“

„Meine Zunge ist noch frisch,“ sagte das Mädchen.

Sie kehrten ein. Auf einer Anrichte schlummerte ein großer Krug, ob

seines dicken Wanstes Bauch genannt.

Ulenspiegel sprach zum Wirt:

„Siehst Du diesen Gülden?“

„Ich sehe ihn,“ sagte der Baas.

„Wieviel Stüver würdest Du herausziehen, um den Bauch da mit ~dobbele

clauwaert~ zu füllen?“

„Mit ~negen mannekens~ (neun Groschenmännlein) wärest Du quitt.“

„Das sind sechs flandrische Scherflein und zwei zuviel. Aber fülle ihn

immerhin.“

Ulenspiegel goß dem Mädchen einen Becher voll ein, dann erhob er sich

stolz, und den Schnabel des Bauches an seinen Mund legend, leerte

er ihn ganz in seine Kehle. Und es war ein Geräusch wie von einem

Wasserfall.

Das Mädchen sagte verdutzt:

„Wie hast Du es gemacht, einen so großen Bauch in Deinen mageren Leib

zu bringen?“

Ulenspiegel sprach, ohne zu antworten, zum Wirt:

„Bring einen kleinen Schinken und Brot herbei und noch einen vollen

Bauch, auf daß wir essen und trinken.“

Solches taten sie.

Dieweil das Mädchen ein Stück Speckschwarte knabberte, umfaßte er sie

so zart, daß sie davon zugleich gerührt, entzückt und fügsam ward.

Alsdann fragte sie ihn und sprach:

„Von wannen sind Eurer Tugend dieser Durst eines Schwammes, dieser

Wolfshunger und diese verliebten Keckheiten gekommen?“

Ulenspiegel antwortete:

„Sintemalen ich auf hundert Arten gesündigt hatte, schwur ich, wie

Du weißt, Buße zu tun. Das währte wohl eine gute Stunde. Indem ich

während dieser Stunde über mein künftiges Leben nachsann, sättigte ich

mich kärglich mit Brot; Wasser war mein schaler Trunk; traurig floh

ich die Liebe und getraute mich nicht, mich zu rühren noch zu niesen,

aus Furcht Böses zu tun. Von allen war ich geachtet, von jedermann

gefürchtet, allein wie ein Aussätziger, traurig wie ein Hund, dem sein

Herr gestorben ist, und nach fünfzig Jahren des Martyriums verendete

ich trübselig auf einer elenden Pritsche. Die Buße war lang genug. Drum

küsse mich, Liebchen, und laß uns zu zweit das Fegefeuer verlassen.“

„Ei,“ sagte sie, gern gehorchend, „welch schönes Aushängeschild ist die

Tugend, auf die Spitze einer Stange gehängt.“

Die Zeit verging bei diesen verliebten Ergötzungen; schließlich aber

mußten sie aufstehn, um fortzugehn, denn das Mädchen besorgte, mitten

in ihrem Vergnügen den Profoß Spelle und seine Häscher auftauchen zu

sehen.

„So schürze Deinen Rock,“ sprach Ulenspiegel.

Und sie liefen wie die Hirsche nach Destelbergh; allda fanden sie Lamm

im „Stern der drei Weisen“ schmausend.

31

Ulenspiegel sah in Gent oftmals Jakob Scoelap, Lieven Smet und Jan de

Wulfschager, die ihm Kunde vom guten und bösen Geschick des Schweigers

gaben.

Und allemal, wenn Ulenspiegel nach Destelbergh zurückkehrte, sagte Lamm

zu ihm:

„Was bringst Du, Glück oder Unglück?“

„Ach,“ sagte Ulenspiegel, „der Schweiger, sein Bruder Ludwig, die

andern Führer und die Franzosen waren entschlossen, in Frankreich

weiter vorzurücken und sich mit dem Prinzen von Condé zu vereinigen.

Also hätten sie das arme, belgische Vaterland und das freie Gewissen

gerettet. Gott hat es anders gewollt. Die deutschen Reiter und

Landsknechte weigerten sich, weiter zu ziehen, und sagten, daß ihr Eid

sie verpflichte, wider den Herzog von Alba zu fechten, nicht aber wider

Frankreich. Nachdem er sie vergeblich angefleht hatte, ihre Pflicht

zu tun, mußte der Schweiger sie notgedrungen durch die Champagne und

Lothringen bis nach Straßburg führen, von wo sie nach Deutschland

zurückkehrten. Infolge dieses plötzlichen und hartnäckigen Abzugs

mißglückt alles. Der König von Frankreich, ohngeachtet seines Vertrages

mit dem Prinzen, weigert sich, das Geld zu zahlen, das er versprochen.

Die Königin von England hatte ihm welches schicken wollen, um die

Stadt Calais und Umgegend wieder in Besitz zu bekommen; doch ihre

Briefe wurden aufgefangen und dem Cardinal von Lothringen überliefert,

der eine ablehnende Antwort fälschte. Also sehen wir dies schöne

Heer, unsere Hoffnung, wie Gespenster beim Hahnenschrei vergehen.

Aber Gott ist mit uns, und so das Land versagt, wird das Wasser seine

Schuldigkeit tun. Es lebe der Geuse!“

32

Bitterlich weinend, kam das Mädchen eines Tages, und erzählte Lamm und

Ulenspiegel:

„Spelle läßt für Geld Mörder und Diebe in Meulestee entwischen und die

Unschuldigen bringt er um. Mein Bruder Michielkin ist unter ihnen.

Wehe, lasset es mich Euch sagen, Ihr, die Ihr Männer seid, werdet ihn

rächen. Ein schmutziger und schändlicher Wüstling, Pieter de Roose,

ein gewohnter Verführer von Kindern und Mägdlein, war Ursach des

ganzen Leids. Ach, mein armer Bruder Michielkin und Pieter de Roose

waren eines Abends, ob zwar nicht am nämlichen Tisch, in der Schenke

zum Falken, allwo Pieter de Roose von jedermann wie die Pest geflohen

ward. Mein Bruder, der ihn nicht in der gleichen Stube mit sich sehen

wollte, schalt ihn einen wollüstigen Schurken und hieß ihn reine Luft

machen. Pieter de Roose entgegnete, der Bruder einer öffentlichen Dirne

sollte den Kopf nicht so hoch tragen. Er log; ich bin nicht öffentlich

und gebe mich nur dem, der mir gefällt. Michielkin drauf warf ihm sein

Maß Würzbier ins Gesicht und erklärte ihm, daß er gelogen habe wie ein

schmutziger Wüstling, der er wäre, und bedrohte ihn, so er sich nicht

hinausschere, sollte er seine Faust bis an den Ellenbogen fressen. Der

andere wollte noch reden, aber Michielkin tat, was er gesagt hatte.

