Gezeichnet: PHLE.“

Der Kaiser antwortete auf diesen Brief:

Mein Herr Sohn!

„Eure Feinde sind groß, das bestreite ich nicht, aber versuchet, ohne

Unwillen das Warten auf eine glänzendere Krone zu ertragen. Ich habe

schon mehreren meine Absicht kund getan, Mich aus den Niederlanden und

Meinen andern Kronländern zurückzuziehen, denn, alt und gichtisch, wie

Ich werde, weiß Ich, daß Ich nicht wohl Heinrich von Frankreich, dem

zweiten dieses Namens, widerstehen könnte, maßen Fortuna die jungen

Leute liebt. Bedenket auch, daß Ihr als Herr Engellands Frankreich,

Unseren Feind, durch Eure Macht verwundet.

Ich wurde vor Metz elend geschlagen und verlor dort vierzigtausend

Mann. Ich mußte vor dem von Sachsen fliehen. Wenn Gott mir nicht durch

eine Fügung seines guten und göttlichen Willens Meine ursprüngliche

Kraft und Rüstigkeit wiedergibt, so bin ich gewillt, mein Herr Sohn,

Meine Reiche zu verlassen und sie Euch zu übergeben.

Habet also Geduld und übet derweilen alle Pflicht wider die Ketzer,

indem Ihr keinen von ihnen verschont, nicht Männer, Frauen, Mädchen

noch Kinder; denn ich habe nicht ohne großen Schmerz erfahren, daß die

Frau Königin sie oft begnadigen wollte.

Euer wohlgewogener Vater.

Gezeichnet: Karl.“

54

Da Ulenspiegel lange Zeit gewandert war, hatte er blutende Füße und

begegnete im Bistum Mainz einem Planwagen mit Pilgern, der brachte ihn

bis nach Rom.

Als er in die Stadt einfuhr und vom Wagen stieg, erblickte er auf der

Schwelle einer Herbergstür ein artiges Weiblein, welches lächelte, da

es sah, wie er es anschaute.

Diese holde Laune zu seinen Gunsten deutend, sprach er:

„Wirtin, willst Du dem pilgernden Pilger Obdach geben? Denn ich bin der

Entbindung nahe und werde mit dem Erlaß meiner Sünden niederkommen.“

„Wir geben Obdach allen, die uns zahlen.“

„Ich habe hundert Dukaten in meiner Geldkatze,“ versetzte Ulenspiegel,

der nur einen hatte, „und ich will den ersten draufgehen lassen und mit

Dir eine Flasche alten römischen Weins trinken.“

„Der Wein ist an diesen heiligen Orten nicht teuer“, erwiderte sie.

„Tritt ein und trinke für einen Soldo.“

Sie tranken so lange mitsammen und leerten unter artigen Reden so viele

Flaschen, daß die Wirtin ihrer Magd heißen mußte, an ihrer Statt den

Kunden zu trinken zu geben. Sie und Ulenspiegel zogen sich derweil in

ein Hintergemach zurück, das mit Marmelstein ausgelegt und kalt wie der

Winter war.

Den Kopf auf seine Schulter neigend, fragte sie ihn, wer er wäre.

Ulenspiegel gab diese Antwort:

„Ich bin Herr von Geeland, Graf von Gavergaëten, Baron von Tuchtendeel,

und in Damm, meiner Vaterstadt, habe ich fünfundzwanzig Morgen

Mondschein.“

„Was ist das für ein Landgut?“ fragte die Wirtin und trank aus

Ulenspiegels Humpen.

„Das ist eine Besitzung, auf der man das Korn der Täuschungen, der

leeren Hoffnungen und der luftigen Versprechen säet. Aber Du bist

nicht im Mondschein geboren, holde Wirtin mit der ambraduftenden Haut

und den Augen, die wie Perlen glänzen. Das bräunliche Gold dieser Haare

hat die Farbe der Sonne; Venus, die neidlose, machte Dir die üppigen

Schultern, die prallen Brüste, die runden Arme und die zierlichen

Händlein. Werden wir heute Abend mitsammen speisen?“

„Schöner Pilger aus Flandern,“ sprach sie, „warum kommst Du hierher?“

„Um mit dem Papst zu sprechen,“ versetzte Ulenspiegel.

„Ach,“ sprach sie, die Hände faltend, „mit dem Papst zu sprechen; ich,

die ich aus diesem Lande stamme, habe es nimmer vermocht.“

„Ich werde es tun“, sprach Ulenspiegel.

„Aber,“ sagte sie, „weißt Du, wohin er geht, wie er ist? Kennst Du

seine Gewohnheiten und seine Lebensweise?“

„Man hat mir unterwegs erzählt, daß er Julius III. heißet, daß er ein

Wüstling, lustig und ausschweifend ist, geschickt in der Unterhaltung

und scharfsinnig in seinen Antworten. Auch hat man mir gesagt, daß er

für einen kleinen schwarzen, schmutzigen und ungesitteten Bettelbuben,

der mit einem Affen um Almosen bettelt, eine außerordentliche

Freundschaft gefaßt hat. Da er auf den päpstlichen Stuhl gelangte, hat

er ihn zum Kardinal der Anleihen gemacht, und er soll krank sein, wenn

er einen Tag verbringt, ohne ihn zu sehen.“

„Trink,“ sagte sie, „und sprich nicht so laut.“

„Man sagt auch, daß er wie ein Soldat fluchte: ~Al dispetto di Dio,

potta di Dio~, als er eines Tages beim Nachtmahl einen kalten Pfauen,

den er sich hatte aufheben lassen, nicht fand. Er sagte: „Ich, der

Statthalter Christi, mag wohl eines Pfauen halber fluchen, wenn mein

Herr um einen Apfel gezürnet hat!“ / „Du siehst, Schätzlein, daß ich

den Papst kenne und weiß, wer er ist.“

„Ach,“ sagte sie, „aber sprich davon nicht zu andern. Du wirst ihn

gleichwohl nicht sehen.“

„Ich werde mit ihm sprechen“, sagte Ulenspiegel.

„Wenn Du das tust, so gebe ich Dir hundert Gülden.“

„Ich habe sie schon gewonnen“, sprach Ulenspiegel.

Am andern Morgen lief er in der Stadt umher, wiewohl seine Beine müde

waren, und erkundete, daß der Papst des selbigen Tages in Sankt Johann

vom Lateran die Messe lesen würde. Ulenspiegel ging dorthin und stellte

sich so auffallend in die Nähe des Papstes, als er vermochte, und jedes

Mal, wenn der Papst den Kelch oder die Hostie erhob, kehrte Ulenspiegel

dem Altar den Rücken.

Neben dem Papst stand ein Kardinal, der die Messe ministrirte, braun

von Angesicht, boshaft und feist, mit einem Affen auf der Schulter, und

gab dem Volk mit vielen unzüchtigen Gesten das Sakrament. Er machte

den Papst auf Ulenspiegels Gebahren aufmerksam und der Papst sandte

nach der Messe vier prächtige Kriegsmänner, wie man sie in diesen

kriegerischen Ländern kennt, sich des Pilgers zu bemächtigen.

„Was für einen Glauben hast Du?“ fragte ihn der Papst.

„Allerheiligster Vater,“ versetzte Ulenspiegel, „ich habe den Glauben,

den meine Wirtin hat.“

Der Papst ließ die Frau holen.

„Was glaubst Du?“ sagte er zu ihr.

„Was Eure Heiligkeit glaubt“, erwiderte sie.

„Und ich desgleichen“, sprach Ulenspiegel.

Der Papst fragte ihn, warum er dem heiligen Sakrament den Rücken

gedreht hätte.

„Ich fühlte mich unwürdig, es anzuschauen.“

„Du bist Pilger“, sagte der Papst.

„Ja,“ sprach er, „ich komme aus Flandern, Vergebung meiner Sünden zu

erbitten.“

Der Papst segnete ihn und Ulenspiegel ging mit der Wirtin von dannen;

die zählte ihm hundert Gülden auf. So beladen verließ er Rom, um in das

Land Flandern zurückzukehren.

Aber für seinen Ablaß, der auf Pergament geschrieben war, mußte er

sieben Dukaten entrichten.

55

Zur selbigen Zeit kamen zwei Prämonstratenserbrüder nach Damm, um Ablaß

zu verkaufen. Sie trugen über ihrem Mönchsgewand ein schönes, mit

Spitzen besetztes Hemde.

Wenn das Wetter hell war, standen sie vor der Kirchtür, wenn es

regnete, in der Vorhalle. Sie schlugen ihre Preisliste an; danach gaben

sie für sechs Heller, für einen Pfennig, einen halben Pariser Lire,

für sieben, zwölf Karolusgülden je hundert, zweihundert, dreihundert,

vierhundert Jahre Ablaß und je nach dem Preis halben oder vollkommenen

Ablaß und Vergebung für die ungeheuerlichsten Verbrechen, zum Exempel

den Wunsch, der heiligen Jungfrau Gewalt anzutun. Aber dieses kostete

siebenzehn Gülden.

Den Käufern, die ihnen Geld gaben, händigten sie kleine Stücke

Pergament ein, auf denen die Zahl der Ablaßjahre geschrieben stand.

Darunter las man diese Inschrift:

Wer nicht will werden

Gedämpft, gebraten, gesotten gar,

Im Fegefeuer tausend Jahr,

In der Höllen brennen immerdar,

Der kaufe Ablaß, Gnaden, Vergebung

Um wenig Geld

Gott wird’s ihm lohnen.

Und auf zehn Meilen im Umkreis kamen Käufer zu ihnen. Der eine der

guten Brüder predigte oftmals zum Volke; er hatte ein feistes,

blühendes Gesicht und trug sein dreifaches Kinn und seinen Bauch ohne

Verlegenheit zur Schau.

„Unglücklicher,“ sprach er und heftete seine Augen auf den einen oder

den andern seiner Zuhörer: „Unglücklicher, da bist Du in der Höllen;

das Feuer verbrennt dich grausam, man lässet Dich in einem Kessel voll

siedenden Öls kochen, worin man die Ölkuchen der Astarte bereitet. Du

bist nichts als eine Blutwurst auf Luzifers Ofen, eine Hammelkeule

auf dem Gilgiroths des großen Teufels, denn zuvor schneidet man Dich

in Stücke. Siehe diesen großen Sünder, der den Ablaß verachtete, siehe

diese Schüssel mit Hackfleisch, das ist er, das ist er, sein ruchloser

Körper, sein verdammter Körper also zusammengekocht. Und was für eine

Brühe! Schwefel, Pech und Teer. Und solchergestalt werden alle diese

armen Sünder gefressen, um beständig für die Qual neu geboren zu

werden. Da ist wahrlich Heulen und Zähneklappern. Habe Mitleid, Gott

der Barmherzigkeit! Ja, da bist Du in der Hölle, armer Verdammter und

leidest all diese Qualen. Gibt man nur einen Heller für Dich, so spürst

Du jählings Linderung an Deiner rechten Hand; gibt man noch einen

halben mehr, siehe da, Deine beiden Hände sind aus dem Feuer. Aber der

übrige Körper? Ein Gülden, und der Tau des Ablasses fällt. O köstliche

Kühlung. Und das zehn Tage, hundert Tage, tausend Jahre, je nachdem man

zahlt: kein Braten, keine Ölkuchen, kein Hackfleisch mehr. Und wenn es

nicht für Dich Sünder ist, gibt es nicht in den geheimsten Tiefen des

Feuers arme Seelen? Deine Eltern, ein liebes Weib, ein holdes Mägdlein,

mit dem Du gern sündigtest?“

So sprechend, stieß der Mönch den Frater, der mit einem silbernen

Becken neben ihm stand, mit dem Ellenbogen an. Bei diesem Zeichen

schlug der Bruder die Augen nieder und schüttelte salbungsvoll sein

Becken, um das Geld herbeizulocken.

„Hast Du nicht“, sprach der Mönch weiter, „in diesem gräßlichen Feuer

einen Sohn, eine Tochter, irgend ein geliebtes Kindlein? Sie schreien,

sie weinen, sie rufen Dich. Könntest Du bei diesen kläglichen Stimmen

taub bleiben? Du könntest es nicht. Dein Herz von Eis schmilzt; aber

das wird Dir einen Gülden kosten. Und schau: beim Klang dieses Karolus

auf diesem geringen Metall (des Mönches Kumpan schüttelte abermals das

Becken) entsteht ein leerer Raum im Feuer, und die arme Seele steigt

bis an die Öffnung irgend eines Vulkans. Nun ist sie in der frischen

Luft, der freien Luft! Wo ist die Pein des Feuers? Das Meer ist nahe,

sie stürzt sich hinein, sie schwimmt auf dem Rücken, auf dem Bauch,

auf den Wogen und unter ihnen. Horch, wie sie vor Freude jauchzt, wie

sie sich im Wasser wälzt! Die Engel schauen sie an und sind glücklich.

Sie erwarten sie, aber sie hat noch nicht genug, sie möchte ein

Fisch werden. Sie weiß nicht, daß es da oben labende, duftende Bäder

gibt, darinnen große Stücke weißen Kandiszuckers schwimmen, so kühl

wie Eis. Ein Hai erscheint; sie fürchtet ihn nimmer. Sie steigt auf

seinen Rücken, aber er spürt sie nicht; sie will mit ihm in die Tiefen

des Meeres tauchen, dort will sie die Engel der Gewässer begrüßen,

Waterzoey (Wassertiere) aus Korallenkesseln und frische Austern von

Perlmutterschalen essen. Und wie wohl wird sie dort empfangen, gefeiert

und gehätschelt. Die Englein rufen sie immerdar von oben. Siehst Du,

wie sie endlich erquickt und glücklich, gleich einer Lerche, sich

singend in den höchsten Himmel erhebt, wo Gott in seiner Herrlichkeit

thront? Dort findet sie alle ihre irdischen Verwandten und Freunde,

ohne allein jene, so im Abgrund der Höllen brennen, dieweil sie den

Ablaß unsrer Heiligen Mutter Kirche geschmäht haben. Und also immer,

immer, immer, bis in Jahrhunderte von Jahrhunderten, in der brennenden

Ewigkeit. Aber die andre Seele ist bei Gott, erfrischt sich in

köstlichen Bädern und knuspert Kandiszucker. Kauft Ablaß, Brüder, er

wird für Cruzados, für Goldgülden, für Sovereigns aus England erteilt.

Auch Kippergeld wird nicht zurückgewiesen. Kauft, kauft! Dies ist der

heilige Kramladen. Hier ist Waare für Arme und für Reiche, aber es ist

uns schier leid: wir können nichts auf Borg geben, Brüder, denn kaufen

und nicht baar bezahlen ist ein Verbrechen in den Augen des Herrn.“

Der Bruder, der nicht predigte, schüttelte seine Schale und die Gulden,

Cruzados, Dukaten, Groschen, Heller und Pfennige fielen hageldicht

darauf nieder.

In Ansehung seines Reichtums zahlte Klas einen Gülden für zehntausend

Jahre Ablaß. Die Mönche gaben ihm dafür ein Stück Pergament.

Aber in Bälde, da sie sahen, daß in Damm nur noch Geizhälse übrig

waren, die keinen Ablaß gekauft hatten, machten sich die beiden nach

Heyst auf.

56

Mit seinem Pilgergewand angetan und seiner Vergehen los und ledig,

verließ Ulenspiegel Rom, ging seines Weges fürbaß und kam nach Bamberg,

wo man das beste Gemüse der Welt hat.

Er trat in eine Herberge, wo eine fröhliche Wirtin war; die sprach zu

ihm:

„Junger Herr, willst Du für dein Geld essen?“

„Ja,“ sagte Ulenspiegel, „aber für wieviel isset man hier?“

Die Wirtin erwiderte:

„An der Herrentafel speist man für sechs Gülden; am Bürgertisch für

vier und am Gesindetisch für zwei.“

„Das meiste Geld dient mir allerbest“, versetzte Ulenspiegel und ging

und setzte sich an die Herrentafel. Als er sich satt gegessen und seine

Mahlzeit mit Rheinwein begossen hatte, sprach er zur Wirtin:

„Gevatterin, ich habe für mein Geld gut gespeist; gib mir die sechs

Gülden.“

Die Wirtin sagte zu ihm:

„Spottest Du meiner? Zahl Deine Zeche.“

„Liebreizende Meisterin,“ gab Ulenspiegel zur Antwort, „Ihr habt nicht

das Aussehen einer schlimmen Schuldnerin; im Gegenteil, ich sehe soviel

große Aufrichtigkeit, Treuherzigkeit und Nächstenliebe darin, daß Ihr

mir lieber achtzehn Gülden zahlen würdet, als mir die sechs verweigern,

die Ihr mir schuldet. Die schönen Augen! Die Sonne, die Strahlenpfeile

auf mich schleudert und verliebte Tollheit aufschießen läßt, höher als

die Quecken auf einem Brachfeld.“

Die Wirtin entgegnete:

„Ich habe nichts mit Deiner Tollheit noch mit Deinen Quecken zu

schaffen; bezahle und scheer Dich fort.“

„Fortgehen und Dich nicht fürder sehen! Lieber wollt’ ich augenblicks

verscheiden. Meisterin, süße Meisterin, ich habe nicht die Gewohnheit

für sechs Gülden zu essen, ich armer junger Kerl, der über Berg und Tal

wandert. Ich habe mich vollgestopft, und bald werde ich wie ein Hund

in der Sonne die Zunge heraushängen lassen. Geruht, mich zu bezahlen,

ich habe die sechs Gülden durch die harte Arbeit meiner Kinnbacken

redlich verdient. Gebt sie mir und ich werde Euch mit solcher Glut

der Dankbarkeit liebkosen, küssen und umarmen, daß siebenundzwanzig

Verliebte mitsammen zu solcher Leistung nicht ausreichen.“

„Du redest so ums Geld“, sagte sie.

„Soll ich Dich umsonst aufessen?“

„Nein“, sprach sie, sich seiner erwehrend.

