„Ist dein Kummer ohne Ende?“ fragte Ulenspiegel.
„Ach ja!“ sagte Lamm.
Und indem er eine Forelle aus einem Tiegel zog, sprach er:
„Sieh, wie schön und fest sie ist. Dies Fleisch ist rosenrot wie das
meiner Frau. Morgen werden wir Namur verlassen; ich habe ein Säckel
voller Gülden, wir wollen uns jeder einen Esel kaufen, und also werden
wir uns aufmachen und nach dem Lande Flandern reiten.“
„Dabei wirst Du viel verlieren.“
„Mein Herz zieht mich nach Damm. Es war der Ort, wo sie mich gar lieb
gehabt hat. Kann sein, daß sie dorthin zurückgekehrt ist.“
„Da Du es begehrst, wollen wir morgen aufbrechen,“ sagte Ulenspiegel.
Und so geschah’s. Jeder auf einem Esel sitzend, zogen sie fort und
ritten Seite an Seite.
18
Es wehte ein scharfer Wind. Die Sonne, in der Frühe so hell wie die
Jugend, ergraute wie ein alter Mann. Regen, mit Schloßen gemischt,
fiel. Als der Regen aufgehört, schüttelte sich Ulenspiegel und sprach:
„Der Himmel, der so viel Dünste trinkt, muß sich bisweilen erleichtern.“
Wiederum stürzte der Regen mit noch mehr Hagel als zuvor auf die beiden
Gefährten. Lamm stöhnte:
„Wir waren trefflich gewaschen; muß man uns auch noch spülen?“
Die Sonne schien wieder, und sie ritten frohgemut.
Nun fiel ein Regen mit Hagelschloßen, so mörderisch, daß er die dürren
Zweige der Bäume wie mit einem Bündel von Messern zerhackte.
Lamm sagte:
„Hoho, ein Dach! Mein armes Weib! Wo seid Ihr, gutes Feuer, süße Küsse
und fette Suppen?“
Und der dicke Mensch weinte.
Doch Ulenspiegel sprach:
„Wir jammern; aber kommen nicht unsere Uebel aus uns selbst? Es regnet
auf unsere Schultern, aber dieser Dezemberregen wird Maienklee machen.
Und die Kühe werden vor Freude brüllen. Wir sind ohne Obdach, aber
warum freien wir nicht? Will sagen, ich die kleine Nele, die so schön
und gut ist und mir jetzund ein gutes Gericht Rindfleisch mit Bohnen
dämpfen würde. Uns dürstet ohngeachtet des Wassers, das herunterkommt.
Warum wurden wir nicht Gesellen, die einem Handwerk treu sind? Die, so
Meister geworden sind, haben volle Tonnen Braunbiers im Keller.“
Klasens Asche brannte auf seinem Herzen. Der Himmel klärte sich, die
Sonne erglänzte und Ulenspiegel sprach:
„Frau Sonne, Euch sei Dank, Ihr erwärmt uns das Kreuz. Klasens Asche,
Du erwärmst uns das Herz und sagst uns, daß die gesegnet sind, die zur
Befreiung des Vaterlandes umherirren.“
„Mich hungert,“ sprach Lamm.
19
Sie kehrten in einer Herberge ein und man gab ihnen in einem hohen
Gemach das Nachtessen. Ulenspiegel öffnete die Fenster und sah von da
aus einen Garten, in dem sich ein artig Mägdlein erging, wohlgerundet,
mit vollen Brüsten, goldenen Haaren und nur mit einem Rock, einem
Leibchen von weißem Linnen und einer durchlöcherten Schürze von
schwarzer Leinwand angetan.
Hemden und andere Frauenwäsche bleichten auf Stricken. Das Mägdlein
nahm die Hemden von den Stricken, sich immerdar nach Ulenspiegel
umwendend, hängte sie wieder auf und setzte sich dann lächelnd und
immerdar ausschauend auf die aufgereihte Wäsche und schaukelte sich auf
den beiden zusammengeknoteten Enden.
In der Nachbarschaft hörte Ulenspiegel einen Hahn krähen und sah eine
Amme, die spielte mit einem Kinde und wandte sein Antlitz einem Manne
zu, der vor ihr stand; und dabei sagte sie:
„Boelkin, mach Väterchen freundliche Augen.“
Das Kind weinte.
Und das artige Mägdlein lustwandelte fürder im Garten und nahm die
Wäsche ab und hängte sie wieder auf.
„Das ist eine Spionin,“ sagte Lamm.
Das Mägdlein hielt die Hände vor die Augen und durch die Finger
lächelnd, blickte es Ulenspiegel an.
Dann hob es mit vollen Händen seine Brüste in die Höhe, ließ sie wieder
fallen und schaukelte sich von neuem, ohne daß seine Füße den Boden
berührten. Und die Hemden, die herunterflogen, machten, daß es sich
gleich einem Kreisel drehte, indessen Ulenspiegel seine Arme, weiß
und rund im bleichen Sonnenschein, bis an die Schultern erblickte. Es
drehte sich und lächelte und schaute ihn immer an. Er ging hinaus, um
es aufzusuchen. Lamm folgte ihm. Er suchte ein Loch in der Gartenhecke,
um hindurchzuschlüpfen, aber er fand keines.
Da das Mägdlein sein Treiben sah, blickte es ihn wiederum lächelnd
durch die Finger an.
Ulenspiegel versuchte durch die Hecke zu dringen, derweil Lamm ihn
zurückhielt und sagte:
„Geh nicht, das ist eine Spionin, wir werden verbrannt werden.“
Dann lustwandelte das Mädchen im Gärtlein, bedeckte sich das Gesicht
mit der Schürze und lugte durch die Löcher, zu sehen, ob ihr Freund von
Ohngefähr nicht bald käme.
Ulenspiegel wollte mit einem Satz über die Hecke springen, aber Lamm
hinderte ihn daran, ihn am Bein packend, daß er zu Boden fiel, und
sprach:
„Strang, Schwert und Galgen! Das ist eine Spionin, geh nicht hin!“
Auf der Erde sitzend, suchte Ulenspiegel sich seiner zu erwehren. Das
Mägdlein steckte den Kopf über die Hecke und rief:
„Gehabt Euch wohl, Herr, Amor möge Euch Langmütigen in der Schwebe
halten.“
Und er hörte ein spöttisches Lachen erschallen.
„Wehe,“ sagte er, „das ist für mein Ohr wie ein Bund Nadeln.“
Dann wurde eine Tür zugeschmettert.
Und er ward schwermütig.
Lamm, der ihn alleweil festhielt, sprach:
„Du zählst die holden Schätze der Schönheit, die zu Deiner Schande
verloren sind. Das ist eine Spionin. Du fällst gut, wenn Du fällst. Ich
werde noch vor Lachen bersten.“
Ulenspiegel blieb stumm und alle beide bestiegen wiederum ihre Esel.
20
So zogen sie selbander, hier ein Bein und da ein Bein auf ihrem Esel.
Lamm kaute an seiner letzten Mahlzeit und sog frohgemut die frische
Luft ein. Unversehens zog Ulenspiegel ihm einen gewaltigen Hieb mit der
Peitsche über das Gesäß, welches ein Polster im Sattel bildete.
„Was machst Du da?“ schrie Lamm kläglich.
„Was?“ antwortete Ulenspiegel.
„Dieser Peitschenhieb?“
„Welcher Peitschenhieb?“
„Den ich von Dir empfing,“ versetzte Lamm.
„Von links?“
„Ja, von links und auf meinen Hintern. Warum tatest Du das,
Schalksknecht?“
„Aus Unwissenheit,“ erwiderte Ulenspiegel. „Ich weiß sehr wohl, was
eine Peitsche ist, und eben so wohl, was ein Gesäß auf einem engen
Sattel ist. Da ich nun dieses so breit, geschwollen und prall sah,
wie es über den Sattel quoll, sagte ich mir: Da man nicht mit dem
Finger hineinzwicken kann, so könnte man ihm auch nicht mit der
Peitschenschnur wehe tun. Ich beging einen Irrtum.“
Da Lamm bei dieser Rede lächelte, sprach Ulenspiegel solcherart weiter:
„Aber ich bin es nicht allein in dieser Welt, der aus Unwissenheit
sündigt; es ist mehr als ein Erzdummkopf, der sein Fett auf dem Sattel
eines Esels zur Schau stellt, der es mir darin zuvor tun könnte. Wenn
meine Peitsche an deinem Gesäß sündigte, so hast Du viel schwerer an
meinen Beinen gesündigt, indem Du sie hindertest, hinter dem Mädchen
herzulaufen, das im Garten auf Buhlschaft ausging.“
„Rabenfutter!“ sprach Lamm; „das war also Rache?“
„Eine ganz kleine,“ antwortete Ulenspiegel.
21
In Damm lebte Nele betrübt mit Katheline, die den kalten Teufel,
welcher nicht kam, zärtlich rief.
„Ach,“ sagte sie, „Du bist reich, Hanske, mein Buhle, und könntest mir
die siebenhundert Karolus wiederbringen. Alsdann wird Soetkin aus dem
Fegefeuer lebendig auf die Erde zurückkehren, und Klas würde im Himmel
lachen; wohl kannst Du es tun. Nehmt das Feuer fort, macht ein Loch,
die Seele will hinaus.“
Und sie wies mit dem Finger ohn Unterlaß auf die Stelle, wo der Werg
gelegen hatte.
Katheline war sehr arm, doch die Nachbarn unterstützten sie mit Bohnen,
Brot und Fleisch nach ihren Mitteln. Die Gemeinde gab ihr etwas Geld.
