Darauf sprach der Prinz: „Ich begnadige ihn.“

Ulenspiegel sprang unterschiedliche Male in die Luft, schlug Lamm auf

den Bauch, und indem er ihn zu tanzen zwang, sagte er:

„Preise Seine Gnaden mit mir, der mich vom grünen Holz errettet hat.“

Und Lamm versuchte zu tanzen, doch er vermochte es nicht, seines

Bauches halber.

Und Ulenspiegel traktierte ihn mit Essen und Trinken.

12

Dieweil der Herzog keine Schlacht liefern wollte, beunruhigte er ohne

Unterlaß den Schweiger, der zwischen Jülich und der Maas durch das

platte Land streifte. Er ließ den Fluß allerorten, bei Hondt, Mecheln,

Elsen, Meersen ergründen und fand ihn allerorten voll von Fußangeln, um

Menschen und Pferde, so ihn durchwaten wollten, zu verwunden.

Bei Stockem fanden die Suchenden keine. Der Prinz befahl

hindurchzugehen. Reiter durchritten die Maas und stellten sich in

Schlachtordnung am andern Ufer auf, um den Durchgang nach dem Bistum

Lüttich zu verteidigen. Dann pflanzten sich zehn Reihen Bogen- und

Scharfschützen von einem Ufer zum andern auf, um solchergestalt den

Lauf des Flusses zu hemmen. Unter ihnen befand sich auch Ulenspiegel.

Das Wasser reichte bis an die Schenkel und oftmals hob ihn eine

tückische Welle in die Höhe, ihn und sein Pferd.

Er sah die Fußsoldaten vorbeiziehen, die ein Säcklein mit Pulver auf

dem Hut und ihre Büchsen in der Luft trugen. Dann kamen die Karren, die

Hakenbüchsen, die Feuerwerker, die Zündstöcke, Feldschlangen, doppelte

Feldschlangen, Falkonetts, Quartierschlangen, halbe Quartierschlangen,

doppelte Quartierschlangen, Bombarden, doppelte Bombarden, Kanonen,

Mörser, Kammerschlangen, kleine Feldstücke, so auf Protzwagen gelegt

und von zwei Pferden gezogen, im Galopp sich bewegen konnten. Sie

glichen auf ein Haar denen, die Pistolen des Kaisers genannt wurden.

Hinter ihnen kamen die Landsknechte und flandrischen Reiter zum Schutze

der Nachhut.

Ulenspiegel suchte einen erwärmenden Trunk. Der Schütze Riesenkraft,

ein Hochdeutscher, ein magerer, grausamer Hüne, schnarchte neben ihm

auf seinem Schlachtroß und atmete Branntweingeruch aus. Ulenspiegel

suchte ein Fläschlein auf der Kruppe seines Pferdes und fand es,

mittels einer Schnur wie ein Wehrgehenk umgehängt. Er durchschnitt

die Schnur, nahm das Fläschchen und schlürfte wohlgemut daraus. Seine

Kameraden, die Schützen, sagten zu ihm:

„Gib uns davon.“

Das tat er. Nachdem der Branntwein ausgetrunken war, knotete er die

Schnur des Fläschchens und wollte es wieder auf die Brust des Söldners

hängen. Als er den Arm erhob, um solches zu tun, erwachte Riesenkraft.

Er nahm das Fläschlein und wollte seine gewohnte Kuh melken. Da er

fand, daß sie keine Milch mehr gab, geriet er in großen Zorn.

„Spitzbube, was hast Du mit meinem Branntwein gemacht?“ sprach er.

Ulenspiegel antwortete:

„Ich habe ihn getrunken. Unter durchnäßten Reitern ist der Branntwein

eines Einzigen der Branntwein aller. Ein Geizhals ist kläglich.“

„Morgen werde ich Dir im Zweikampf das Fleisch zerstückeln,“ erwiderte

Riesenkraft.

