Da hörte sie den armen Bildschnitzer schreien: „Haut die Füße ab!“

„Ach,“ sprach die Königin Maria, „ist es ein Hund, der bei meinem Tode

heult?“

In diesem Augenblick, da der Bildschneider ringsum die Gesichter

hispanischer Feinde gewahrte, gedachte er Flanderns, des Landes der

Männer, kreuzte die Arme, schleppte seine lange Kette hinterdrein, ging

auf die flammenden Stroh- und Reisigbündel zu und mitten hinein, die

Arme verschränkend.

„Also“, sprach er, „sterben die Vlamen angesichts der spanischen

Henker. Haut die Füße ab, doch nicht mir, sondern ihnen, damit sie

nimmer zum Morden laufen. Es lebe Flandern in alle Ewigkeit!“

Und die Damen klatschten ihm Beifall und riefen um Gnade, da sie seine

stolze Fassung sahen. Und er starb.

Die Königin Maria zitterte am ganzen Leibe, sie weinte, ihre Zähne

schlugen auf einander im Froste des nahenden Todes. Sie streckte Arme

und Beine aus und sprach:

„Legt mich in mein Bett, auf daß ich warm werde.“

Und sie starb.

Und also säete Philipp allerorten Tod, Blut und Tränen, gemäß der

Weissagung Kathelines, der guten Zauberin.

32

Doch Ulenspiegel und Nele liebten sich heiß. Es war am Ende des

Aprilmonds, und alle blühenden Bäume, alle saftstrotzenden Pflanzen

harrten des Mai, der von einem Pfauen begleitet, blütenreich wie ein

Blumenstrauß, auf die Erde kommt und die Nachtigallen in den Büschen

singen heißt.

Oftmals streiften Ulenspiegel und Nele selbander auf den Wegen umher,

Nele hing an Ulenspiegels Arm und umschlang ihn mit beiden Händen. Er

fand an diesem Spiele Gefallen und legte oftmals seinen Arm um ihre

Hüften, um sie besser zu halten, wie er sagte. Sie war glücklich, aber

sie sprach nicht.

Der Wind wälzte den Duft der Wiesen warm und feucht auf die Wege.

In der Ferne rauschte das Meer träg im Sonnenschein. Ulenspiegel

war hoffärtig wie ein junger Teufel, doch Nele gleich einer kleinen

Heiligen aus dem Paradiese gar verschämt ob ihrer Freude.

Sie lehnte den Kopf an Ulenspiegels Schulter; er faßte ihre Hände, und

im Gehen küßte er sie auf die Stirn, die Wangen und ihren lieblichen

Mund. Doch sie schwieg.

Nach etlichen Stunden waren sie heiß und durstig, tranken Milch beim

Bauern und waren doch nicht erquickt.

Sie setzten sich an den Rand eines Grabens auf den Rasen. Nele war ganz

bleich und nachdenklich und Ulenspiegel betrachtete sie furchtsam.

„Du bist traurig?“ fragte sie.

„Ja“, sagte er.

„Warum?“ fragte sie.

„Ich weiß es nicht,“ sprach er, „aber diese Apfel- und Kirschbäume

in voller Blüte, diese laue Luft, die wie mit dem Feuer des Blitzes

geladen ist, diese Maßliebchen, die sich errötend auf den Auen öffnen,

der Schlehdorn dort nahebei in den Hecken, ganz weiß ... Wer sagt mir,

warum ich mich so unruhig fühle und immerdar bereit bin, zu sterben

oder zu schlafen? Und mein Herz schlägt so stark, wenn ich die Vögel in

den Bäumen erwachen höre und sehe die Schwalben, die wieder da sind.

Dann möchte ich weiter wandern als Sonne und Mond. Und bald ist mir

kalt, bald heiß. Ach, Nele, ich wollte, ich wäre nicht mehr auf dieser

erbärmlichen Welt, oder ich könnte der, die mich liebte, tausend Leben

geben“ ...

Aber sie schwieg, und blickte Ulenspiegel mit frohem Lächeln an.

33

Am Tage des Totenfestes kam Ulenspiegel mit etlichen Burschen des

nämlichen Alters aus der Frauenkirche. Lamm Goedzak hatte sich unter

sie verirrt wie ein Schaf unter Wölfe. Er zahlte für alle freigebig die

Zeche, denn seine Mutter gab ihm alle Sonn- und Feiertage drei Heller.

Er begab sich also mit seinen Kameraden „In den rooden Schildt“ zu Jan

van Liebeke, welcher ihnen „dobbele knollaert“ von Kortrijk auftrug.

Da nun das Getränk sie erhitzte und sie von Gebeten redeten, sagte

Ulenspiegel kühnlich, daß die Seelenmessen nur für die Pfaffen von

Vorteil seien.

Es war aber ein Judas in der Schar; der zeigte Ulenspiegel als Ketzer

an. Trotz Soetkins Tränen und Klasens Bitten ward Ulenspiegel ergriffen

und gefänglich eingezogen. Er blieb einen Monat und drei Tage in einem

vergitterten Kellerloch, ohne jemand zu sehen. Der Kerkermeister fraß

ihm drei Viertel seiner Portion auf. Derweilen zog man Erkundigungen

über seinen Leumund ein. Es fand sich nur, daß er ein schlimmer Spötter

war, welcher sich ohne Unterlaß über seinen Nächsten lustig machte,

doch hatte er niemals über den Herrgott, die Frau Maria und die Herren

Heiligen Übles geredet. Darum war sein Urteil gelinde; ansonst wäre

er mit glühenden Eisen im Gesicht gebrandmarkt und bis aufs Blut

gepeitscht worden.

In Ansehung seiner Jugend verurteilten ihn die Richter nur, in

der ersten Prozession, die aus der Kirche kommen würde, im Hemde,

barhäuptig und barfuß, eine Kerze in der Hand zu tragen und hinter den

Priestern zu schreiten.

Solches geschah am Tage der Himmelfahrt.

Dieweil die Prozession in die Kirche zurückkehrte, mußte er unter dem

Torbogen der Frauenkirche stehen und dort ausrufen:

„Dank dem hohen Herrn Jesus! Dank den Herren Priestern! Ihre Gebete

sind den Seelen im Fegefeuer wohltuend und gar kühlend; denn jedes Ave

ist ein Eimer Wasser, der auf ihren Rücken fällt, und jedes Pater ist

ein Kübel voll.“

Und das Volk hörte ihm mit großer Andacht und nicht ohne Lachen zu.

Beim Pfingstfest mußte er abermals der Prozession folgen; er war im

Hemd, barfüßig und barhäuptig und hielt eine Kerze in der Hand. Da nun

die Prozession in die Kirche zurückkehrte, trat er unter den Torbogen,

und ehrerbietig seine Kerze haltend, sprach er mit lauter klarer

Stimme, nicht ohne etliche spöttische Fratzen zu schneiden:

„Die Gebete der Christen sind für die Seelen im Fegefeuer eine große

Linderung; aber die des Dechanten von unsrer lieben Frauen, des

heiligen Mannes, der in der Ausübung aller Tugenden vollkommen ist,

beruhigen also trefflich die Qualen des Feuers, daß es sich plötzlich

in Gefrorenes wandelt. Aber die Marterteufel kriegen keinen Tropfen

davon.“

Und das Volk horchte wiederum mit großer Andacht, nicht ohne zu lachen,

und der Dechant lächelte mit geistlichem Behagen.

Darauf ward Ulenspiegel drei Jahre des Landes Flandern verwiesen und

ward ihm auferlegt, eine Pilgerfahrt nach Rom zu machen und mit der

Absolution des Papstes heimzukehren.

Klas mußte drei Gülden für dieses Urteil zahlen; einen aber gab er

noch seinem Sohn und versah ihn mit einem Pilgerkleid. Dem aber brach

am Tag seiner Reise schier das Herz. Er umarmte Klas und Soetkin, die

schmerzensreiche Mutter, die ganz in Tränen zerfloß. Sie gaben ihm

ein gut Stück Weges das Geleit, in Gesellschaft etlicher Bürger und

Bürgersfrauen.

Da Klas wieder in seine Hütte trat, sagte er zu seinem Weibe:

„Weib, es ist recht hart, für ein paar törichte Worte einen so jungen

Knaben zu dieser strengen Strafe zu verurteilen.“

„Du weinst, Mann, Du liebst ihn mehr als Du zeigst, denn Du brichst in

männliches Schluchzen aus, das dem Weinen des Leuen gleicht.“

Doch er antwortete nichts.

Nele hatte sich in der Scheune verborgen, auf daß niemand sähe, daß

auch sie um Ulenspiegel weinte. Von ferne folgte sie Soetkin und

Klas und den Bürgern und Bürgersfrauen. Da sie ihren Freund allein

fortziehen sah, lief sie zu ihm und sprang ihm an den Hals.

„Du wirst viele schöne Damen dort unten finden“, sagte sie.

„Schöne, das weiß ich nicht,“ antwortete Ulenspiegel, „aber frische wie

Du, nein, denn die Sonne hat sie alle verbrannt.“

Eine lange Weile gingen sie selbander. Ulenspiegel war ganz in Gedanken

und sagte etliche Male:

„Ich werde sie ihre Seelenmessen bezahlen lassen.“

„Was für Messen, und wer wird bezahlen?“ fragte Nele.

Ulenspiegel entgegnete:

„Alle Dechanten, Pfarrer, Pfaffen, Küster und obere wie untere Laffen,

so uns mit Hirngespinsten mästen. Wär ich ein wackerer Arbeiter, so

hätten sie mir die Frucht von dreijähriger Arbeit gestohlen, dieweil

sie mich zur Pilgerfahrt zwangen. Nun aber ist es der arme Klas, der

zahlt. Sie sollen mir meine drei Jahre hundertfältig zurückgeben, und

ich werde die Seelenmesse von ihrem Gelde für sie singen.“

„Ach, Tyll, sei fürsichtig, sie möchten Dich sonst lebendig

verbrennen“, erwiderte Nele.

„Ich bin von Asbest“, antwortete Ulenspiegel. Dann trennten sie sich,

sie ganz in Tränen, doch er voller Schmerz und Grimm.

34

Da er durch Brügge kam, und über den Mittwochsmarkt schritt, sah er

daselbst eine Frau durch den Henker und seine Büttel umhergeführt, und

eine große Zahl andrer Weiber schrie und heulte tausend schmutzige

Schimpfworte um sie her. Da Ulenspiegel sah, daß ihr Kleid oben

mit Stücken roten Tuches besetzt war, auch daß sie den Stein der

Gerechtigkeit mit seinen Eisenketten am Halse trug, erkannte er, daß

es eine Frau war, welche die jungen, gesunden Körper ihrer Töchter zu

ihrem Nutzen verkauft hatte. Man sagte ihm, daß sie Barbe hieße und mit

Jason Darue verheiratet sei. In diesem Aufzug sollte sie von Platz zu

Platz geführt werden, bis sie wieder zum Großen Markt zurückkam. Allda

sollte sie auf ein Gerüst geführt werden, welches eigens errichtet war.

Ulenspiegel folgte ihr mit dem tobenden Volkshaufen. Auf dem Großen

Markt angelangt, ward sie auf das Gerüst gestellt und an einen Pfosten

gebunden, und der Henker legte ein Häufchen Gras und einen Klumpen Erde

vor sie hin, welches die Grube bedeutete.

Man erzählte Ulenspiegel auch, daß sie zuvor im Gefängnis gestäupt

worden sei.

Wie er davon ging, begegnete er Henri le Marischal, einem Erzbettler,

welcher in der Schloßhauptmannschaft von West-Ypern gehenkt worden war

und annoch die Merkmale der Stricke an seinem Halse zeigte. Er war, so

sagte er, gerettet worden, wie er schon in der Luft hing, nur durch ein

gutes Gebet, das er an Unsere liebe Frau von Hal richtete, also daß

nach dem Fortgang der Amtsleute und Richter die Stricke, die ihn schon

nicht mehr würgten, zerrissen und er auf den Boden fiel und heil und

gesund war.

Aber Ulenspiegel vernahm nachmals, daß dieser vom Strick befreite

Bettler ein falscher Henri Marischal war, und daß man ihn seine Lüge

allerorten verbreiten ließ, dieweil er Besitzer eines vom Dechanten

Unsrer lieben Frauen von Hal unterzeichneten Pergaments war. Um dieser

Erzählung des Henri Marischal willen strömten Alle, so von nah oder

ferne den Galgen witterten, besagtem Dechanten zu Haufen in seine

Kirche und bezahlten ihn gut. Und lange Zeit ward Unsere liebe Frau von

Hal die Mutter Gottes der Gehenkten genannt.

35

Zur selbigen Zeit stellten die Inquisitoren und Theologen dem Kaiser

Karl zum andern Male vor, daß die Kirche zugrunde ginge, daß ihre

Herrschaft verachtet würde und daß er die herrlichen Siege, so er

errungen, den Gebeten der Katholischen Christenheit verdankte, welche

die kaiserliche Macht auf ihrem Throne erhielte.

Ein Erzbischof von Spanien heischte von ihm, daß sechstausend Köpfe

abgeschlagen oder ebensoviele Körper verbrannt würden, auf daß die

bösartige lutherische Ketzerei in den Niederlanden ausgerottet würde.

Seine Heilige Majestät dünkte solches nicht genug.

Derhalben erblickte auch der arme Ulenspiegel an allen Orten, durch die

er voll Entsetzens zog, nur Köpfe auf Pfählen, junge Mägdlein in Säcke

gesteckt und lebendig in den Fluß geworfen. Er sah Männer nackend aufs

Rad geflochten und mit Eisenstangen grausam zerschlagen, Frauen in eine

Grube geworfen und Erde auf sie geschüttet, und der Henker tanzte ihnen

auf der Brust, um sie zu zerbrechen. Aber die Beichtiger derer, so

zuvor bereut hatten, verdienten jedesmal zwölf Heller.

In Löwen sah er die Henker dreißig Lutherische zumal verbrennen, und

der Scheiterhaufen ward mit Schießpulver entzündet. Zu Limburg sah

er eine Familie, Männer und Frauen, Töchter und Töchtermänner zur

Richtstatt schreiten und Psalmen singen. Der Vater, welcher alt war,

schrie, während er verbrannte.

Und Ulenspiegel wanderte auf der armen Erde und empfand Furcht und

Schmerz.

36

Auf freiem Felde schüttelte er sich gleichwie ein Vogel oder ein

losgelassener Hund, und sein Herz ward wieder guten Mutes angesichts

der Bäume, der Wiesen und der hellen Sonne.

Wie er nun während dreier Tage gewandert war, kam er in die Gegend von

Brüssel, in die mächtige Gemeinde von Uccle. Als er vor dem Wirtshaus

zur Trompete vorbeikam, ward er durch einen himmlischen Duft von

Fleischgerichten angelockt. Er fragte einen kleinen Betteljungen,

welcher, die Nase nach dem Winde richtend, sich am Wohlgeruch der Tunke

ergötzte, wem zu Ehren sich dieser festliche Weihrauch gen Himmel

erhöbe. Der aber antwortete, daß die Brüder vom guten Vollmondsgesicht

sich nach der Vesper hier versammelten, um die Befreiung der Gemeinde

durch die Frauen und Mägdlein von einstmals zu feiern.

Ulenspiegel sah von fern eine Stange mit einem Papageien darauf und

ringsumher mit Bögen bewaffnete Weiber. Er fragte, ob die Frauen jetzo

zu Bogenschützen würden.