Und Nele nähte Kleider für die reichen Bürgerfrauen und ging zu ihnen,
um die Wäsche zu bügeln, und verdiente dergestalt einen Gülden die
Woche.
Und Katheline sagte beständig:
„Macht ein Loch, nehmt meine Seele fort. Sie pocht und will
hinausgehen. Er wird die siebenhundert Karolus wiederbringen.“
Und Nele weinte, wenn sie das hörte.
22
Indessen kehrten Ulenspiegel und Lamm, mit ihren Pässen versehen, in
eine kleine Herberge ein, die sich an die Felsen der Sambre lehnte,
welche an gewissen Stellen mit Bäumen bedeckt sind. Auf dem Schild
stand geschrieben: Bei Marlaire.
Nachdem sie manch Fläschlein Maaswein in Burgunder Art getrunken und
viele gesalzene Fische verspeist hatten, plauderten sie mit dem Wirt,
der ein Papist reinsten Wassers war, aber geschwätzig wie eine Elster,
des Weines wegen, den er getrunken hatte. Unaufhörlich zwinkerte er
boshaft mit den Augen. Ulenspiegel vermutete hinter diesem Zwinkern
etwelches Geheimnis und ließ ihn noch mehr trinken, also daß der Wirt
anhub zu tanzen und in Gelächter auszubrechen. Dann setzte er sich
wieder an den Tisch und sagte:
„Gute Katholiken, ich trinke auf Euer Wohl.“
„Wir trinken auf das Deine,“ antworteten Lamm und Ulenspiegel.
„Auf die Ausrottung jeder Pest von Rebellion und Ketzerei!“
„Wir tun Bescheid,“ antworteten Lamm und Ulenspiegel und füllten ohn
Unterlaß den Becher des Wirts, der ihn niemals leer sehen konnte.
„Ihr seid Biedermänner,“ sprach er. „Ich trinke auf Eure Freigebigkeit;
ich verdiene am Wein, der getrunken. Wo sind Eure Pässe?“
„Hier sind sie,“ antwortete Ulenspiegel.
„Vom Herzog unterzeichnet. Ich trinke auf des Herzogs Wohl.“
„Wir tun Bescheid,“ antworteten Lamm und Ulenspiegel.
Der Wirt fuhr in seiner Rede fort:
„Worin fängt man die Ratten, Mäuse und Hamster? In Ratten-, Hamster-
und Mausefallen. Wer ist der Hamster? Das ist der große Ketzer,
orangefarben gleich dem Feuer der Höllen.[4] Gott ist mit uns. Sie
werden kommen. Ha, ha! Zu trinken! Schenk ein, ich koche, ich brenne.
Zu trinken! Sehr schöne, kleine, reformierte Prediger ... Kleine,
sage ich ... schöne, kleine, tapfere, starke Soldaten, Eichen ... Zu
trinken! Werdet Ihr nicht mit ihnen in das Lager des großen Ketzers
gehen? Ich habe Pässe, von ihm unterzeichnet ... Ihr werdet ihren
Auftrag mit Augen sehen.“
„Wir werden ins Lager gehen,“ erwiderte Ulenspiegel.
„Sie werden sich gut dazuhalten, und in der Nacht, wenn die Gelegenheit
günstig ist, (und der Wirt machte pfeifend einen Mann nach, der einen
andern erwürgt) wird Eisenwind die Drossel Nassau hindern, noch mehr zu
pfeifen. Holla, zu trinken!“
„Du bist lustig, ob Du gleich verheiratet bist,“ entgegnete Ulenspiegel.
Der Wirt sagte:
„Das bin ich nicht, noch war ich es. Ich hüte die Geheimnisse der
Fürsten. Gebt mir zu trinken. / Mein Weib würde sie mir vom Kopfkissen
stehlen, um mich henken zu lassen und eher Wittib zu werden als
die Natur will. So wahr Gott lebt! Sie werden kommen. Wo sind die
neuen Pässe? Auf meinem christlichen Herzen. Laßt uns trinken! Da
sind sie, da, in dreihundert Schritt Entfernung auf dem Wege, bei
Marche-les-Dames. Sehet Ihr sie? Laßt uns trinken.“
„Trink,“ sagte Ulenspiegel zu ihm, „trink; ich trinke auf den König,
den Herzog, die Prediger und auf Eisenwind. Ich trinke auf Dein Wohl
und meins; ich trinke auf den Wein und auf die Flasche. Du trinkst ja
nicht.“ Und bei jedem Trinkspruch füllte Ulenspiegel von neuem das Glas
und der Wirt leerte es.
Ulenspiegel betrachtete ihn etliche Zeit. Dann sagte er, sich erhebend:
„Er schläft; wir wollen uns davonmachen, Lamm.“
Als sie draußen waren:
„Er hat kein Weib, uns zu verraten ... Die Nacht sinkt herab ... Du
hast deutlich vernommen, was dieser Taugenichts sagte; und Du weißt,
wer die drei Prediger sind?“
„Ja,“ sprach Lamm.
„Du weißt, das sie die Maas entlang von Marche-les-Dames kommen, und
daß man gut tun wird, sie auf dem Wege zu erwarten, ehe denn Eisenwind
zu Atem kommt.“
„Ja,“ sprach Lamm.
„Wir müssen dem Prinzen das Leben retten,“ sagte Ulenspiegel.
„Ja,“ sprach Lamm.
„Da,“ sprach Ulenspiegel, „nimm meine Büchse, geh dort in das Gebüsch
zwischen den Felsen; lade sie mit zwei Kugeln und ziele, wenn ich wie
ein Rabe krächze.“
„Das will ich tun,“ sprach Lamm.
Und er verschwand im Gebüsch. Alsbald hörte Ulenspiegel das Rad der
Büchse knarren.
„Siehst Du sie kommen?“ fragte er.
„Ich sehe sie“; antwortete Lamm. „Es sind ihrer drei, die gleich
Soldaten marschieren, und der Eine überragt die Andern um Haupteslänge.“
Ulenspiegel setzte sich mit vorgestreckten Beinen auf den Weg, indem er
murmelnd einen Rosenkranz abbetete, wie die Bettler tun. Und er hatte
seinen Hut zwischen den Knieen.
Als die drei Prediger vorübergingen, hielt er ihnen seinen Hut hin, sie
aber legten nichts hinein.
Da stand Ulenspiegel auf und sagte kläglich:
„Ihr guten Herren, versagt einem armen Steinhauer, der sich letzthin
in einer Grube des Steinbruchs die Lenden gebrochen hat, nicht einen
Stüver. Sie sind hart in diesem Lande und haben mir nichts geben
wollen, mein trauriges Elend zu lindern. Wehe, gebt mir einen Stüver,
dann werde ich für Euch beten. Und Gott wird Eure großmütige Gnaden das
ganze Leben fröhlich erhalten.“
„Mein Sohn,“ sagte einer der Prediger, ein starker Mann, „für uns wird
in dieser Welt keine Freude sein, solange Papst und Inquisition darin
regieren.“
Ulenspiegel seufzte gleichfalls und sprach:
„Wehe! was sagt Ihr, edle Herren? Sprecht leise, wenn es Euer Gnaden
beliebt. Aber gebt mir einen Stüver.“
„Mein Sohn,“ antwortete ein kleiner Prediger mit kriegerischem Antlitz,
„wir armen Märtyrer haben nur so viel Stüver, wie wir brauchen, uns
unterwegs zu ernähren.“
Ulenspiegel warf sich auf die Kniee.
„Segnet mich,“ sagte er.
Die drei Prediger legten die Hand ohne Frömmigkeit auf Ulenspiegels
Kopf.
Da er wahrnahm, daß sie mager waren und doch mächtige Bäuche hatten,
erhob er sich, stellte sich, als ob er fiele, und stieß mit der Stirn
gegen den Bauch des hochgewachsenen Predigers, wobei er ein lustiges
Klingeln von Münzen vernahm.
Da richtete er sich auf und zog sein kurzes Schwert.
„Ihr schönen Väter,“ sagte er, „es ist kalt; ich bin schlecht
bekleidet, und Ihr habt mehr als genug. Gebt mir von Eurer Wolle, daß
ich mir daraus einen Mantel schneiden kann. Ich bin Geuse, es lebe der
Geuse!“
Der große Prediger antwortete:
„Du gekrönter Geuse, Du trägst den Kamm hoch; wir werden ihn Dir
abschneiden.“
„Abschneiden,“ sprach Ulenspiegel, indem er zurückwich; „aber Eisenwind
wird Euch anhauchen, ehe er den Prinzen anhaucht. Geuse bin ich, es
lebe der Geuse!“
Die drei Prediger sagten bestürzt untereinander:
„Woher kommt ihm die Kunde? Wir sind verraten. Drauf! Es lebe die
Messe!“
Und sie zogen unter ihren Hosen schöne, scharfgeschliffene Schwerter
hervor.
Doch Ulenspiegel entwich, ohne ihnen stand zu halten, nach dem Gebüsch,
worin Lamm verborgen war. Als er meinte, daß die Prediger in Schußweite
seien, sprach er:
„Ihr Raben, schwarze Raben, Bleiwind wird wehen. Ich singe Euer
Sterbelied.“
Und er krächzte.
Ein Büchsenschuß aus dem Gebüsch streckte den größten Prediger nieder,
mit dem Gesicht auf den Boden; ein zweiter Schuß warf den zweiten auf
den Weg.
Und zwischen den Büschen erblickte Ulenspiegel Lamms gutes
Vollmondsgesicht und seinen erhobenen Arm, der hastig die Büchse wieder
lud. Und ein blauer Rauch stieg aus dem schwarzen Gebüsch auf.