„Ach,“ seufzte er, sie verfolgend, „Deine Haut ist wie Rahm, Deine

Haare sind wie ein Fasan, der am Spieß gebräunt ist, Deine Lippen wie

Kirschen! Gibt es eine, die leckerer ist als Du?“

„Es steht Dir wohl an, Du loser Vogel,“ sagte sie lächelnd, „mir noch

sechs Gülden abzufordern. Sei froh, daß ich Dich gratis gefüttert habe,

ohne etwas von Dir zu fordern.“

„Wenn Du wüßtest, wieviel Platz noch da ist.“

„Zieh ab,“ sagte die Wirtin, „ehe mein Mann kommt.“

„Ich werde ein nachsichtiger Gläubiger sein“, versetzte Ulenspiegel.

„Gib mir zum wenigsten einen Gülden für den künftigen Durst.“

„Da, Du schlimmer Geselle“, sagte sie und gab ihm den.

„Aber lässest Du mich auch wiederkommen?“

„Willst Du wohl gehen“, sagte sie.

„Wohl gehen,“ sprach Ulenspiegel, „das hieße zu Dir gehen, Du Holde.

Aber Deine schönen Augen verlassen, das heißt schlecht gehen. Wenn

Du geruhst, mich zu behalten, werde ich nur für einen Gülden täglich

essen.“

„Ist ein Stock vonnöten?“ sprach sie.

„Nimm meinen“, erwiderte Ulenspiegel.

Sie lachte, aber er mußte von dannen ziehen.

57

Um jene Zeit siedelte Lamm Goedzak wiederum nach Damm über, sintemalen

das Land Lüttich wegen der Ketzereien unsicher war. Sein Weib folgte

ihm willig, dieweil die Lütticher, die ihrer Natur nach treffliche

Spötter waren, sich über die Gutmütigkeit ihres Mannes lustig machten.

Er ging oft zu Klas, welcher, seit er geerbt hatte, die Schenke

„zum blauen Turm“ unsicher machte und sich allda für sich und seine

Kumpane einen Tisch ausgewählt hatte. Am nächsten Tische saß Jobst

Griepenstüver, der seine halbe Kanne in kleinen Schlucken trank. Er war

der Älteste der Fischergilde, ein geiziger, knickeriger Mann, der von

sauren Heringen lebte und dem das Geld über das Heil seiner Seele ging.

Klas hatte das Stück Pergament, darauf die zehntausend Jahre Ablaß

geschrieben waren, in seinen Säckel gesteckt.

Eines Abends, da Klas in Gesellschaft von Lamm Goedzak, Jan van

Rosebeke und Matthys van Assche im „Blauen Turm“ saß und Jobst

Griepenstüver auch da war, becherte Klas tapfer und Jan Rosebeke sprach

zu ihm:

„Das heißt sündigen, soviel zu trinken.“

Klas entgegnete:

„Man brennt nur einen halben Tag für eine Kanne zuviel. Und ich habe

zehntausend Jahre Ablaß in meinem Säckel. Wer will hundert davon, um

sich ohne Furcht den Magen zu überschwemmen?“

Alle riefen:

„Wie teuer verkaufst Du sie?“

„Für eine Kanne, doch gebe ich hundertfünfzig für eine ~muske conyn~.“

Etliche Trinker zahlten Klas, der eine einen Schoppen, der andre

Schinken; er schnitt ihnen allen einen kleinen Streifen Pergament

ab. Aber nicht Klas aß den Preis des Ablasses auf und vertrank ihn,

sondern Lamm Goedzak, welcher soviel verschlang, daß er zusehends

anschwoll, derweil Klas in der Schenke hin und her ging, seine Ware

feilzubieten.

Griepenstüver kehrte ihm seine mürrische Miene zu.

„Hast du Ablaß für zehn Tage?“ fragte er.

„Nein,“ sprach Klas, „das ist zu schwer abzuschneiden.“

Und jedermann lachte, und Griepenstüver würgte seinen Zorn hinunter.

Alsdann begab sich Klas in seine Hütte, und Lamm folgte ihm und ging,

als ob er Beine aus Wolle hätte.

58

Gegen das Ende des dritten Jahres kehrte Katheline nach Damm in ihre

Behausung zurück. Und ohne Aufhören sagte die Irre: „Feuer auf dem

Kopf, die Seele pocht, macht ein Loch, sie will hinaus.“ Und allemal,

wenn sie Ochsen oder Hämmel erblickte, entfloh sie. Und sie setzte sich

auf die Bank unter den Linden hinter ihrer Hütte, schüttelte den Kopf

und sah die von Damm an, ohne sie zu erkennen; sie aber sagten, an ihr

vorübergehend: „Das ist die Irre.“

Indessen erblickte Ulenspiegel, welcher auf Wegen und Stegen

umherstreifte, einen Esel auf der Landstraße; der war mit einem Leder

aufgezäumt, welches mit Kupfernägeln verziert war, und sein Kopf war

mit Quasten und Troddeln von roter Wolle geschmückt.

Etliche alte Weiber stunden um den Esel und schwatzten und redeten

alle zumal: „Keiner kann ihn bezwingen, es ist das grausliche Tier des

großen Hexenmeisters, Baron von Rais, der lebendig verbrannt ward,

dafür daß er dem Teufel acht Kinder geopfert hat. / Gevatterinnen, er

ist so schnell davongelaufen, daß man ihn nicht hat einholen können.

Satan steckt in ihm und beschützt ihn. / Denn da er ermattet auf der

Landstraße still stand, kamen die Gemeinbüttel, ihn zu fangen; er aber

schlug hinten aus und schrie so erschrecklich, daß sie ihm nicht zu

nahen wagten. / Und das war keines Esels, sondern des Teufels Geschrei.

/ Derhalben ließ man ihn Disteln weiden, ohne ihm den Prozeß zu machen,

noch ihn als Hexenmeister lebendig zu verbrennen. / Diese Mannsleute

haben keinen Mut.“

Ohngeachtet dieser erbaulichen Reden entflohen sie mit Geschrei, sobald

der Esel die Ohren spitzte oder sich die Flanken mit dem Schwanze

schlug. Dann aber kamen sie gackernd und plappernd wieder und führten

bei der geringsten Bewegung des Grautiers die nämliche Komödie von

Neuem auf.

Aber Ulenspiegel betrachtete sie mit Lachen:

„Ach,“ sprach er, „Neugierde ohne Ende und immerwährendes Reden

strömt wie ein Fluß aus den Mäulern der Gevatterinnen, sonderlich der

alten, denn bei den jungen ist der Strom nicht so reißend wegen ihrer

verliebten Geschäfte.“

Alsdann nahm er den Esel in Augenschein.

„Dies Hexentier ist behend,“ sprach er, „und trabt ohne Zweifel nicht

mit den Schultern; ich kann darauf reiten oder es verkaufen.“

Ohne ein Wort zu sagen, ging er und holte eine Metze Hafer, gab sie dem

Esel zu fressen, sprang ihm hurtig auf den Rücken, ergriff den Zügel,

drehte sich nach Norden, Osten und Westen und segnete von ferne die

Alten.

Die knieten, ohnmächtig vor Schreck, nieder, und in der Spinnstube hieß

es hernach, daß ein Engel, der einen Filzhut mit Fasanenfeder trug,

gekommen sei, sie alle zu segnen und durch absonderliche Gnade Gottes

den Esel des Zauberers fortzuführen.

Und Ulenspiegel trabte auf seinem Esel von dannen, mitten durch fette

Weiden, wo Pferde frei umhersprangen und Kühe und Färsen träg in der

Sonne lagen und wiederkäuten. Und er nannte ihn Jef.

Der Esel stand still und hielt wohlgemut sein Mittagmahl von Disteln.

Bisweilen jedoch zitterte er über die ganze Haut und schlug mit dem

Schwanz an die Flanken, um die gefräßigen Bremsen zu vertreiben, die

auch speisen wollten, aber von seinem Fleische.

Ulenspiegel, dessen Magen vor Hunger knurrte, war trübselig.

„Du wärest recht glücklich, Herr Esel,“ sagte er, „bei Deinem

Mittagmahl von fetten Disteln, „wann keiner Dich in Deinem Wohlbehagen

störte und Dich erinnerte, daß Du sterblich bist, das ist geboren,

um alle Arten von Unbill zu erdulden. Gleich wie Du,“ fuhr er fort

und drückte den Esel mit den Schenkeln, „hat der Mann vom heiligen

Pantoffel seine Bremse, das ist der Doktor Luther, und seine Hohe

Majestät Karl hat auch die seine, das ist Herr Franz, der erste des

Namens, der König mit der sehr langen Nase und dem noch längeren

Degen. Darum ist es mir, dem armen jungen Kerl, der wie ein Jude

herumirrt, wohl erlaubt, auch eine Bremse zu haben, Herr Esel. Ach,

alle meine Täschlein sind durchlöchert und durch das Loch laufen all

meine schönen Dukaten, Gülden und Taler davon wie eine Legion Mäuse,

so dem Rachen einer Katze entfleuchen. Ich weiß nicht, warum das Geld

mich nicht mag, der ich so gern das Geld möchte. Was man auch sage,

Fortuna ist kein Weib, denn sie liebt nur die geizigen Filze, so sie

in Truhen und Säcke sperren und mit zwanzig Schlüsseln verschließen

und ihr nimmer erlauben, ein Endlein ihrer ganz vergüldeten Nase ans

Fenster zu drücken. Das ist die Bremse, die an mir nagt und frißt und

mich kitzelt, ohne mich zum Lachen zu bringen, Du hörst mich nicht an,

Herr Esel, und denkst nur ans Fressen. O, Du Fettwanst, der seinen

Wanst anfüllt, Deine langen Ohren sind taub für das Knurren der leeren

Bäuche. Hör mich an, ich will es.“

Und er peitschte ihn fort. Der Esel hub an zu schreien.

„Nun Du gesungen hast, laß uns weitergehen“, sagte Ulenspiegel.

Aber der Esel rührte sich nicht mehr denn ein Meilenstein und schien

den Vorsatz gefaßt zu haben, alle Disteln an der Straße bis auf die

letzte zu fressen. Und es mangelte nicht daran.

Da Ulenspiegel das sah, stieg er ab, schnitt einen Strauß Disteln,

hielt ihn dem Esel unter die Nase und führte ihn solcherart bis in das

Gebiet des Landgrafen von Hessen.

„Meister Esel,“ sagte er im Weiterreiten, „Du läufst meinem

Distelstrauße nach und lässest den schönen Weg, der ganz mit diesen

leckeren Pflanzen bestanden ist, hinter Dir. So machen es alle

Menschen; die einen wittern den Duft des Ruhmes, den Fortuna ihnen

unter die Nase hält, die andern den Duft des Gewinstes und etliche den

Duft der Liebe. Am Ende des Weges werden sie wie Du gewahr, daß sie dem

nachgelaufen sind, was wenig war, und das zurückgelassen haben, was

etwas war, nämlich: Gesundheit, Arbeit, Ruhe und Wohlsein daheim.“

Dergestalt mit seinem Esel schwätzend, kam Ulenspiegel vor den Palast

des Landgrafen.

Zwei Hauptleute der Scharfschützen würfelten auf der Treppe. Der eine

von ihnen, welcher rothaarig und riesengroß war, sprach zu Ulenspiegel,

der bescheidentlich auf Jef saß und ihnen zusah: „Was willst Du bei uns

mit Deiner ausgehungerten Pilgerfratze?“

„Ich habe freilich großen Hunger,“ versetzte Ulenspiegel, „und

wallfahrte wider Willen.“

„So Du Hunger hast,“ erwiderte der Hauptmann, „so schlinge den Strick

hinunter, der am nächsten Galgen baumelt; der ist für Landstreicher

bestimmt.“

„Herr Hauptmann,“ antwortete Ulenspiegel, „wenn Ihr mir den schönen

güldenen Strick gäbet, den Ihr am Hute traget, so würde ich mich mit

den Zähnen an jenem fetten Schinken aufhängen, der dorten beim Garkoch

baumelt.“

„Woher kommst Du?“ fragte der Hauptmann.

„Aus Flandern“, antwortete Ulenspiegel.

„Was willst Du?“

„Seiner landgräflichen Gnaden ein Gemälde meiner Art zeigen.“

„Wenn Du ein Maler und aus Flandern bist,“ sagte der Hauptmann, „so

tritt ein, und ich werde Dich zu meinem Herrn führen.“

Da Ulenspiegel vor den Landgrafen geführt ward, grüßte er ihn dreimal

und noch mehr.

„Geruhen Euer Landgräfliche Gnaden“, sprach er, „meine Dreistigkeit

zu entschuldigen, wenn ich es wage, zu Ihren edlen Füßen eine Malerei

niederzulegen, die ich für Sie machte, und worauf ich die Ehre hatte,

die Jungfrau in kaiserlichem Schmuck zu konterfeien.“

„Diese Malerei“, fuhr er fort, „wird Euch vielleicht genehm sein. In

dem Falle macht mich meine Kunst so vermessen, auf eine Erhöhung meines

Sitzes bis zu diesem schönen Armsessel von rotem Sammet zu hoffen,

worinnen zu seinen Lebzeiten der unvergeßliche Maler Euer großmütigen

Gnaden saß.“

Da der Herr Landgraf das Gemälde, das schön war, betrachtet hatte,

sagte er:

„Du sollst Unser Maler werden, setz Dich dort auf den Armstuhl.“ Und er

küßte ihn fröhlich auf beide Wangen. Ulenspiegel setzte sich.

„Schier zerlumpt schaust Du aus“, sprach der Landgraf, ihn betrachtend.

Ulenspiegel erwiderte:

„Wahrlich, Euer Gnaden, Jef, das ist mein Esel, fraß Disteln zu Mittag,

aber ich lebe seit drei Tagen nur von Elend und nähre mich vom Dunste

der Hoffnung.“

„Du wirst alsbald besseres Fleisch zum Nachtmahl haben,“ entgegnete der

Landgraf, „aber wo ist Dein Esel?“

„Ich habe ihn auf dem Schloßplatz gelassen, dem Palast Eurer Gnaden

gegenüber. Ich wäre recht froh, wenn Jef Obdach, Streu und Futter für

die Nacht fände.“

Der Herr Landgraf befahl stracks einem seiner Pagen, Ulenspiegels Esel

zu behandeln, als wär’s sein eigner.

Alsbald kam die Stunde des Nachtmahls. Da war eitel Hochzeit und

Gelage, und die Fleischspeisen dampften immerfort und die Weine

strömten in die Kehlen.

Ulenspiegel und der Landgraf waren alle beide so rot wie glühende

Kohlen; Ulenspiegel ward lustig, aber der Landgraf blieb nachdenklich.

„Unser Maler,“ sagte er plötzlich, „Du mußt mich malen, denn es ist für

einen sterblichen Fürsten eine gar große Genugtuung, seinen Nachkommen

sein Antlitz zum Gedächtnis zu hinterlassen.“

„Herr Landgraf,“ versetzte Ulenspiegel, „Euer Wille ist mein Wunsch;

aber mir Armseligen scheint, daß Eure Liebden so ganz allein konterfeit

in den künftigen Zeiten nicht viel Kurzweil haben würden. Ihr müßt in

Gesellschaft Eurer edlen Gemahlin, der Frau Landgräfin, hochdero Damen

und Herren und Eurer tapfersten Hauptleute und Offiziere sein, in

deren Mitte der hohe Herr und die hohe Frau wie Sonnen unter Laternen

erglänzen werden.“

„Fürwahr, Unser Maler,“ erwiderte der Landgraf, „und was soll ich Dir

für diese große Arbeit zahlen?“

„Hundert Gülden im voraus oder anders“, sprach Ulenspiegel.

„Hier sind sie im voraus“, sprach der Landgraf.

„Euer Mitleid, gnädiger Herr, gießt Öl auf meine Lampe; sie wird Euch

zu Ehren brennen“, sprach Ulenspiegel.

Am folgenden Tag bat er Seine Gnaden den Landgrafen, Die, welchen er

die Ehre des Konterfeis zugedacht hätte, an ihm vorbeiziehen zu lassen.

Da kam der Herzog von Lüneburg, der Feldhauptmann der Landsknechte

im Dienste des Landgrafen, der seinen feisten Wanst nur mit großer

Beschwerde schleppte. Er trat nahe an Ulenspiegel heran und säuselte

ihm diese Worte ins Ohr:

„Wenn Du mir beim Abmalen nicht die Hälfte meines Fettes fortnimmst, so

laß ich Dich durch meine Soldaten henken.“

Kam sodann eine hohe Dame; selbige hatte einen Höcker auf dem Rücken

und eine Brust, so glatt wie die Klinge eines Richtschwertes.

„Meister Maler,“ sagte sie, „wenn Du mir nicht anstatt des einen, den

du fortnimmst, zwei Höcker machst und sie nach vorne setzest, so laß

ich Dich wie einen Giftmischer vierteilen.“

Kam ein junges Ehrenfräulein, blond, frisch und liebreizend, aber ihr

fehlten drei Zähne unter der Oberlippe.

„Meister Maler,“ sprach sie, „wenn Du mich nicht malst, wie ich

lache und zweiunddreißig Zähne zeige, so laß ich Dich durch meinen

Herzallerliebsten in Stücke hacken.“

Und auf den Hauptmann der Scharfschützen weisend, der zuvor auf der

Treppe des Palastes gewürfelt hatte, ging sie weiter.

Die Prozession nahm ihren Verlauf. Ulenspiegel blieb mit Seiner Gnaden

dem Landgrafen allein.

„Wenn Du das Unglück hast,“ sprach dieser, „beim Konterfeien aller

dieser Gesichter mit einem Strich zu lügen, so laß ich Dir den Hals

abschneiden wie einem jungen Huhn.“

Ulenspiegel gedachte: „des Kopfes beraubt, gevierteilt, kleingehackt

oder zum mindesten gehenkt, wird es leichter sein, gar nicht zu malen.

Ich werde darauf bedacht sein.“

„Wo ist der Saal,“ fragte er den Landgrafen, „den ich mit all diesen

Gemälden schmücken soll?“

„Folge mir“, sprach der Landgraf.

Und er zeigte ihm ein großes Gemach mit ganz nackten Mauern.

„Hier ist der Saal“, sagte er.

„Mir wäre es lieb,“ sprach Ulenspiegel, „wenn man vor diese Wände große

Vorhänge zöge, auf daß meine Schildereien nicht möchten durch Fliegen

und Staub verunglimpft werden.“

„Das soll geschehen“, sprach der Landgraf.