Er gab ihm zwei gewaltige Schläge ins Gebiß und schleppte ihn an den

Zähnen, mit denen er biß, auf die Landstraße; allda ließ er ihn ohne

Erbarmen verwundet liegen.

„Da Pieter de Roose geheilt war und nicht einsam leben mochte, kehrte

er ~in’t Vagevuur~ ein, wahrlich ein Fegefeuer und eine elende Schänke,

allwo nur arme Leute sind. Auch da ward er allein gelassen, sogar von

diesen Lumpen. Und keiner redete zu ihm, ohne einige Bauern, welchen er

unbekannt war, oder etliche fahrende Bettler und entlaufene Söldner. Er

ward dort sogar unterschiedliche Male geprügelt, denn er war ein Zänker.

„Da der Profoß Spelle mit zwei Häschern nach Meulestee gekommen war,

folgte Pieter de Roose ihnen allerwege wie ein Hund. Auf seine Kosten

ließ er sie sich, soviel sie nur konnten, an Wein, Fleisch und andern

Freuden, so mit Geld bezahlt werden, ergötzen. Also ward er ihr Geselle

und Kamerad und begann, wie es seine Bosheit ihm eingab, Die, so er

verabscheute, zu peinigen: nämlich alle Einwohner von Meulestee,

insonderheit aber meinen armen Bruder. Er fing mit Michielkin an.

Falsche Zeugen, nach Gülden lüsterne Galgenvögel, sagten aus, daß

Michielkin ein Ketzer wäre, unflätige Reden über Unsere liebe Frau

gehalten und manchesmal den Namen Gottes und der Heiligen in der

Schenke „zum Falken“ gelästert hatte. Und überdies hätte er dreihundert

Gülden in einer Truhe.

„Ohngeachtet die Zeugen nicht von gutem Wandel und Sitten waren, wurde

Michielkin gefangen gesetzt. Da die Beweise von Spelle und seinen

Häschern für ausreichend erklärt wurden, um den Angeschuldigten zu

foltern, so ward Michielkin mit den Armen an einer Rolle aufgehängt,

die an der Decke befestigt war. An jeden Fuß hängte man ihm ein Gewicht

von fünfzig Pfund. Er leugnete seine Schuld und sagte, wenn es in

Meulestee einen Lumpen, Schurken, Lästerer und Wüstling gäbe, so wäre

das Pieter de Roose und nicht er. Aber Spelle wollte nichts hören und

hieß seine Henkersknechte Michielkin bis an die Decke emporziehen und

mit den Gewichten an den Füßen gewaltsam wieder herabfallen. Solches

taten sie und so grausam, daß dem Gefolterten Haut und Muskeln der

Knöchel zerrissen und der Fuß kaum am Beine festsaß.

„Da Michielkin bei Behauptung seiner Unschuld beharrte, ließ Spelle ihn

abermals foltern und gab ihm dabei zu verstehen, daß er ihn los und

ledig lassen würde, so er ihm hundert Gülden zahlte.

„Michielkin sagte, daß er lieber sterben würde.

„Da die von Damme die Kunde der Verhaftung und Tortur vernahmen,

wollten sie als Massenzeugen auftreten, welches das Zeugnis aller guten

Einwohner einer Gemeine ist. Einstimmig sagten sie aus, daß Michielkin

keinesweges ein Ketzer wäre, jeden Sonntag zur Messe und zum Tisch

des Herrn ginge, daß er niemals andere Gespräche über Unsere liebe

Frau geführt hätte, als in bedrängten Umständen ihre Hülfe anzurufen.

Dieweil er nimmer von einer irdischen Frau schlecht gesprochen hätte,

würde er es mit viel mehr Grund nicht bei der himmlischen Mutter Gottes

gewagt haben. Was die Gotteslästerungen anginge, so die falschen Zeugen

in der Schenke zum Falken von ihm gehört haben wollten, so wäre das in

jedem Punkt falsch und eitel Lug.

„Nachdem Michielkin freigelassen war, wurden die falschen Zeugen

bestraft und Spelle forderte Pieter de Roose vor sein Tribunal, aber er

entließ ihn wieder ohne Verhör noch Tortur für einmalige Zahlung von

hundert Gülden. Aus Angst, das Geld, das ihm verblieb, möchte Spelles

Aufmerksamkeit zum andern Mal auf ihn lenken, entfloh Pieter de Roose

von Meulestee, indes Michielkin, mein armer Bruder, am Brand starb, der

seine Füße ergriffen hatte.

„Er wollte mich nicht mehr sehen, ließ mich gleichwohl rufen, um mir zu

sagen, ich sollte mich vor dem Feuer meines Leibes hüten; es würde mich

zum Feuer der Höllen führen. Und ich konnte nur weinen, denn das Feuer

ist in mir. Und er gab seine Seele in meinen Armen auf.“

„Ha,“ sagte sie, „wer den Tod meines geliebten, sanften Michielkin an

Spelle rächen würde, der sollte auf immer mein Herr sein, und ich würde

ihm gleich einer Hündin gehorchen.“

Dieweil sie so sprach, brannte Klasens Asche auf Ulenspiegels Brust.

Und er beschloß, daß Spelle, der Mörder, gehenket werden sollte.

Boelkin, das war des Mädchens Name, kehrte nach Meulestee zurück. Sie

war in ihrer Behausung sicher vor Pieter de Roose’s Rache, denn ein

Ochsentreiber, der durch Destelbergh kam, brachte ihr Nachricht, daß

der Pfarrer und die Bürger erklärt hätten, sie würden Spelle vor den

Herzog bringen, so er Michielkins Schwester anrührte.

Ulenspiegel war ihr nach Meulestee gefolgt und trat in ein niederes

Gemach in Michielkins Haus. Allda sah er ein Bildnis eines

Zuckerbäckermeisters, das er für das des armen Toten hielt.

Und Boelkin sagte zu ihm:

„Es ist meines Bruders Bild.“

Ulenspiegel nahm das Bild und sagte im Fortgehen:

„Spelle wird gehenket werden.“

„Wie wirst Du es anstellen?“

„Wenn Du es wüßtest,“ sagte er, „so würde es Dich nicht ergötzen, es

tun zu sehen.“

Boelkin schüttelte den Kopf und sagte mit klagender Stimme: „Du traust

mir nicht“.

„Heißt es nicht, Dir aufs Höchste vertrauen, wenn ich Dir sage, Spelle

wird gehenkt werden? Denn mit diesem einzigen Worte kannst Du mich von

ihm henken lassen.“

„Fürwahr,“ sagte sie.

