Ulenspiegel sprach in seinem Herzen: „Du wirst nicht erben, Mörder.“

Plötzlich wandte sich Soetkin um und sprach, auf den Fischhändler

weisend: „Der Angeber!“

„Ich weiß es“, sagte er.

„Soll er vom Blut Deines Vaters erben?“

„Lieber wollt ich einen ganzen Tag auf der Folterbank leiden“,

antwortete Ulenspiegel.

„Auch ich, aber bekenne nichts um meinetwillen, welche Qual Du mich

auch erdulden siehst.“

„Ach, Du bist ein Weib“, sagte Ulenspiegel.

„Armer Schelm,“ sprach sie, „ich habe Dich zur Welt gebracht und weiß

zu leiden. Aber Du, wenn ich Dich sähe.“ Da erbleichte sie. „Ich werde

zur heiligen Jungfrau beten, die ihren Sohn am Kreuze sah.“

Und sie weinte, dieweil sie Ulenspiegel liebkoste. Und also machten sie

miteinander einen Pakt des Hasses und der Kraft.

78

Der Fischhändler brauchte nur die Hälfte des Kaufpreises zu entrichten,

da die andere Hälfte dazu dienen sollte, seine Angeberei zu belohnen,

bis daß die siebenhundert Karolus gefunden wären, die ihn zur

Schurkerei getrieben hatten.

Soetkin verbrachte die Nächte mit Weinen und die Tage mit Hausarbeit.

Oft hörte Ulenspiegel sie ganz allein sprechen und sagen: „Wenn er

erbt, töte ich mich.“

Wissend, daß sie ausführen würde, was sie sagte, taten Nele und er

ihr Bestes, Soetkin zu bereden, nach Walcheren zu ziehen, allwo sie

Verwandte hatte. Soetkin wollte nicht und sagte, es täte ihr nicht not,

den Würmern aus dem Wege zu gehen, die in Bälde ihre Witwenknochen

verzehren würden.

Derweilen war der Fischhändler wiederum zum Amtmann gegangen und

hatte ihm gesagt, daß der Verstorbene erst vor etlichen Monaten an

siebenhundert Karolus geerbt habe; daß er ein haushälterischer Mann

gewesen, der mit wenigem auskam und also nicht diese große Summe

ausgegeben habe, welche ohne Zweifel in einem Winkel verborgen sei.

Der Amtmann fragte, was Ulenspiegel und Soetkin ihm Böses angetan

hätten, da er noch darauf sinne, sie grausam zu verfolgen, nachdem er

ihnen Vater und Mann genommen?

Der Fischhändler erwiderte, daß er als angesehener Bürger von Damm

den Gesetzen des Reichs Achtung verschaffen und also die Gnade Seiner

Majestät verdienen wolle.

Nachdem er solches gesagt, gab er dem Amtmann eine Anklageschrift zu

Händen und führte Zeugen auf, die der Wahrheit gemäß wider Willen

bezeugten, daß der Fischhändler nicht löge.

Nachdem die Wohllöbliche Schöffenkammer die Zeugnisse vernommen,

erklärte sie die Indizien der Schuld ausreichend zur Folter. Somit

schickten sie zum andern Mal Büttel, um das Haus zu durchwühlen; diese

hatten Vollmacht, Mutter und Sohn in das Stadtgefängnis zu bringen,

allwo sie gehalten werden sollten, bis der Henker von Brügge, welcher

ohne Verzug bestellt ward, anlangte.

Da Soetkin und Ulenspiegel durch die Straße gingen, die Hände auf den

Rücken gebunden, stund der Fischhändler auf der Schwelle seines Hauses

und sah sie an.

Und die Bürger und Bürgersfrauen von Damm standen auch auf der Schwelle

ihrer Häuser. Matthyssen, der nächste Nachbar des Fischhändlers, hörte

Ulenspiegel zum Ankläger sagen:

„Gott wird Dir fluchen, Du Henker der Witwen!“

Und Soetkin sprach zu ihm:

„Du wirst eines jämmerlichen Todes sterben, Du Verfolger der Waisen.“

Da die Leute von Damm solchermaßen erfahren hatten, daß die Witwe und

die Waise also auf eine zweite Anzeige Griepenstüvers ins Gefängnis

gebracht wurden, schmähten sie den Fischhändler und warfen ihm abends

Steine in die Fenster und seine Tür ward mit Unrat bedeckt.

Und er wagte nicht mehr aus dem Hause zu gehen.

79

Gegen die zehnte Stunde des Vormittags wurden Ulenspiegel und Soetkin

in die Folterkammer geführt.

Allda befanden sich der Amtmann, der Gerichtsschreiber und die

Schöffen, der Henker von Brügge, sein Knecht und ein Wundarzt.

Der Amtmann fragte Soetkin, ob sie kein dem Kaiser gehöriges Gut

vorenthalte. Sie antwortete: daß sie nichts vorenthalten könne, da sie

nichts habe.

„Und Du?“ fragte der Amtmann Ulenspiegel.

„Vor sieben Monaten“, versetzte er, „erbten wir siebenhundert Karolus,

etliche davon haben wir verzehrt. Was die andern angeht, so weiß ich

nicht, wo sie sind; ich vermeine jedoch, daß der Wanderer, der zu

unserm Unglück bei uns wohnte, den Rest mitgenommen hat; denn ich habe

seither nichts mehr gesehen.“

Der Amtmann fragte wiederum, ob alle beide darin beharrten, sich für

unschuldig zu erklären.

Sie antworteten, daß sie kein dem Kaiser gehöriges Gut vorenthielten.

Darauf sagte der Amtmann ernst und traurig:

„Da die Aussagen Euch schwer belasten und die Anklage begründet ist,

müßt Ihr, so Ihr nicht bekennt, die hochnotpeinliche Frage erleiden.“

„Schonet der Witwe,“ sprach Ulenspiegel, „der Fischhändler hat alles

gekauft.“

„Armer Schelm,“ sagte Soetkin, „die Männer vermögen den Schmerz nicht

so zu ertragen, wie die Frauen.“

Da sie sahe, daß Ulenspiegel um ihretwillen bleich wie ein Toter ward,

sagte sie noch:

„Ich habe Haß und Kraft.“

„Schonet der Witwe“, sprach Ulenspiegel.

„Nehmt mich statt seiner“, sprach Soetkin.

Der Amtmann fragte den Henker, ob er die Werkzeuge bereit halte, die

zur Erkenntnis der Wahrheit erforderlich seien.

Der Henker antwortete:

„Sie sind alle hier.“

Nachdem die Richter Rat gehalten hatten, bestimmten sie, daß mit der

Frau begonnen werden müsse, um die Wahrheit zu erfahren.

„Denn“, sagte einer der Schöffen, „es ist kein Sohn, der grausam genug

wäre, seine Mutter leiden zu sehen, ohne das Verbrechen zu bekennen und

sie solchergestalt zu erlösen. Desgleichen wird jede Mutter für die

Frucht ihres Leibes tun, hätte sie gleich das Herz einer Tigerin.“

Zum Henker sprechend, sagte der Amtmann:

„Setze die Frau auf den Stuhl und lege ihr die Schraubstöcke an Hände

und Füße.“

Der Henker gehorchte.

„O, tut nicht also, Ihr Herren Richter!“ schrie Ulenspiegel. „Bindet

mich an ihrer Statt, zerbrecht mir die Finger und die Zehen, aber

schont der Witwe!“

„Der Fischhändler“, sagte Soetkin. „In mir ist Haß und Kraft.“

Ulenspiegel ward noch bleicher. Er zitterte verstört und schwieg.

Die Schraubstöcke waren Stäblein von Buchsbaumholz, welche mit Schnüren

verbunden waren und zwischen die Finger gesteckt die Knochen berührten.

Durch eine Vorrichtung von so scharfsinniger Erfindung konnte der

Henker nach Belieben des Richters die Finger zusammenpressen,

die Knochen von ihrem Fleisch entblößen, sie zermalmen, oder dem

Delinquenten nur einen geringen Schmerz verursachen.

Er legte die Schraubstöcke an Soetkins Hände und Füße.

„Schnürt“, befahl ihm der Amtmann.

Er tat es grausam.

Drauf sprach der Amtmann zu Soetkin:

„Bezeichne mir den Ort, wo die Karolus verborgen sind.“

„Ich kenne ihn nicht“, antwortete sie ächzend.

„Schnürt stärker“, sagte er.

Ulenspiegel versuchte seine Arme, die auf dem Rücken gebunden waren,

vom Strick loszureißen, um Soetkin zu Hilfe zu kommen.

„Schnürt nicht, Ihr Herren Richter,“ sagte er, „es sind zarte,

zerbrechliche Frauenknochen. Ein Vogel vermöchte sie mit seinem

Schnabel zu zerbrechen. Schnürt nicht, Herr Scharfrichter, ich rede

nicht zu Euch, dieweil Ihr den Befehlen der Herren gehorsam sein müßt.

Schnürt nicht, habt Erbarmen!“

„Der Fischhändler“, sprach Soetkin.

Und Ulenspiegel schwieg.

Da er aber sahe, daß der Henker die Schraubstöcke noch stärker anzog,

schrie er von neuem:

„Erbarmen, Ihr Herren, Ihr zerbrecht der Witwe die Finger, deren sie

zur Arbeit bedarf. Wehe, ihre Füße! Wird sie nicht mehr gehen können?

Erbarmen, Ihr Herren!“

„Du wirst eines elendigen Todes sterben, Fischhändler“, schrie Soetkin.

Und ihre Knochen krachten und das Blut troff von ihren Füßen.

Ulenspiegel nahm alles wahr und vor Schmerz und Zorn zitternd, sagte er:

„Zerbrecht sie nicht, die Knochen eines Weibes, Ihr Herren Richter!“

„Der Fischhändler“, ächzte Soetkin.

Und ihre Stimme war leise und erstickt wie die eines Geistes.

Ulenspiegel zitterte und rief:

„Ihr Herren Richter, die Hände bluten und die Füße auch. Man hat der

Witwe die Knochen gebrochen.“

Der Wundarzt berührte sie mit dem Finger, und Soetkin stieß einen

lauten Schrei aus.

„Bekenne für sie“, sprach der Amtmann zu Ulenspiegel.

Aber Soetkin blickte ihn mit weit offnen Augen an, die denen einer

Dahingeschiedenen glichen. Und er merkte, daß er nicht sprechen dürfe,

und weinte, ohne ein Wort zu sagen.