Der dritte Prediger, vor männlicher Wut rasend, wollte Ulenspiegel mit
aller Gewalt aus dem Busche reißen. Der aber sprach:
„Eisenwind oder Bleiwind, Du wirst aus dieser Welt scheiden und in die
andere gehen, Du schändlicher Mordstifter!“
Und er griff ihn an und er wehrte sich tapfer.
Fest standen sie Aug’ in Aug’ auf dem Wege, teilten Hiebe aus und
parierten sie.
Ulenspiegel war von Blut überströmt, maßen sein Gegner, ein geübter
Kämpfer, ihn am Kopf und Bein verwundet hatte. Doch er griff ihn an
und verteidigte sich wie ein Leu. Da ihn das Blut, so von seinem Kopf
strömte, blendete, wich er in großen Schritten zurück, wischte es mit
der Linken ab und fühlte, daß er schwach wurde. Er wäre getötet worden,
hätte Lamm nicht auf den Prediger geschossen und ihn niedergestreckt.
Und Ulenspiegel sah und hörte ihn Lästerworte, Blut und Todesschaum
ausspeien.
Und blauer Rauch stieg aus dem Gebüsch auf, darinnen Lamm wiederum sein
gutes Vollmondsgesicht sehen ließ.
„Ist es vollendet?“ fragte er.
„Ja, mein Sohn,“ antwortete Ulenspiegel, „aber komm ...“
Da Lamm aus seinem Versteck trat, sah er Ulenspiegel ganz mit Blut
bedeckt. Ohngeachtet seines Bauches wie ein Hirsch rennend, gelangte er
zu Ulenspiegel, der neben den Getöteten auf der Erde saß.
„Er ist verwundet,“ sprach er, „mein herzlieber Freund, von diesem
nichtsnutzigen Mörder verwundet.“ Und mit einem Stoß seines Absatzes
zerbrach er dem nächsten Prediger die Zähne. „Du antwortest nicht,
Ulenspiegel! Wirst Du sterben, mein Sohn? Wo ist der Balsam? Ha, unten
in seinem Felleisen unter den Würsten. Ulenspiegel, hörst Du mich
nicht? Wehe, ich habe kein lauwarmes Wasser, Deine Wunde zu waschen,
und keine Möglichkeit, welches zu bekommen. Aber das Sambrewasser wird
genügen. Sprich zu mir, mein Freund. Du bist doch nicht so schwer
verwundet. Ein wenig Wasser, recht kalt, nicht so? Er erwacht. Ich bin
es, mein Sohn, dein Freund. Sie sind alle tot. Leinwand, Leinwand,
seine Wunden zu verbinden. Keine da. Also mein Hemd.“ / Er zog sich
aus. / Und Lamm redete weiter: „In Stücke das Hemd. Das Blut stockt.
Mein Freund wird nicht sterben.“
„Ha,“ sprach er, „es ist kalt mit nacktem Rücken in dieser frischen
Luft. Kleiden wir uns wieder an. Er wird nicht sterben. Ich bin’s,
Ulenspiegel, ich, Dein Freund Lamm. Er lächelt. Ich werde die Mörder
plündern. Sie haben Bäuche aus Gülden. Güldene Kaldaunen. Karolus,
Gülden, Taler, Stüver und Briefe. Wir sind reich. Ueber dreihundert
Karolus zu teilen. Wir wollen die Waffen und das Geld nehmen. Eisenwind
wird noch nicht für Seine Gnaden wehen.“
Ulenspiegel stand auf und klapperte vor Frost mit den Zähnen.
„Da bist Du wieder auf den Beinen!“ sprach Lamm.
„Das ist die Kraft des Balsams,“ antwortete Ulenspiegel.
„Balsam der Tapferkeit,“ versetzte Lamm.
Alsdann nahm er die Leichen der drei Prediger eine nach der andern und
warf sie in ein Loch zwischen den Felsen; ihre Waffen und Kleider ließ
er ihnen, außer dem Mantel.
Und am Himmel, rund um sie her, krächzten die Raben, die ihres Futters
harrten. Und die Sambre floß wie ein eherner Strom unter dem grauen
Himmel. Und der Schnee fiel und wusch das Blut fort.
Dennoch waren sie bekümmert und Lamm sprach:
„Ich töte lieber ein Huhn als einen Menschen.“
Und sie stiegen wieder auf ihre Esel.
Am Tor von Huy floß das Blut immer noch. Sie stellten sich, als
fingen sie Streit an, stiegen von ihren Eseln und fochten mit ihren
Schwertern, dem Ansehen nach schier grausam. Als der Kampf beendet war,
saßen sie wieder auf und ritten in Huy ein, nachdem sie am Stadttor
ihre Pässe vorgewiesen hatten.
Da die Frauen Ulenspiegel verwundet und blutend und Lamm auf seinem
Esel den Sieger spielen sahen, betrachteten sie Ulenspiegel mit
zärtlichem Mitleid; aber Lamm drohten sie mit der Faust und sagten:
„Das ist der Taugenichts, der seinen Freund verwundet.“
Voll Unruhe suchte Lamm unter ihnen sein Weib.
Es war vergebens und er blies Trübsal.
23
„Wohin gehen wir?“ fragte Lamm.
„Nach Maestricht,“ antwortete Ulenspiegel.
„Aber, mein Sohn, man sagt, daß des Herzogs Kriegsknechte da rund um
die Stadt liegen und daß er sich selbst darinnen befindet. Unsere
Pässe werden nicht hinreichen. Wenn die hispanischen Söldner sie gut
befinden, werden wir darum nicht weniger in der Stadt festgehalten und
verhört werden. Unterweilen werden sie den Tod der Prediger erfahren,
und mit unserm Leben wird es zu Ende sein.“
Ulenspiegel antwortete:
„Die Raben, Eulen und Geier werden in Bälde mit ihrem Fleisch ein
Ende gemacht haben. Ihr Gesicht ist ohne Zweifel schon unkenntlich.
Was unsere Pässe angeht, so mögen sie gut sein; so man aber Kunde vom
Morde erhielte, würden wir, wie Du sagst, gefangen genommen. Dessen
ohngeachtet müssen wir über Landen nach Maestricht gehen.“
„Sie werden uns henken,“ sagte Lamm.
„Wir werden durchkommen,“ erwiderte Ulenspiegel.
So ratschlagend, kamen sie nach der Herberge „Zur Elster“, allwo sie
gute Kost, gutes Nachtlager und Heu für ihre Esel fanden.
Am andern Morgen machten sie sich auf den Weg nach Landen.
Da sie bei einem großen Pachthofe vor der Stadt angelangt waren,
trillerte Ulenspiegel wie eine Lerche und alsbald antwortete ihm von
drinnen das kriegerische Trompeten des Hahnes. Ein Pächter, der ein
ehrlich Gesicht hatte, erschien auf der Türschwelle.
„Freunde als Freie, es lebe der Geuse! Tretet ein!“ sprach er.
„Wer ist dieser?“ fragte Lamm.
Ulenspiegel antwortete:
„Thomas Utenhove, der tapfere Reformierte. Seine Knechte und Mägde
arbeiten gleich ihm für das freie Gewissen.“
Darauf sprach Utenhove:
„Ihr seid des Prinzen Gesandte. Esset und trinket.“
Und der Schinken prasselte in der Pfanne und die Blutwürste
desgleichen, und der Wein ließ nicht auf sich warten, und die Gläser
füllten sich.
Und Lamm trank wie trockener Sand und aß tapfer.
Knechte und Mägde des Pachthofs kamen nacheinander und steckten die
Nase durch die halbgeöffnete Tür, um der Arbeit seiner Kinnbacken
zuzuschauen; und die Männer wurden eifersüchtig und sagten, daß sie es
ebensogut könnten.
Nach vollendeter Mahlzeit sprach Utenhove:
„Hundert Bauern werden diese Woche von hier aufbrechen, unter
dem Vorgeben, daß sie in Brügge und Umgegend an den Deichen
arbeiten wollen. Sie werden in Rotten von fünf oder sechs und auf
unterschiedlichen Wegen reisen. In Brügge werden Barken sein, um sie
übers Meer nach Emden zu bringen.“
„Sind sie mit Waffen und Geld versehen?“ fragte Ulenspiegel.
„Sie sollen jeder zehn Gülden und große Hirschfänger haben.“
„Gott und der Prinz werden Dir’s lohnen,“ sprach Ulenspiegel.
„Ich arbeite nicht um Lohn,“ erwiderte Thomas Utenhove.
„Wie macht Ihr’s,“ sagte Lamm, während er die dicken, schwarzen
Blutwürste knusperte, „wie macht Ihr’s, Herr Wirt, um ein so duftend,
saftig Gericht von so zartem Fett zu erhalten?“
„Das kommt,“ sprach der Wirt, „weil wir Zimmet und Baldrian darantun.“
Dann zu Ulenspiegel redend, sagte er:
„Ist Edzard, Graf von Friesland, allzeit des Prinzen Freund?“
„Er hält seine Gesinnung geheim, wiewohl er seinen Schiffen in Emden
Asyl gibt.“ Und er fügte hinzu:
„Wir müssen nach Maestricht.“
„Das wirst Du nicht können,“ sagte der Wirt; „des Herzogs Heer ist vor
der Stadt und rings umher.“
Dann führte er ihn auf den Boden und zeigte ihm in der Ferne die
Fähnlein und Standarten der Reiter und Fußsoldaten, die auf freiem
Felde ritten und marschierten.
