1
An diesem Morgen des Herbstmonds nahm Ulenspiegel seinen Stab, drei
Gülden, die ihm Katheline gegeben, ein Stück Schweinsleber, eine
Schnitte Brot und zog von Damm nach Antwerpen, um die Sieben zu suchen.
Nele schlief.
Beim Wandern folgte ihm ein Hund, der ihn der Leber halber
beschnüffelte und ihm an die Beine sprang. Ulenspiegel wollte ihn
fortjagen, und da er sah, daß der Hund ihm hartnäckig folgte, hielt er
ihm diese Rede:
„Ei Hündlein, mein Schatz, Du bist übel beraten, daß Du das Haus
verlässest, wo gute Pasteten, auserlesener Abhub von der Tafel und
Knochen voll Mark Deiner harren. Du willst aufs Geratewohl einem
Landstreicher folgen, der vielleicht nicht allzeit Wurzeln haben
wird, um sie Dir als Nahrung zu bieten. Glaube mir, Du unfürsichtiges
Hündlein, kehr zu Deinem Herrn zurück. Meide Regen, Schnee, Hagel,
Staubregen, Nebel, Glatteis und andere magere Suppen, so auf den
Rücken der Landstreicher fallen. Bleibe im Herdwinkel und wärme
Dich, zusammengerollt am lustigen Feuer; laß mich in Schlamm, Staub,
Kälte und Hitze marschieren; heute gesotten, morgen zu Eis erstarrt,
Freitags vollgestopft, Sonntags ausgehungert. Du wirst etwas Gescheites
tun, wenn Du hingehst, wo Du hergekommen bist, Du Hündlein mit wenig
Erfahrung.“
Das Tier schien Ulenspiegel schlechterdings nicht zu verstehen. Es
wedelte mit dem Schwanz und sprang so gut es konnte und bellte vor
Begierde. Ulenspiegel glaubte, daß es Freundschaft sei, aber er
gedachte nicht der Leber, die er im Ränzel trug. Er wanderte, der Hund
lief ihm nach. Da sie also gegen eine Stunde zurückgelegt hatten, sahen
sie auf der Landstraße einen Karren mit einem Esel bespannt, welcher
den Kopf senkte. Auf einer Böschung am Wegrande saß zwischen zwei
Distelsträuchen ein dicker Mann, der in der einen Hand eine Hammelkeule
hielt, die er abnagte, in der andern eine Flasche, deren Saft er
aussog. Wenn er nicht aß noch trank, so greinte und weinte er.
Da Ulenspiegel stillstand, blieb der Hund gleichermaßen stehen. Er
witterte den Hammel und die Leber und lief die Böschung hinan. Da
setzte er sich auf die Hinterpfoten neben den Mann und kratzte ihn am
Wams, um auch sein Teil von dem Festmahl zu haben. Aber der Mann stieß
ihn mit dem Ellenbogen zurück, hielt seine Hammelkeule in die Luft und
greinte erbärmlich. Der Hund tat aus Gier das nämliche. Der Esel ward
böse, daß er an den Wagen gespannt war und die Disteln nicht erreichen
konnte, und hub an zu schreien.
„Was ficht Dich an, Jan?“ fragte der Mann den Esel.
„Nichts,“ antwortete Ulenspiegel, „dafern er nicht von jenen Disteln
Imbiß halten möchte, die Euch zur Seiten blühen wie am hohen Chor
von Tessenderloo neben und über dem Herrn Christo. Dieser Hund würde
auch nicht bös sein, wenn seine Kinnbacken mit dem Knochen, so Ihr da
haltet, Hochzeit machen könnten. Indessen will ich ihm die Leber geben,
die ich hier habe.“
Nachdem der Hund die Leber gefressen, betrachtete der Mann seinen
Knochen, benagte ihn noch mehr, um alles Fleisch, so daran war, zu
kriegen, und gab ihn dermaßen abgenagt dem Hunde. Der legte seine
Pfoten darauf und machte sich daran, ihn auf dem Rasen zu zermalmen.
Dann blickte der Mann Ulenspiegel an. Und der erkannte Lamm Goedzak
aus Damm. „Lamm,“ sagte er, „was tust Du hier, essend, trinkend und
bitterlich weinend? Sollte Dir ein Soldat die Ohren ohne die rechte
Ehrfurcht eingerieben haben?“
„Wehe, mein Weib“, sagte Lamm.
Er wollte seine Flasche Wein leeren, aber Ulenspiegel legte ihm die
Hand auf den Arm.
„Trink nicht also, denn hastig Trinken kommt nur den Nieren zugute. Es
sollte lieber dem zuteil werden, der keine Flasche hat.“
„Du redest gut,“ sagte Lamm, „aber wirst Du besser trinken?“
Und er hielt ihm die Flasche hin.
Ulenspiegel nahm sie, hob den Ellenbogen und gab sie ihm zurück.
„Heiß mich Spanier,“ sagte er, „dafern noch genug darin ist, um einen
Sperling trunken zu machen.“
Lamm betrachtete die Flasche und ohne mit Greinen innezuhalten, wühlte
er in seiner Weidtasche und zog eine andere Flasche und ein anderes
Stück Wurst heraus, die er alsogleich in Stücke schnitt und trübsinnig
kaute.
„Issest Du ohn Unterlaß, Lamm?“ fragte Ulenspiegel.
„Oftmals, mein Sohn,“ erwiderte Lamm, „aber es geschieht, meine
traurigen Gedanken zu vertreiben. Wo bist Du, Weib?“ sagte er und
wischte sich eine Zähre ab.
Und er schnitt sich zehn Scheiben Wurst.
„Lamm,“ sprach Ulenspiegel, „iß nicht so rasch und ohne Mitleid für den
armen Wallfahrer.“
Lamm gab ihm weinend vier Schnitten und da Ulenspiegel sie verspeiste,
ward er von ihrem guten Geschmack gerührt.
Aber Lamm sagte, immerfort weinend und essend:
„Mein Weib, mein gutes Weib! Wie sanft und wohlgeformt war ihr Leib!
Sie war leicht wie ein Falter, rasch wie der Blitz und sang gleich
einer Lerche. Sie schmückte sich freilich zu gerne mit schönem Putz.
Ach, er kleidete sie so gut. Aber die Blumen haben auch reichen Putz.
So Du ihre Händlein gesehen hättest, mein Sohn, die so zierlich
liebkosten, hättest Du ihnen nimmer erlaubt, Pfanne noch Tiegel
anzurühren. Das Küchenfeuer hätte ihre Haut, die so hell wie der Tag
war, geschwärzt. Und welche Augen! Ich zerschmolz in Zärtlichkeit
beim bloßen Anschauen. / Trink einen Schluck Wein, ich werde nach Dir
trinken. Ach, warum ist sie nicht tot! Thyl, ich behielt mir in unserm
Haus jegliche Arbeit vor, um ihr die mindeste Mühe zu ersparen. Ich
kehrte die Stuben, ich machte das Ehebett, darinnen sie sich am Abend,
vom Wohlleben ermüdet, ausstreckte; ich wusch das Geschirr und auch die
Wäsche, die ich selbst bügelte. / Iß, Thyl, diese Wurst ist aus Gent. /
Oftmals, wenn sie sich draußen erging, kam sie zu spät zum Mittagmahl;
aber es war mir so große Freude, sie zu sehen, daß ich nicht wagte,
sie zu schmählen. Ich war schier glücklich, so sie mir nachts nicht
schmollend den Rücken kehrte. Ich habe alles verloren. / Trink von
diesem Wein, er ist vom Brüsseler Weinberg, nach Art des Burgunders.“
„Warum ist sie fortgegangen?“ fragte Ulenspiegel.
„Weiß ich es?“ versetzte Lamm. „Wo ist die Zeit hin, da ich bei ihr
aus und ein ging, mit dem Plan, sie zu freien, und sie mich aus Furcht
und Liebe floh. Wenn ihre Arme bloß waren, ihre schönen runden weißen
Arme, und sie ward inne, daß ich sie anschaute, ließ sie unversehens
ihre Ärmel darüber fallen. Zu andern Malen ließ sie sich mein Kosen
gefallen und ich konnte sie auf die holden Äuglein küssen, welche
sie schloß, und auf den vollen festen Nacken. Dann schauderte sie
und schrie ein wenig, neigte den Kopf zurück, und gab mir solcherart
einen Nasenstüber. Und sie lachte, wenn ich Au sagte, und ich gab ihr
verliebte Schläge und zwischen uns war nichts denn Spiel und Lachen. /
Thyl, ist noch Wein in der Flasche?“
„Wohl“, antwortete Ulenspiegel.
Lamm trank und redete weiter:
„Zu andern Zeiten, wenn sie verliebter war, legte sie mir beide Arme
um den Hals und sagte: „Du bist schön!“ Und sie küßte mich wie toll
und hundert Mal nacheinander auf Wange und Stirn, aber nimmer auf den
Mund, und wenn ich sie fragte, woher ihr diese große Sprödigkeit bei
so großer Ungezwungenheit komme, lief sie eilends nach einem Humpen,
der auf einem Schrein stand, nahm daraus eine Puppe, mit Seide und
Perlen angetan, schüttelte und wiegte sie und sprach: „So etwas will
ich nicht.“ Ohne Zweifel hatte ihre Mutter, um sie in Sittsamkeit zu
bewahren, gesagt, daß die Kinder mit dem Munde gemacht werden. Ach,
süße Augenblicke! Holdes Kosen! / Thyl, sieh zu, ob Du nicht einen
kleinen Schinken in der Weidtasche findest.“
„Einen halben“, antwortete Ulenspiegel und gab ihn Lamm, der ihn ganz
und gar verspeiste.
Ulenspiegel sah ihm zu und sagte:
„Dieser Schinken tut mir im Magen wohl.“
„Mir desgleichen,“ sagte Lamm und stocherte sich die Zähne mit den
Nägeln. „Aber ich werde meine Liebste nicht wiedersehen. Sie ist aus
Damm entflohen. Willst Du sie mit mir in meinem Wagen suchen?“
„Das will ich“, sagte Ulenspiegel.
„Aber,“ sprach Lamm, „ist nichts mehr in der Flasche?“
„Nichts“, antwortete Ulenspiegel.
Und sie stiegen in den Wagen und wurden von dem Grautier gezogen,
welches zum Zeichen der Abfahrt trübselig schrie.
Der Hund aber war, da er sich satt gefressen, ohne ein Wörtlein,
davongelaufen.
2
Da der Wagen zwischen einem Weiher und einem Kanal auf einen Deich
rollte, strich Ulenspiegel in tiefem Sinnen kosend über Klasens Asche
auf seiner Brust. Er fragte sich, ob das Gesicht Wahrheit oder Lüge
sei, ob die Geister seiner gespottet, oder ob sie ihm in Rätseln gesagt
hätten, was er wirklich finden müßte, um das Land seiner Väter zu
beglücken.
Umsonst zermarterte er sein Hirn, er konnte nicht finden, was die
Sieben und der Gürtel bedeuteten.
Wenn er des toten Kaisers, des lebenden Königs, der Regentin, des
römischen Papstes, des Großinquisitors, des Jesuitengenerals gedachte,
so fand er da sechs große Landeshenker, so er ohne Verzug lebendig
hätte verbrennen mögen. Aber er dachte, daß sie es mitnichten seien,
denn sie waren zu leicht zu verbrennen, also mußten sie andern Orts
sein.
Und er wiederholte sich immerfort im Geiste:
Wenn der Norden
Wird den Süden küssen,
Endet das Verderben.
Liebe die Sieben
Und den Gürtel.
„Ach,“ sprach er zu sich: „In Tod, Blut und Tränen sieben finden,
sieben verbrennen, sieben lieben: Mein armer Verstand sucht vergeblich,
denn wer verbrennt, was er liebt?“
Da der Wagen schon ein gut Stück Weges verschlungen, hörten sie
Schritte auf dem Sand und eine Stimme, die sang:
„Ihr Leute, sahet Ihr, sagt an,
Den närrischen Freund, der mir entrann?
Nach Laun und Zufall tut er gehn;
Habt Ihr ihn nicht gesehn?
Wie es dem Lamm der Adler tat,
Mein Herze nahm er unversehn,
Er ist ein Mann, doch ohne Bart;
Habt Ihr ihn nicht gesehn?
Sagt ihm, daß Nele, so Ihr ihn findet,
Gar müde ward von vielem Gehn.
Herzlieber Thyl, wohin der Fahrt?
Habt Ihr ihn nicht gesehn?
Weiß er, daß Täubchen weint und siecht,
So ihm der Täuber tat entgehn?
So auch ein treues Herze bricht.
Habt Ihr ihn nicht gesehn?“
Ulenspiegel schlug Lamm auf den Bauch und sprach zu ihm:
„Halt den Odem an, Fettwanst.“
„Ach,“ sprach Lamm, „das ist gar hart für einen Mann meines Umfangs.“
Aber Ulenspiegel hörte nicht auf ihn und versteckte sich hinter das
Plantuch des Wagens und ahmte die Stimme eines hüstelnden Zechers nach,
dieweil er sang:
„Wohl sah ich Deinen Freund, den Narren;
Er saß in einem morschen Karren,
Bei einem Vielfraß, dick und voll.
Ich sah ihn wohl.“
„Thyl,“ sprach Lamm, „Du hast heute morgen eine schlimme Zunge.“
Ulenspiegel, ohne auf ihn zu hören, steckte den Kopf aus dem Loch der
Plandecke und sprach:
„Nele, erkennst Du mich?“
Sie aber, von Furcht ergriffen und in Einem lachend und weinend, denn
sie hatte feuchte Wangen, sprach:
„Ich sehe Dich, schlimmer Verräter!“
„Nele,“ sprach Ulenspiegel, „so Du mich schlagen willst, ich habe da
drinnen einen Knüttel. Er ist schwer, um die Hiebe eindringlich zu
machen, und knotig, um ein Merkmal davon zu hinterlassen.“
„Thyl,“ sprach Nele, „gehst Du den Sieben nach?“
„Ja,“ antwortete Ulenspiegel.
Nele trug ein Ränzel, das jeden Augenblick platzen wollte, so voll war
es.
„Thyl,“ sprach sie, es ihm hinhaltend, „ich meinte, es sei einem
Menschen ungesund, zu reisen, ohne eine gute, fette Gans, einen
Schinken und Genter Würste mitzunehmen. Und dies mußt Du zu meinem
Gedächtnis essen.“
Da Ulenspiegel sie anschaute und mitnichten gewillt war, das Ränzel zu
nehmen, steckte Lamm den Kopf aus einem andern Loch der Leinwand und
sprach:
„Du vorsorgliches Mägdlein, wenn er’s nicht annimmt, geschieht’s aus
Vergeßlichkeit. Aber gib mir diese Gans, gib mir diesen Schinken, und
dränge mir diese Würste auf; ich werde sie ihm aufheben.“
„Wer ist dies biedere Vollmondsgesicht?“ fragte Nele.
„Das ist ein Opfer des Ehestandes“, antwortete Ulenspiegel. „Von
Schmerz verzehrt, würde er wie ein Apfel im Backofen eintrocknen,
dafern er nicht seine Kräfte durch unaufhörliche Nahrung ersetzte.“
„Du sagst es, mein Sohn“, seufzte Lamm.
Die strahlende Sonne brannte Nele auf den Kopf und sie schirmte sich
mit ihrer Schürze. Da er mit ihr allein sein wollte, sprach er zu Lamm:
„Siehest Du die Frau dort auf der Weide einhergehn?“
„Ich sehe sie!“ sagte Lamm.
„Erkennest Du sie?“
„Ei!“ sagte Lamm, „sollt’ es die meine sein? Sie trägt sich nicht wie
eine Bürgersfrau.“
„Du zweifelst noch, blinder Maulwurf“, sagte Ulenspiegel.
„Wenn sie es nun nicht wäre?“ fragte Lamm.
„Du verlierst nichts dabei; dort zur Linken, gen Norden, ist eine
Schenke, allwo Du gutes Braunbier finden wirst. Wir wollen Dich dort
treffen. Und hier ist Schinken, den natürlichen Durst zu salzen.“
Lamm stieg aus dem Wagen und lief eilends auf die Frau zu, die auf der
Weide stand.
Ulenspiegel sagte zu Nele:
„Was kommst Du nicht zu mir?“
Alsdann half er ihr auf den Wagen, setzte sie neben sich, nahm ihr die
Schürze vom Kopf und den Mantel von den Schultern. Dann gab er ihr
hundert Küsse und sprach:
„Wohin gingest Du, Geliebte?“
Sie erwiderte nichts, aber sie war vor Wonne schier verzückt.