„Wir werden uns Köpfe, Beine, Arme und alles zerstückeln. Aber bist Du

nicht verstopft, daß Du ein so saures Gesicht machst?“

„Das bin ich,“ erwiderte Riesenkraft.

„Dann mußt Du Dich purgieren und nicht Dich schlagen,“ versetzte

Ulenspiegel.

Es ward ausgemacht, daß sie sich am folgendem Tage treffen sollten,

jeder nach seinem Belieben beritten und gerüstet, und daß sie

einander den Speck mit kurzem, starrem Stoßdegen zerstückeln sollten.

Ulenspiegel verlangte für sich, den Stoßdegen durch einen Stock zu

ersetzen, welches ihm gestattet ward.

Inzwischen hatten alle Soldaten den Fluß durchschritten und stellten

sich auf Kommando der Obristen und Hauptleute in guter Ordnung auf.

Alsdann gingen die zehn Reihen Bogenschützen gleichfalls hindurch.

Und der Schweiger sprach:

„Wir wollen auf Lüttich marschieren.“

Ulenspiegel war des froh und rief mit allen Vlamländern:

„Lang lebe Oranien! Auf nach Lüttich!“

Aber die Fremden, sonderlich die Hochdeutschen, sagten, daß sie zu

sehr durchnäßt und eingeweicht seien, um zu marschieren. Vergeblich

versicherte der Prinz ihnen, daß sie zu einem sicheren Sieg in eine

befreundete Stadt gingen. Sie wollten nichts hören, zündeten große

Feuer an und wärmten sich samt ihren abgesattelten Pferden.

Der Angriff auf die Stadt ward auf den kommenden Tag verschoben, wo

Alba, über den kühnen Durchgang gewaltig erstaunt, durch seine Spione

erfuhr, daß die Söldner des Schweigers noch nicht zum Angriff bereit

seien.

Daraufhin ließ er Lüttich und das ganze umliegende Land bedrohen,

daß er sie mit Feuer und Schwert vertilgen wolle, wenn des Prinzen

Freunde dort irgend welchen Aufruhr machten. Gerard von Groesbeke, der

bischöfliche Bluthund, ließ seine Söldner gegen den Prinzen rüsten; und

er kam durch die Schuld der Hochdeutschen, die Furcht vor etwas nassen

Hosen gehabt hatten, zu spät.

13

Nachdem Ulenspiegel und Riesenkraft Sekundanten genommen hatten, sagten

diese, sie sollten zu Fuß kämpfen, bis daß einer den Geist aufgäbe,

wenn es dem Sieger gefiele; denn solches waren Riesenkrafts Bedingungen.

Der Kampfplatz war eine kleine Heide.

Gleich am Morgen legte Riesenkraft seine Rüstung als Schütze an. Er

setzte die Pickelhaube mit Halsstück auf, ohne Visier, und zog ein

Panzerhemd ohne Ärmel an. Sintemalen sein anderes Hemd in Fetzen

auseinanderging, legte er es in die Pickelhaube, um, wenn es not tat,

einen Verband daraus zu machen. Er versah sich mit seiner Armbrust

aus gutem Ardenner Holz, einem Bündel von dreißig Pfeilen, einem

langen Dolch, aber nicht mit einem zweihändigen Degen, welches der

Bogenschützen Degen ist. Und er kam auf seinem Schlachtroß, das den

Kriegssattel und das Zaumzeug mit Federbusch trug und ganz gepanzert

war, auf den Kampfplatz geritten.

Ulenspiegel machte sich eine Ausrüstung wie ein gewappneter Edelmann,

sein Schlachtroß war ein Esel; sein Sattel waren die Röcke einer

Dirne, das mit Federn geschmückte Zaumzeug aus Weiden, obenauf mit

schönen, trefflich flatternden Hobelspänen geziert. Der Roßharnisch

war aus Speck, denn das Eisen kostet zu viel, sagte er, Stahl ist

unerschwinglich, und was das Kupfer anlangt, so hat man in den

verwichenen Tagen so viele Kanonen daraus gemacht, daß nicht soviel

übrig ist, um ein Kaninchen in der Schlacht zu wappnen. An Stelle des

Hutes setzte er einen schönen Lattichkopf auf, den die Schnecken noch

nicht zerfressen hatten. Darauf ragte eine Schwanenfeder, damit er im

Verscheiden singen konnte.