Ulenspiegel sprach:
„Ich werde passieren, wenn Ihr, der Ihr an diesem Ort mächtig seid, mir
Erlaubnis gebt, mich zu verheiraten. Was die Frau angeht, so brauche
ich eine, die anmutig, sanft und schön ist und mich freien will, wenn
nicht für immer, zum wenigsten für eine Woche.“
Lamm seufzte und sprach:
„Tu’s nicht, mein Sohn, sie würde Dich allein lassen, von Liebesglut
verzehrt. Dein Bett, in dem Du so ruhig schläfst, wird Dir gleich einem
Pfühl von Stechpalmen sein und Dir den süßen Schlummer rauben.“
„Ich werde heiraten,“ antwortete Ulenspiegel.
Und da Lamm nichts mehr auf dem Tische fand, ward er schier betrübt.
Da er jedoch Kapaune in einem Napf entdeckte, knabberte er sie
melancholisch.
Ulenspiegel sagte zu Thomas Utenhove:
„Wohlan, darauf trink ich, schafft mir eine Frau, reich oder arm. Ich
gehe mit ihr zur Kirche und lasse die Ehe durch den Pfarrer einsegnen.
Dieser gibt uns einen Trauschein, nicht gültig, da er von einem
papistischen Inquisitor kommt. Wir lassen darin feststellen, daß wir
alle gute Christen sind, maßen wir gebeichtet und kommuniziert haben
und gemäß den Vorschriften unsrer heiligen römischen Mutter Kirche,
so ihre Kinder verbrennt, apostolisch leben. Und also rufen wir die
Segnungen unseres heiligen Vaters, des Papstes, der himmlischen und
irdischen Heerscharen, der heiligen Männer und Frauen, der Dechanten,
Pfaffen, Mönche, Söldlinge, Bluthunde und andrer Lumpen auf uns herab.
Mit besagtem Zeugnis versehen, machen wir die Vorbereitungen zur Reise,
die bei der Hochzeitfeier Brauch ist.“
„Aber die Frau?“ fragte Thomas Utenhove.
„Die mußt Du für mich finden,“ antwortete Ulenspiegel. „Ich nehme also
zwei Wagen, schmücke sie mit Kränzen von Fichtenzweigen, Stechpalmen
und Papierblumen und besetze sie mit etlichen Bauern, die Du zum
Prinzen schicken willst.“
„Aber die Frau?“ fragte Thomas Utenhove.
„Die ist gewißlich hier,“ erwiderte Ulenspiegel.
Und er redete weiter:
„Ich spanne zwei Deiner Pferde vor den einen Wagen, unsere beiden Esel
vor den andern. In den ersten Wagen setze ich meine Frau und mich,
meinen Freund Lamm und die Trauzeugen, in den zweiten die Spielleute
mit Schellentrommeln, Querpfeifen und Schalmeien. Dann tragen wir
lustige Hochzeitsbanner, und mit Trommeln, Singen und Trinken fahren
wir im scharfen Trab auf der Heerstraße, die uns zum Galgenfelde oder
in die Freiheit führt.“
„Ich will Dir helfen,“ sprach Thomas Utenhove. „Aber die Frauen und
Mädchen werden ihren Männern folgen wollen.“
„Wir werden in Gottes Schutz gehen,“ sagte ein hübsches Mägdlein und
steckte den Kopf in die halboffene Tür.
„Wenn es not tut, sind vier Wagen da, und dergestalt können wir über
fünfundzwanzig Mann durchbringen.“
„Der Herzog wird übertölpelt werden,“ sagte Ulenspiegel.
„Und in des Prinzen Flotte werden etliche gute Soldaten mehr dienen,“
erwiderte Thomas Utenhove.
Dann läutete er seinen Knechten und Mägden und sprach zu ihnen: „Ihr
alle, die Ihr aus Zeeland seid, Männer und Weiber, höret. Gegenwärtiger
Ulenspiegel, der Vläme, will, daß Ihr in hochzeitlichen Kleidern durch
des Herzogs Heer hindurchziehet.“
Männer und Frauen aus Zeeland riefen mitsammen:
„Bei Todesgefahr! Wir wollen!“
Und die Männer redeten untereinander:
„Es ist uns eine Lust, das Land der Knechtschaft zu verlassen und aufs
freie Meer zu gehen. Wenn Gott für uns ist, wer kann wider uns sein?“
Die Frauen und Mädchen sagten:
„Wir wollen unsern Männern und Freunden folgen. Wir sind aus Zeeland
und werden dort Zuflucht finden.“
Ulenspiegel erspähte ein junges, artiges Mägdlein, trieb seinen Scherz
mit ihr und sagte:
„Ich will Dich freien.“
Und sie antwortete errötend:
„Ich will Dich, aber nur in der Kirche.“
Und mit Lachen sprachen die Frauen untereinander:
„Ihr Herz zieht sie zu Hans Utenhove, des Baas Sohn. Er geht gewiß mit
ihr.“
„Ja,“ antwortete Hans.
Und der Vater sprach zu ihm:
„Du kannst es tun.“
Die Männer legten ihr Festgewand an, Wams und Hosen von Sammet und
den weiten Mantel darüber; auch setzten sie große Hüte zum Schutz
gegen Sonne und Regen auf. Die Weiber, in schwarzen Strümpfen und
geschlitzten Schuhen, trugen den großen, güldenen Stirnschmuck,
links für die Mädchen und rechts für die Ehefrauen; am Halse die
weiße Krause, den Brustlatz in güldner, scharlachner und azurblauer
Stickerei, der Rock von schwarzer Wolle mit breiten Sammetstreifen
in der nämlichen Farbe, schwarzwollene Strümpfe und Sammetschuhe mit
Silberschnalle.
Dann ging Thomas Utenhove in die Kirche, den Priester zu bitten, für
zwei Reichstaler, die er ihm in die Hand steckte, ohne Verzug Tylbert,
des Klas Sohn, mit Tannekin Pieters zu trauen, und der Pfarrer willigte
darein.
Ulenspiegel ging also, von der ganzen Hochzeitsgesellschaft gefolgt,
in die Kirche und vermählte sich allda vor dem Priester mit Tannekin,
die so schön und reizend, so freundlich und rundlich war, daß er gern
in ihre Wangen gebissen hätte wie in einen Liebesapfel. Und er sagte es
ihr, da er aus Scheu vor ihrer sanften Schönheit es nicht zu tun wagte.
Sie aber sprach schmollend zu ihm:
„Laß mich; da ist Hans, der sieht Euch an, um Euch umzubringen.“
Und ein Mägdlein, ein eifersüchtiges, sagte zu ihm:
„Such anderswo; siehest Du nicht, daß sie Angst vor ihrem Manne hat.“
Lamm rieb sich die Hände und rief aus:
„Du sollst sie nicht alle haben, Taugenichts.“
Und er freute sich baß.
Ulenspiegel nahm sein Leid in Geduld hin und kehrte mit den
Hochzeitsgästen zum Pachthof zurück. Und da trank er, sang und war
guter Dinge und trank dem eifersüchtigen Mägdlein zu. Des war Hans
froh, aber nicht Tannekin noch des Mägdleins Bräutigam.
Bei hellem Sonnenschein und frischem Winde fuhren die Wagen um Mittag,
mit Grün und Blumen geschmückt davon, mit flatternden Fahnen und
beim fröhlichen Klang der Schellentrommeln, Schalmeien, Quer- und
Sackpfeifen.
In Albas Lager war ein ander Fest. Nachdem die Wachen und Vorposten
Alarm geblasen hatten, kamen sie nacheinander zurück und meldeten:
„Der Feind ist nahe; wir haben den Lärm der Trommeln und Pfeifen gehört
und die Fahnen erblickt. Es ist eine starke Abteilung Reiterei, die
dorthin gerückt ist, um Euch in irgend einen Hinterhalt zu locken. Die
Hauptmacht ist ohnzweifelhaft ferner.“
Alsbald ließ der Herzog Feldmeister, Obristen und Hauptleute
benachrichtigen, befahl, das Heer in Schlachtordnung aufzustellen, und
ließ den Feind auskundschaften.
Plötzlich erschienen vier Wagen, die auf die Scharfschützen zufuhren.
In den Wagen tanzten die Männer und Weiber, die Flaschen machten die
Runde, und lustig kreischten die Pfeifen, ächzten die Schalmeien,
dröhnten die Trommeln und schnarrten die Dudelsäcke.
Nachdem die Hochzeitsgesellschaft Halt gemacht hatte, kam Alba selbst
auf den Lärm herbei und sah die junge Frau auf einen der vier Wagen,
Ulenspiegel, ihr Ehegespons, neben ihr, ganz mit Blumen geschmückt; und
alle Bauern und Bäuerinnen waren abgestiegen, tanzten herum und gaben
den Soldaten zu trinken.
Alba und die Seinen verwunderten sich gewaltig der Einfalt dieser
Bauern, die da sangen und feierten, wo alles um sie her in Waffen war.
Und die in den Wagen waren, gaben den Soldaten all ihren Wein.
Und sie wurden von ihnen gepriesen und geehrt.
Da der Wein in den Wagen ein Ende nahm, machten sich die Bauern und
Bäuerinnen beim Klange der Schellentrommeln, Quer- und Sackpfeifen
wieder auf den Weg, ohne belästigt zu werden. Und frohen Muts gaben die
Soldaten ihnen zu Ehren eine Salve Büchsenschüsse ab. Und dergestalt
zogen sie in Maestricht ein, wo Ulenspiegel sich mit reformierten
Unterhändlern ins Einvernehmen setzte, um der Flotte des Schweigers
Schiffe, Waffen und Munition zu senden. Und desgleichen taten sie in
Landen. Und als Tagelöhner gekleidet zogen sie allerorten hin.