Und Ulenspiegel, gleich ihr entzückt, sagte:
„Da bist Du also! Die wilden Rosen in den Hecken haben nicht die holde
Röte Deiner frischen Haut. Du bist keine Königin, aber ich will Dir
eine Krone von Küssen machen. Ihr reizenden Arme, so weich und rosig,
die Amor mit Fleiß zum Umarmen gemacht hat. Ach, geliebtes Mägdlein,
werden meine rauhen Mannshände nicht dieser Schulter den Schmelz
rauben? Der leichte Falter setzt sich auf die purpurne Nelke, aber
kann ich Tölpel an Deiner weißen Haut ruhen, ohne sie welk zu machen?
Gott sitzt im Himmel, der König auf seinem Thron und die Sonne steht
siegreich dort oben; aber bin ich Gott, König oder Licht, daß ich Dir
so nahe bin? Ihr Haar, weicher denn Flockseide! Nele, ich schlage, ich
zerreiße, ich zerstückele Dich! Aber habe keine Furcht, Liebchen.
Welch zierliches Füßlein! Woher kommt’s, daß es so weiß ist? Ist es in
Milch gebadet?“
Sie wollte aufstehen.
„Was fürchtest Du?“ sprach Ulenspiegel. „Die Sonne scheint auf uns
herab und bemalt Dich mit Gold. Schlage nicht die Augen nieder. Sieh,
welch schöne Glut sich in den meinen entzündet. Ach Geliebte, höre,
mein Schätzlein, es ist die schweigende Stunde des Mittags. Der
Arbeiter ist daheim und ißt seine Brühe; könnten wir nicht von Liebe
leben? Könnt’ ich doch tausend Jahre auf Deinen Knien einen Rosenkranz
von irdischen Perlen abbeten.“
„Schmeichler“, sagte sie.
Und Frau Sonne leuchtete durch das weiße Linnen des Wagens, und eine
Lerche sang über dem Klee, und Nele legte ihr Haupt an Ulenspiegels
Schulter.
3
Derweilen kehrte Lamm zurück, schwitzte große Tropfen und schnaufte wie
ein Delphin.
„Wehe,“ sagte er, „ich bin unter einem unglücklichen Sterne geboren.
Ich habe gewaltig laufen müssen, um zu dieser Frau zu kommen, und es
war nicht die meine und war in Jahren; ich sah’s ihr am Gesicht an, daß
sie gut fünfundvierzig Jahre zählte, und an der Haube, daß sie niemals
verheiratet gewesen. Sie fragte mich keifend, was ich mit meinem Wanst
im Kleefelde wollte. „Ich suche mein Weib, das mich verlassen hat,“
antwortete ich sanftmütig, „und da ich Euch für sie hielt, bin ich Euch
nachgelaufen.“
Auf diese Rede sagte mir die bejahrte Jungfer, daß ich nur wieder
hingehen solle, von wo ich gekommen sei. So mein Weib mich verlassen
hätte, so wär’ es wohl getan, in Ansehung daß alle Männer Spitzbuben,
Lumpen, Ketzer, Treulose, Vergifter seien und die Jungfrauen
ohngeachtet ihres reifen Alters betrögen. Im übrigen werde sie mich
von ihrem Hund fressen lassen, so ich mich nicht flugs davon höbe.
„Solches tat ich, nicht ohne Furcht, denn ich nahm einen großen
Schäferhund wahr, der knurrend zu ihren Füßen lag. Als ich die Grenze
ihres Feldes überschritten hatte, saß ich nieder, und um mich zu
erholen, biß ich in Dein Stück Schinken. Ich befand mich just zwischen
zwei Kleeäckern; mit einem Mal hörte ich ein Geräusch hinter mir,
und da ich mich umwandte, sah ich den großen Schäferhund der alten
Jungfrau, nicht mehr dräuend, sondern lieblich und hungrig mit dem
Schwanze wedelnd. Er wollte meinem Schinken zu Leibe. Ich gab ihm also
etliche Stücklein, als seine Herrin herbeikam und schrie:
„Faß den Mann! Schnapp zu, mein Sohn!“
Und ich hub an zu laufen und der große Köter hinterdrein, so aus meinen
Hosen einen Fetzen herausriß und mit dem Fetzen ein Stück Fleisch. Vor
Schmerz ward ich wütend, drehte mich nach ihm um und gab ihm einen so
trefflichen Stockhieb über die Vorderpfoten, daß ich ihm zum Wenigsten
eine zerbrach. Er stürzte und schrie in seiner Hundesprache: Erbarmen!
welches ich ihm bewilligte. Derweil bewarf mich seine Herrin, da es ihr
an Steinen mangelte, mit Erde. Und ich lief weiter. / Weh! Ist es nicht
grausam und ungerecht, daß, weil eine Jungfer nicht schön genug ist, um
einen Freier zu finden, sie sich an armen Unschuldigen wie ich räche?
„Ich begab mich jedoch, Trübsal blasend, zu der Schenke, die Du mir
bezeichnet hattest, verhoffend, dort das tröstliche Braunbier zu
finden. Aber ich ward betrogen, denn beim Eintreten sah ich einen Mann
und ein Weib, die sich prügelten. Ich bat sie: „Geruhet Eure Schlacht
zu unterbrechen und mir einen Krug Braunbier zu geben, und wäre es
auch nur eine Kanne oder sechs.“ Doch das Weib, ein wahrer Stockfisch,
antwortete mir wütend, sie werde mich den Holzschuh, womit sie ihrem
Mann auf den Kopf schlug, fressen lassen, so ich mich nicht augenblicks
von dannen machte. Und da bin ich, mein Freund, schweißtriefend und gar
müde. Hast Du nichts zu essen?“
„Wohl“, antwortete Ulenspiegel.
„Endlich“, sprach Lamm.
4
Also vereint, reisten sie in Gemeinschaft. Der Esel legte die Ohren an
und zog den Wagen.
„Lamm,“ sprach Ulenspiegel; „wir sind unser vier gute Gefährten: der
Esel, das Tier, so unsern Herrn trug und auf den Triften die Disteln
weidet, die es findet; Du, guter Dickbauch, der die sucht, die Dich
flieht; und sie, die holde Liebste mit dem zärtlichen Herzen, die den
findet, der dessen nicht würdig, das bin ich, der vierte.
„Wohlan, frischauf, Kinder und guten Mut. Die Blätter vergilben, die
Gestirne werden glänzender; bald wird Frau Sonne in herbstlichen Nebeln
schlafen gehen. Winter, des Todes Ebenbild, wird kommen und sie mit
schneeigen Leintüchern zudecken, die unter unsern Füßen schlummern; ich
aber werde wandern für die Wohlfahrt des Landes meiner Väter. Ihr armen
Toten, Soetkin, die Du an Herzeleid starbst, und Klas, der Du im Feuer
umkamst: Eiche voller Güte und Efeu voller Liebe: ich, Euer Sprößling
bin voller Harm und werde Dich rächen, teure Asche, die auf meinem
Busen brennt.“
Lamm sagte:
„Man soll nicht beweinen, die um der Gerechtigkeit willen sterben.“
Aber Ulenspiegel verharrte in Gedanken. Plötzlich sagte er:
„Diese Stunde, Nele, ist die Stunde des Scheidens für gar lange Zeit,
und vielleicht werde ich nimmer Dein holdes Angesicht wiedersehen.“
Nele blickte ihn an mit ihren Augen, die wie Sterne leuchteten.
„Warum lässest Du nicht diesen Wagen und kommst mit mir in den Wald, wo
Du leckere Nahrung fändest; denn ich kenne die Pflanzen und verstehe
die Vögel zu locken.“
„Mägdlein,“ sprach Lamm, „es ist bös von Dir, daß Du Ulenspiegel
unterwegs aufhalten willst; er soll die Sieben suchen, und mir helfen,
mein Weib wiederzufinden.“
„Noch nicht“, erwiderte Nele und weinte und lachte, zärtlich unter
Tränen, ihrem Freund Ulenspiegel zu.
Da Ulenspiegel dies sah, antwortete er:
„Dein Weib findest Du immer noch zeitig genug, wenn Dich nach neuem
Leide gelüstet.“
„Thyl,“ sagte Lamm, „willst Du mich also in meinem Wagen allein lassen
dieses Mägdleins halber? Du antwortest mir nicht und gedenkst an den
Wald, worinnen die Sieben nicht sind, noch auch mein Weib. Laß sie
uns lieber auf diesem Fahrdamm suchen, auf dem die Wagen so trefflich
rollen.“
„Lamm,“ sagte Ulenspiegel, „Du hast eine volle Weidtasche im Wagen,
somit wirst Du nicht Hungers sterben, wenn Du ohne mich nach Koelkerke
gehst, allwo ich Dich einholen werde. Du mußt dort allein sein, denn
da wirst Du erfahren, nach welchem Punkt Du Dich wenden mußt, um Dein
Weib wiederzufinden. Vernimm denn und höre. In diesem Schritte wirst Du
drei Meilen von hier mit Deinem Wagen nach Koelkerke fahren, der kühlen
Kirche, also genannt, weil sie von den vier Winden zumal bestrichen
wird, wie viele andere. Auf dem Glockenturm ist eine Wetterfahne in
Gestalt eines Hahnes, die dreht sich auf ihren verrosteten Angeln nach
allen Seiten. Das Kreischen dieser Angeln zeigt den armen Männern, so
ihre Liebste verloren haben, den Weg an, den sie einschlagen müssen, um
sie wiederzufinden. Aber zuvor muß jegliche Seite der Mauer siebenmal
mit einer Haselrute geschlagen werden. Kreischen die Angeln, wenn
der Wind von Norden kommt, so mußt Du nach jener Seite gehen; aber
fürsichtig, denn Nordwind ist Kriegswind; wenn von Süden, geh frohgemut
dorthin, das ist der Wind der Liebe. Kommt der Wind von Osten, so lauf
in Trab, denn der bedeutet Frohsinn und Licht; von Westen / dann geh
sacht, das ist der Wind des Regens und der Tränen. Geh, Lamm, geh nach
Koelkerke und harre dort mein.“
„Ich gehe hin,“ sagte Lamm.
Und er fuhr im Wagen von dannen.
Dieweil Lamm gen Koelkerke fuhr, jagte der starke, warme Wind die
grauen Wolken gleich einer Schafherde über den Himmel hin. Die Bäume
rauschten wie die Wogen eines brandenden Meeres. Ulenspiegel und Nele
waren seit geraumer Zeit allein im Walde. Ulenspiegel hatte Hunger und
Nele suchte wohlschmeckende Wurzeln und fand nur Küsse, die ihr Freund
ihr gab, und Eicheln. Nachdem Ulenspiegel Schlingen aufgestellt hatte,
pfiff er, um die Vögel zu locken, auf daß er die, welche hineingingen,
briete. Eine Nachtigall setzte sich auf die Blätter nahe zu Nele; sie
wollte sie singen lassen und fing sie nicht. Eine Grasmücke kam, und
sie hatte Mitleid mit ihr, weil sie so stolz war. Alsdann kam eine
Lerche, aber Nele sprach zu ihr, daß sie besser täte, in Himmelshöhen
der Natur ein Loblied zu singen, denn sich ungeschickt über der
mörderischen Spitze eines Spießes abzuzappeln. Und sie redete wahr,
maßen Ulenspiegel in der Zwischenzeit ein helles Feuer entzündet und
einen Spieß geschnitzt hatte, der seiner Opfer harrte.
Aber die Vögel kamen nicht mehr, es sei denn etliche bösen Raben, die
sehr hoch ob ihren Häuptern krächzten.
Und also aß Ulenspiegel nicht.
Indessen mußte Nele fort und zu Katheline heimkehren.
Sie wanderte weinend, und Ulenspiegel sah sie von ferne schreiten. Aber
sie kehrte um, fiel ihm um den Hals und sprach:
„Ich gehe von hinnen.“
Alsdann tat sie etliche Schritte, kam wieder zurück und sagte abermals:
„Ich gehe von hinnen.“
Und so zwanzig Mal aufeinander und noch mehr.
Dann ging sie fort, und Ulenspiegel blieb allein. Er machte sich
alsbald auf den Weg, um Lamm einzuholen.
Da er zu ihm stieß, fand er ihn unten am Turm sitzen, einen großen Krug
Braunbier zwischen den Beinen und trübselig an einer Haselgerte kauend.
„Ulenspiegel,“ sagte er, „ich vermeine, daß Du mich nur hierher
geschickt hast, um mit dem Mägdlein allein zu bleiben. Ich habe
siebenmal mit der Haselrute an jede Seite des Turmes geschlagen, wie Du
mich geheißen, aber ob der Wind gleich wie ein Teufel bläst, haben die
Angeln nicht gekreischt.“
„Man wird sie ohne Zweifel geölt haben“, antwortete Ulenspiegel.
Dann machten sie sich auf nach dem Herzogtum Brabant.
5
König Philipp, der finstere, kritzelte den ganzen Tag lang und selbst
die Nacht ohne Rast noch Ruh und beschmierte Papiere und Pergamente.
Ihnen vertraute er die Gedanken seines harten Herzens an. Da er sein
Lebenlang keinen Menschen geliebt und wohl wußte, daß keiner ihn
liebte, auch gewillt war, sein ungeheures Reich allein zu tragen,
brach er, ein kläglicher Atlas, unter der Last zusammen. Trägen Blutes
und trübsinnig, wie er war, zehrten seine übermäßigen Anstrengungen
an seinem schwachen Körper. Voller Abscheu gegen jedes fröhliche
Gesicht, haßte er unsere Lande ihres heiteren Sinnes halber, haßte
unsere Kaufherren um ihrer Prachtliebe und ihres Reichtums willen,
unsern Adel ob seiner freimütigen Reden, seines offenherzigen Gehabens
und der strotzenden Kraft seines rechtschaffenen Frohsinns. Er wußte,
denn man hatte es ihm gesagt, daß sich in unsern Landen die Empörung
gegen den Papst und die römische Kirche in unterschiedlichen Sekten
geoffenbart hatte und in allen Köpfen, gleich siedendem Wasser in
einem geschlossenen Kessel war. Und dieses lange, ehe der Bischof van
Cusa um das Jahr 1380 die Mißbräuche der Kirche angezeigt und die
Notwendigkeit der Reformen gepredigt hatte. Gleich einem starrköpfigen
Maultier glaubte er, daß sein Wille wie der Wille Gottes auf der
ganzen Welt lasten müsse. Er wollte, daß unsere Länder, des Gehorchens
entwöhnt, sich unter das alte Joch beugten, ohne irgend eine Reform zu
erlangen. Er wollte Seine heilige Mutter Kirche katholisch, apostolisch
und römisch haben, einig, ungeteilt und allgemein, ohne Neuerung noch
Änderung, und hatte keinen andern Grund es zu wollen, als weil er es
wollte. Auch hierin handelte er wie ein unvernünftiges Weib und wälzte
sich nachts in seinem Bett wie auf einem Dornenlager, ohn Unterlaß von
seinen Gedanken gepeinigt.
„Ja, Sankt Philippus, ja Herr Gott, sollte ich auch aus den
Niederlanden eine große Gruft machen und alle Einwohner hineinwerfen,
so würden sie zu Euch, mein benedeiter Schutzpatron, und auch zu Euch,
heilige Frau Maria, und zu Euch, Ihr heiligen Männer und Frauen des
Paradieses, zurückkehren.“ Und er versuchte zu tun, wie er gesagt, und
also ward er römischer denn der Papst und katholischer denn die Konzile.
Und Ulenspiegel und Lamm und das Volk Flanderns und der Niederlande
glaubten voll Bängnis, in der Ferne, in dem düstern Palast von
Eskurial, diese gekrönte Spinne zu sehen, so mit ihren langen Beinen
und geöffneten Zangen ihr Netz spannte, um sie darein zu verstricken
und ihnen ihr Herzblut auszusaugen.
Ohngeachtet die päpstliche Inquisition unter Karls Regierung
hunderttausend Christen durch Scheiterhaufen, Grube und Strang getötet
hatte; ohngeachtet die Vermögen der armen Verurteilten in die Truhen
des Kaisers und des Königs gelaufen waren, wie Regen in die Dachtraufe,
vermeinte Philipp, daß solches nicht genug sei. Er drängte dem Lande
neue Bischöfe auf und vermaß sich, die hispanische Inquisition dort
einzuführen.
Und die Herolde in den Städten lasen überall beim Schall der Trompeten
und Schellentrommeln Edikte vor, so für alle Ketzer, Männer, Frauen und
Jungfrauen bestimmten: den Feuerstod für die, so ihren Irrglauben nicht
abschworen, den Tod durch den Strang für die, so widerriefen. Frauen
und Jungfrauen sollten lebendig begraben werden, und der Henker sollte
auf ihren Leibern tanzen.
Und das Feuer des Aufstandes lief durch das ganze Land.