Der Betteljunge, welcher den Duft der Tunke einsog, antwortete, daß zur

Zeit des guten Herzogs die nämlichen Bogen in den Händen der Frauen von

Uccle mehr denn hundert Räuber vom Leben zum Tode gebracht hätten.

Ulenspiegel wollte mehr davon wissen, doch der Bube sagte, er hätte

solchen Hunger und Durst, daß er nicht mehr sprechen würde, es sei

denn, daß Ulenspiegel ihm einen Heller für Essen und Trinken gäbe.

Ulenspiegel tat es aus Mitleid.

Sobald der Bettler den Heller hatte, drang er ins Wirtshaus zur

Trompete wie der Fuchs in den Hühnerstall und kam im Triumphe zurück,

in der Hand eine halbe Wurst und einen dicken Laib Brot.

Plötzlich vernahm Ulenspiegel ein sanftes Getön von Schellentrommeln

und Bratschen und sah eine große Schar Frauen tanzen und unter ihnen

ein schönes Weib, das eine güldene Kette um den Hals trug.

Der Betteljunge, der vor sattem Behagen lachte, erzählte Ulenspiegel,

daß dieses junge schöne Weib die Königin des Bogenschießens sei und

Mietje hieße und die Ehefrau Seiner Ehren des Herrn Renonckel, des

Gemeindeschöffen wäre. Dann begehrte er von Ulenspiegel sechs Heller

Trinkgeld, und dieser gab sie ihm. Nachdem er also gegessen und

getrunken, setzte sich der Bettler in die Sonne und stocherte sich

die Zähne mit den Nägeln. Da die Bognerinnen Ulenspiegel in seinem

Pilgerkleid erblickten, begannen sie in der Runde um ihn zu tanzen und

sprachen:

„Guten Tag, schöner Pilger, kommst Du von weit her, Du junger Fant?“

„Ich komme aus Flandern, dem schönen Lande, das Überfluß an verliebten

Mägdlein hat“.

Und er gedachte schwermütig an Nele.

„Was war Dein Verbrechen?“ fragten sie und hörten mit Tanzen auf.

„Ich würde nicht wagen es zu beichten, so groß ist es. Aber ich habe

andere Dinge an mir, die auch nicht klein sind.“

Da lachten die Weiber und stellten Fragen, warum er solcherart mit dem

Pilgerstab, dem Bettelsack und dem Muschelhut reisen müßte.

„Dieweil ich gesagt habe,“ erwiderte er, ein wenig lügend, „daß die

Seelenmessen für die Priester von Nutzen sind.“

„Sie bringen ihnen klingendes Geld, aber sie sind den Seelen im

Fegefeuer von Nutzen.“

„Ich war nicht dort“, antwortete Ulenspiegel.

„Willst Du mit uns essen, Pilger?“ sprach die liebreizendste der

Schützinnen zu ihm.

„Ich will mit Euch essen,“ sagte er, „Dich essen und alle, eine nach

der andern, denn Ihr seid Bissen für einen König, köstlicher zu beißen

denn Fettammern, Drosseln und Schnepfen.“

„Gott möge Dich ernähren;“ sprachen sie, „das ist ein unbezahlbares

Wildpret.“

„Wie Ihr Schönen alle“, erwiderte er.

„Wahrlich, aber wir sind nicht zu verkaufen.“

„Doch zu geben?“ fragte er.

„Ja,“ sagten sie, „Schläge für die Allzudreisten. Und wenn Du deren

bedarfst, werden wir Dich wie einen Haufen Korn schlagen.“

„Ich verzichte darauf.“

„Komm essen“, sagten sie.

Er folgte ihnen in den Hof der Herberge, gar froh, diese frischen

Gesichter um sich zu sehen. Plötzlich sah er mit großem Gepränge,

mit Fahne, Trompete, Flöte und Tambourin, die Brüder vom guten

Vollmondsgesicht in den Hof einziehen, welche dem lustigen Namen ihrer

Bruderschaft alle Ehre machten. Da sie ihn neugierig betrachteten,

sagten die Frauen zu ihnen, es sei ein Pilgrim, den sie am Wege

aufgelesen, und da sie an ihm ein gutes Vollmondsgesicht gewahrt

hätten, gleich dem ihrer Gatten und Bräutigame, so hätten sie ihn

geladen, an ihren Lustbarkeiten teilzunehmen.

Die Männer fanden gut, was sie sagten, und der Eine sprach:

„Wallender Pilger, willst Du mit uns durch Tunke und Fleischgerichte

pilgern?“

„Ich werde Siebenmeilenstiefel dabei anlegen“, sprach Ulenspiegel.

Da er sich anschickte, mit ihnen in den Festsaal zu treten, gewahrte er

auf der Straße nach Paris zwölf wandernde Blinde. Da sie an ihm vorüber

zogen und über Hunger und Durst klagten, sagte Ulenspiegel zu sich, daß

sie diesen Abend wie Könige tafeln sollten, auf Kosten des Dechanten

von Uccle, zur Erinnerung an die Seelenmessen.

Er ging zu ihnen und sprach:

„Hier sind neun Gulden, kommt essen. Riecht ihr den Duft der

Fleischgerichte?“

„Ach“, sprachen sie, „seit einer halben Meile sonder Hoffnung.“

„Da ihr jetzt neun Gulden habt, so werdet ihr essen“, sagte

Ulenspiegel, aber er gab ihnen keine.

„Gesegnet seiest Du“, sprachen sie.

Und von Ulenspiegel geführt, setzten sie sich im Kreise um einen

kleinen Tisch, dieweil die Brüder vom Guten Vollmondsgesicht sich nebst

ihren Weibern und Mädchen um einen großen niederließen.

Indem sie sich mit Sicherheit im Besitz von neun Gulden wähnten,

sprachen die Blinden hochmütig: „Wirt, gib uns vom Besten, was Du hast,

zu essen und zu trinken.“

Der Wirt, der von neun Gulden hatte sprechen hören, meinte, daß sie in

ihren Geldbeuteln wären, und fragte nach ihrem Begehr.

Darauf schrieen sie alle zumal:

„Erbsen mit Speck, ein Geschmortes von Rind, Kalb, Hammel und Huhn. /

Sind die Würste für die Hunde gemacht? / Wer hat beim Vorbeigehen Blut-

und Weißwürste gewittert, ohne sie beim Kragen zu nehmen? Ach, ich sah

sie, da meine armen Augen mir noch als Leuchten dienten. / Wo sind die

Pfannkuchen mit Anderlechter Butter? Sie zischen im Ofen, saftig, kraß

und erzeugen Durst, Kannen hinunterzugießen. / Wer wird mir Schinken

mit Eiern oder Eier mit Schinken, diese zärtlichen, brüderlichen

Freunde des Gaumens, unter die Nase halten? / Wo seid ihr himmlischen

Choesels, das stolze Fleisch, das inmitten von Nieren, Hahnenkämmen,

Kalbsmilch, Ochsenschwänzen, Hammelfüßen und viel Zwiebeln, Pfeffer,

Nelke und Muskat herumschwimmt? Das Ganze gedämpft und drei Kannen

Weißwein als Tunke? / Wer führt euch zu mir, ihr herrlichen

Leberwürste, die Ihr so gut seid, daß Ihr kein Wort sagt, wenn man Euch

verschlingt? Ihr kommt geradenwegs aus Schlaraffenland, dem fetten

Lande der glücklichen Bärnhäuter und der Schlecker unerschöpflichen

Tunken. Doch wo seid Ihr, dürre Blätter der letzten Herbste? / Ich will

eine Hammelkeule mit dicken Bohnen. / Mir Schweinsfähnlein, das sind

ihre Ohren. / Mir einen Rosenkranz von Fettammern; die Paternoster

daran müssen Schnepfen sein und ein fetter Kapaun das Kredo.“

Der Wirt erwiderte geruhig:

„Ihr sollt einen Eierkuchen von sechzig Eiern kriegen, und als

Wegweiser für eure Löffel fünfzig Blutwürste, dampfend auf diesen Berg

von Nahrung aufgepflanzt, und dobbel Peterman obenauf: das wird der

Fluß sein.“

Das Wasser lief den armen Blinden im Munde zusammen und sie sagten:

„Trag uns den Berg, den Wegweiser und den Fluß auf.“

Und die Brüder vom guten Vollmondsgesicht samt ihren Weibern, die mit

Ulenspiegel schon zu Tische saßen, sagten, daß dies für die Blinden

der Tag des unsichtbaren Schmausens sei und daß die Armen dermaßen die

Hälfte ihres Vergnügens einbüßten.

Da der Eierkuchen kam, mit Petersilie und Kapuzinerkresse bestreut

und vom Wirt und vier Köchen getragen, wollten sich die Blinden

hineinstürzen und fuhren bereits mit den Fingern hinein, doch der Wirt

legte nicht ohne Mühe einem jeden sein Teil in seinen Eßnapf.

Die Bognerinnen waren gerührt, da sie sahen, wie jene sich vollstopften

und dabei vor Behagen schnoben; denn sie hatten gewaltigen Hunger und

verschluckten die Würste wie Austern. Der dobbel Peterman floß in ihre

Mägen gleichwie Wasserfälle, die von den Bergen hinabstürzen.

Da sie ihre Näpfe geleert hatten, verlangten sie abermals Pfannkuchen,

Fettammern und neue Fleischgerichte. Der Wirt trug ihnen nun eine große

Schüssel mit Ochsen-, Kalb- und Hammelknochen auf, welche in einer

guten Tunke schwammen, legte ihnen aber nicht vor.

Da sie aber ihr Brot und ihre Hände bis an die Ellenbogen in die

Brühe getunkt hatten und nur etliche Rippen, Kalbsknochen und eine

Hammelkeule, ja sogar ein paar Ochsenkinnbacken erwischten, da wähnten

sie männiglich, daß die Nachbarn das ganze Fleisch hätten, und schlugen

einander wütend mit den Knochen ins Antlitz.

Wie nun die Brüder vom guten Vollmondsgesicht sie weidlich verlacht

hatten, legten sie einen Teil ihres Festmahls mildtätig auf die Teller

der Armen, und wer von ihnen einen Knochen für den Kampf suchte,

legte die Hand auf eine Drossel, ein Hühnchen oder etliche Lerchen.

Derweil hielten die Frauen ihnen den Kopf hintenüber und gossen ihnen

Brüsseler Wein in Menge hinunter. Und wenn sie nach Art der Blinden

tasteten, woher diese Ströme von Nektar kämen, erhaschten sie nur einen

Frauenrock und wollten ihn festhalten. Der aber entschlüpfte ihnen

unversehens. Darum lachten, tranken, aßen und sangen sie.

Etliche, welche die artigen Weiblein witterten, liefen ganz vernarrt

und von Liebe behext durch den Saal, aber die boshaften Mädchen

führten sie in die Irre, versteckten sich hinter einen Bruder vom

guten Vollmondsgesicht und sprachen zu ihnen: „Küsse mich.“ Solches

taten sie, aber anstatt einer Frau küßten sie das bärtige Antlitz

eines Mannes, nicht ohne barsche Abweisung. Die Brüder vom guten

Vollmondsgesicht sangen; sie sangen alle zumal. Und die lustigen

Weiblein lachten voll innigen Wohlgefallens, da sie ihre Freude sahen.

Als diese nahrhaften Stunden vorüber waren, sagte der Baas zu ihnen:

„Ihr habt gut gegessen und getrunken; ich bekomme sieben Gulden.“

Jeder von ihnen schwur, er hätte die Börse nicht, und beschuldigte

seinen Nachbarn. Daraus entstand eine Schlacht unter ihnen, darin sie

versuchten, sich mit Füßen, Fäusten und Köpfen zu stoßen, aber sie

vermochten es nicht und schlugen ins Leere, denn die Brüder vom guten

Vollmondsgesicht, da sie das Spiel sahen, trennten sie von einander.

Und die Schläge regneten in die Luft, einen ausgenommen, welcher durch

ein Mißgeschick in das Gesicht des Baas fiel. Der aber ward zornig,

untersuchte sie alle und fand nichts denn ein altes Skapulier, sieben

Heller, drei Hosenknöpfe und ihre Rosenkränze.

Er wollte sie in den Schweinestall werfen, bis für sie bezahlt würde,

was sie schuldig waren.

„Soll ich für sie bürgen?“ fragte Ulenspiegel.

„Ja,“ erwiderte der Baas, „wenn jemand für Dich bürgt.“

Die guten Vollmondsgesichter wollten das tun, doch Ulenspiegel hinderte

sie und sprach:

„Der Pfarrer wird Bürge sein, ich werde ihn aufsuchen.“

Der Seelenmessen gedenkend, ging er zum Pfarrer und erzählte ihm, wie

der Baas der „Trompete“ vom Teufel besessen sei. Er spräche von nichts

denn von Schweinen und von Blinden, daß die Schweine die Blinden und

die Blinden die Schweine fräßen, unter mancherlei unheiligen Formen

von Braten und Fleischgerichten. Während dieser Anfälle, so sagte er,

zerbräche er alles im Hause; und er bat ihn hinzukommen und den armen

Menschen von diesem bösen Geist zu befreien.

Solches versprach der Pfarrer ihm, bedeutete ihm aber, daß er nicht

sogleich mitkommen könne; denn er machte just die Abrechnungen des

Kapitels und trachtete dabei nach seinem Vorteil. Da Ulenspiegel

sah, daß er ungeduldig war, sagte er, daß er mit der Frau des Baas

wiederkommen werde und daß der Pfarrer selbst mit ihr sprechen könne.

„Kommt alle beide“, sprach der Pfarrer.

Ulenspiegel ging wieder zum Wirt und sprach:

„Ich habe den Pfarrer gesprochen, er wird für die Blinden Bürgschaft

leisten. Dieweil Ihr sie bewacht, lasset die Wirtin mit mir zu ihm

gehen; er wird ihr wiederholen, was ich Euch sagte.“

„Gehe hin, Weib“, sprach der Baas.

Die Wirtin ging mit Ulenspiegel zum Pfarrer, welcher nicht aufhörte

zu rechnen, um einen Vorteil für sich herauszufinden. Da sie mit

Ulenspiegel bei ihm eintrat, winkte er ihr voll Ungeduld mit der Hand,

daß sie fort gehen sollten, und sprach:

„Beruhige Dich, ich werde Deinem Manne in einem oder zwei Tagen zu

Hilfe kommen.“

Und da Ulenspiegel nach der Trompete zurückkam, sprach er zu sich

selbst: „Er wird hundert Gülden zahlen, und das soll meine erste

Seelenmesse sein.“

Und er machte sich auf, desgleichen die Blinden.

37

Da Ulenspiegel sich am folgenden Tage auf einer Landstraße inmitten

viel Volkes befand, folgte er ihm und erfuhr alsbald, daß dies der Tag

der Wallfahrt nach Alsenberg wäre.

Er sah arme alte Weiblein, die für einen Gulden barfuß rückwärts

gingen, um die Sünden etlicher fürnehmer Damen abzubüßen. Am Wegraine

hielten etliche Wallfahrer beim Klange von Geigen, Bratschen und

Sackpfeifen Schmausereien von gebackenen Fischen und Zechereien von

Braunbier. Und der Dampf der leckeren Fleischgerichte stieg wie ein

lieblicher Opferduft gen Himmel.

Aber es waren da andere Pilger, Bauern, Bettler und Hungerleider,

welche, von der Kirche bezahlt, für sechs Sous rückwärts gingen.

Ein kleines, ganz kahlköpfiges Männlein mit weit aufgerissenen Augen

und scheuer Miene sprang rückwärts hinter ihnen, indeß es seine

Vaterunser abbetete. Ulenspiegel wollte wissen, um was der Mann

solcherart die Krebse nachäffte, trat vor ihn und sprang lächelnd in

gleicher Art. Die Geigen, Pfeifen, Bratschen und Dudelsäcke und das

Ächzen der Pilger machten die Tanzmusik.