Dem Herzog ward die Kriegslist kund; und es ward ein Lied darauf
gemacht, welches man ihm sandte, und der Kehrreim lautete:
„Blutherzog, Du Tropf,
Hast Du die Braut gesehen?“
Und allemal, wenn er ein falsches Manöver gemacht hatte, sangen die
Soldaten:
„Der Herzog ist geblendet,
Er hat die Braut gesehen.“
24
Inzwischen brütete König Philipp unheilvollen Trübsinn. In seinem
leidenden Hochmut bat er Gott, ihm Macht zu geben, Engelland zu
besiegen, Frankreich zu erobern, Mailand, Genua und Venedig zu nehmen
und dergestalt als großer Meerbeherrscher über ganz Europa zu regieren.
Dieses Triumphes gedenkend, lachte er nicht.
Es fror ihn beständig; der Wein erwärmte ihn nicht, noch das Feuer
von duftendem Holze, das allezeit in dem Gemache, darin er sich
aufhielt, brannte. Dieweil er unaufhörlich schrieb und inmitten so
vieler Briefe saß, daß man hundert Tonnen damit hätte anfüllen können,
gedachte er der allumfassenden Weltherrschaft, wie sie die römischen
Kaiser ausgeübt hatten. Er gedachte des eifersüchtigen Hasses wider
seinen Sohn Don Carlos, seit dieser an Herzog Albas Stelle nach den
Niederlanden hatte gehen wollen, ohne Zweifel, um dort den Versuch zu
machen zu regieren; so glaubte er.
Und beim Anblick dieses wilden und bösartigen Verrückten, der häßlich
und mißgestalt war, faßte er noch größeren Haß gegen ihn. Doch er
redete nicht darüber.
Die, so König Philipp und seinem Sohne Don Carlos dienten, wußten
nicht, welchen von beiden sie am meisten fürchten sollten, den
behenden, mörderischen Sohn, der seine Diener mit seinen Nägeln
zerfleischte, oder den feigen, tückischen Vater, der sich andrer
bediente, um zu schlagen, und gleich einer Hyäne von Leichen lebte.
Die Diener erschraken, da sie sie um einander herum schleichen sahen.
Und sie sagten, daß in Bälde etwelcher Todesfall im Escurial eintreten
würde.
Nun aber erfuhren sie bald, daß Don Carlos wegen Verbrechen des
Hochverrats eingekerkert sei. Und sie wußten, daß sich seine Seele in
finsterm Groll verzehrte und daß er sich im Gesicht verletzt hatte, als
er sich durch die Eisenstäbe seines Gefängnisses zwängen wollte, um zu
entfliehen, und daß Madame Isabella von Frankreich unablässig weinte.
Aber König Philipp weinte nicht.
Und es ging das Gerücht, daß man Don Carlos grüne Feigen gegeben
und daß er am nächsten Tage gestorben sei, gleich als wäre er
eingeschlafen. Die Aerzte sagten: Sobald er die Feigen gegessen
hatte, hörte das Blut auf zu pulsen und alle Funktionen des Lebens,
wie die Natur sie vorschreibt, waren unterbrochen. Er konnte nicht
mehr ausspeien, noch erbrechen, noch irgend etwas aus seinem Körper
hinausbringen. Sein Leib schwoll beim Sterben auf.
König Philipp hörte für Don Carlos die Seelenmesse, ließ ihn in der
Kapelle seiner königlichen Residenz beisetzen und einen Stein über
seinen Leichnam decken; aber er weinte nicht. Und die Diener sprachen
untereinander, indem sie mit der prinzlichen Grabschrift, so auf dem
Leichenstein stand, ihren Spott trieben:
Hier ruht, der grüne Feigen gegessen;
Er starb und ist nicht krank gewesen.
~A qui jaze qui en para desit verdad
Morio sin infirmidad.~
Und König Philipp sah die Prinzessin von Eboli, welche verheiratet war,
mit begehrlichen Blicken an. Er bat sie um Liebe, und sie gewährte sie
ihm.
Madame Isabella von Frankreich, von der man sagte, daß sie des Don
Carlos Absichten auf die Niederlande begünstigt habe, ward mager und
leidend. Und ihre Haare fielen in großen Strähnen auf einmal aus. Sie
hatte oftmals Erbrechen, und die Nägel ihrer Füße und Hände fielen ab.
Und sie starb.
Und Philipp weinte nicht.
Die Haare des Prinzen von Eboli fielen gleichfalls aus und er ward
traurig und klagte immer. Dann fielen auch die Nägel seiner Füße und
Hände ab.
Und König Philipp ließ ihn beisetzen.
Und er bezahlte die Trauer der Witwe und weinte nicht.
25
Zu jener Zeit kamen etliche Frauen und Mädchen aus Damm und fragten
Nele, ob sie nicht Maienbraut sein und sich mit dem Bräutigam, den man
ihr schaffen würde, im Gebüsch verstecken wolle. Denn, so sprachen die
Frauen nicht ohne Eifersucht, es ist kein junger Mann in ganz Damm und
Umgegend, der sich Dir nicht verloben würde: Dir, die Du so schön,
sittsam und blühend bleibst, / ohne Zweifel eine Hexengabe.“
„Gevatterinnen,“ antwortete Nele, „saget den jungen Männern, die meiner
begehren: Neles Herz ist nicht hier, sondern bei dem, der umherstreift,
das Land der Väter zu befreien. Und wenn ich blühend bin, wie Ihr
saget, so ist es nicht Hexengabe, sondern Gabe der Gesundheit.“
Die Gevatterinnen antworteten:
„Katheline steht jedoch im Verdacht.“
„Glaubet nicht den Worten der Bösen,“ antwortete Nele, „Katheline
ist keine Hexe. Die Herren vom Gericht haben ihr Werg auf dem Kopf
verbrannt und Gott hat sie mit Wahnsinn heimgesucht.“
Und Katheline kauerte in einem Winkel, schüttelte den Kopf und sprach:
„Nehmt das Feuer fort, Hanske, mein Liebster wird wiederkommen.“
Da die Gevatterinnen fragten, wer dieser Hanske sei, antwortete Nele:
„Es ist Klasens Sohn, mein Milchbruder, den sie verloren wähnt, seit
Gott sie heimgesucht hat.“
Und die guten Gevatterinnen gaben Katheline Silberstüver. Und wenn sie
neu waren, zeigte sie sie Einem, den keiner sah, und sagte: „Ich bin
reich, reich an glänzendem Silber. Komm, Hanske, mein Buhle, ich werde
meine Liebesfreuden bezahlen.“
Und nachdem die Gevatterinnen fort waren, weinte Nele in der einsamen
Hütte. Sie gedachte an Ulenspiegel, der in fernen Landen umherirrte,
ohne daß sie ihm folgen konnte, und an Katheline, die oftmals ächzte:
„Nehmt das Feuer fort,“ und mit beiden Händen an ihre Brust faßte und
also zeigte, daß das Feuer des Wahnsinns Haupt und Leib mit Fieber
verbrannte.
Inzwischen versteckten sich Maienbraut und Bräutigam in den Büschen.
Der oder die, so einen von ihnen fand, war nach dem Geschlechte des
Findlings und dem seinigen, König oder Königin des Festes.
Nele hörte die Freudenrufe der Burschen und Dirnen, als die Maienbraut
am Rand eines Grabens, in hohem Grase versteckt, gefunden ward. Und sie
weinte, der holden Zeiten gedenkend, da man sie suchte, sie und ihren
Freund Ulenspiegel.
26
Dieweil ritten er und Lamm, hier ein Bein und da ein Bein, auf ihren
Eseln.
„Wohlan, höre, Lamm,“ sprach Ulenspiegel. „Die Adligen der Niederlande
haben aus Eifersucht gegen Oranien die Sache der Verbündeten, den
heiligen Bund verraten, den tapferen Kompromiß, der zum Wohle des
Vaterlandes unterzeichnet ward. Von Egmont und von Hoorn waren
gleichermaßen Verräter und ohne Nutzen für sie. Brederode ist tot, und
uns bleibt in diesem Kriege nur das arme Volk von Brabant und Flandern,
das treue Führer erharrt, um vorzudringen. Und dann, mein Sohn, sind
noch die Inseln da, die Inseln von Zeeland, auch Nord-Holland, dessen
Statthalter der Prinz ist, und weiter noch über das Meer, Edgard, Graf
von Emden und Ostfriesland.“
„Wehe,“ sprach Lamm, „ich sehe es klar, wir pilgern zwischen Strick,
Rad und Scheiterhaufen, vor Hunger sterbend und vor Durst gähnend, ohn
alle Hoffnung auf Ruhe.“
„Wir sind erst im Anfang,“ erwiderte Ulenspiegel. „Geruhe, in Betracht
zu ziehen, daß alles dabei für uns eine Lust ist: unsere Feinde zu
töten, ihnen eine Nase zu drehen, unsere Säcke voller Gülden zu haben.
Dazu haben wir guten Ballast von Fleisch, Bier, Wein und Branntwein.
Was brauchst Du mehr, Federsack? Sollen wir unsere Esel verkaufen und
Pferde einhandeln?“
„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „der Trab eines Pferdes ist für einen Mann
meiner Leibesstärke gar beschwerlich.“
„Du setzest Dich auf dein Tier, wie die Bauern tun, und niemand wird
über dich spotten, da Du wie ein Bauer gekleidet bist und nicht gleich
mir einen Degen, sondern nur einen Spieß trägst.“
„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „bist Du sicher, daß unsere beiden Pässe uns
in den kleinen Städten helfen können?“
„Habe ich nicht des Pfarrers Zeugnis,“ sagte Ulenspiegel, „mit dem
großen Kirchensigill aus rotem Wachs, so an zwei Pergamentschwänzen
daran hänget, und unsere Beichtzettel? Die Söldlinge und Bluthunde
des Herzogs vermögen nichts wider zwei so trefflich versehene
Männer. Und die schwarzen Rosenkränze, die wir zu verkaufen haben?