6
Am fünften April vor Ostern traten die Herren Graf Ludwig von Nassau,
von Kuilenburg, von Brederode, der herkulische Zecher, mit dreihundert
andern Edelleuten in den Burghof zu Brüsselen zur Frau Herzogin
Regentin von Parma. In Reihen zu Vieren stiegen sie die große Treppe
des Palastes hinauf. Da sie in die Halle kamen, darin Ihre Hoheit
verweilte, überreichten sie ihr eine Bittschrift. In selbiger baten sie
sie, von König Philipp die Abschaffung der Verordnungen zu erlangen,
so die Sache der Religion, desgleichen die hispanische Inquisition
beträfen. Sie erklärten, daß in unseren unzufriedenen Ländern daraus
nichts denn Unruhen, Trümmer und allgemeines Elend entstehen können.
Und diese Bittschrift ward _der Kompromiß_ genannt.
Berlaymont, welcher nachmals so verräterisch und grausam gegen das Land
seiner Väter war, stund neben Ihrer Hoheit und sagte zu ihr, der Armut
von etlichen unter den edlen Verbündeten spottend:
„Edle Herrin, fürchtet nichts, es sind nur Bettler.“
Damit meinte er, daß diese Adligen sich in des Königs Dienst zugrunde
gerichtet hätten oder vielmehr, indem sie es durch ihren Aufwand den
spanischen Rittern gleichtun wollten.
Um die Worte des Herrn von Berlaymont mit Verachtung zu strafen,
erklärten die Ritter nachmals, „daß sie es sich zur Ehre anrechneten,
für den Dienst des Königs und dieser Länder als Bettler (Geusen)
erachtet und also geheißen zu werden.“
Sie begannen, güldene Schaumünzen um den Hals zu tragen, die auf einer
Seite des Königs Bildnis trugen und auf der andern zwei Hände, so sich
um einen Bettelsack ineinander schlangen. Dazu die Worte: „Getreu dem
König bis zum Bettelsack“. Auch trugen sie an ihren Hüten und Kappen
güldne Kleinodien in Gestalt von Eßnäpfen und Bettlerhüten.
Derweilen führte Lamm seinen Bauch durch die ganze Stadt, suchte sein
Weib und fand es nicht.
7
Ulenspiegel sprach eines Morgens zu ihm:
„Folge mir nach. Wir wollen eine hohe, edle, mächtige und gefürchtete
Person begrüßen.“
„Wird sie mir sagen, wo mein Weib ist?“ fragte Lamm.
„Wenn sie es weiß“, entgegnete Ulenspiegel.
Und sie begaben sich zu Brederode, dem herkulischen Zecher. Er stand im
Hofe seines Palastes.
„Was begehrst Du von mir?“ fragte er Ulenspiegel.
„Mit Euch zu reden, edler Herr,“ antwortete Ulenspiegel.
„So rede“, sprach dagegen Brederode.
„Ihr seid,“ sagte Ulenspiegel, „ein schöner, kühner und starker Ritter.
Einstmals erdrücktet ihr einen Franzosen in seinem Panzer wie ein
Muscheltier in seiner Schale. Aber wie Ihr stark und kühn seid, so seid
Ihr auch klug. Warum tragt Ihr denn diese Schaumünze, auf der ich lese:
„Getreu dem König bis zum Bettelsack?“
„Ja,“ sprach Lamm, „warum also, edler Herr?“
Aber Brederode antwortete ihm nicht, sondern schaute Ulenspiegel an.
Dieser redete weiter und sprach:
„Warum wollt Ihr edlen Herren dem König bis zum Bettelsack treu sein?
Ist es, dieweil er Euch so gar wohl will, oder der schönen Freundschaft
halber, die er für Euch hegt? Was schaffet Ihr nicht, daß der Henker,
seiner Länder beraubt, allzeit dem Bettelsack getreu sei, anstatt daß
Ihr ihm bis zum Bettelsack getreu seid?“
Und Lamm nickte mit dem Kopfe zum Zeichen der Zustimmung.
Brederode schaute Ulenspiegel mit seinem durchdringenden Blick an und
lächelte, da er sein gutes Gesicht sah.
„So Du nicht ein Spion des Königs Philipp bist, bist Du ein guter
Vlamländer, und ich will Dich für beide Fälle belohnen.“
Er führte ihn in sein Speisezimmer, und Lamm folgte ihnen. Daselbst
zerrte er ihn am Ohr bis aufs Blut.
„Das ist“, sagte er, „für den Spion.“
Ulenspiegel schrie nicht.
„Bringe den Kessel mit Zimmetwein“, sprach er zu seinem Kellermeister.
Der Kellermeister brachte den Kessel herbei und einen großen Humpen mit
Glühwein, der die Luft mit Wohlgeruch erfüllte.
„Trink,“ sprach Brederode, „dies ist für den guten Vlamländer.“
„Ei,“ sagte Ulenspiegel, „das ist ein guter Vlamländer, der spricht
eine zimmetgewürzte Sprache, die Heiligen sprechen keine bessere.“
Nachdem er die Hälfte des Weins getrunken, reichte er Lamm die andere.
„Wer ist dieser dickwanstige Freßsack, der belohnt wird, ohne daß er
etwas getan hat?“ fragte Brederode.
„Das ist mein Freund Lamm,“ versetzte Ulenspiegel, „der allemal, wenn
er Glühwein trinkt, sich einbildet, daß er sein Weib wiederfinden wird.“
„So ist’s“, sprach Lamm, der mit großer Andacht den Wein aus dem Humpen
schlürfte.
„Wohin geht Ihr jetzo?“ fragte Brederode.
„Wir sind auf der Suche nach den Sieben, die das Land Flandern retten
werden.“
„Welche Sieben?“ fragte Brederode.
„Wenn ich sie gefunden habe, werde ich Euch sagen, wer sie sind,“
antwortete Ulenspiegel.
Aber Lamm, guter Dinge, dieweil er getrunken hatte, sagte:
„Tyll, wenn wir mein Weib auf dem Mond suchten?“
„Bestell die Leiter“, antwortete Ulenspiegel.
Im Mai, dem grünen Monat, sagte Ulenspiegel zu Lamm:
„Nun haben wir den schönen Maimond. Ei, der klare blaue Himmel, die
fröhlichen Schwalben. Siehe, die Zweige sind heiß von Saft, das Land
ist voller Liebe, das ist der Augenblick, um des Glaubens willen zu
henken und zu brennen. Sie sind da, die guten kleinen Inquisitoren.
Welch edle Gesichter! Sie haben jegliche Gewalt, zu züchtigen, zu
strafen, abzusetzen und den weltlichen Richtern zu überantworten, auch
ihre Gefängnisse zu benutzen. / Ei, der schöne Maimond! / Sie können
gefangen nehmen, Prozesse führen, ohne sich der gewöhnlichen Form der
Justiz zu bedienen, können brennen, henken, enthaupten und für die
armen Frauen und Jungfrauen die Grube des vorzeitigen Todes graben. /
Die Finken singen in den Bäumen. Die guten Inquisitoren haben ein Auge
auf die Reichen. Und der König wird erben. Auf, ihr Mägdlein, tanzet
auf der Wiese beim Schall von Dudelsack und Schalmei. O, der Wonnemond!“
Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust.
„Laß uns gehen,“ sprach er zu Lamm. „Glücklich, die den Mut aufrecht
und den Degen hoch halten in den düstren Tagen, die da kommen werden.“
8
Eines Tages im Augustmonat ging Ulenspiegel in der flandrischen
Straße zu Brüssel vor dem Hause von Jan Potztausend vorbei, welcher
also genannt ward, weil sein väterlicher Großvater im Zorn so zu
fluchen pflegte, um nicht den allerheiligsten Namen Gottes zu lästern.
Besagter Potztausend war seines Zeichens Sticker; aber da er durch
unmäßiges Trinken taub und blind geworden, stickte sein Weib, eine alte
Gevatterin mit mürrischer Miene, an seiner Statt die Röcke, Wämser,
Mäntel und Schuhe der Herren. Ihr hübsches Töchterlein half ihr bei
dieser einträglichen Arbeit.
Da Ulenspiegel zur Dämmerstunde vor sotanem Hause vorüberging, sah er
das Mägdlein am Fenster und hörte es rufen:
„Erntemond, Erntemond,
Sag an, holder Mond,
Wer wird mich freien,
Sag an, lieber Mond?“
„Ich,“ sprach Ulenspiegel, „so Du willst.“
„Du?“ fragte sie. „Komm näher, daß ich Dich betrachte.“
Aber er:
„Wie kommt’s, daß Du im Augustmond rufst, und daß die Brabanter
Mägdlein am Vorabend des März rufen?“
„Die,“ sagte sie, „haben nur einen Monat, ihnen einen Mann zu
bescheren, ich habe deren zwölf. Am Vorabend eines jeden / nicht um
Mitternacht, sondern in den sechs Stunden vor Mitternacht / springe ich
aus meinem Bett, mache drei Schritte rückwärts gegen das Fenster und
rufe, was Dir bekannt ist. Dann kehre ich um und mache drei Schritte
rückwärts gegen das Bett, und um Mitternacht leg ich mich nieder,
schlafe ein und träume von dem Mann, den ich bekommen werde. Aber die
Monate, die lieben Monate, sind von Natur schlimme Spötter, und so
träume ich nicht mehr von einem Mann, sondern von zwölfen auf einmal:
Du wirst der dreizehnte sein, wenn Du willst.“
„Die andern möchten eifersüchtig werden,“ antwortete Ulenspiegel. „Du
rufst auch: Erlösung?“
Das Mägdlein errötete und gab zur Antwort:
„Ich rufe Erlösung und weiß, was ich begehre.“
„Ich weiß es gleichfalls und bringe es Dir.“
„Du mußt warten,“ sagte sie lächelnd und zeigte ihre weißen Zähne.
„Warten?“ sagte Ulenspiegel, „nein! Ein Haus kann mir auf den Kopf
fallen, ein Windstoß mich in einen Graben werfen, ein toller Köter mich
ins Bein beißen; nein, ich werde nicht warten.“
„Ich bin zu jung,“ sprach sie, „und rufe nur, weil es Brauch ist.“
Ulenspiegel ward argwöhnisch, gedenkend, daß die Brabanter Jungfrauen
am Vorabend des März und nicht im Erntemond nach einem Manne rufen.
Sie sagte lächelnd:
„Ich bin zu jung und rufe nur, weil es Brauch ist.“
„Willst Du warten, bis Du zu alt bist?“ erwiderte Ulenspiegel. „Das ist
eine schlechte Rechenkunst. Ich habe nimmer einen so runden Hals und
weiße Brüste gesehen, Brüste einer Vlamländerin, voll der guten Milch,
die Männer macht.“
„Voll? noch nicht, voreiliger Wanderer“, sagte sie.
„Warten“, wiederholte Ulenspiegel. „Soll ich etwa keine Zähne mehr
haben, um Dich, Holde, ganz roh zu verschlingen? Du antwortest nicht,
Du lächelst mit Deinen klaren, braunen Augen und Deinem kirschroten
Mündlein.“
Das Mägdlein sah ihn listig an:
„Warum liebst Du mich so schnell? Welch Handwerk treibst Du? Bist Du
ein Bettler, bist Du reich?“
„Ich bin ein Bettler und auch reich, so Du mir Deinen reizenden Leib
gibst.“
Sie entgegnete:
„Nicht das will ich wissen. Gehest Du zur Messe? Bist Du ein guter
Christ? Wo wohnest Du? Würdest Du zu sagen wagen, daß Du ein Bettler,
ein Geuse, ein wirklicher Geuse bist, der sich wider die Dekrete und
die Inquisition auflehnt?“
Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust.
„Ich bin ein Geuse,“ sagte er, „und will die Unterdrücker der
Niederlande tot und von den Würmern gefressen sehen. Du schaust mich
an, Geliebte. Das Feuer der Liebe, das für dich, Holde, brennt, ist
das Feuer der Jugend, Gott entzündete es, es flammet, wie die Sonne
leuchtet, bis daß es erlischt. Aber das Feuer der Rache, so in meinem
Herzen glimmt, hat Gott gleichermaßen entzündet. Es wird Schwert,
Feuer, Strang, Feuersbrunst, Verwüstung, Krieg und Untergang der Henker
sein.“
„Du bist schön,“ sprach sie traurig und küßte ihn auf beide Wangen;
„aber schweige.“
„Warum weinest Du?“ fragte er.
„Du mußt hier und wo immer Du bist, acht geben“, sagte sie.
„Haben diese Wände Ohren?“ fragte er.
„Sie haben nur die meinen“, sprach sie.
„Von Amor gemeißelt, ich schließe sie mit einem Kuß.“
„Törichter Freund, hör mich an, wenn ich spreche.“
„Warum? Was hast Du mir zu sagen?“
„Hör mich an,“ sprach sie voll Ungeduld. „Da kommt meine Mutter ...
Schweige, schweige sonderlich vor ihr ...“
Die alte Potztausend kam herein. Ulenspiegel sprach zu sich, indem er
sie betrachtete:
„Ein Gesicht, wie ein Schaumlöffel durchlöchert, Augen mit hartem und
falschem Blick, ein Mund, der lachen will, und Fratzen, Ihr macht mich
neugierig.“
„Gott sei mit Euch, Herr, mit Euch immerdar“, sagte die Alte. „Ich habe
Geld empfangen, Töchterlein, schönes Geld vom Herrn van Egmont, da ich
ihm seinen Mantel brachte, auf den ich die Narrenkappe gestickt hatte.
Ja, Herr, eine Narrenkappe wider den Roten Hund.“
„Den Kardinal von Granvella?“ fragte Ulenspiegel.
„Ja“, sagte sie, „wider den Roten Hund. Man sagt, daß er dem König ihre
Anschläge hinterbringt; sie wollen ihn umbringen. Sie haben recht, ist
es nicht so?“
Ulenspiegel antwortete nicht.
„Ihr sahet sie nicht auf den Straßen mit einem Wams und einem grauen
Oberkleid, wie das Volk es trägt, mit langen, hängenden Aermeln und
Mönchskapuzen und auf all den grauen Oberkleidern die gestickte
Narrenkappe. Ich habe ihrer zum mindesten siebenundzwanzig gemacht und
mein Töchterlein fünfzehn. Das erboste den Roten Hund, diese Kappen zu
sehen.“
Dann flüsterte sie Ulenspiegel ins Ohr:
„Ich weiß, daß die Herren beschlossen haben, die Kappe durch ein
Aehrenbündel zu ersetzen, zum Zeichen der Einigkeit. Ja, ja sie wollen
wider König und Inquisition kämpfen. Sie tun wohl daran, nicht so,
Herr?“
Ulenspiegel antwortete nicht.
„Der fremde Herr braut Trübsal,“ sagte die Alte. „Sein Schnabel ist mit
einem Mal zu.“
Ulenspiegel ließ kein Wort fallen und ging.
Alsbald kehrte er in eine Musikschenke ein, um das Trinken nicht zu
vergessen. Die Schenke war voll von Zechern, die sprachen ohne alle
Fürsicht vom König, den verhaßten Dekreten, der Inquisition und dem
Roten Hund, so gezwungen werden müßte, das Land zu verlassen. Da sah
er die Alte ganz zerlumpt und dem Anschein nach schlafend bei einem
Schöpplein Branntwein. Also verharrte sie eine lange Weile, dann zog
sie einen kleinen Teller aus ihrer Tasche, und er sah sie unter den
Zechern betteln, sonderlich bei denen, so am unfürsichtigsten redeten.
Und die guten Tröpfe gaben ihr Gülden, Heller und Pfennige, ohne zu
knausern.
Ulenspiegel, verhoffend, daß er von dem Mägdlein erfahren würde, was
ihm die alte Potztausend nicht sagte, ging wiederum vor das Haus und
erblickte das Mägdlein, das nicht mehr rief, sondern ihm zulächelte und
süß verheißend mit den Augen zwinkerte.
Die Alte kehrte unversehens heim.
Ulenspiegel, erbost sie zu sehen, rannte wie ein Hirsch durch die Gasse
und schrie: „Es brennt, es brennt“, bis er vor dem Hause des Bäckers
Jakob Pietersen angelangt war. Die Fensterscheiben waren nach deutscher
Art und flammten rot in der untergehenden Sonne. Ein dicker Rauch
von Scheiten, so im Backofen zu Kohle wurden, entstieg der Esse der
Bäckerei. Ulenspiegel rannte unaufhörlich und schrie: „Es brennt, es
brennt“, und zeigte auf Jakob Pietersens Haus. Die Menge sammelte sich
davor, sah die roten Fensterscheiben und den dicken Rauch und schrie
gleich wie Ulenspiegel: „Es brennt, es brennt“. Der Wächter Unserer
lieben Frau von der Kapellen stieß ins Horn, dieweil der Küster aus
Leibeskräften die Feuerglocke, „Wacharm“ genannt, läutete. Und die
Büblein und Dirnlein liefen pfeifend und singend in Schwärmen herzu.