„Jan van den Duivel,“ sprach Ulenspiegel, „läufst Du auf solche Weise,

um sicherer zu fallen?“

Der Mann antwortete nicht und fuhr fort, seine Paternoster zu murmeln.

„Vielleicht“, sagte Ulenspiegel, „willst Du wissen, wieviel Bäume auf

dem Wege sind? Aber zählst Du nicht auch die Blätter daran?“

Der Mann, der ein Kredo betete, winkte Ulenspiegel zu schweigen.

„Vielleicht“, sagte dieser und hüpfte immer vor ihm her, dieweil er ihm

nachahmte, „gehst Du um eines plötzlichen Wahnsinns willen anders denn

alle Welt. Doch wer will einem Narren eine weise Antwort entlocken, der

ist selbst nicht weise. Ist es nicht also, mein Herr mit dem kahlen

Fell?“

Da der Mann noch immer nicht antwortete, fuhr Ulenspiegel fort zu

hüpfen; doch er vollführte dabei einen solchen Lärm mit seinen Sohlen,

daß der Weg widerhallte gleich wie eine hölzerne Kiste.

„Vielleicht“, sprach Ulenspiegel, „seid Ihr stumm, mein Herr?“

„~Ave Maria~,“ sprach der Mann, „~gratia plena et benedictus fructus

ventris tui Jesus~.“

„Oder vielleicht seid ihr auch taub?“ fragte Ulenspiegel. „Das werden

wir sehen: Man sagt, daß die Tauben weder Lobsprüche noch Schimpfwörter

hören. Laß sehen, ob das Trommelfell Deiner Ohren von Haut oder von

Erz ist. Du Laterne ohne Licht, Du Trugbild eines Fußgängers, glaubst

Du einem Manne zu gleichen? Das wird geschehen, wenn sie aus Lumpen

gemacht werden. Wo sah man je solche gelbliche Fratze, solchen kahlen

Schädel, wenn nicht auf dem Galgenacker? Bist Du nicht vor Zeiten

gehenkt worden?“

Und Ulenspiegel tanzte und der Mann ward zornig, sprang grollend

rückwärts und murmelte seine Paternoster mit geheimem Verdruß.

„Vielleicht“, sagte Ulenspiegel, „verstehst Du nur Hochvlämisch, ich

werde Platt zu Dir sprechen. Wenn Du nicht ein Vielfraß bist, so

bist Du ein Trunkenbold. Bist Du aber kein Trunkenbold, sondern ein

Wassertrinker, so bist du ein Schalk, der irgendwo verstopft ist,

und bist Du nicht verstopft, so hast Du Durchfall. Bist Du nicht ein

Wüstling, so bist Du ein Kapaun. Wenn es Mäßigkeit gibt, so erfüllt

sie nicht die Tonne Deines Bauches, und wenn es auf tausend Millionen

Menschen, so die Erde bevölkern, nur einen Hahnrei gäbe, so wärest Du

es“.

Bei dieser Rede fiel Ulenspiegel auf sein Gesäß und streckte die Beine

in die Luft, denn der Mann hatte ihm einen solchen Faustschlag unter

die Nase versetzt, daß er mehr denn hundert Lichter blitzen sah. Dann

fiel er behende über ihn her, trotz der Last seines Bauches, und schlug

ihn überall, und die Schläge regneten gleich wie Hagel auf Ulenspiegels

mageren Körper. Und sein Knüppel fiel zu Boden.

„Lerne aus dieser Lehre,“ sprach der Mann zu ihm, „daß du die

rechtschaffenen Leute, die auf die Wallfahrt gehen, nicht hänselst.

Denn wisse wohl, ich gehe auch nach Alsenberg, wie es Brauch ist, um

die heilige Frau Maria zu bitten, daß sie ein Kind, das meine Frau

empfangen, da ich auf Reisen war, eine Fehlgeburt werden lasse. Um eine

so große Wohltat zu erlangen, muß man vom zwanzigsten Schritt nach der

Wohnung bis zu den untersten Kirchenstufen rückwärts gehen und tanzen,

ohne zu sprechen. Ach, jetzt muß ich von vorn anfangen.“

Ulenspiegel hatte seinen Stock aufgehoben und sagte:

„Ich will Dir helfen, Du Taugenichts, dem die Mutter Gottes dienen

soll, die Kinder im Mutterleibe zu töten.“

Und er hub an, den boshaften Hahnrei so grausam zu prügeln, daß er ihn

für tot auf dem Wege liegen ließ.

Dieweilen stieg das Gestöhn der Wallfahrer, die Töne der Pfeifen,

Bratschen, Geigen und Dudelsäcke immerwährend gen Himmel und gleich wie

ein reiner Weihrauch der Dampf der gebackenen Fische.

38

Klas, Soetkin und Nele schwätzten am Kaminfeuer und unterhielten sich

über den wallenden Pilger.

„Mädchen,“ sagte Soetkin, „warum kannst Du ihn nicht durch die Macht

des Jugendzaubers immer bei uns halten!“

„Ach,“ sprach Nele, „ich kann es nicht.“

„Das kommt,“ erwiderte Klas, „weil er einen entgegengesetzten Zauber

hat, der ihn treibt zu laufen, ohne sich je auszuruhen, es sei denn,

wenn er sein Maulwerk arbeiten läßt.“

„Der häßliche Schalk“, seufzte Nele.

„Ein Schalk,“ sprach Soetkin, „das gebe ich zu, aber häßlich, nein.

Wenn mein Sohn Ulenspiegel kein griechisches oder römisches Antlitz

hat, um so besser; denn aus Flandern sind seine flinken Füße, vom

Franken aus Brügge seine klugen, braunen Augen, und seine Nase und Mund

sind von zwei Füchsen gemacht, die Meister in den Wissenschaften der

Schalkheit und der Bildschneiderei sind.“

„Wer machte ihm denn die Arme eines Faullenzers, und Beine, die allzu

behend sind, dem Vergnügen nachzulaufen?“ fragte Klas.

„Sein allzu junges Herz“, erwiderte Soetkin.

39

Zu jener Zeit kurierte Katheline durch Heilkräuter einen Ochsen,

drei Hämmel und ein Schwein, die Speelman gehörten; eine Kuh aber,

die Jan Beloen hatte, konnte sie nicht heilen. Dieser klagte sie der

Zauberei an. Er erklärte, daß sie das Tier behext hätte, in Ansehung

dessen, daß sie es streichelte und zu ihm sprach, dieweil sie ihm die

Heilkräuter gab, sonder Zweifel in einer teuflischen Sprache, denn eine

rechtschaffene Christin soll nicht zu einem Tiere reden.

Besagter Jan Beloen fügte hinzu, daß er Speelmanns Nachbar sei, welchem

sie den Ochsen, die Hämmel und das Schwein kuriert habe. Wenn sie seine

Kuh umgebracht habe, so sei das sonder Zweifel auf Anstiften Speelmanns

geschehen, welcher mit Neid sähe, daß seine, Beloens Äcker, besser

bestellt wären und mehr Frucht trügen denn seine, Speelmanns Äcker. Auf

das Zeugnis von Pieter Meulemeester, einem Manne von gutem Wandel und

Sitten, sowie von Jan Beloen, welche bezeugten, daß Katheline in Damm

als Hexe verrufen sei und sonder Zweifel die Kuh umgebracht habe, ward

Katheline gefänglich eingezogen und verurteilt, gefoltert zu werden,

bis sie ihre Verbrechen und Missetaten bekannt hätte.

Sie ward durch einen Schöffen verhört, der beständig wütend war, denn

er trank den ganzen Tag Branntwein.

Vor ihm und den Männern der Vierschare ward Katheline auf die erste

Folterbank gelegt. Der Henker zog sie ganz nackt aus, dann schor er ihr

die Haare am ganzen Körper und sah überall nach, ob sie irgend einen

Zauber verberge. Da er nichts gefunden hatte, band er sie mit Stricken

auf die Folterbank fest.

Da sprach sie:

„Ich schäme mich, also nackt vor diesen Männern zu sein, heilige Frau

Maria macht, daß ich sterbe.“

Alsobald legte ihr der Henker nasse Lappen auf die Brust, den Leib und

die Beine, hob die Bank in die Höhe und goß ihr heißes Wasser in so

großer Menge in den Magen, also daß sie ganz aufgeblasen schien. Dann

ließ er die Bank zurückfallen.

Der Schöffe fragte Katheline, ob sie ihr Verbrechen bekennen wollte.

Sie machte ein Zeichen der Verneinung. Der Henker goß ihr noch mehr

heißes Wasser ein, aber Katheline brach alles aus. Da ward sie auf

Anraten des Arztes losgebunden. Sie sprach nicht, aber sie schlug sich

auf die Brust, zum Zeichen, daß das heiße Wasser sie verbrannt hätte.

Als der Schöffe sah, daß sie sich von dieser ersten Folter erholt

hatte, sagte er zu ihr:

„Bekenne, daß Du eine Hexe bist und daß Du die Kuh verzaubert hast“.

„Ich werde nicht bekennen“, sagte sie. „Ich liebe alle Tiere, so sehr

mein armes Herz vermag, und lieber würde ich mir ein Leides tun als

ihnen, so sie sich nicht verteidigen können. Um die Kuh zu heilen, habe

ich die Mittel angewandt, die von Nöten sind“.

Doch der Schöffe erwiderte:

„Du hast ihr Gift gegeben, denn die Kuh ist tot“.

„Herr Schöffe,“ sprach Katheline, „ich bin hier vor Eurem Richterstuhl

und in Eurer Gewalt. Dennoch wage ich Euch zu sagen, daß ein Tier an

einer Krankheit sterben kann wie ein Mensch, trotz des Beistandes der

Chirurgen und Ärzte. Und ich schwöre beim allerhöchsten Herrn Christus,

der gern bereit war, für unsere Sünden am Kreuze zu sterben, daß ich

dieser Kuh nichts antun wollte, sondern vielmehr sie durch einfache

Mittel heilen.“

Da sagte der Schöffe wütend:

„Diese Teufelsdirne soll nicht unaufhörlich leugnen. Bringt sie auf

eine andere Folterbank!“

Und er trank ein großes Glas Branntwein.

Der Henker setzte Katheline auf den Deckel eines Sarges von Eichenholz,

welcher auf Holzböcken ruhte. Besagter Deckel in Form eines Daches war

scharf wie eine Klinge. Im Kamin brannte ein großes Feuer, denn es

war im Monat November. Da Katheline auf dem Sarge und auf einem Spieß

von spitzem Holze saß, ward sie mit zu engen Schuhen aus frischem

Leder bekleidet und vor das Feuer geschoben. Als sie fühlte, wie das

schneidende Holz des Sarges und der spitze Spieß in ihr Fleisch drang

und die Glut das Leder ihrer Schuhe erhitzte und zusammenzog, schrie

sie:

„Ich leide tausend Schmerzen! Wer gibt mir schwarzes Gift?“

„Rückt sie näher ans Feuer“, gebot der Schöffe.

Dann befragte er Katheline:

„Wie oft bist Du auf einem Besen zum Hexensabbat geritten? Wie oft

hast Du das Korn in der Ähre, die Frucht auf dem Baum, das Ungeborne

im Mutterleibe zu Grunde gerichtet? Wie oft hast du aus zwei Brüdern

geschworne Feinde und aus zwei Schwestern Nebenbuhlerinnen voll Haß

gemacht?“

Katheline wollte sprechen, doch sie vermochte es nicht, und bewegte die

Arme, wie um nein zu sagen. Der Schöffe sagte darauf:

„Sie wird nicht eher sprechen, als bis sie am Feuer all ihr Hexenfett

schmelzen fühlt. Rückt sie näher heran“.

Katheline schrie. Der Schöffe sprach zu ihr:

„Bitte Satan, daß er Dich kühle“.

Sie machte eine Bewegung, als sei sie willens, ihre Schuhe auszuziehen,

die bei der Feuersglut rauchten.

„Bitte Satan, daß er Dir die Schuhe auszieht“, sprach der Schöffe.

Es schlug zehn Uhr, die Mittagszeit des Wüterichs; er ging mit dem

Henker und dem Schreiber hinaus und ließ Katheline allein vor dem Feuer

in der Folterkammer.

Um eilf Uhr kamen sie zurück und fanden Katheline steif und unbeweglich

sitzend. Der Schreiber sprach:

„Mich deucht, sie ist tot.“

Der Schöffe befahl dem Henker, Katheline vom Sarge zu nehmen und ihr

die Schuhe auszuziehen. Der Henker konnte sie nicht ausziehen und

schnitt sie los. Kathelinens Füße kamen rot und blutend zum Vorschein.

Und der Schöffe, seiner Mahlzeit gedenkend, blickte sie an, ohne ein

Wort zu sagen. Aber alsbald kam sie wieder zu sich und stürzte zu

Boden, von wo sie sich aller Anstrengung zum Trotz nicht wieder erheben

konnte.

Sie sprach zum Schöffen:

„Ehedem hast Du mich zum Weibe gewollt, nun aber sollst Du mich

nicht mehr bekommen. Viermal drei, das ist die heilige Zahl, und der

dreizehnte ist der Ehemann“.

Und da der Schöffe sprechen wollte, sagte sie zu ihm:

„Sei still, er hört schärfer denn der Erzengel, der im Himmel die

Herzschläge der Gerechten zählt. Warum kommst Du so spät? Viermal drei,

das ist die heilige Zahl; er tötet, die mich begehren“.

Der Schöffe sagte:

„Sie empfängt den Teufel in ihrem Bette“.

„Sie redet irr wegen der Folterqualen“, sagte der Schreiber.

Katheline ward ins Gefängnis zurückgebracht. Drei Tage hernach, da

das Schöffengericht sich in der „Vierschare“ versammelt hatte, ward

Katheline nach Beratung zur Feuerstrafe verurteilt.

Der Henker und seine Büttel führten sie auf den großen Markt von Damm.

Daselbst war ein Gerüst, auf welches sie stieg. Auf dem Platze standen

der Profoß, der Herold und die Richter.

Die Trompeten des Stadtherolds erschallten dreimal, und dieser sagte

zum Volke:

„Dieweil der Magistrat von Damm mit Jungfer Katheline Mitleid gehabt

hat, so hat er nicht gemäß der äußersten Strenge des städtischen

Gesetzes sie bestrafen wollen. Um aber bekannt zu geben, daß sie eine

Hexe ist, sollen ihre Haare verbrannt werden; auch soll sie zwanzig

Goldkarolus Buße zahlen und auf drei Jahre aus dem Weichbild von Damm

verbannt werden, bei Gefahr, ein Glied ihres Körpers zu verlieren.“

Und das Volk begrüßte diese rauhe Milde mit Beifall. Danach band der

Henker Katheline am Pfahle fest, setzte eine Perücke von Werg auf

ihren geschorenen Kopf und steckte sie an. Das Werg brannte lange und

Katheline schrie und weinte.

Dann wurde sie losgebunden und auf einem Karren aus dem Weichbild von

Damm gefahren; denn ihre Füße waren verbrannt.

40

Zur selbigen Zeit war Ulenspiegel in Herzogenbusch in Brabant, und

etliche Herren der Stadt begehrten ihn zu ihrem Narren. Er aber schlug

diese Würde aus und sprach: „Ein wallender Pilger kann nicht an einem

Orte Narretei treiben, sondern nur in Herbergen und auf Straßen.