„Geh also,“ versetzte Ulenspiegel, „und hole mir gute Tonerde,

ein doppelt Maß Braunbier, klares Wasser und etliche Schnitten

Ochsenfleisch. Jedes besonders. Der Ochs soll für mich sein, das

Braunbier für den Ochsen, das Wasser für den Ton und der Ton für das

Bildnis.“

Derweil Ulenspiegel aß und trank, knetete er den Ton und verschluckte

dann und wann ein Stücklein davon; doch das kümmerte ihn wenig, und

er betrachtete aufmerksam Michielkins Bildnis. Da der Ton geknetet

war, machte er daraus eine Maske mit Nase, Mund, Augen, Ohren, die dem

Bildnis des Toten so gleich waren, daß Boelkin sich baß verwunderte.

Nach diesem legte er die Maske in den Backofen und als sie trocken war,

bemalte er sie mit der Farbe der Leichen, schuf ihr verstörte Augen,

ein ernstes Antlitz und die unterschiedlichen Verzerrungen eines

Verscheidenden. Da hörte das Mädchen auf sich zu verwundern; sie sah

die Maske an und konnte ihre Augen nicht abwenden, erblaßte und ward

totenbleich, verhüllte ihr Antlitz und sagte schaudernd:

„Das ist er, mein armer Michielkin!“

Er machte auch zwei blutende Füße.

Dann, nachdem sie ihren ersten Schrecken überwunden hatte, sprach sie:

„Der wird gesegnet sein, der den Mörder morden wird.“

Ulenspiegel nahm die Maske und die Füße und sprach:

„Ich bedarf eines Helfers.“

Boelkin antwortete:

„Geh in die ‚Blaue Gans‘ zu Joos Lansaem von Ypern, der diese Schenke

führt. Er war meines Bruders bester Kamerad und Freund. Sag ihm,

Boelkin schickte Dich.“

Ulenspiegel tat, wie sie ihm geheißen.

Nachdem der Profoß Spelle für den Tod gearbeitet hatte, ging er in

„den Falken“, um eine heiße Mischung von Dobbele Clauwaert, Zimmet und

Madeirazucker zu trinken. Aus Furcht vor dem Strang wagte man ihm in

diesem Gasthause nichts zu verweigern.

Pieter de Roose, der wieder Mut gefaßt hatte, war nach Meulestee

zurückgekehrt. Er ging Spelle und seinen Schergen allenthalben nach,

damit sie ihn schützten. Spelle bezahlte bisweilen die Zeche. Und sie

vertranken mitsammen wohlgemut das Geld der Opfer.

Die Herberge zum Falken war nicht mehr voll wie in den guten Zeiten,

wo das Dorf fröhlich lebte, wo die Leute Gott als gute Katholiken

dienten und nicht um der Religion willen gepeinigt wurden. Jetzt war

das Dorf gleichsam in Trauer, wie man es an den zahlreichen leeren

oder geschlossenen Häusern und an seinen verödeten Gassen sah, in

welchen nur etliche magere Hunde irrten, so auf den Kehrichthaufen ihre

verfaulte Nahrung suchten.

In Meulestee war nur noch Platz für die beiden Bösen. Die furchtsamen

Dorfbewohner sahen die Frechen des Tages die Häuser der künftigen

Opfer bezeichnen und die Totenlisten aufstellen und am Abend vom

Falken zurückkehren und unflätige Gassenhauer singen, geleitet von zwei

Schergen, trunken wie sie und bis an die Zähne bewaffnet.

Ulenspiegel ging in die ‚Blaue Gans‘ zu Joos Lansaem, der in seiner

Schreibstube saß.

Ulenspiegel zog ein Fläschlein Branntwein aus dem Hosensack und sprach

zu ihm:

„Boelkin hat zwei Tonnen davon zu verkaufen.“

„Komm in meine Küche,“ sagte der Wirt.

Dann schloß er die Türe und sah ihn fest an.

„Du bist kein Branntweinhändler; was bedeutet Dein Augenzwinkern? Wer

bist Du?“

„Ich bin des Klas Sohn, der zu Damm verbrannt ist; die Asche des Toten

brennt auf meiner Brust. Ich will Spelle, den Mörder töten.“

„Ist es Boelkin, die Dich sendet?“

„Boelkin sendet mich,“ erwiderte Ulenspiegel. „Ich werde Spelle töten

und Du sollst mir dabei helfen.“

„Das will ich“, sagte der Wirt. „Was muß ich tun?“

Ulenspiegel antwortete:

„Geh zum Pfarrer, dem guten Seelenhirten und Feind von Spelle, hole

Deine Freunde zusammen und finde Dich morgen nach Feierabend mit

ihnen auf der Straße nach Ewerghem, jenseit Spelles Haus, zwischen

dem Falken und besagtem Hause ein. Stellet Euch alle ins Dunkle und

legt keine weißen Kleider an. Schlag zehn Uhr wirst Du Spelle aus der

Schenke kommen sehen und ein Fuhrwerk von der andern Seite. Sage Deinen

Freunden heute Abend nichts; sie schlafen dem Ohr ihrer Weiber zu nahe.

Suche sie morgen auf. Kommet, horchet gut auf alles, und behaltet es

wohl im Gedächtnis.“

„Wir werden es im Gedächtnis behalten,“ sagte Joos. Und seinen Becher

erhebend: „Ich trinke auf den Strang für Spelle.“

„Auf den Strang,“ sprach Ulenspiegel. Dann kehrte er mit dem Wirt in

die Schenkstube zurück, allwo etliche gentische Trödler zechten. Sie

kamen vom Brügger Samstagsmarkt heim, wo sie Wämse und Koller von

Gold- und Silberstoff teuer verkauft hatten, die sie zuvor für wenige

Sous von verarmten Adligen, so es durch ihren Aufwand den Spaniern

gleich tun gewollt, erhandelt hatten.

Wegen des großen Verdienstes hielten sie Schmaus und Gelage.

Ulenspiegel und Joos setzten sich in eine Ecke und verabredeten

beim Trinken, ohne daß jemand sie hörte, daß Joos zum Pfarrer der

Kirche, dem guten Pastor gehen solle, der wider Spelle, den Mörder

Unschuldiger, erzürnt war. Danach sollte er zu seinen Freunden gehen.

Am folgenden Tage nach Feierabend verließen Joos und Michielkins

Freunde, die benachrichtigt waren, die ‚Blaue Gans,‘ wo sie zu zechen

pflegten, auf verschiedenen Wegen, damit man ihre Absicht nicht merke

und gingen zur Landstraße nach Everghem. Es waren ihrer siebenzehn.

Um zehn Uhr kam Spelle aus ‚dem Falken,‘ und seine beiden Schergen und

Pieter de Roose gingen hinter ihm. Lansaem und die Seinen hatten sich

in der Scheuer von Samson Boene, einem Freund Michielkins, versteckt.