Da Glocke und Trompete immerwährend erschallten, schnürte die alte
Potztausend ihr Bündel und ging von dannen.
Ulenspiegel erspähte sie. Als sie fern war, trat er ins Haus.
„Du hier,“ sagte das Mägdlein, „so brennt es dorten nicht?“
„Da? nein“, antwortete Ulenspiegel.
„Aber die Glocke, die läutet?“
„Sie weiß nicht, was sie tut“, antwortete Ulenspiegel.
„Und diese klägliche Trompete und all das rennende Volk?“
„Die Zahl der Narren ist unendlich.“
„Was brennt denn?“
„Deine Augen und mein entflammtes Herz“, erwiderte Ulenspiegel.
Und er flog an ihren Mund.
„Du issest mich auf“, sagte sie.
„Ich habe die Kirschen gern“, sagte er.
Sie blickte ihn lächelnd und betrübt an. Plötzlich sagte sie weinend:
„Komm nicht mehr hierher. Du bist ein Geuse und Feind des Papstes,
komme nicht wieder ...“
„Deine Mutter!“ sagte er.
„Ja,“ sprach sie errötend. „Weißt Du, wo sie zur Stunde ist? Sie horcht
da, wo es brennt. Weißt Du, wohin sie alsbald gehen wird? Zum Roten
Hund, um alles zu berichten, was sie weiß, und dem Herzog, der da
kommen wird, das Werk zu bereiten. Flieh, Ulenspiegel, ich rette Dich,
flieh. Noch einen Kuß, aber komm nicht wieder; noch einen, Du bist
schön, ich weine / aber geh.“
„Wackeres Mägdlein“, sprach Ulenspiegel und hielt sie umfangen.
„Ich war es nicht allezeit,“ sagte sie. „Ich war wie sie ...“
„Dies Singen,“ sagte er „diese stummen Rufe der Schönheit für verliebte
Männer?“ ...
„Ja“, sprach sie. „Meine Mutter wollt’ es so. Dich rette ich, denn ich
liebe Dich inniglich. Die andern werde ich Dir zum Andenken retten,
mein Geliebter. Wenn du ferne sein wirst, wird dich dein Herz zu dem
reuigen Mädchen ziehen? Küß mich, Herzliebster. Es wird nimmermehr um
Geld Opfer zum Scheiterhaufen liefern. Geh; nein, verweile noch. Wie
weich deine Hand ist. Halt, ich küsse deine Hand, das ist das Zeichen
der Knechtschaft. Du bist mein Herr. Horch, komm näher, aber schweige.
Diese Nacht sind Männer ins Haus gekommen, Lumpen und Spitzbuben,
einer nach dem andern, und unter ihnen ein Italiener. Meine Mutter
hieß sie, in das Gemach eintreten, in dem du jetzo bist, befahl mir
herauszugehen und schloß die Türe. Ich hörte diese Worte „Steinernes
Kruzifix, Tor von Borgerhout, Prozession, Antwerpen, Unsere liebe Frau
...“ ersticktes Gelächter und das Klimpern von Gülden, so auf den Tisch
gezählt wurden. ... Flieh, da sind sie; flieh, mein Geliebter. Halt
mich in liebem Gedenken; flieh!“ ...
Ulenspiegel lief, wie sie ihn hieß, bis „~In den ouden Haen~“ und fand
allda Lamm, welcher Trübsal braute, eine Wurst knabberte und seine
siebente Kanne Löwener Peterman schlürfte.
Und er zwang ihn, gleich ihm zu laufen, ohngeachtet seines Bauches.
9
Dieweil er so im Schnelltrabe rannte und Lamm hintendrein, fand er in
der Eikenstraat ein boshaftes Pasquill gegen Brederode. Er brachte es
ihm geradenwegs.
„Euer Gnaden,“ sagte er, „ich bin jener gute Vlämländer und jener Spion
des Königs, dem Ihr so trefflich die Ohren riebt und dem Ihr so guten
Glühwein zu trinken gabt. Er bringt Euch ein artiges, kleines Pamphlet,
in dem man Euch unter anderm beschuldigt, Euch Graf von Holland zu
titulieren wie der König. Es kommt frisch aus der Druckerpresse von
Jan Lügenbold, der am Damm der Taugenichtse in der Sackgasse der
Ehrabschneider wohnt.“
Brederode erwiderte ihm mit Lächeln:
„Ich werde dich während zweier Stunden peitschen lassen, so Du mir
nicht den wahren Namen des Skribenten sagst.“
„Euer Gnaden,“ antwortete Ulenspiegel, „lasset mich zwei Jahre lang
peitschen, wenn Ihr wollet; aber Ihr könnet meinen Rücken nicht zwingen
auszusagen, was mein Mund nicht weiß.“
Und er ging fürbaß, nicht ohne einen Gulden für seine Mühe erhalten zu
haben.
10
Seit Juni, dem Rosenmond, hatten im Lande Flandern die Predigten
begonnen.
Und die Apostel der ursprünglichen christlichen Kirche predigten aller
Orten, auf Feldern und in Gärten, auf den Hügeln, die zur Zeit der
Überschwemmung als Zuflucht für das Vieh dienen, und auf den Flüssen in
Barken.
Zu Lande verschanzten sie sich wie in einem Lager, indem sie sich
mit ihren Wagen umgaben. Auf den Flüssen oder in den Häfen hielten
Kähne mit Gewaffneten Wacht um sie her. Und in den Lagern beschirmten
Musketiere und Scharfschützen sie vor den Überfällen des Feindes. Und
also ward das Wort der Freiheit aller Orten auf der heimischen Erde
vernommen.
11
Da Ulenspiegel und Lamm mit ihrem Wagen nach Brügge kamen und ihn in
einen Nachbarhof einstellten, traten sie nicht in eine Schenke, sondern
in die Kirche des Heiligen Erlösers, sintemalen in ihren Säckeln kein
lustig Geldklingeln mehr zu hören war.
Pater Cornelis Adriaensen, ein Minoritenbruder, ein schmutziger,
schamloser, wütender, keifender Predikant, ereiferte sich an jenem
Tage auf der Kanzel der Wahrheit. Junge, schöne andächtige Frauen
drängten sich um ihn. Pater Cornelis redete von der Passion. Und als
er bei der Stelle des Heiligen Evangelii war, da die Juden, vom Herrn
Jesu sprechend, Pilato zuschreien: „Kreuzige ihn, kreuzige ihn, denn
wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muß er sterben!“ rief Bruder
Cornelis aus:
„Ihr habt es gehört, Ihr guten Leute. Wenn unser Herr Jesus Christus
einen schrecklichen, schmählichen Tod erlitten hat, so ist das
geschehen, weil es allezeit Gesetze gab, um die Ketzer zu strafen.
Er wurde zu Recht verurteilt, weil er den Gesetzen nicht gehorcht
hatte. Und jetzt wollen sie die Edikte und Dekrete für nichts achten!
Ach, Jesus, welchen Fluch willst du auf diese Lande fallen lassen!
Hochwürdige Mutter Gottes, wenn Kaiser Karl noch am Leben wäre und
das Ärgernis dieser edlen Verbündeten sehen könnte. Sie haben gewagt,
der Regentin eine Bittschrift wider die Inquisition zu überreichen,
und wider die Dekrete, so zu einem so guten Zweck gemacht sind, so
reiflich bedacht und nach so langen und klugen Erwägungen verfaßt,
um alle Sekten und Ketzereien zu vernichten! Und wo sie nötiger
sind als Brot und Käse, wollen sie sie zunichte machen! In welchen
stinkenden, eklen, scheußlichen Abgrund stürzt man uns jetzo? Luther,
dieser schmutzige Luther, dieser tolle Ochs, triumphiert in Sachsen,
Braunschweig, Lüneburg, Mecklenburg. Brentius, der kotige Brentius,
der in Deutschland von Eicheln lebte, so die Schweine nicht mochten,
Brentius triumphiert in Württemberg. Der mondsüchtige Servet, der
ein Mondviertel im Kopf hatte, der Antitrinitarier Servet regiert
in Pommern, Dänemark und Schweden, und allda wagt er die heilige,
glorreiche und mächtige Dreieinigkeit zu lästern. Aber man hat mir
gesagt, daß er durch Calvin, der nur hierin gut war, lebendig verbrannt
worden ist; ja, durch den stinkenden Calvin, der sauer riecht, mit
seiner Schnauze, so lang wie ein Schlauch, mit seinen Käsegesicht
und Zähnen so groß wie Gartenschaufeln. Ja, diese Wölfe fressen sich
untereinander; jawohl, dieser Ochs Luther, dieser tolle Ochs, wappnete
die deutschen Fürsten wider den Wiedertäufer Münzer, der ein Biedermann
war, wie man sagt, und nach dem Evangelio lebte. Und durch ganz
Deutschland hat man das Brüllen dieses Ochsen gehört, ja!
„Und was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland, Seeland?
Adamiten, so ganz nackend auf den Gassen laufen. Ja, Ihr guten Leute,
ganz nackend auf den Gassen, und zeigen den Vorbeigehenden ohne Scham
ihr mageres Fleisch. Ihr sagt, es war nur einer. Ja / zugegeben, einer
gilt so viel wie hundert, hundert wie einer. Und er wurde verbrannt,
sagt ihr, lebendig verbrannt auf die Bitte der Calvinisten und
Lutheraner. Diese Wölfe fressen sich untereinander, sage ich Euch!
„Jawohl, was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland,
Seeland? Freidenker, die da lehren, daß jede Knechtschaft dem Worte
Gottes zuwider sei. Sie lügen, die stinkenden Ketzer, man muß sich der
heiligen römischen Mutter Kirche unterwerfen. Und in dieser verfluchten
Stadt Antwerpen, dem Stelldichein der ganzen ketzerischen Hundebrut
der Welt, haben sie zu predigen gewagt, daß wir die Hostie mit
Hundefett backen lassen. Ein andrer sagt / es ist jener Geuse, der dort
an der Straßenecke auf dem Nachttopf sitzt / „Es ist kein Gott, noch
ewiges Leben, noch Auferstehung des Fleisches, noch ewige Verdammnis.“
/ „Man kann ohne Salz, ohne Schweineschmalz, ohne Speichel, ohne
Teufelaustreibung und Kerze taufen“, sagt ein anderer da unten mit
heuleriger Stimme. / „Es gibt kein Fegefeuer“, sagt ein andrer mit
kläglicher Stimme. „Kein Fegefeuer, Ihr guten Leute! Wehe, Euch wäre
besser, mit Euren Müttern, Schwestern und Töchtern gesündigt zu haben,
denn am Fegefeuer zu zweifeln!“
„Jawohl, sie rümpfen die Nase vor dem Inquisitor, dem heiligen
Manne. Sie sind unweit von hier nach Belem gezogen, an viertausend
Calvinisten, mit Gewappneten, Bannern und Trommeln. Jawohl, und Ihr
riechet von hier den Dunst ihrer Speisen. Sie haben die Kirche Sankt
Katholyne in Besitz genommen, um sie zu entehren, zu entweihen, zu
entheiligen durch ihr verfluchtes Gepredige.
„Was soll diese gottlose und schändliche Duldsamkeit? Bei den tausend
Teufeln der Hölle, warum nehmet Ihr nicht auch die Waffen zur Hand,
Ihr katholischen Rüden? Ihr habet gleich den verdammten Calvinisten
Kürasse, Lanzen, Hellebarden, Degen, Schwerter, Armbrüste, Messer,
Knüttel, Spieße und die Bombarden und Feldschlangen der Stadt.
„Sie sind friedfertig, saget ihr; sie wollen in aller Freiheit und Ruhe
das Wort Gottes hören. Das ist mir ganz eins. Hinaus aus Brügge! Jaget,
tötet, werfet mir alle diese Calvinisten aus der Kirche. Ihr seid noch
nicht fort! Pfui, über Euch! Ihr seid Hühner, die auf ihrem Misthaufen
zittern. Ich sehe schon den Augenblick, da diese verdammten Calvinisten
auf dem Bauch Eurer Weiber und Töchter die Trommel schlagen, und
Ihr lasset sie, Ihr Männer von Werg und Teig. Gehet ja nicht dahin,
mitnichten! Ihr würdet in der Schlacht Eure Hosen naß machen. Pfui über
Euch Brügger, pfui, Ihr Katholiken! Das heißt gut katholisch sein, Ihr
feigen Memmen! Schande über Euch, Ihr Enten und Enteriche, Gänse und
Truthähne, die Ihr seid!
„Ei, sind es nicht schöne Prediger, daß Ihr so in Haufen zu Ihnen
gehet, die Lügen anzuhören, die sie ausspeien, daß Eure Töchter des
Nachts zu ihren Predigten gehen, auf daß in neun Monden die Stadt
voll kleiner Geusen und Geusinnen sei? Es waren ihrer vier, vier
schändliche Taugenichtse, so auf dem Kirchhof gepredigt haben. Der
erste dieser Hallunken, bleich und mager, trug einen schmutzigen Hut
auf dem Kopfe. Dank dem Hut sah man seine Ohren nicht. Wer unter Euch
hat die Ohren eines der Prediger gesehen? Er war ohne Hemd, denn seine
bloßen Arme schauten ohne Linnen aus dem Wams heraus. Ich hab es wohl
gesehen, ohngeachtet er sich mit einem schmutzigen Mäntelchen bedecken
wollte, und in seinen Hosen von schwarzem Leinen und durchscheinend
wie die Turmspitze von Unsrer lieben Frau zu Antwerpen, sah ich seine
Naturglocken und seinen Klöppel. Der andere böse Bube predigte im
Wams ohne Schuhe. Keiner hat seine Ohren gesehen. Er mußte in seinem
Gepredige innehalten, und die Knaben und Mägdlein höhnten ihn und
schrien: „Huh, huh, er weiß seine Lektion nicht.“ Der dritte dieser
schändlichen Buben trug ein schmutziges Hütlein mit einer winzigen
Feder darauf. Seine Ohren waren auch nicht zu sehen. Der vierte
Taugenichts, Hermanus, der besser ausstaffiert war als die andern, muß
an der Schulter zweimal durch den Henker gebrandmarkt sein, jawohl.
„Sie tragen alle unter ihrem Hut schmierige, seidene Mützen, so ihre
Ohren verbergen. Sahet Ihr die Ohren eines der Prediger? Wer von
diesen Lumpen wagte seine Ohren zu zeigen? Ohren, ha, ha, seine Ohren
zeigen: sie sind ihnen abgeschnitten. Jawohl, der Henker hat ihnen
allen die Ohren abgeschnitten. Und doch scharte sich der Pöbel um
die schändlichen Schufte, diese Beutelschneider, diese Schuhflicker,
die von ihren Schemeln weggelaufen sind, diese predigenden Lumpen,
und rief: „Es lebe der Geuse!“ gleich als wären sie allzumal rasend,
trunken oder toll gewesen.
„Wehe! Uns armen, römischen Katholiken bleibt nichts denn die
Niederlande zu verlassen, sintemalen man hier das Geschrei duldet: „Es
lebe der Geuse! Es lebe der Geuse.“ Welch ein verwünschter Mühlstein
ist diesem verhexten und dummen Volk auf den Kopf gefallen, oh Jesus!
Reich und Arm, Adlig und Unadlig, Jung und Alt, Männer und Frauen
schreien: „Es lebe der Geuse“!
„Und was sind diese Herren, all diese schäbigen Lederhosen, so uns
von Deutschland gekommen sind? All ihr Hab’ und Gut ist zu den
Dirnen gegangen, in Krimpelspiel, Schleckereien, Gelagen, Völlerei,
Ausschweifung und mancherlei Schändlichkeit, Götzendienst der Würfel
und Triumph der Putzsucht. Sie haben nicht einen verrosteten Nagel,
sich zu kratzen, wo es sie juckt. Darum brauchen sie die Güter der
Kirchen und Klöster.
„Und auf ihrem Bankett bei dem Schelm von Kuilenburg mit dem andern
Schelm von Brederode haben sie aus hölzernen Näpfen getrunken, Herrn
von Berlaymont und Ihro Gnaden der Frau Regentin zum Trotz. Jawohl, und
haben gerufen: „Es lebe der Geuse!“ Ach, wenn ich der liebe Gott währe,
ich hätte, mit Respekt zu vermelden, ihr Getränk, ob Bier oder Wein, in
ein schmutziges, abscheuliches Spülicht verwandelt, ja in schmutziges,
scheußliches, stinkendes Waschwasser, darin sie ihre kotigen Hemden und
Laken gewaschen hätten.