Zur selbigen Zeit kam Philipp, welcher König von Engelland war, seine

künftigen Erblande Flandern, Brabant, Hennegau, Holland und Seeland

zu besuchen. Er war dazumal im neunundzwanzigsten Jahre seines

Alters. In seinen graugrünen Augen wohnte bittere Melancholie, scheue

Verstecktheit und grausame Entschlossenheit. Kalt war sein Antlitz,

starr sein mit falben Haaren bedeckter Kopf, und steif war auch sein

magerer Leib und seine gebrechlichen Beine; seine Sprache war langsam

und schwerfällig, wie wenn er Wolle im Munde gehabt hätte.

Inmitten von Turnieren, Lanzenstechen und Festen besuchte er das

frohgemute Herzogtum Brabant, die reiche Grafschaft Flandern und seine

andern Herrschaften. Allerorten schwur er die Privilegien zu bewahren;

doch da er zu Brüssel einen Schwur auf das Evangelium tat, die güldene

Bulle von Brabant zu achten, krampfte sich seine Hand so heftig

zusammen, daß er sie von dem heiligen Buch zurückziehen mußte.

Er begab sich nach Antwerpen, allwo man zu seinem Empfange

dreiundzwanzig Triumphbögen machte. Die Stadt gab zweihundert

siebenundachtzig tausend Gülden aus, um diese Bögen zu bezahlen,

desgleichen die Anzüge von achtzehnhundert und neunundsiebzig

Kaufleuten, alle in karmoisinroten Sammet gekleidet. Desgleichen

für die reiche Livrei von vierhundert und sechzehn Lakaien und den

prächtigen seidenen Aufputz von viertausend gleichgekleideten Bürgern.

Manches Festspiel ward von den Schülern aller Städte der Niederlande

oder nahezu aller aufgeführt.

Allda sah man mit ihren Narren und Närrinnen den Fürsten der Liebe von

Tournay auf einer Sau mit Namen Astarte reitend; den König der Toren

von Lille, so ein Pferd am Schwanz führte und hinterdrein ging; den

Fürsten der Lust von Valenciennes, so zu seiner Kurzweil die Fürze

seines Esels zählte, den Abt des Frohsinns von Arras, welcher Brüsseler

Wein aus einer Flasche in Gestalt eines Breviers trank, und das war

ein fröhlich Lesen. Desgleichen den Abt der wohlversorgten Töpfe aus

Ath, welcher nur mit einem durchlöcherten Hemde und niedergetretenen

Schuhen versorgt war; aber er hatte eine Wurst, damit er sich trefflich

den Bauch versorgte. Desgleichen den Propst der Leichtfertigen Brüder,

einen jungen Fant, so auf einer furchtsamen Ziege ritt und ihretwegen

manche Püffe erhielt, wenn er in die Menge trabte. Auch erblickte man

allda den Abt von der Silberschüssel von Le Quesnoy, so auf einem

Pferde ritt und tat, als ob er in einer Schüssel säße, und dabei sagte:

„Es ist kein Tier so groß, daß Feuer es nicht braten könnte.“

Und sie trieben allerhand unschuldige Narretei, aber der König blieb

traurig und düster.

Desselbigen Abends versammelten sich der Markgraf von Antwerpen,

die Bürgermeister, Hauptleute und Ältesten, um irgend ein Spiel zu

ersinnen, das König Philipp zum Lachen brächte.

Der Markgraf sprach:

„Habet Ihr nicht von einem gewissen Pierkin Jakobsen reden hören, dem

Narren der Stadt Herzogenbusch, gar berühmt für seine Schwänke?“

„Freilich“, sagten sie.

„Wohlan,“ sprach der Markgraf, „entbieten wir ihn hierher, auf daß er

etwelchen geschickten Streich verübe, sintemalen unser Narr Blei in den

Schuhen hat.“

„Entbieten wir ihn hierher“, meinten sie.

Da der Bote von Antwerpen nach Herzogenbusch kam, ward ihm gesagt, daß

der Narr Pierkin am zuvielen Lachen verendet wäre, daß aber ein andrer

durchreisender Narr in der Stadt wäre, namens Ulenspiegel. Der Bote

suchte ihn in einer Schenke auf, wo er ein Gericht von Muscheln aß und

einem Mägdlein von den Schalen einen Panzer machte.

Ulenspiegel war entzückt, da er erfuhr, daß um seinetwillen der

Gemeindekurier von Antwerpen auf einem so schönen Ambachter Rosse

geritten sei und noch ein anderes am Zügel führte.

Ohne abzusteigen, fragte ihn der Kurier, ob er einen neuen

Schelmenstreich zu erfinden wisse, um König Philipp zum Lachen zu

bringen.

„Ich habe einen Anschlag unter meinen Haaren“, erwiderte Ulenspiegel.

Sie ritten von dannen. Die beiden Pferde liefen mit verhängtem Zügel

und trugen Ulenspiegel und den Kurier nach Antwerpen.

Ulenspiegel trat vor den Markgrafen, die beiden Bürgermeister und die

von der Gemeine.

„Was gedenkst du zu tun?“ fragte ihn der Markgraf.

„In die Luft zu fliegen“, erwiderte Ulenspiegel.

„Wie wirst du das anstellen?“ fragte der Markgraf.

„Wißt ihr, was noch weniger wert ist als eine geplatzte Blase?“ fragte

Ulenspiegel.

„Das weiß ich nicht“, sprach der Markgraf.

„Es ist ein verratenes Geheimnis.“

Indessen ritten die Herolde der Spiele auf ihren schönen Rossen, so

mit karmoisinrotem Sammet aufgezäumt waren, durch alle großen Straßen,

Plätze, Kreuzwege und bliesen die Trompete und schlugen die Trommel.

Solchergestalt verkündeten sie den „Signorkes“ und „Signorkinnes“, daß

Ulenspiegel, der Narr von Damm, am Ufer der Schelde in die Luft fliegen

würde und daß König Philipp und seine hohe, erlauchte und ansehnliche

Gesellschaft auf einer Estrade gegenwärtig sein würden.

Der Estrade gegenüber stand ein Haus in italienischer Bauart; längs

des Daches lief eine Wasserrinne. Ein Bodenfenster öffnete sich nach

der Dachrinne. An diesem Tage ritt Ulenspiegel auf einem Esel durch

die Stadt, und ein Diener zu Fuß lief ihm zur Seite. Ulenspiegel hatte

das schöne Kleid von karmoisinroter Seide angelegt, welches ihm der

hochwohllöbliche Gemeinderat gegeben hatte. Seine Kopfbedeckung war

eine karmoisinrote Kapuze, an der zwei Eselsohren mit einer Schelle

an jedem Ende zu sehen waren. Er trug eine Halskette von kupfernen

Medaillen, darauf in getriebener Arbeit das Wappen von Antwerpen zu

sehen war. An den Ärmeln des Wamses klingelte eine vergüldete Schelle

an den Spitzen der Ellenbogen. Er trug Schuhe mit vergüldeten Stelzen

und oben an den Stelzen eine Schelle. Sein Esel hatte eine Schabracke

von karmoisinroter Seide, und auf jedem Schenkel das Wappen von

Antwerpen in echtem Golde gestickt.

Der Knecht schwenkte in einer Hand einen Eselskopf und in der andern

einen Zweig, an dessen Spitze eine Kuhglocke klingelte.

Ulenspiegel ließ seinen Knecht und sein Reittier auf der Straße und

stieg in die Dachrinne. Allda schüttelte er seine Schellen und öffnete

die Arme ganz weit, als ob er fliegen wollte. Dann, sich vor König

Philipp verneigend, sprach er:

„Ich meinte, es sei kein Narr in Antwerpen denn ich. Nun seh ich, daß

schier die ganze Stadt voll Toren ist. Und wenn Ihr mir alle sagtet,

daß Ihr fliegen wolltet, ich glaubt’ es nicht, und Ihr glaubt mir als

einem Toren. Wie sollt’ ich fliegen können; ich bin doch kein Vogel.“

Die einen lachten, die andern fluchten, aber alle sagten:

„Der Narr spricht gleichwohl war.“

Aber König Philipp blieb unbeweglich wie ein König von Stein. Und die

vom Gemeinderat sagten ganz leise unter sich:

„War nicht von Nöten, so große Feste für solch einen Sauertopf zu

bereiten.“

Und sie gaben Ulenspiegel drei Gülden, und er ging von hinnen,

nachdem er ihnen wohl oder übel das Kleid von karmoisinroter Seide

zurückgegeben hatte.

„Was sind drei Gülden in der Tasche eines jungen Gesellen denn ein

Schneeball vor dem Feuer, oder eine volle Flasche, die vor Euch steht,

Ihr weitschlündigen Trinker? Drei Gülden! Die Blätter fallen von den

Bäumen und schlagen wieder aus, aber die Gülden wandern aus der Tasche

und kehren nimmer zurück. Die Schmetterlinge fliegen mit dem Sommer

fort, und die Gülden gleichermaßen, ob sie gleich zwei Esterling und

neun As wiegen.“

Solches sagend betrachtete Ulenspiegel seine drei Gülden.

„Welch stolzer Anblick“, sprach er für sich. „Auf der Vorderseite

Kaiser Karl gepanzert und behelmt, mit einem Schwert in der einen Hand

und dem Reichsapfel, der diese arme Welt bedeutet, in der andern!

Welch stolze Miene hat er! Er ist von Gottes Gnaden römischer Kaiser,

König von Spanien usw. Er ist gar gnädig gegen unsre Lande, der

gepanzerte Kaiser. Und hier auf der Rückseite ist ein Schild, darauf

die Herzogs- und Grafenwappen all seiner Besitzungen eingestochen sind,

mit der schönen Umschrift: ~Da mihi virtutem contra hostes tuos.~ Gib

mir Tapferkeit gegen deine Feinde. / Wahrlich, er war tapfer gegen

die Reformirten, die Vermögen haben, das eingezogen werden kann. Und

er beerbt sie. Ach, wenn ich Kaiser Karl wäre, ich würde Gülden für

jedermann prägen lassen, und wenn ein jeglicher reich wäre, so würde

keiner mehr arbeiten.“

Aber Ulenspiegel hatte das Nachsehen bei dem schönen Gelde; es war

dahingegangen beim Klirren der Humpen und Flaschen.

41

Dieweil Ulenspiegel sich in karmoisinroter Seide auf der Dachrinne

sehen ließ, hatte er nicht gemerkt, daß Nele unter dem Volke stand und

ihn lächelnd anblickte. Sie wohnte dermalen in Borgerhout bei Antwerpen

und dachte, wenn irgend ein Narr vor König Philipp fliegen wollte, so

müßte es ihr Freund Ulenspiegel sein.

Da er sinnend auf der Straße wanderte, hörte er nicht das Geräusch

rascher Schritte hinter sich, aber er fühlte zwei Hände, die sich flach

auf seine Augen legten; und Nele witternd, sagte er:

„Du bist es?“

„Ja,“ sprach sie, „ich laufe hinter dir her, seit du aus der Stadt

gegangen bist. Komm mit mir.“

„Aber“, fragte er, „wo ist Katheline?“

„Du weißt nicht, daß sie ungerecht als Hexe gefoltert und dann auf drei

Jahre aus Damm verbannt ist, und daß sie ihr die Füße verbrannt und ihr

Werg auf dem Kopfe entzündet haben. Solches sage ich Dir, auf daß Du

nicht vor ihr erschrickst, denn sie ist durch das große Leiden irre

geworden. Oft bringt sie ganze Stunden damit zu, ihre Füße anzusehen

und zu sagen: „Hanske, mein süßer Teufel, sieh, was sie Deiner Liebsten

getan haben.“ Und ihre armen Füße sind wie zwei Wunden. Dann weint sie

und sagt: „Die andern Frauen haben einen Mann oder einen Liebsten,

ich aber lebe wie eine Wittib in dieser Welt.“ Alsdann sage ich ihr,

daß ihr Hanske Haß gegen sie fassen wird, wenn sie zu andern als zu

mir von ihm spricht. Und sie gehorcht mir wie ein Kind, ausgenommen,

wenn sie eine Kuh oder einen Ochsen, die Ursache ihrer Folter sieht.

Dann entflieht sie in schnellem Lauf, und nichts hält sie auf, nicht

Zäune, Flüsse noch Wasserläufe, bis sie an einem Wegeknick oder an der

Mauer eines Gutshofes vor Erschöpfung umfällt. Ich gehe ihr nach, sie

aufzuheben und ihr die Füße zu verbinden, die dann bluten. Und ich

glaube, da man das Bündel Werg auf ihrem Kopfe verbrannte, hat man ihr

auch das Hirn im Kopf verbrannt.“

Und beide waren betrübt, da sie Kathelines gedachten.

Sie kamen zu ihr und sahen sie auf einer Bank in der Sonne sitzen, an

die Wand ihres Hauses gelehnt. Ulenspiegel sagte zu ihr:

„Erkennst du mich?“

„Viermal drei,“ sagte sie, „das ist die heilige Zahl, und der

dreizehnte, das ist Therab. Wer bist Du, Kind dieser schlechten Welt?“

„Ich bin Ulenspiegel, der Sohn von Soetkin und Klas“, sprach er.

Sie erhob den Kopf und erkannte ihn; dann winkte sie ihm mit dem Finger

und beugte sich zu seinem Ohre:

„So Du ihn siehst, dessen Küsse wie Schnee sind, sag ihm, daß er

wiederkomme, Ulenspiegel.“

Dann zeigte sie auf ihre verbrannten Haare:

„Ich habe Schmerzen,“ sprach sie, „sie haben mir meinen Verstand

genommen; aber wenn er kommen wird, so wird er mir den Kopf wieder

füllen, der jetzo ganz leer ist. Hörst Du? Er tönt wie eine Glocke. Das

ist meine Seele, die an die Tür pocht, um fortzugehen, weil es brennt.

Wenn Hanske kommt und mir den Kopf nicht ausfüllen will, so werde ich

ihm sagen, daß er mit einem Messer ein Loch hineinmache. Die Seele,

die darinnen ist und immer pocht, um fortzugehen, die zerreißt mir

grausam das Herz und ich werde sterben, ja. Und ich schlafe nie mehr

und erwarte ihn immer, und er muß mir den Kopf ausfüllen, ja.“

Und sie sank in sich zusammen und ächzte.

Und die Bauern, die von den Feldern heimkehrten, um ihr Mittagmahl

zu halten, dieweil sie die Glocke dazu rief, die gingen an Katheline

vorüber und sagten:

„Seht, die Irre.“

Und sie bekreuzten sich.

Und Nele und Ulenspiegel weinten, und Ulenspiegel mußte seine Wallfahrt

fortsetzen.

42

Zur Zeit seiner Pilgerfahrt nahm er Dienste bei einem gewissen Jobst

mit dem Beinamen der Kwaebakker, der böse Bäcker, wegen seiner

mürrischen Miene. Der Kwaebakker gab ihm als Nahrung drei altbackene

Brote in der Woche und als Wohnung einen Verschlag unter dem Dache,

allwo es trefflich regnete und wehte.

Da Ulenspiegel sah, daß er so schlecht behandelt ward, spielte er ihm

unterschiedliche Streiche, darunter auch diesen. Wenn man in aller

Frühe backt, muß das Mehl nachts gebeutelt werden. Eines Nachts nun,

da der Mond schien, verlangte Ulenspiegel eine Kerze, damit er sehen

könnte, und sein Meister gab ihm zur Antwort:

„Beutle das Mehl im Mondschein.“

Gehorsam beutelte Ulenspiegel das Mehl auf der Erde, da wo der Mond

schien.