Nachdem die Vorhänge befestigt waren, begehrte Ulenspiegel drei

Gesellen, damit sie, wie er sagte, ihm die Farben rieben. Dreißig Tage

lang taten Ulenspiegel und die Gesellen nichts denn schwelgen und

schlemmen und schonten der feinen Braten und alten Weine nicht; der

Landgraf wachte selbst darüber.

Indessen am einunddreißigsten Tage steckte er die Nase in die Türe des

Gemachs, das auf Ulenspiegels Geheiß niemand betreten sollte.

„Wohlan, Tyll,“ sprach er, „wo sind die Bilder?“

„Sie sind weit“, antwortete Ulenspiegel.

„Kann man sie nicht sehen?“

„Noch nicht.“

Am sechsunddreißigsten Tage steckte er wieder die Nase durch die Türe:

„Wohlan, Tyll?“ fragte er.

„Ei, gnädigster Herr Landgraf, sie gehen dem Ende zu.“

Am sechzigsten Tage ward der Landgraf zornig und trat in das Gemach.

„Flugs wirst Du mir die Bildnisse zeigen“, sprach er.

„Jawohl, Euer Furchtbarkeit“, erwiderte Ulenspiegel. „Aber wollet

diesen Vorhang nicht lüften, ehe Ihr nicht die Herren Hauptleute und

Damen Eures Hofes hierher beschieden habt.“

„Ich willige darein“, sprach der Landgraf.

Alle kamen auf sein Geheiß.

Ulenspiegel stand vor dem zugezogenen Vorhang.

„Gnädigster Herr Landgraf,“ sprach er, „und Ihr, gnädigste Frau

Landgräfin, und Eure Gnaden von Lüneburg und Ihr anderen schönen Damen

und wackeren Hauptleute, ich habe Eure liebreizenden oder kriegerischen

Angesichter hinter jenem Vorhang aufs beste abkonterfeit. Es wird

Euch ein Leichtes sein, Euch männiglich darauf zu erkennen. Ihr seid

neugierig, es zu sehen, das ist gerecht, aber geruhet Euch zu gedulden,

und lasset mich ein Wort oder sechs reden. Schöne Damen und wackere

Hauptleute, die Ihr adligen Blutes seid, Ihr könnet meine Malerei

sehen und bewundern, so aber einer unter Euch ein Bürgerlicher ist,

wird er nur die weiße Wand erblicken. Und nun geruhet Eure edlen Augen

aufzutun.“

Ulenspiegel zog den Vorhang fort:

„Allein die adligen Herren, allein die adligen Damen sind sehend.

Darum wird man in Bälde sagen: Für die Malerei blind wie ein

Niedriggeborener, scharfsichtig wie ein Edelmann.“

Alle sperrten die Augen auf und stellten sich, als ob sie etwas sähen,

zeigten sich einer dem andern, nannten Namen und erkannten sich, aber

in Wahrheit erblickten sie nur die nackte Wand, welches sie verblüffte.

Plötzlich sprang der Narr, der zugegen war, drei Schuh hoch in die Luft

und schüttelte seine Schellen:

„Scheltet mich einen Bürgerlichen, einen Niedrigen, der Niedrigkeit

noch erniedrigt, aber ich sage und rufe mit Pauken und Trompeten, daß

ich allda nur eine kahle Wand, eine weiße Wand, eine kahle Wand sehe.

So mögen mir Gott und alle seine Heiligen beistehen.“

Ulenspiegel versetzte:

„Wenn Narren drein reden, so ist’s für die Weisen an der Zeit, zu

gehen.“

Er wollte den Palast verlassen, als der Landgraf ihn festhielt und

sprach:

„Du Schalksnarr, der durch die Welt wandert und die schönen und guten

Dinge preist und der Dummheit mit einer scharfen Zunge spottet, Du

wagtest angesichts so vieler hoher Damen und noch höherer vieledler

Herren Dich öffentlich über Wappen und Adelsstolz lustig zu machen; du

wirst eines Tages für Dein freies Reden gehenkt werden.“

„Wenn der Strick von Gold ist, wird er vor Furcht zerreißen, wenn er

mich kommen sieht.“

„Nimm“, sprach der Landgraf und gab ihm fünfzehn Gülden; „dies ist das

eine Ende davon.“

„Großen Dank, Euer Gnaden,“ erwiderte Ulenspiegel, „jede Herberge des

Weges wird ein Fädlein davon erhalten, ein gülden Fädlein, das die

spitzbübischen Herbergswirte zu Krösussen macht.“

Und wohlgemut ritt er auf seinem Esel fürbaß; die Kappe trug er hoch,

und die Feder wallte im Winde.

59

Die Blätter auf den Bäumen vergilbten, und der Herbstwind begann zu

wehen. Katheline war zuzeiten eine oder drei Stunden bei Sinnen. Und

Klas sagte dann, daß der Geist Gottes in seinem milden Erbarmen in sie

führe. In solchen Augenblicken hatte sie die Macht, durch Gebärden und

Worte einen Zauber auf Nele zu werfen, also daß sie mehr denn hundert

Meilen weit Dinge erblickte, die auf Plätzen und Gassen und in den

Häusern geschahen.

An jenem Tage nun, da Katheline bei gutem Verstande war und Ölkuchen,

mit Doppelbier angefeuchtet, in Gemeinschaft mit Klas, Soetkin und Nele

verzehrte, sprach Klas:

„Heute ist der Tag der Abdankung Seiner Heiligen Majestät Kaiser Karls

V. Nele, mein Schätzlein, vermöchtest Du wohl bis nach Brüssel in

Brabant zu sehen?“

„Ich vermöchte es, wenn Katheline will“, versetzte Nele.

Alsogleich hieß Katheline das Mägdlein auf eine Bank niedersitzen und

durch ihre Worte und Gebärden, die wie ein Zauber wirkten, sank Nele in

festen Schlummer.

Katheline sprach zu ihr:

„Tritt in das kleine Haus des Lustgartens, wo Kaiser Karl V. zu

verweilen liebt.“

„Ich bin“, sprach Nele mit leiser Stimme und als ob sie erstickte,

„ich bin in einem kleinen Saal, der mit Ölfarbe grün angemalt ist.

Dort sitzt ein Mann, nahe bei vierundfünfzig Jahren, kahlköpfig und

grau, der einen blonden Bart auf einem vorstehenden Kinn trägt. Der

Blick seiner grauen Augen ist böse, voller Arglist, Grausamkeit und

verstellter Gutmütigkeit. Und diesen Mann nennt man Heilige Majestät.

Er ist verschleimt und hustet viel. Bei ihm steht ein anderer, der ist

jung, mit häßlicher Fratze wie ein wasserköpfiger Affe. Ich sah ihn

zu Antwerpen, es ist König Philipp. Seine Heilige Majestät tadelt ihn

just, daß er die Nacht sich herumgetrieben hat. Sicherlich, sagt er,

um in einer Spelunke irgend eine Vettel aus dem verrufenen Stadtteil

zu finden. Er sagt, daß seine Haare nach der Schenke riechen und daß

solches kein Vergnügen für einen König sei, der nur zu wählen braucht

reizende Leiber mit Haut wie Atlas, in wohlriechenden Bädern erfrischt,

und Hände sehr verliebter, vornehmer Damen. Das ist mehr wert als eine

Saudirne, die kaum gewaschen aus den Armen eines versoffenen Soldaten

kommt. Da ist kein Weib, sagt er, ob Jungfrau, Ehefrau oder Wittib,

die ihm widerstehen möchte unter den adligsten und schönsten, die ihre

Liebschaften mit duftenden Kerzen und nicht mit dem fettigen Glimmen

stinkender Unschlittlichter erhellen.“

Der König erwidert Seiner Majestät, daß er ihm in allem gehorchen werde.

Dann hustet Seine Majestät und trinkt etliche Schluck Würzwein.

„Du wirst“, sagt er, sich an Philipp wendend, „alsbald die

Generalstaaten sehen, Prälaten, Edle und Bürger: Oranien den

Schweigsamen, Egmont den Eitlen, Hoorn den Unbeliebten, und Brederode

den Leuen, und alle die Ritter vom Güldenen Vlies, zu dessen

Großmeister ich Dich ernennen werde. Du wirst da hundert finden, die

dies Spielzeug tragen und die sich männiglich die Nase abschneiden

ließen, so sie diese an einer güldenen Kette als Zeichen höheren Adels

auf der Brust tragen könnten.“

Dann sagt Seine Majestät in anderm Ton und höchst kläglich zu König

Philipp:

„Du weißt, daß ich zu Deinen Gunsten abdanken werde, mein Sohn, und

der Welt ein großes Schauspiel geben und vor einer großen Menge reden,

obwohl mit Schlucken und Husten, denn ich habe meiner Lebtage zuviel

gegessen, mein Sohn. Du müßtest ein gar hartes Herz haben, wenn Du

nicht etliche Tränen vergössest, nachdem Du mich angehört hast.“

„Ich werde weinen, Herr Vater“, antwortet König Philipp.

Dann spricht Seine Heilige Majestät zu einem Diener, mit Namen Dubois:

„Dubois,“ sagt er, „reiche mir ein Stück Madeirazucker: ich habe das

Schlucken. Wenn es mich nur nicht überfällt, dieweil ich zu aller Welt

spreche. Die Gans von gestern wird wohl nie verdaut werden. Ob ich wohl

einen Humpen Wein von Orleans trinke? Nein, er ist zu herbe. Ob ich

etliche Sardinen esse? Sie sind so ölig. Dubois, gib mir Wein aus der

Romagna.“

Dubois gibt Seiner Heiligen Majestät, was er verlangt. Dann legt er ihm

ein Kleid von karmesinrotem Sammet an, bedeckt ihn mit einem güldenen

Mantel, gürtet ihm den Degen um, überreicht ihm Zepter und Reichsapfel

und setzt ihm die Krone aufs Haupt.

Sodann verläßt Seine Heilige Majestät auf einem kleinen Maultier das

Haus im Lustgarten; König Philipp und viele hohe Personen folgen ihm.

So gelangen sie in ein großes Gebäude, das sie Palast nennen und finden

dort in einem Gemach einen Mann von hoher, hagerer Gestalt und reich

gekleidet, den sie Oranien nennen.

Seine Heilige Majestät spricht zu diesem Manne und sagt:

„Sehe ich gut aus, Vetter Wilhelm?“

Aber der Mann antwortet nicht.

Seine Heilige Majestät sagt darauf, halb lachend, halb zornig:

„Wirst Du denn immer stumm sein, Vetter, selbst wenn es gilt, dem alten

Gerümpel Wahrheiten zu sagen? Soll ich noch weiter regieren oder soll

ich abdanken, Schweiger?“

„Heilige Majestät,“ sagt der hagere Mann, „wenn der Winter kommt,

lassen die stärksten Eichen ihre Blätter fallen.“

Die dritte Stunde schlägt.

„Schweiger,“ sagt er, „leih mir deine Schulter, daß ich mich darauf

stütze.“

Und er tritt mit ihm und seinem Gefolge in einen großen Saal und setzt

sich unter einen Thronhimmel auf eine Estrade, die mit Seide oder

Teppichen überzogen ist. Da sind drei Sessel. Seine Majestät nimmt

den in der Mitten ein, der reicher verziert ist als die anderen und

hinter dem die Kaiserkrone emporragt. König Philipp setzt sich auf den

zweiten, und der dritte ist für eine Frau, welche ohne Zweifel eine

Königin ist. Zur Rechten und Linken sitzen auf teppichbelegten Bänken

rotgekleidete Männer, so ein gülden Lamm um den Hals tragen. Hinter

ihnen stehen unterschiedliche Personen, ohne Zweifel Prinzen und große

Herren. Gegenüber am Fuß der Estrade sitzen auf kahlen Bänken in Wolle

gekleidete Männer. Ich höre sie sagen, daß sie so bescheiden sitzen

und so schlicht gekleidet sind, weil sie allein alle Kosten tragen.

Ein jeglicher hat sich erhoben, da Seine Heilige Majestät eingetreten

ist, er aber hat sich sogleich gesetzt und gibt allen das Zeichen, ihm

nachzuahmen.

Ein alter Mann spricht nun des Langen und Breiten über die Gicht. Dann

reicht die Frau, so eine Königin scheint, Seiner Heiligen Majestät

eine Pergamentrolle. Es sind Dinge darauf geschrieben, die Seine

Heilige Majestät hustend und mit dumpfer, leiser Stimme verliest. Er

spricht von sich selbst und sagt:

„Viel sind der Reisen, so ich in Hispanien, Italien, den Niederlanden,

Engelland und Afrika gemacht, alles zur Ehre Gottes, zum Ruhm meiner

Waffen und zum Wohl meiner Völker.“

Dann, nachdem er des Langen und Breiten geredet hat, sagt er, daß

er hinfällig und müde sei und die Krone Spaniens, die Grafschaften,

Herzogtümer und Markgrafschaften dieser Länder in die Hände seines

Sohnes überantworten wolle.

Alsdann weint er, und alle weinen mit ihm.

König Philipp erhebt sich nun und fällt auf die Knie:

„Heilige Majestät,“ sagt er, „wie ist es mir erlaubt, diese Krone aus

Euren Händen zu empfangen, wenn Ihr noch so fähig seid, sie zu tragen.“

Dann sagt Seine Heilige Majestät ihm ins Ohr, er solle zu den Männern,

so auf den mit Teppich belegten Bänken sitzen, wohlwollend reden.

König Philipp wendet sich zu ihnen und sagt in mürrischem Ton, ohne

sich zu erheben:

„Ich verstehe ziemlich gut französisch, aber nicht genug, um zu Euch

in dieser Sprache zu sprechen; Ihr werdet hören, was der Bischof von

Arras, Herr Granvella, Euch in meinem Namen sagen wird.“

„Du sprichst schlecht, mein Sohn“, sagt Seine Majestät.

Und wahrlich, die Versammlung murrt, da sie den jungen König so stolz

und so hoffärtig sieht. Die Frau Königin spricht auch, um ihn zu

prüfen. Dann kommt ein alter Magister dran, der, da er fertig ist, von

Seiner Heiligen Majestät als Zeichen des Danks einen Wink mit der Hand

empfäht. Nun sind die Zeremonien und Ansprachen zu Ende. Seine Majestät

spricht seine Untertanen ihres Treuschwurs ledig, unterzeichnet die

hierfür aufgesetzten Urkunden, und von seinem Throne sich erhebend,

setzt er seinen Sohn darauf. Und jedermann im Saale weint. Dann gehen

sie wiederum in das Haus im Lustgarten.

Da sie zum andern Mal im grünen Gemache sind, allein und bei

verschlossenen Türen, lacht Seine Majestät aus vollem Halse und spricht

zu König Philipp, der nicht lacht, also:

„Sahest Du, wie wenig vonnöten ist, um diese guten Kerle zu rühren?“

spricht er, indem er zugleich redet, schluckt und lacht. „Welche Flut

von Tränen! Und dieser dicke Maes, der wie ein Kalb weinte, da er seine

lange Salbaderei endete. Du selbst schienest bewegt, aber nicht genug.

Das sind die wahren Schauspiele, die das Volk haben muß. Mein Sohn, wir

Männer schätzen unsere Liebsten um so höher, je mehr sie uns kosten. So

auch bei den Völkern. Je mehr wir sie zahlen lassen, um so mehr lieben

sie uns. Ich habe die reformierte Religion in Deutschland geduldet

und in den Niederlanden hart gestraft. Wären die deutschen Fürsten

katholisch gewesen, so wäre ich lutherisch geworden und hätte ihre

Besitztümer eingezogen. Sie glauben an die Redlichkeit meines Eifers

für den katholischen Glauben und beklagen, daß ich sie verlasse. In den

Niederlanden sind auf mein Geheiß um der Ketzerei willen fünfzigtausend

ihrer tapfersten Männer und ihrer hübschesten Mädchen umgekommen.

Ich gehe und sie jammern. Ungerechnet der Gütereinziehungen hab ich

sie mehr Steuern zahlen lassen als Indien und Peru: sie sind betrübt

mich zu verlieren. Ich habe den Frieden von Cadzant gebrochen, Gent

bezwungen, alles unterdrückt, was mich hindern konnte; Gerechtsame,

Freiheiten, Privilegien, alles ist der Bestätigung der Beamten des

Fürsten unterworfen. Diese Biedermänner glauben sich noch frei, weil

ich ihnen erlaube, mit der Armbrust zu schießen und ihre Zunftfahnen

bei Umzügen zu tragen. Sie fühlen die Hand des Herrn. Sie sind im Käfig

und befinden sich wohl darin, singen und weinen um mich. Mein Sohn,

sei gegen sie, wie ich es war, gütig in Worten, rauh in Taten; lecke,

wenn Du nicht beißen mußt. Schwöre, schwöre immer auf ihre Gerechtsame,

Freiheiten und Privilegien; aber so sie eine Gefahr für Dich werden

können, vernichte sie. Sie sind von Eisen, wenn man sie mit furchtsamer

Hand berührt, von Glas, wenn man sie mit starkem Arme zerbricht.

Schlage die Ketzerei zu Boden, nicht weil sie von der römischen

Religion abweicht, sondern weil sie in den Niederlanden unsere Macht

zerstören würde. Die, so den Papst angreifen, welcher drei Kronen

trägt, haben den Fürsten, die nur eine haben, bald den Garaus gemacht.

Mache gleich mir die Gewissensfreiheit zum Majestätsverbrechen mit

Gütereinziehung, so wirst Du erben, wie ich mein Lebelang getan habe.

Und wenn Du gehst, um abzudanken oder zu sterben, werden sie sagen:

Ach, der gute Fürst! Und sie werden weinen.“

„Und ich höre nichts mehr,“ sprach Nele weiter, „denn Seine Heilige

Majestät hat sich auf ein Bett gelegt und schläft, und König Philipp,

stolz und hoffärtig, blickt ihn ohne Liebe an.“

Da sie solches gesagt hatte, ward Nele von Katheline erweckt.

Und Klas sah in Gedanken, wie die Herdflamme den Rauchfang erhellte.

60

Als Ulenspiegel den Landgrafen von Hessen verließ, bestieg er seinen

Esel, und da er über den Marktplatz kam, stieß er auf etliche ergrimmte

Gesichter von Herren und Damen, aber das kümmerte ihn nicht.