Sein starrer, leichter Stoßdegen war ein rechtschaffener, langer,

dicker Knüttel aus Fichtenholz, an dessen Ende ein Besen aus Zweigen

des gleichen Holzes war. An der linken Seite seines Sattels hing sein

Messer, das gleichfalls aus Holz war, auf der rechten Seite schaukelte

sein trefflicher Streitkolben aus Holunderholz, von einer Rübe gekrönt.

Sein Küraß bestand ganz aus Löchern.

Als er so ausgestattet auf den Kampfplatz kam, brachen Riesenkrafts

Sekundanten in Gelächter aus; aber dieser selbst behielt seine

sauertöpfische Miene.

Alsdann forderten Ulenspiegels Sekundanten die Beisteher Riesenkrafts

auf, der Deutsche möge seine ganze Rüstung von Panzerringen und Eisen

ablegen, in Ansehung dessen, daß Ulenspiegel nur mit Lumpen gepanzert

sei. Riesenkraft willigte darein. Nunmehr fragten Riesenkrafts

Sekundanten die Ulenspiegels, woher es käme, daß Ulenspiegel mit einem

Besen bewaffnet wäre.

„Ihr gewährtet mir den Knüttel, doch Ihr verbotet mir nicht, ihn mit

Laubwerk aufzuputzen.“

„Mach’s, wie Du’s verstehst,“ sagten die vier Sekundanten.

Riesenkraft sagte keinen Ton und metzelte das kümmerliche Heidekraut

mit kurzen Degenhieben ab.

Die Sekundanten forderten ihn auf, seinen Stoßdegen gleich Ulenspiegel

durch einen Knüttel zu ersetzen.

Er antwortete:

„Wenn dieser Lump aus freien Stücken eine so ungewöhnliche Waffe

gewählet hat, so geschieht’s, weil er vermeint, sein Leben damit

verteidigen zu können.“

Da Ulenspiegel abermals sagte, daß er sich seines Besens bedienen

wolle, kamen die vier Sekundanten überein, daß alles recht sei.

Sie standen sich kampfbereit gegenüber, Riesenkraft auf seinem

eisengepanzerten Pferde, Ulenspiegel auf seinem speckgepanzerten Esel.

Ulenspiegel rückte bis zur Mitte des Feldes vor. Dann sprach er, seinen

Besen wie eine Lanze haltend:

„Stinkender als Pest, Aussatz und Tod finde ich dies Ungeziefer

von schlechten Kerls, die in einem Lager von guten Kriegskameraden

keine andern Sorgen haben, als allerwegen ihre mürrische Fratze

und ihr zornschäumendes Maul herumzuführen. Wo sie verweilen, wagt

sich das Lachen nicht hervor, und die Lieder schweigen. Sie müssen

allzeit brummen oder sich schlagen, und dergestalt führen sie neben

dem berechtigten Kampf für das Vaterland den Zweikampf ein, welcher

der Ruin des Heeres und die Freude des Feindes ist. Gegenwärtiger

Riesenkraft tötete einundzwanzig Menschen um unschuldiger Worte willen,

ohne daß er jemals in Schlacht oder Scharmützel eine glänzende Tat der

Tapferkeit getan oder durch seinen Mut die geringste Belohnung verdient

hätte. Darum so gefällt es mir, heute das räudige Fell dieses bissigen

Hundes wider den Strich zu bürsten.“

Riesenkraft antwortete:

„Dieser Trunkenbold hat schöne Dinge über den Mißbrauch des Zweikampfes

geträumt; es wird mir heute gefallen, ihm den Kopf zu spalten, um

Jedermann zu zeigen, daß er nur Heu im Hirn hat.“

Die Sekundanten zwangen sie, von ihren Tieren zu steigen. Dies tuend,

ließ Ulenspiegel den Lattich vom Kopf fallen, den der Esel ruhig fraß,

doch er ward in diesem Geschäft durch einen Fußtritt unterbrochen,

den ihm ein Sekundant gab, um ihn aus den Schranken des Kampfplatzes

zu treiben. Ebenso geschah dem Pferde. Und sie gingen, anderswo in

Gesellschaft zu weiden.