Um die Morgenstunde, da der Kwaebakker sehen wollte, welche Arbeit

Ulenspiegel getan hätte, fand er ihn noch beutelnd und sagte zu ihm:

„Kostet das Mehl nichts mehr, daß man es jetzo auf der Erde beutelt?“

„Ich habe das Mehl im Mondschein gebeutelt, wie Ihr mich geheißen

habt“, erwiderte Ulenspiegel.

Der Bäcker entgegnete:

„Du Esel, in einem Sieb mußtest Du das tun.“

„Ich glaubte, der Mond wäre ein Sieb, nach neuer Erfindung“, erwiderte

Ulenspiegel. „Aber der Schade wird nicht groß sein, ich werde das Mehl

aufheben.“

„Es ist zu spät, den Teig anzurühren und zu backen,“ erwiderte der

Kwaebakker.

Ulenspiegel antwortete:

„Baas, der Teig des Nachbars in der Mühle ist fertig. Soll ich ihn

holen gehen?“

„Geh zum Galgen und suche, was dort zu finden ist“, antwortete der

Kwaebakker.

„Ich werde hingehen, Baas.“

Er lief zum Galgenfeld und fand dort eine verdorrte Diebeshand, die

trug er zum Kwaebakker und sprach:

„Hier ist eine glorreiche Hand, welche alle unsichtbar macht, die sie

tragen. Willst Du nunmehr Deine schlechte Gemütsart verbergen?“

„Das will ich dem Bürgermeister klagen,“ erwiderte der Kwaebakker, „und

Du sollst sehen, daß Du meines Herren Gericht bestohlen hast.“

Da sie nun zu zweit vor den Bürgermeister traten und der Bäcker den

Rosenkranz von Ulenspiegels Missetaten herbeten wollte, sah er, daß

dieser die Augen weit aufriß. Darob ward er so zornig, daß er vergaß,

was er klagen wollte, und zu ihm sprach:

„Was willst Du?“

Ulenspiegel erwiderte:

„Du hast mir gesagt, Du wolltest mich solcherart anklagen, daß ich

sehen sollte. Ich suche zu sehen, und deshalb schaue ich so.“

„Geh mir aus den Augen“, schrie der Bäcker.

„Säß’ ich Euch in den Augen,“ erwiderte Ulenspiegel, „so müßt’ ich Euch

aus den Nasenlöchern kriechen, wenn Ihr die Augen zutätet.“

Da der Bürgermeister sah, daß heute Hirngespinnste feil seien, wollte

er sie nicht anhören. Ulenspiegel und der Kwaebakker gingen mitsammen

hinaus; der Bäcker erhub seinen Stock wider ihn, aber Ulenspiegel wich

ihm aus und sagte:

„Baas, da mein Mehl mit Schlägen gebeutelt wird, nimm Du die Kleie

davon: das ist Dein Zorn. Ich behalte das feinste Mehl zurück, das ist

mein fröhlicher Sinn.“

Dann zeigte er ihm die Kehrseite:

„Und dies“, fügte er hinzu, „ist das Loch des Backofens, wenn Du backen

willst.“

43

Der wallfahrende Ulenspiegel wäre gern Straßenräuber geworden, aber er

fand die Steine zum Tragen zu schwer.

Er wanderte auf gut Glück auf der Straße nach Audenaerde, wo sich

dermalen eine Garnison flämischer Reiter befand; die hatten Befehl, die

Stadt wider die französischen Streifscharen zu verteidigen, die das

Land gleich Heuschrecken verheerten.

Der Hauptmann der Reiter war ein Friese von Geburt, des Namens

Kornhuin. Auch diese durchstreiften das platte Land und plünderten das

Volk, also daß es, wie bräuchlich, von beiden Seiten aufgefressen ward.

Alles war ihnen recht, Hühner, Küken, Enten, Tauben, Kälber und

Schweine. Eines Tages, da sie mit Beute beladen zurückkehrten,

gewahrten Kornhuin und sein Leutnant am Fuß eines Baumes Ulenspiegel

schlafend und von Fleischgerichten träumend.

„Was tust Du, um zu leben?“ fragte Kornhuin.

„Ich sterbe vor Hunger“, antwortete Ulenspiegel.

„Was ist Dein Handwerk?“

„Wegen meiner Sünden wallfahrten, die anderen arbeiten sehen, auf

dem Seil tanzen, die hübschen Gesichter abkonterfeien, Messergriffe

schnitzen, den Rommelpot spielen und die Trompete blasen.“

Wenn Ulenspiegel so kecklich vom Trompeten sprach, so war es, weil er

erfahren hatte, daß die Stelle des Wächters vom Schlosse Audenaerde

erledigt sei durch den Tod eines alten Mannes, welcher dieses Amt

bekleidet hatte.

Kornhuin sagte zu ihm:

„Du sollst Turmbläser sein.“

Ulenspiegel folgte ihm und ward auf dem höchsten Turme der Wälle in

eine Warte einquartiert, die von allen vier Winden wohl durchlüftet

war, ausgenommen vom Südwind, der dort nur mit einem Flügel wehte.

Es ward ihm anbefohlen, die Trompete zu blasen, sobald er den Feind

anrücken sähe und dieserhalb den Kopf frei zu halten und immer klare

Augen zu haben. Zu dem Ende würde man ihm nicht zuviel zu essen noch zu

trinken geben.

Der Hauptmann und sein Kriegsvolk blieben im Turm und hielten den

ganzen Tag Gelage auf Kosten des Landes. Da ward mehr als ein Kapaun

geschlachtet und aufgefressen, dessen einziges Verbrechen sein Fett

war. Ulenspiegel, der allzeit vergessen ward und sich an seiner mageren

Suppe genügen lassen mußte, ergötzte sich nicht am Dufte der Saucen.

Die Franzosen kamen und raubten viel Vieh, Ulenspiegel blies die

Trompete nicht.

Kornhuin stieg zu ihm hinauf und fragte ihn:

„Warum hast Du nicht geblasen?“

„Ich spreche nicht das Gratias bei Eurem Essen“, sprach Ulenspiegel.

Am folgenden Tage befahl der Hauptmann ein großes Mahl für sich und

seine Soldaten, aber Ulenspiegel ward wieder vergessen.

Sie wollten just zu schmausen anheben; Ulenspiegel blies die Trompete.

Kornhuin und seine Soldaten wähnten, daß die Franzosen kämen, ließen

Wein und Braten stehen, stiegen zu Pferde und ritten eilends zur

Stadt hinaus; aber sie fanden auf dem Felde nichts als einen Ochsen,

der stund in der Sonne und käute wieder. Sie führten ihn mit sich.

Derweilen hatte Ulenspiegel sich mit Wein und Fleischspeisen angefüllt.

Beim Eintreten sah ihn der Hauptmann, wie er lächelnd und mit

schlotternden Beinen an der Tür der Festhalle stand, und sagte zu ihm:

„Das heißt den Verräter spielen, Alarm zu blasen, wann Du keinen Feind

siehst, und nicht zu blasen, wann Du ihn siehst.“

„Herr Hauptmann,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich werde in meinem Turm

solchermaßen von den vier Winden aufgebläht, daß ich oben schwimmen

müßte wie eine Blase, hätte ich mich nicht durch Trompetenblasen

erleichtert. Laßt mich jetzo henken oder ein ander Mal, wenn Ihr einer

Eselshaut für Eure Trommeln bedürfet.“

Kornhuin ging, ohne ein Wort zu sagen.

Indessen kam nach Audenaerde die Kunde, daß der gnädige Kaiser Karl in

fürnehmer Begleitung in diese Stadt einziehen wollte. Bei diesem Anlaß

gaben die Schöffen Ulenspiegel eine Brille, auf daß er besser sehen

könnte, wann Seine Heilige Majestät ankäme. Ulenspiegel sollte dreimal

ins Horn stoßen, sobald er den Kaiser auf Luppeghem zukommen sähe,

welches einer viertel Meile vom Burgtor ist.

Also würden die in der Stadt Zeit haben, die Glocken zu läuten, die

Böllerschüsse zu lösen, die Braten in den Backofen zu schieben und die

Zapfen in die Fässer zu stoßen.

Eines Tages um Mittag, da der Wind von Brabant kam und der Himmel klar

war, sah Ulenspiegel auf der Straße, die nach Luppeghem führt, eine

große Schar Reiter auf stolzen Rossen; die Federn ihrer Barette wallen

im Winde. Etliche trugen Banner. Der, welcher stolz an der Spitze ritt,

trug eine Mütze von Goldbrokat mit großen Federn. Er war in braunen

Sammet gekleidet, die mit Brokatell besetzt war.

Ulenspiegel setzte seine Brille auf und sah, daß dies Kaiser Karl der

Fünfte war, der denen von Audenaerde gestattete, ihm ihre besten Weine

und ihre besten Braten vorzusetzen.

Die ganze Schar ritt sonder Eile und sog die frische Luft ein, welche

den Hunger anreizt. Aber Ulenspiegel gedachte, daß sie gemeiniglich

fetten Schmaus hielten und wohl einen Tag fasten könnten, ohne zu

verscheiden. Also sah er sie kommen und stieß nicht ins Horn.

Lachend und schwätzend kamen sie näher, dieweil Seine Heilige Majestät

in seinem Magen nachschaute, ob er Platz genug für das Gastmahl derer

von Audenaerde hätte. Er schien erstaunt und ungnädig, daß keine Glocke

läutete, seine Ankunft zu verkünden.

Indem kam ein Bauer eiligst angelaufen, um zu verkünden, daß er in

der Umgegend eine französische Streifschar gesehen habe, welche auf

die Stadt zu ritte, um darinnen alles zu verzehren und zu rauben. Bei

dieser Rede schloß der Torwart das Tor und sandte einen Stadtknecht,

damit er es den andern Torwächtern ansagte. Aber die Reiter zechten,

ohne etwas zu wissen.

Seine Majestät kam immer näher, erzürnt, nicht Glocken, Kanonen und

Büchsenschüsse läuten, donnern und knattern zu hören. Vergebens hielt

er das Ohr hin. Er vernahm nichts als das Glockenspiel, das die halbe

Stunde läutete. Er kam vor das Tor, fand es verschlossen und schlug mit

der Faust dagegen, auf daß es geöffnet werde. Und die Herren seines

Gefolges wurden zornig wie er und murrten scharfe Worte. Der Torwart,

der droben auf den Wällen war, schrie ihnen zu, wenn sie nicht mit

diesem Lärm aufhörten, so würde er sie mit einer Kartätschen begrüßen,

auf daß sie ihre Ungeduld abkühlten.

Aber seine Majestät sprach voll Grimm:

„Du blindes Schwein, erkennst Du Deinen Kaiser nicht?“

Der Torwart erwiderte, daß die, so am mindesten den Schweinen gleichen,

nicht immer am meisten vergüldet sein. Auch wisse er, daß die Franzosen

ihrer Natur nach arge Spötter seien, sintemalen Kaiser Karl zur Stunde

in Italien Krieg führte und nicht vor den Toren von Audenaerde stehen

könne.

Darob schrieen Karl und die Ritter noch mehr und sagten:

„Wenn Du nicht öffnest, so werden wir Dich, auf eine Lanze gespießt,

braten lassen. Und zuvor sollst Du Deine Schlüssel verschlucken.“

Bei dem Lärm, den sie vollführten, kam ein alter Kriegsmann aus dem

Zeughaus und steckte die Nase über die Mauer.

„Torwart,“ sprach er, „Du täuschest Dich; „der da ist unser Kaiser. Ich

erkenne ihn wohl, obwohl er gealtert ist, seit er Maria von der Gheynst

von hier nach dem Schlosse Ballaing brachte.“

Der Torwart fiel vor Schreck mausetot um, der Soldat nahm ihm die

Schlüssel ab und ging, die Tür zu öffnen.

Der Kaiser fragte, warum man ihn so lange hätte warten lassen. Da der

Soldat es ihm vermeldet hatte, befahl Seine Majestät ihm, das Tor

wieder zu schließen und die Reiter von Kornjuin vor ihn zu bringen.

Denen gebot er, vor ihm her zu reiten, die Trommeln zu rühren und die

Pfeifen zu blasen.

Bald erwachten die Glocken, eine nach der andern, um mit allen Kräften

zu läuten. So eingeführt, kam Seine Majestät mit kaiserlichem Getöse

auf den Großen Markt. Die Bürgermeister und Schöffen waren allda

versammelt; der Schöffe Jan Guigelaer trat bei dem Lärm hinaus, kehrte

in den Sitzungssaal zurück und sagte:

„Keyser Karel is alhier.“

Voll Schreckens ob dieser Kunde traten Bürgermeister, Schöffen und Räte

aus dem Rathaus, um ~in corpore~ den Kaiser zu begrüßen, dieweil ihre

Diener durch die ganze Stadt liefen, um die Böllerschüsse anzusagen,

das Geflügel ins Feuer und die Bratspieße in die Oefen zu schieben.

Männer, Frauen und Kinder liefen herum und schrieen: „Keyser Karel is

op’t groot marckt.“

Alsbald war viel Volks auf dem Platze. Der Kaiser, höchst ergrimmt,

fragte die beiden Bürgermeister, ob sie nicht gehenkt zu werden

verdienten, maßen sie solcherart an Ehrfurcht vor ihrem Herrscher

ermangelt hätten.

Die Bürgermeister antworteten, daß sie es wahrlich verdienten, aber daß

Ulenspiegel, der Turmbläser, es noch mehr verdiente, sintemalen man ihn

auf die Kunde von der Ankunft seiner Majestät mit einer guten Brille

versehen und dort angestellt habe, mit ausdrücklichem Befehl, dreimal

ins Horn zu stoßen, sobald er den kaiserlichen Zug kommen sähe. Er

aber hätte nichts dergleichen getan.

Der Kaiser, immer noch zornig, verlangte, daß man Ulenspiegel vor ihn

führte.

„Weshalb,“ sprach er zu ihm, „hast Du bei meiner Ankunft nicht die

Trompete geblasen, da Du doch eine so scharfe Brille hast?“

So sprechend, hielt er der Sonne wegen die Hand über die Augen und

blickte Ulenspiegel an.

Dieser hielt gleichermaßen die Hand über die Augen und sagte, er habe

sich der Brille nicht mehr bedienen wollen, seit er bemerkt habe, wie

seine Majestät durch die Finger sähe.

Der Kaiser sagte ihm, daß er gehenkt werden solle; der erste

Stadtwächter sagte, das sei wohlgetan, und die Bürgermeister waren über

dies Urteil so in Schrecken versetzt, daß sie kein Wort erwiderten,

weder um es zu billigen, noch um Einspruch zu tun.

Der Henker und seine Büttel wurden entboten. Sie kamen mit einer Leiter

und einem neuen Strick und packten Ulenspiegel am Kragen. Der schritt

vor den hundert Reitern von Kornjuin einher, hielt sich ruhig und sagte

seine Gebete. Aber jene verhöhnten ihn aufs bitterste.

Das Volk, welches hinterher ging, sagte:

„Es ist eine gar große Grausamkeit, einen armen Jungen um eines so

leichten Fehls willen umzubringen.“

Und die Weber waren bewaffnet und in großer Zahl und sagten:

„Wir werden nicht zulassen, daß Ulenspiegel gehenkt wird; das ist gegen

das Gesetz von Audenaerde.“

Derweilen kam man auf den Galgenacker. Ulenspiegel ward die Leiter

hinaufgeführt und der Henker legte ihm den Strick um den Hals. Die

Weiber drängten sich um den Galgen. Der Profoß war zu Roß und stützte

die Rute der Gerechtigkeit, womit er auf des Kaisers Befehl das Zeichen

zur Hinrichtung geben sollte, auf den Bug seines Pferdes.