Alsbald gelangte er in das Gebiet des Herzogs von Lüneburg; da traf

er eine Schar Schelmenbrüder, lustige Vlamländer aus Sluys, die

alle Samstag etliches Geld beiseite legten, um einmal im Jahre nach

Deutschland zu reisen.

Sie fuhren singend ihres Weges, in einem ungedeckten Leiterwagen,

gezogen von einem starken Pferd von Vuerne-Ambacht, das sie durch die

Wege und Sümpfe des Herzogtums Lüneburg führte. Etliche unter ihnen

spielten die Flöte, Fiedel und Bratsche oder den Dudelsack mit großem

Getöse. Zur Seite des Wagens schritt mannigmal ein Dicksack, der den

Rommelpot spielte und zu Fuß wanderte, in der Hoffnung, seinen Wanst

zum Schmelzen zu bringen.

Da sie beim letzten Gülden angelangt waren, sahen sie Ulenspiegel auf

sich zukommen, der mit klingender Münze belastet war; sie kehrten in

eine Herberge ein und zahlten einen Trunk für ihn. Ulenspiegel ließ es

sich gern gefallen. Da er jedoch sah, daß die Schelmenbrüder mit den

Augen zwinkerten und lächelten, wenn sie ihm einschenkten, bekam er

Wind von etwelchem Schabernack, ging hinaus und stellte sich an die

Türe, um ihre Reden zu hören. Er hörte den Dicksack von ihm sagen:

„Das ist des Landgrafen Maler, dem er mehr als tausend Gülden für ein

Gemälde gegeben hat. Laßt ihn uns festlich bewirten, er wird uns das

Doppelte dafür wiedergeben.“

„Amen“, sprachen die andern.

Ulenspiegel ging und band seinen gesattelten Esel tausend Schritte

von da bei einem Pächter an, gab einer Magd zwei Pfennig, um ihn zu

hüten, trat wieder in die Wirtsstube und setzte sich an den Tisch der

Schelmenbrüder, ohne ein Wort zu sagen. Diese schenkten ihm ein und

zahlten die Zeche. Ulenspiegel ließ in seinem Mantelsack die Gülden des

Landgrafen klingen und erzählte dabei, daß er seinen Esel einem Bauern

für siebzehn Silbertaler verkauft hätte.

Sie reisten, aßen und tranken dabei, bliesen Flöte und Dudelsack

und spielten den Rommelpot, und unterwegs lasen sie die Weiblein

auf, die ihnen artig zu sein bedünkten. Solcherart erzeugten sie

Herrgottskinder, sonderlich Ulenspiegel, dessen Gesellin nachmals einen

Sohn hatte, den sie Eulenspiegelchen nannte, maßen die Schöne den Sinn

des Namens von ihrem Zufallsmanne nicht wohl verstund, und vielleicht

auch zum Andenken an die Stunde, darin der Knabe erzeugt ward. Und von

diesem Eulenspiegelchen wird fälschlich gesagt, daß er zu Knetlingen im

Lande Sachsen geboren ward.

Sie ließen sich von ihrem wackern Gaule ziehen und kamen eine

Straße entlang, an deren Rande ein Dorf und ein Wirtshaus lag, das

trug ein Schild „Zum Kessel“, und es drang ein lieblicher Duft von

Fleischgerichten heraus.

Der Dicksack, der den Rommelpot spielte, ging zum Baas und sagte von

Ulenspiegel:

„Das ist des Landgrafen Maler, er wird alles zahlen.“

Der Wirt betrachtete Ulenspiegels Miene, die gut war, und da er den

Klang der Gülden und Taler vernahm, trug er zu essen und zu trinken

auf. Ulenspiegel ließ sich nichts abgehen. Und immer klingelten die

Taler in seiner Geldkatze, und mannigmal hatte er auch auf seinen

Hut geschlagen und gesagt, daß darin sein größter Schatz wäre. Da

nun das Gelage zwei Tage und zwei Nächte gewährt hatte, sprachen die

Schelmenbrüder zu Ulenspiegel:

„Laßt uns aufbrechen und die Zeche zahlen.“

Ulenspiegel antwortete:

„Wenn die Ratte im Käse ist, verlangt es sie, fortzugehen?“

„Nein“, sagten sie.

„Und wenn der Mensch gut ißt und trinkt, sucht er dann den Staub der

Straßen und das Wasser der Gräben, die voll von Blutegeln sind?“

„Nein,“ sagten sie.

„Wohlan,“ sprach Ulenspiegel weiter, „so laßt uns bleiben, solange

meine Gülden und Taler uns als Trichter dienen, um Getränke in unsere

Kehlen zu gießen.“

Und er hieß den Wirt noch mehr Wein und Wurst auftragen.

Während sie tranken und aßen, sprach Ulenspiegel:

„Ich bezahle, ich bin jetzo Landgraf. Was würdet Ihr tun, Kameraden,

wenn meine Geldkatze leer wäre? Ihr würdet meinen Hut von weichem

Filz nehmen und finden, daß er voll Karolus ist, sowohl im Boden als

zwischen der Krempe.“

„Laß ihn uns befühlen“, sprachen sie alle mitsammen. Und seufzend

fühlten sie darin zwischen den Fingern große Geldstücke, die den Umfang

von Goldkarolus hatten. Einer von ihnen betastete ihn aber mit solcher

Vertraulichkeit, daß Ulenspiegel ihn ihm wieder fortnahm und sagte:

„Du ungestümer Melker, man muß die Zeit zum Melken abwarten können.“

„Gib mir den halben Hut“, sprach der Schelmenbruder.

„Nein,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich will nicht, daß Du ein Narrenhirn

bekommst, halb im Schatten und halb in der Sonne.“

Dann sprach er, seinen Hut dem Wirt gebend:

„Hebe Du ihn immerhin auf, denn er ist warm. Ich will mich draußen

erleichtern.“

Er tat es und der Wirt behielt den Hut.

Alsbald verließ er die Herberge, ging zum Bauern, stieg auf seinen Esel

und ritt im Trab auf der Straße, die nach Emden führt.

Da die Schelmenbrüder ihn nicht zurückkommen sahen, sprachen sie

untereinander:

„Ist er davongegangen? Wer wird die Zeche zahlen?“

Den Baas packte die Furcht und mit einem Messer schnitt er Ulenspiegels

Hut auf. Aber anstatt der Karolus fand er nichts darin zwischen Filz

und Futter denn elende, kupferne Rechenpfennige.

Da ergrimmte er wider die Schelmenbrüder und sprach zu ihnen:

„Ihr Lumpenbrüder, Ihr werdet nicht von hinnen ziehen, Ihr lasset mir

denn Eure Kleider samt und sonders, allein das Hemd ausgenommen.“

Und sie mußten sich alle entblößen, um ihre Zehrung zu zahlen. Und also

zogen sie im Hemd über Berg und Tal, denn ihr Pferd und ihren Wagen

hatten sie nicht verkaufen wollen.

Und ein jeglicher, der sie so erbärmlich sah, gab ihnen gern Brot zu

essen, Bier und bisweilen auch Fleisch, denn sie erzählten überall, sie

wären von Räubern ausgeplündert worden.

Und alle mitsammen hatten sie nur eine Hose.

Und also kamen sie im Hemde nach Sluys zurück, tanzten auf ihrem Wagen

und spielten den Rommelpot.

61

Derweilen ritt Ulenspiegel auf Jefs Rücken durch das Land und die

Sümpfe des Herzogs von Lüneburg. Die Vlamländer nennen diesen Herzog

den Water-Signorke, dieweil immer feucht Wetter bei ihm ist.

Jef gehorchte Ulenspiegel gleich wie ein Hund, trank Braunbier, tanzte

besser denn ein ungarischer Meister in der Kunst der Grazien, stellte

sich beim leisesten Wink für tot und legte sich auf den Rücken.

Ulenspiegel wußte, daß der Herzog von Lüneburg gekränkt und erbost

war, dieweil Ulenspiegel seiner zu Darmstadt vor dem Landgrafen von

Hessen gespottet, und daß er ihm sein Land bei Strafe des Galgens

verboten hatte. Plötzlich sah er Seine Herzogliche Hoheit in Persona

daherkommen, und da er ihn als heftig kannte, ergriff ihn die Furcht.

Er sprach zu seinem Esel:

„Jef, da kommt der hohe Herr von Lüneburg. Am Halse juckt mich ein

Strick, wenn nur der Henker mich nicht kratzt. Jef, ich will gern

gekratzt, aber nicht gehenkt werden. Gedenke, daß wir Genossen im Elend

sind und beide lange Ohren haben; gedenke auch, welch guten Freund Du

an mir verlörest.“

Und Ulenspiegel wischte sich die Augen, und der Esel hub an zu schreien.

Dann redete er weiter:

„Wir leben lustig oder traurig mitsammen, wie es der Zufall will;

gedenkst Du daran, Jef?“ Der Esel fuhr fort zu schreien, denn er hatte

Hunger. „Und Du wirst meiner nimmer vergessen können,“ sagte sein Herr,

„denn welche Freundschaft wäre von Dauer, denn allein die, so über die

nämlichen Freuden lacht und über die nämlichen Schmerzen weint? Jef, Du

mußt Dich auf den Rücken legen.“

Der folgsame Esel gehorchte, und mit den vier Hufen in der Luft ward

er vom Herzog erblickt. Ulenspiegel setzte sich hurtig auf seinen

Bauch. Der Herzog trat zu ihm:

„Was machst Du da?“ fragte er. „Weißt Du nicht, daß ich durch meine

letzte Kundgebung Dir bei Galgen und Strick verbot, Deinen staubigen

Fuß in meine Lande zu setzen?“

Ulenspiegel antwortete:

„Gnädiger Herr, habt Erbarmen mit mir!“

Dann wies er auf seinen Esel.

„Ihr wisset wohl, daß nach Gesetz und Recht der allzeit frei ist, der

in seinen vier Pfählen wohnt.“

Der Herzog versetzte:

„Geh aus meinen Landen, oder Du sollst sterben.“

„Euer Gnaden,“ erwiderte Ulenspiegel, „ein Gülden oder zwei würden mich

schneller von dannen tragen.“

„Taugenichts,“ sprach der Herzog, „ist es an Deinem Ungehorsam nicht

genug? Willst Du mich auch noch um Geld bitten?“

„Ich muß wohl, Herr, da ich Euch keins nehmen kann.“

Der Herzog gab ihm einen Gülden.

Darauf sprach Ulenspiegel zu seinem Esel:

„Jef, steh auf und grüße Seine Gnaden.“

Der Esel erhob sich und schrie aufs neue. Dann zogen beide von dannen.

62

Soetkin und Nele saßen an einem Fenster und blickten auf die Straße.

Soetkin sagte zu Nele:

„Herzchen, siehst Du nicht meinen Sohn Ulenspiegel kommen?“

„Nein,“ sprach Nele, „wir werden den schlimmen Landstreicher nicht

wiedersehen.“

„Nele,“ sprach Soetkin, „Du mußt nicht bös auf ihn sein, sondern ihn

beklagen, denn er ist fern von Hause der gute Junge.“

„Ich weiß es wohl,“ sprach Nele; „er hat ein andres Heim gar weit von

hier, reicher als seins, wo irgend eine schöne Dame ihm sicherlich

Obdach gibt.“

„Das wäre ein groß Glück für ihn,“ sagte Soetkin; „vielleicht wird er

dort mit Fettammern gespeist.“

„Warum gibt man ihm nicht Steine zu essen: dann wäre er geschwind hier,

der Nimmersatt!“ sagte Nele.

Da lachte Soetkin und fragte: „Woher kommt Dir dieser große Zorn, mein

Herz?“

Aber Klas, der in tiefem Sinnen in einer Ecke Reisigbündel schnürte,

sagte:

„Siehst Du nicht, daß sie in ihn vernarrt ist?“

„Ei, seht doch die durchtriebene Dirne,“ sprach Soetkin, „die mich

nichts davon hat merken lassen. Ist es wahr, Liebchen, daß Du ihn

möchtest?“

„Glaubet es nicht“, erwiderte Nele.

„Da wirst Du einen wackern Ehemann haben,“ sprach Klas, „mit großem

Maul, leerem Bauch und langer Zunge, der die Gülden zu Hellern macht

und nimmer einen Sou durch seine Arbeit verdient, der allezeit das

Pflaster tritt und die Wege mit der Elle des Vaganten mißt.“

Aber Nele erwiderte, über und über rot und zornig:

„Warum habt Ihr nichts andres aus ihm gemacht?“

„Da haben wir’s, nun weint sie,“ sprach Soetkin; „schweig doch, Mann.“

63

Eines Tages kam Ulenspiegel gen Nürnberg und gab sich allda für einen

großen Arzt und Obsieger aller Krankheiten aus, bewährt im Purgieren,

berühmt fürs Bezwingen von Fiebern, vielgepriesen ob seiner Kunst, der

Pest den Kehraus zu machen, und unüberwindlich im Geißeln der Krätze.

Im Spital gab es so viel Kranke, daß man nicht wußte, wo sie

unterbringen. Da der Spittelmeister Ulenspiegels Ankunft erfuhr,

ging er zu ihm und forschte ihn aus, ob es wahr wäre, daß er alle

Krankheiten heilen könnte.

„Ausgenommen die letzte,“ erwiderte Ulenspiegel, „aber versprecht mir

zweihundert Gülden für die Heilung aller andern, und ich will nicht

einen Heller empfangen, so nicht alle Eure Kranken sagen, daß sie

geheilt sind und das Spital verlassen.“

Des folgenden Tages ging er ins besagte Spital mit festem Blick und

feierlicher Miene, wie ein Doktor. In den Siechenstuben nahm er jeden

Kranken besonders und sprach zu ihm:

„Schwöre, keinem anzuvertrauen, was ich Dir ins Ohr sagen will. Was ist

Dein Gebresten?“

Der Kranke nannte es ihm und schwur Stein und Bein, zu schweigen.

„Wisse,“ sprach Ulenspiegel, „daß ich einen unter Euch durch Feuer zu

Pulver verbrennen muß; von diesem Pulver werd’ ich eine wunderbare

Mixtur machen und sie allen Kranken zu trinken geben. Der, welcher

nicht gehen kann, wird verbrannt werden. Morgen werde ich hierher

kommen, mich mit dem Spittelmeister auf die Straße stellen und Euch

alle herbeirufen, indem ich schreie: Wer nicht krank ist, schnüre seine

Bündel und komme.“

Am Morgen kam Ulenspiegel und rief, wie er gesagt hatte. Alle Kranken,

Lahmen, Hustenden, Fiebernden, mit Schleimflüssen Behafteten, wollten

zugleich hinaus. Alle waren auf der Straße, selbst die, so seit zehn

Jahren ihr Bett nicht verlassen hatten.

Der Spittelmeister fragte sie, ob sie geheilt wären und gehen könnten.

„Ja“, antworteten sie in dem Glauben, daß einer von ihnen im Hofe

verbrannt würde.

Darauf sagte Ulenspiegel zum Spittelmeister:

„Bezahle mich, maßen sie Alle draußen sind und sich für geheilt

erklären.“

Der Meister bezahlte ihm zweihundert Gülden und Ulenspiegel zog ab.

Doch am zweiten Tage sah der Meister seine Kranken in einem schlimmeren

Zustand als zuvor wiederkommen, einen ausgenommen, den die frische Luft

kuriert hatte und den man trunken in den Gassen fand, wie er sang:

„Heil dem großen Doktor Ulenspiegel!“

64

Nachdem die zweihundert Gülden Reißaus genommen hatten, kam Ulenspiegel

nach Wien, allwo er sich bei einem Wagner verdingte; der ließ seine

Gesellen immer hart an, weil sie den Blasebalg der Schmiede nicht stark

genug zogen.

„Holla,“ schrie er beständig, „folgt mit den Bälgen.“

Eines Tages, da der Meister in den Garten ging, macht Ulenspiegel den

Blasebalg los, trägt ihn auf den Schultern davon und folgt seinem

Meister nach. Da dieser sich verwundert, ihn so seltsam beladen zu

sehen, spricht Ulenspiegel zu ihm:

„Meister, Ihr habt befohlen, Euch mit den Bälgen zu folgen. Wo soll ich

ihn hintun, dieweil ich gehe, den andern zu holen?“

„Lieber Knecht,“ erwiderte der Meister, „ich meint’ es nicht also; geh

und lege den Blasebalg wieder an seinen Ort.“

Indessen gedachte er, ihm diesen Streich heimzuzahlen. Fortan stand

er alle Tage um Mitternacht auf, weckte seine Gesellen und hieß sie

arbeiten.

Die Gesellen sprachen zu ihm:

„Meister, warum weckst Du uns mitten in der Nacht?“

„Das ist so meine Weise,“ sprach der Meister, „daß ich meinen Knechten

die ersten acht Tage nicht erlaube, mehr als die halbe Nacht im Bette

zu liegen.“

Die andere Nacht weckte er seine Knechte abermals um Mitternacht.

Ulenspiegel, der auf dem Boden schlief, nahm sein Bett auf den Rücken

und so beladen stieg er in die Schmiede hinunter.

Der Meister sprach zu ihm:

„Bist Du toll? Was lässest Du Dein Bett nicht an seinem Ort?“

„Das ist so meine Weise,“ antwortete Ulenspiegel, „die ersten acht Tage

die halbe Nacht auf meinem Bett und die andere halbe Nacht darunter zu

liegen.“

„Wohlan,“ versetzte der Meister, „und ich habe noch eine andere Weise,

die ist: meine unverschämten Knechte auf die Straße zu werfen, mit

Erlaubnis, die erste Woche auf dem Pflaster und die zweite darunter zu

verbringen.“

„In Eurem Keller, Meister, mit Verlaub, bei den Tonnen mit Braunbier“,

entgegnete Ulenspiegel.

65

Da er den Wagner verlassen hatte und sich wiederum nach Flandern

begab, mußte er sich als Lehrling bei einem Schuster verdingen, der

sich lieber auf der Straße aufhielt, als in der Werkstatt die Ahle zu

handhaben. Als Ulenspiegel ihn zum hundertsten Mal zum Ausgehen bereit

sah, fragte er ihn, wie er das Oberleder zuschneiden solle.

„Schneide es für große und mittlere Füße, damit alles, was das große

und kleine Vieh führt, gemächlich hinein kommen kann.“

„Amen, Meister“, sprach Ulenspiegel.