Alsbald gaben die Sekundanten / die besentragenden, das waren die

Ulenspiegels, / und die degentragenden, das waren die Riesenkrafts /

durch Pfeifen das Zeichen zum Kampfe.

Und Riesenkraft und Ulenspiegel fochten wütend miteinander.

Riesenkraft schlug mit seinem Stoßdegen und Ulenspiegel parierte mit

seinem Besen. Riesenkraft fluchte bei allen Teufeln, Ulenspiegel wich

ihm aus und hüpfte die Kreuz und die Quer durch die Heide, steckte die

Zunge heraus und machte Riesenkraft tausend Fratzen. Diesem ging der

Atem aus, und er schlug mit dem Stoßdegen ins Blaue wie ein närrisch

gewordener Söldling. Ulenspiegel fühlte, daß er ihm nahe war, drehte

sich plötzlich um und gab ihm mit seinem Besen einen gewaltigen Stoß

unter die Nase. Riesenkraft fiel mit ausgestreckten Armen und Beinen zu

Boden, wie ein Frosch, wenn er verendet.

Ulenspiegel warf sich auf ihn und fegte ihm das Gesicht ohne Erbarmen

mit dem Strich und gegen den Strich. Dabei sagte er:

„Bitte um Gnade, oder Du sollst meinen Besen verschlingen.“ Und er rieb

ihn ohn Unterlaß hin und her, zum großen Ergötzen der Anwesenden, und

sagte immerfort:

„Schrei um Gnade, oder Du sollst ihn verschlingen!“

Aber Riesenkraft konnte nicht schreien, maßen er an der schwarzen Wut

gestorben war.

„Gott habe Dich selig, armer Wüterich!“ sprach Ulenspiegel.

Und er ging fürbaß und blies Trübsal.

14

Es war dazumal Ende Oktober. Dem Prinzen mangelte das Geld, sein Heer

hungerte. Die Söldlinge murrten. Er marschierte nach Frankreich und bot

dem Herzog die Schlacht an; der aber nahm sie nicht an.

Er brach von Quesnoy-le-Comte auf, um auf Cambresis zu rücken; da

stieß er auf zehn Kompanien Deutscher, acht Fähnlein Spanier und drei

Schwadronen leichter Reiter, die von Don Ruffele Henricis, des Herzogs

Sohne, befehligt wurden. Er war mitten in der Schlacht und rief auf

Spanisch:

„Tötet, tötet! Gebt kein Quartier! Es lebe der Papst!“

Don Henricis war just der Kompanie Schützen gegenüber, in der

Ulenspiegel Rottenführer war; er stürzte sich mit seinen Leuten auf

sie. Ulenspiegel sagte zum Feldwaibel:

„Ich will diesem Henker die Zunge abschneiden.“

„Schneide“, sagte der Feldwaibel.

Und mit einer wohlgezielten Kugel riß Ulenspiegel Zunge und Kinnbacken

des Don Ruffele Henricis, des Herzogs Sohn, entzwei.

Ulenspiegel schoß auch den Sohn des Marquis Delmarès vom Pferde.

Die acht Fähnlein und drei Schwadronen wurden geschlagen.

Nach diesem Siege suchte Ulenspiegel Lamm im Lager, aber er fand ihn

nicht.