Aber der Amtmann sagte darauf:

„Da dieses Weib mit der Festigkeit eines Mannes begabt ist, so muß ihr

Mut vor der Tortur ihres Sohnes auf die Probe gestellt werden.“

Soetkin hörte nicht, denn sie war ohnmächtig ob des großen Schmerzes,

den sie erlitten.

Mit viel Essig ward sie wieder zu sich gebracht. Dann ward Ulenspiegel

entkleidet und nackend vor die Augen der Witwe gestellt. Der Henker

schor ihm das Haupthaar und alles Haar ab, um zu sehen, ob er nicht

ein Teufelsmal habe. Dabei ward er des schwarzen Pünktleins auf dem

Rücken gewahr, so Ulenspiegel seit der Geburt an sich trug. Er stach

zu unterschiedlichen Malen eine lange Nadel hinein; aber da Blut

herauskam, erkannte er, daß in diesem Pünktlein keinerlei Zauberei

sei. Auf Befehl des Amtmanns wurden Ulenspiegels Hände an zwei Stricke

gebunden, so über eine an der Decke befestigte Rolle liefen, also daß

der Henker ihn nach Belieben der Richter hochziehen und herunterlassen

konnte, indem er ihn heftig schüttelte. Solches tat er an die neun

Male, nachdem er ihm an jedes Bein ein Gewicht von fünfundzwanzig Pfund

gehängt hatte.

Beim neunten Stoß zerriß die Haut der Handgelenke und Fußknöchel, und

die Knochen der Beine traten aus ihren Gelenken.

„Bekenne“, sagte der Amtmann.

„Nein“, antwortete Ulenspiegel.

Soetkin blickte ihren Sohn an und fand nicht Kraft zu schreien noch

zu sprechen; sie streckte nur die Arme aus und bewegte ihre blutenden

Hände und bezeigte durch diese Gebärde, daß man dieser Marter ein Ende

machen solle.

Der Henker zog Ulenspiegel abermals hinauf und hinunter. Und die Haut

der Fußknöchel und Handgelenke zerriß stärker und die Knochen der Beine

traten noch weiter aus ihren Gelenken; aber er schrie nicht.

Soetkin weinte und schüttelte ihre blutenden Hände.

„Bekenne die Unterschlagung,“ sprach der Amtmann, „und Dir soll

verziehen sein.“

„Der Fischhändler braucht Verzeihung“, antwortete Ulenspiegel.

„Du willst der Richter spotten?“ sagte einer der Schöffen.

„Ich spotten? Ach,“ antwortete Ulenspiegel, „ich stelle mich nur so,

glaubet mir.“

Soetkin sah nun, daß der Henker auf Befehl des Amtmanns ein Becken

mit glühenden Kohlen anfachte und daß ein Knecht zwei Unschlittkerzen

entzündete.

Sie wollte sich auf ihren zerquetschten Füßen erheben, doch sie fiel in

den Sitz zurück und rief aus:

„Schafft das Feuer fort! Ach, ihr Herren Richter, schont seiner armen

Jugend. Schafft das Feuer fort.“

„Der Fischhändler!“ rief Ulenspiegel, da er sie schwach werden sah.

„Ziehet Ulenspiegel einen Schuh hoch vom Boden“, sagte der Amtmann;

„stellet ihm das Kohlenbecken unter die Füße und haltet eine Kerze

unter jede Achsel.“

Der Henker gehorsamte. Was an Haar unter den Achseln übrig war,

knisterte und rauchte in der Flamme.

Ulenspiegel schrie und Soetkin sagte weinend:

„Schafft das Feuer hinweg!“

Der Amtmann sprach:

„Bekenne die Hehlerei und du sollst erlöst sein. Gestehe für ihn, Weib.“

Und Ulenspiegel sagte:

„Wer will den Fischhändler in das ewig brennende Feuer werfen?“

Soetkin schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß sie nichts zu sagen hätte.

Ulenspiegel knirschte mit den Zähnen und Soetkin schaute auf ihn mit

verstörten Augen, in Tränen aufgelöst.

Indessen, nachdem der Henker die Kerzen ausgelöscht und das Becken mit

glühenden Kohlen unter Ulenspiegels Füße gestellt hatte, schrie sie:

„Ihr Herren Richter, habt Erbarmen mit ihm, er weiß nicht, was er sagt.“

„Warum weiß er nicht, was er sagt?“ fragte der Amtmann voll Arglist.

„Fraget sie nicht, Ihr Herren Richter; Ihr seht wohl, daß sie vor

Schmerz von Sinnen ist. Der Fischhändler hat gelogen“, sprach

Ulenspiegel.

„Wirst Du so wie er aussagen, Weib?“ fragte der Amtmann.

Soetkin nickte mit dem Kopf.

„Verbrennt den Fischhändler!“ schrie Ulenspiegel.

Soetkin schwieg, aber sie hielt die geballte Faust hoch, als wollte sie

ihn verfluchen.

Da sie jedoch die Kohlen in hellerer Glut unter den Füßen ihres Sohnes

aufflammen sah, schrie sie:

„Herr Gott! heilige Jungfrau, die Ihr im Himmel seid, macht dieser

Marter ein Ende. Habt Erbarmen! Nehmt das Kohlenbecken fort!“

„Der Fischhändler!“ ächzte Ulenspiegel.

Und er brach das Blut in Strömen durch Nase und Mund aus, neigte den

Kopf und blieb über den Kohlen hängen.

Da schrie Soetkin:

„Mein armes Kind ist tot! Sie haben ihn gemordet! Wehe, auch ihn!

Nehmt die Kohlen fort, Ihr Herren Richter. Lasset mich ihn in die

Arme nehmen, um bei ihm zu sterben. Ihr wisset, daß ich auf meinen

gebrochenen Füßen nicht entfliehen kann.“

„Gebet der Wittib ihren Sohn“, sprach der Amtmann.

Dann ratschlagten die Richter untereinander.

Der Henker band Ulenspiegel los und legte ihn nackend und

blutüberströmt auf Soetkins Knie, derweil der Wundarzt ihm die Knochen

wieder einrenkte.

Indessen umarmte Soetkin Ulenspiegel und sagte weinend:

„Mein Sohn, Du armer Märtyrer! Wenn die Herren Richter es gestatten,

werde ich Dich heilen; aber wach auf, Tyll, mein Sohn! Ihr Herren

Richter, wenn Ihr ihn mir umgebracht habt, so werde ich zu Seiner

Majestät gehen, denn Ihr habt gegen jedes Recht und Gerechtigkeit

gehandelt und Ihr sollt sehen, was eine arme Frau wider die Bösen

vermag. Aber Ihr Herren, lasset uns mitsammen frei. Wir haben nur

einander in Welt, wir armen Leute, auf die Gottes Hand schwer

herabfällt.“

Nachdem die Richter Rat gepflogen hatten, sprachen sie das Urteil wie

folgt:

„In Ansehung dessen, daß Ihr, Soetkin, eheliche Witwe von Klas, und

Ihr Tyll, Sohn von Klas, mit dem Beinamen Ulenspiegel, trotz grausamer

Tortur und genugsamer Proben nichts bekannt habt auf die Anschuldigung,

das Vermögen unterschlagen zu haben, so kraft Konfiskation und

ohngeachtet aller dem zuwiderlaufenden Privilegien, Seiner Königlichen

Majestät gehörte; Erklärt der Gerichtshof Euch für frei; Mangels

ausreichender Beweise und bei Dir, Frau, des jammervollen Zustandes

Eurer Glieder, und bei Dir, Mann, der peinlichen Folter wegen, so Ihr

erlitten habt. Er erlaubt Euch, bei dem Manne oder der Frau aus der

Stadt, denen es genehm sein wird, Euch unangesehen Eurer Armut zu

beherbergen und niederzulassen.“

„So gegeben zu Damm, den dreiundzwanzigsten Tag des Weinmonats Anno

Domini 1558.“

„Seid bedankt, Ihr Herren Richter“, sagte Soetkin.

„Der Fischhändler“, ächzte Ulenspiegel.

Und Mutter und Sohn wurden in einem Karren zu Katheline gebracht.

80

Im selbigen Jahre, dem achtundzwanzigsten des Jahrhunderts, trat

Katheline zu Soetkin ins Gemach und sprach:

„Verwichene Nacht, da ich mich mit Balsam gesalbt hatte, ward ich auf

den Turm der Frauenkirche versetzt. Ich sah die Geister der Elemente,

die Gebete der Menschen den Engeln zutragen, welche sie hinwiederum

nach dem hohen Himmel zum Throne emportrugen. Und der Himmel war ganz

übersät mit strahlenden Sternen. Plötzlich erhob sich von einem

Scheiterhaufen eine Gestalt, die mich schwarz dünkte, und schwebte

hinauf und setzte sich neben mich auf den Turm. Ich erkannte Klas,

so wie er im Leben war, mit seinem Kohlenträgerkittel angetan. „Was

machst Du auf dem Turme der Frauenkirche?“ sagte er zu mir. „Aber wohin

gehst Du, der Du wie ein Vogel in den Lüften fliegst?“ fragte ich

dagegen. „Ich gehe zum Gericht“, sagte er. „Hörst Du nicht die Posaune

des Gerichts?“ Ich stand ganz nahe bei ihm und fühlte, daß seine

Geistergestalt nicht hart war wie der Körper der Lebendigen, sondern

so zart, daß ich in ihn eindrang wie in heißen Dampf, da ich ihm nahe

rückte. Zu meinen Füßen durch das ganze Land Flandern erglänzten

etliche Lichter, und ich sagte zu mir selbst: Die da frühe aufstehen

und spät schaffen, sind die Gesegneten des Herrn.

Und immerda hörte ich in der Nacht die Posaune des Engels ertönen. Und

alsbald sah ich einen andern Schatten aufsteigen, so aus Spanien kam;

selbiger war alt und abgelebt, hatte ein Kinn wie ein Holzschuh und

Quittenmus an den Lippen.

Er trug einen karmesinroten Sammetmantel, mit Hermelin gefüttert, eine

Kaiserkrone und in der einen Hand eine Anschovis, die er knabberte, in

der andern einen vollen Bierhumpen.