Als der Schuster gegangen war, schnitt Ulenspiegel das Oberleder zu; es

war nur gut, um Stuten, Eselinnen, Kühe, Säue und Schafe zu beschuhen.

Da der Schuster in die Werkstatt zurückkam und sein Leder in Stücken

sah, sprach er:

„Was hast Du da gemacht, nichtsnutziger Verderber?“

„Was Ihr mich geheißen habt“, antwortete Ulenspiegel.

„Ich habe Dir befohlen, mir Schuhe zuzuschneiden, die allen Denen

passen, so Rindvieh, Schweine und Schafe führen, und Du machst

Schuhzeug nach dem Fuß dieser Tiere.“

Ulenspiegel versetzte:

„Meister, wer führt denn den Eber, wenn nicht die Sau, den Esel, wenn

nicht die Eselin, den Stier, wenn nicht die Kuh und den Widder wenn es

nicht das Schaf ist, zu der Jahreszeit, da alle Tiere brünstig sind?“

Dann ging er hinaus und mußte draußen bleiben.

66

Man war derzeit im April. Die Luft war milde gewesen, nun kam ein

gestrenger Frost, und der Himmel war grau wie am Tag Allerseelen.

Das dritte Jahr von Ulenspiegels Verbannung war seit geraumer Zeit

verflossen, und Nele erwartete ihren Freund jeden Tag.

„Wehe,“ sprach sie, „es wird auf die Birnbäume schneien, auf den

blühenden Jasmin, auf all die armen Pflanzen, die voll Vertrauen auf

die laue Wärme eines vorzeitigen Lenzes erblüht sind. Schon fallen

kleine Flocken vom Himmel auf die Wege. Und es schneit auch auf mein

armes Herz.

„Wo sind die hellen Strahlen, die auf frohen Angesichtern spielten und

auf den Dächern, die sie röter, auf den Scheiben, die sie glänzender

machten? Wo sind sie, die Erde und Himmel, Vögel und Immen wärmten?

Wehe, bei Nacht und bei Tag friert mich jetzo aus Traurigkeit und

langem Harren. Wo bist du, mein Freund Ulenspiegel?“

67

Da Ulenspiegel in die Nähe von Renaix in Flandern kam, hatte er Hunger

und Durst, wollte aber nicht jammern und versuchte die Leute zum

Lachen zu bringen, auf daß man ihm Brot gäbe. Aber das Lachen gelang

ihm schlecht, und die Leute gingen vorüber, ohne etwas zu geben.

Es war kalt: eins ums andre schneite, regnete, hagelte es auf den

Rücken des Landstreichers. Zog er durch Dörfer, so lief ihm das Wasser

im Munde zusammen, wann er nur in einem Mauerwinkel einen Hund einen

Knochen benagen sah. Er hätte gern einen Gülden verdient, doch er wußte

nicht, wie er ihm in sein Ränzel fallen könnte.

Er suchte in der Luft und sah Tauben, die vom Dach eines Taubenschlages

etwas weißes auf den Weg fallen ließen, aber Gülden waren es nicht. Er

suchte auf dem Boden der Landstraße; aber zwischen den Pflastersteinen

blühten keine Gülden.

Er suchte zur Rechten und sah eine häßliche Wolke, die am Himmel

herankam gleichwie eine große Gießkanne; aber er wußte, daß es kein

Platzregen von Gülden sein würde, wenn etwas aus dieser Wolke fiele.

Er suchte zur Linken und erblickte eine Roßkastanie, einen großen

Faulenzer, der da lebte, ohne etwas zu tun: „Ach, sprach er zu sich,

warum gibt es nicht Güldenbäume, das wären gar schöne Bäume.“

Unversehens platzte die große Wolke und die Hagelkörner fielen dicht

auf Ulenspiegels Rücken wie Kieselsteine. „Wehe,“ sprach er, „ich fühle

es genugsam; nur die herrenlosen Hunde wirft man mit Steinen.“ Dann hub

er an zu laufen.

„Es ist nicht meine Schuld, wenn ich keinen Palast, nicht einmal

ein Zelt habe, um meinen mageren Leib zu schützen. O, die garstigen

Hagelkörner; sie sind hart wie Kugeln! Nein, es ist nicht meine Schuld,

wenn ich meine Lumpen durch die Welt schleppe, es ist einzig, weil

es mir so beliebt hat. Warum bin ich nicht Kaiser! Diese Hagelkörner

wollen mit Gewalt in meine Ohren dringen gleich bösen Worten!“ Und er

rannte. „Arme Nase, bald wirst Du durchlöchert sein und kannst den

Reichen dieser Welt, auf die es nicht hagelt, bei ihren Schmäusen als

Pfefferbüchse dienen.“ Dann wischte er sich die Wangen. „Diese werden

den Köchen, denen an ihren Herden warm ist, trefflich als Schaumlöffel

dienen. Ach, wie fern ist die Erinnerung an die Brühen von einst! Mich

hungert! Leerer Bauch, beklage Dich nicht, ihr jammernden Eingeweide,

hört auf zu knurren. Wo verbirgst Du Dich, günstiges Glück? Führe mich

an den Ort, wo ich Weide finde.“

Dieweil er so zu sich selbst sprach, erhellte sich der Himmel vom

Scheine der Sonne; es hörte auf zu hageln und Ulenspiegel sagte: „Guten

Tag, Frau Sonne, meine einzige Freundin, Du kannst mich ja trocknen.“

Aber er lief noch immer, denn ihn fror. Plötzlich sah er von fern einen

weiß und schwarzen Hund des Weges kommen, der rannte geradeaus, mit

hängender Zunge und vorquellenden Augen.

„Das Tier“, sprach Ulenspiegel, „hat die Wut im Leibe!“ Er hub hastig

einen großen Stein auf und kletterte auf einen Baum. Als er den ersten

Ast erreichte, kam der Hund vorbei und Ulenspiegel schleuderte ihm

den Stein auf den Schädel. Der Hund blieb stehen und wollte steif

und kläglich auf den Baum klettern und Ulenspiegel beißen, doch er

vermochte es nicht und fiel hin, um zu sterben.

Ulenspiegel war dessen nicht froh, zumal er, vom Baume herabsteigend,

wahrnahm, daß des Hundes Maul nicht trocken war, wie es seinesgleichen,

von der Tollwut ergriffen, gemeiniglich haben. Dann betrachtete er das

Fell, sah, daß es schön und gut zu verkaufen war, zog es ihm ab, wusch

es und hängte es an seinen Spieß, ließ es ein weniges an der Sonne

trocknen und steckte es in seinen Ranzen. Maßen Hunger und Durst ihn

noch mehr peinigten, ging er in mehrere Bauernhöfe, wagte aber nicht,

das Fell allda zu verkaufen, aus Furcht, daß es das eines Hundes sei,

der dem Bauern gehört hatte. Er bat um Brot, man weigerte es ihm. Die

Nacht kam. Seine Beine waren matt. Er ging in eine kleine Herberge.

Allda sah er eine alte Wirtin, die streichelte einen alten hustenden

Hund, dessen Fell dem des Toten glich.

„Woher kommst Du, Wandersmann?“ fragte die Alte.

Ulenspiegel antwortete:

„Ich komme von Rom, allwo ich den Hund des Papstes von einer

Verschleimung geheilt habe, die ihn über die Maßen quälte.“

„Du hast also den Papst gesehen?“ fragte sie und zapfte ihm ein Glas

Bier ab.

„Ach,“ sprach Ulenspiegel, „es ist mir nur vergönnt gewesen, seinen

heiligen Fuß und seinen geweihten Pantoffel zu küssen.“

Indessen hustete der alte Hund der Wirtin und spie nicht aus.

„Wann tatest Du das?“ fragte die Alte.

„Im vorletzten Mond“, antwortete Ulenspiegel, „kam ich an / ich

wurde erwartet / und pochte an die Tür. „Wer ist da?“ fragte der

allergroßmächtigste, allergeheimste, alleraußerordentlichste Kämmerer

Seiner Allerheiligsten Heiligkeit:/ „Ich bin es,“ antwortete ich,

„hochwürdiger Kardinal, ich komme eigens von Flandern her, um dem

Papste den Fuß zu küssen und seinen Hund von der Schleimsucht zu

heilen.“ / „Ei, Du bist es, Ulenspiegel?“ sagte der Papst, der aus

einer kleinen Tür von der andern Seite sprach. „Ich würde mich freun,

Dich zu sehen, doch das ist gegenwärtig ein unmöglich Ding. Es ist

mir durch die heiligen Dekretalen verboten, Fremden mein Antlitz zu

zeigen, wenn das heilige Bartmesser darüber fährt.“ / „Ach,“ sagte ich,

„ich bin gar unglücklich, ich komme aus weit entlegenen Landen, um

Eurer Heiligkeit den Fuß zu küssen und Euren Hund von der Schleimsucht

zu heilen. Muß ich mit unerfüllten Wünschen heimkehren?“ / „Nein“,

sprach der Papst. Dann hörte ich ihn ausrufen: „Erzkämmerer, schiebt

meinen Sessel bis an die untere Tür und öffnet unten das kleine

Schiebefenster.“ Solches geschah. Ich sah ihn einen mit güldenem

Pantoffel beschuhten Fuß durch das Schiebefenster strecken, und

hörte eine Stimme, die gleichwie Donner rollte, sagen: „Dies ist der

furchtbare Fuß des Fürsten aller Fürsten, des Königs der Könige, des

Kaisers der Kaiser. Küsse, Christ, küsse den heiligen Pantoffel.“

Und ich küßte den heiligen Pantoffel, und ich hatte die Nase ganz

voll Balsam von dem himmlischen Duft, den dieser Fuß ausströmte. Dann

ward das Fenster geschlossen, und die nämliche furchtbare Stimme hieß

mich warten. Die Klappe öffnete sich abermals und heraus kam, mit

Respekt zu vermelden, ein Tier mit räudigem Fell, triefäugig, hustend

und aufgeblasen wie ein Schlauch; es mußte ob seines Bauches mit

gespreizten Beinen gehen.

Der heilige Vater geruhte zum andern Mal zu mir zu sprechen:

„Ulenspiegel,“ sagte er, „hier siehst Du meinen Hund. Er ward von

Schleimsucht und andern Gebresten befallen, als er die Knochen von

Ketzern, denen man sie gebrochen hatte, benagte. Heile ihn, mein Sohn,

Du wirst Dich gut dabei stehen.“

„Trink“, sagte die Alte.

„Schenk ein“, antwortete Ulenspiegel. Dann redete er weiter. „Ich

purgierte den Hund mit Hilfe eines Wundertranks, den ich selber gebraut

hatte, und er ward geheilt.“

„Jesus, Gott und Maria!“ sagte die Alte, „laß mich Dich küssen,

ruhmreicher Pilger, der den Papst gesehen hat und der auch meinen Hund

wird heilen können.“

Aber Ulenspiegel machte sich nichts aus den Küssen der Alten und

sagte: „Die, deren Lippen den heiligen Pantoffel berührt haben,

dürfen innerhalb zweier Jahre von keiner Frau geküßt werden. Gib mir

zuvörderst zum Nachtmahl etliche gute Kalbs-Rippchen, eine Blutwurst

oder zwei, und Bier zur Genüge, dann will ich Deinem Hund eine so klare

Stimme machen, daß, er im Chor der großen Kirche die Aves in e und a

singen kann.“

„Möchtest Du die Wahrheit sagen,“ greinte die Alte, „dann werde ich Dir

einen Gülden geben.“

„Ich werde es tun,“ sprach Ulenspiegel, „aber erst nach dem Nachtmahl.“

Sie trug ihm auf, was er verlangt hatte. Er aß und trank nach

Herzenslust und hätte zum Dank für die Atzung die Alte schier umhalst,

wären nicht seine vorigen Worte gewesen.

Derweil er aß, legte der Hund seine Pfoten auf seine Knie, um einen

Knochen zu bekommen. Ulenspiegel gab ihm mehrere; dann sagte er zur

Wirtin:

„Wenn einer bei Dir gegessen hätte und Dir nicht zahlte, was würdest Du

da tun?“

„Ich würde dem Spitzbuben sein bestes Kleid fortnehmen“, antwortete die

Alte.

„Es ist gut“, sprach Ulenspiegel. Dann nahm er den Hund unter den Arm

und ging in den Stall. Allda sperrte er ihn mit einem Knochen ein,

holte das Fell des Toten aus seinem Ranzen und kam zu der Alten zurück.

Er fragte sie, ob sie gesagt hätte, daß sie dem, der ihr seine Mahlzeit

nicht bezahlte, sein bestes Gewand fortnehmen würde.

„Ja“, antwortete sie.

„Wohlan, Dein Hund hat mit mir gespeist und hat mich nicht bezahlt,

so hab ich ihm nach Deiner Vorschrift sein bestes und einziges Kleid

ausgezogen.“

Und er zeigte ihr das Fell des toten Hundes.

„Ach,“ sprach die Alte weinend, „das ist grausam von Dir, Herr Arzt.

Armes Hündlein! Es war für mich arme Wittfrau wie mein Kind. Weshalb

raubtest Du mir den einzigen Freund, den ich in der Welt hatte? Jetzt

will ich gern sterben.“

„Ich werde ihn auferwecken,“ sagte Ulenspiegel.

„Auferwecken!“ sprach sie. „Und er wird mir wieder schmeicheln, mich

wiederum ansehen und mich lecken und mit dem armen, alten Schwänzlein

wedeln, wenn er mich erblickt? Tut also, Herr Arzt, und Ihr sollt

umsonst hier gespeist haben, eine teure Mahlzeit, und ich will Euch

noch mehr denn einen Gülden obendrein geben.“ „Ich werde ihn ins Leben

zurückrufen, aber dazu bedarf ich heißes Wasser, Sirup, um die Gelenke

zu kleben, Nadel und Faden und geschmälzte Fleischbrühe. Und während

der Operation will ich allein sein.“

Die Alte gab ihm, was er begehrte; er nahm das Fell des toten Hundes

und begab sich in den Stall.

Dort beschmierte er das Maul des alten Hundes mit geschmälzter Brühe,

der ließ es mit Behagen geschehen. Dann zog er ihm einen großen

Sirupstreifen unter den Bauch und machte ihm Sirup an die Pfoten und

Brühe an den Schwanz. Alsdann stieß er dreimal einen lauten Schrei aus

und sagte darauf: „Steh auf, stehe auf, ich befehl’s, fauler Hund.“

Hurtig steckte er das Fell des toten Hundes in seinen Ranzen, gab

dem lebenden einen gewaltigen Fußtritt und beförderte ihn so in die

Herbergsstube.

Als die Alte sah, daß ihr Hund am Leben war und sich leckte, wollte sie

ihn voll Freuden umhalsen; aber Ulenspiegel ließ es nicht zu.

„Du kannst diesen Hund“, sprach er, „nicht eher liebkosen, als bis er

mit der Zunge allen Sirup abgeleckt hat, mit dem er bestrichen ist;

erst dann werden die Nähte im Fell fest sein. Bezahle mir nunmehr meine

zehn Gülden.“

„Ich hatte einen gesagt,“ antwortete die Alte.

„Einen für die Operation, neun für die Auferweckung“, erwiderte

Ulenspiegel.

Sie zahlte sie ihm. Ulenspiegel machte sich davon, indem er das Fell

des toten Hundes in die Wirtsstube warf und dazu sagte: „Da, Frau,

behalte sein altes Fell, es kann Dir dienen, das neue auszuflicken,

wenn es Löcher bekommt.“

68

Am nämlichen Sonntag ward in Brügge die Prozession des Heiligen Blutes

abgehalten. Klas sagte zu seinem Weib und Nele, sie möchten gehen sie

anzusehen, und sie würden vielleicht Ulenspiegel in der Stadt finden.

Was ihn anginge, sagte er, so würde er das Haus hüten, in Erwartung,

daß der Pilger heimkehrte.

Die beiden Frauen gingen selbander fort. Klas, der in Damm

zurückgeblieben war, setzte sich auf seine Türschwelle und fand das

Städtlein gar verödet. Er vernahm nichts als den kristallenen Ton einer

Dorfglocke, derweil der Wind ihm von Brügge stoßweise die Musik der

Glockenspiele und ein großes Getöse von Böllern und Mörsern zutrug, so

man zu Ehren des Heiligen Blutes abschoß.

In tiefem Sinnen spähte Klas auf den Wegen nach Ulenspiegel, doch

erblickte er nichts denn den klaren, blauen, wolkenlosen Himmel,

etliche Hunde, die mit hängender Zunge in der Sonne lagen, kecke

Sperlinge, so zwitschernd im Staube sich badeten und eine Katze, die

jene belauerte. Die Sonne drang freundlich in alle Häuser und ließ die

Kupferkessel und Zinnhumpen auf den Anrichten erglänzen.

Aber Klas war traurig inmitten dieser Freude und spähte nach seinem

Sohn. Er versuchte, ihn hinter dem grauen Nebel der Wiesen zu sehen,

ihn in dem fröhlichem Rauschen der Blätter und dem lustigen Gesang

der Vögel in den Bäumen zu hören. Plötzlich sah er auf dem Wege von

Maldeghem einen Mann von hoher Gestalt und erkannte, daß es nicht

Ulenspiegel war. Er sah ihn am Rande eines Mohrrübenackers still stehen

und begierig von diesem Gemüse essen.

„Das ist ein Mann, der großen Hunger hat“, sprach Klas. Er hatte ihn

einen Augenblick aus dem Gesicht verloren, sah ihn an der Ecke der

Reiherstraße wieder auftauchen und erkannte in ihm den Boten von Jobst,

welcher ihm die siebenhundert Goldkarolus gebracht hatte. Er ging zu

ihm auf die Straße und sagte:

„Komm in mein Haus.“

Der Mann antwortete:

„Gesegnet seien, die liebreich gegen die irrenden Wandrer sind.“

Auf dem äußeren Fenstersims der Hütte lagen Brosamen, die Soetkin für

die Vögel der Umgegend aufsparte. Sie kamen im Winter dorthin, um sich

Nahrung zu holen. Der Mann nahm etliche dieser Brocken und aß sie.

„Dich hungert und dürstet“, sprach Klas.