Das ganze versammelte Volk schrie:

„Gnade, Gnade für Ulenspiegel!“

Ulenspiegel sagte auf seiner Leiter:

„Erbarmen, gnädiger Kaiser!“

Der Kaiser hob die Hand und sagte:

„Wenn dieser Taugenichts mich um etwas bittet, das ich nicht tun kann,

so soll er mit dem Leben davonkommen.“

„Rede, Ulenspiegel“, schrie das Volk.

Und die Frauen weinten und sagten:

„Er wird um nichts bitten können, der arme Junge, denn der Kaiser

vermag alles.“

Und alle riefen zumal:

„Rede, Ulenspiegel!“

„Heilige Majestät,“ sagte Ulenspiegel, „ich bitte Euch nicht um Geld

noch Gut, noch um mein Leben, sondern allein um etwas, um das, wenn ich

es zu sagen wage, Ihr mich nicht peitschen, noch rädern lasset, ehe ich

ins Land der Seelen gehe.“

„Ich verspreche es Dir“, sagte der Kaiser.

„Majestät,“ sprach Ulenspiegel, „ich bitte, daß Ihr kommt, den Mund zu

küssen, mit dem ich nicht vlämisch spreche, ehe ich gehenkt werde.“

Der Kaiser lachte wie alles Volk und sagte:

„Ich kann nicht tun, um was Du bittest, und Du sollst nicht gehenkt

werden, Ulenspiegel.“

Aber er verurteilte die Bürgermeister und Schöffen, sechs Monde lang

Brillen hinten am Kopf zu tragen.

„Auf daß die von Audenaerde,“ sagte er, „wenn sie vorn nicht sehen

können, wenigstens hinten sehen mögen.“

Und nach Kaiserlicher Verordnung ist diese Brille noch heute im Wappen

der Stadt zu sehen.

Und Ulenspiegel ging bescheiden von dannen, mit einem kleinen Beutel

voll Geld; den hatten ihm die Frauen gegeben.

44

Da Ulenspiegel in Lüttich auf den Fischmarkt kam, folgte er einem

dicken Burschen, der unter einem Arme ein Netz mit aller Art von

Geflügel trug und ein anderes mit Schellfisch, Forellen, Aalen und

Hechten anfüllte.

Ulenspiegel erkannte Lamm Goedzak.

„Was tust Du hier, Lamm?“ fragte er.

„Du weißt, wie sehr die Vlämen in diesem freundlichen Lande Lüttich

willkommen sind. Ich gehe hier meiner Liebe nach. Und du?“

„Ich suche einen Herrn, dem ich um Brot dienen könnte“, erwiderte

Ulenspiegel.

„Das ist eine gar trockene Nahrung. Besser wärs, Du ließest einen

Rosenkranz von Fettammern, mit einem Krammetsvogel als Kredo daran, von

der Schüssel in den Mund gleiten.“

„Bist Du reich?“ fragte Ulenspiegel.

Lamm Goedzak erwiderte:

„Ich habe Vater, Mutter und meine junge Schwester verloren, welche mich

so heftig schlug; ich werde ihr Hab und Gut erben. Ich lebe mit einer

einäugigen Magd, welche eine große Meisterin in Frikassees ist.“

„Soll ich Dir Deine Fische und Dein Geflügel tragen?“ fragte

Ulenspiegel.

„Ja,“ sagte Lamm Goedzak.

Sie schlenderten selbander über den Markt.

Plötzlich sagte Lamm:

„Weißt Du, warum Du ein Narr bist?“

„Nein“, gab Ulenspiegel zurück.

„Weil Du Fisch und Geflügel in der Hand trägst, anstatt sie im Magen zu

tragen.“

„Du hast es getroffen, Lamm,“ erwiderte Ulenspiegel, „aber seit ich

kein Brot mehr habe, wollen die Fettammern mich nicht mehr ansehen.“

„Du wirst deren essen, Ulenspiegel,“ sagte Lamm, „und mir dienen, wenn

meine Köchin Dich haben will.“

Dieweil sie gingen, zeigte Lamm dem Ulenspiegel ein schönes, artiges,

zierliches Mägdlein, in Seide gekleidet, das über den Markt trippelte

und Lamm mit sanften Augen anblickte. Ein alter Mann, ihr Vater, ging

hinter drein mit zwei Netzen, einem mit Fischen und einem andern mit

Wildbret.

„Die da“, sagte Lamm, auf sie weisend, „mache ich zu meiner Frau.“

„Ja,“ sagte Ulenspiegel, „ich kenne sie. Es ist eine Vlamländerin aus

Zotteghem, sie wohnt Rue Vinave d’Isle, und die Nachbarn sagen, daß

ihre Mutter an ihrer Statt vor dem Hause die Straße kehrt und daß ihr

Vater ihre Hemden bügelt.“

Doch Lamm antwortete und sagte gar erfreut:

„Sie hat mich angeblickt.“

Sie kamen beide zu Lamms Haus bei der Bogenbrücke und klopften an die

Tür. Eine einäugige Magd kam, ihnen zu öffnen. Ulenspiegel sah, daß sie

alt, lang, hager und mürrisch war.

„La Sanginne,“ sagte Lamm zu ihr, „magst Du diesen, um Dir bei der

Arbeit zu helfen?“

„Ich werde ihn auf Probe nehmen“, sagte sie.

„So nimm ihn,“ sagte er, „und laß ihn die Freuden Deiner Kochkunst

kosten.“

La Sanginne setzte alsbald drei Blutwürste, eine Kanne Kräuterbier und

einen großen Laib Brot auf den Tisch.

Dieweil Ulenspiegel aß, knabberte Lamm auch an einer Wurst.

„Weißt Du,“ fragte er, „wo unsre Seele wohnt?“

„Nein, Lamm“, sagte Ulenspiegel.

„Sie ist in unserm Magen,“ versetzte Lamm, „um ihn unablässig

auszuhöhlen und in unserm Körper immerdar die Lebenskraft zu erneuern.

Und welches sind die besten Gesellschafter? Das sind alle guten und

feinen Gerichte, und Wein von der Maas obendrein.“

„Ja“, sagte Ulenspiegel, „Würste sind eine angenehme Gesellschaft für

die einsame Seele.“

„Er will noch mehr, gib ihm noch mehr, la Sanginne“, gebot Lamm.

Sie gab Ulenspiegel diesmal Weißwürste.

Während er sich vollstopfte, ward Lamm nachdenklich und sprach:

„Wenn ich sterbe, wird mein Bauch mit mir sterben, und da unten im

Fegefeuer wird man mich fasten und meinen schlaffen, leeren Bauch

herumtragen lassen.“

„Die schwarzen schienen mir besser“, sprach Ulenspiegel.

„Du hast ihrer sechse gegessen,“ versetzte la Sanginne, „und mehr

bekommst Du nicht.“

„Du weißt,“ sagte Lamm, „daß Du hier einen guten Dienst haben und so

gut essen wirst wie ich.“

„Das Wort werde ich mir merken“, entgegnete Ulenspiegel.

Da Ulenspiegel sah, daß er dasselbe Essen bekam, war er glücklich. Die

verschluckten Würste gaben ihm solchen Mut, daß er an diesem Tage alle

Kessel, Pfannen und Töpfe putzte, also daß sie wie Sonnen glänzten.

Da sichs in diesem Hause gut lebte, so ging er beständig in Keller und

Küche; den Boden aber ließ er den Katzen. Eines Tages hatte la Sanginne

zwei Hühner zu braten und hieß Ulenspiegel den Bratspieß drehen,

dieweil sie zu Markte ging, um allerlei Kräuter zur Würze zu holen.

Da die beiden Hühner gebraten waren, verzehrte Ulenspiegel das eine.

Wie nun la Sanginne zurückkam, sagte sie:

„Der Hühner waren doch zwei; ich sehe nur noch eins.“

„Frau, tut Euer anderes Auge auf, so sehet Ihr sie alle beide“,

versetzte Ulenspiegel.

Ganz erbost ging sie zu Lamm Goedzak und meldete ihm das Vorgefallene.

Lamm ging in die Küche hinunter und sprach zu Ulenspiegel:

„Was hast Du meiner Magd zu spotten? Es waren zwei Hühner da.“

„Freilich, Lamm,“ sagte Ulenspiegel, „aber da ich hier in Dienst trat,

sagtest Du mir zu, daß ich so gut essen und trinken sollte wie Du. Zwei

Hühner waren da, eins habe ich gegessen und Du wirst das andere essen.

Meine Freude ist vorüber, die Deine wird erst kommen, bist Du nicht

glücklicher als ich?“

„Ja,“ erwiderte Lamm lächelnd, „aber tue ganz, wie la Sanginne Dich

heißen wird, dann wirst Du nur halbe Arbeit haben.“

„Ich werde darauf achten,“ sprach Ulenspiegel.

Und allemal, wenn la Sanginne ihn etwas tun hieß, tat er es nur halb.

Wenn sie ihm befahl, zwei Eimer Wassers zu holen, so brachte er nur

einen. Trug sie ihm auf, einen Krug Kräuterbier aus dem Faß zu füllen,

so goß er die Hälfte unterwegs in seine Kehle, und so mit allem.

Endlich war la Sanginne dieser Ränke überdrüssig und sagte zu Lamm,

wenn dieser Taugenichts noch länger im Hause bliebe, so liefe sie fort.

Lamm ging zu Ulenspiegel hinunter und sprach zu ihm:

„Du mußt abziehen, mein Sohn, ungeachtet Du in diesem Hause ein

gesundes Aussehen bekommen hast. Hör den Hahn krähen! Es ist zwei

Uhr nachmittags: das bedeutet Regen. Lieber wäre mir, Dich bei dem

kommenden Unwetter nicht vor die Tür zu setzen. Aber bedenke mein

Sohn, daß la Sanginne durch ihre Frikassees mir das Leben erhält;

ich kann nicht zugeben, daß sie mich verläßt, ohne einen nahen Tod

zu gewärtigen. Darum geh, mein Junge, mit Gottes Segen und nimm,

Deinen Weg zu erheitern, diese drei Gülden und diesen Rosenkranz von

Schlackwürsten mit.“

Ulenspiegel ging betrübt von dannen, voller Sehnsucht nach Lamm und

nach seiner Küche.

45

Der Reifmond kam nach Damm und andern Orten; aber der Winter zauderte.

Nicht Schnee, noch Regen, noch kalte Luft; die Sonne schien vom Morgen

bis zum Abend und ward nicht blasser. Die Kinder wälzten sich im Staub

auf den Gassen und Wegen. Zur Feierstunde nach dem Abendbrot traten die

Kaufleute, Krämer, Goldschmiede, Wagner, und Handwerker vor ihre Türen,

schauten nach dem allzeit blauen Himmel, den Bäumen, deren Blätter

nicht abfielen, den Störchen, die auf dem Dachfirst standen, und den

Schwalben, die nicht fortzogen. Die Rosen hatten dreimal geblüht

und trugen zum vierten Mal Knospen. Die Nächte waren lau, und die

Nachtigallen sangen ohn Unterlaß.

Die von Damm sprachen:

„Der Winter ist tot, laßt uns den Winter verbrennen.“ Und sie fertigten

eine riesengroße Puppe, die eine Bärenschnauze, einen langen Bart von

Hobelspähnen und einen dicken Scheitel von Flachs hatte, legten ihr

weiße Kleider an und verbrannten sie mit großer Feierlichkeit.

Klas blies Trübsal und segnete weder den immer blauen Himmel noch die

Schwalben, die nicht fortziehen wollten; denn keiner in Damm brannte

Kohlen mehr, es sei denn zum Kochen, und da ein jeder genug hatte,

ging er nicht zu Klas, welche zu kaufen. Klas aber hatte all seine

Spargroschen ausgegeben, um seinen Vorrat zu bezahlen. Darum sagte der

Kohlenträger, wenn er auf seiner Türschwelle stand und fühlte, wie

seine Nasenspitze von einem herben Windhauch erfrischt ward: „Ah, da

kommt mein Brot.“

Aber der frische Wind blies nicht stetig und der Himmel blieb immerdar

blau, und die Blätter wollten nicht abfallen. Und Klas weigerte sich,

seinen Wintervorrat dem geizigen Griepenstüver, dem Ältesten der

Fischergilde, zum halben Preis zu verkaufen. Und bald mangelte es in

der Hütte an Brot.

46

Aber König Philipp hatte keinen Hunger und verspeiste Leckereien bei

seiner Gemahlin Maria der Häßlichen aus dem königlichen Hause der

Tudor. Er liebte sie nicht von Herzen, hoffte aber dem engelländischen

Volk einen spanischen Monarchen zu geben, indem er die Schwächliche

befruchtete.

Ihn widerte vor dieser Verbindung, welche die eines Steines mit einer

glühenden Kohle war. Jedoch vereinigten sie sich genugsam, um die armen

Reformierten zu Hunderten ertränken und verbrennen zu lassen.

Wenn Philipp nicht von London entfernt noch verkleidet ausgegangen war,

um sich in irgend einem verrufenen Haus zu ergötzen, vereinigte die

Nachtstunde die beiden Gatten. Alsdann reckte sich die Königin Maria,

mit schöner Leinwand von Tournay und irländischen Spitzen angetan,

im Ehebett, dieweil Philipp steif wie ein Pfahl vor ihr stund und

zusah, ob er an seinem Weibe nicht irgend ein Zeichen von Mutterschaft

erblickte. Aber da er nichts sah, ward er zornig, blieb stumm und

betrachtete seine Nägel.

Dann sprach die unfruchtbare Harpye zärtliche Worte und versuchte zu

liebäugeln und den eisigen Philipp um Liebe zu bitten. Tränen, Geschrei

und inständiges Flehen, nichts sparte sie, um eine lauwarme Liebkosung

von ihm, der sie nicht liebte, zu erhalten. Vergebens warf sie sich

mit gefalteten Händen ihm zu Füßen, vergebens lachte und weinte sie

zugleich wie eine Verrückte, um ihn zu rühren. Nicht Lachen noch Tränen

erweichten dies steinharte Herz. Vergebens umschlang sie ihn mit ihren

mageren Armen wie eine verliebte Schlange und drückte den engen Käfig,

darin die verkümmerte Seele des blutigen Königs wohnte, an ihre flache

Brust; er rührte sich nicht mehr denn ein Prellstein.

Die arme Häßliche versuchte, anmutig zu sein, und nannte ihn mit allen

süßen Namen, die Liebestolle dem erwählten Geliebten geben. Philipp

betrachtete seine Nägel.

Manchmal antwortete er:

„Wirst Du keine Kinder bekommen?“

Bei dieser Rede sank Marias Haupt auf ihre Brust.

„Ist es meine Schuld, wenn ich unfruchtbar bin? Habe Mitleid mit mir,

ich lebe wie eine Wittib.“

„Warum hast Du keine Kinder?“ fragte Philipp.

Da fiel die Königin wie zu Tode getroffen auf den Teppich. Sie hatte

nur Tränen in den Augen, aber sie hätte Blut geweint, wenn sie gekonnt

hätte, die Arme. Und also rächte Gott an den Henkern die Opfer, mit

denen sie den Boden Engellands besäet hatten.