Er kam und setzte sich auf den Turm der Frauenkirche, ohne Zweifel aus

Müdigkeit. Niederknieend sprach ich zu ihm: „Gekrönte Majestät, ich

verehre Euch, aber ich kenne Euch nicht. Von wannen kommt Ihr und was

tut Ihr in der Welt?“ / „Ich komme aus Sankt-Just in Estremadura,“

sagte er, „und war der Kaiser Karl der Fünfte.“ „Aber,“ sprach ich,

„wohin gehet Ihr jetzo in dieser kalten Nacht, durch die hagelschweren

Wolken?“ / „Ich gehe zum Gericht“, sagte er. Da der Kaiser seine

Anschovis aufessen und das Bier aus seinem Kruge austrinken wollte,

ertönte die Posaune des Engels, und er erhob sich in die Luft und

murrte, weil er also in seiner Mahlzeit gestört ward. Ich folgte Seiner

Heiligen Majestät. Er ging durch den Weltraum, indem er vor Müdigkeit

schluckste, vor Asthma keuchte und sich zu Zeiten erbrach, denn der

Tod hatte ihn mit verdorbenem Magen ereilt. Wir stiegen unaufhörlich,

wie Pfeile, aus einem Bogen von Kirschbaumholz geschnellt. Die Sterne

flogen an uns vorüber und zogen feurige Streifen in den Himmel. Wir

sahen, wie sie sich loslösten und fielen. Die Posaune des Engels

ertönte. Welch schmetternder, mächtiger Schall! Bei jeder Fanfare,

so die Dünste der Luft erschütterte, zerrissen sie, wie wenn ein

Orkan ganz dicht auf sie dreingeblasen hätte. Und so war uns der Weg

vorgezeichnet. Da wir nun tausend Meilen und mehr emporgestiegen waren,

sahen wir Christum in seiner Herrlichkeit auf einem Sternenthron

sitzen. Zu seiner Rechten stund der Engel, der die Taten der Menschen

auf eine eherne Tafel schreibt, und zu seiner Linken Maria, seine

Mutter, die ihn unablässig für die Sünder um Gnade bittet.

Klas und Kaiser Karl knieten vor dem Throne nieder.

Der Engel warf ihm die Krone vom Haupt. „Hier ist nur ein Kaiser,“

sprach er, „das ist Christus.“

Seine Heilige Majestät schien erzürnt, jedoch sagte sie, demütig

sprechend: „Könnte ich nicht diese Anschovis und diesen Humpen Bier

behalten? Denn die lange Reise hat mich hungrig gemacht.“

„Wie Du es Dein Lebenlang warest“, versetzte der Engel. „Aber iß und

trink immerhin.“

Der Kaiser leerte den Humpen und knabberte die Anschovis.

Darauf redete Christus und sprach:

„Stellst Du Dich mit reiner Seele zum Gericht?“

„Ich hoffe es, mein gütiger Herr, denn ich habe gebeichtet,“ antwortete

Kaiser Karl.

„Und Du, Klas?“ fragte der Engel. „Denn Du zitterst nicht wie dieser

Kaiser.“

„Mein Herr Jesus,“ antwortete Klas, „es ist keine Seele, die rein sei,

darum habe ich keine Furcht vor Euch, der Ihr die höchste Güte und die

höchste Gerechtigkeit seid; aber ich fürchte dennoch für meine Sünden,

die zahlreich waren.“

„Rede, Kadaver“, sprach der Engel, sich an den Kaiser wendend.

„Ich,“ antwortete Karl mit unklarer Stimme, „ich ward durch den

Finger Eurer Priester gesalbet und zum König von Castilien, Kaiser

von Deutschland und König der Römer geweiht. Unablässig lag mir die

Erhaltung der Macht am Herzen, so von Euch kommt, und darum wirkte ich

mit Strang, Schwert, Grube und Feuer wider alle Reformierten.“

Aber der Engel sprach:

„Du Lügner und Völler,“ sagte er, „Du willst uns betrügen. In

Deutschland hast Du die Reformierten geduldet, denn Du hattest Furcht

vor ihnen; und in den Niederlanden, wo Du nur Das fürchtetest, nicht

genug von diesen fleißigen, honigreichen Bienen zu erben, hast Du

sie enthaupten, verbrennen, hängen und lebendig begraben lassen.

Hunderttausend Seelen sind durch Dich zugrunde gegangen, nicht weil Du

Christum, meinen Herrn liebtest, sondern weil Du ein Despot, Tyrann

und Länderverschlinger warst. Du liebtest nur Dich selbst und nach Dir

Fleisch, Fisch, Wein und Bier, denn Du warst gierig wie ein Hund und

durstig wie ein Schwamm.“

„Und Du, Klas, sprich“, sagte Christus.

Aber der Engel erhob sich.

„Dieser hat nichts zu sagen. Er war gut, arbeitsam wie das arme

flandrische Volk, das da gerne arbeitet und gerne lacht, und seinen

Fürsten die schuldige Treue hält und glaubt, daß die Fürsten ihm die

Treue hielten, die sie ihm schuldeten. Er hatte Geld, ward angeklagt

und da er einen Reformierten beherbergt hatte, ward er lebendig

verbrannt.“

„Ach,“ sprach Maria, „armer Märtyrer! Aber im Himmel sind kühle

Bronnen, Springbrunnen von Milch und köstlichem Wein, die werden Dich

erfrischen, und ich selbst will Dich dort hinführen, Kohlenträger.“

Die Posaune des Engels erscholl abermals, und aus der Tiefe der

Abgründe sah ich einen Mann aufsteigen, nackt und schön, mit Eisen

gekrönt. Und auf dem Reifen der Krone waren diese Worte geschrieben:

„Traurig bis an den Tag des Gerichts.“

Er nahete dem Thron und sprach zu Christo:

„Ich bin Dein Sklave, bis daß ich Dein Herr sein werde.“

„Satan,“ sagte Maria, „ein Tag wird kommen, wo es weder Sklaven noch

Herren gibt und wo Christus, welcher die Liebe, und Satan, welcher der

Stolz ist, bedeuten werden: Kraft und Wissen.“

„Weib, Du bist gut und schön“, sprach Satan.

Dann zu Christo redend und auf den Kaiser deutend, sprach er: „Was soll

mit diesem hier geschehen?“

Christus antwortete:

„Du sollst das gekrönte Gewürm in ein Gemach bringen, darinnen Du

alle Folterwerkzeuge, so unter seiner Regierung im Gebrauch waren,

zusammenträgst. Jedesmal, wenn ein unschuldiger Unglücklicher die

Wasserfolter erleidet, welche die Menschen aufbläht wie Blasen, die

Kerzenfolter, welche die Fußsohlen und Achselhöhlen verbrennt, den

Wippgalgen, welcher die Glieder zerbricht, das Zerreißen durch vier

Pferde; jedesmal, wenn eine freie Seele auf dem Scheiterhaufen ihren

letzten Atem aushaucht, soll er eins nach dem andren diese Tode und

Foltern erdulden. Er soll innewerden, wieviel Böses ein Ungerechter,

der über Millionen gebeut, tun kann. Möge er in den Gefängnissen

verfaulen, auf den Schafotten sterben, in der Verbannung, fern vom

Vaterland, stöhnen; möge er beschimpft, verunglimpft, gestäupet werden.

Er möge reich sein und der Fiskus von ihm zehren; der Angeber soll ihn

verklagen und die Konfiskation soll ihn zugrunde richten. Du sollst

ihn in einen Esel verwandeln, auf daß er sanftmütig, mißhandelt und

schlecht genährt sei; in einen Armen, auf daß er um Almosen bitte

und mit Schimpfworten begrüßt werde; in einen Arbeiter, auf daß er

zuviel arbeite und nicht genug esse. Wenn er alsdann an Leib und Seele

genugsam gelitten hat, so sollst Du ihn zum Hunde machen, auf daß er

gut sei und Prügel empfahe; zu einem Sklaven in Indien, der öffentlich

versteigert wird; zu einem Soldaten, damit er sich für einen andern

schlage und sich töten lasse, ohne zu wissen warum. Und wenn er nach

Verlauf von dreihundert Jahren alle Leiden, alles Elend erschöpft

haben wird, sollst Du ihn zum freien Menschen machen. Wenn er in

diesem Stande gut wie Klas ist, sollst Du seinen Leichnam in einem

Erdenwinkel, der um Mittag schattig ist und am Morgen von der Sonne

beschienen wird, unter einem schönen Baum mit frischem Rasen bedecken

und ihm die ewige Ruhe geben. Und seine Freunde werden kommen und auf

seinem Grabe bittere Tränen vergießen und Veilchen säen, die Blumen der

Erinnerung.“

„Gnade, mein Sohn,“ sprach Maria, „er wußte nicht, was er tat, denn

Macht verhärtet das Herz.“

„Hier ist keine Gnade“, sagte Christus.

„Ach,“ sprach Seine Heilige Majestät, „wenn ich nur ein Glas

andalusischen Weines hätte!“

„Komm,“ sprach Satan, „die Zeit des Weines, der Fleischspeisen und

Geflügel ist vorbei.“

Und in die tiefste Hölle schleppte er die Seele des armen Kaisers, der

noch an seiner Anschovis kaute.

Satan ließ es aus Mitleid geschehen. Dann sah ich Mutter Maria den Klas

in den höchsten Himmel führen, dorthin, wo nichts war, denn Sterne,

die in Trauben am Gewölbe befestigt sind. Und allda wuschen ihn die

Engel und er ward schön und jung. Alsdann gaben sie ihm Reisbrei mit

silbernen Löffeln zu essen. Und der Himmel schloß sich.“

„Er ist in der Herrlichkeit“, sagte die Wittib.

„Die Asche brennt auf meinem Herzen“, sprach Ulenspiegel.

81

Während der folgenden dreiundzwanzig Tage ward Katheline weiß und

mager und dörrte aus, als würde sie von einem innern Fieber verzehrt,

glühender als das des Wahnsinns.

Sie sagte nicht mehr: „Das Feuer, grabt ein Loch, die Seele will

hinaus“, sondern sie war allezeit verzückt und sagte zu Nele:

„Ehefrau bin ich, und Ehefrau sollst auch Du sein. Schön, starkes Haar,

heiße Liebe, kalte Kniee und kalte Arme!“

Und Soetkin blickte sie traurig an und glaubte an einen neuen Wahnsinn.