Der Mann sagte:

„Seit acht Tagen, wo ich von den Dieben ausgeplündert ward, nähre ich

mich von den Rüben auf den Äckern und den Wurzeln in den Wäldern.“

„So ist es an der Zeit zu schlemmen. Und hier“, sagte er und öffnete

den Wandschrank, „ist eine volle Schüssel Erbsen, Eier, Blutwürste,

Schinken, Genter Wurst und Waterzoey: gedämpfter Fisch. Unten im

Keller schlummert der Wein von Löwen, nach Art des Burgunder gekeltert

und rot und klar wie Rubin; den verlangt es, in den Gläsern zu

erwachen. Wohlan, wir wollen Reisig aufs Feuer legen. Hörst Du die

Blutwürste auf dem Rost singen? Das ist ein Loblied des guten Essens.“

Klas drehte sie um und um und sprach zu dem Manne:

„Sahst Du meinen Sohn Ulenspiegel nicht?“

„Nein“, antwortete er.

„Bringst Du Nachricht von Jobst, meinem Bruder?“ sagte Klas, dieweil

er die gerösteten Blutwürste, einen Eierkuchen mit fettem Schinken und

große Humpen auf den Tisch setzte, und der Wein von Löwen schimmerte

blaßrot in den Flaschen.

Der Mann antwortete:

„Dein Bruder Jobst ist zu Sippenaken bei Aachen auf dem Rade gestorben.

Und das, weil er als Ketzer die Waffen wider den Kaiser getragen hat.“

Klas war wie von Sinnen, und am ganzen Leibe zitternd, denn sein Grimm

war groß, sagte er:

„Elende Henker! Jobst, mein armer Bruder!“

Darauf sprach der Mann ohne Weichheit:

„Unsere Freuden und Leiden sind nicht von dieser Welt.“

Und er begann zu essen. Darauf sagte er:

„Ich habe Deinem Bruder in seinem Kerker beigestanden, indem ich mich

für einen Bauern von Niesweiler, seinen Verwandten, ausgab. Ich komme

hierher, weil er zu mir gesagt hat: Wenn Du nicht gleich mir für den

Glauben stirbst, so gehe zu meinem Bruder Klas. Heiß ihn, im Frieden

des Herrn leben, indem er die Werke der Barmherzigkeit übt und seinen

Sohn insgeheim nach Christi Gebot erzieht. Das Geld, das ich ihm gab,

ward dem armen, unwissenden Volk abgenommen; er möge es anwenden, um

Tyll in der Erkenntnis Gottes und des Wortes zu erziehen.“

Nachdem er solches gesagt, gab der Bote Klas den Friedenskuß.

Und Klas wehklagte und sprach:

„Auf dem Rade gestorben, mein armer Bruder!“

Und er konnte seines Schmerzes nicht Herr werden.

Jedoch da er sah, daß den Mann dürstete und daß er sein Glas hinhielt,

schenkte er ihm Wein ein; aber er aß und trank ohne Lust. Soetkin und

Nele waren sieben Tage fern; während der Zeit wohnte der Bote von Jobst

unter Klasens Dach.

Jede Nacht hörten sie Katheline in der Hütte heulen:

„Das Feuer, das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will hinaus!“

Und Klas ging zu ihr und redete ihr gütlich zu und kehrte dann in sein

Haus zurück.

Nach Verlauf der sieben Tage ging der Mann von hinnen und wollte

von Klas nicht mehr denn zwei Karolus nehmen, um unterwegs Kost und

Herberge zu finden.

69

Als Nele und Soetkin von Brügge heimgekehrt waren, saß Klas in seiner

Küche auf dem Boden nach Art der Schneider und nähte Knöpfe an eine

alte Hose. Nele war bei ihm und hetzte Titus Bibulus Schnuffius

auf den Storch; bald stürzte er sich auf ihn, bald wich er zurück

und heulte dabei in den höchsten Tönen. Der Storch, auf einem Bein

stehend, blickte ihn ernst und nachdenklich an und zog seinen langen

Hals in sein Brustgefieder zurück. Da Titus Bibulus Schnuffius seine

Friedfertigkeit sah, heulte er noch schrecklicher. Aber unversehens

schoß der Vogel, den diese Musik verdroß, seinen Schnabel wie einen

Pfeil in den Rücken des Hundes, welcher entfloh und um Hilfe heulte.

Klas lachte, Nele desgleichen; Soetkin schaute immerwährend auf die

Straße und spähte, ob sie Ulenspiegel nicht kommen sähe. Plötzlich

sprach sie:

„Da ist der Profos und vier Büttel. Ohne Zweifel haben sie es nicht auf

uns abgesehen. Ihrer zwei gehen rund um die Hütte.“

Klas hob die Nase von der Arbeit auf.

„Und zwei bleiben vorne stehen“, redete Soetkin weiter.

Klas stund auf.

„Wen werden sie in dieser Straße gefangen nehmen?“ sagte sie.

„Herr Jesus, Mann, sie kommen herein.“

Klas sprang aus der Küche in den Garten, Nele ihm nach. Er sagte zu ihr:

„Rette die Karolus, sie sind hinter der Rückwand des Rauchfangs.“

Nele verstand ihn und da sie sah, daß er über die Hecke sprang und als

die Büttel ihn beim Kragen packten, daß er sie schlug, um sie los zu

werden, da schrie und weinte sie:

„Er ist unschuldig, er ist unschuldig! Tut meinem Vater Klas kein Leids

an! Ulenspiegel, wo bist Du? Du würdest sie alle beide töten!“

Und sie warf sich auf einen der Büttel und zerfleischte ihm das Gesicht

mit ihren Nägeln. Dann schrie sie: „Sie werden ihn umbringen“, warf

sich in das Gras im Garten und wälzte sich darin wie von Sinnen.

Katheline war auf den Lärm herbeigekommen, sie stand aufrecht und

unbeweglich, sah dem Schauspiel zu und schüttelte den Kopf: „Das Feuer,

das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will heraus!“ Soetkin sah nichts

und sprach zu den Bütteln, die in die Hütte getreten waren:

„Ihr Herren, was suchet Ihr in unserer armen Behausung? Wenn es mein

Sohn ist, der ist fern. Da müsset Ihr lange Beine machen.“

Solches sagend war sie frohen Mutes.

Indem schrie Nele um Hilfe. Soetkin lief in den Garten, sah, wie ihr

Mann auf dem Weg bei der Hecke festgehalten ward und sich sträubte.

„Schlag zu, töte sie“, rief sie. „Ulenspiegel, wo weilst Du?“

Sie wollte ihrem Manne zu Hilfe kommen, doch einer der Büttel packte

sie um den Leib, nicht ohne Fährnis für sie.

Klas wehrte sich und schlug so heftig, daß er wohl hätte entkommen

mögen, wären nicht die beiden Büttel, mit denen Soetkin gesprochen

hatte, denen, so ihn hielten, zu Hilfe kommen.

Mit gebundenen Händen führten sie ihn in die Küche, allwo Soetkin und

Nele weinten und schluchzten.

„Herr Profos,“ sagte Soetkin, „was hat mein armer Mann getan, daß Ihr

ihn also mit diesen Stricken bindet?“

„Ketzer“, sprach einer der Büttel.

„Ketzer,“ sprach Soetkin dagegen, „Du bist ein Ketzer, Du! Diese Teufel

haben gelogen.“

Klas antwortete:

„Ich befehle mich in Gottes Hut.“

Er ging fort. Nele und Soetkin folgten ihm weinend und vermeinend, daß

man sie auch vor den Richter bringen würde. Freunde und Gevatterinnen

kamen zu ihnen, aber da sie vernahmen, daß Klas also gebunden ging,

weil er der Ketzerei verdächtig war, hatten sie so große Furcht, daß

sie eilends wieder in ihre Häuser gingen und alle Türen hinter sich

zuschlossen. Nur etliche Mägdlein wagten zu Klas zu kommen und zu ihm

zu sagen:

„Wohin gehst Du also gebunden, Kohlenträger?“

„Wohin Gott will, Ihr Mägdlein“, sprach er.

Sie brachten ihn in den Gemeindekerker, und Soetkin und Nele setzten

sich auf die Schwelle. Da es Abend ward, sagte Soetkin zu Nele, sie

solle sie lassen und sehen, ob Ulenspiegel nicht heimkehrte.

70

Die Kunde verbreitete sich alsbald in den benachbarten Dörfern, daß

man einen Mann um der Ketzerei willen eingekerkert hätte, und daß

der Inquisitor Titelman, Dechant von Renaix, mit dem Beinamen der

Herzlose, das Verhör leiten sollte. Zur selbigen Zeit lebte Ulenspiegel

in Koolkerke und stand in Gunst und Gnaden bei einer artigen Bäuerin,

einer gefälligen Wittib, die ihm nichts abschlug, was ihr zu eigen

war. Ulenspiegel war dort guter Dinge, ward gehätschelt und geliebkost

bis an den Tag, wo ein falscher Nebenbuhler, ein Schöffe der Gemeine,

ihm beim Verlassen der Schenke auflauerte, um ihn durchzubläuen. Doch

Ulenspiegel warf ihn in den Sumpf, damit er seinen Zorn abkühle, und

der Schöffe kroch heraus, so gut er’s vermochte, grün wie eine Kröte

und durchweicht wie ein Schwamm.

Für diese Heldentat mußte Ulenspiegel Koolkerke verlassen. Er rannte,

so schnell seine Beine ihn trugen, nach Damm, denn er fürchtete die

Rache des Schöffen.

Der Abend sank kühl herab. Ulenspiegel lief schnell, es verlangte ihn,

daheim zu sein. Im Geiste sah er Nele nähen, Soetkin das Nachtmahl

bereiten und Klas Reisigbündel schnüren, Schnuffius einen Knochen

benagen und den Storch der Hausmutter auf den Bauch klopfen, um einige

Brocken vom Essen abzubekommen.

Ein wandernder Hausierer sprach im Vorbeigehen zu ihm:

„Wohin so eilends?“

„Nach Damm, nach Haus“, antwortete Ulenspiegel.

Der Hausierer erwiderte:

„Die Stadt ist nicht mehr sicher wegen der Reformierten, die man da

verhaftet.“

Und er ging weiter.

Als Ulenspiegel am Wirtshaus „zum roten Schild“ anlangte, kehrte er

ein, um ein Glas Doppelbier zu trinken. Der Wirt sprach zu ihm:

„Bist Du nicht des Klas Sohn?“

„Der bin ich“, antwortete Ulenspiegel.

„Spute Dich,“ sprach der Wirt, „denn die schlimme Stunde hat für Deinen

Vater geschlagen.“

Ulenspiegel fragte, was er damit meinte.

Der Wirt antwortete, er würde es nur allzubald erfahren.

Und Ulenspiegel rannte weiter.

Als er bei den ersten Häusern von Damm anlangte, sprangen ihm die

Hunde, so auf den Türschwellen standen, an die Beine und kläfften und

bellten. Die alten Weiber kamen auf den Lärm heraus und riefen ihm alle

miteinander zu:

„Woher kommst Du? Hast Du Kunde von Deinem Vater? Wo ist Deine Mutter?

Ist sie auch im Kerker mit ihm? Wehe! Gnade Gott, daß man ihn nicht

verbrenne!“

Ulenspiegel lief noch rascher.

Er begegnete Nele, die sprach zu ihm:

„Tyll, geh nicht in Dein Haus. Die aus der Stadt haben im Namen Seiner

Majestät einen Wächter dort angestellt.“

Ulenspiegel blieb stehen:

„Nele,“ sprach er, „ist es wahr, daß mein Vater Klas im Gefängnis ist?“

„Ja,“ antwortete Nele, „und Soetkin weint auf der Schwelle.“ Da schwoll

das Herz des verlorenen Sohnes vor Leid und er sprach zu Nele:

„Ich will sie besuchen.“

„Nicht das sollst Du tun, sondern vielmehr Klas gehorchen, der mir, ehe

sie ihn ergriffen, gesagt hat: „Rette die Karolus, sie sind hinter der

Rückwand des Rauchfangs.“ Die müssen zuerst gerettet werden, denn sie

sind Soetkins, des armen Weibes Erbe.“

Ulenspiegel hörte nichts und eilte zum Gefängnis. Allda sah er Soetkin

auf der Schwelle sitzen; sie umfing ihn mit Tränen und sie weinten

mitsammen.

Und da das Volk sich ihretwegen in Haufen um das Gefängnis scharte,

kamen Büttel und geboten Ulenspiegel und Soetkin, daß sie sich ehestens

fortscheren sollten.

Mutter und Sohn gingen in Neles Hütte, die ihrem Hause benachbart war.

Vor diesem sahen sie einen der Landsknechte, die von Brügge entboten

waren, aus Furcht vor Unruhen, die während des Gerichts und der

Hinrichtung entstehen mochten. Denn die Leute von Damm liebten Klas von

Herzen.

Der Soldat saß auf dem Pflaster vor der Tür und war geschäftig, den

letzten Tropfen Branntwein aus einer Flasche zu saugen. Da er nichts

mehr darin fand, warf er sie einige Schritte weit, zog sein kurzes

Schwert und ergötzte sich damit, die Pflastersteine auszugraben.

Soetkin trat bitterlich weinend bei Katheline ein. Und Katheline

schüttelte den Kopf: „Das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will

hinaus“, sprach sie.

71

Die Sturmglocke rief die Richter zum Tribunal und sie vereinigten sich

um vier Uhr in der „Vierschare“ um die Gerichtslinde.

Klas ward vor sie gebracht und sah den Amtmann von Damm feierlich

unter einem Baldachin sitzen und ihm zur Seiten und gegenüber den

Bürgermeister, die Schöffen und den Gerichtsschreiber.

Das Volk kam beim Klange der Glocke in Haufen herbei und sprach:

„Viele unter den Richtern sind nicht da, um ein Werk der Gerechtigkeit,

sondern der kaiserlichen Knechtschaft zu üben.“

Der Gerichtsschreiber machte bekannt, daß, nachdem der Gerichtshof

sich zuvor in der Vierschare um die Linde versammelt, selbiger Anlaß

gefunden habe, in Ansehung und Kenntnis der Anzeigen und Aussagen, Klas

den Kohlenträger, aus Damm gebürtig, Ehemann von Soetkin, Jobstens

Tochter, gefänglich einzuziehen. Nunmehr würden sie zum Verhör der

Zeugen schreiten.

Hans Barbier, des Klas Nachbar, ward zuerst vernommen. Nachdem er den

Eid geleistet hatte, sagte er aus:

„Beim Heil meiner Seele versichere und bezeuge ich, daß gegenwärtiger

Klas mir seit nahezu siebenzehn Jahren bekannt ist, daß er allezeit

rechtschaffen und nach den Gesetzen unserer heiligen Mutter Kirche

gelebt, niemals schimpflich von ihr geredet hat. Noch hat er meines

Wissens irgend einen Ketzer beherbergt, noch das Buch Luthers

verborgen, noch von besagtem Buche geredet, oder irgend etwas getan,

das ihn verdächtigen könnte, gegen die Gesetze und Verordnungen des

Reiches gefehlt zu haben. So helfe mir Gott und alle seine Heiligen.“

Alsdann wurde Jan van Roosebeke verhört. Er sagte aus, daß er bei

Abwesenheit von Soetkin, Klasens Weib, oftmals die Stimme zweier

Männer im Hause des Beklagten zu vernehmen vermeint habe. Oftmals am

Abend nach der Feierabendglocke habe er in einer kleinen Stube unterm

Dach ein Licht und zwei Männer, deren einer Klas war, vertraulich

mitsammen reden sehen. Wenn er sagen sollte, ob der andere Mann ein

Ketzer war oder nicht, so vermöchte er das nicht, denn er hätte ihn nur

von ferne gesehen. „Was Klas angeht,“ fügte er hinzu, „so sage ich aus

und spreche die volle Wahrheit, daß er, so lange ich ihn kenne, um die

Osterzeit nach der Regel beichtete, an den hohen Festen kommunizierte,

alle Sonntag zur Messe ging, ausgenommen den Sonntag des heiligen

Blutes und die folgenden. Und mehr weiß ich nicht. So wahr mir Gott und

alle seine Heiligen helfen.“

Befragt, ob er nicht gesehen hätte, wie Klas in der Schenke „zum blauen

Turm“ Ablaß verkauft und über das Fegefeuer gespottet hätte, erwiderte

Jan van Roosebeke, daß Klas allerdings Ablaß verkauft hätte; doch ohne

Verachtung oder Spott. Er, Jan van Roosebeke hätte davon gekauft, und

also habe auch Jobst Griepenstüver, der Älteste der Fischergilde tun

wollen, der dort in der Menge sei.

Darauf sagte der Amtmann, er wolle die Taten und Handlungen, um

derentwillen Klas vor den Gerichtshof der Vierschare geführt sei,

bekannt geben.