„Ja, schreit, Ihr Esel, die Ihr seid, schreit nur: „Es lebe der Geuse!“
Ich bin ein Prophet. Und alle Verwünschungen, alle Not, Fieber,
Pestilenz, Brand, Trümmer, Verwüstung, Krebs, englisches Schweißfieber
und schwarzer Tod werden über die Niederlande kommen. Und also wird
Gott für Euer ekles Geplärr: „Es lebe der Geuse!“ gerächt werden. Und
von Euren Häusern wird nicht ein Stein auf dem andern bleiben und
nicht ein Stück Knochen von Euren verdammten Beinen, die zu dieser
verfluchten Calvinisterei und Predigerei laufen. Also geschehe es,
geschehe es, geschehe es, Amen.“
„Laß uns gehen, mein Sohn“, sprach Ulenspiegel zu Lamm.
„Sogleich“, sagte Lamm.
Und er suchte seine Frau unter den jungen, schönen, andächtigen Frauen,
die der Predigt beiwohnten, aber er fand sie nicht.
12
Ulenspiegel und Lamm kamen an den Ort, der Minnewater (Liebeswasser)
genannt wird; aber die hochgelahrten Doktoren und Wysneusen
(Naseweisen) sagen, daß es Minrewater, Wasser der Mindesten heiße[3].
Ulenspiegel und Lamm setzten sich an den Rand des Wassers und sahen
unter den Bäumen, deren Laubwerk wie ein niedrig Gewölbe bis auf ihre
Köpfe hing, Männer und Frauen, Mägdlein und Knaben vorübergehen. Sie
trugen Kränzlein in den Haaren, reichten sich die Hände und wandelten
Hüfte an Hüfte, blickten sich zärtlich in die Augen und sahen nichts in
dieser Welt denn sich selbst.
Ulenspiegel betrachtete sie und gedachte an Nele. Und bei diesem
traurigen Gedanken sprach er: „Laß uns trinken gehen.“
Aber Lamm hörte Ulenspiegel nicht und betrachtete auch die verliebten
Pärlein.
„Ehedem gingen wir auch so vorbei, mein Weib und ich, und just solchen,
die gleichwie wir sich einsam ohne Weib am Ufer der Gräben ausstrecken,
trugen wir unsre Liebe zur Schau.“
„Komm trinken,“ sprach Ulenspiegel, „wir werden die Sieben auf dem
Boden eines Maßkruges finden.“
„So redet ein Trinker,“ antwortete Lamm, „Du weißt, daß die Sieben
Riesen sind und unter dem großen Gewölbe der Kirche des heiligen
Erlösers nicht aufrecht stehen könnten.“
Ulenspiegel gedachte traurig Neles und auch, daß sie etwan in irgend
einem Gasthaus gutes Nachtlager, gutes Abendbrot und eine artige Wirtin
finden möchten und sagte wiederum:
„Laß uns trinken gehen.“
Aber Lamm hörte ihn nicht und sprach, indem er den Turm der
Liebfrauenkirche betrachtete:
„Heilige Frau Maria, Schutzpatronin der erlaubten Liebe, gib, daß ich
noch einmal ihren weißen Busen, das weiche Schlummerkissen sehe.“
„Komm trinken“, sagte Ulenspiegel. „Du wirst sie finden, wie sie ihn in
einer Schenke den Zechern zeigt.“
„Wagst Du so schlecht von ihr zu denken?“ fragte Lamm.
„Laß uns trinken gehen,“ sagte Ulenspiegel, „sie ist ohne Zweifel
irgendwo Wirtin.“
„So redet der Durst“, sagte Lamm.
Ulenspiegel redete weiter:
„Vielleicht hat sie für die armen Wanderer eine Schüssel schönen
gedämpften Ochsenfleisches aufgehoben, dessen Gewürze die Luft mit Duft
erfüllen, nicht zu fett, zart und saftig wie Rosenblätter, und gleich
Fastnachtsfischen zwischen Nelken, Muskat, Hahnenkämmen, Kalbsmilch und
andern himmlischen Leckerbissen schwimmend.“
„Du Boshafter“, sagte Lamm, „Du willst mich gewißlich umbringen. Weißt
Du nicht, daß wir seit zwei Tagen nur von trocknem Brot und Dünnbier
leben?“
„Der Hunger redet aus Dir,“ versetzte Ulenspiegel. „Du weinst vor
Begierde, komm essen und trinken. Ich habe da einen hübschen halben
Gülden, der wird die Kosten unseres Schmauses decken.“
Lamm lachte. Sie holten ihren Wagen und fuhren also durch die Stadt und
suchten nach der besten Herberge. Aber sie erblickten etliche Gesichter
von Wirten, die mürrisch, und Wirtinnen, die gar wenig mitleidig
aussahen, und fuhren vorbei, denn sie gedachten, daß eine saure Miene
ein schlechtes Aushängeschild für gastliche Küche sei.
So gelangten sie zum Samstagsmarkt und kehrten in den Gasthof „Zur
Blauen Laterne“ ein. Da war ein Wirt von guter Miene. Sie stellten
ihren Wagen ein und ließen den Esel in den Stall bringen, mit einer
Metze Hafer zur Gesellschaft. Sie ließen sich zu essen auftragen, aßen
nach Herzenslust, schliefen gut und standen auf, um wiederum zu essen.
Lamm, der vor Behagen platzte, sprach:
„Ich höre himmlische Musik in meinem Magen.“
Da der Augenblick des Zahlens kam, ging der Wirt zu Lamm und sagte zu
ihm:
„Ich kriege zehn Heller.“
„Der hat sie“, sprach Lamm zu ihm und zeigte auf Ulenspiegel. Der aber
sagte:
„Ich habe sie nicht.“
„Und der halbe Gülden?“ fragte Lamm.
„Ich habe ihn nicht,“ antwortete Ulenspiegel.
„Das ist eine schöne Rede,“ sagte der Wirt. „Ich werde Euch allen
beiden Euer Wams und Hemd fortnehmen.“
Plötzlich rief Lamm in der Trinklaune:
„Und wenn ich essen und trinken will, essen und trinken, ja für
siebenundzwanzig Gülden und mehr trinken, so werde ich es tun. Meinst
Du, daß in diesem Bauch nicht ein roter Heller sitzt? So wahr Gott
lebt! er wurde bis heute nur mit Fettammern gemästet. Du wirst unter
Deinem schmierigen Ledergürtel nimmer seinesgleichen tragen. Denn Du
hast Dein Fett am Kragen des Wamses, wie ein böser Mensch, und nicht
wie ich drei Daumen dicken leckeren Specks auf dem Bauch!“
Der Wirt war vor Wut außer sich. Da er ohnedies stotterte, wollte er
schnell sprechen; je hastiger er aber sprach, um so mehr nieste er wie
ein Hund, der aus dem Wasser kommt. Ulenspiegel warf ihm Brotkügelchen
an die Nase, und Lamm ereiferte sich noch mehr und redete weiter:
„Jawohl, ich habe hier genug, um Deine drei mageren Hühner, Deine vier
krätzigen Küchlein und diesen großen Dummkopf von Pfau zu bezahlen, der
seinen schmutzigen Schweif in Deinem Hühnerhofe zur Schau trägt. Und
wenn Deine Haut nicht trockner wäre denn die eines alten Hahnes, und
Deine Knochen nicht in Deiner Brust zu Staub zerfielen, so hätte ich
noch genug, um Dich, Deinen rotznasigen Knecht und Deine einäugige Magd
zu essen und Deinen Koch dazu, dessen Arme, so er die Krätze hätte, zu
kurz wären sich zu kratzen. Ei seht doch“, so redete er weiter, „seht
doch den schönen Vogel, der uns eines halben Güldens willen unser Wams
und Hemd nehmen will? Was sind denn Deine Kleider wert, Du zerlumptes
Großmaul, ich will Dir drei Heller dafür geben.“
Aber der Wirt ward immer zorniger und schnaubte noch mehr.
Und Ulenspiegel warf ihm Brotkügelchen ins Gesicht.
Lamm war wie ein Löwe und sagte:
„Was glaubst Du, magere Fratze, was ein schöner Esel mit feinem Maul,
langen Ohren, breiter Brust und Fesseln wie von Eisen wert sei?
Achtzehn Gülden zum mindesten, nicht wahr, Du armer Schlucker von
einem Wirt? Wieviel alte Nägel hast Du in Deinen Goldtruhen, um ein so
schönes Tier zu bezahlen?“
Der Wirt schnaubte noch mehr, aber er wagte nicht zu mucksen.
„Wieviel glaubst Du, ist ein schöner Wagen aus Eschenholz wert,
durchweg bemalt und oben mit Linnen von Courtrai gegen Sonne und
Platzregen geschirmt? Vierundzwanzig Gülden zum mindesten, he? Und
wieviel macht vierundzwanzig Gülden und achtzehn Gülden? Antworte, Du
Knicker, der nicht rechnen kann. Und dieweil Markttag ist und Bauern
in Deinem kläglichen Gasthofe sind, so will ich ihnen beides flugs
verkaufen.“
Und so geschah es, denn alle kannten Lamm. Und wahrlich, er kriegte für
Esel und Wagen vierundvierzig Gülden und zehn Heller. Darnach klimperte
er dem Wirt mit dem Gold unter der Nase und fragte ihn:
„Witterst Du den Duft der künftigen Schmäuse?“
„Ja,“ antwortete der Wirt.
Und ganz leise sprach er:
„So Du Deine Haut feil bietest, will ich sie für einen Heller kaufen
und daraus ein Amulett gegen die Verschwendung machen.“
Derweilen hatte ein hübsches, artiges Weiblein, so im dunklen Hofe
stand, Lamm oftmals durchs Fenster angeschaut und allemal wenn er ihr
hübsches Lärvchen sehen konnte, zog sie sich zurück. Am Abend, da er
schwankend vom Weine, den er getrunken, ohne Licht hinaufging, fühlte
er auf der Stiege, wie eine Frau ihn umhalste, ihn begehrlich auf
Wange, Mund und gar auf die Nase küßte und sein Antlitz mit verliebten
Tränen benetzte; dann ließ sie ihn los.
Schlaftrunken von dem Getränk, legte Lamm sich nieder, schlief und zog
des andern Tages mit Ulenspiegel nach Gent.
13
Allda suchte er sein Weib in allen Musikschenken und Trinkstuben. Am
Abend fand er Ulenspiegel im „Singenden Schwan“ wieder.
Ulenspiegel ging hin, wo er konnte, säete Aufruhr und wiegelte das Volk
auf gegen die Henker des Landes seiner Väter.
Da er auf dem Freitagsmarkt bei der Dulle Griet, der großen Kanone war,
legte er sich platt auf den Bauch aufs Pflaster.
Ein Kohlenträger kam und sprach zu ihm:
„Was tust Du da?“
„Ich mache meine Nase feucht, um zu erfahren, woher der Wind kommt.“
Ein Schreiner kam.
„Hältst Du das Pflaster für ein Pfühl?“ fragte er.
„Es sind ihrer, die es bald zur Decke nehmen werden,“ antwortete
Ulenspiegel.
Ein Mönch blieb stehen.
„Was macht dieses Kalb da?“ fragte er.
„Es liegt vor Euch auf dem Bauch und bittet um Euren Segen, mein
Vater,“ entgegnete Ulenspiegel.
Als der Mönch ihm den gegeben hatte, ging er fürbaß.
Alsdann legte Ulenspiegel das Ohr an die Erde. Ein Bauer kam.
„Hörst Du ein Geräusch da unten?“ fragte er ihn.
„Ich höre das Holz wachsen, dessen Scheite dienen werden, die armen
Ketzer zu verbrennen.“
„Hörst du weiter nichts?“ fragte ihn ein Stadtknecht.
„Ich höre die Reiterei aus Spanien kommen; so Du etwas hast, was Du
behalten willst, grab es ein, maßen die Städte in Bälde nicht mehr
sicher sein werden vor Dieben.“
„Er ist närrisch,“ sagte der Stadtknecht.
„Er ist närrisch,“ wiederholten die Bürger.
14
Derweilen aß Lamm nicht mehr, denn er gedachte des holden Traumes auf
der Stiege der „Blauen Laterne“. Doch ob ihn sein Herz auch nach Brügge
zog, ward er von Ulenspiegel doch mit Gewalt nach Antwerpen geführt, wo
er seine traurigen Nachforschungen fortsetzte.
War Ulenspiegel in der Schenke unter guten reformierten Vlamländern,
ja, selbst unter Katholiken, welche der Freiheit wohlgesinnt waren, so
sprach er zu ihnen solcherart über die Edikte: „Sie führen bei uns die
Inquisition ein mit dem Vorgeben, uns von der Ketzerei zu purgieren;
aber dieser Rhabarber ist nur für unsere Geldsäckel wirksam. Wir wollen
keine Arzenei nehmen, als welche uns beliebt; wir werden böse werden,
uns empören und nach den Waffen greifen. Der König wußte das im voraus.
Wenn er sieht, daß wir keinen Rhabarber wollen, wird er die Spritzen
aufmarschieren lassen, das heißt, die großen und kleinen Kanonen,
Feldschlangen, Bombarden und Mörser mit großem Rachen! Ein königliches
Klistier. In dem mit solcher Arznei behandelten Flandern wird kein
reicher Vlamländer bleiben. Unsere Länder sind glücklich, einen so
königlichen Arzt zu haben.“ Aber die Bürger lachten.
Ulenspiegel sagte:
„Lachet heute, aber fliehet oder wappnet Euch an dem Tage, da man etwas
an Unserer lieben Frau zerbrechen wird.“
15
Am fünfzehnten August, dem großen Marientag, wo die Kräuter und Wurzeln
geweiht werden und die Hennen, von Körnern satt, für das Trompeten
des Liebe verlangenden Hahnes taub sind, ward ein großes Steinkreuz an
einem der Tore von Antwerpen von einem Italiener im Solde des Kardinals
Granvella zerbrochen, und die Prozession der Jungfrau, der grüne,
gelbe und rote Narren vorausgingen, kam aus der Frauenkirche gezogen.
Aber die Statue der Jungfrau ward unterwegs von unbekannten Männern
beschimpft und eilends in das Chor der Frauenkirche zurückgebracht, und
die Gitter wurden geschlossen.
Ulenspiegel und Lamm traten in die Kirche. Junge ausgehungerte,
zerlumpte Gesellen, so männiglich fremd waren, standen vor dem Chor
und machten einander gewisse Zeichen und Fratzen. Mit ihren Füßen und
Zungen vollführten sie großen Lärm. Keiner hatte sie in Antwerpen
gesehen, keiner sah sie wieder. Einer von ihnen, mit einem Antlitz
wie eine verbrannte Zwiebel, fragte, ob Mieke, damit meinte er die
Jungfrau, Angst gehabt hätte, dieweil sie so hastig in die Kirche
zurückgekehrt sei?
„Vor Dir hat sie keine Furcht gehabt, Du garstiger Mohr,“ antwortete
Ulenspiegel.
Der junge Gesell, zu dem er sprach, ging auf ihn los, um ihn zu
schlagen, aber Ulenspiegel würgte ihn am Kragen und sprach:
„So Du mich schlägst, laß ich Dich Deine Zunge ausspeien.“
Alsdann wandte er sich zu etlichen Männern von Antwerpen, die da waren,
und sagte, auf die jungen, zerlumpten Kerle deutend:
„Signorkes und Pagaders, hütet Euch, das sind falsche Vlamländer,
Verräter, die bezahlt sind, uns Leid, Elend und Untergang zu bringen.“
Dann sprach er also zu den Unbekannten:
„He, Ihr Eselsköpfe, vom Elend ausgedörrt, woher habt Ihr das Geld, das
man heute in Euern Säckeln klingen hört? Habet Ihr etwan Eure Haut im
voraus verkauft, um Trommeln daraus zu machen?“
„Sehet den Prediger!“ sagten die Unbekannten.
Dann huben sie insgesamt an zu schreien und sagten von Unsrer lieben
Frau:
„Mieke hat ein schönes Kleid! Mieke hat eine schöne Krone! Ich will sie
meiner Vettel geben!“
Sie gingen hinaus, dieweil einer von ihnen auf die Kanzel gestiegen
war, um dort unziemliche Reden zu führen, dann kamen sie wieder und
schrien:
„Steig herab, Mieke, steig herab, ehe wir dich holen. Tu ein Wunder,
auf daß wir sehen, daß Du ebensogut gehen kannst als Dich tragen
lassen, Mieke, Du Faulenzerin!“
Aber Ulenspiegel hatte gut rufen: „Ihr Unglücksstifter, hört auf mit
Euren schlimmen Reden, jede Plünderung ist ein Verbrechen.“ Sie hörten
schlechterdings nicht auf zu reden, und etliche sprachen gar davon, das
Chor zu erbrechen und Mieke zu zwingen, daß sie herabstiege.