Katheline redete weiter:

„Dreimal drei sind neun, heilige Zahl. Dem in der Nacht die Augen

glänzen wie Katzenaugen, der allein sieht das Geheimnis.“

Eines Abends machte Soetkin eine Gebärde des Zweifels. Aber Katheline

sagte:

„Vier und drei bedeutet Unglück unter Saturn; unter Venus die Zahl der

Heirat. Kalte Arme, kalte Knie, feuriges Herz!“

Soetkin versetzte:

„Man muß nicht von bösen, heidnischen Götzen sprechen.“

Da Katheline solches vernahm, machte sie das Zeichen des Kreuzes und

sagte:

„Gesegnet sei der graue Ritter. Nele muß einen Mann haben, schöner

Mann, der den Degen trägt, schwarzer Mann mit glänzendem Gesicht.“

„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „ein Hackfleisch von Männern, und dazu werde

ich mit meinem Messer die Brühe machen.“

Nele blickte ihren Freund mit Augen an, die vor Freude feucht waren, da

sie ihn so eifersüchtig sah.

„Ich will keinen“, sprach sie.

Katheline entgegnete:

„Wenn der kommen wird, der grau gekleidet und immer auf andre Art

gestiefelt und gespornt ist.“

Soetkin sprach:

„Bittet Gott für die arme Närrin.“

„Ulenspiegel,“ sagte Katheline, „geh und hol uns vier Schoppen

Doppelbier, dieweil ich Schmalzkuchen backe.“

Soetkin fragte, warum sie den Samstag wie die Juden feire.

Katheline antwortete:

„Weil der Teig fertig ist.“

Ulenspiegel stand vor ihr und hielt den großen Krug von englischem Zinn

in der Hand, der just ein Maß faßte.

„Mutter, was soll ich tun?“ fragte er.

„Geh,“ sagte Katheline.

Soetkin wollte nicht antworten, da sie nicht Herrin im Hause war; sie

sprach zu Ulenspiegel: „Geh, mein Sohn.“

Ulenspiegel lief zum „Scaeck“ und brachte die vier Schoppen Doppelbier

zurück.

Alsbald verbreitete sich der Duft der Schmalzkuchen in der Küche, und

alle hatten Hunger, selbst die arme Leidtragende.

Ulenspiegel aß wacker. Katheline hatte ihm einen großen Humpen gegeben

und sagte dabei, daß er, als der einzige Mann und das Haupt des Hauses,

mehr denn die andern trinken und hernach singen sollte.

Ihre Miene war arglistig, als sie so sprach. Aber Ulenspiegel trank,

doch sang er nicht. Nele weinte, da sie Soetkin so bleich und

zusammengesunken sah. Allein Katheline war lustig.

Nach der Mahlzeit stiegen Soetkin und Ulenspiegel zum Boden hinauf, um

sich schlafen zu legen; Katheline und Nele blieben in der Küche, allwo

ihre Betten aufgeschlagen waren.

Um die zweite Morgenstunde war Ulenspiegel ob des schweren Getränkes

längst entschlafen; mit offenen Augen bat Soetkin wie jedwede Nacht

Unsere liebe Frau, ihr Schlaf zu geben, aber Unsere Frau erhörte sie

nicht.

Plötzlich hörte sie den Schrei eines Fischadlers und aus der Küche

einen ähnlichen Schrei, der ihm antwortete; dann ertönten von fern aus

den Feldern andere Rufe, und immer wollte es sie bedünken, daß von der

Küche aus darauf geantwortet würde.

Gedenkend, daß es Nachtvögel seien, hatte sie des nicht Acht. Sie hörte

Pferdegewieher und Klappern von Hufeisen auf der Straße, öffnete das

Bodenfenster und sah leibhaftig zwei gesattelte Pferde, so den Boden

stampften und das Gras des Wegrains abweideten. Alsdann vernahm sie die

schreiende Stimme einer Frau und eine drohende Männerstimme; es fielen

Schläge, neues Geschrei; eine Tür ward mit Getöse geschlossen und

angstvolle Schritte kamen die Stufen der Stiege herauf.

Ulenspiegel schnarchte und hörte nichts. Die Bodentür öffnete sich und

Nele trat ein, fast nackend, atemlos und schluchzend. Hastig stellte

sie einen Tisch, Stühle, ein altes Kohlenbecken, alles was sie an

Hausrat finden konnte, gegen die Tür. Die letzten Sterne waren am

Erlöschen, die Hähne krähten.

Ulenspiegel hatte sich beim Geräusch, das Nele machte, im Bett

umgedreht, aber er schlief weiter.

Da warf sich Nele an Soetkins Hals. „Soetkin,“ sagte sie, „ich habe

Furcht, zünde das Licht an.“

Soetkin tat es und immer noch stöhnte Nele.

Als das Licht angezündet war und Soetkin Nele anschaute, sah sie, daß

des Mägdleins Hemd an der Schulter zerrissen war, und auf Stirn, Wangen

und Hals erblickte sie blutige Schrammen gleich Kratzwunden.

„Nele,“ sprach Soetkin und umschlang sie, „woher kommst Du also

verwundet?“

Das Mädchen zitterte und stöhnte beständig und sagte: „Bring uns nicht

auf den Scheiterhaufen, Soetkin.“

Indessen erwachte Ulenspiegel und zwinkerte mit den Augen im

Lichtschein. Soetkin sagte: „Wer ist unten?“ Nele antwortete:

„Schweig, es ist der Mann, den sie mir geben will.“

Soetkin und Nele hörten plötzlich Katheline schreien, und die Knie

zitterten den beiden. „Er schlägt sie, er schlägt sie um meinetwillen,“

sagte Nele.

„Wer ist im Hause?“ schrie Ulenspiegel und sprang aus dem Bett. Dann

rieb er sich die Augen und lief im Zimmer hin und her, bis er einen

schweren Schürhaken in die Hand kriegte, der in einer Ecke lag.

„Niemand,“ sagte Nele, „niemand, geh nicht hin, Ulenspiegel.“ Aber

er hörte nicht, lief zur Tür, warf Stühle, Tische und Kohlenbecken

beiseite. Katheline schrie unten immerfort. Nele und Soetkin hielten

Ulenspiegel auf dem Treppenabsatz fest, die eine um den Leib, die

andere an den Beinen, und sagten dabei: „Geh nicht hin, Ulenspiegel, es

sind Teufel.“

„Ja,“ antwortete er, „ein Teufelsmann für Nele, ich werde ihn mit

meinem Schürhaken ehelich zusammentun. Ein Verlöbnis von Eisen und

Fleisch! Laßt mich hinunter!“

Aber sie ließen ihn nicht los, denn sie waren stark, maßen sie sich

ans Geländer klammerten. Er riß sie mit auf die Stufen der Stiege

hinab, und sie hatten Furcht, so den Teufeln nahe zu kommen. Aber sie

vermochten nichts wider ihn. Er flog in Sprüngen und Sätzen hinunter

wie ein Schneeball vom Gipfel eines Berges, kam in die Küche und sah

Katheline fahl und verstört bei Schein der Morgenröte und hörte sie

sagen:

„Hanske, weshalb lässest Du mich allein? Es ist nicht meine Schuld,

wenn Nele bös ist.“

Ulenspiegel öffnete die Stalltür, ohne auf sie zu hören. Da er dort

niemanden fand, stürzte er nach dem Garten und von da auf die Straße.

Von fern sah er zwei trabende Pferde, die sich im Nebel verloren. Er

rannte, um sie einzuholen, aber er konnte es nicht, denn sie jagten wie

der Sturm, der die dürren Blätter vor sich hertreibt.

Von Zorn und Verzweiflung gepeinigt, kehrte er um und sagte zwischen

den Zähnen: „Sie haben sie mißbraucht! Sie haben sie mißbraucht!“ Mit

Augen, worinnen eine böse Flamme glühte, betrachtete er Nele, die am

ganzen Leibe zitternd vor der Witwe und Katheline stand und sagte:

„Nein, Tyll, mein Geliebter, nein.“

Solches sagend, sah sie ihm so traurig und aufrichtig in die Augen, daß

er wohl sah, daß sie wahr redete.

Dann befragte er sie und sprach:

„Woher kommen diese Rufe, und wohin gingen diese Männer? Warum ist Dein

Hemd auf der Schulter und im Rücken zerrissen? Warum trägst Du an Stirn

und Wangen Kratzwunden?“

„Hör mich an,“ sagte sie, „aber bring uns nicht auf den Scheiterhaufen.

Katheline, die Gott vor der Hölle bewahren möge, hat seit

dreiundzwanzig Tagen einen Teufel in schwarzen Kleidern, gestiefelt und

gespornt, zum Freunde. Sein Antlitz gleißt wie das Feuer, das man des

Sommers, wann es heiß ist, auf den Meereswellen sieht.“

„Warum bist Du fortgegangen, Hanske, mein Liebster?“ sprach Katheline.

„Nele ist bös.“

Aber Nele redete weiter und sprach:

„Er schreit wie ein Fischadler, um anzukündigen, daß er da ist. Meine

Mutter empfängt ihn jeden Samstag in der Küche. Sie erzählt, daß seine

Küsse kalt und sein Körper wie Schnee sei. Und so sie nicht alles tut,

was er will, schlägt er sie. Einmal brachte er ihr etliche Gülden, aber

er nahm ihr dafür alle andern fort.“

Während dieser Rede faltete Soetkin die Hände und betete für Katheline.

Katheline sagte fröhlich:

„Mein Körper ist nicht mehr mein, mein Geist ist nicht mehr mein,

sondern sein. Hanske, mein Herzallerliebster, führe mich wiederum zum

Sabbat. Nur Nele will nimmer mitgehen, Nele ist ungehorsam.“

„Bei Tagesanbruch ging er davon,“ sprach das Mägdlein weiter: „Am

nächsten Tage erzählte meine Mutter mir hundert schier seltsame Dinge

... Aber Du mußt mich nicht mit so bösen Augen anschauen, Ulenspiegel.