Das Tor der Scheuer war offen. Spelle sah sie nicht. Sie hörten ihn

vorübergehen, vom vielen Trinken schwankend, desgleichen Pieter de

Roose und seine beiden Häscher, und er sagte mit breiiger Stimme und

vielem Schlucken:

„Profoße, Profoße! Sie haben ein gutes Leben auf Erden. Stützt mich,

Ihr Galgenvögel, die Ihr von meinem Abhub lebt.“

Plötzlich vernahm man auf der Landstraße von den Feldern her das

Schreien eines Esels und das Knallen einer Peitsche.

„Da ist ein gar halsstarriger Esel“, sprach Spelle, „der trotz dieser

schönen Mahnung nicht vorwärts will.“

Plötzlich hörte man lautes Rädergerassel und ein Karren kam in Sätzen

die Landstraße heruntergefahren.

„Haltet ihn an,“ sagte Spelle.

Als der Wagen an ihnen vorbeikam, stürzten Spelle und seine beiden

Knechte sich auf den Kopf des Esels.

„Dieser Wagen ist leer,“ sagte einer der Häscher.

„Tölpel,“ sprach Spelle, „laufen die leeren Wagen in der Nacht allein

herum? In diesem Wagen ist einer, der sich versteckt. Zündet die

Laternen an und haltet sie hoch, ich werde hineinsehen.“

Die Laternen wurden angezündet, und Spelle stieg auf den Wagen, die

seine hochhaltend; aber kaum hatte er hingeblickt, als er einen lauten

Schrei tat, zurücksank und rief:

„Michielkin, Michielkin! Jesus, erbarme Dich meiner.“

Alsbald erhob sich vom Boden des Wagens ein Mann, nach Art der

Zuckerbäcker weiß gekleidet, und in seinen beiden Händen blutige Füße

haltend.

Da Pieter de Roose diesen Mann im Schein der Laternen sich erheben sah,

schrie er samt seinen beiden Bluthunden:

„Michielkin, Michielkin, der Tote! Herr, erbarme Dich unser!“

Die Siebenzehn kamen bei dem Lärm herzu und wollten das Schauspiel mit

ansehen. Sie waren schier erschrocken, da sie beim hellen Mondschein

gewahrten, wie ähnlich das Abbild Michielkins dem armem Verstorbenen

war.

Und das Gespenst schwenkte seine blutigen Füße.

Es war sein Antlitz, voll und rund wie sonst, aber im Tode verblaßt,

dräuend, fahl und unterm Kinn von Würmern zerfressen.

Das Gespenst schüttelte immer noch seine blutigen Füße und sprach zu

Spelle, der ächzend auf dem Rücken lag:

„Spelle, Profoß Spelle, erwache!“

Aber Spelle rührte sich nicht.

„Spelle“, sprach das Gespenst zum andern Male, „Profoß Spelle,

erwache, oder ich werde Dich mit mir in den gähnenden Rachen der Hölle

schleppen.“

Spelle stand auf, seine Haare sträubten sich vor Furcht und er schrie

jammervoll:

„Michielkin, Michielkin, hab Erbarmen!“

Indessen waren die Bürger näher gekommen, aber Spelle sah nichts

als die Laternen, die er für Augen von Teufeln hielt, wie er später

bekannte.

„Spelle,“ sprach Michielkins Geist, „bist Du zu sterben bereit?“

„Nein,“ antwortete der Profoß, „nein, Herr Michielkin, ich bin mit

nichten dazu bereit und will nicht vor Gott erscheinen mit einer Seele,

die ganz schwarz ist von Sünden.“

„Erkennest Du mich?“ fragte das Gespenst.

„Gott steh mir bei,“ sagte Spelle, „ja, ich erkenne Euch. Ihr seid der

Geist Michielkins, des Zuckerbäckers, der unschuldig an den Folgen

der Folter in seinem Bette starb. Und die zwei blutigen Füße sind

die nämlichen, an deren jeden ich fünfzig Pfund hängen ließ. Ach,

Michielkin, verzeiht mir, Pieter de Roose verführte mich; er bot mir

fünfzig Gulden, die ich annahm, um Euren Namen auf die Liste zu setzen.“

„Willst Du beichten?“ fragte das Gespenst.

„Ja, Herr, ich will beichten, alles sagen und Buße tun. Aber geruhet,

diese Teufel dort zu entfernen, die bereit sind, mich zu verschlingen.

Ich werde alles sagen. Schafft diese feurigen Augen fort! Ich habe in

Tournay ebenso an fünf Bürgern gehandelt, ebenso in Brügge an vieren.

Ich weiß ihre Namen nicht mehr, aber ich werde sie Euch sagen, so Ihr

es verlangt. Auch anderswo habe ich gesündigt, und durch mein Tun

sind neunundsechzig Unschuldige in der Grube. Michielkin, der König

brauchte Geld. Man hatte es mir eingeschärft; aber ich brauchte es

gleichermaßen. Es ist in Gent, im Keller unter den Pflastersteinen bei

der alten Grovels, meiner rechten Mutter. Ich habe alles gesagt, alles.

Gnade und Erbarmen! Schafft die Teufel fort. Herr Gott, Jungfrau Maria,

Jesus, bittet für mich! Entfernt die höllischen Feuer, ich werde alles

verkaufen, alles den Armen geben und Buße tun.“

Da Ulenspiegel sah, daß die Menge der Bürger bereit war, ihm

beizustehen, sprang er aus dem Wagen und Spelle an die Kehle, um ihn zu

erdrosseln.

Aber der Pfarrer kam.

„Lasset ihn leben,“ sprach er. „Es ist besser, daß er durch den Strick

des Henkers sterbe, denn durch die Hände eines Gespenstes.“

„Was wollt Ihr mit ihm machen?“ fragte Ulenspiegel.

„Ihn beim Herzog verklagen und ihn henken lassen,“ antwortete der

Pfarrer. „Wer aber bist Du?“ fragte er.

Ulenspiegel antwortete: „Ich bin Michielkins Conterfei und die

Person eines armen vlämisches Fuchses, der sich wieder in seinen Bau

verkriechen wird, aus Furcht vor den hispanischen Jägern.“

Inzwischen entfloh Pieter de Roose so schnell er konnte.

Nachdem Spelle gehenkt war, wurden seine Güter eingezogen.

Und der König erbte.

33

Am folgenden Tage marschierte Ulenspiegel an der Leye, dem klaren Fluß

entlang auf Kortrijck.

Lamm wanderte kläglichen Mutes.