Ein altes Weiblein, das in der Kirche Kerzen verkaufte und diese Reden
vernahm, warf ihnen die Asche ihres Fußwärmers ins Gesicht; aber sie
schlugen das Weiblein und warfen es zu Boden, und nun begann das Getobe.
Der Markgraf kam mit seinen Bütteln in die Kirche. Da er die
versammelte Menge sah, ermahnte er sie aus der Kirche zu gehen, aber so
sänftiglich, daß nur etliche von hinnen gingen; die andern sagten:
„Zuvor wollen wir die Domherren zu Miekes Ehre die Vesper singen hören.“
Der Markgraf entgegnete:
„Es wird nicht gesungen werden.“
„Wir wollen selber singen,“ antworteten die unbekannten Lumpen. Solches
taten sie in den Schiffen und bei der Vorhalle der Kirche. Etliche
spielten mit ~krieke-steenen~ (Kirschkernen) und sagten: „Mieke, Du
spielest nimmer im Paradies und hast keine Kurzweil; spiele mit uns.“
Und ohne Aufhören beschimpften sie das Marienbild und schrien, höhnten
und pfiffen.
Der Markgraf tat, als ob er Furcht hätte, und ging hinaus. Auf seinen
Befehl wurden alle Türen der Kirche bis auf eine geschlossen.
Ohne daß das Volk sich darein mischte, ward das fremde Lumpengesindel
kecker und schrie noch lauter. Und die Gewölbe hallten wider wie Donner
von hundert Kanonen.
Alsdann bestieg einer von ihnen die Kanzel, der mit dem Gesicht
gleich einer verbrannten Zwiebel, welcher etliches Ansehen zu haben
schien, winkte ihnen mit der Hand, predigte und sprach: „Im Namen des
Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, die drei sind nur einer
und einer drei, Gott bewahre uns im Paradies vor der Rechenkunst. Des
heutigen Tages am fünfzehnten des Augustmonds ist Mieke im höchsten
Staat ausgegangen, um ihr hölzernes Antlitz den Herren und Bürgern von
Antwerpen zu zeigen. Aber während der Prozession ist Mieke dem Teufel
Satanas begegnet, und Satanas, ihrer spottend, hat zu ihr gesagt: „Du
bist schier stolz als Königin ausstaffiert, Mieke; Du wirst von vier
Herren getragen und willst den armen Satanas, der auf Schusters Rappen
reitet, nicht mehr anschauen.“ Und Mieke antwortete: „Hebe Dich weg,
Satanas, auf daß ich Dir nicht noch mehr den Kopf zertrete, Du böse
Schlange!“
„Mieke,“ sagte Satanas darauf, „mit diesem Geschäft verbringst Du seit
fünfzehnhundert Jahren die Zeit, aber der Geist des Herrn, Deines
Meisters, hat mich erlöset. Ich bin stärker als Du, Du wirst mir nicht
mehr auf den Kopf treten, und ich werde Dich jetzo tanzen lassen.“
Satanas nahm eine große Peitsche, die scharf einschnitt, und hub an,
Mieke zu schlagen. Sie wagte nicht zu schreien, aus Furcht, ihre Angst
zu zeigen, und alsdann hat sie sich in den schnellsten Trab gesetzt,
und die Herren, so sie trugen, gezwungen, auch zu laufen, um sie mit
ihrer güldenen Krone und ihren Kleinodien nicht in das arme, gemeine
Volk fallen zu lassen. Und jetzt steht Mieke still und steif in ihrer
Nische und betrachtet Satan, der da oben auf der Säule unter der
kleinen Kuppel sitzet und seine Peitsche hält und hohnlachend zu ihr
sagt:
„Ich werde Dir das Blut und die Tränen heimzahlen, so in Deinem Namen
fließen! Mieke, wie steht Dein jungfräuliches Befinden? Die Stunde ist
gekommen, wo Du ausziehen mußt. Man wird Dich entzwei schneiden, Du
häßliche, hölzerne Puppe, für all die Puppen aus Fleisch und Bein, so
in Deinem Namen ohn Erbarmen verbrannt, gehenkt und lebendig begraben
wurden.“ Also sprach Satanas und er sprach gut. „Du mußt aus Deiner
Nische herabsteigen, blutdürstige, grausame Mieke, die Du Deinem Sohne
Christo nicht ähnlich bist.“
Und höhnend und schreiend tobte der ganze Schwarm der Unbekannten:
„Mieke, Mieke, es ist die Stunde des Auszugs! Nehmet die hölzernen
Heiligen fort! Auf, Brabant für den guten Herzog! Wer will ein Bad in
der Schelde nehmen? Holz schwimmt besser als Fische.“
Das Volk hörte zu, ohne etwas zu sagen.
Aber Ulenspiegel bestieg die Kanzel und warf den Sprecher mit Gewalt
die Stiege hinunter.
„Ihr Rasenden,“ sagte er zum Volke, „Ihr wahnsinnigen Narren, Ihr
einfältigen Narren, die Ihr nicht weiter sehet als Eure rotzige
Nasenspitze, begreifet Ihr nicht, daß all dies das Werk von Verrätern
ist? Sie wollen Euch zu Kirchenschändern und Räubern machen, um
Euch für Rebellen zu erklären, Eure Geldtruhen zu leeren, Euch zu
brandmarken und lebendig zu verbrennen. Und der König wird erben!
Signorkes und Pagaders, messet den Worten dieser Unglücksstifter keinen
Glauben bei; lasset Unsre liebe Frau in ihrer Nische, lebet standhaft,
indem Ihr fröhlich arbeitet und Euren Gewinst und Verdienst ausgebet.
Der schwarze Teufel des Verderbens hat ein Auge auf Euch. Durch
Plünderung und Zerstörung will er das feindliche Heer herbeirufen,
um Euch als Rebellen zu behandeln. Dann wird Alba durch Diktatur,
Inquisition, Konfiskation und Tod über Euch herrschen und er wird
erben.“
„Wehe,“ sprach Lamm, „plündert nicht, Signorkes und Pagaders; der König
ist schon sehr erzürnt. Die Tochter der Stickerin hat es meinem Freund
Ulenspiegel gesagt. Plündert nicht, Ihr Herren.“
Aber das Volk konnte sie nicht hören.
Die Unbekannten schrien:
„Plünderung und Austreibung! Plünderung, Brabant für den guten Herzog!
Ins Wasser mit den Heiligen! Sie schwimmen besser denn Fische!“
Ulenspiegel hielt sich an der Kanzel fest und rief vergeblich:
„Signorkes und Pagaders, leidet die Plünderung nicht! Rufet nicht das
Verderben auf die Stadt herab!“
Er ward fortgezerrt und ohngeachtet er sich mit Händen und Füßen
wehrte, ward ihm Gesicht, Wams, Hosen, alles zerrissen.
Und wiewohl blutend, ließ er nicht ab zu schreien:
„Leidet die Plünderung nicht!“
Aber es war umsonst.
Die Unbekannten und das Gesindel der Stadt warfen sich auf das Gitter
des Chors und zerbrachen es. Dabei schrien sie:
„Es lebe der Geuse!“
Alle huben an zu zerbrechen, zu plündern und zu zerstören. Vor
Mitternacht war die große Kirche, in der es siebenzig Altäre, alle
Arten schöner Malereien und kostbarer Dinge gab, ausgeleert wie eine
Nuß. Die Altäre waren zertrümmert, die Bilder heruntergeschlagen und
alle Schlösser zerbrochen.
Da dies getan war, machten sich die nämlichen Unbekannten auf den Weg,
um die Minderen Brüder, die Franziskaner, Sankt Peter, Sankt Andreas,
Sankt Michael, Sankt Peter im Topf, die Burg, die Fawkens, die Weißen
Schwestern, die Grauen Schwestern, den dritten Orden, die Prediger
und alle Kirchen und Kapellen der Stadt gleich der Frauenkirche zu
traktieren. Und sie nahmen die Kerzen und Fackeln heraus und liefen so
überall hin.
Es gab unter ihnen weder Streit noch Beratung; keiner von ihnen ward
bei diesem großen Zerbrechen von Steinen, Holz und anderen Dingen
verwundet.
Sie stellten sich in Haag ein, um auch dort zum Raub der Bildwerke
und Altäre zu schreiten, ohne daß ihnen hier oder andernorts die
Reformierten Beistand geleistet hätten.
Im Haag fragte sie der Magistrat, wo ihre Vollmacht wäre.
„Da ist sie,“ sagte einer und schlug auf sein Herz.
„Ihre Vollmacht, hört Ihr, Signorkes und Pagaders?“ sprach Ulenspiegel,
da er die Sache erfahren. „Es ist also einer da, der ihnen befohlen
hat, als Kirchenschänder zu arbeiten. So in meine Hütte etwelcher
plündernde Spitzbube kommt, werde ich tun wie der Magistrat vom Haag;
ich werde meinen Hut abnehmen und sagen: „Edler Spitzbube, gnädiger
Taugenichts, ehrwürdiger Lump, zeig mir deine Vollmacht.“ Und er wird
sagen, daß sie in seinem Herzen sei, das nach meinem Gute verlangt. Und
ich werde ihm die Schlüssel zu allem geben. Suchet, suchet, wem diese
Plünderung Nutzen bringt. Hütet Euch vor dem Roten Hund. Das Verbrechen
ist begangen, man wird es strafen. Hütet Euch vor dem Roten Hund. Das
große steinerne Kruzifix ist heruntergeschlagen. Hütet Euch vor dem
Roten Hund.“
Da der Hohe Rat von Mecheln durch den Mund seines Präsidenten Viglius
befohlen hatte, dem Zerbrechen der Bilder keinen Einhalt zu tun, sagte
Ulenspiegel:
„Wehe, die Ernte ist reif für die hispanischen Schnitter. Der Herzog,
der Herzog marschiert gegen uns Vlamländer, das Meer schwillt, das
Meer der Rache. Arme Frauen und Jungfrauen, fliehet die Grube! Arme
Männer, fliehet den Galgen, das Feuer und Schwert. Philipp will Karls
blutiges Werk vollenden. Der Vater säete Tod und Verbannung; der Sohn
hat geschworen, er wolle lieber über einen Totenacker herrschen, denn
über ein Volk von Ketzern. Fliehet, hier sind der Henker und die
Totengräber.“
Das Volk hörte auf Ulenspiegel, und die Familien verließen bei
Hunderten die Städte, und die Landstraßen waren versperrt von Wagen,
beladen mit dem Hausrat Derer, so in die Verbannung zogen.
Und Ulenspiegel ging allerorten hin und Lamm folgte ihm betrübt und
suchte seine Liebste.
Und in Damm weinte Nele bei Katheline, der Irren.
16
Da Ulenspiegel im Gerstemond, das ist Oktober, in Gent war, sah er
Egmont in des Abtes von Sankt Bavo edler Gesellschaft vom Schwelgen und
Feiern heimkehren. In singfroher Laune ließ er träumend sein Pferd im
Schritt gehen. Plötzlich erblickte er einen Mann, der eine brennende
Laterne trug und neben ihm her schritt.
„Was willst Du?“ fragte Egmont.
„Gutes“, versetzte Ulenspiegel.
„Geh und laß mich,“ entgegnete der Graf.
„Ich werde nicht gehen,“ erwiderte Ulenspiegel.
„Willst Du einen Peitschenhieb haben?“
„Ich will ihrer zehn haben, wenn ich Euch einen solchen Leuchtkäfer in
den Kopf setzen kann, daß Ihr von hier bis zum Escurial deutlich sehen
könnt.“
„Mich kümmert nicht Leuchtkäfer noch Escurial,“ antwortete der Graf.
„Und mich brennt es, Euch einen guten Rat zu geben,“ erwiderte
Ulenspiegel. Dann nahm er des Grafen Pferd, welches ausschlug und sich
bäumte, beim Zügel und sprach:
„Euer Gnaden, gedenket, daß Ihr jetzo auf Eurem Roß tanzet und daß Euer
Haupt auch trefflich auf Euren Schultern tanzet; aber der König, sagt
man, will diesen schönen Tanz unterbrechen, Euch Euren Körper lassen,
aber Euren Kopf nehmen und ihn in so ferne Länder tanzen lassen, daß
Ihr ihn nimmermehr wieder einholen könnet. Gebet mir einen Gulden, ich
habe ihn verdient.“
„Die Peitsche, wenn du nicht weichest, schlechter Ratgeber.“
„Euer Gnaden, ich bin Ulenspiegel, der Sohn des Klas, der für seinen
Glauben lebendig verbrannt ist, und Soetkins Sohn, die an Herzeleid
gestorben ist. Die Asche brennt auf meiner Brust und sagt mir, daß
Egmont, der tapfere Soldat, mit der Reiterei, die er befehligt, seine
dreimal siegreichen Truppen dem Herzog Alba entgegen stellen kann.“
„Geh,“ antwortete Egmont, „ich bin kein Verräter.“
„Rette die Lande, Du allein kannst es,“ sagte Ulenspiegel.
Der Graf wollte Ulenspiegel peitschen, aber dieser wartete nicht darauf
und entfloh mit dem Ruf:
„Esset Leuchtkäfer, esset Leuchtkäfer, Herr Graf. Rettet die Lande.“
Ein ander Mal hielt Egmont, da ihn dürstete, vor der Herberge ~In ’t
tondt verken~, Zum bunten Ferkel, so von einer Frau aus Kortrijk, einem
hübschen Weiblein, namens Musekin, Mäuslein, gehalten ward.
Der Graf erhob sich in den Steigbügeln und rief:
„Zu trinken.“
Ulenspiegel, welcher der Musekin diente, trat zu dem Grafen heran, in
der einen Hand einen Zinnhumpen, in der andern eine volle Flasche roten
Weines.
Der Graf sagte, als er ihn sah:
„Bist Du es, Unglücksrabe?“
„Euer Gnaden,“ entgegnete Ulenspiegel, „wenn meine Prophezeihung
schwarz ist, so kommts, weil sie sich nicht weiß gewaschen hat. Aber
wollt Ihr mir sagen, was röter ist, der Wein, der in die Kehle geht,
oder das Blut, das herausspritzt? Das war’s, was meine Laterne fragte.“
Der Graf antwortete nicht, trank, zahlte und ritt von dannen.
17
Ulenspiegel und Lamm, ein jeglicher auf einem Esel reitend, den Simon
Simonsen, einer der Getreuen des Prinzen von Oranien ihnen gegeben
hatte, zogen überall hin und warnten die Leute vor den schwarzen
Anschlägen des Blutkönigs und waren allzeit auf der Lauer, um die
Zeitungen, die aus Spanien kamen, zu erfahren. Sie verkauften Gemüse,
waren wie Bauern gekleidet und besuchten alle Märkte.
Als sie von dem Markte in Brüssel kamen, sahen sie in einem steinernen
Hause am Ziegeldamm, in einem niedren Gemach eine schöne, in Atlas
gekleidete Dame mit frischen Farben, vollem Busen und übermütigen Augen.
Sie sagte zu einer jungen, frischen Köchin:
„Scheure mir diese Pfanne wohl, ich liebe keine Brühe mit der Würze des
Rostes.“
Ulenspiegel drückte die Nase ans Fenster.
„Ich,“ sagte er, „ich liebe sie alle, denn ein ausgehungerter Bauch ist
nicht wählerisch in Gerichten.“
Die Dame drehte sich um.
„Wer ist dieser Schelm, der sich um meine Suppe kümmert?“
„Ach, schöne Dame,“ sagte Ulenspiegel, „wenn Ihr nur ein wenig davon
in meiner Gesellschaft machen wolltet. Ich würde Euch Leckereien eines
Reisenden lehren, die schönen seßhaftigen Damen unbekannt sind.“
Dann schnalzte er mit der Zunge und sprach:
„Ich habe Durst.“
„Auf was?“ fragte sie.
„Auf Dich“, sagte er.
„Er ist ein hübscher Bursche,“ sagte die Köchin zur Dame. „Wir wollen
ihn einlassen, auf daß er uns seine Abenteuer erzähle.“
„Aber es sind ihrer zwei,“ sagte die Dame.
„Ich werde für einen sorgen,“ versetzte die Köchin.