Gestern hat sie mir gesagt, daß ein schöner Herr, grau gekleidet und

Hilbert geheißen, mich zur Ehe begehre und herkommen wollte, sich

mir zu zeigen. Ich gab zur Antwort, daß ich keinen Mann wolle, weder

einen schönen noch häßlichen. Aber kraft ihrer mütterlichen Gewalt

zwang sie mich aufzubleiben, um seiner zu harren; denn wenn es sich um

ihre Buhlschaften handelt, verliert sie mitnichten den Verstand. Wir

waren halb entkleidet und bereit, uns schlafen zu legen; ich schlief

auf dem Stuhl dort. Da sie eintraten, wachte ich nicht auf. Plötzlich

fühlte ich, daß mich einer umfing und mich auf den Hals küßte. Und

beim Scheine des strahlenden Mondes sah ich ein Antlitz, gleißend wie

die Schaumkämme der Meereswogen im Heumond, wenn es donnern will; und

ich hörte ihn mit leiser Stimme zu mir sagen: „Ich bin Hilbert, Dein

Ehemann, sei mein, ich werde Dich reich machen.“ Das Angesicht dessen,

der sprach, hatte einen Fischgeruch. Ich stieß ihn zurück; er wollte

mich mit Gewalt packen, aber ich hatte die Kraft von zehn Männern

gleich ihm. Jedoch er zerriß mir das Hemde, verwundete mich im Gesicht

und sagte immerfort: „Sei mein, ich werde Dich reich machen.“ / „Ja,“

sagte ich, „gleichwie meine Mutter, der Du ihren letzten Heller nehmen

wirst.“ Da verdoppelte er seine Gewalt, aber er vermochte nichts gegen

mich. Und da er häßlicher war denn ein Toter, fuhr ich ihm so heftig

mit meinen Nägeln in die Augen, daß er vor Schmerz schrie, und ich

entschlüpfte und kam hierher zu Soetkin.“

Katheline sprach beständig:

„Nele ist ungehorsam. Warum bist Du so schnell fortgegangen, Hanske,

mein Buhle?“

„Wo warst Du, schlechte Mutter,“ fragte Soetkin, „dieweil man Deinem

Kinde die Ehre nehmen wollte?“

„Nele ist ungehorsam“, sagte Katheline. „Ich war bei meinem schwarzen

Herrn, da kam der graue Teufel zu uns mit blutendem Antlitz und

sprach: Komm fort, Gesell, das ist ein schlimmes Haus. Die Männer

darinnen gelüstet es nach Totschlag und die Weiber haben Messer an den

Fingerspitzen. Da liefen sie zu ihren Rossen und verschwanden im Nebel.

Nele ist ungehorsam!“

82

Am nächsten Tage, da sie warme Milch tranken, sprach Soetkin zu

Katheline:

„Du siehest, daß das Leid mich schon aus dieser Welt jagt. Willst Du

mich noch durch Deine verfluchten Zaubereien daraus vertreiben?“

Aber Katheline sagte immerfort:

„Nele ist ungehorsam. Kehr zurück, Hanske, mein Buhle.“

Den folgenden Mittwoch kamen die Teufel zu zweien wieder.

Nele nächtigte seit dem Samstag bei der Witwe van den Houte, unter dem

Vorgeben, sie könne bei Katheline nicht bleiben wegen Ulenspiegels, des

jungen Gesellen, der dort weilte.

Katheline empfing ihren schwarzen Ritter und dessen Freund in der Keet,

einem Anbau am Haus, welcher die Waschküche und den Backofen enthält.

Da hielten sie Schmaus und Gelage von altem Wein und geräucherter

Ochsenzunge, so stets ihrer warteten. Der schwarze Teufel sagte zu

Katheline:

„Wir haben eine ansehnliche Summe Geldes vonnöten, um ein großes Werk

zu tun. Gib uns soviel Du kannst.“

Da Katheline ihnen nicht mehr als einen Gülden geben wollte, drohten

sie ihr, sie zu töten. Aber sie ließen sie für zwei Goldkarolus und

sieben Groschen frei.

„Kommet nicht mehr des Samstags“, sprach sie zu ihnen. „Ulenspiegel

ist dieser Tag bekannt und er wird Euch gewaffnet erwarten, um Euch

totzuschlagen; und ich würde Euch nicht überleben.“

„Wir werden den folgenden Dienstag kommen“, sagten sie.

An jenem Tag schliefen Ulenspiegel und Nele, ohne die Teufel zu

fürchten, denn sie waren des Glaubens, daß sie des Samstags kämen.

Katheline stand auf und ging in die „Keet“ nachzusehen, ob ihre Freunde

nicht gekommen wären.

Sie war schier ungeduldig, denn seit sie Hanske wiedergesehen, hatte

ihr Wahnsinn um ein Merkliches nachgelassen, maßen es Liebestollheit

war, wie man sagte.

Da sie sie nicht erblickte, war sie voller Harm; da hörte sie von der

Seite von Sluys her auf freiem Felde den Fischadler schreien und ging

dem Ruf nach. Auf der Wiese am Fuß eines Deiches auf Buhnen und Rasen

wandelnd, hörte sie von der anderen Seite des Deiches die beiden Teufel

mitsammen reden. Der eine sagte:

„Ich will die Hälfte davon haben.“

Der andere antwortete:

„Du sollst nichts haben; was Kathelines ist, ist mein.“

Darauf lästerten sie wütend und stritten miteinander, wer allein das

Vermögen und die Liebe von Katheline und Nele zugleich haben sollte.

Von Furcht erstarrt, getraute Katheline sich nicht zu sprechen, noch

sich zu rühren. Sie hörte alsbald, wie sie auf einander einhieben; dann

sagte der eine: „Dies Schwert ist kalt.“ Drauf ein Röcheln und den Fall

eines schweren Körpers.

Voller Furcht schritt sie bis zu ihrer Hütte. In der zweiten

Nachtstunde vernahm sie abermal, jedoch auf ihrem Anwesen, den Schrei

des Fischadlers. Sie ging öffnen und sah ihren teuflischen Freund

allein vor der Tür. Sie fragte ihn:

„Was hast Du mit dem andern gemacht?“

„Er wird nicht mehr kommen“, antwortete er.

Dann umarmte und liebkoste er sie. Er deuchte ihr kälter als sonst.

Kathelines Geist aber war trefflich wach. Da er von dannen ging,

begehrte er von ihr zwanzig Gülden, alles was sie hatte; sie gab ihm

deren siebenzehn.

Voller Neugier ging sie am andern Tage am Deich entlang; aber sie sah

nichts.

Nur an einer Stelle, so groß wie der Sarg eines Mannes, war Blut auf

dem Rasen, darin der Fuß versank. Aber am Abend wusch der Regen das

Blut fort.

Am nächsten Mittwoch hörte sie abermals in ihrem Garten den Schrei des

Fischadlers.

83

Allemal, wenn Ulenspiegel Geld bedurfte, um bei Katheline ihren

gemeinsamen Unterhalt zu bezahlen, hob er nachts den Stein von dem

Loch, das er beim Brunnen gegraben, und entnahm daraus einen Karolus.

Eines Abends waren die drei Frauen beim Spinnen; Ulenspiegel schnitzte

mit dem Messer ein Kästlein, welches der Amtmann bei ihm bestellt

hatte. Er schnitzte geschickt eine schöne Jagd hinein, mit einer Meute

von Hennegauer Hunden, von Molossi von Kandia, welches sehr wilde Tiere

sind, von Brabanter Hunden, die paarweis gehen und Ohrenschnapper

genannt werden, und andere Hunde ringsherum, Möpse, Rüden und Windhunde.

Da Katheline zugegen war, fragte Nele Soetkin, ob sie ihren Schatz

wohl verborgen habe. Die Witwe antwortete ihr ohne Mißtrauen, daß er

nirgend besser sein könne als neben der Brunnenmauer.

Um Mitternacht des Donnerstags ward Soetkin von Bibulus Schnuffius

aufgeweckt, der scharf, doch nicht lange bellte. Vermeinend, daß es nur

ein blinder Lärm sei, schlief sie wieder ein.

Am Freitag morgen, da Soetkin und Ulenspiegel bei Tagesgrauen

aufgestanden waren, sahen sie nicht wie üblich Katheline in der Küche,

noch das Feuer angezündet, noch die Milch auf dem Feuer kochen. Das

nahm sie wunder, und sie sahen nach, ob sie etwan im Garten wäre.

Dort erblickten sie sie, ohngeachtet ein feiner Regen fiel, im Hemde,

durchnäßt und erstarrt; aber sie wagte nicht hereinzukommen.

Ulenspiegel ging zu ihr und sagte:

„Was tust Du da fast nackend, derweil es regnet?“

„Ach,“ sprach sie, „ja, ja, großes Wunder!“

Und sie wies auf den Hund, der erdrosselt und ganz steif war.

Ulenspiegel gedachte alsogleich des Schatzes und lief hin. Das Loch war

leer und die Erde weithin zerstreut.

Er sprang auf Katheline los und schlug sie.

„Wo sind die Karolus?“ fragte er.

„Ja, ja, großes Wunder!“ antwortete Katheline.

Nele beschützte ihre Mutter und rief:

„Gnade und Erbarmen, Ulenspiegel.“

Da hörte er auf, sie zu schlagen. Soetkin kam herbei und fragte, was

geschehen sei.

Ulenspiegel zeigte ihr den erwürgten Hund und das leere Loch. Soetkin

erblich und sprach:

„Deine Hand trifft mich schwer, Herr Gott! Meine armen Füße!“ Solches

aber sagte sie wegen des Schmerzes, den sie daran hatte, und der

Tortur, so sie unnütz für die Goldkarolus erduldet.

Da Nele Soetkin so sanft sah, verzweifelte sie und weinte.

Katheline schwenkte ein Stück Pergament und sagte:

„Ja, großes Wunder. Diese Nacht kam er, freundlich und schön. Er hatte

in seinem Antlitz nicht mehr den bleichen Schimmer, der mich so bange

machte, und sprach mit großer Zärtlichkeit zu mir. Ich war verzückt,

mein Herz schmolz. Er sprach zu mir: Ich bin jetzo reich und werde Dir

in Bälde tausend Goldgülden bringen.“

„Wohl,“ sagte ich, „aber des bin ich froh mehr deinet- als

meinethalben, Hanske, mein Liebster.“

„Aber hast Du nicht daheim“, fragte er, „Etliche, die Du lieb hast,

und die ich reich machen könnte?“ / „Nein, die so hier sind, bedürfen

Deiner nicht.“ / „Du bist stolz,“ sagte er, „Soetkin und Ulenspiegel

sind also reich?“ / „Sie leben ohne Beistand ihrer Nächsten.“ /

„Ohngeachtet der Gütereinziehung?“ Auf solches antwortete ich, daß

Ihr lieber hättet die Tortur erduldet, denn Euch Euer Vermögen

nehmen lassen. / „Ich wußte es wohl“, sagte er. Und er hub an, mit

verstohlenem, leisen Lachen des Amtmanns und der Schöffen zu spotten,

daß sie nicht einmal vermocht hätten, Euch zum Geständnis zu bringen.