„Ach,“ sagte er, „nun ist er fort, mein Freund Lamm, mein dicker

Freund. Das Gewicht seines Bauches vergessend, wird er in seinem

kriegerischen Ungestüm die hispanischen Flüchtlinge haben verfolgen

wollen. Außer Atem wird er wie ein Sack auf den Weg gefallen sein. Und

sie werden ihn aufgenommen haben, um Lösegeld für ihn zu bekommen, ein

Lösegeld für christlichen Speck. Mein Freund Lamm, wo bist Du doch, wo

bist Du, mein fetter Freund?“

Ulenspiegel suchte ihn allerorten und blies Trübsal, da er ihn nicht

fand.

15

Im November, dem Monat der Schneestürme, ließ der Schweiger Ulenspiegel

zu sich entbieten. Der Prinz biß auf die Schnur seines Panzerhemdes.

„Höre und bewahre“, sagte er.

Ulenspiegel antwortete:

„Meine Ohren sind Gefängnistore; man geht leicht hinein, aber

hinauszugehen ist eine schwere Sache.“

Der Schweiger sprach:

„Geh über Namur, Flandern, Hennegau, Süd-Brabant, Antwerpen,

Nord-Brabant, Geldern, Oberyssel, Nord-Holland und verkünde allerorten:

wenn Fortuna unsere heilige, christliche Sache auf dem Lande verrät,

so wird der Kampf gegen alle ungerechten Gewalttaten auf dem Meere

fortgesetzt werden. Diese Sache steht in Gottes Hand, sei es im Glück

oder Unglück. In Amsterdam angelangt, wirst Du Paul Buys, meinem

Getreuen, von deinem Tun und Treiben Rechenschaft geben. Hier sind

drei Pässe, von Alba selbst unterzeichnet und bei den Leichen von

Quesnoy-le-Comte gefunden. Mein Sekretarius hat sie ausgefüllt.

Kann sein, daß Du unterwegens einen guten Gefährten findest, dem

Du vertrauen kannst. Die sind gut, die auf Lerchentriller mit

kriegerischem Hahnenruf antworten. Hier sind fünfzig Gülden. Du wirst

tapfer und treu sein.“

„Klasens Asche brennt auf meinem Herzen,“ antwortete Ulenspiegel. Und

er ging von dannen.

16

Er hatte vom König und vom Herzog Vollmacht, nach seinem Ermessen alle

Waffen zu tragen. Er nahm seine gute Radschloßbüchse, Patronen und

trockenes Pulver, legte einen zerlumpten Mantel, ein zerschlissenes

Wams, eine nach hispanischer Mode durchlöcherte Hose, ein Barett mit

wallender Feder und einen Degen an; so verließ er das Heer an der

französischen Grenze und wandte sich nach Maastricht. Die Zaunkönige,

der Kälte Boten, flogen Obdach begehrend um die Häuser. Es schneiete am

dritten Tage.

Manchmal mußte Ulenspiegel unterwegens seinen Geleitbrief zeigen. Man

ließ ihn passieren und er wandte sich nach Lüttich. Er war in eine

Ebene gelangt. Ein starker Wind trieb ihm die Flocken in Wirbeln ins

Gesicht. Vor seinen Augen breitete sich eine weiße Fläche aus, darüber

die Schneewolken von Windstößen gejagt wurden. Drei Wölfe folgten ihm;

doch nachdem er ihrer einen mit seiner Büchse niedergeschossen, warfen

die andern sich auf den Verwundeten und entwichen in den Wald, jeder

ein Stück des Kadavers mitschleppend.

Also befreit, schaute Ulenspiegel sich um, ob nicht noch eine andere

Schar auf freiem Felde sei. Da erblickte er am Rande der Ebene Punkte

wie graue Steinbilder, die sich zwischen den Schneewirbeln bewegten,

und dahinter schwarze Gestalten berittener Soldaten. Er stieg auf

einen Baum. Der Wind trug ihm ein fernes Geräusch von Klagen zu.