„Edle Frau,“ sprach Ulenspiegel dagegen, „wir sind freilich zwei, ich
und mein armer Lamm, der nicht hundert Pfund auf dem Rücken tragen
kann, aber gerne fünfhundert in Fleisch und Getränke im Magen trägt.“
„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „mache dich nicht über mich Unseligen lustig,
dem das Füllen seines Bauches so teuer zu stehen kommt.“
„Heute soll er Dir keinen Heller kosten,“ sagte die Dame. „Tretet beide
ein.“
„Aber,“ sprach Lamm, „hier sind auch die beiden Esel, auf denen wir
sitzen.“
„Im Pferdestall des Herrn Grafen von Meghem mangelt es nicht an Metzen
Hafer.“
Die Köchin ließ ihre Pfanne im Stich und zog Ulenspiegel und Lamm auf
ihren Eseln in den Hof; selbige huben ohne Verzug an zu schreien.
„Das ist die Fanfare für die nahende Atzung. Sie posaunen ihre Freude
aus, die armen Esel.“
Da sie alle beide abgestiegen waren, sprach Ulenspiegel zur Köchin:
„Wenn Du eine Eselin wärest, möchtest Du einen Esel wie ich?“
„Wenn ich eine Frau wäre, wollte ich einen Gesellen mit lustigem
Gesicht.“
„Was bist Du denn, wenn Du nicht Frau noch Eselin bist?“ fragte Lamm.
„Ich bin Jungfrau,“ sagte sie. „Eine Jungfrau ist keine Frau, noch
weniger Eselin! begreifest Du das, Dickwanst?“
Ulenspiegel sagte zu Lamm:
„Glaub ihr nicht, es ist die Hälfte von einer Dirne und das Viertel von
zwei Teufelinnen. Ihre Schalkheit und Sinnenlust hat ihr schon in der
Höllen einen Platz gesichert auf einem Pfühl, um Beelzebub darauf zu
herzen.“
„Arger Spötter,“ sagte die Köchin, „wenn Deine Haare Pferdehaare wären,
wollte ich sie nicht, um darauf zu treten.“
„Und ich“, sagte Ulenspiegel, „möchte all Deine Haare essen.“
„Schmeichler,“ sagte die Dame, „mußt Du alle haben?“
„Nein,“ antwortete Ulenspiegel, „tausend in eine einzige verschmolzen
wie Ihr seid, wären mir genug.“
Die Dame sprach zu ihm:
„Trinke zuvor eine Kanne Braunbier, iß ein Stück Schinken, schneide
nach Belieben in diese Hammelkeule, höhle mir diese Pastete aus und
schlürfe diesen Salat.“
Ulenspiegel faltete die Hände:
„Der Schinken ist gutes Fleisch“, sagte er, „das Braunbier himmlisches
Bier, die Hammelkeule ein göttlicher Braten; eine Pastete auszuhöhlen
läßt die Zunge im Munde vor Freude erzittern; ein fetter Salat ist eine
fürstliche Schleckerei. Aber gesegnet wird der sein, dem Ihr von Eurer
Schönheit zu kosten gebet.“
„Sehet, wie er schwätzt,“ sagte sie. „Iß zuvor, Taugenichts.“
Ulenspiegel erwiderte: „Sollen wir nicht das Benedicite vor dem Gratias
sagen?“
„Nein“, sprach sie.
Darauf sprach Lamm ächzend:
„Ich habe Hunger.“
„Du wirst zu essen bekommen, dieweil Du keine andre Sorge hast als
gekochtes Fleisch.“
„Und frisches auch, so frisch wie mein Weib war.“
Die Köchin ward bei dieser Rede unwirsch. Jedoch sie aßen gar reichlich
und tranken wie die Schwämme. Und die Dame gab Ulenspiegel diese Nacht,
die nächste und die folgenden das Nachtmahl.
Die Esel bekamen eine doppelte Metze Hafer und Lamm aß für zwei.
Während einer Woche verließ er die Küche nicht und trieb sein Spiel
mit den Schüsseln, aber nicht mit der Köchin, denn er gedachte seines
Weibes. Solches verdroß die Jungfer, welche sagte, daß es sich nicht
verlohnte, in dieser armen Welt Platz fortzunehmen, nur um an seinen
Bauch zu denken.
Derweilen lebten Ulenspiegel und die Dame gar freundlich miteinander.
Eines Tages sagte sie zu ihm:
„Thyl, Du bist nicht ehrbar. Wer bist Du?“
Er sagte: „Ich bin ein Sohn, den der glückliche Zufall eines Tages mit
Frau Aventüre hatte.“
„Du sprichst nicht schlecht von Dir,“ sprach sie.
„Es geschieht aus Furcht, daß die Andern mich loben,“ entgegnete
Ulenspiegel.
„Würdest Du Dich Deiner Brüder annehmen, die man verfolgt?“
„Klasens Asche brennt auf meiner Brust,“ erwiderte Ulenspiegel.
„Wie schön Du jetzt bist,“ sagte sie. „Wer ist Klas?“
„Mein Vater, der um des Glaubens willen verbrannt ist,“ sprach
Ulenspiegel.
„Der Graf von Meghem gleicht Dir nicht,“ sprach sie. „Er will das
Vaterland bluten lassen, und ich liebe es, denn ich bin zu Antwerpen,
der glorreichen Stadt, geboren. Wisse denn, daß er mit dem Brabanter
Ratsherrn Scheyf im Einvernehmen ist, seine zehen Fähnlein Fußvolk in
Antwerpen einrücken zu lassen.“
„Ich werde es den Bürgern anzeigen,“ sagte Ulenspiegel, „und ich werde
auf der Stelle hingehen, schnell wie ein Geist.“
Er ging hin, und am nächsten Tag waren die Bürger in Waffen.
Ulenspiegel und Lamm aber, so ihre Esel bei einem Pächter von Simon
Simonsen eingestellt hatten, mußten sich verbergen, aus Furcht vor dem
Grafen von Meghem, der sie allerorten suchen ließ, damit sie gehenkt
würden; denn man hatte ihm gesagt, daß zwei Ketzer von seinem Wein
getrunken und von seinem Fleisch gegessen hätten. Er war eifersüchtig,
sagte es seiner schönen Dame, die vor Zorn mit den Zähnen knirschte,
weinte und siebenzehn Mal in Ohnmacht fiel. Die Köchin tat das
Nämliche, aber nicht so oft, und erklärte bei ihrem Anrecht aufs
Paradies und ihrer ewigen Seligkeit, daß weder sie noch ihre Dame etwas
andres getan hätten, als daß sie die Ueberreste des Mittagmahles zween
armen Pilgern gegeben hätten, die auf zwei erbärmlichen Eseln reitend,
vor dem Küchenfenster gehalten hätten.
Es wurden an jenem Tage so viel Tränen vergossen, daß der Fußboden
davon ganz feucht war. Da Herr von Meghem solches sah, war er
überzeugt, daß sie nicht lögen.
Lamm wagte sich nicht mehr in Herrn von Meghems Haus zu zeigen, denn
die Köchin nannte ihn immer, „mein Weib“.
Er war schier betrübt, wenn er der Nahrung gedachte; aber Ulenspiegel
brachte ihm allzeit ein gutes Gericht, denn er ging von der Sankt
Katharinenstraße in das Haus und verbarg sich auf dem Boden.
Am folgenden Tage zur Vesper bekannte der Graf von Meghem seinem
schönen Weibe, welcher Art er beschlossen hätte, die Reiterei, die
er befehligte, vor Tag in Herzogenbusch einrücken zu lassen. Dann
entschlief er. Das schöne Weib stieg auf den Boden und ließ Ulenspiegel
die Sache wissen.
18
Ulenspiegel ging, als Pilger gekleidet, ohne Wegzehrung noch Geld
flugs nach Herzogenbusch, um die Bürger zu warnen. Er wollte unterwegs
bei Herrn Praet, Simons Bruder, ein Pferd nehmen; er hatte Briefe vom
Prinzen für ihn. Von da wollte er im schnellsten Trab auf Richtwegen
nach Herzogenbusch reiten.
Da er die Heerstraße kreuzte, sah er einen Haufen Kriegsvolks
daherkommen. Er hatte große Furcht der Briefe halber. Aber da er
entschlossen war, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, so erwartete
er die Söldner stehenden Fußes und murmelte seine Paternoster. Als
sie vorbeikamen, marschierte er mit ihnen und erfuhr, daß sie nach
Herzogenbusch zogen.
Ein wallonisches Fähnlein eröffnete den Marsch. An der Spitze ritt der
Hauptmann Lamotte mit seiner Leibwache von sechs Hellebardieren; dann
ihrem Range nach der Fähndrich mit geringerem Geleit, der Profos mit
seinen Hellebardieren und seinen zwei Stockknechten, der Wachtmeister,
der Troßmeister, der Henker und sein Büttel und Pfeifer und Trommler,
so großen Lärm vollführten. Alsdann kam ein vlämisches Fähnlein von
zweihundert Mann mit seinem Hauptmann und Fähndrich. Es war in zwei
Kompanieen geteilt, so von Feldwaibeln geführt wurden, und zerfiel
in Rotten, denen Rottmeister vorstanden. Vor dem Profos und den
Stockknechten zogen gleichermaßen Pfeifer und Trommler einher, die
dröhnten und gellten.
Hinter ihnen kamen in zween Wagen ihre Gefährtinnen, schöne Dirnen,
die lachten ausgelassen, zwitscherten wie Grasmücken, sangen wie
Nachtigallen, aßen, tranken, tanzten, stunden, lagen oder saßen
rittlings in den Wagen.
Etliche waren wie Landsknechte gekleidet, aber in feines, weißes
Linnen, am Halse entblößt und an Armen und Beinen und am Wamse
geschlitzt, also daß der reizende Körper zu sehen war. Sie trugen
Mützen von feinem Linnen, mit Gold verbrämt und mit schönen
Straußenfedern darauf, so im Winde wallten. An ihren Gürteln von
Goldbrokat mit Krausen von rotem Atlas hingen ihre Dolche in Scheiden
aus Goldstoff. Und ihre Schuhe, Strümpfe und Kniehosen, ihre Wämse,
Nesteln und Zierarten waren eitel Gold und weiße Seide.
Andere waren auch nach Art der Landsknechte gekleidet, aber in Blau,
Grün, Scharlach, Himmelblau, Purpur und nach Willkür und Laune
geschlitzt, bestickt und mit Wappen geziert. Und alle hatten am Arm
das bunte Rädlein, so ihr Handwerk bedeutet. Ein Hurenwaibel, der sie
befehligte, wollte sie zum Schweigen bringen, aber sie brachten ihn
durch ihre artigen Fratzen und Reden zum Lachen und gehorchten ihm
nicht.
Als Pilger gekleidet, zog Ulenspiegel neben den zwei Fähnlein daher wie
ein Nachen neben einem großen Schiff. Und er murmelte seine Paternoster.
Plötzlich sagte Lamotte zu ihm:
„Wohin gehst Du, Pilger?“
„Herr Hauptmann,“ antwortete der hungrige Ulenspiegel, „ich habe
ehemals eine große Sünde begangen und ward vom Kapitel Unserer lieben
Frau verurteilt, zu Fuß nach Rom zu pilgern und den heiligen Vater
um Ablaß zu bitten, welchen er mir auch gab. Ich kehrte von Sünde
gereinigt in diese Lande zurück, unter der Bedingung, unterwegs allem
Kriegsvolk, dem ich begegne, die heiligen Mysterien zu predigen. Dafür
soll ich zum Lohne Brot und Wein empfahen. Und so predigend friste ich
mein armes Leben. Verstattet mir, beim nächsten Halt meinem Gelübde
nachzukommen.“
„Wohl“, sprach Herr von Lamotte.
Indem Ulenspiegel sich brüderlich unter die Wallonen und Vlamländer
mischte, befühlte er die Briefe unter seinem Wams.
Die Dirnen riefen ihm zu:
„Pilger, schöner Pilger, komm hierher und zeig uns die Macht Deiner
Muschelschalen.“
Ulenspiegel trat zu ihnen und sagte ehrbar:
„Meine Schwestern in Christo, spottet nicht des armen Pilgers, der über
Berg und Tal wandert, um den Soldaten den heiligen Glauben zu predigen.“
Und er verschlang ihre holden Reize mit den Augen. Aber die Dirnen
streckten ihre muntern Gesichter zwischen den Planen der Wagen herfür.
„Du bist gar jung,“ sprachen sie, „um den Soldaten zu predigen, steig
in unsere Wagen, wir werden dich süßere Reden lehren.“
Ulenspiegel hätte gern gehorcht, aber er konnte nicht wegen der Briefe.
Schon streckten zwei von ihnen ihre runden, weißen Arme aus dem Wagen
und trachteten, ihn zu sich hinauf zu ziehen. Da sprach der Hurenwaibel
voll Eifersucht zu Ulenspiegel: „Wenn Du nicht fortgehst, so schlage
ich Dich in Stücke.“
Und Ulenspiegel hielt sich weiter ab und betrachtete heimlich die
frischen Mägdlein, welche die Sonne, die hell auf den Weg schien,
vergüldete.
Sie kamen nach Berchem. Philipp von Lannoy, Ritter von Beauvoir, der
die Vlamländer kommandierte, befahl Halt zu machen.
An diesem Platze stund eine Eiche von mittlerem Wuchs, die war ihrer
Äste beraubt, ausgenommen einen sehr starken, der mitten durchgebrochen
war. Daran hatte man im vorigen Monat einen Wiedertäufer aufgeknüpft.
Die Soldaten machten Halt; die Marketender kamen herzu und verkauften
ihnen Brot, Wein, Bier und Fleisch jeglicher Art. Den Dirnen dagegen
verkauften sie Zucker, Kapaune, Mandeln und süßes Gebäck. Da
Ulenspiegel solches sah, ward er noch hungriger.
Plötzlich kletterte er wie ein Affe auf den Baum und setzte sich
rittlings auf den dicken Ast, der sieben Fuß über der Erde war. Dieweil
die Soldaten und Dirnen ihn im Kreise umringten, kasteite er sich mit
einer Geißel und sprach:
„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Es
stehet geschrieben: Welcher den Armen gibt, leihet Gott aus. Soldaten
und Ihr, schöne Damen, reizende Liebesgefährtinnen dieser tapferen
Krieger, leihet Gott. Das heißt: „Gebet mir Brot, Fleisch, Wein und
Bier, so es Euch beliebt. Und nichts für ungut, auch Kuchen; und Gott,
der so reich ist, wird es Euch heimzahlen in Bergen von Fettammern, in
Strömen von Malvasier, in Haufen von Kandiszucker und Reisbrei, den Ihr
im Paradiese mit silbernen Löffeln sollt essen.“
Dann jammerte er: „Sehet Ihr nicht, durch welch grausame Marter ich
trachte, meiner Sünden Vergebung zu verdienen? Erleichtert Ihr nicht
den brennenden Schmerz dieser Geißel, die mir den Rücken wund und
blutig macht?“
„Wer ist dieser Narr?“ sagten die Soldaten.
„Meine Freunde,“ entgegnete Ulenspiegel, „ich bin nicht närrisch,
sondern reuevoll und ausgehungert; denn während mein Geist seine Sünden
beweint, beweint mein Bauch den Mangel an Fleisch. Ihr glücklichen
Soldaten und Ihr schönen Mägdlein, ich sehe da bei Euch fetten
Schinken, Gans, Würste, Wein, Bier und Kuchen. Wolltet Ihr dem Pilger
nichts geben?“
„Ja, ja,“ sagten die vlämischen Soldaten, „er hat ein gutes Gesicht,
dieser Prediger.“
Und alle warfen ihm Bissen zu wie Bälle. Ulenspiegel hörte nicht auf zu
reden und aß, auf dem Aste reitend.
„Der Hunger“, sprach er, „macht den Menschen hart und zum Gebet
untauglich, aber der Schinken verscheucht sogleich diese üble Laune“.
„Achtung, der Kopf wird gespalten“, rief ein Feldwaibel und warf ihm
eine halbvolle Flasche zu.
Ulenspiegel fing sie im Fluge auf, trank kleine Schlucke und sprach:
„So wie der scharfe, wütende Hunger für den elenden Körper des Menschen
ein schädlich Ding ist, so gibt es noch ein anderes nicht minder
verderbliches Ding. Was ist die Angst eines armen Pilgers, welchem
hochherzige Soldaten eine Schnitte Schinken und eine Flasche Bier
gegeben haben? Denn der Pilger ist gemeiniglich nüchtern, und so er mit
so geringer Nahrung im Magen tränke, würde er flugs trunken sein.“
Wie er so sprach, fing er abermals im Flug eine Gänsekäule auf.
„Das ist ein wundersam Ding,“ sagte er, „in der Luft Wiesenfische
zu fischen. Doch dieser ist mitsamt dem Beine verschwunden. Was ist
gieriger als trockner Sand? Ein unfruchtbar Weib und ein ausgehungerter
Magen.“
Plötzlich fühlte er, daß eine Hellebardenspitze ihn ins Gesäß stach.