„Der Angeber“, sagte er, „war von ohngefähr in Damm geblieben, um

nicht in Brügge sein Geld für Schlemmerei und Prasserei auszugeben,

wie das allzu oft bei diesen heiligen Gelegenheiten geübt wird; er

saß auf seiner Türschwelle und schöpfte Luft. Da erblickte er einen

Mann, der in der Reiherstraße ging. Da Klas diesen Mann bemerkte,

ging er auf ihn zu und begrüßte ihn. Der Mann war in schwarzes Linnen

gekleidet. Er trat bei Klas ein, und die Tür der Hütte blieb halb

geöffnet. Begierig zu wissen, wer dieser Mann wäre, trat der Angeber

in den Hausflur; er hörte Klas in der Küche mit dem Fremden von einem

gewissen Jobst, seinem Bruder, sprechen, der unter den Truppen der

Reformierten zum Gefangenen gemacht und für diese Tat unweit von Aachen

lebendig gerädert worden. Der Fremde sagte zu Klas, daß er das Geld,

so er von seinem Bruder empfahen, anwenden solle, seinen Sohn in der

reformierten Religion zu erziehen, maßen es der Unwissenheit armer

Leute abgewonnen sei. Desgleichen hat er Klas aufgefordert, den Schoß

Unserer Heiligen Mutter Kirche zu verlassen, und andere gottlose Worte

ausgesprochen, auf welche Klas nur mit den Worten erwiderte: „Grausame

Henker! Mein armer Bruder!“ Und also lästerte der Angeklagte Unsern

Heiligen Vater, den Papst, und Seine Königliche Majestät, indem er

sie der Grausamkeit beschuldigte, weil sie die Ketzerei zu Recht als

göttliches und menschliches Majestätsverbrechen bestraften. Als der

Mann mit Essen fertig war, hörte der Angeber Klas ausrufen: „Armer

Jobst, den Gott in seine Herrlichkeit aufnehme, sie waren grausam

gegen Dich!“ Und so klagte er Gott selber der Gottlosigkeit an durch

den Glauben, daß er Ketzer in seinem Himmel aufnehmen könne. Und Klas

ließ nicht nach zu sagen: „Mein armer Bruder.“ Darob geriet der Fremde

in Wut wie ein Ketzerlehrer bei seiner Predigt und schrie: „Sie wird

stürzen, die große Babel, die römische Hure, und sie wird die Behausung

von Teufeln und der Schlupfwinkel jedes Galgenvogels werden!“ Klas

sagte: „Grausame Henker! Mein armer Bruder!“ Der Fremde redete ein

Mehreres und sagte: „Denn der Engel wird den Stein nehmen, groß wie

ein Mühlstein. Und der Stein wird ins Meer geschleudert werden, und

der Engel wird sagen: „Also wird die große Babel verworfen und nicht

mehr gefunden werden.“ „Herr,“ sprach Klas, „Euer Mund ist voll Zornes;

aber saget mir, wann wird das Reich kommen, wo die, so sanftmütigen

Herzens sind, in Frieden auf Erden leben können?“ „Nimmer!“ antwortete

der Fremde, „solange der Antichrist herrschen wird, welcher ist der

Papst und Widersacher aller Wahrheit!“ / „Ach,“ sprach Klas, „Ihr redet

ohne Ehrfurcht von Unserm Heiligen Vater. Gewißlich weiß er nichts

von den grausamen Todesstrafen, mit denen man die armen Reformierten

strafet.“ Der Fremde erwiderte: „Er kennt sie nur zu wohl, denn er ist

es, der die Urteile schleudert und sie durch den Kaiser und jetzo den

König ausführen läßt. Der hat den Nutzen von den Gütereinziehungen;

er beerbt die Verstorbenen und macht den Reichen gern den Prozeß wegen

Ketzerei.“ Klas antwortete: „Man redet von solchen Dingen im Lande

Flandern, ich muß sie glauben. Das Fleisch des Menschen ist schwach,

selbst wenn es königlich Fleisch ist. Mein armer Jobst.“ Und also gab

Klas zu verstehen, daß Seine Majestät aus niedriger Gewinnsucht die

Anstifter der Ketzerei strafte. Da der Fremde ihn beschwatzen wollte,

erwiderte Klas: „Herr, wollet mir nicht mehr solche Reden halten, die,

wenn sie gehört würden, mir einen schlimmen Prozeß zuziehen könnten.“

Klas erhob sich, um in den Keller zu gehen, und kam mit einem Maß Bier

wieder herauf. „Ich will die Tür schließen“, sagte er alsdann, und der

Angeber hörte nichts mehr, denn er mußte eilends aus dem Hause gehen.

Die Tür, so zuvor verschlossen war, ward jedoch bei sinkender Nacht

wieder geöffnet. Der Fremde kam heraus, kehrte aber alsbald zurück,

pochte und sagte dabei: „Klas, mich friert, ich weiß nicht, wo ich

einkehren soll. Gib mir Obdach, niemand hat mich hereinkommen sehen,

die Stadt ist menschenleer.“

Klas nahm ihn bei sich auf, entzündete eine Laterne, und man sah ihn,

dem Ketzer vorangehend, die Stiege hinaufsteigen und den Fremden in ein

Kämmerlein unter dem Dach führen, dessen Fenster aufs Feld ging.“

„Wer anders“, schrie Klas, „kann alles dies berichtet haben, wenn nicht

Du, schändlicher Fischhändler, den ich am Sonntag aufrecht wie einen

Pfahl auf seiner Schwelle sah, wie Du heuchlerisch nach den Schwalben

in der Luft blicktest.“

Und er wies mit dem Finger auf Jobst Griepenstüver, den Ältesten der

Fischhändler, der seine häßliche Fratze unter dem Volk zeigte. Der

Fischhändler lächelte hämisch, da er sah, daß Klas sich solchergestalt

verriet. Alles Volk, Männer, Frauen und Kinder sprachen untereinander:

„Armer, guter Mann, seine Worte werden ihm den Tod bringen.“

Aber der Gerichtsschreiber fuhr in seiner Verlesung fort:

„Der Ketzer und Klas sprachen jene Nacht lange zusammen, desgleichen

während sechs anderer, in welchen man den Fremdling mancherlei

dräuende oder segnende Gebärden machen sah, auch wahrnehmen konnte, wie

er die Arme gen Himmel hob; wie Ketzer zu tun pflegen. Und dem Anschein

nach hieß Klas seine Reden gut. Gewißlich sprachen sie während jener

Tage, Abende und Nächte schändlich über Messe und Beichte, über den

Ablaß und über Seine Königliche Majestät.“

„Keiner hat es gehört,“ sagte Klas, „und man kann mich nicht

solchergestalt ohne Beweise anklagen.“

Der Gerichtsschreiber versetzte:

„Man hat anderes gehört. Als der Fremde den siebenten Tag um die zehnte

Stunde aus Deinem Hause ging und es schon Abend war, da gabst Du ihm

bis zur Grenze von Kathelines Feld das Geleite. Allda erkundigte er

sich, was Du mit den schändlichen Götzenbildern / und der Amtmann

bekreuzte sich / der erhabenen Frau Maria und der hohen Heiligen

Nikolas und Martin gemacht hättest. Du gabst zur Antwort, daß Du sie

zerbrochen und in den Brunnen geworfen hättest. Und wirklich wurden sie

verwichene Nacht in Deinem Brunnen gefunden, und die Stücke sind auf

der Folterkammer.“

Bei diesen Worten schien Klas niedergeschinettert. Der Amtmann fragte,

ob er etwas zu erwidern hätte, doch Klas schüttelte verneinend den Kopf.

Der Amtmann fragte ihn, ob er nicht den verruchten Gedanken, die Bilder

zu zerbrechen, desgleichen die gottlose Verirrung, kraft deren er

schändende Worte wider seine göttliche und Seine Königliche Majestät

gesprochen, widerrufen wolle.

Klas erwiderte, daß sein Leib Seiner Königlichen Majestät, sein

Gewissen aber Christo gehörte, dessen Gebot er folgen wolle. Der

Amtmann fragte ihn, ob dieses Gebot das Unserer Heiligen Mutter Kirche

wäre. Klas antwortete:

„Es ist im Heiligen Evangelio.“

Aufgefordert, auf die Frage zu antworten, ob der Papst der Statthalter

Gottes auf Erden sei, sprach er:

„Nein.“

Verhört, ob er es für unerlaubt hielte, die Bilder der erhabenen Frau

Maria und der hohen Heiligen anzubeten, antwortete er, daß solches

Götzendienst wäre. Im Punkte der Ohrenbeichte befragt, ob selbe eine

gute und heilsame Sache sei, sprach er:

„Christus hat gesagt: Beichtet einer dem andern.“

Seine Antworten waren tapfer, wiewohl er im Grunde seines Herzens

betrübt und erschrocken schien.

Da es acht Uhr geschlagen hatte und die Nacht herabsank, zog sich der

hohe Gerichtshof zurück und verschob das endgültige Urteil auf den

nächsten Tag.

72

In Kathelines Hütte weinte Soetkin vor irrem Schmerz. Ohne Unterlaß

sagte sie:

„Mein Mann, mein armer Mann!“

Ulenspiegel und Nele umarmten sie mit inniger Zärtlichkeit. Dann

drückte sie sie in die Arme und weinte still. Hierauf machte sie ihnen

ein Zeichen, sie allein zu lassen. Nele sprach zu Ulenspiegel: „Wir

wollen sie verlassen, sie will es; laß uns die Karolus retten.“

Sie gingen beide hinaus. Katheline ging um Soetkin herum und sprach:

„Bohrt ein Loch, die Seele will hinaus.“

Und Soetkin blickte sie starren Auges an, ohne sie zu sehen.

Die Hütten von Klas und Katheline stießen aneinander, die von Klas trat

zurück und hatte ein Gärtlein vor dem Haus; die von Katheline hatte ein

Stück Land, mit Saubohnen bepflanzt, nach der Straße zu. Das Land war

mit einer grünen Hecke eingefriedigt, darein Ulenspiegel, um zu Nele zu

gehen, und Nele um zu Ulenspiegel zu gehen, in ihren Kinderjahren ein

großes Loch gemacht hatten.

Ulenspiegel und Nele kamen in den Gemüsegarten, sahen von dort den

wachthabenden Soldaten, der mit dem Kopf wackelte und in die Luft

spuckte, aber der Speichel fiel auf sein Wams zurück. Eine Flasche,

die mit Weiden umflochten war, lag neben ihm.

„Nele,“ sagte Ulenspiegel ganz leise, „dieser trunkne Soldat hat noch

nicht genug für seinen Durst; er muß noch mehr trinken. So werden wir

die Herren sein. Laß uns die Flasche nehmen.“

Beim Ton ihrer Stimmen wandte der Landsknecht seinen schweren Kopf

nach ihrer Seite, suchte seine Flasche und da er sie nicht fand, fuhr

er fort in die Luft zu spucken und versuchte, beim Mondschein seinen

Speichel fallen zu sehen.

„Der Branntwein geht ihm bis an die Zähne,“ sprach Ulenspiegel. „hörst

Du, wie er mit Mühe spuckt?“

Indessen streckte der Soldat, nachdem er oftmals gespuckt und in die

Luft gesehen, wiederum den Arm aus, um die Hand auf die Flasche zu

legen. Er fand sie, hielt den Mund an die Öffnung, bog den Kopf nach

hinten, kippte die Flasche um und schlug ein wenig darauf, auf daß sie

ihm ihren ganzen Saft gäbe; und er sog daran, wie ein Kind an der Brust

seiner Mutter. Da er nichts darinnen fand, ließ er es dabei bewenden,

legte die Flasche neben sich, fluchte etliches auf hochdeutsch, spuckte

wiederum, schüttelte den Kopf von rechts nach links und schlief mit

unverständlichem Geplapper ein.

Aber Ulenspiegel, wissend, daß dieser Schlaf nicht andauern würde,

und daß man ihn noch tiefer machen müßte, glitt durch das Loch in der

Hecke, nahm die Flasche des Soldaten und gab sie Nele, welche sie mit

Branntwein füllte.

Der Soldat hörte nicht auf zu schnarchen: Ulenspiegel schlüpfte wieder

durch das Loch in der Hecke, legte ihm die volle Flasche zwischen die

Beine, kehrte in Kathelines Gärtlein zurück und wartete mit Nele hinter

der Hecke.

Die Kühle der frischgezapften Flüssigkeit machte den Soldaten etwas

wach und mit der ersten Bewegung suchte er nach dem kalten Ding unter

seinem Wamse.

Mit dem rechten Gefühl eines Trunkenbolds erwog er, daß dies wohl eine

volle Flasche sein könnte, und legte die Hand darauf. Ulenspiegel und

Nele sahen, wie er beim Schein des Mondes die Flasche schüttelte, um

das Glucksen der Flüssigkeit zu hören; dann kostete er davon, lachte,

war baß erstaunt, daß sie so voll war, trank einen Schluck, tat einen

Zug, setzte sie zu Boden, nahm sie abermals und trank von neuem.

Dann hub er an zu singen:

Wenn der Meister Mond erscheint,

Die Frau See zu grüßen,

Trägt sie ihm wohl auf

Einen Humpen Glühwein;

Wenn der Meister Mond erscheint.

Speist mit ihm zur Nacht,

Küßt ihn manchesmal,

Gibt nach gutem Schmaus

Ihm ihr Bett zum Lager;

Wenn der Meister Mond erscheint.

Also tu auch Du, mein Liebchen,

Leckern Schmaus und guten Glühwein,

Also tu auch Du, mein Liebchen,

Wenn der Meister Mond erscheint.

Um und um trinkend und einen Vers singend, schlief er ein. Und er

konnte nicht hören, daß Nele sagte: „Sie sind in einem Topf hinter der

Rückwand des Rauchfangs“; noch sah er, wie Ulenspiegel durch den Stall

in Klasens Küche trat, den Stein von der Rückwand abhob, den Topf und

die Karolus fand, auf Kathelines Anwesen zurückkehrte und die Karolus

an der Seite der Brunnenmauer vergrub, wohl wissend, daß man sie

darinnen und nicht außerhalb suchen würde.

Dann gingen beide wieder zu Soetkin und fanden die schmerzensreiche

Frau in Tränen. Sie sprach:

„Mein Mann, mein armer Mann!“

Nele und Ulenspiegel wachten bei ihr bis zum Morgen.

73

Am folgenden Tag rief die Sturmglocke die Richter mit lauten Schlägen

zum Gericht der Vierschare.

Da sie sich auf den vier Bänken um den Baum der Gerechtigkeit

niedergesetzt, verhörten sie Klas abermals und fragten ihn, ob er seine

Irrtümer aufgeben wollte.

Klas hob die Hand gen Himmel:

„Christus, mein Herr, blickt auf mich herab“, sagte er. „Ich schaute

in seine Sonne, als mein Sohn Ulenspiegel geboren ward. Wo ist er zur

Stunde, der Landstreicher? Soetkin, mein sanftes Weib, wirst Du im

Unglück tapfer sein?“

Dann sah er die Linde an und verfluchte sie.

„Sturm und Dürre! Macht, daß die Bäume auf unserer Väter Erde lieber

alle bis auf den Stamm zugrunde gehen, denn daß unter ihrem Schatten

das freie Gewissen zum Tode verdammt wird. Wo bist Du, mein Sohn

Ulenspiegel? Ich war hart gegen Dich. Ihr Herren, habt Mitleid mit mir

und richtet mich, wie unser barmherziger Heiland es täte.“

Alle, die ihn hörten, weinten, nur die Richter nicht.

Dann fragte er, ob es keine Begnadigung für ihn gäbe, und sprach:

„Ich habe immer gearbeitet und wenig verdient, ich war gut zu den Armen

und freundlich gegen jedermann. Die römische Kirche habe ich verlassen,

um dem Geist Gottes zu gehorchen, der zu mir sprach. Ich flehe um

keine Gnade, denn daß die Feuerstrafe in ewige, lebenslängliche

Landesverweisung verwandelt werde, welche Strafe wahrlich schon groß

ist.“

Alle, die gegenwärtig waren, schrien:

„Gnade, Ihr Herren! Erbarmen!“

Aber Jobst Griepenstüver rief nicht.

Der Amtmann winkte den Umstehenden zu schweigen und sagte, daß die

Edikte das ausdrückliche Verbot enthielten, für die Ketzer um Gnade zu

bitten. So aber Klas seinen Irrtum abschwören wolle, solle er durch den

Strang anstatt durchs Feuer hingerichtet werden.

Und das Volk sprach:

„Ob Feuer oder Strang, es ist der Tod.“

Und die Frauen weinten, und die Männer murrten dumpf.

Darauf sprach Klas:

„Ich werde mitnichten abschwören. Tut mit meinem Leib, was Eurer

Barmherzigkeit gefallen wird.“

Der Dechant von Renaix, Titelman, schrie:

„Es ist unerträglich zu sehen, wie solches Ketzergeschmeiß das Haupt

vor seinen Richtern erhebt. Ihre Körper zu verbrennen ist eine Strafe

von kurzer Dauer; man muß ihre Seelen retten und sie durch die Folter

zwingen, ihre Irrtümer abzuschwören, auf daß sie dem Volk nicht das

gefährliche Schauspiel von Ketzern geben, die eines unbußfertigen Todes

sterben.“

Bei solcher Rede weinten die Frauen noch mehr, und die Männer sagten:

„Nach einem Geständnis folgt Strafe, nicht Folter!“

Der Gerichtshof entschied, dieweil die Folter in den Verordnungen nicht

vorgeschrieben, so sei es nicht statthaft, sie Klas erleiden zu lassen.

Abermals aufgefordert zu widerrufen, antwortete er:

„Ich kann es nicht.“

Kraft der Edikte ward er der Simonie für schuldig erklärt, wegen

Verkaufes von Ablaß, desgleichen als Ketzer und Helfershelfer von

Ketzern befunden und als solcher verurteilt, vor dem Gitter des

Rathauses lebendig verbrannt zu werden, bis der Tod einträte.

Sein Körper sollte während zweier Tage am Pfahl befestigt bleiben, um

zum Exempel zu dienen, und alsdann an der Stätte begraben werden, wo

die Körper der Hingerichteten verscharrt werden.

Der Gerichtshof bewilligte dem Ankläger Jobst Griepenstüver, des

Name nicht genannt ward, fünfzig Gülden auf die ersten hundert

Karolusgülden der Erbschaft und den zehnten Teil von dem übrigen.

Da Klas diesen Richterspruch vernommen, sprach er zum Ältesten der

Fischhändler:

„Du wirst eines elenden Todes sterben, Du schlechter Mensch, der für

einen armseligen Groschen aus einem glücklichen Eheweib eine Wittib und

aus einem fröhlichen Sohn eine bekümmerte Waise machst.“

Die Richter hatten Klas sprechen lassen, denn auch sie, ausgenommen

Titelman, fühlten große Verachtung für die Angeberei des Obmanns der

Fischergilde.

Dieser schien bleich vor Schmach und Zorn.

Und Klas ward in sein Gefängnis zurückgeführt.

74

Am folgenden Tage, welcher der Vorabend von Klasens Hinrichtung war,

wußten Nele, Ulenspiegel und Soetkin das Urteil.

Sie baten die Richter um Einlaß ins Gefängnis, welches ihnen gewährt

ward, aber nicht Nele.

Da sie hineingingen, sahen sie Klas mit einer langen Kette an die

Mauer gefesselt. Ein kleines Holzfeuer brannte im Kamin wegen der

Feuchtigkeit. Denn nach Recht und Gesetz ist es in Flandern befohlen,

gegen die, so sterben sollen, milde zu sein und ihnen Brot, Fleisch

oder Käse und Wein zu geben. Aber die habgierigen Kerkermeister handeln

oftmals dem Gesetz zuwider, und ihrer sind viele, die den größten Teil

und die besten Stücke der Nahrung der armen Gefangenen essen.