Darauf lachte ich desgleichen. „Sie sind doch nicht etwan so einfältig

gewesen, ihren Schatz im Hause zu verbergen?“ Ich lachte. „Noch im

Keller drinnen?“ / „Mit nichten,“ sagte ich. / „Noch im Garten?“ Ich

antwortete nicht. „O,“ sagte er, „das wäre große Torheit.“

„Kleine,“ sagte ich, „sintemalen weder das Wasser noch seine Mauer

reden werden.“ Und er lachte immer. Diese Nacht ging er früher fort,

als seine Gewohnheit ist, nachdem er mir ein Pulver gegeben hatte, mit

dem ich, wie er sagte, zum schönsten Sabbat fliegen würde. Ich gab ihm

im Hemde das Geleit bis an die Gartenpforte und war ganz schlaftrunken.

Wie er gesagt hatte, ging ich zum Sabbat und kam erst um Tagesanbruch

zurück. Da fand ich mich allhier und erblickte den erwürgten Hund und

das leere Loch. Das ist ein gar schwerer Schlag für mich, die ihn so

zärtlich liebte und ihm meine Seele gab. Aber Ihr sollt alles haben,

was ich habe, und ich werde mit Füßen und Händen Euch Lebensunterhalt

schaffen.“

„Ich bin das Korn unter dem Mühlstein, Gott und ein schurkischer Teufel

suchen mich zur nämlichen Zeit heim,“ sagte Soetkin.

„Ein Schurke / sprechet nicht also von ihm,“ versetzte Katheline, „er

ist ein Teufel, ein Teufel. Und zum Beweis werde ich Euch das Pergament

zeigen, das er im Hof gelassen hat; hier stehet geschrieben: „Vergiß

nimmer, mir zu dienen. In dreimal zween Wochen und fünf Tagen werde

ich Dir den Schatz zwiefach zurückgeben; habe Du keinen Zweifel, sonst

wirst Du sterben.“ Und er wird Wort halten, des bin ich sicher.“

„Arme Irre“, sprach Soetkin.

Und das war ihr letzter Vorwurf.

84

Drei Wochen waren zweimal vergangen und die fünf Tage desgleichen, aber

der teuflische Freund kehrte nicht zurück. Gleichwohl ließ Katheline

die Hoffnung nicht sinken.

Soetkin, die nicht mehr arbeitete, saß immerdar hustend und gebückt

am Feuer. Nele gab ihr die besten und duftigsten Kräuter; aber kein

Heilmittel half ihr. Ulenspiegel ging nicht aus dem Haus, aus Furcht,

daß Soetkin stürbe, dieweil er draußen wäre. Es geschah aber, daß die

Witwe nicht mehr essen noch trinken konnte, ohne es zu erbrechen. Der

Bader kam und ließ sie zur Ader; nachdem ward sie so schwach, daß sie

ihre Bank nicht mehr verlassen konnte.

Von Schmerz verzehrt, sagte sie endlich eines Abends:

„Klas, mein Mann! Tyll, mein Sohn! Dank sei Dir, Gott, daß Du mich

hinweg nimmst.“

Und sie starb mit einem Seufzer.

Da Katheline sich nicht traute, bei ihr zu wachen, taten Nele und

Ulenspiegel es mitsammen, und sie beteten die ganze Nacht für die

Verstorbene.

Bei Tagesanbruch flog eine Schwalbe durchs offene Fenster.

Nele sagte:

„Der Vogel der Seelen, das ist ein gutes Zeichen: Soetkin ist im

Himmel!“

Die Schwalbe kreiste dreimal um das Gemach und flog dann hinaus, einen

Schrei ausstoßend.

Dann kam eine zweite Schwalbe, größer und schwärzer als die erste. Sie

umkreiste Ulenspiegel, und er sagte:

„Vater und Mutter, die Asche brennt auf meiner Brust; ich werde tun,

was ihr begehrt!“

Und die zweite Schwalbe flog zwitschernd davon gleich wie die erste. Es

wurde heller. Ulenspiegel sah Tausende von Schwalben über die Wiesen

streichen und die Sonne ging auf.

Und Soetkin ward auf dem Totenacker der Armen begraben.

85

Seit Soetkin tot war, ging Ulenspiegel sinnend, betrübt oder zornig

in der Küche umher, hörte auf nichts und nahm ohne Wahl an Speise und

Trank, was man ihm gab. Und oftmals stand er des Nachts auf.

Umsonst mahnte Nele ihn mit ihrer sanften Stimme zur Hoffnung.

Vergeblich sagte Katheline zu ihm, sie wisse, daß Soetkin mit Klas im

Paradiese sei. Ulenspiegel antwortete auf alles:

„Die Asche brennt.“

Und er war wie von Sinnen, und Nele weinte, da sie ihn also sah.

Indessen blieb der Fischhändler in seinem Haus allein wie ein

Vatermörder und wagte sich nur Abends herfür; denn Männer und Frauen

höhnten ihn und hießen ihn Mörder, wenn sie an ihm vorbeigingen. Die

kleinen Kinder flüchteten vor ihm, denn man hatte ihnen gesagt, daß er

der Henker wäre. Er irrte allein umher und wagte nicht, in einer der

drei Schenken von Damm einzukehren; denn man wies dort mit dem Finger

auf ihn, und so er nur eine Minute darin stehen blieb, gingen die

Trinker hinaus.

So geschah es, daß die Wirte ihn nicht mehr bei sich sehen wollten,

und wenn er sich einfand, schlugen sie ihm die Tür vor der Nase zu.

Alsdann machte der Fischhändler ihnen demütige Vorstellungen, doch sie

erwiderten, daß es ihr Recht sei, Getränk zu verkaufen, nicht ihre

Pflicht.

Der Fehde müde, ging der Fischhändler zum Trinken ~In ’t Roode Valck~

(in den roten Falken), eine kleine Schänke fern von der Stadt an den

Ufern des Kanals von Sluys. Da bediente man ihn, denn es waren dürftige

Leute, die jegliches Geld gerne nahmen. Aber der Baas vom Roten Falken

sprach nicht mit ihm, noch seine Frau. Es waren aber zwei Kinder und

ein Hund da; wenn der Fischhändler die Kinder liebkosen wollte, so

liefen sie davon; und wenn er den Hund rief, wollte dieser ihn beißen.

Ulenspiegel setzte sich eines Abends auf die Türschwelle; als

Mathyssen, der Faßbinder, ihn so in Gedanken versunken sah, sprach er

zu ihm:

„Du mußt Deinen Händen Arbeit geben und diesen Schicksalsschlag

vergessen.“

Ulenspiegel antwortete:

„Klasens Asche brennt auf meiner Brust.“

„Ach,“ sagte Mathyssen, „er führt ein trauriger Leben als Du, der

elende Fischhändler. Keiner spricht mit ihm und jeder flieht ihn, also

daß er genötigt ist, bei den armen Lumpen im Roten Falken seine Kanne

Braunbier einsam zu trinken. Das ist eine große Strafe.“

„Die Asche brennt“, sagte Ulenspiegel zum andern Mal.

Am nämlichen Abend, da die Glocke der Frauenkirche die neunte Stunde

läutete, schritt Ulenspiegel nach dem Roten Falken. Sehend, daß der

Fischhändler nicht dort war, streifte er unter den Bäumen, so den Kanal

einfassen, umher. Der Mond schien hell.

Er sah den Mörder kommen.

Da er an ihm vorüber ging, konnte er ihn ganz nahe sehen und hörte ihn

sagen, denn er redete laut, wie Leute, die allein leben: „Wo haben sie

die Karolus versteckt?“

„Wo der Teufel sie gefunden hat“, antwortete Ulenspiegel und schlug ihm

mit der Faust ins Gesicht.

„Wehe,“ sagte der Fischhändler, „ich erkenne Dich, Du bist der Sohn.

Habe Mitleid, ich bin alt und kraftlos. Was ich tat, geschah nicht aus

Haß, sondern um Seiner Majestät zu dienen. Verzeihe mir gnädigst. Ich

will Dir Deinen Hausrat wiedergeben, den ich erstanden, Du sollst mir

keinen Groschen dafür bezahlen. Ist das nicht genug? Ich habe ihn für

sieben Goldgülden gekauft. Du sollst alles haben und noch einen halben

Gülden dazu, denn ich bin nicht reich, das mußt Du nicht wähnen.“

Und er wollte sich vor ihm auf die Knie werfen.

Da Ulenspiegel ihn so häßlich, zitternd und feige sahe, warf er ihn in

den Kanal.

Und er machte sich davon.

86

Auf den Scheiterhaufen schwelte das Fett der Opfer. Ulenspiegel

gedachte an Klas und Soetkin und weinte einsam. Eines Abends suchte er

Katheline auf, um sie um Beistand und um Rache zu bitten. Sie saß mit

Nele allein bei der Lampe und nähte. Da sie ihn eintreten hörte, hob

Katheline schwerfällig den Kopf, gleichwie eine Frau, die aus tiefem

Schlaf erwacht.

Er sagte zu ihr:

„Klasens Asche brennt auf meiner Brust, ich will das Land Flandern

retten. Ich bat den großen Gott Himmels und der Erden darum, aber er

antwortete mir nicht.“

Katheline sagte:

„Der große Gott konnte Dich nicht hören. Du mußtest zuvor zu den

Geistern der Elemente sprechen, welche, da sie himmlischer und

irdischer Natur sind, die Klagen der armen Menschen annehmen und sie

den Engeln zutragen, die sie hernach zum Throne bringen.“

„Hilf mir bei meinem Vorhaben,“ sagte er, „ich will Dich mit Blut

bezahlen, wenn es sein muß.“

Katheline antwortete:

„Ich will Dir helfen, wann ein Mädchen, so Dich liebt, Dich mitnimmt

zum Sabbat der Frühlingsgeister, welche die Ostern des Saftes sind.“

„Ich will ihn mitnehmen“, sagte Nele.