Ulenspiegel sprach zu ihm:

„Du stöhnst, Mattherziger, und sehnst Dich nach deinem Weibe, das Dir

die gehörnte Krone des Hahnreis aufsetzte.“

„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie war mir allzeit getreu und liebte mich

genug, wie ich sie allzu sehr liebte, mein süßer Jesus. Eines Tages,

da sie nach Brügge gegangen war, kam sie schier verwandelt zurück. Von

jener Zeit an sagte sie zu mir, wenn ich sie um Liebe bat:

„Ich muß als Freundin mit Dir leben, nicht anders.“

Darauf entgegnete ich mit Trauer im Herzen:

„Liebes Herz, wir wurden vor Gott getraut. Habe ich nicht alles für

Dich getan, was Du wolltest? Hab ich nicht manches Mal ein Wams aus

schwarzem Linnen und einen Mantel aus Barchent angelegt, um Dich trotz

der königlichen Verordnungen in Seide und Brokat gekleidet zu sehen?

Liebchen, liebst Du mich nicht mehr?“

„Ich liebe Dich, wie Gott und seine Gebote, wie die heilige Disziplin

und Pönitenz es vorschreiben. Ich werde Dir gleichwohl eine tugendsame

Gefährtin sein.“

„Was schiert mich Deine Tugend,“ antwortete ich. „Dich will ich, Dich,

mein Weib.“

Sie schüttelte den Kopf:

„Ich weiß, daß Du gut bist. Bis heute warst Du der Koch im Haus, um mir

die Mühe der Kochkunst zu ersparen. Du bügeltest unsere Leintücher,

Krausen und Hemden, dieweil die Bügeleisen zu schwer für mich waren.

Du wuschest unsre Wäsche, Du kehrtest das Haus und die Gasse vor der

Tür, um mir jegliche Beschwer zu ersparen. Jetzo will ich statt Deiner

schaffen, aber nichts weiter, lieber Mann.“

„Das ist mir einerlei,“ antwortete ich. „Ich werde wie zuvor Deine

Kammerfrau, Deine Büglerin, Köchin und Wäscherin sein, Dein leibeigner,

unterwürfiger Sklave; aber, Frau, trenne nicht diese beiden Herzen und

Leiber, die eins waren, zerreiße nicht dies holde Band der Liebe, das

uns so zart verknüpfte.“

„Es muß sein,“ antwortete sie.

„Wehe,“ sprach ich, „hast Du in Brügge diesen harten Entschluß gefaßt?“

Sie antwortete:

„Ich habe vor Gott und seinen Heiligen geschworen.“

„Wer hat Dich denn zum Schwur gezwungen,“ schrie ich, „Deine Pflichten

als Frau nicht zu erfüllen?“

„Der, so den Geist Gottes in sich hat und mich unter die Zahl seiner

Büßerinnen aufnimmt,“ sagte sie.

„Von Stund’ an hörte sie auf, mein zu sein, gleich als wäre sie

die getreue Frau eines Andern gewesen. Ich flehete sie an, quälte,

drohte, weinte, bat. Aber umsonst. Eines Abends, bei der Heimkehr

von Blankenberghe, wohin ich gegangen war, um den Zins einer meiner

Pachtungen einzunehmen, fand ich das Haus leer. Ohne Zweifel meines

Flehens müde, böse und trübselig über meinen Kummer, war mein Weib

entflohen. Wo weilt sie nun?“

Und Lamm setzte sich ans Ufer der Leye, senkte den Kopf und schaute das

Wasser an.

„Ach,“ sprach er, „Liebchen, wie fett, zart und reizend warst Du! Werde

ich jemals ein Hühnchen wie Dich wiederfinden? Werde ich nie mehr von

Dir, Hausmannskost der Liebe, essen? Wo sind Deine Küsse, balsamisch

wie Thymian? Dein lieblicher Mund, von dem ich Freude pflückte wie

die Biene den Honig von der Rose; Deine weißen Arme, die mich kosend

umschlangen? Wo ist Dein klopfendes Herz, deine runde Brust und der

reizende Schauer Deines Feenleibes, der nach Liebe girrte? Ja wo sind

Deine alten Wellen, Du kühler Fluß, der Du Deine neuen so lustig in der

Sonne rollst?“

34

Als sie am Walde von Peteghem vorbeikamen, sprach Lamm zu Ulenspiegel:

„Ich brate, laß uns Schatten suchen.“

„Sei es,“ antwortete Ulenspiegel.

Sie setzten sich im Walde aufs Gras und sahen ein Rudel Hirsche an sich

vorbeiziehen.

„Sieh genau hin, Lamm,“ sprach Ulenspiegel, indem er seine deutsche

Büchse lud, „hier sind die Kapitalhirsche, so noch ihr Hirschgeschrötte

haben und stolz ihr neunendiges Geweih tragen; zierliche Spießer, ihre

Schildknappen, traben ihnen zur Seite, bereit, ihnen mit ihrem spitzen

Gehörn zu Hilfe zu kommen. Sie gehen nach ihrem Lager. Drehe das

Radschloß der Büchse, wie ich es mache. Feure! Der Kapitalhirsch ist

krank geschossen. Ein Spießer ist aufs Blatt getroffen; er flieht. Ihm

nach, bis er stürzt. Mach’s wie ich; laufe, springe und fliege.“

„Das ist ein Stücklein meines närrischen Freundes,“ sagte Lamm, „den

Hirschen im vollen Lauf zu folgen. Flieg nicht ohne Flügel, das ist

verlorne Müh. Du wirst sie nicht einholen. O, über den grausamen

Gefährten! Glaubst Du, daß ich so behende sei, wie Du? Ich schwitze,

mein Sohn, ich schwitze und werde fallen. Wenn der Förster Dich abfaßt,

wirst Du gehenkt werden. Der Hirsch ist des Königs Wild. Laß sie

laufen, mein Sohn, Du wirst sie nicht fangen.“

„Komm,“ sprach Ulenspiegel. „Hörst Du das Krachen seines Geweihs im

Gebüsch, gleichwie ein dahinziehender Wirbelwind? Siehst Du die jungen,

abgebrochenen Zweige, die Blätter, die den Boden bedecken? Diesmal hat

er noch eine Kugel aufs Blatt gekriegt. Wir werden ihn verspeisen.“

„Er ist noch nicht gekocht,“ sprach Lamm. „Laß die armen Tiere laufen.

Ach, wie heiß ist es! Ich werde hier gewißlich fallen und nicht wieder

aufstehen.“

Plötzlich erfüllten zerlumpte, gewaffnete Männer von allen Seiten den

Wald. Hunde bellten und stürzten sich auf die Fährte der Hirsche.

Vier wilde Männer umringten Lamm und Ulenspiegel und führten sie auf

eine Lichtung inmitten eines Dickichts. Dort sahen sie unter Weibern

und Kindern, die da lagerten, Männer in großer Zahl, mit Degen,

Armbrüsten, Büchsen, Lanzen, Spießen und Reiterpistolen auf mancherlei

Weise bewaffnet.

