„Sohn, raube weder Mensch noch Tier jemals die Freiheit, welche
das größte Gut auf Erden ist. Laß einen jeden in die Sonne gehen,
wann ihn friert, und in den Schatten, wann ihm heiß ist. Und möge
Gott seine Heilige Majestät richten, welche, nachdem sie den freien
Glauben in Flandern in Ketten gelegt, das edle Gent in einen Käfig der
Knechtschaft geworfen hat“.
31
Philipp hatte Maria von Portugal geehelicht und ihre Besitzungen der
Krone Spanien einverleibt. Sie genas des Don Carlos, des grausamen
Narren. Doch er liebte seine Gattin nicht. Die Königin litt an den
Folgen ihres Kindbettes. Sie hütete das Bett und hatte ihre Ehrendamen
bei sich, darunter die Herzogin von Alba. Philipp ließ sie oftmals
allein, um Ketzer verbrennen zu sehen, und alle Herren und Damen vom
Hofe taten desgleichen. Also hielt es auch die Herzogin von Alba, die
hochedle Wächterin des königlichen Kindbettes.
Um diese Zeit nahm das geistliche Gericht einen vlämischen
Bildschneider gefangen, welcher römischer Katholik war, maßen ihm ein
Mönch den ausbedungenen Preis für ein Holzbild unserer lieben Frauen
verweigert und er der Frau mit dem Meißel ins Gesicht geschlagen und
gesagt hatte, daß er lieber sein Werk zerstören, denn es zum Spottpreis
hergeben wollte.
Er ward von dem Mönche als Bilderfrevler verklagt, ohn Erbarmen
gefoltert und verurteilt, lebendig verbrannt zu werden. Während der
Folter hatte man ihm die Fußsohlen verbrannt, und da er mit dem
Sanbenito[2] angetan vom Kerker zum Scheiterhaufen geführt ward, schrie
er:
„Haut die Füße ab! Haut die Füße ab!“
Philipp hörte dies Geschrei von ferne; es war ihm wohl, aber er lachte
nicht.
Die Ehrendamen verließen die Königin, um der Verbrennung beizuwohnen,
und nach ihnen ging auch die Herzogin von Alba. Sie hörte den
vlämischen Bildschneider schreien, wollte das Schauspiel mit ansehen
und ließ die Königin allein.
Da nun Philipp mit seinen hohen Dienern, Prinzen, Grafen, Stallmeistern
und Damen gegenwärtig war, fesselten sie den Bildschnitzer mit einer
langen Kette an einen Pfahl inmitten eines Kreises von brennendem
Stroh und Reisigbündeln, auf daß er langsam geröstet werde, wann er,
dem raschen Feuer entrinnend, sich an den Pfahl halten wollte. Und
alles blickte ihn voll Neugier an, wie er nackend oder fast nackend
versuchte, seine Seelenstärke der Feuersglut entgegenzusetzen.
Zur selbigen Zeit hatte die Königin Maria in ihrem Wochenbett Durst.
Die Hälfte einer Melone auf einer Schüssel erblickend, schleppte sie
sich aus ihrem Bette, aß von der Melone und ließ nichts davon übrig.
Dann brach sie in Schweiß aus und es fröstelte sie, dieweil das Fleisch
der Melone kalt war. Sie blieb auf dem Fußboden liegen und konnte kein
Glied rühren.
„Ach,“ sprach sie, „ich würde wieder warm werden, wenn jemand mich ins
Bett trüge.“