„Vielleicht“, sprach er zu sich selbst, „sind es Pilger, in weiße

Gewänder gekleidet. Ich sehe kaum ihre Körper auf dem Schnee.“

Dann gewahrte er Menschen, die nackend liefen, und sah zwei Reiter in

schwarzer Rüstung, die auf ihren großen Schlachtrossen sitzend diese

armselige Herde mit heftigen Peitschenhieben vor sich her trieben.

Er spannte seine Büchse. Unter diesen Gegeißelten sah er junge Leute

und nackte Greise, zitternd, erstarrt und gekrümmt. Sie liefen, um

der Peitsche der beiden Soldaten zu entrinnen, die wohlgekleidet, von

Branntwein und guter Nahrung rot waren und ihr Ergötzen daran fanden,

die Körper der nackten Menschen zu geißeln, um sie zu schnellerem Lauf

anzutreiben.

Ulenspiegel sagte: „Klasens Asche, Dir soll Rache werden.“ Und er

tötete einen der Reiter mit einer Kugel ins Gesicht; der fiel vom

Pferde. Den andern, der nicht wußte, von wannen diese unverhoffte Kugel

kam, ergriff die Furcht. Wähnend, daß im Gehölz Feinde versteckt wären,

wollte er mit seines Gefährten Roß entfliehen. Als er sich des Zügels

bemächtigt hatte und abstieg, um den Toten auszuplündern, ward er von

einer andern Kugel in den Hals getroffen und fiel gleichermaßen.

Die nackten Menschen glaubten nicht anders, als daß ein Engel vom

Himmel, ein guter Scharfschütze, zu ihrer Verteidigung käme, und fielen

auf die Kniee. Alsbald stieg Ulenspiegel vom Baume herab und wurde von

denen aus der Schar, die gleich ihm in den Heeren des Prinzen gedient

hatten, erkannt. Sie sagten zu ihm:

„Ulenspiegel, wir sind aus dem Lande Frankreich in diesem erbärmlichen

Zustand nach Maastricht geschickt worden, wo der Herzog ist, um dort

wie Rebellen und Gefangene behandelt zu werden, die kein Lösegeld

zahlen können. Wir sind im Voraus verurteilt, gefoltert und geköpft zu

werden, oder gleich Lumpen und Spitzbuben auf des Königs Galeeren zu

rudern.“

Ulenspiegel gab dem Ältesten der Schar sein Obergewand und antwortete:

„Kommet, ich werde Euch bis Mézières führen, aber zuvor müssen wir

diese beiden Söldner plündern und ihre Pferde mitnehmen.“

Die Wämse, Hosen, Stiefel, Helme und Kürasse der Söldner wurden unter

die Schwächsten und Kränkesten verteilt, und Ulenspiegel sagte:

„Wir wollen ins Gehölz gehen, allwo die Luft dicker und weicher ist.

Laßt uns laufen, Brüder.“

Plötzlich fiel ein Mann und sagte:

„Mich hungert und friert, ich werde gehen und vor Gott bezeugen, daß

der Papst der Antichrist auf Erden ist.“

Und er verschied. Und die Übrigen wollten ihn forttragen, um ihn

christlich zu begraben.

Dieweil sie auf der Landstraße wanderten, bemerkten sie einen Bauern,

der einen Planwagen lenkte. Da er die nackten Menschen sah, hatte er

Mitleid und ließ sie auf den Wagen steigen. Sie fanden Heu daselbst,

um sich hineinzulegen, und leere Säcke, um sich zuzudecken. Und da

ihnen warm wurde, dankten sie Gott. Ulenspiegel ritt auf einem der

Reiterpferde neben dem Wagen und hielt das andere am Zügel.

In Mézières stiegen sie ab. Dort gab man ihnen gute Suppe, Bier,

Brot, Käse und den Greisen und Frauen Fleisch. Sie wurden auf Kosten

der Gemeinde beherbergt und von neuem gekleidet und bewaffnet. Und

alle gaben Ulenspiegel den Bruderkuß des Segens, und er ließ es sich

fröhlich gefallen.