Da Ulenspiegel sie erblickte, sagte er:

„Seid Ihr Buschklepper oder Waldbrüder, da Ihr hier in Gemeinschaft zu

leben scheint, um die Verfolgung zu fliehen?“

„Wir sind Waldbrüder,“ antwortete ein Greis, der neben dem Feuer saß

und etliche Vögel in einem irdenen Tiegel schmorte. „Aber wer bist Du?“

„Ich bin aus dem schönen Lande Flandern,“ antwortete Ulenspiegel,

„Maler, Bauer, Edelmann, Bildschnitzer, alles miteinander. Und

solchergestalt lustwandle ich durch die Welt, lobe schöne und gute

Dinge und spotte der Dummheit mit keckem Schnabel.“

„Wenn Du so viele Länder gesehen hast,“ sagte der alte Mann, kannst Du

„~Schild ende Vriendt~,“ Schild und Freund, auf Genter Art aussprechen;

wenn nicht, so bist Du ein falscher Vläme und mußt sterben.“

Ulenspiegel sprach: ~Schild ende Vriendt~.

„Und Du, Dickwanst,“ fragte der alte Mann, zu Lamm redend, „was ist

Dein Gewerbe?“

Lamm antwortete:

„Meine Ländereien, Pachthöfe, Meiereien und Güter aufzuessen und

zu vertrinken, mein Weib zu suchen und meinem Freund Ulenspiegel

allerorten zu folgen.“

„Wenn Du soviel gereist bist,“ sagte der alte Mann, „so mußt Du wissen,

wie man die Leute aus Weert in Limburg heißt.“

„Das weiß ich nicht,“ antwortete Lamm; „aber wisset Ihr mir nicht den

Namen des schändlichen Schuftes, der meine Frau aus dem Hause trieb?

Fangt ihn mir, ich werde ihn stracks umbringen.“

Der Alte erwiderte: „Zwei Dinge gibt’s in dieser Welt, die einmal

entflohen, nimmer zurückkehren: das ist ausgegebenes Geld und ein Weib,

das seines Mannes überdrüssig davonfliegt.“

Dann redete er zu Ulenspiegel:

„Weißt Du, wie man die Leute von Weert in Limburg heißt?“

„~Raekstekers~, Rochenbeschwörer,“ antwortete Ulenspiegel, „maßen

einstmals ein lebendiger Roche von einem Fischerkarren gefallen war und

die alten Weiber ihn für den Teufel hielten, da sie ihn springen sahen.

„Lasset uns den Pfarrer holen, um den Rochen zu exorzieren,“ sprachen

sie. Der Pfarrer trieb den Teufel aus, nahm den Rochen mit nach Hause

und machte ein leckeres Gericht davon, den Weertern zu Ehren. So tue

Gott mit dem Blutkönig.“

Indes widerhallte der Wald vom Gebell der Hunde. Bewaffnete, die im

Gehölz umherliefen, schrieen, um das Wild aufzuscheuchen.

„Das ist der Hirsch und der Spießer, die ich angeschossen habe,“ sagte

Ulenspiegel.

„Wir werden ihn essen,“ sagte der Alte. „Aber wie nennt man die Leute

aus Eindhoven in Limburg?“

„~Pinnenmakers~, Riegelmacher,“ antwortete Ulenspiegel. „Einst, da der

Feind vor dem Stadttor war, verriegelten sie es mit einer Mohrrübe. Und

die Gänse kamen und fraßen die Rübe mit heftigen Bissen ihrer gierigen

Schnäbel und die Feinde drangen in Eindhoven ein. Aber es werden

eiserne Schnäbel sein, die die Riegel der Kerker verzehren, darinnen

man das freie Gewissen einsperren will.“

„So Gott für uns ist, wer kann wider uns sein!“ sagte der Alte.

Ulenspiegel sprach: „Hundegebell, Menschengeheul und krachende Zweige:

es ist ein Sturm im Walde.“

„Ist Hirschfleisch gutes Fleisch?“ fragte Lamm, die Gerichte

betrachtend.

„Das Geschrei der Treiber kommt näher,“ sprach Ulenspiegel zu Lamm;

„die Hunde sind ganz nahe. Welch ein Donnern! Der Hirsch! Der

Hirsch! Achtung, mein Sohn! Pfui, das garstige Tier! Es hat meinen

dicken Freund mitten unter Pfannen, Tiegel, Töpfe, Feldkessel und

Schmorfleisch auf die Erde geworfen. Siehe, die Frauen und Mädchen

entfliehen, von Schrecken betört. Blutest Du, mein Sohn?“

„Du lachst, Taugenichts,“ sagte Lamm. „Ja, ich blute, er hat mir sein

Geweih ins Gesäß gerannt. Da sieh, wie meine Hose zerrissen ist und

mein Fleisch desgleichen. Und all die schönen Gerichte liegen am Boden.

Sieh, ich verliere all mein Blut durch den Strumpf.“

„Dieser Hirsch ist ein fürsorglicher Wundarzt. Er bewahrt Dich vor dem

Schlagfluß,“ antwortete Ulenspiegel.

„Pfui über Dich herzlosen Taugenichts,“ sagte Lamm. „Aber ich werde Dir

nicht mehr folgen. Ich werde hier unter diesen guten Männern und Frauen

bleiben. Wie kannst Du sonder Scham gegen meine Schmerzen so hart

sein, wenn ich Dir wie ein Hund durch Schnee, Frost, Regen, Hagel und

Wind auf den Fersen folge und in der Hitze mir die Seele aus der Haut

schwitze!“

„Deine Wunde hat nichts auf sich; leg einen Ölkuchen darauf, das wird

ein leckeres Pflaster sein,“ entgegnete Ulenspiegel. „Aber weißt Du,

wie die Leute aus Löwen heißen? Du weißt es nicht, armer Freund.

Wohlan, ich will es Dir sagen, um Dich am Stöhnen zu hindern. Sie

heißen ~koeye-schieters~, Kuhschützen, denn sie waren einstmals so

dumm, auf Kühe zu zielen, die sie für feindliche Soldaten hielten.

Wir aber, wir zielen auf die hispanischen Böcke; ihr Fleisch ist

stinkend, aber die Haut ist gut, Trommeln daraus zu machen. Und die

von Tirlemont? Weißt Du das? Ebensowenig. Sie tragen den ruhmvollen

Beinamen ~kirekers~. Denn bei ihnen fliegt am Pfingsttage im Dom eine

Ente vom Chor auf den Altar, und das ist das Abbild ihres Heiligen

Geistes. Leg einen Krapfen auf Deine Wunde. Du hebst die Töpfe und

Gerichte, die der Hirsch umstieß, schweigend auf. Das ist Eifer für die

Kochkunst. Du zündest das Feuer wieder an, setzest den Suppenkessel

wieder auf seinen Dreifuß und befassest Dich gar sorglich mit dem

Kochen. Weißt Du, warum es in Löwen vier Wunder gibt? Nein. Ich will

es Dir sagen. Erstlich, weil die Lebenden dort unter den Toten gehn,

denn die Kirche Sankt Michael ist neben das Stadttor gebaut. Es folgt

daraus, daß der Kirchhof darüber ist. Zweitens weil die Glocken

dort außer den Türmen sind, wie an der Sankt-Jakobs-Kirche zu sehen

ist. Dort ist eine große und eine kleine Glocke; dieweil die kleine

im Glockenturm keinen Platz fand, hat man sie nach außen gehängt.