Wir sind alle beide Reiter, Du Vläme und ich ein Deutscher, und
reisen auf ausdrücklichen Befehl des Herzogs, die Ketzer dieses
Landes durch Verkauf geweihter Sachen dem heiligen, katholischen
Glauben zu gewinnen. Derart werden wir allerorten eindringen, in die
Häuser der adligen Herren und in die fetten Abteien. Und sie werden
uns salbungsvolle Gastfreundschaft gewähren. Und wir werden ihre
Geheimnisse erlauschen. Leck Deine Lefzen, mein sanfter Freund.“
„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „wir treiben das Handwerk von Spionen.“
„Nach Recht und Gesetz des Krieges,“ entgegnete Ulenspiegel.
„So sie die Tat an den drei Predigern erfahren, ist es um uns
geschehen,“ sprach Lamm.
Ulenspiegel sang:
„Auf meiner Fahne steht Leben, schaut!
Allzeit im Lichte leben.
Von Leder ist mir die erste Haut,
Von Stahl die zweite gegeben.“
Doch Lamm seufzte:
„Ich habe nur eine gar weiche Haut, der geringste Dolchstoß würde sie
ohne Verzug durchlöchern. Wir täten besser, uns irgend einem nützlichen
Handwerk zu widmen, als derart über Berg und Tal zu vagieren, um
all den großen Prinzen zu dienen, die mit den Beinen in sammetnen
Hosen stecken und von vergüldeten Tafeln Fettammern speisen. Für uns
sind Schläge, Gefahren, Schlacht, Regen, Hagel, Schnee und magere
Landstreichersuppen. Für sie sind leckere Aale, fette Kapaune,
duftende Krammetsvögel und saftige Masthühnchen.“
„Das Wasser läuft Dir im Munde zusammen, mein sanfter Freund“, sprach
Ulenspiegel.
„Wo seid Ihr, frisches Brot, goldene Pfannkuchen und köstliche
Rahmspeise? Ja, wo bist Du, mein Weib?“
Ulenspiegel versetzte:
„Die Asche brennt auf meinem Herzen und treibt mich in die Schlacht.
Du aber, sanftes Lamm, das weder den Tod von Vater noch Mutter, noch
den Kummer derer, die Du liebst, noch Deine gegenwärtige Armut zu
rächen hast, laß mich allein wandern, wohin ich muß, wenn des Krieges
Beschwerden Dich schrecken.“
„Allein?“ sprach Lamm und brachte plötzlich seinen Esel zum stehen. Der
hub an, einen Distelstrauch zu benagen, deren es auf diesem Wege eine
große Ernte gab. Ulenspiegels Esel stand still und fraß desgleichen.
„Allein?“ sprach Lamm. „Du wirst mich nicht allein lassen, mein Sohn,
das wäre eine ausgesuchte Grausamkeit. Mein Weib verloren haben und
auch noch meinen Freund verlieren, das kann nicht sein. Ich werde
nicht mehr stöhnen, ich gelobe es Dir. Und da es sein muß,“ / und er
hub stolz das Haupt / „so werde ich in den Kugelregen gehen, ja! /
Und mitten in die Degen hinein, jawohl, und unter die schmählichen
Söldlinge, die Blut trinken wie die Wölfe. Und wenn ich eines Tages
blutend und zu Tode getroffen zu deinen Füßen falle, begrabe mich, und
so Du mein Weib siehest, sag ihr, ich sei gestorben, weil ich nicht
leben konnte, ohne von irgend einem in dieser Welt geliebt zu werden.
Nein, das vermöcht ich nicht, mein Sohn Ulenspiegel.“
Und Lamm weinte. Und Ulenspiegel ward gerührt, da er diesen sanften Mut
sah.
27
Um diese Zeit teilte der Herzog sein Heer in zwei Haufen und ließ den
einen nach dem Herzogtum Luxemburg den anderen nach der Markgrafschaft
Namur marschieren.
„Das ist irgend ein militärischer Entschluß, der mir unbekannt ist,“
sagte Ulenspiegel. „Einerlei, laß uns mit Zuversicht nach Maestricht
ziehen.“
Als sie nahe der Stadt an der Maas entlang gingen, sah Lamm, wie
Ulenspiegel alle Schiffe, die auf dem Fluß schwammen, achtsam
betrachtete und vor ihrer einem, so am Bug ein Meerweib trug, still
stehen blieb. Und dieses Meerweib hielt einen Schild, darauf in
güldenen Lettern auf schwarzem Grunde das Zeichen ~J-H-S~, welches das
unseres Herrn Jesu Christi ist, stand.
Ulenspiegel bedeutete Lamm stehen zu bleiben und hub an, fröhlich wie
eine Lerche zu trillern.
Ein Mann kam auf Deck und krähte wie ein Hahn. Dann auf ein Zeichen
Ulenspiegels, der wie ein Esel schrie und auf das auf dem Flußdamm
versammelte Volk wies, hub er auch an, wie ein Esel erschrecklich zu
schreien. Ulenspiegels und Lamms beide Esel legten die Ohren an und
sangen ihr Naturlied.
Weiber kamen vorbei, auch Männer auf Pferden, so die Schiffe zogen, und
Ulenspiegel sagte zu Lamm:
„Dieser Bootsmann macht sich über uns und unsere Reittiere lustig.
Wollen wir ihn auf seinem Boot angreifen?“
„Mag er doch lieber hierher kommen,“ antwortete Lamm.
Darauf sprach eine Frau und sagte:
„Wenn anders Ihr nicht mit zerschnittenen Armen, zerbrochenem Kreuz und
zerfetztem Gesicht zurückkommen wollet, so lasset diesen Stercke Pier
nach Belieben schreien.“
„I--ah, I--ah, I--ah,“ machte der Bootsmann.
„Lasset ihn singen,“ sprach die Gevatterin. „Wir sahen ihn jüngst einen
mit schweren Bierfässern beladenen Wagen auf seine Schultern heben
und einen andern von einem starken Pferd gezogenen Wagen aufhalten.
Dorten,“ sprach sie, auf die Herberge zum Blauwen Torren deutend, „hat
er mit seinem Messer, das er auf zwanzig Schritt schleuderte, eine
eichene Planke von zwölf Daumen Dicke durchbohrt.“
„I--ah, I--ah, I--ah,“ schrie der Bootsmann, indes ein Junge von zwölf
Jahren auf Deck kam und ebenfalls wie ein Esel zu schreien anhub.
Ulenspiegel antwortete:
„Was kümmert uns dein Sterke Pier! Ein wie starker Peter er auch sein
mag, wir sind noch stärker, und hier ist mein Freund Lamm, der könnte
zwei von seiner Statur verschlingen, ohne aufzustoßen.“
„Was sagst Du, mein Sohn?“ fragte Lamm.
„Was wahr ist,“ antwortete Ulenspiegel; „widersprich mir nicht aus
Bescheidenheit. Ja, Ihr guten Leute, Gevatterinnen und Handwerker, bald
sollt Ihr sehen, wie er diesen berühmten Sterke Pier mit den Armen
bearbeitet und zu nichte macht.“
„Schweig,“ sagte Lamm.
„Deine Kraft ist bekannt,“ antwortete Ulenspiegel, „Du könntest sie
nicht verbergen.“
„I--ah,“ schrie der Bootsmann, „I--ah, I--ah,“ schrie der Junge.
Plötzlich sang Ulenspiegel wiederum gar melodisch wie eine Lerche, und
die Männer, Weiber und Arbeiter fragten ihn voller Entzücken, wo er
dies göttliche Trillern gelernt hätte.
„Im Paradeis, von wannen ich gradenwegs komme,“ sprach Ulenspiegel.
Dann sprach er zu dem Manne, der nicht nachließ mit Schreien und
spottend mit dem Finger auf ihn wies:
„Warum bleibst Du da auf Deinem Schiff, Taugenichts? Traust Du Dich
nicht, an Land zu kommen, um über uns und unsere Tiere zu spotten?“
„Traust Du Dich nicht?“ fragte Lamm.
„I--ah, I--ah,“ schrie der Bootsmann. „Ihr eselhaften Esel, kommt auf
mein Schiff.“
„Tu so wie ich,“ flüsterte Ulenspiegel Lamm zu.
Und zum Bootsmann sprechend:
„Wenn Du der starke Pier bist, bin ich Tyll Ulenspiegel. Und diese
beiden sind unsere Esel Jef und Jan, die besser i--ahen können als
Du, denn es ist ihre natürliche Rede. Und auf Deine schlecht gefügten
Planken steigen, das wollen wir nicht. Dein Schiff ist gleich einem
Napfe; jedesmal, wenn eine Welle es anstößt, weicht es zurück, es
könnte nur auf der Seite gehen wie die Krabben.“
„Ja, wie die Krabben,“ sprach Lamm.
Darauf sagte der Bootsmann zu Lamm:
„Was murmelst Du da zwischen den Zähnen, Du Speckblock?“
Lamm geriet in Wut und sagte:
„Schlechter Christ, der Du mir mein Gebrechen vorwirfst, wisse, daß
mein Speck mein ist und von meiner guten Nahrung herrührt, derweil Du,
alter, verrosteter Nagel nur von alten Pökel-Heringen, Lichtdochten
und Stockfischhäuten gelebt hast, nach Deinem magereren Fleisch zu
urteilen, das man durch die Löcher Deiner Hosen durchscheinen sieht.“
„Sie werden sich wacker verhauen,“ sprachen erfreut und neugierig die
Männer, Weiber und Arbeiter.