47

Es ging das Gerücht unter den Leuten, daß Kaiser Karl den Mönchen das

freie Recht nehmen wollte, die, welche in ihrem Kloster starben, zu

beerben. Solches mißfiel dem Pabst gar sehr. Ulenspiegel, der damals an

den Ufern der Maaß war, gedachte, daß der Kaiser derart überall seinen

Nutzen finden würde; denn er erbte, wenn die Familie nicht erbte. Er

setzte sich an den Rand des Flusses und warf seine Angelschnur mit

gutem Köder hinein. Dann knabberte er ein altes Stück Schwarzbrot,

und es war ihm leid, daß er keinen Wein aus der Romagna hatte, um es

anzufeuchten. Aber er gedachte, daß man nicht immer sein Vergnügen

haben kann.

Indem warf er von seinem Brote ins Wasser und sagte bei sich: „Wer ißt

und teilt sein Mahl mit dem Nächsten nicht, der ist des Essens nicht

wert.“

Kam ein Gründling herbei, witterte einen Bissen, beleckte ihn mit

seinen Lefzen und tat sein unschuldig Maul auf, denn er wähnte ohne

Zweifel, daß das Brot von selbst hineinfallen würde. Dieweil er

also in die Luft sah, ward er urplötzlich von einem heimtückischen

Hecht verschlungen, der sich wie ein Pfeil auf ihn gestürzt hatte.

Desgleichen tat der Hecht bei einem Karpfen, der Fliegen im Fluge fing,

unbekümmert um die Gefahr. So wohl gesättigt, hielt er sich unbeweglich

unter Wasser, das kleine Fischvolk verschmähend, welches überdies so

schnell wie möglich von ihm fortschwamm. Während er sich so breit

machte, siehe da kam unversehens mit gähnendem Rachen gar gefräßig

ein hungriger Hecht herbei, der sich mit einem Satz auf ihn stürzte.

Ein wütender Kampf entspann sich zwischen beiden und sie hieben mit

den Mäulern aufeinander los wie unsterbliche Helden. Das Wasser ward

rot von ihrem Blute. Der Hecht, der gespeist hatte, verteidigte sich

schlecht gegen den, welcher nüchtern war. Der aber zog sich zurück,

nahm einen Anlauf und schoß wie eine Kugel auf seinen Gegner, der ihn

mit aufgesperrtem Rachen erwartete und seinen Kopf mehr denn halb

verschlang. Er wollte ihn wieder los werden, konnte es aber nicht wegen

seiner umgebogenen Zähne. Und alle beide zappelten jämmerlich.

So festgehakt, sahen sie die starke Angel nicht, die an einer seidenen

Schnur befestigt, unten aus dem Wasser stieg und sich unter die Flosse

des Hechtes, der gespeist hatte, bohrte. Sie zog ihn samt seinem Feind

aus dem Wasser und warf alle beide kurzerhand auf den Rasen.

Indem er sie schlachtete, sagte Ulenspiegel:

„Ihr allerliebsten Hechte, seid Ihr nicht vielleicht Papst und Kaiser,

die einander fressen, und bin ich nicht das Volk, welches in der

Stunde, die Gott gibt, Euch alle beide in Euren Schlachten mit dem

Haken erschnappt?

48

Derweilen schweifte Katheline, welche Borgerhout nicht verlassen hatte,

ohne Unterlaß in der Gegend umher und sagte immerdar:

„Hanske, mein Mann, sie haben mir Feuer auf dem Kopf angezündet; mach

ein Loch hinein, daß die Seele hinaus kann. Ach, sie pocht alleweil und

jeglicher Schlag ist stechender Schmerz.“

Und Nele pflegte sie in ihrem Wahnsinn und gedachte an ihrer Seite

voller Harm ihres Freundes Ulenspiegel.

Und in Damm schnürte Klas seine Reisigbündel, verkaufte seine Kohle und

gedachte manchesmal schwermütig, daß es noch lange währen möchte, bis

Ulenspiegel, der Verbannte, in seine Hütte heimkehrte.

Soetkin stand den ganzen Tag am Fenster und schaute hinaus, ob sie

ihren Sohn Ulenspiegel nicht kommen sähe.

Der aber war in der Gegend von Köln angelangt und fand, daß er zur

Stunde Lust zum Gartenbau hatte. Et erbot sich, dem Jan von Zuursmoel

als Knecht zu dienen, welcher Landsknechtshauptmann war. Der wäre auf

ein Haar gehenkt worden aus Mangel an Lösegeld und hatte einen großen

Graus vor dem Hanf, so auf vlämisch Hennep geheißen wird.

Eines Tages wollte Jan von Zuursmoel dem Ulenspiegel seine Arbeit

weisen und führte ihn an das Ende seines Gartens; allda sahen sie

einen Morgen Ackers, dem Garten benachbart, der ganz mit grünem Hanfe

bepflanzt war.

Jan von Zuursmoel sprach zu Ulenspiegel:

„Jedes Mal, so Du dies häßliche Kraut siehest, mußt Du darauf sch.....,

denn es dient zu Rad und Galgen.“

„Ich werde es tun“, sprach Ulenspiegel.

Eines Tages saß Jan von Zuursmoel bei Tafel mit etlichen gefräßigen

Freunden, da sprach der Koch zu Ulenspiegel.

„Geh in den Keller und hole _Sennep_“, welches Senf ist.

Ulenspiegel hörte volle Tücke Hennep statt Sennep, sch... in den

Senftopf im Keller und trug ihn zur Tafel auf, nicht ohne Lachen.

„Warum lachst Du?“ fragte Jan von Zuursmoel. „Meinst Du, unsere Nasen

seien von Erz? Iß diesen Sennep selber, dieweil Du ihn angerichtet

hast.“

„Ich esse lieber Rostbraten mit Zimmet“, antwortete Ulenspiegel.

Jan von Zuursmoel stand auf, um ihn zu schlagen.

„In diesen Senftopf“, sprach er, „ist gesch... worden.“

„Herr,“ antwortete Ulenspiegel, „gedenkt Ihr nicht mehr des Tages, da

ich Euch bis ans Ende Eures Gartens gefolgt bin? Da sprachet Ihr, auf

den Sennep weisend: ‚Überall, wo Du dies Kraut findest, sch.... darauf,

denn es dient zu Galgen und Rad‘. Also tat ich, Herr, ich sch... darauf

mit großer Verachtung. Züchtigt mich nicht für meinen Gehorsam.“

„Ich sagte Hennep, nicht Sennep“, schrie Jan von Zuursmoel gar wütend.

„Herr,“ antwortete Ulenspiegel, „Ihr sagtet Sennep, nicht Hennep.“

Also stritten sie sich lange Zeit. Ulenspiegel sprach demütiglich;

Jan von Zuursmoel schrie wie ein Adler und warf Sennep, Hennep und

ähnliche Worte durcheinander gleich einem verwirrten Seidengesträhne.

Und die Gäste lachten wie Teufel und aßen Dominikanerkoteletten und

Inquisitorennieren.

Ulenspiegel aber ward von Jan von Zuursmoel fortgejagt.

49

Ulenspiegel verdingte sich bei einem Schneider, der sagte zu ihm: „Wenn

Du nähst, nähe so eng, daß ich die Stiche nicht sehe.“

Ulenspiegel kroch unter ein Faß und hub an, allda zu nähen.

„Das meinte ich nicht“, schrie der Schneider.

„Ich dränge mich in ein Faß; wie soll man die Stiche da sehen können?“

versetzte Ulenspiegel.

„Komm,“ sagte der Schneider, „setz Dich wieder auf den Tisch und näh

die Stiche eng zusammen einen neben den andern und mach das Gewand wie

diesen Wolf.“ Wolf aber war der Name für ein Bauernwamms.

Ulenspiegel nahm das Wamms, schnitt es in Stücke und nähte sie

dergestalt zusammen, daß sie die Gestalt eines Wolfes hatten.

Da der Schneider dies sah, schrie er:

„Was zum Teufel hast Du gemacht?“

„Einen Wolf“, erwiderte Ulenspiegel.

„Du arger Schalk,“ erwiderte der Schneider, „ich hatte Dir freilich

gesagt, einen Wolf, aber Du weißt, daß man ein Bauernwamms Wolf heißt.“

Nach einer Weile sagte er zu ihm:

„Gesell, wirf die Ärmel an diesen Rock, ehe Du schlafen gehst.“

Ulenspiegel hing den Rock an den Haken und brachte die ganze Nacht

damit hin, die Ärmel daran zu werfen.

Der Schneider kam bei dem Lärm herzu:

„Taugenichts,“ sprach er zu ihm, „was für einen schlechten Streich

spielst Du mir da wieder?“

„Ist das ein schlechter Streich?“ versetzte Ulenspiegel. „Sehet, ich

habe diese Ärmel die ganze Nacht an den Rock geworfen, und sie sitzen

noch nicht fest.“

„Das versteht sich,“ sprach der Schneider, „darum werf ich Dich auf die

Straße; sieh zu, ob Du da besser festsitzest.“

50

Derweil Katheline bei einem guten Nachbar wohlbehütet war, ging Nele

ganz allein weit, weit fort, bis Antwerpen, die Schelde entlang oder

auf andern Wegen und suchte auf den Flußkähnen und auf den staubigen

Straßen, ob sie ihren Freund Ulenspiegel nicht fände.

An einem Markttage kam er nach Hamburg und sah allerorten Kaufleute

und unter ihnen etliche alte Juden, die von Wucher und uneingelösten

Pfändern lebten.

Ulenspiegel, der auch Kaufmann werden wollte, sah etliche Roßäpfel am

Boden liegen und trug sie in seine Wohnung, welche in einer Flesche des

Walls war. Da ließ er sie trocknen. Dann kaufte er rote und grüne Seide

und machte Säcklein davon. Da hinein tat er die Roßäpfel und band sie

mit einem Bande zu, als ob sie voll Bisam wären.

Alsdann machte er aus etlichen Latten ein Tragbrett, hängte es mit

alten Stricken um seinen Hals und ging zu Markt, das Brett, mit den

Säcklein gefüllt, vor sich hertragend. Am Abend zündete er, um sie zu

beleuchten, in der Mitte ein Lichtlein an.

Wenn die Leute ihn fragten, was er da feil hielte, antwortete er voll

Heimlichkeit:

„Ich werde es Euch sagen, aber laßt uns nicht zu laut sprechen!“

„Was ist es denn?“ fragten die Käufer.

„Es sind Prophetenbeeren,“ antwortete Ulenspiegel, „so geradenwegs

aus Arabien nach Flandern gekommen sind, mit großer Kunst von Meister

Abdul-Medil aus dem Geschlecht des großen Mahomet bereitet.“

Etliche Kunden sprachen zu einander:

„Das ist ein Türke.“

Aber die andern sprachen:

„Es ist ein Pilger, der aus Flandern kommt. Hört ihr es nicht an seiner

Sprache?“

Und die Zerlumpten, die Hungerleider und Bettler kamen zu Ulenspiegel

und sagten:

„Gib uns von diesen Prophetenbeeren.“

„Wenn ihr Gülden haben werdet, solche zu kaufen.“

Und die armen Zerlumpten, Hungerleider und Bettler gingen betrübt von

dannen und sagten:

„Es ist keine Freude in dieser Welt, denn allein für die Reichen.“

Das Gerücht von den Beeren, die zu verkaufen waren, verbreitete sich

alsbald über den Markt. Die Bürger sprachen zu einander:

„Da ist ein Vlamländer, welcher Prophetenbeeren hat, die in Jerusalem

auf dem Grabe unseres Herrn Jesu geweiht sind; aber es heißt, daß er

sie nicht verkaufen will.“

Und alle Bürger kamen zu Ulenspiegel und fragten ihn nach seinen Beeren.

Aber Ulenspiegel, der großen Gewinn haben wollte, erwiderte, daß sie

noch nicht reif genug wären; er hatte aber ein Auge auf zwei reiche

Juden geworfen, die auf dem Markte umhergingen.

„Ich möchte wohl wissen,“ sagte einer der Bürger, „was aus meinem

Schiff auf See werden wird.“

„Es wird bis an den Himmel gehen, wenn die Wellen hoch genug sind“,

erwiderte Ulenspiegel.

Ein anderer zeigte ihm sein hübsches Töchterlein, welches über und über

rot ward, und sprach:

„Diese wird ohne Zweifel den Weg der Tugend wandeln?“

„Alles wandelt, wohin die Natur will“, versetzte Ulenspiegel, denn er

hatte gesehen, wie das Mädchen einem jungen Burschen einen Schlüssel

gab. Der aber, von Wohlbehagen aufgeblasen, sprach zu Ulenspiegel:

„Herr Kaufmann, gebt mir einen Eurer prophetischen Säcke, damit ich

daraus ersehe, ob ich diese Nacht allein schlafen werde.“

„Es stehet geschrieben,“ gab Ulenspiegel zur Antwort, „welcher den

Roggen der Verführung aussäet, der wird das Saatkorn der Hahnreischaft

ernten.“

Der junge Bursche erboste sich:

„Auf wen hast Du es abgesehen?“

„Die Beeren sagen,“ erwiderte Ulenspiegel, „daß sie Dir eine glückliche

Ehe wünschen und eine Frau, die Dir nicht den Hut des Vulkan aufsetzt.

Kennst Du diese Kopfbedeckung?“

Dann predigte er:

„Das Weib, das auf dem Heiratsmarkt Handgeld gibt, läßt nachher den

andern die ganze Ware umsonst.“

Hierauf sprach das Mädchen, welches Sicherheit heucheln wollte: „Sieht

man all dieses in dem prophetischen Säcklein?“

„Man sieht auch einen Schlüssel darin“, sagte Ulenspiegel ihr ganz

leise ins Ohr.

Aber der Jüngling war schon mit dem Schlüssel davon.

Plötzlich gewahrte Ulenspiegel einen Dieb, der von der Fleischbank

eines Schweinemetzgers eine ellenlange Wurst stahl und unter seinem

Mantel verbarg. Aber der Metzger sah es nicht. Voller Freuden kam der

Dieb zu Ulenspiegel und sagte zu ihm:

„Was verkaufst Du da, Unglücksprophet?“

„Säcklein, aus denen Du ersehen kannst, daß Du gehängt werden wirst,

weil Du die Würste zu gern hattest.“

Bei dieser Rede entfloh der Dieb eilends, indes der bestohlene Metzger

schrie:

„Haltet den Dieb, haltet den Dieb!“

Aber es war zu spät.

Während Ulenspiegel sprach, näherten sich ihm die beiden reichen Juden,

die mit großer Aufmerksamkeit zugehört hatten, und sagten zu ihm:

„Was hast Du da feil, Vlamländer?“

„Säcklein“, versetzte Ulenspiegel.

„Was sieht man mit Hilfe Deiner Prophetenbeeren?“ fragten sie.

„Die künftigen Ereignisse, wenn man sie in den Mund nimmt,“ versetzte

Ulenspiegel.

Die beiden Juden beredeten sich, und der Ältere sagte zum andern.

„Derart könnten wir sehen, wann unser Messias kommen wird. Solches

würde ein großer Trost für uns sein. Laß uns eins dieser Säcklein

erstehen. Wie teuer verkaufst Du sie?“ fragten sie.

„Fünfzig Gülden“, versetzte Ulenspiegel. „Wenn Ihr mir die nicht zahlen

wollt, so geht nur hinweg. Wer das Feld nicht kauft, muß den Misthaufen

lassen, wo er ist.“

Da sie Ulenspiegel so fest sahen, zählten sie ihm sein Geld hin,

nahmen eins der Säckchen und begaben sich nach ihrem Bethaus. Allda

liefen bald alle Juden zu Hauf, wissend, daß einer der beiden Alten

ein Geheimnis erhandelt hatte, durch welches man des Messias Ankunft

erfahren und verkünden könnte.