Weinend umarmte Klas Ulenspiegel und Soetkin, aber er war der erste,

der trockne Augen hatte, wie es ihm als Mann und Familienhaupt geziemte.

Soetkin weinte und Ulenspiegel sprach:

„Ich will diese abscheulichen Ketten zerbrechen.“

Soetkin sagte unter Tränen:

„Ich werde zum König Philipp gehen, er wird Dich begnadigen.“

Klas antwortete:

„Der König erbt die Vermögen der Märtyrer.“ Dann fügte er bei:

„Weib und geliebter Sohn, ich gehe traurig und voller Harm aus dieser

Welt. Wenn ich etwelche Furcht vor dem Leiden für meinen Körper habe,

so bin ich gleicherweise recht betrübt zu denken, daß, wenn ich nicht

mehr bin, Ihr alle beide arm und elend sein werdet, denn der König wird

Euch Eure Habe nehmen.“

Mit leiser Stimme antwortete Ulenspiegel:

„Nele hat gestern alles mit mir in Sicherheit gebracht.“

„Des bin ich froh,“ antwortete Klas, „der Angeber wird nicht über

meinen Nachlaß lachen.“

„Möge er vielmehr sterben,“ sprach Soetkin, das Auge voll Haß, ohne zu

weinen.

Aber Klas sprach, der Karolus gedenkend: „Du warst schlau, Tyll, mein

Söhnchen. Dann wird meine Wittib Soetkin in ihren alten Tagen nicht

Hunger leiden.“

Und Klas küßte sie und drückte sie fest an seine Brust und sie weinte

noch mehr, denn sie gedachte, daß sie bald seinen liebenden Schutz

verlieren würde.

Klas sah Ulenspiegel an und sprach:

„Sohn, Du hast oft gesündigt, wenn Du Dich auf den Landstraßen

herumtriebst, wie die bösen Buben tun. Du mußt es nicht mehr tun, mein

Kind, noch die betrübte Witwe allein im Haus lassen; Du, der Mann,

schuldest ihr Schutz und Schirm.“

„Vater, ich werde es tun“, sagte Ulenspiegel.

„Wehe, mein armer Mann“, sprach Soetkin und umarmte ihn. „Welch großes

Verbrechen haben wir begangen? Wir lebten friedlich zu zweit ein

ehrlich und bescheiden Leben und liebten uns innig, Herr Gott, Du weißt

es. Wir standen frühe auf, um zu arbeiten, und am Abend, wenn wir das

Dankgebet sprachen, aßen wir das Brot, so wir tags verdient hatten. Ich

will zum König gehen und ihn mit meinen Nägeln zerfleischen. Herr Gott,

wir waren nicht schuldig.“

Aber der Kerkermeister trat herein und sagte, daß sie gehen müßten.

Soetkin verlangte zu bleiben. Klas fühlte, wie ihr armes Gesicht an dem

seinen glühte, wie Soetkins Zähren in Strömen flossen und seine Wangen

netzten, und wie ihr ganzer armer Körper in seinen Armen bebte und

zitterte. Er bat, daß sie bei ihm bleiben möge.

Der Kerkermeister sagte nochmals, daß sie fort müßten, und zog Soetkin

aus Klasens Armen.

Klas sprach zu Ulenspiegel:

„Wache über sie.“

Der antwortete, er würde es tun. Und Ulenspiegel und Soetkin gingen

selbander fort und der Sohn stützte die Mutter.

75

Am folgenden Morgen, dem Tage der Hinrichtung, kamen die Nachbarn und

schlossen Ulenspiegel, Soetkin und Nele zusammen in Kathelines Hause

ein. Aber sie hatten nicht bedacht, daß sie von fern das Geschrei des

armen Sünders hören und durch die Fenster die Flamme des Holzstoßes

sehen könnten.

Katheline irrte durch die Stadt, schüttelte den Kopf und sprach: „Macht

ein Loch, die Seele will hinaus.“

Um die neunte Stunde ward Klas im Hemde, die Hände auf den Rücken

gebunden, aus dem Gefängnis geführt. Dem Urteil gemäß war der

Scheiterhaufen in der Straße der Frauenkirche aufgeschichtet, rings um

einen Pfahl, der vor den Fenstergittern des Rathauses eingerammt war.

Der Henker und seine Büttel waren noch nicht mit dem Aufschichten des

Holzes fertig.

Klas wartete inmitten dieser Bluthunde geduldig, bis ihre Arbeit getan

war, dieweil der Profos zu Pferde und die Schergen des Amtskreises und

die neun Landsknechte, so von Brüssel herbeigerufen waren, nur mit

großer Mühe das murrende Volk im Zaum halten konnten.

Alle sagten, daß es Grausamkeit wäre, also in seinen alten Tagen

ungerechterweise einen armen, braven Mann zu morden, der so freundlich

und barmherzig und so wacker bei der Arbeit gewesen.

Plötzlich knieten sie nieder und beteten; die Sterbeglocken der

Frauenkirche läuteten.

Katheline stund auch in der Volksmenge in der ersten Reihe und war

ganz irre. Sie blickte Klas und den Scheiterhaufen an und sagte

kopfschüttelnd:

„Das Feuer, das Feuer! macht ein Loch, die Seele will hinaus!“

Da Soetkin und Nele den Klang der Glocken hörten, bekreuzten sie sich

alle beide. Aber Ulenspiegel tat nicht mit, denn er sagte, daß er Gott

nicht nach Art der Henker anbeten wolle. Und er rannte in der Hütte hin

und her und versuchte die Türen einzuschlagen und durch die Fenster zu

springen; aber alle waren bewacht.

Plötzlich schrie Soetkin, das Gesicht in der Schürze bergend:

„Der Rauch!“

Und in Wahrheit sahen die drei Leidtragenden eine große, gar schwarze

Rauchwolke am Himmel. Sie kam vom Scheiterhaufen, auf welchem Klas

an den Pfahl gekettet stand, und der Henker hatte ihn jetzt an drei

Stellen entzündet, im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des

Heiligen Geistes.

Klas schaute um sich, und da er Soetkin und Ulenspiegel nicht in der

Menge gewahrte, ward ihm leichter zumute in dem Gedanken, daß sie ihn

nicht leiden sähen.

Kein ander Geräusch war vernehmbar als Klasens Stimme, der betete,

das prasselnde Holz, die murrenden Männer, die weinenden Frauen und

Katheline, welche schrie: „Nehmt das Feuer fort, macht ein Loch, die

Seele will hinaus.“ Und die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten.

Plötzlich ward Soetkin weiß wie Schnee, bebte am ganzen Leibe, ohne zu

weinen, und wies mit dem Finger gen Himmel. Eine lange, schmale Flamme

war aus dem Scheiterhaufen geschossen und erhob sich zuweilen über die

Dächer der niedern Häuser. Sie war für Klas grausam schmerzhaft, denn

je nach der Laune des Windes zernagte sie seine Beine, streifte seinen

Bart und sengte ihn, beleckte seine Haare und verbrannte sie.

Ulenspiegel hielt Soetkin in seinen Armen und wollte sie vom Fenster

fortreißen. Sie hörten einen gellenden Schrei, welchen Klas ausstieß,

dieweil sein Körper nur an einer Seite brannte. Aber er schwieg und

weinte, und seine Brust war ganz benetzt von seinen Zähren.

Dann hörten Soetkin und Ulenspiegel ein großes Getöse von Stimmen. Es

waren Bürger, Frauen und Kinder, die schrien:

„Klas ist nicht verurteilt, langsam zu brennen, sondern bei starkem

Feuer. Henker, schüre den Holzstoß.“

Der Henker tat also, aber das Feuer flammte nicht schnell genug auf.

„Erdroßle ihn“, schrien sie.

Und sie warfen mit Steinen nach dem Profos.

„Die Flamme! die große Flamme!“ schrie Soetkin.

Und wahrlich, eine rote Flamme stieg inmitten des Rauches zum Himmel.

„Er stirbt“, sagte die Wittib. „Herr Gott, erbarm Dich der Seele des

Unschuldigen. Wo ist der König, daß ich ihm mit meinen Nägeln das Herz

ausreiße?“

Die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten.

Soetkin hörte Klas noch einen lauten Schrei tun, aber sie sah nicht,

wie sein Körper sich krümmte und ächzte, um der Qualen des Feuers

willen, noch wie sein Gesicht sich verzerrte, noch sah sie seinen

Kopf, den er nach allen Seiten drehte und gegen das Holz des Pfahls

schmetterte. Das Volk fuhr fort zu rufen und zu zischen, die Frauen und

die Knaben warfen Steine, als plötzlich der Scheiterhaufen ganz und gar

aufloderte und alle vernahmen, wie Klas mitten in Flammen und Rauch

sprach:

„Soetkin! Tyll!“

Und das Haupt sank ihm auf die Brust wie eine Bleikugel.

Ein durchdringender Weheruf drang aus Kathelines Hütte. Dann hörte man

nichts mehr, nur die arme Wahnsinnige schüttelte den Kopf und sagte:

„Die Seele will hinaus.“

Klas war verschieden. Der ausgebrannte Scheiterhaufen sank am Fuße des

Pfahles in sich zusammen, und der arme, ganz schwarze Körper blieb am

Halse aufgehängt daran stehen.

Und die Totenglocken der Frauenkirche läuteten.

76

Soetkin stand bei Katheline gegen die Mauer gelehnt mit gesenktem Haupt

und gefalteten Händen. Sie hielt Ulenspiegel umfangen, ohne zu reden,

noch zu weinen.

Ulenspiegel war auch stumm; er fühlte mit Schrecken die Fieberglut, so

den Körper seiner Mutter verbrannte.

Die Nachbarn, die vom Richtplatz zurückkamen, sagten, daß Klas

ausgelitten habe.

„Er ist in die Herrlichkeit eingegangen“, sprach die Wittib.

„Bete“, sagte Nele zu Ulenspiegel; und sie gab ihm seinen Rosenkranz,

aber er wollte ihn nicht gebrauchen, weil die Kugeln vom Papst geweiht

wären.

Da die Nacht herabsank, sagte Ulenspiegel zur Wittib:

„Mutter, Du _mußt_ Dich schlafen legen; ich werde bei Dir wachen.“

Aber Soetkin antwortete: „Es tut nicht not, daß Du bei mir wachst: der

Schlaf ist gut für die Jugend.“

Nele bereitete jedem ein Lager in der Küche und ging fort.

Sie blieben beieinander, dieweil die Reste eines Feuers von Baumwurzeln

im Kamin verbrannten.

Soetkin legte sich nieder und Ulenspiegel tat wie sie und hörte sie

unter ihren Decken weinen.

Draußen in der nächtlichen Stille ließ der Wind die Bäume des Kanals

rauschen wie das Meer und als Vorbote des Herbstes schleuderte er den

Staub in Wirbeln gegen die Fenster.

Ulenspiegel sah etwas wie einen Mann, der kam und ging; er hörte ein

Geräusch von Schritten in der Küche; da er hinhorchte, hörte er nichts

mehr als den Wind, der im Kamin heulte, und Soetkin, die unter ihren

Decken weinte.

Dann hörte er wiederum gehen und hinter sich am Kopfende seufzen. „Wer

ist da?“ fragte er.

Niemand gab Antwort; aber es ward zu drei Malen auf den Tisch geklopft.

Ulenspiegel ward von Furcht ergriffen und zitternd fragte er abermals:

„Wer ist da?“ Er bekam keine Antwort, aber drei Schläge fielen auf

den Tisch, und er fühlte, wie zwei Arme ihn umschlangen und über sein

Gesicht ein Körper sich neigte, dessen Haut war gerunzelt, auch hatte

er ein großes Loch in der Brust und einen Brandgeruch um sich.

„Vater,“ sprach Ulenspiegel, „ist es Dein armer Leichnam, der also auf

mir lastet?“

Er erhielt keine Antwort, und ohngeachtet der Schatten nahe bei ihm

stand, hörte er draußen „Tyll, Tyll!“ rufen. Plötzlich erhob Soetkin

sich und trat an Ulenspiegels Lager: „Hörst Du nichts?“ fragte sie.

„Wohl,“ sprach er, „der Vater ruft mich.“

„Ich,“ sprach Soetkin, „ich habe einen kalten Leichnam an meiner Seite

in meinem Bette gefühlt, und die Pfühle haben sich gerührt und die

Vorhänge sich bewegt, und ich habe eine Stimme sagen hören: „Soetkin“.

Eine Stimme, leise wie ein Hauch, und einen Schritt, leicht wie das

Summen einer Mücke!“ Und sie sprach also zu dem Geist ihres Klas:

„Mein Mann, so Du im Himmel, allwo Gott Dich in seine Herrlichkeit

aufgenommen hat, irgend etwas begehrst, mußt Du es uns sagen, auf daß

wir Deinen Willen vollstrecken.“

Plötzlich stieß ein Windstoß die Tür mit Ungestüm auf und erfüllte den

Raum mit Staub, und Ulenspiegel und Soetkin hörten fernes Gekrächz von

Raben.

Sie gingen selbander hinaus und kamen zum Scheiterhaufen.

Die Nacht war schwarz, ausgenommen, wenn die Wolken, so von dem

scharfen Nordwind gejagt gleich Hirschen über den Himmel liefen, dem

Antlitz des Gestirns seinen Glanz ließen.

Ein Gemeinbüttel schritt auf und ab und hielt Wache am Scheiterhaufen.

Ulenspiegel und Soetkin hörten den Schall seiner Schritte auf dem

hartgestampften Boden und die Stimme eines Raben, der ohne Zweifel

andere herbeirief, denn aus der Ferne antwortete ihm Gekrächz.

Da Ulenspiegel und Soetkin an den Scheiterhaufen traten, ließ der Rabe

sich auf Klasens Schultern nieder und sie hörten ihn an dem Körper

picken, und alsobald kamen andere Raben herbei.

Ulenspiegel wollte sich auf den Scheiterhaufen stürzen und die Raben

niederschlagen; der Büttel aber sagte zu ihm:

„Du Zauberer, suchst Du Teufelsklauen? Wisse, daß die Hände von

Verbrannten nicht unsichtbar machen, sondern allein die Hände eines

Gehenkten, wie Du dereinst einer sein wirst.“

„Herr Weibel,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich bin kein Zauberer, sondern

der verwaiste Sohn dessen, der dort hängt, und dies Weib ist seine

Wittib. Wir wollen ihn nur noch einmal küssen und ein Weniges von

seiner Asche zum Gedächtnis an ihn nehmen. Erlaubt es uns, Herr, der

Ihr kein fremder Söldling, sondern vielmehr ein Sohn dieses Landes

seid.“

„Es geschehe, wie Du willst“, antwortete der Büttel.

Waise und Witwe schritten über das verbrannte Holz und kamen an den

Leichnam. Beide küßten Klasens Antlitz mit Tränen.

Ulenspiegel nahm da, wo das Herz saß und wo die Flamme ein großes Loch

ausgehöhlt hatte, ein wenig von der Asche des Toten. Dann knieten

Soetkin und er nieder und beteten. Da die Morgenröte fahl am Himmel

erschien, waren sie beide noch da; aber der Büttel trieb sie fort, aus

Furcht, seiner Gutwilligkeit halber gestraft zu werden.

Daheim nahm Soetkin ein Stück roter Seide und ein Stück schwarzer

Seide; sie machte ein Säcklein daraus; in das tat sie die Asche; und an

das Säcklein nähte sie zwei Bänder, auf daß Ulenspiegel es allezeit um

den Hals tragen könnte. Sie hing ihm das Säcklein um und sprach zu ihm:

„Möge diese Asche, so das Herz meines Mannes, dieses Rot, das sein

Blut, dieses Schwarz, das unsere Trauer ist, immerwährend auf Deiner

Brust sein wie das Feuer der Rache wider die Henker.“ „So sei es“,

sprach Ulenspiegel.

Und die Wittib umarmte die Waise und die Sonne ging auf.

77

Des anderen Tages drangen die Büttel und Ausrufer der Gemeinde in Klas

Behausung, setzten allen Hausrat daraus auf die Gasse und schritten zur

öffentlichen Vergantung.

Von Kathelines Haus aus sah Soetkin die Wiege aus Eisen und Kupfer

hinaustragen, die vom Vater auf den Sohn im Hause der Klas vererbt

worden, darinnen der arme Tote und auch Ulenspiegel geboren war. Dann

trugen sie das Bett hinaus, in dem Soetkin ihr Kind empfangen, und in

dem sie so trauliche Nächte, an ihren Mann geschmiegt, verbracht hatte.

Dann kam der Kasten, in dem sie das Brot verwahrte, die Lade, in der

zur Zeit des Wohllebens die Fleischstücke waren, Pfannen, Kessel und

Töpfe, nicht mehr glänzend wie in der guten Zeit des Glücks, sondern

vom Staub der Verwahrlosung bedeckt. Und sie gedachte bei ihnen der

häuslichen Feste, wo die Nachbarn, vom Duft angelockt, herbeigekommen

waren.

Dann kam auch eine Tonne und ein Tönnlein, mit einfachem und

Doppelbier, und ein Korb mit Weinflaschen, deren zumindest dreißig

waren; und alles ward auf die Straße gesetzt bis auf den letzten Nagel,

den die arme Witfrau mit großem Lärm herausreißen hörte.

Ohne zu schmähen noch sich zu beklagen, saß sie da und sah blutenden

Herzens ihren bescheidenen Wohlstand davon tragen. Nachdem der

öffentliche Verkäufer ein Talglicht angezündet hatte, ward der Hausrat

vergantet. Da das Licht beinahe ausgebrannt war, hatte der Älteste

der Fischergilde alles um ein Spottgeld erstanden, um es wieder zu

verkaufen, und er schien sich zu ergötzen wie ein Wiesel, das einem

Huhne das Hirn aussaugt.

Ulenspiegel sprach in seinem Herzen: „Du wirst nicht lange lachen,

Mörder.“

Indessen ging der Verkauf zu Ende und die Büttel, so alles

durchwühlten, fanden die Karolus nicht. Der Fischhändler rief aus: „Ihr

suchet schlecht; ich weiß, daß Klas vor sechs Monaten siebenhundert

hatte.“

Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak: Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und andern Orts · 第 13 / 46 题