Drittens wegen des Altars außerhalb der Kirche; denn die Vorderseite

von Sankt-Jakob gleicht einem Altar. Viertens wegen des Turms ohne

Nägel, sintemalen die Turmspitze von Sankt-Gertrudis aus Stein anstatt

aus Holz gebaut ist und man die Steine nicht nagelt, ausgenommen das

Herz des Blutkönigs, das ich über das große Tor von Brüssel nageln

möchte. Doch Du hörst mir nicht zu. Ist kein Salz in der Brühe? Weißt

Du, warum die von Termonde die Bettwärmer, ~de vierpannen~ genannt

werden? Es sollte ein junger Prinz im Winter in der Herberge zum

„Wappen von Flandern“ nächtigen, und der Wirt wußte nicht, wie er die

Leintücher wärmen sollte, denn es fehlte an einem Bettwärmer. Er ließ

das Bett durch sein junges Töchterlein erwärmen, das eilends davonlief,

da es den Prinzen kommen hörte; und der Prinz fragte, warum man den

Bettwärmer nicht darinnen gelassen habe. Gott gebe, daß Philipp, in

einen Kasten von glühendem Eisen gesperrt, im Bett der Frau Astarte als

Bettwärmer diene.“

„Laß mich in Ruhe,“ sagte Lamm; „ich lache über Dich, Deine

~vierpannen~, den Turm ohne Nägel und die andern Possen. Laß mich bei

meiner Brühe.“

„Hüte Dich,“ sprach Ulenspiegel. „Das Gebell ertönt ohn Unterlaß; es

wird stärker, die Hunde heulen, das Jagdhorn erklingt. Nimm Dich vor

dem Hirsch in Acht. Du fliehst. Das Jagdhorn tönt.“

„Das ist das Halali,“ sagte der Alte. „Kehre zu Deinen Gerichten

zurück, Lamm, der Hirsch ist zur Strecke gebracht.“

„Das soll uns eine gute Mahlzeit sein,“ sprach Lamm. „Ihr müsset mich

zum Schmaus laden, um der Mühe willen, die ich mir für Euch gebe. Die

Tunke der Vögel wird gut sein, nur knirscht sie etwas: das macht der

Sand, auf den sie gefallen sind, da dieser große Teufel von Hirsch mir

beides, Wams und Fleisch zerriß. Aber fürchtet Ihr nicht die Förster?“

„Wir sind unsrer zu viele,“ entgegnete der Alte; sie haben Furcht und

stören uns nicht. Desgleichen die Häscher und Richter. Die Städter

lieben uns, denn wir tun nichts Böses. Wir werden noch etliche Zeit in

Frieden leben, es sei denn, daß das hispanische Heer uns einschließt.

So das geschieht, werden wir, alte und junge Männer, Frauen, Mädchen,

Büblein und Dirnlein, unser Leben teuer verkaufen und uns lieber

untereinander töten, denn unter der Hand des Blutherzogs tausendfache

Marter leiden.“

Ulenspiegel sagte:

„Es ist nicht mehr an der Zeit, den Henker zu Land zu bekämpfen. Auf

dem Meer müssen wir seine Macht vernichten. Gehet nach den Inseln von

Zeeland über Brügge, Heyst und Knocke.“

„Wir haben kein Geld,“ sprachen sie.

Ulenspiegel versetzte:

„Hier sind tausend Karolus im Auftrag des Prinzen. Gehet längs der

Wasserläufe, Kanäle, Ströme und Flüsse. So Ihr Schiffe erblickt, die

das Zeichen ~J-H-S~ tragen, soll einer unter Euch gleich einer Lerche

singen. Hahnenschrei wird ihm antworten. Und Ihr werdet in Freundesland

sein.“

„So werden wir tun,“ sagten sie.

Bald erschienen die Jäger, die den erlegten Hirsch an Stricken

schleppten, die Hunde hinterdrein.

Alsbald setzten sich alle im Kreise ums Feuer. Es waren ihrer wohl

sechzig, Männer, Frauen und Kinder. Das Brot ward aus den Ranzen und

die Messer aus den Scheiden gezogen, der Hirsch abgedeckt, zerlegt

und ausgenommen und mit kleinerem Wildpret an den Spieß gesteckt. Und

am Ende der Mahlzeit sah man Lamm schnarchend, den Kopf auf die Brust

gesenkt und an einen Baum lehnend.

Bei sinkender Nacht krochen die Waldbrüder in unterirdische Hütten, um

zu schlafen; und Lamm und Ulenspiegel taten desgleichen.

Bewaffnete hielten Wacht und beschützten das Lager. Und Ulenspiegel

hörte die dürren Blätter unter ihren Füßen rascheln.

Am andern Tage ging er mit Lamm von dannen, indes die aus dem Lager zu

ihm sagten:

„Gesegnet seiest Du; wir werden nach dem Meere gehen.“

35

In Harlebeke schaffte Lamm neuen Vorrat von Ölkuchen an, aß deren

siebenundzwanzig und tat dreißig in seinen Korb. Ulenspiegel trug seine

Käfige in der Hand. Gegen Abend kamen sie nach Kortrijck und stiegen in

der Herberge ‚zur Biene‘ ab, bei Gillis van den Ende, der sogleich an

die Tür kam, als er den Lerchensang hörte.

Da war alles eitel Zucker und Honig für sie. Nachdem der Wirt des

Prinzen Briefe gesehen, übergab er Ulenspiegel fünfzig Karolus für den

Prinzen und wollte weder für die Truthenne, die er ihnen vorsetzte,

noch für den Doppel Klauwaert, mit dem er sie tränkte, bezahlt sein.

Auch warnte er ihn vor den Spionen des Bluttribunals, die in Kortrijck

wären, derhalben er seine und seines Gefährten Zunge wohl im Zaum

halten solle.

„Wir werden darauf achten“, sprachen Ulenspiegel und Lamm.

Und sie verließen die Herberge.

Die untergehende Sonne vergüldete die Giebel der Häuser. Die Vögel

sangen unter den Linden, die Gevatterinnen schwätzten vor ihren

Türschwellen, und die Kinder wälzten sich im Staube. Ulenspiegel und

Lamm streiften aufs Geratewohl durch die Gassen.