Da ihnen die Sache bekannt war, wollten sie an dem Säcklein saugen,

ohne zu zahlen; aber der Älteste, der es gekauft hatte, und der Jehu

hieß, wollt’ es allein tun.

„Söhne Israels,“ sprach er, das Säckchen in der Hand haltend, „die

Christen spotten unser, wir sind gehetzt unter den Menschen, und man

schreit hinter uns her, als wären wir Schelme. Die Philister wollen uns

unter den Erdboden erniedrigen; sie speien uns ins Antlitz, denn Gott

hat unsere Bogen entspannt und die Zügel vor uns gelockert. Wird es

noch lange währen, Herr Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, daß uns Übles

geschieht, so wir Gutes erwarten, und daß Finsternis kommt, so wir auf

Helligkeit hoffen? Wirst Du bald auf der Erde erscheinen, göttlicher

Messias? Wann werden die Christen sich in den Höhlen und Löchern der

Erde verbergen, ob des Schreckens, den sie vor Dir haben und vor Deiner

Herrlichkeit, wann Du aufstehen wirst, sie zu züchtigen?“

Und die Juden schrien:

„Komm Messias! sauge Jehu!“

Jehu leckte und brach es wieder aus und rief gar kläglich:

„Wahrlich, ich sage Euch, dies ist nichts denn Kot, und der flandrische

Pilger ist ein Schelm.“

Da stürzten sich alle Juden über das Säcklein her, öffneten es und

sahen, was es enthielt, und gingen in großer Wut auf den Markt, um

Ulenspiegel zu suchen.

Der aber hatte mit nichten auf sie geharrt.

51

Ein Mann aus Damm, welcher Klas seine Kohlen nicht bezahlen konnte, gab

ihm sein bestes Gerät, eine Armbrust mit zwölf scharfgespitzten Bolzen,

die als Wurfgeschoß dienten.

In den Stunden, wo die Arbeit feierte, schoß Klas mit der Armbrust;

mehr als ein Hase ward von ihm erlegt und zu Frikassee eingekocht,

dafür daß er den Kohl zu sehr geliebt hatte.

Alsdann aß Klas unmäßig und Soetkin sagte, auf die öde Landstraße

blickend: „Tyll, mein Sohn, spürst du nicht den Wohlgeruch der Brühe?

Gewißlich hat er jetzt Hunger.“ Und ganz in Gedanken hätte sie ihm

seinen Anteil am Schmause aufheben mögen.

„Wenn ihn hungert,“ sprach Klas, „so ist’s seine Schuld; möge er

heimkehren, so wird er essen wie wir.“

Klas hatte Tauben; auch hörte er gern Grasmücken, Distelfinken,

Sperlinge und andere singende und geschwätzige Vögel um sich herum

singen und zwitschern. Desgleichen schoß er gern die Bussarde und

Sperber, die königlichen Vertilger des Vogelvolks.

Einmal, da er im Hofe Kohlen maß, zeigte Soetkin ihm einen großen

Vogel, der über dem Taubenschlag in der Luft schwebte. Klas nahm seine

Armbrust und sprach:

„Der Teufel errette Seine Gnaden, den Sperber!“

Er spannte seine Armbrust und verfolgte alle Bewegungen des Vogels, um

ihn nicht zu fehlen. Es war um die Zeit der Dämmerung, Klas konnte nur

noch einen schwarzen Punkt unterscheiden. Er schoß den Bolzen ab und

sah einen Storch in den Hof fallen.

Klas war schier betrübt darüber, aber Soetkin war es noch mehr und rief:

„Unseliger, du hast den Vogel Gottes getötet.“

Hierauf nahm sie den Storch, sah, daß er nur am Flügel verwundet war,

ging Balsam holen und sagte, derweil sie seine Wunde verband:

„Storch, Schätzlein, es war nicht gescheit von Dir, daß Du, den man

liebt, in den Wolken schwebst wie der Sperber, den man haßt. Auch die

Pfeile des Volkes gehen ans unrechte Ziel; tut Dir Dein armer Flügel

weh, Störchlein? Lässest Dich so geduldig behandeln, denn Du weißt, daß

unsre Hände Freundeshände sind.“

Da der Storch geheilt war, bekam er zu fressen, was er nur wollte; aber

mit Vorliebe fraß er den Fisch, den Klas für ihn im Kanal fischen ging.

Und allemal, wenn der Gottesvogel ihn kommen sah, öffnete er seinen

großen Schnabel. Er folgte Klas wie ein Hund, aber lieber weilte er in

der Küche und wärmte seine Brust am Feuer und klopfte Soetkin, die das

Mahl bereitete, mit dem Schnabel auf den Leib, als wollte er ihr sagen:

„Ist nichts für mich da?“

Es war aber lustig anzusehen, wie dieser ernsthafte Glücksbote auf

seinen langen Beinen in der Hütte einherstelzte.

52

Indessen waren die bösen Tage wiedergekehrt. Klas arbeitete traurig

allein auf dem Felde, denn es war nicht Arbeit für zwei. Soetkin blieb

allein in der Hütte und bereitete die Bohnen, ihre tägliche Speise,

auf jegliche Art zu, um ihrem Manne Lust zum Essen zu machen. Und sie

sang und lachte, damit er sich nicht grämte, sie traurig zu sehen. Der

Storch stand auf einem Bein, den Schnabel im Gefieder, neben ihr.

Ein Mann zu Pferde hielt vor der Hütte still; er war schwarz gekleidet,

sehr hager und hatte eine sonderlich traurige Miene.

„Ist jemand drinnen?“ fragte er.

„Gott segne Eure Schwermut, aber bin ich ein Geist, daß Ihr mich hier

sehet und fragt, ob jemand daheim sei?“

„Wo ist Dein Vater?“ fragte der Reiter.

„Wenn mein Vater Klas heißt, so ist er dort unten, und Du siehst ihn

Korn säen.“

Der Reiter ging und Soetkin desgleichen, betrübten Herzens, denn sie

mußte zum sechsten Male Brot vom Bäcker holen, ohne zu zahlen. Da sie

mit leeren Händen zurückkehrte, sah sie voller Staunen, wie Klas stolz

und triumphierend heimkehrte auf dem Pferde des schwarzgekleideten

Mannes, welcher zu Fuß neben ihm schritt und es am Zügel führte. Klas

stützte einen ledernen Sack, der wohlgefüllt schien, stolz auf seinen

Schenkel.

Beim Absteigen umarmte er den Mann, schlug ihm fröhlich auf die

Schulter und rief, den Sack schüttelnd:

„Es lebe mein Bruder Jobst, der gute Einsiedel! Gott erhalte ihn in

Freude, Leibesfülle, Frohsinn und Gesundheit! Siehe, er ist der Jobst

des Segens, des Überflusses und der fetten Suppen! Der Storch hat nicht

gelogen!“ Und er setzte den Sack auf den Tisch.

Da sagte Soetkin voller Harm: „Mann, wir werden heute nicht essen, der

Bäcker wollte mir kein Brot geben.“

„Brot?“ sagte Klas, öffnete den Sack und ließ einen goldenen Strom über

den Tisch sich ergießen. „Brot? Hier ist Brot, Butter, Fleisch, Wein,

Bier. Hier sind Schinken, Markknochen, Reiherpasteten, Fettammern,

Masthühner und Kapaunen, wie bei den großen Herren! Hier ist Bier in

Tonnen und Wein in Fässern. Ein Narr ist der Bäcker, der uns das Brot

verweigert; wir werden nichts mehr bei ihm kaufen.“

„Aber Mann“, sprach Soetkin verblüfft.

„Wohlan, höre,“ sprach Klas, „und sei guter Dinge. Katheline, anstatt

in der Markgrafschaft Antwerpen die Zeit ihrer Verbannung hinzubringen,

ist, von Nele geführt, auf Schusters Rappen bis Meyborg gegangen.

Dort hat Nele meinem Bruder Jobst gesagt, daß wir oftmals darben,

ohngeachtet unserer sauren Arbeit. Wie dieser wackre Bote mir soeben

vermeldete“ / und Klas wies auf den schwarzgekleideten Reiter / „hat

Jobst die heilige römische Religion verlassen und sich der Ketzerei

Luthers hingegeben.“

Der schwarzgekleidete Mann sagte:

„Jene sind Ketzer, die sich zum Dienste der großen Buhlerin bekennen.

Denn der Papst ist bestechlich und treibt Schacher mit heiligen Dingen.“

„Ach,“ sprach Soetkin, „sprecht nicht so laut, Herr, Ihr könntet uns

alle drei auf den Scheiterhaufen bringen.“

„So hat denn“, sagte Klas, „Jobst diesem wackeren Boten gesagt, er

wolle mit den Truppen Friedrichs von Sachsen kämpfen und ihm fünfzig

trefflich gewappnete Männer zuführen. Da er in den Krieg zöge, sei

ihm so viel Geld nicht vonnöten, um es in übler Stunde irgend einem

Schelm von Landsknecht zu überlassen. „Darum“, so hat er gesagt,

„bringe diese siebenhundert Goldkarolus meinem Bruder Klas samt meinen

Segenswünschen. Sag ihm, er möge einen guten Wandel führen und seines

Seelenheils gedenken.“

„Ja,“ sprach der Reiter, „es ist an der Zeit, denn Gott wird dem

Menschen nach seinen Werken lohnen und jeglichen behandeln, gleich wie

es sein Wandel verdient.“

„Herr,“ sprach Klas, „inzwischen wird es mir nicht verwehrt sein, mich

der frohen Botschaft zu freuen. Geruht bei uns zu bleiben, wir wollen

sie mit schönen Kaldaunen, viel Kalbsbraten und einem kleinen Schinken

feiern, den ich zuvor bei dem Schweinemetzger gesehen habe, so rund und

lecker, daß er mir die Zähne einen Fuß lang aus dem Maul gezogen hat.“

„Ach,“ sprach der Mann, „die Toren ergötzen sich, derweilen die Augen

Gottes über ihren Wegen sind.“

„Nun denn, Bote,“ sagte Klas, „willst Du mit uns essen und trinken oder

nicht?“

Der Mann entgegnete:

„Für die Getreuen wird es Zeit sein, ihre Seelen den irdischen Freuden

hinzugeben, wenn die große Babel gefallen ist.“

Da Soetkin und Klas sich bekreuzten, wollte er gehen.

Klas sprach zu ihm:

„Dieweil es Dir gefällt, also ohne Labung des Weges zu gehen, gib

meinem Bruder Jobst den Friedenskuß und wache über ihn in der Schlacht.“

„Das werde ich tun“, erwiderte der Mann.

Er machte sich auf, indes Soetkin etwas einholen ging, um den

Glücksfall zu feiern. Der Storch kriegte am selbigen Tage zwei

Gründlinge und einen Kabeljaukopf zum Abendessen.

Die Kunde verbreitete sich bald in Damm, daß der arme Klas durch das

Vermögen seines Bruders Jobst ein reicher Klas worden sei. Der Dechant

meinte, daß Katheline ohne Zweifel Jobst behext hätte, maßen Klas eine

ansehnliche Summe Geldes erhalten und doch Unsrer lieben Frau nicht das

geringste Kleid geschenkt hätte.

Klas und Soetkin waren glücklich. Klas arbeitete auf dem Felde und

verkaufte seine Kohlen und Soetkin zeigte sich daheim als tüchtige

Hausfrau. Aber sie spähte voller Harm ohn Unterlaß auf den Wegen nach

ihrem Sohn Ulenspiegel. Und alle drei genossen des Glücks, das ihnen

von Gott kam, in Erwartung dessen, das ihnen von den Menschen kommen

sollte.

53

Kaiser Karl empfing desselbigen Tages einen Brief, worin sein Sohn

Philipp ihm schrieb:

„Mein Kaiserlicher Vater!

„Es mißfällt mir, in diesem Lande leben zu müssen, wo die verfluchten

Ketzer wie Flöhe, Raupen und Heuschrecken überhand nehmen. Feuer

und Schwert wären gerade recht, um sie vom Stamm des Lebensbaumes,

der unsere heilige Mutter Kirche ist, abzuhauen. Als ob es für mich

an diesem Kummer nicht genug wäre, muß es noch sein, daß sie mich

nicht als König ansehen, sondern als den Mann ihrer Königin, der ohne

sie keine Macht hat. Sie spotten über mich und sagen in boshaften

Pamphleten, deren Verfasser und Drucker man nicht auffinden kann, daß

der Papst mich bezahlt, um das Königreich durch ruchloses Brennen und

Hängen zu beunruhigen und zu verderben. So ich irgend eine dringende

Steuer von ihnen erheben will, denn sie lassen mich häufig aus Bosheit

ohne Geld, antworten sie mir in elenden Pasquillen, daß ich nur Satan,

für welchen ich arbeite, darum zu bitten brauchte. Die vom Parlament

entschuldigen sich und machen einen krummen Buckel, aus Furcht, daß ich

beiße; aber sie bewilligen nichts.

Indessen sind die Mauern Londons mit Schmähschriften bedeckt, so mich

als einen Vatermörder hinstellen, der bereit ist, Eure Majestät zu

erschlagen, um Euch zu beerben.

Aber Ihr wisset, Herr und Vater, daß ich, ohngeachtet alles

berechtigten Ehrgeizes und Stolzes, Euch eine lange und ruhmreiche

Regierung wünsche.

Auch verbreiten sie in der Stadt eine Zeichnung, die nur allzu

geschickt in Kupfer gestochen ist. Darauf bin ich zu sehen, wie ich

das Klavichord spielen lasse durch die Pfoten von Katzen, die in dem

Instrument eingesperrt sind. Ihre Schwänze kommen durch runde Löcher

herfür und sind außen mit eisernen Stiften befestigt. Ein Mann, der

ich sein soll, verbrennt ihnen den Schwanz mit glühenden Eisen und

macht dadurch, daß sie die Pfoten auf die Tasten schlagen und wütend

heulen. Ich bin so häßlich darauf dargestellt, daß ich mich nicht

ansehen mag. Und dann zeigen sie mich lachend. Ihr aber wisset, mein

Herr Vater, ob es mir bei irgend einer Gelegenheit begegnet ist, mir

dies profane Vergnügen zu machen. Ohne Zweifel versuchte ich mich zu

zerstreuen, indem ich diese Katzen zum Miauen brachte, aber ich lachte

nicht. In ihren rebellischen Ausdrücken machen sie mir ein Verbrechen

aus dem, was sie die Neuheit und Grausamkeit dieses Klavichords nennen,

wiewohl doch die Tiere keine Seele haben und alle Menschen, sonderlich

alle königlichen Personen, sich zu ihrer Erholung der Tiere bis zu

deren Tode bedienen können. Aber in diesem Engelland sind sie so mit

Tieren versehen, daß sie solche besser behandeln als ihre Diener. Die

Pferdeställe und Hundehütten sind hier Paläste, und es gibt Ritter, die

mit ihrem Pferde auf derselben Streu schlafen.

Des Weiteren ist meine edle Gemahlin und Königin unfruchtbar. Sie tun

mir den blutigen Schimpf an zu sagen, daß ich die Ursache davon sei

und nicht sie, die übrigens über die Maßen eifersüchtig, ohne feine

Sitte und liebestoll ist. Mein Herr und Vater, ich bitte alle Tage zum

Herrgott, daß er mich in seiner Gnade erhalte. Ich hoffe auf einen

andern Thron, und wäre es beim Türken, in Erwartung dessen, zu dem

mich die Ehre beruft, Eurer höchst ruhmvollen und höchst siegreichen

Majestät Sohn zu sein.“

Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak: Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und andern Orts · 第 12 / 46 题