Er verkaufte die Pferde der beiden Reiter zu achtundvierzig Gülden, von

denen er den Franzosen dreißig gab.

Da er einsam des Weges zog, sprach er zu sich selbst: „Ich gehe durch

Trümmer, Blut und Tränen, ohne etwas zu finden. Die Teufel haben mich

ohne Zweifel belogen. Wo ist Lamm? Wo ist Nele? Wo sind die Sieben?“

Und Klasens Asche brannte von Neuem auf seiner Brust. Und er hörte eine

Stimme gleich einem Hauche sagen:

„Such in Tod, Trümmern und Tränen.“

Und er ging von dannen.

17

Ulenspiegel gelangte im Märzmond nach Namur. Dort sah er Lamm, welcher,

von großer Liebe für die Fische der Maas, sonderlich die Forellen,

ergriffen, einen Kahn gemietet hatte und mit Verlaub der Gemeinde im

Fluß fischte. Aber er hatte der Fischergilde fünfzig Gülden gezahlt. Er

verkaufte und aß seinen Fisch und erwarb sich bei diesem Handwerk eine

Aufbesserung seines Bauches und ein Säcklein mit Karolus.

Da er seinen Freund und Gesellen am Ufer der Maas wandeln sah, um in

die Stadt zu gehen, ward er frohen Muts, stieß sein Boot gegen das

Ufer, und indem er schnaufend die Böschung hinanstieg, gelangte er zu

Ulenspiegel. Vor Freuden stammelnd, sagte er:

„Da bist Du also, mein Sohn, mein Sohn in Gott, denn meine Arche von

Bauch könnte ihrer zwei wie Dich tragen. Wohin gehst Du? Was willst Du?

Bist Du gewißlich nicht tot? Hast Du mein Weib gesehen? Du sollst von

den Fischen der Maas essen, den besten, die in dieser gemeinen Welt

sind. Sie machen in diesem Lande Saucen, daß man seine Finger bis zu

den Schultern aufessen möchte. Du bist stolz und hoffärtig, weil Du den

Sonnenbrand der Schlachten auf den Wangen hast. Da bist Du also, mein

Sohn, mein Freund Ulenspiegel, der lustige Landstreicher.“

Dann leiser redend:

„Wieviel Spanier hast Du getötet? Sahest Du mein Weib nicht in ihren

Wagen voller Dirnen? Und von dem Maaswein, der für verstopfte Leute so

köstlich ist, sollst Du trinken. Bist Du verwundet, mein Sohn? Hier

bleibst Du, frisch und gesund und munter wie ein junger Adler. Und

die Aale, davon sollst Du kosten. Kein Sumpfgeschmack. Küß mich, mein

Dickwanst. Gott sei gelobt, wie froh bin ich!“

Und Lamm tanzte, sprang, schnaufte und zwang Ulenspiegel zu tanzen.

Dann wanderten sie gen Namur. Am Stadttor wies Ulenspiegel seinen vom

Herzog unterschriebenen Paß vor. Und Lamm führte ihn in sein Haus.

Dieweil er das Mahl bereitete, hieß er ihn seine Abenteuer erzählen,

und er gab die seinen zum besten. Er hatte das Heer verlassen, sagte

er, um einem Mädchen zu folgen, das ihm seine Frau zu sein dünkte. Bei

dieser Verfolgung war er bis nach Namur gekommen. Und unaufhörlich

sagte er:

„Hast Du sie nicht gesehen?“

„Ich habe andere sehr schöne gesehen,“ antwortete Ulenspiegel, „und

sonderlich in dieser Stadt, wo alle verliebt sind.“

„Wahrlich,“ sagte Lamm, „man hat mich hundert Mal haben wollen, aber

ich blieb treu, denn mein betrübtes Herz ist von einer einzigen

Erinnerung geschwellt.“

„Gleichwie Dein Bauch von zahlreichen Gerichten,“ entgegnete

Ulenspiegel.

Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak: Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und andern Orts · 第 21 / 46 题