Katheline goß ein graulich Gebräu in einen Kristallkelch, davon sie

beiden zu trinken gab. Sie rieb ihnen mit dieser Mixtur die Schläfen,

Nasenlöcher, Handflächen und Gelenke ein, ließ sie eine Fingerspitze

weißen Pulvers nehmen und hieß sie sich einander ansehen, damit ihre

Seelen eins würden.

Ulenspiegel sah Nele an und die sanften Augen des Mägdleins entzündeten

eine große Glut in ihm; dann fühlte er ob der Mixtur ein Zwicken wie

von tausend Krabben.

Danach entkleideten sie sich und solcherart von der Lampe beleuchtet,

waren sie schön; er in seiner stolzen Kraft, sie in ihrer liebreizenden

Anmut. Aber sie konnten einander nicht sehen, dieweil sie schon

gleichsam entschlafen waren. Sodann legte Katheline Neles Hals auf

Ulenspiegels Arm und nahm seine Hand und legte sie auf des Mägdleins

Herz.

Und also lagen sie nackt nebeneinander. Es deuchte ihnen beiden, daß

ihre Körper, die sich berührten, von sanfter Glut wären wie die Sonne

im Rosenmond.

Sie erhoben sich / also erzählten sie später / stiegen auf die

Fensterbrüstung, schwangen sich ins Leere und fühlten, wie die Luft

sie trug, wie das Wasser bei den Schiffen tut. Dann nahmen sie nichts

mehr wahr, weder von der Erde, wo die armen Menschen schliefen, noch

vom Himmel, wo bald die Wolken zu ihren Füßen wogten. Und sie setzten

den Fuß auf Sirius, den kalten Stern. Dann wurden sie auf den Pol

geschleudert.

Allda erblickten sie, nicht ohne Bangen, einen nackten Riesen, den

Giganten Winter, mit falbem Haar, so auf Eisblöcken an einer Eiswand

saß. In Wasserlachen tummelten sich Bären und Robben um ihn her, eine

heulende Herde. Mit heiserer Stimme rief er den Schnee, den Hagel,

die kalten Regenschauer, die grauen Wetterwolken und die schädlichen,

stinkenden Nebel herbei. Desgleichen die Winde, von denen der rauhe

Nordwind am stärksten bläst! Und alle tobten zumal an diesem heillosen

Orte. Lächelnd über dieses Unheil, legte sich der Riese auf Blumen,

so durch die Berührung seiner Hand verwelkt waren, auf Blätter, die

sein Odem verdorrt hatte. Dann bückte er sich und den Boden mit seinen

Nägeln aufscharrend und mit seinen Zähnen aufwühlend, grub er ein

Loch hinein, um das Herz der Erde zu suchen und es zu verschlingen.

Auch wollte er schattige Wälder zu Kohle, Getreide zu Stroh und die

fruchtbare Erde zu Sand machen. Doch da das Herz der Erde von Feuer

war, so wagte er es nicht anzurühren und wich scheusam zurück.

Er thronte als König und leerte seinen Becher voll Tran inmitten seiner

Bären und Robben und der Gerippe all derer, so er zu Wasser und Land

und in den Hütten der Armen getötet hatte.

Wohlgemut hörte er die Bären brummen, die Robben schreien, das

Totengebein von Mensch und Tier unter den Krallen von Geiern und Raben

klappern, so daran nach einem letzten Bissen Fleisch suchten, und hörte

die Eisschollen krachen, die im trüben Wasser widereinander stießen.

Und die Stimme des Riesen war gleichwie das Brüllen der Orkane, das

Tosen der Winterstürme und wie der Wind, der in den Kaminen heult.

„Mich friert und ängstet“, sprach Ulenspiegel.

„Er vermag nichts wider die Geister“, antwortete Nele.

Plötzlich entstand ein Aufruhr unter den Robben, die eilends ins

Wasser zurückkehrten; die Bären ließen vor Furcht die Ohren hängen und

brummten kläglich; und die Raben, vor Angst krächzend, verschwanden in

den Wetterwolken.

Und siehe! Nele und Ulenspiegel vernahmen die dumpfen Stöße eines

Sturmbocks wider die Eismauer, so dem Riesen Winter als Stütze diente.

Und die Mauer spaltete sich und erbebte in ihren Grundvesten.

Aber der Riese Winter hörte nichts und heulte und bellte lustig,

füllte und leerte seinen Tranbecher und suchte nach dem Herzen der

Erde, um es zu erstarren, und wagte doch nicht, es zu fassen.

Indessen erdröhnten die Stöße stärker und die Mauer barst noch mehr,

und der Regen von Eisstücken, so in Splittern abflogen, prasselte ohn

Unterlaß um ihn her. Und die Bären brummten allezeit kläglich und die

Robben winselten in den trüben Wassern.

Die Mauer stürzte zusammen und der Himmel ward hell. Ein Mann, nackend

und schön, eine Hand auf eine güldene Axt stützend, entstieg ihm.

Derselbige Mann war Luzifer, der König Lenz. Da der Riese ihn sahe,

warf er seinen Tranbecher weit fort und flehete ihn an, ihn nicht zu

töten.

Und da König Lenz seinen lauen Odem hauchte, verlor der Riese Winter

jegliche Kraft. Da nahm der König demantne Ketten und band ihn damit

und fesselte ihn an den Pol.

Sodann hielt er inne und rief, aber inniglich und brünstig. Und vom

Himmel kam ein blondhaarig Weib herab, nackend und schön. Sie saß neben

dem König nieder und sprach zu ihm:

„Du bist mein Sieger, starker Mann.“

Er antwortete:

„So Du Hunger hast, iß; so Du Durst hast, trinke, und so Du Furcht

hast, komm nahe zu mir: ich bin Dein Geselle.“

„Mich hungert und dürstet nur nach Dir“, sprach sie.

Und aber rief der König sieben Mal schrecklich.

Und es ward ein großes Getöse von Donnern und Blitzen, und hinter ihm

entstund ein Baldachin von Sonnen und Sternen. Und sie setzten sich auf

Throne.

Darauf riefen der König und sein Gemahl; aber ihr edles Angesicht

bewegte sich nicht, noch machten sie eine Gebärde, so ihrer Kraft und

ruhigen Majestät entgegen war. Und bei diesem Rufen entstand eine

wallende Bewegung in der Erde, dem harten Gestein und den Eisblöcken.

Und Nele und Ulenspiegel vernahmen ein Geräusch, gleich als ob riesige

Vögel die Schale ungeheurer Eier mit Schnabelhieben zerbrächen.

Und in dieser gewaltigen Bewegung des Bodens, der gleich Meereswogen

stieg und sank, waren Formen wie die eines Eies. Plötzlich kamen

von allen Seiten Bäume heraus, die ihre dürren Zweige durcheinander

wirrten, dieweil ihre Stämme wie trunkene Männer schwankten. Dann

wichen sie auseinander und ließen einen weiten leeren Raum zwischen

sich. Aus dem wallenden Boden kamen die Geister der Erde, aus der Tiefe

des Waldes die Waldgeister, aus dem nahen Meere die Wassergeister.

Ulenspiegel und Nele erblickten da schatzhütende Zwerge, bucklig,

plattfüßig und zottig, häßlich und fratzenhaft, Fürsten des Gesteins,

Waldmänner, so wie Bäume lebten und an Stelle von Mund und Magen ein

Bündel Wurzeln am Gesicht trugen, um dergestalt ihre Nahrung aus der

Brust der Erde zu saugen; desgleichen die Herrscher der Bergwerke,

welche stumm sind, weder Herz noch Eingeweide haben und sich gleich

glänzenden Maschinen bewegen. Da waren Zwerge von Fleisch und Bein, so

Eidechsenschwänze und Krötenköpfe hatten und auf dem Kopf eine Leuchte

trugen. Sie springen zur Nacht dem trunkenen Wanderer oder furchtsamen

Reisenden auf die Schultern, springen wieder hinunter, schwenken ihr

Lichtlein und führen sie in Sümpfe oder Gräben, denn die armen Wandrer

wähnen, daß dieses die Leuchte sei, so in ihrer Behausung brennt.

Da waren auch Blumenmädchen, Blumen von weiblicher Kraft und

Gesundheit, nackend und nicht errötend, sondern stolz auf ihre

Schönheit und nur in den Mantel ihrer Haare gehüllt. Ihre Augen

erglänzten feucht gleichwie Perlmutter im Wasser. Die Haut ihres

Körpers war fest, weiß und vom Lichte vergüldet. Aus ihrem roten,

offenen Munde ging ein Odem, balsamischer als Jasmin. Sie sind es, die

am Abend in Mauern und Gärten, noch lieber in der Tiefe der Wälder

auf schattigen Steinen umherstreifen und verliebt nach irgend einer

Mannesseele sahen, um sie zu besitzen. So ein junger Knabe und ein

Mägdlein an ihnen vorbeigeht, versuchen sie das Mägdlein zu töten,

doch da sie es nicht vermögen, hauchen sie der Lieblichen, die noch

widerstrebt, Liebessehnsucht ein, auf daß sie sich dem Geliebten

hingebe. Denn alsdann hat die Blumenmaid die Hälfte der Küsse.

Ulenspiegel und Nele sahen auch die Schutzgeister der Sterne, die

Geister der kalten und warmen Winde und des Regens vom hohen Himmel

herabsteigen; es waren geflügelte Jünglinge, so die Erde befruchten.

Alsdann erschienen an allen Punkten des Himmels die Vögel der Seelen,

die zierlichen Schwalben. Als sie da waren, schien das Licht heller.

Blumenmädchen, Steinfürsten, Herrscher der Bergwerke, Waldmänner,

Wasser-, Feuer- und Erdgeister riefen zumal: „Licht, Saft! Ruhm dem

König Lenz!“

Ob ihr einstimmig Geschrei zwar mächtiger war, denn das tosende Meer,

der krachende Donner und der entfesselte Sturm, so klang es doch Nele

und Ulenspiegel gleichwie sanfte Musik in die Ohren. Sie aber saßen

reglos und schweigend zusammengekauert hinter dem knorrigen Stamm einer

Eiche.

Aber sie fürchteten sich noch mehr, da die Geister sich zu Tausenden

wie auf Sessel niederließen auf riesige Spinnen, auf Kröten mit

Elefantenrüsseln, auf Schlangenknäule und Krokodile, so auf dem

Schwanze stunden und eine Schar Geister im Rachen hielten. Schlangen

trugen mehr denn dreißig Zwerge und Zwerginnen, so rittlings auf ihrem

schlängelnden Körper saßen, und schier hunderttausend Insekten, größer

denn Goliath, mit Degen, Lanzen, gezähnten Sicheln, siebenzinkigen

Heugabeln und jeglicher Art von schrecklichen Mordwerkzeuge bewaffnet.