Plötzlich sagte Lamm:

„Martin van den Ende sagte mir auf meine Frage, ob er eine Frau ähnlich

der meinen gesehen habe / ich machte ihm ein Bild meiner Liebsten /

daß bei der Stevenyne auf der Brügger Landstraße vor der Stadt im

„Regenbogen“ eine große Zahl Frauen seien. Sie vereinigten sich dort

alle Abende. Ich gehe flugs dorthin.“

„Ich werde sogleich nachkommen,“ sprach Ulenspiegel. „Ich will mir die

Stadt anschauen; so ich Deiner Frau begegne, werde ich sie Dir alsbald

schicken. Du weißt, daß der Wirt Dich ermahnt hat, zu schweigen, wenn

anders Dir Deine Haut lieb ist.“

„Ich werde schweigen,“ sprach Lamm.

Ulenspiegel strich nach Belieben herum. Die Sonne ging unter, und der

Tag ging schnell zur Rüste. Ulenspiegel kam in die ~Pierpot Straetje~,

das Steintopfgäßchen. Allda hörte er melodisch die Laute spielen. Näher

tretend, erblickte er eine weiße Gestalt, die ihn lockte, ihn floh

und auf der Laute spielte. Und wie ein Seraph sang sie ein sanftes,

langsames Lied, indem sie stehen blieb, ihn lockte und wiederum floh.

Aber Ulenspiegel rannte hurtig; er holte sie ein und wollte zu ihr

reden; da legte sie ihm ihre nach Benzoe duftende Hand auf den Mund.

„Bist Du ein Bauer oder ein Edelmann?“ fragte sie.

„Ich bin Ulenspiegel.“

„Bist Du reich?“

„Genug, um ein groß Vergnügen zu bezahlen, aber nicht genug, um meine

Seele loszukaufen.“

„Hast Du keine Rosse, daß Du zu Fuße gehst?“

„Ich hatte einen Esel, aber ich hab’ ihn im Stall gelassen.“

„Wie kommt es, daß Du allein bist, ohne Freund, in einer fremden Stadt?“

„Dieweil mein Freund seinerseits herumstreicht, wie ich für mich, Du

neugierig Schätzlein.“

„Ich bin nicht neugierig,“ sagte sie. „Ist Dein Freund reich?“

„An Fett,“ sagte Ulenspiegel. „Bist Du bald fertig mit Fragen?“

„Ich bin fertig,“ sagte sie, „laß mich nun.“

„Dich lassen?“ sagte er. „Ebenso gut könntest Du Lamm, wenn ihn

hungert, heißen, ein Gericht Fettammern stehen zu lassen. Ich will Dich

kosten.“

„Du hast mich ja gar nicht gesehen,“ sprach sie. Und sie öffnete eine

Laterne, die plötzlich einen Schein warf und ihr Antlitz erleuchtete.

„Du bist schön,“ sprach Ulenspiegel. „Hei, die goldige Haut, die

sanften Augen, der rote Mund und der reizende Leib. Alles wird mein

sein.“

„Alles,“ sagte sie.

Sie führte ihn zur Stevenyne in den „Regenbogen“ an der Landstraße

nach Brügge. Ulenspiegel sah allda eine große Zahl Dirnen, die am Arm

Rädlein von anderer Farbe als ihre Barchentkleider trugen. Diese trug

ein Rädlein von Silberstoff auf einem Kleid von Goldstoff. Und alle

Dirnen blickten sie eifersüchtig an. Beim Eintreten machte sie der

Wirtin ein Zeichen, aber Ulenspiegel sah es nicht. Sie setzten sich

zueinander und tranken.

„Weißt Du,“ sagte sie, „daß wer mich geliebt hat, für allezeit mein

ist.“

„Schönes, duftendes Weiblein,“ sagte Ulenspiegel, „es wäre mir ein

köstlicher Schmaus, allzeit von Deinem Fleisch zu zehren.“

Auf einmal erblickte er Lamm in einer Ecke; der hatte ein Tischlein mit

Talglicht, einen Schinken und einen Krug Bier vor sich und wußte nicht,

wie er sein Bier und Schinken zwei Dirnen streitig machen sollte, die

mit aller Gewalt mit ihm essen und trinken wollten.

Da Lamm Ulenspiegel gewahrte, stand er auf, sprang drei Schuh hoch in

die Luft und rief:

„Gelobt sei Gott, der mir meinen Freund Ulenspiegel wiedergibt! Zu

trinken, Wirtin!“

Ulenspiegel zog seine Börse und sagte:

„Zu trinken, bis dies alle ist.“

Und er ließ seine Karolus klingen.

„So wahr Gott lebt“, rief Lamm und riß ihm behend die Börse aus den

Händen. „Ich zahle, und nicht Du. Diese Börse ist mein.“

Ulenspiegel wollte ihm seine Börse mit Gewalt wieder abnehmen, aber

Lamm hielt sie gut fest. Wie sie so mit einander rangen, der Eine, um

sie zu behalten, der Andere, um sie zu entreißen, raunte Lamm ganz

leise, in abgerissenen Worten:

„Horch. Schergen drinnen ... vier ... kleines Gemach mit drei Dirnen

... Zwei draußen ... für Dich, für mich ... Wollte rausgehen ...

gehindert ... Frauenzimmer in Brokat ... Spionin ... Stevenyne Spionin!“

Derweil sie sich schlugen, hörte Ulenspiegel wohl zu und schrie:

„Gib mir meine Börse, Taugenichts.“

„Du wirst sie nicht bekommen,“ sprach Lamm.

Und sie packten sich beim Hals und bei den Schultern und wälzten sich

auf dem Boden, dieweil Lamm Ulenspiegel seinen guten Rat gab.

Plötzlich trat der Wirt „zur Biene“ herein und hinter ihm sieben

Männer, die er nicht zu kennen schien. Er krähte wie ein Hahn, und

Ulenspiegel trillerte wie eine Lerche. Da er Ulenspiegel und Lamm sich

prügeln sah, sprach der Wirt zur Stevenyne:

„Wer sind diese beiden?“

Die Stevenyne antwortete:

„Taugenichtse, so man lieber trennen sollte, anstatt sie hier so großen

Lärm aufführen zu lassen, ehe sie zum Galgen gehen.“

„Er soll nur wagen, uns zu trennen,“ sagte Ulenspiegel, „o so werden

wir ihn das Pflaster fressen lassen.“

„Ja, wir werden ihn das Pflaster fressen lassen,“ sagte Lamm.

„Der Wirt, unser Retter,“ sagte Ulenspiegel Lamm ins Ohr.

Ein Geheimnis ahnend, stürzte sich der Wirt mit gesenktem Kopf in den

Kampf.

Lamm warf ihm diese Worte ins Ohr:

„Du unser Retter? Wie?“

Der Wirt gab sich den Anschein, Ulenspiegel an den Ohren zu schütteln,

und sagte ganz leise zu ihm:

Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak: Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und andern Orts · 第 23 / 46 题