„I--ah, I--ah,“ schrie der Schiffer.
Lamm wollte von seinem Esel steigen und Steine aufheben, um den
Schiffer damit zu werfen.
„Wirf nicht mit Steinen,“ sagte Ulenspiegel.
Der Schiffer sagte dem Jungen, der neben ihm auf dem Schiff iahte,
etwas ins Ohr. Derselbige machte von der Breitseite ein Boot los und
mit Hilfe eines Bootshakens, den er geschickt handhabte, näherte er
sich dem Ufer. Als er ganz nahe war, sagte er in stolzer Haltung:
„Mein Baas fragt an, ob Ihr waget, auf das Schiff zu kommen und einen
Kampf mit Faust und Fuß mit ihm aufzunehmen? Diese Männer und Weiber
werden Zeugen sein.“
„Das wollen wir,“ sprach Ulenspiegel gar würdig.
„Wir nehmen den Kampf an,“ sagte Lamm mit großem Stolz.
Es war um Mittag und die Deicharbeiter, Pflasterer, Schiffsbauleute,
die Frauen, die ihren Männern das Essen brachten, die Kinder, die
gekommen waren, um ihre Väter Bohnen und gekochtes Fleisch essen zu
sehen; alle lachten und klatschten in die Hände bei der Aussicht auf
einen bevorstehenden Kampf. Sie erhofften voller Freuden, daß dem einen
oder andern der Kämpen der Schädel zerbrochen, oder daß er zu ihrem
Ergötzen in den Fluß fallen würde.
„Mein Sohn,“ sagte Lamm ganz leise, „er wird uns ins Wasser werfen.“
„Laß Dich nur hineinwerfen,“ sprach Ulenspiegel.
„Der Dicke hat Angst,“ sagte der Haufe der Arbeiter.
Lamm, der immer noch auf seinem Esel saß, drehte sich nach ihnen um und
sah sie zornig an, aber sie höhnten ihn.
„Laß uns auf das Schiff gehen,“ sagte Lamm, „sie sollen sehen, ob ich
Angst habe.“
Bei diesen Worten ward er abermals verhöhnt, und Ulenspiegel sagte:
„Laß uns auf das Schiff gehen.“
Nachdem sie von ihren Eseln gestiegen, warfen sie dem Jungen die Zügel
zu. Selbiger streichelte die Grautiere freundschaftlich und führte sie
dahin, wo er Disteln sah.
Alsdann nahm Ulenspiegel den Bootshaken, hieß Lamm in das Boot steigen,
steuerte auf das Schiff zu und erkletterte es mit Hilfe eines Taus
hinter dem schwitzenden, schnaufenden Lamm.
Als sie auf dem Deck des Boots waren, bückte Ulenspiegel sich, als
wolle er seine Schuhe schnüren, und sprach etliche Worte zu dem
Schiffer. Der lächelte und blickte Lamm an. Dann stieß er tausend
Schimpfworte aus, schalt ihn einen, von sträflichem Fett aufgedunsenen
Taugenicht, eine Galgenfrucht, einen Breifresser und sagte zu ihm:
„Dicker Walfisch, wieviel Tonnen Oel gibst Du, wenn man Dich zur Ader
lässet?“
Unversehens stürzte Lamm, ohne zu antworten, wie ein wütender Ochs
auf ihn los, warf ihn zu Boden und prügelte ihn mit aller Kraft, tat
ihm aber wegen der Schwachheit seiner fetten Arme nicht sehr wehe.
Der Schiffer, wiewohl er sich stellte, als wehre er sich, ließ sich’s
gefallen, und Ulenspiegel sagte: „Dieser Taugenichts soll uns zur
Strafe frei halten.“
Die Männer, Weiber und Kinder, so vom Ufer aus dem Kampfe zuschauten,
sprachen: „Wer hätte geglaubt, daß dieser Dicke so hitzig wäre!“
Und sie klatschten in die Hände, derweil Lamm wie ein Besessener
zuschlug. Aber der Schiffer trug nur Sorge, sein Gesicht zu schützen.
Plötzlich sah man Lamm, wie er, mit dem Knie auf der Brust des starken
Pier, ihn mit der einen Hand bei der Kehle packte und die andere erhob,
um zuzuschlagen.
„Schrei um Gnade,“ rief er wütend, „oder ich werde Dich durch die
Planken Deines Waschkübels drücken!“
Der Schiffer hustete, um anzuzeigen, daß er nicht schreien könne, und
bat mit einer Handbewegung um Gnade.
Alsbald sah man, wie Lamm seinen Feind edelmütig aufrichtete. Dieser
stand sogleich wieder aufrecht und steckte, den Zuschauern den Rücken
kehrend, Ulenspiegel die Zunge heraus. Der aber brach in Gelächter
aus über Lamm, welcher stolz die Feder seines Baretts schüttelte und
in großem Triumph auf dem Deck einher stolzierte. Und die Männer und
Weiber, die Knaben und Mädchen, so am Ufer standen, klatschten aus
Leibeskräften Beifall und riefen dabei:
„Es lebe der Besieger des starken Pier! Das ist ein Mann von Eisen.
Habt Ihr gesehen, wie er ihn mit der Faust bearbeitete und ihn
unversehens auf den Rücken warf? Jetzund werden sie trinken, um Frieden
zu schließen. Der starke Pier kommt mit Wein und Würsten aus dem
Schiffsraum herauf.“
Wirklich war der starke Pier mit zwei Humpen und einem großen Krug
weißen Maasweins nach oben gekommen. Und er und Lamm hatten Frieden
geschlossen. Und Lamm, der ob seines Sieges, des Weins und der Würste
schier guter Dinge war, wies auf eine eiserne Esse, die schwarzen,
dicken Rauch ausspie, und fragte ihn, welche Gerichte er im
Schiffsraum machte.
„Kriegskost,“ antwortete lächelnd der starke Pier. Der Haufe der
Arbeiter, Weiber und Kinder hatte sich verlaufen, um zur Arbeit oder
nach Hause zu gehen. Alsbald lief das Gerücht von Mund zu Mund, daß ein
dicker Mann auf einem Esel, von einem kleinen Pilger begleitet, der
gleichfalls einen Esel ritt, stärker als Simson sei, und daß man sich
hüten müsse, ihn zu beleidigen.
Lamm trank und blickte den Schiffer siegesbewußt an.
Dieser sagte plötzlich:
„Eure Esel langweilen sich da unten.“
Dann lenkte er das Schiff nach dem Flußdamme, stieg ans Land, faßte
einen der Esel bei den Vorder- und Hinterbeinen, trug ihn wie Jesus
das Lamm trug und setzte ihn auf das Verdeck nieder. Nachdem er ein
Gleiches mit dem andern getan, ohne zu verschnaufen, sagte er:
„Laßt uns trinken.“
Der Junge sprang aufs Deck.
Und sie tranken. Ganz verblüfft, wußte Lamm nicht mehr, ob er, Lamm,
aus Damm gebürtig, diesen starken Mann überwältigt hatte. Er wagte
ihn nur noch verstohlen und ohne etwelchen Triumph anzusehen, in der
Befürchtung, daß ihn eine Lust anwandeln möge, ihn zu packen, wie er es
mit den Eseln getan, und ihn aus Rache für seine Niederlage lebendig in
die Maas zu werfen. Doch der Schiffer lud ihn lächelnd und lustig ein,
noch mehr zu trinken, und Lamm erholte sich von seinem Schrecken und
blickte ihn wiederum siegesbewußt an.
Und der Schiffer und Ulenspiegel lachten.
Unterweilen hatten die Esel, voller Verwunderung, sich auf gedieltem
Boden zu befinden, die Köpfe gesenkt und die Ohren angelegt und wagten
aus Furcht nicht zu trinken. Der Schiffer holte ihnen eine Metze des
Hafers, den er den Pferden, die seine Barke zogen, gab. Er hatte ihn
selbst gekauft, um nicht von den Führern mit dem Futterpreise betrogen
zu werden.
Als die Esel die Metze sahen, murmelten sie mit dem Maul ihre
Paternoster, dieweil sie das Deck trübsinnig betrachteten und aus
Furcht, auszugleiten, nicht wagten, einen Huf darauf zu bewegen.
Hierauf sagte der Schiffer zu Lamm und Ulenspiegel:
„Laßt uns in die Küche gehen.“
„In die Kriegsküche?“ sagte Lamm ängstlich.
„In die Kriegsküche, aber Du magst ohne Furcht hinuntergehen, mein
Ueberwinder.“
„Ich habe keine Furcht und folge Dir,“ sprach Lamm.
Der Junge setzte sich ans Steuerruder.
Als sie hinunterstiegen, sahen sie überall Säcke mit Korn, Bohnen,
Erbsen, Kohl, Mohrrüben und andern Gemüsen. Dann öffnete der Schiffer
die Tür einer kleinen Schmiede und sprach:
„Sintemalen Ihr Männer mit tapferem Herzen seid, so den Sang der
Lerche, des Vogels der Freien, den kriegerischen Trompetenton des
Hahnes und das Schreien des Esels, des sanftmütigen Arbeiters kennen,
so will ich Euch meine Kriegsküche zeigen. Diese kleine Schmiede
werdet Ihr auf den meisten Maas-Schiffen finden. Niemand kann sie für
verdächtig halten, denn sie dient dazu, das Eisenwerk der Schiffe
wieder in Stand zu setzen. Doch was nicht alle besitzen, das sind die
schönen Gemüse, die in diesen Speichern sind.“
Dann nahm er etliche Steine fort, die den Boden des Schiffsraums
bedeckten, hob etliche Planken auf und zog ein schönes Bündel von
Flintenläufen und Büchsen hervor, hob es auf, als wäre es eine
Feder, und legte es wiederum an seinen Platz. Dann zeigte er ihnen
Lanzenspitzen, Hellebarden, Degenklingen und Säcklein mit Kugeln und
Pulver.