Und er hörte einen Fähndrich sagen:
„Verschmähen die Pilger jetzo eine Hammelkeule?“
Ulenspiegel sah eine große Hammelkeule auf die Spitze der Hellebarde
gespießt. Er nahm sie und sagte:
„Keule gegen Keule: diese ist mir lieber als der Keulenärmel an meinem
Wams. Ich werde eine Markflöte daraus machen, um Dein Loblied zu
singen, Du barmherziger Hellebardier. Jedoch,“ sagte er, die Keule
benagend, „was ist eine Mahlzeit ohne Nachtisch? Was ist eine Keule,
so saftig sie auch sei, wenn dem Pilger hernach nicht ein Stück Kuchen
lächelt?“
So sprechend, faßte er mit der Hand nach dem Gesicht, denn zwei Kuchen,
so aus der Schar der losen Jungfrauen kamen, waren einer auf seinem
Auge, der andere auf seiner Wange zerquetscht. Und die Mädchen lachten
und Ulenspiegel antwortete:
„Großen Dank, Ihr herzigen Mägdlein, daß Ihr mir den Ritterschlag mit
Zuckerbrot gebet.“
Aber die Kuchen waren zu Boden gefallen.
Plötzlich erdröhnten die Trommeln, die Pfeifen gellten und die Soldaten
marschierten davon. Herr von Beauvoir hieß Ulenspiegel von seinem Baume
herabsteigen und neben dem Kriegervolk einherziehen, von dem er hundert
Meilen hätte fern sein mögen. Denn er witterte aus den Worten etlicher
finster dreinschauender Kriegsknechte, daß er ihnen verdächtig sei
und daß sie ihn alsbald für einen Spion nehmen, ihn durchsuchen und
aufknüpfen würden, wenn sie seine Sendschreiben fänden.
Drum ließ er sich in einen Graben fallen und schrie:
„Erbarmen, Ihr Herren Soldaten, ich habe das Bein gebrochen, ich könnte
nicht mehr gehen, lasset mich in den Wagen der Mädchen steigen.“
Aber er wußte, daß der eifersüchtige Waibel es ihm nicht verstatten
würde.
Die aus dem Wagen riefen ihm zu:
„Wohlan, komm doch, artiger Pilger, komm. Wir wollen Dich lieben,
herzen, bewirten und Dich an einem Tage heilen.“
„Ich weiß es,“ sagte er, „Frauenhände sind ein göttlicher Balsam für
alle Wunden.“
Aber der eifersüchtige Waibel sprach zu Herrn von Lamotte:
„Euer Gnaden, ich glaube, dieser Pilger hat uns mit seinem gebrochenen
Beine zum besten, um in den Wagen der Dirnen zu steigen. Befehlet, daß
man ihn auf dem Wege zurücklasse.“
„Das will ich,“ antwortete Herr von Lamotte.
Und Ulenspiegel ward in dem Graben gelassen.
Etliche Soldaten glaubten, daß er wahrhaftig das Bein gebrochen habe,
und waren betrübt darüber, maßen er ein so fröhlicher Gesell war. Sie
ließen ihm Fleisch und Wein für zwei Tage. Die Mädchen wären ihm gerne
zu Hilfe gekommen, aber da sie es nicht vermochten, warfen sie ihm
alles zu, was ihnen von den Hühnern geblieben war.
Da das Kriegsvolk sich verzogen hatte, lief Ulenspiegel in seinem
Pilgerkleid querfeldein, kaufte sich ein Pferd und kam auf Wegen und
Stegen wie der Wind nach Herzogenbusch.
Bei der Kunde von der Ankunft der Herren von Beauvoir und von Lamotte
waffneten sich die aus der Stadt, achthundert Mann hoch, wählten
Hauptleute und sandten Ulenspiegel als Kohlenträger verkleidet nach
Antwerpen, um Hilfe von Brederode, dem herkulischen Zecher zu holen.
Und die Herren von Lamotte und von Beauvoir fanden Herzogenbusch, die
wachsame Stadt, zu kühner Abwehr bereit und konnten nicht eindringen.
19
Im folgenden Mond gab ein gewisser Doktor Agileus Ulenspiegel zwei
Gülden und Briefe, mit denen er sich zu Simon Praet begeben sollte; der
würde ihm sagen, was er tun sollte.
Ulenspiegel fand bei Praet Kost und Obdach. Sein Schlaf war gut und
gut war auch sein jugendlich blühendes Antlitz. Praet hingegen war
schwächlich und von kläglichem Aussehen und schien immer in traurigen
Gedanken befangen. Ulenspiegel verwunderte sich des Nachts, wenn er von
Ohngefähr erwachte und hämmern hörte.
So zeitig er aufstand, Simon Praet war vor ihm auf und sein Aussehen
war noch kläglicher und seine Blicke noch trauriger. Sie erglänzten wie
die eines Mannes, der sich auf den Tod oder die Schlacht bereitet.
Oft seufzete Praet, die Hände zum Beten gefaltet, und allezeit schien
er voller Grimm. Seine Finger waren schwarz und schmierig, desgleichen
seine Arme und seine Hand.
Ulenspiegel beschloß zu erfahren, woher das Hämmern, die schwarzen Arme
und Praets Trübsinn kämen.
Eines Abends, da er in Simons Gesellschaft, der wider Willen dort
weilte, in der Schenke zur „Blauen Gans“ gewesen war, stellte er sich
als ob er so viel getrunken und solch einen Rausch im Kopf hätte, daß
er ihn stracks auf das Kissen hinlegen müßte. Und Praet führte ihn
traurig nach Hause.
Ulenspiegel schlief auf dem Boden bei den Katzen; Simons Bett war unten
beim Keller.
Ulenspiegel stellte sich fürderhin trunken, stieg taumelnd die Stiege
hinauf, tat, als ob er fiele, und hielt sich am Strick fest. Simon half
ihm mit zärtlicher Sorgfalt wie ein Bruder. Nachdem er ihn zu Bett
gebracht, ob seiner Trunkenheit bedauert und Gott gebeten hatte, sie
ihm zu verzeihen, ging er hinunter, und alsbald vernahm Ulenspiegel die
nämlichen Hammerschläge, die ihn manches Mal geweckt hatten.
Er stand geräuschlos auf, stieg barfuß die schmale Stiege hinunter,
also daß er sich nach zweiundsiebenzig Stufen vor einer niederen Tür
befand, durch deren Spalte ein schwacher Lichtschein drang. Simon
druckte Flugblätter mit alten Lettern aus der Zeit von Laurens Costers,
dem großen Verbreiter der edlen Buchdruckerkunst. „Was machst Du da?“
fragte Ulenspiegel.
Simon antwortete erschrocken:
„Wenn Du des Teufels bist, zeige mich an, auf daß ich sterbe. Bist Du
aber Gottes, so sei Dein Mund Deiner Zunge Kerker.“
„Ich bin Gottes,“ antwortete Ulenspiegel, „und will Dir nichts Übles
tun. Was tust Du da?“
„Ich drucke Bibeln,“ antwortete Simon. „Denn wenn ich über Tag, um mein
Weib und meine Kinder zu ernähren, die grausamen und schlechten Edikte
Seiner Majestät veröffentliche, so säe ich nachts das wahrhaftige Wort
Gottes aus und mache so das Übel wieder gut, das ich am Tage tue.“
„Du bist tapfer,“ sagte Ulenspiegel.
„Ich bin im Glauben,“ entgegnete Simon.
Und wahrlich, aus dieser frommen Druckerei gingen Bibeln in vlämischer
Sprache hervor, so sich in den Ländern Brabant, Flandern, Holland,
Seeland, Utrecht, Nord-Brabant, Ober-Yssel und Gelderland verbreiteten,
bis an den Tag, wo Simon verurteilt wurde, geköpft zu werden, und also
sein Leben für Christum und die Gerechtigkeit vollendete.
20
Eines Tages sagte Simon zu Ulenspiegel:
„Höre, Bruder, hast Du Mut?“
„Ich habe soviel, wie nötig ist, um einen Spanier zu peitschen, bis daß
der Tod erfolgt, einen Meuchelmörder zu töten und einem Totschläger das
Leben zu nehmen,“ entgegnete Ulenspiegel.
„Vermöchtest Du geduldig in einem Kamin auszuharren und zu horchen, was
in einem Gemache gesprochen wird?“ fragte der Drucker.
Ulenspiegel antwortete: „Da ich durch Gottes Gnade ein starkes Kreuz
und geschmeidige Kniekehlen habe, so könnte ich mich wie eine Katze
lange festhalten, wo ich wollte.“
„Hast Du Geduld und Gedächtnis?“ fragte Simon.
„Klasens Asche brennt auf meiner Brust“, entgegnete Ulenspiegel.
„Höre denn,“ sagte der Buchdrucker. „Du wirst diese also gefaltete
Spielkarte nehmen, nach Dendermonde gehen und allda zweimal stark
und einmal leise an die Türe des Hauses pochen, dessen Abbild hier
gezeichnet ist. Jemand wird Dir öffnen und Dich fragen, ob Du der
Kaminkehrer bist. Du antwortest, daß Du mager bist, und daß Du die
Karte nicht verloren hast. Du zeigst sie ihm. Alsdann, Thyl, wirst
Du tun, was sein muß. Großes Unheil schwebt über dem Lande Flandern.
Man wird Dir einen Kamin zeigen, der schon im voraus zugerichtet und
gekehrt ist. Du wirst darin gute Krampen für Deine Füße und als Sitz
ein kleines, sicher befestigtes Brett finden. Wenn der, welcher Dir
aufgemacht hat, Dich heißen wird, in den Kamin zu steigen, wirst Du
es tun und Dich ruhig darin verhalten. Erlauchte Herren werden sich
in dem Gemache vor dem Kamin, in dem Du sein wirst, vereinigen. Es
sind Wilhelm der Schweiger, Prinz von Oranien, die Grafen von Egmont,
von Hoorn, von Hoogstraten und Ludwig von Nassau, der wackere Bruder
des Schweigers. Wir Reformierten wollen wissen, was diese Herren
unternehmen wollen und können, um die Lande zu retten.“
Es war aber am ersten Tage des Ostermonds, daß Ulenspiegel tat, wie ihm
geheißen war, und sich in den Kamin setzte. Er war es zufrieden, daß
kein Feuer darinnen war, denn er gedachte, wenn kein Rauch da wäre,
würde sein Gehör um so schärfer sein.
Alsbald öffnete sich die Türe des Saales und ein Windstoß ging ihm
durch und durch. Aber er nahm diesen Wind in Geduld hin und sagte sich,
daß er seine Aufmerksamkeit auffrischen würde. Darnach hörte er die
Herren von Oranien, Egmont und die anderen in das Gemach treten. Sie
begannen zu reden: von den Befürchtungen, die sie hatten, vom Zorne
des Königs und der schlechten Verwaltung der Gelder und Finanzen.
Einer sprach in hellem, bittrem, hoffärtigem Tone, das war Egmont.
Ulenspiegel erkannte ihn wieder, desgleichen Hoogstraten an seiner
heiseren Stimme, von Hoorn an seiner lauten Stimme, den Grafen Ludwig
von Nassau an seinem derben, kriegerischen Ton, und den Schweiger
daran, daß er alle seine Worte langsam aussprach, als wöge er ein
jegliches auf einer Wage.
Graf Egmont fragte, warum man sie zum andern Male zusammen riefe, maßen
sie in Hellegat Muße gehabt hätten, sich zu entscheiden, was sie tun
wollten.
Von Hoorn antwortete:
„Die Zeit entfleucht; der König ist zornig; hüten wir uns zu zaudern.“
Da sagte der Schweiger:
„Die Lande sind bedroht; man muß sie vor dem Angriff eines fremden
Heeres schirmen.“
Egmont entgegnete aufbrausend, es verwunderte ihn, daß der Herr und
König sich bemüßigt fühlte, ein Heer zu entsenden, nun, da durch der
Herren Fürsorge, in Sonderheit die seine, alles beruhigt sei.
Doch der Schweiger versetzte:
„Philipp hat in den Niederlanden vierzehn Haufen Kriegsvolk, und ein
jeder Soldat hält zu Dem, der bei Saint-Quentin und bei Gravelingen
befehligte.“
„Ich verstehe nicht,“ sprach Egmont.
Der Prinz erwiderte: „Ich will nicht mehr sagen, doch es sollen Euch
und den versammelten Herren gewisse Briefe verlesen werden, mit denen
des armen Gefangenen Montigny anfangend.“
In diesen Briefen schrieb Herr von Montigny:
„Der König ist höchlichst erzürnt ob der Geschehnisse in den
Niederlanden, und er wird die Begünstiger der Unruhen zur gegebenen
Zeit strafen.“
Worauf Graf Egmont sagte, daß es ihn fröre und daß man gut täte, ein
starkes Holzfeuer anzulegen. Solches geschah, dieweil die beiden Herren
über die Briefe sprachen. Aber das Feuer wollte nicht brennen, aus
Ursach des allzu großen Pfropfens, der im Kamin war, und das Gemach
wurde voll Rauch.
Hustend verlas Graf von Hoogstraten alsdann die aufgefangenen Briefe
Alavas, des hispanischen Gesandten, die an die Regentin gerichtet waren.
„Der Gesandte“, sagte er, „schreibt, daß alles Unheil, so in den
Niederlanden geschehen, das Werk der Drei sei; zu vermelden: der
Herren von Oranien, von Egmont und von Hoorn. Man müsse, sagt er, den
drei Herren ein freundlich Gesicht zeigen und ihnen sagen, daß der
König anerkenne, daß er diese Lande durch ihre Dienste in Botmäßigkeit
erhalten. Was aber die beiden, Montigny und de Berghes beträfe, so
seien sie da, wo sie bleiben sollten.“
„Ei,“ sagte Ulenspiegel, „mir ist ein rauchiger Kamin im Lande Flandern
lieber denn ein kühles Gefängnis im Lande Hispanien; sintemalen
zwischen den feuchten Mauern Knebel wachsen!“
„Besagter Gesandte fügt hinzu, daß der König in der Stadt Madrid gesagt
habe: „Durch alles, was in den Niederlanden sich zugetragen, ist Unser
königliches Ansehen erschüttert, der Gottesdienst erniedrigt, und
lieber werden Wir alle Unsere Lande in Gefahr bringen, als eine solche
Rebellion ungestraft lassen. Wir sind entschlossen, in höchsteigner
Person nach den Niederlanden zu reisen und Papst wie Kaiser um Beistand
anzugehen. Unter dem gegenwärtigen Unglück ruht das zukünftige Glück.
Wir werden die Niederlande unter Unsre uneingeschränkte Botmäßigkeit
zwingen und Staat, Religion und Regierung nach Unserm Belieben ändern.“
„Ha, König Philipp,“ sprach Ulenspiegel zu sich, „so ich Dich nach
meiner Art ändern könnte, würdest Du unter meinem vlämischen Knüttel
eine gewaltige Veränderung Deiner Schenkel, Arme und Beine erleiden.
Ich würde Dir den Kopf mit zwei Nägeln mitten auf den Rücken heften,
um zu sehen, ob Du in dem Zustande, wenn Du den Totenacker, den Du
hinter Dir lässest, erblickst, auch noch das Lied von der tyrannischen
Veränderung singst.“
Es wurde Wein gebracht. Von Hoogstraten erhob sich und sagte:
„Ich trinke auf das Wohl der Lande.“ Alle taten wie er. Er setzte den
Humpen leer auf den Tisch und fügte hinzu: „Die böse Stunde schlägt
für den belgischen Adel, man muß auf Mittel bedacht sein, sich zu
verteidigen.“
Eine Antwort erwartend, blickte er Egmont an, der aber blieb stumm.
Doch der Schweiger sprach: „Wir werden widerstehen, wenn Egmont, der
bei Saint-Quentin und Gravelingen zweimal Frankreich erzittern ließ und
bei den vlämischen Söldnern unbedingtes Ansehen genießt, uns zu Hilfe
kommen und die Spanier hindern will, in unsere Lande zu dringen.“
Herr von Egmont erwiderte:
„Ich habe eine zu ehrerbietige Meinung vom König, um zu glauben, daß
wir uns als Rebellen wider ihn wappnen müssen. Mögen die, so seinen
Zorn fürchten, sich zurückziehen. Ich werde bleiben, denn ich sehe
keine Möglichkeit, mich ohne seine Hilfe zu erhalten.“
„Philipp kann sich grausam rächen,“ sagte der Schweiger.
„Ich habe Vertrauen,“ entgegnete Egmont.
„Den Kopf einbegriffen?“ fragte Ludwig von Nassau.
„Kopf, Körper und Ergebenheit, die sein sind, einbegriffen,“ antwortete
Egmont.
„Lieber und Getreuer,“ sagte von Hoorn, „ich werde handeln wie Du.“