Die schlugen auf einander los mit großem Getöse; der Starke fraß den

Schwachen, mästete sich an ihm und zeigte also, daß der Tod aus dem

Leben und das Leben aus dem Tode entsteht.

Und aus dieser ganzen wimmelnden, drängenden und wirren Menge von

Geistern drang ein Geräusch gleichwie dumpfer Donner und der Lärm von

hundert Webstühlen, Walkmühlen und Schlosserwerkstätten, die mitsammen

arbeiten.

Plötzlich erschienen die Geister des Saftes, kurz und stämmig, mit

Lenden, breit wie das große Faß zu Heidelberg und Schenkeln, so

gewaltig wie ein Ohm Wein. Und ihre Muskeln waren so seltsam stark und

mächtig, daß man hätte sagen mögen, sie seien aus großen und kleinen

Eiern gemacht, die aneinandergefügt und mit einer Haut bedeckt waren,

welche so rot, fett und glänzend war, wie ihr spärlicher Bart und das

rote Haupthaar; und sie trugen ungeheure Humpen voll einer seltsamen

Flüssigkeit.

Da die Geister sie kommen sahen, machten sie einen großen Aufstand vor

Freuden; die Bäume und Pflanzen schüttelten sich und die Erde barst, um

zu trinken.

Und die Geister des Saftes gossen Wein aus, und alsobald knospete,

grünte und blühte alles. Der Rasen war voll summender Käfer und der

Himmel mit Vögeln und Faltern erfüllt. Die Geister gossen immerdar Wein

und die unten empfingen ihn, so gut sie konnten. Die Blumenmädchen

öffneten den Mund oder sprangen auf ihre rothaarigen Mundschenken zu

und küßten sie, um noch mehr zu bekommen. Etliche falteten die Hände

zum Beten; andere ließen es glückselig auf sich herabregnen. Aber alle,

ob lüstern oder durstig, fliegend, stehend, laufend oder unbeweglich,

trachteten nach dem Wein und wurden nach jedem Tröpflein, so sie

auffangen konnten, lebendiger. Und waren keine Greise da, sondern alle,

ob häßlich oder schön, waren voll frischer Kraft und lebendiger Jugend.

Und sie lachten, schrien, sangen und verfolgten sich auf den Bäumen

gleich Eichkätzchen und in der Luft gleich Vögeln. Jedes Männchen

suchte sein Weibchen und übte unter Gottes Himmel das heilige Werk der

Natur.

Und die Geister des Saftes brachten dem König und der Königin den

großen Becher voll ihres Weines; und der König und die Königin tranken

und umarmten sich. Alsdann schüttete der König, sein Gemahl umschlungen

haltend, den Rest seines Bechers über die Bäume, die Blumen und Geister

und rief: „Ehre sei dem Leben! Ehre der freien Luft! Ehre der Kraft!“

Und alle riefen:

„Ehre sei der Natur! Ehre der Kraft!“

Und Ulenspiegel nahm Nele in seine Arme. Da sie so umschlungen

waren, begann ein Tanz. Ein wirbelnder Tanz wie von Blättern, so ein

Wirbelwind zusammenraft, wo alles im Schwung war: Bäume, Pflanzen,

Käfer, Falter, Himmel und Erde, König und Königin, Blumenmädchen,

Bergwerksherrscher, Wassergeister, bucklige Zwerge, auch Steinfürsten,

Waldmänner, Leuchtenträger und Schutzgeister der Sterne. Die

hunderttausend greulichen Insekten verwirrten ihre Lanzen, gezähnten

Sicheln und siebenzinkigen Heugabeln. Es war ein schwindelnder Tanz,

der sich in den Weltraum wälzte und ihn erfüllte, und Sonne, Mond,

Planeten, Sterne, Wind und Wetterwolken nahmen daran teil.

Und die Eiche, daran Nele und Ulenspiegel sich geklammert hatten,

rollte mit im Wirbel, und Ulenspiegel sprach zu Nele:

„Liebchen, wir werden sterben.“

Und ein Geist hörte sie und sahe, daß sie Sterbliche waren.

„Menschen,“ schrie er, „Menschen an diesem Ort!“

Und er riß sie vom Baume los und schleuderte sie in die Menge.

Und Ulenspiegel und Nele fielen weich auf den Rücken der Geister, die

sie sich einander zuwarfen und dabei sagten:

„Heil den Menschen! Willkommen Ihr Erdenwürmer! Wer will ein Knäblein

und ein Mägdlein haben? Sie machen uns einen Besuch, die Schwächlinge!“

Und Ulenspiegel und Nele flogen von einem zum andern und riefen:

„Gnade!“

Aber die Geister hörten sie nicht und alle beide flogen und wirbelten

wie Federn im Winterwind, die Beine in der Luft und den Kopf nach

unten, derweil die Geister sagten:

„Ehre den Männlein und Weiblein, mögen sie tanzen gleichwie wir.“

Die Blumenmädchen waren willens, Nele von Ulenspiegel zu trennen,

schlugen sie und hätten sie getötet, hätte nicht der König Lenz mit

einer Gebärde dem Tanz Einhalt geboten und gerufen:

„Man führe diese beiden Flöhe vor meinen Thron!“

Und sie wurden voneinander getrennt, und jegliche Blumenmaid trachtete

Ulenspiegel ihren Nebenbuhlerinnen zu entreißen und sprach:

„Tyll, möchtest Du nicht für mich sterben?“

„Ich werde es in Bälde tun“, antwortete Ulenspiegel.

Und die zwergischen Waldgeister, so Nele trugen, sagten:

„Was bist Du nicht Seele wie wir, auf daß wir Dich zu eigen nehmen

könnten!“

Nele antwortete:

„Geduldet Euch.“

Und also kamen sie vor des Königs Thron, und sie zitterten schier, da

sie seine güldene Axt und seine eiserne Krone ersahen.

Und er sprach zu ihnen:

„Warum seid Ihr hier gekommen, Ihr Schwächlinge?“

Sie antworteten nicht.

„Ich kenne Dich, Du Hexenknospe,“ fügte der König bei, „und auch Dich,

Sprößling des Kohlenträgers. Aber da es Euch durch Hexenkunst gelang,

in diese Werkstätte der Natur einzudringen, warum habt Ihr jetzo den

Schnabel zu wie Kapaune, so mit Brotkrumen gestopft sind?“

Nele erbebte beim Anblick des schrecklichen Teufels. Ulenspiegel aber

gewann seine mannhafte Festigkeit wieder und antwortete:

„Klasens Asche brennt mir auf dem Herzen. Göttliche Hoheit, der

Schnitter Tod geht durch das Land Flandern und in des Papstes Namen

mähet er die stärksten Männer und die holdesten Frauen. Flanderns

Privilegien sind zerbrochen, seine Urkunden vernichtet, die Hungersnot

nagt an ihm. Seine Weber und Tuchwirker verlassen es, um in der

Fremde freie Arbeit zu suchen. Bald wird es sterben, sofern man ihm

nicht zu Hilfe kommt. Ihr Hoheiten, ich bin nur ein armer, geringer

Bursche, zur Welt gekommen wie ein Jeder; habe gelebt wie ich konnte,

unvollkommen, beschränkt, unwissend, nicht tugendhaft noch keusch, und

keiner menschlichen noch göttlichen Gnade würdig. Aber Soetkin starb

an den Folgen der Tortur und ihres Kummers und Klas verbrannte in

einem schrecklichen Feuer, und ich wollte sie rächen und tat es schon

einmal. Ich wollte auch diesen armen Boden, in den ihr Gebein gesäet

ist, glücklicher sehen, und ich bat Gott um den Tod der Verfolger, aber

er erhörte mich nicht. Der Klagen müde, hab’ ich Euch durch Kathelines

Zauber beschworen, und ich und meine zage Gesellin kommen zu Euren

Füßen, Ihr göttlichen Hoheiten, und bitten Euch um Rettung dieses armen

Landes.“

Der König und seine Gefährtin antworteten zumal:

„Durch Krieg und Feuer,

Durch Tod und Schwert

Suche die Sieben.

In Tod und Blut,

In Trümmern und Tränen

Finde die Sieben.

Häßlich, grausam, ungestalt,

Wahre Geißeln dieses Landes,

Brenne die Sieben.

Harre, horch und schaue,

Schwächling, sag, bist Du nicht froh?

Finde die Sieben.“

Und alle Geister sangen zumal:

„In Tod und Blut,

In Trümmern und Tränen

Finde die Sieben.

Harre, horch und schaue,

Schwächling, sag, bist Du nicht froh?

Finde die Sieben.“

„Jedoch,“ sprach Ulenspiegel, „Hoheit und Ihr Herren Geister, ich

verstehe nichts von Eurer Rede. Ohne Zweifel spottet Ihr meiner.“

Die aber sagten, ohne ihn anzuhören:

„Wann der Norden

Wird den Süden küssen,

Ist das Ende des Verderbens nah.

Finde die Sieben

Und den Gürtel.“

Und das mit so gewaltigem Einklang und so erschrecklicher Kraft des

Schalles, daß die Erde erbebte und die Himmel erzitterten. Und die

Falken pfiffen, die Eulen schrien, die Sperlinge piepsten vor Furcht,

die Fischadler klagten und alle flatterten ängstlich.

Und die Tiere der Erde: Löwen, Schlangen, Bären, Hirsche, Rehe, Wölfe,

Hunde und Katzen brüllten, zischten, schrien, heulten, bellten und

miauten erschrecklich.

Und die Geister sangen:

„Harre, horch und schaue,

Liebe die Sieben

Und den Gürtel.“

Und die Hähne krähten und alle Geister entwichen, ungerechnet einen

bösen Bergwerkskönig, welcher Nele und Ulenspiegel je mit einem Arm

packte und sie unsänftiglich ins Leere schleuderte.

Sie fanden sich nebeneinander liegend, wie um zu schlafen, und

fröstelten bei dem kalten Morgenwind.

Und Ulenspiegel sah Neles holden Leib ganz gülden in der aufgehenden

Sonne.

Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak: Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und andern Orts · 第 14 / 46 题