„Es lebe der Geuse,“ sprach er, „hier sind die Bohnen und die
Brühe. Die Kolben sind die Hammelkeulen, die Salate sind die
Hellebardenspitzen und diese Büchsenläufe sind die Ochsenbeine für
die Suppe der Freiheit. Es lebe der Geuse! Wohin soll ich dies Futter
bringen?“ fragte er Ulenspiegel.
Ulenspiegel antwortete:
„Nach Nymwegen. Dort wirst Du Dein Schiff anlegen, noch mehr
beladen mit wirklichen Gemüsen, so Dir die Bauern, die Du in Etsen,
Stephansweert und Ruvemarde aufnehmen wirst, bringen. Auch sie werden
wie die Lerche, der Vogel der Freiheit, singen, und Du wirst ihnen mit
kriegerischen Hahnenschrei antworten. Dann wirst Du zum Doktor Pontus
gehen, der am neuen Waal wohnt, und ihm sagen, daß Du mit Gemüsen
in die Stadt kommst, aber daß Du die Trockenheit fürchtest. Dieweil
die Bauern auf den Markt gehen, um die Gemüse zu teuer anzubieten,
als daß man sie kaufe, wird er Dir sagen, was Du mit Deinen Waffen
tun sollst. Ich denke wohl, daß er Dich heißen wird, Waal, Maas oder
Rhein hinabzufahren, wenn auch nicht ohne Fährlichkeit, und Deine
Gemüse für Netze umzutauschen, die Du verkaufst, um mit dem Harlinger
Fischerbooten Geschäfte zu machen. Dort sind viele Matrosen, die
den Sang der Lerche kennen. Du mußt an der Küste entlang durch die
Watten fahren, den Lauwer Zee erreichen, die Netze gegen Eisen und
Blei eintauschen und Deinen Bauern die Trachten der Inseln Marken,
Vlieland und Ameland geben. Dann mußt Du Dich ein Weniges an den Küsten
aufhalten, fischen und Deinen Fisch einsalzen, um ihn aufzuheben, und
nicht, um ihn zu verkaufen, denn frischer Trunk und gesalzener Krieg
sind eine gerechte Sache.“
„Wohlan denn, laßt uns trinken,“ sprach der Schiffer.
Und sie stiegen auf Deck. Doch Lamm blies Trübsal.
„Herr Schiffer,“ sagte er plötzlich, „Ihr habet in Eurer Schmiede ein
so prächtiges Feuerchen, daß man gewißlich das leckerste Fleischgericht
darauf kochen könnte. Meine Kehle schmachtet nach Suppe.“
„Ich werde Dich erfrischen,“ sprach der Mann.
Und alsbald setzte er ihm eine fette Brühe vor, darinnen er ein dickes
Stück gesalzenen Schinkens gekocht hatte.
Als Lamm etliche Löffel voll verschluckt hatte, sprach er zum Schiffer:
„Die Kehle klebt mir, und meine Zunge brennt. Das ist gewißlich keine
Fischsuppe.“
„Es stehet geschrieben: Frischer Trunk und gesalzener Krieg,“ versetzte
Ulenspiegel.
Der Schiffer füllte also die Humpen und sprach:
„Die Lerche, der Vogel der Freiheit, soll leben!“
Ulenspiegel sagte:
„Der Hahn, der zum Kriege bläst.“
Lamm sagte:
„Ich trinke auf mein Weib. Möge sie niemals Durst leiden, die
Herzliebste.“
„Du wirst durch die Nordsee nach Emden gehen; Emden ist eine Zuflucht
für uns,“ sagte Ulenspiegel zum Schiffer.
„Das Meer ist groß,“ sagte der Schiffer.
„Groß für die Schlacht,“ erwiderte Ulenspiegel.
„Gott ist mit uns,“ sagte der Schiffer.
„Wer könnte wider uns sein,“ versetzte Ulenspiegel.
„Wann gehet Ihr?“ fragte er.
„Sogleich,“ antwortete Ulenspiegel.
„Glückliche Reise und Wind im Rücken. Hier ist Pulver und Blei.“
Und er küßte sie und geleitete sie ans Ufer, nachdem er die beiden Esel
wie zwei Lämmlein auf Hals und Schultern getragen hatte.
Ulenspiegel und Lamm stiegen auf und ritten gen Lüttich.
„Mein Sohn,“ sprach Lamm, dieweil sie ritten, „wie geht es zu, daß
dieser so starke Mann sich so grausam von mir hat walken lassen?“
„Auf daß allerorten, wohin wir kommen, der Schrecken Dir vorauseile,“
sprach Ulenspiegel. „Das wird uns ein besser Schutzgeleit sein denn
zwanzig Landsknechte. Wer wird es fortan wagen, Lamm, den Mächtigen,
Siegreichen, anzugreifen? Lamm, den unvergleichlichen Stier, der, wie
männiglich sah und erkannte, mit einem Stoß seines Kopfes den starken
Pier zu Boden warf, welcher die Esel wie Lämmlein trägt und einen Wagen
mit Bierfässern mit einer Schulter aufhebt. Jedermann kennt Dich hier
schon. Du bist Lamm, der Furchtbare, der Unbesiegliche, und ich gehe im
Schatten Deines Schutzes. Jedermann wird Dich auf dem Wege, den wir
durcheilen, kennen, keiner wird wagen, Dich scheel anzusehen. Und in
Anbetracht des großen Mutes der Menschen wirst Du überall auf Deiner
Straße nichts als gezogene Hüte, Grüße und Ehrerbietung finden, so der
Kraft Deiner furchtbaren Faust gelten.“
„Du sprichst gut, mein Sohn,“ sagte Lamm, sich im Sattel aufrichtend.
„Und ich spreche wahr,“ versetzte Ulenspiegel. „Siehst Du die
neugierigen Gesichter an den ersten Häusern dieses Dorfes?“
Man weist mit dem Finger auf Lamm, den erschrecklichen Sieger. „Siehst
Du diese Männer, die Dich neidvoll betrachten, und diese erbärmlichen
Memmen, so ihre Hüte abnehmen? Erwidere ihren Gruß, Lamm, mein
Herzchen, und verschmähe das schwache Volk nicht. Sieh, die Kinder
wissen Deinen Namen und wiederholen ihn mit Bangen.“
Lamm ritt stolz vorbei, nach rechts und nach links wie ein König
grüßend. Und die Kunde seiner Tapferkeit folgte ihm von Dorf zu Dorf,
von Stadt zu Stadt bis nach Lüttich, Chocquien, Neuville, Vesin und
Namur, welches sie um der drei Prediger willen umgingen.
Dergestalt folgten sie lange Zeit dem Laufe der Ströme, Flüsse und
Kanäle. Und allerorten antwortete Hahnenschrei dem Sang der Lerche.
Und allerorten wurden für das Werk der Freiheit Waffen geschmiedet,
gegossen und geschliffen; und die Schiffe, die an den Küsten entlang
fuhren, nahmen sie mit.
Und in Fässern, Kisten und Körben passierten sie die Zölle.
Allezeit fanden sich gute Leute, die sie aufnahmen und an sicherem Orte
verbargen mit Pulver und Kugeln, bis zur gottgewollten Stunde.
Und da Lamm mit Ulenspiegel reiste und sein Ruf als Sieger ihm immerdar
vorauslief, so begann er selber, an seine große Kraft zu glauben, und
indem er hoffärtig und kriegerisch ward, ließ er sich den Bart wachsen.
Und Ulenspiegel nannte ihn Lamm den Löwen.
Doch am vierten Tage verlor Lamm das Zutrauen zu diesem Plane wegen
des Kitzelns der jungen Bartstoppeln. Und er ließ das Scheermesser über
sein siegreiches Antlitz gehen, welches Ulenspiegel von neuem rund und
voll erschien, wie eine Sonne, am Feuer guter Nahrung entzündet.
Und solchergestalt kamen sie nach Stockem.
28
Allda ließen sie ihre Esel und bei Einbruch der Nacht betraten sie die
Stadt Antwerpen und Ulenspiegel sprach zu Lamm:
„Dies ist die große Stadt. Die ganze Welt häuft hier ihre Reichtümer
an: Gold, Silber, vergüldetes Leder, Gobelins, Tuche Sammet- Woll- und
Seidenstoffe, Bohnen, Erbsen, Korn, Fleisch, Mehl, gesalzene Häute,
Wein aus Löwen, Namur, Luxemburg, Lüttich, Landwein von Brüssel und
Aerschot, Weine von Buley, dessen Weinberg vor dem Tor de la Plante zu
Namur liegt; desgleichen findet man hier Weine vom Rhein, Hispanien und
Portugal, Rosinenöl von Aerschot, das sie Landolium nennen, die Weine
von Burgund, Malvasier und viele andere. Und die Hafendämme sind voller
Waren. Diese Schätze der Erde und der menschlichen Arbeit locken die
schönsten Dirnen, die es gibt, an diesen Ort.“
„Du wirst träumerisch,“ sagte Lamm.
Ulenspiegel erwiderte:
„Unter ihnen werde ich die Sieben finden. Es ist mir geweissagt worden: