Klas antwortete: „Weil ich Dein Vater bin und Herr im Hause.“

Ulenspiegel entgegnete:

„Du trinkst seit vierzig Jahren und ich nur seit neun. Deine Zeit ist

vorüber und meine Zeit zum Trinken ist gekommen; es ist also an mir,

den Humpen zu haben, und an Dir, den kleinen Becher zu nehmen.“

„Sohn,“ sprach Klas, „das hieße Bier in den Fluß schütten, wenn man das

Maß einer Tonne in ein Fäßlein gießen wollte.“

„Du wirst also klug tun, wenn Du Dein Fäßlein in meine Tonne gießest,

denn ich bin größer als Dein Humpen,“ erwiderte Ulenspiegel.

Und Klas gab ihm mit Freuden seinen Humpen zu leeren. Und so lernte

Ulenspiegel seine Worte setzen, um zu trinken.

15

Soetkin trug ein Zeichen neuer Mutterschaft unter dem Gürtel. Katheline

war ebenfalls schwanger, wagte aber aus Furcht nicht, das Haus zu

verlassen.

Da Soetkin sie heimsuchen kam, sprach die betrübte Schwangere:

„Was soll ich tun mit der armen Frucht meines Leibes? Soll ich sie

ersticken? Lieber will ich sterben. Doch wenn mich die Häscher

ergreifen, dieweil ich ein Kind habe und bin nicht verheiratet, so

werden sie mich wie eine Dirne zwanzig Gulden zahlen lassen und ich

werde auf dem Markte gestäupt werden.“

Soetkin sprach ihr gütlich zu, um sie zu trösten, und verließ sie und

kehrte nachdenklich heim. Also sprach sie eines Tages zu Klas: „Wenn

ich anstatt eines Kindes deren zwei hätte, würdest Du mich schlagen,

Mann?“

„Ich weiß nicht“, sagte Klas.

„Wenn aber das zweite nicht aus meinem Schoß wäre, und ein Unbekannter,

wohl gar der Teufel, hätte es gezeugt?“

„Die Teufel erzeugen Feuer, Tod und Rauch, aber Kinder, nein. Ich würde

Kathelines Kind wie das meine halten.“

„Das würdest Du tun?“

„So sagte ich.“

Soetkin ging und brachte Katheline die Kunde. Da sie solches vernahm,

wußte sie sich vor Freuden nicht zu lassen und rief voller Entzücken:

„Der gute Mann, er hat für das Heil meines armen Leibes gesprochen.

Gott wird ihn segnen, und der Teufel -- wenn anders es ein Teufel war,“

sprach sie mit Zittern, „der Dich armes Kleines, so sich in meinem

Schoße regt, schuf.“

Soetkin und Katheline brachten die eine ein Knäblein, die andere ein

Mägdlein zur Welt, und alle beide trug Klas als Sohn und Tochter zur

Taufe. Soetkins Sohn ward Hans benannt und blieb nicht am Leben.

Kathelines Tochter aber hieß Nele und gedieh wohl.

Sie trank den Lebenssaft aus vier Flaschen, den beiden von Katheline

und den beiden von Soetkin. Und die beiden Frauen machten sich in Güte

streitig, wer dem Kinde zu trinken gäbe. Doch trotz ihres Wunsches

mußte Katheline ihre Milch versiegen lassen, damit man sie nicht

fragte, woher sie käme, ohne das sie Mutter war.

Da die kleine Nele, ihre Tochter, entwöhnt war, nahm sie sie zu sich

und ließ sie nicht eher zu Soetkin gehen, als bis sie sie Mutter

genannt hatte. Die Nachbarn aber sagten, es sei gut von Katheline,

die begütert war, daß sie das Kind von Klasens ernährte, welche ihr

mühselig Leben in Armut hinbrachten.

16

Ulenspiegel war eines Morgens allein zu Hause, und da die Zeit ihm

lang ward, so schnitt er an einem Schuh seines Vaters herum, auf daß

er ein Schifflein daraus machte. Schon hatte er den Hauptmast in der

Sohle aufgerichtet und das Oberleder durchbohrt, um das Bugspriet darin

einzulassen, da sah er durch die Tür, deren obere Hälfte geöffnet war,

den Leib eines Reiters und einen Roßkopf vorbeiziehen.

„Ist wer drinnen?“ fragte der Reiter.

„Anderthalb Mann und ein Pferdekopf.“

„Wie das?“ fragte der Reiter.

Ulenspiegel beschied ihn:

„Weil ich hier einen ganzen Mann sehe, das bin ich, einen halben Mann,

das ist Dein Oberkörper, und einen Pferdekopf, das ist der Deiner

Mähre.“

„Wo ist Dein Vater und Mutter?“ fragte der Mann.

Ulenspiegel antwortete:

„Mein Vater ist gegangen, das Böse böser zu machen, und meine Mutter

ist dabei, uns Schande oder Schaden zu machen.“

„Erkläre das!“ sprach der Reiter.

„Mein Vater gräbt zur Stunde die Löcher in seinem Felde tiefer, auf daß

die Jäger, die das Getreide zerstampfen, darinnen zu Falle und Schaden

kommen. Die Mutter ist gegangen, Geld zu leihen. Gibt sie zu wenig

wieder, so ist es eine Schande für uns, und gibt sie zu viel, so wird

es unser Schade sein.“

Dann fragte der Mann ihn, wohin er reiten müßte.

„Da, wo die Gänse sind“, erwiderte Ulenspiegel.

Der Mann ritt seines Weges und kam in der Weile zurück, da Ulenspiegel

von Klasens zweitem Schuh eine Rudergaleere machte.

„Du hast mich gefoppt,“ sprach er, „da, wo die Gänse sind, ist nur

Schlamm und Sumpf, darinnen sie herumpatschen.“

„Ich habe Dir nicht gesagt, daß du hingehen sollst, wo die Gänse

patschen, sondern wo sie gehen“.

„Zeige mir wenigstens einen Weg, der nach Heyst geht“, sprach der Mann.

„In Flandern gehen die Fußgänger und nicht die Wege“, erwiderte

Ulenspiegel.

17

Eines Tages sprach Soetkin zu Klas:

„Mann, mir blutet das Herz. Nun sind es drei Tage, daß Thyl das Haus

verlassen hat; weißt Du nicht, wo er ist?“

„Wo die herrenlosen Hunde sind, auf irgend einer Landstraße mit

etlichen Taugenichtsen seiner Art. Gott war grausam, daß er uns einen

solchen Sohn gab. Da er geboren ward, sah ich in ihm die Freude unserer

alten Tage, ein Werkzeug mehr im Hause. Ich gedachte einen Handwerker

aus ihm zu machen, und das böse Schicksal macht ihn zum Schelm und zum

Tagedieb“.

„Sei nicht so hart, Mann“, sprach Soetkin. „Unser Sohn ist erst neun

Jahre alt und in der Blüte der Jugendtorheit. Muß er nicht gleich wie

die Bäume seine Blatthülsen auf den Weg streuen, ehe er sich mit den

Blättern schmückt, die bei Gewächsen aus dem Volke Rechtschaffenheit

und Tugend heißen? Er ist ein Schalk, aber seine Schalkheit wird ihm

dereinst zum Nutzen gedeihen, wenn er sie nicht zu schlimmen Streichen,

sondern zu einem nützlichen Handwerk gebraucht. Er macht sich gern

über seinen Nächsten lustig, doch ebenso wird er dereinst seinen Platz

in einer lustigen Bruderschaft behaupten. Er lacht immerdar, aber die

Gesichter, so mürrisch dreinschauen, sind eine üble Vorbedeutung für

die künftigen Mienen. Wenn er läuft, so tut er es, weil er wachsen muß,

maßen er noch nicht in dem Alter ist, wo man fühlt, daß die Arbeit

Pflicht ist. Und wenn er zuweilen eine halbe Woche lang Tag und Nacht

ausbleibt, so weiß er nicht, welchen Harm er uns zufügt, denn er hat

ein gutes Herz und liebt uns.“

Klas schüttelte den Kopf und antwortete nichts, und da er schlief,

weinte Soetkin für sich allein. Und am Morgen gedachte sie, daß ihr

Sohn etwa an irgend einer Straßenecke krank läge, und trat auf die

Türschwelle, um zu sehen, ob er nicht heimkehrte; aber sie sah nichts

und setzte sich ans Fenster und schaute von da auf die Straße. Und

manch liebes Mal hüpfte ihr das Herz in der Brust, wann sie den

leichten Schritt eines Knaben hörte. Doch wenn er vorüberging, sah sie,

daß es nicht Ulenspiegel war, und dann weinte sie, die betrübte Mutter.

18

Derweilen war Ulenspiegel mit seinen nichtsnutzigen Gefährten in Brügge

auf dem Samstagsmarkt.

Da sah man Schuster und Schuhflicker in besonderen Buden,

Kleiderhändler, Meisenfänger von Antwerpen, die nachts mit Hilfe einer

Eule die Meisen fangen, Geflügelhändler, spitzbübische Hundefänger,

Verkäufer von Katzenfellen für Handschuhe, Koller und Wämse, und

Verkäufer jeglicher Art, Bürger und Bürgerfrauen, Knechte und Mägde,

Brotbäcker, Kellermeister, Köche und Köchinnen. Und alle, Verkäufer

und Kunden, priesen je nach ihrem Stande die Ware an oder setzten sie

herab, lobten oder schalten sie.

In einer Ecke des Marktes war ein schönes Leinenzelt mit vier Pfosten

aufgerichtet. Am Eingang stand ein Bauer aus der Ebene von Alost neben

zwei Mönchen, die das Geld einnahmen; der wies dem neugierigen Frommen

um einen Heller ein Stück vom Schulterknochen der heiligen Marie von

Ägypten. Er grölte mit heiserer Stimme die Verdienste der Heiligen und

ließ in seiner Ballade nicht aus, wie jene aus Mangel an Geld einen

jungen Fergen in schöner Naturmünze zahlte, auf daß sie nicht wider den

heiligen Geist sündigte, wenn sie jenem seinen Lohn vorenthielte.

Und die Mönche nickten mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß der Bauer wahr

redete. Neben ihnen stand ein dickes rotes Weib, wollüstig wie Astarte,

die blies mit Gewalt einen gräulichen Dudelsack, dieweil ein anmutig

Mägdlein neben ihr wie eine Grasmücke sang. Über dem Eingang des Zeltes

aber schaukelte an zwei Stangen, an den Henkeln von Stricken gehalten,

ein Kübel mit Wasser, welches zu Rom geweiht war. So nämlich sang

es die dicke Frau, indeß die beiden Mönche mit dem Kopfe wackelten,

ihre Rede bekräftigend. Ulenspiegel betrachtete den Kübel und ward

nachdenklich.

An einem der Zeltpfosten war ein Esel angebunden; der war mehr mit Heu

denn mit Hafer gefüttert und schaute gesenkten Hauptes zu Boden, ohne

Hoffnung, daß Disteln daraus emporwüchsen.

„Gefährten,“ sprach Ulenspiegel und wies mit dem Finger auf das dicke

Weib, die beiden Mönche und den Trübsal blasenden Esel, „da die Herren

so schön singen, muß man auch den Esel zum Tanzen bringen“.

So gesagt, ging er zur nächsten Bude, kaufte sich um einen Heller

Pfeffer, hub dem Esel den Schwanz auf und rieb den Pfeffer darunter.

Da der Esel den Pfeffer verspürte, blickte er unter seinen Schwanz,

woher ihm solche ungewohnte Wärme käme. Vermeinend, der feurige Teufel

sei da, wollte er laufen, um ihm zu entrinnen, und hub an zu schreien

und auszuschlagen und schüttelte den Pfosten aus allen Kräften. Der

Kübel, der zwischen den Stangen hing, ergoß beim ersten Ruck all sein

Weihwasser über das Zelt und die, so darinnen waren. Das Zelt aber

sank alsbald zusammen und begrub die Leute, welche die Geschichte der

ägyptischen Marie anhörten, mit einem feuchten Mantel.

Und Ulenspiegel und seine Genossen hörten lautes Geschrei und Klagen

unter der Leinewand, denn die Frommen, so darunter waren, ziehen

einander, daß sie den Kübel umgeschüttet hätten, ärgerten sich grün und

gelb und schlugen sich mit grimmigen Faustschlägen. Die Leinewand hob

sich unter der Anstrengung der Kämpfenden. Allemal, wenn Ulenspiegel

eine runde Form sich darauf abzeichnen sah, stach er mit einer Nadel

hinein. Dann gab es noch lauteres Geschrei unter der Leinewand und ward

das Puffen noch grimmer.

Und er war sehr lustig und ward es noch mehr, als er sah, daß der Esel

davonrannte und Leinewand, Kübel und Pfosten hinterdrein schleppte,

dieweil der Besitzer des Zeltes mit Weib und Kind sich an das Gerümpel

anklammerte. Der Esel konnte nicht mehr laufen, er hob das Maul in

die Luft, und wenn er mit Schreien innehielt, war es, um unter seinem

Schwanz nachzusehen, ob das Feuer darunter nicht bald erlosch.

Inzwischen setzten die Frommen ihre Schlacht fort. Die Mönche aber,

ohne an sie zu denken, rafften das Geld auf, das aus dem Sammelkasten

gefallen war, und Ulenspiegel half ihnen andächtig dabei und nicht ohne

Nutzen.

19

Dieweil des Kohlenträgers nichtsnutziger Sohn an lustiger Bosheit

zunahm, verkümmerte des erhabenen Kaisers kläglicher Sproß in dürrer

Melancholie. Herren und Damen sahen den Schwächling, wie er durch die

Gemächer und Wandelgänge zu Valladolid seinen gebrechlichen Leib und

seine schlotternden Beine schleppte, welche nur mühsam die Last des

dicken Kopfes mit den blonden Haarborsten trugen.

Immer suchte er die dunklen Gänge auf und saß stundenlang da mit

gespreizten Beinen. Trat ihm irgend ein Diener aus Versehen darauf, so

ließ er ihn peitschen und fand seine Lust daran, ihn bei den Schlägen

schreien zu hören. Doch er lachte nicht.

Den nächsten Tag stellte er die nämliche Falle wo anders. Er setzte

sich mit ausgestreckten Beinen in irgend einen Korridor, und die Damen,

Herren oder Pagen, die mehr oder minder eilends dort vorbeikamen,

stolperten über ihn, fielen und taten sich weh. Auch daran erlabte er

sich, doch er lachte nicht.

Wenn einer von ihnen ihn anrannte und nicht fiel, so schrie er, als

hätte man ihn geschlagen, und es war ihm eine Lust, ihren Schrecken zu

sehen; doch er lachte nicht.

Seiner heiligen Majestät ward von diesen Anschlägen gemeldet, doch sie

befahl, daß man des Infanten nicht achten solle; denn sie sagte, wenn

er nicht wolle, daß man ihm auf die Beine träte, so solle er sich nicht

da aufhalten, wo die Füße gingen. Solches mißfiel Philipp, doch er

sagte nichts, und man sah ihn nicht mehr, es sei denn, daß er an einem

hellen Sommertag in den Hof ging, um seinen fröstelnden Leib in der

Sonne zu wärmen.

Eines Tages, da Karl aus dem Kriege heimkehrte, sah er ihn so, wie er

Schwermut brütete.

„Mein Sohn,“ sprach er zu ihm, „wie verschieden bist Du doch von mir!

In Deinen jungen Jahren war meine Kurzweil, auf Bäume zu klettern und

den Eichkatzen nachzustellen. Ich ließ mich an einem Seil von einer

Felsspitze herunter, um die jungen Adler aus ihrem Horste zu nehmen.

Ich konnte bei diesem Spiel meine Knochen einbüßen, doch sie wurden um

so fester. Auf der Jagd flüchteten die wilden Tiere ins Dickicht, wenn

sie mich mit meinem guten Feuerrohr nahen sahen.“

„Ach,“ seufzte der Infant, „ich habe Bauchgrimmen, Herr Vater.“

„Der Wein von Paxaret“, sprach Karl, „ist ein treffliches Mittel

dagegen.“

„Ich mag keinen Wein, ich habe Kopfweh, Herr Vater.“

„Mein Sohn,“ sprach Karl, „Du mußt laufen, springen und Dich tummeln,

wie es die Kinder Deines Alters tun.“

„Meine Beine sind steif, Herr Vater.“

„Wie könnte es anders sein,“ sprach Karl, „da Du sie ja nicht mehr

brauchst, als wenn sie von Holz wären. Ich werde Dich auf ein recht

mutiges Pferd binden lassen.“

Der Infant weinte.

„Bindet mich nicht fest, Herr Vater,“ sprach er, „ich habe

Kreuzschmerzen.“

„So hast Du denn überall Schmerzen?“ fragte Karl.

„Ich würde kein Leid spüren, wenn man mich in Ruhe ließe,“ entgegnete

der Infant.

„Gedenkst Du,“ versetzte der Kaiser ungnädig, „Dein königliches Leben

mit Grübelei zu verbringen wie die Schreiber? Mögen sie, um ihre

Pergamente mit Tinte zu beschmieren, Ruhe, Einsamkeit und Sammlung

haben. Du, Sohn des Schwertes, mußt heißes Blut, des Luchses Auge, die

List des Fuchses und die Kraft des Herkules haben. Weshalb bekreuzigst

Du Dich? Beim Blute Christi, es steht einem jungen Leuen nicht zu, die

Paternoster plappernden Weiber nachzuäffen!“

„Der Angelus, Herr Vater,“ sprach der Infant.

20

Die Monde Mai und Junius waren im heurigen Jahre wahre Blütenmonde. Nie

noch ward in Flandern so balsamischer Weißdorn, nie in den Gärten eine

solche Fülle von Rosen, Jasmin und Gaisblatt erschaut. Wann der Wind,

der von Engelland wehte, die Düfte dieses blühenden Landes gen Osten

trieb, hub jedermann, sonderlich in Antwerpen, die Nase frohgemut in

die Luft und sprach:

„Riechet Ihr den guten Wind, der aus Flandern weht?“

Derhalben sogen die emsigen Bienen den Honig aus den Blüten, machten

Wachs und legten ihre Eier in die Bienenstöcke, welche nicht genügten,

ihre Schwärme zu fassen. Ihr emsiges Summen tönte gleich wie Musik

unter dem blauen Himmelszelt, das die Erde strahlend überspannte. Man

machte Bienenkörbe aus Binsen, Stroh, Weiden, geflochtenem Heu, und die

Korbmacher, Küper und Faßbinder machten ihre Werkzeuge dabei schartig.

Was die Schreiner betraf, so konnten sie schon lange den Bedarf nicht

mehr decken. Es gab Schwärme von dreißigtausend Immen und zweitausend

siebenhundert Drohnen. Die Honigwaben waren so erlesen, daß der Dechant

von Damm ob ihres seltenen Wohlgeschmacks eilf davon dem Kaiser Karl

schickte, zum Danke dafür, daß er durch seine neuen Edikte die Heilige

Inquisition wieder bekräftigt habe. Philipp verspeiste sie, doch sie

taten ihm nicht gut.

Bettler, fahrendes Volk, Vaganten und all das Gesindel müßiger

Taugenichtse, die ihre Faulheit allerwegen herumschleppen und sich

lieber hängen lassen, denn arbeiten, kamen, vom Wohlgeschmack des

Honigs angelockt, um ihr Teil davon zu haben. Nachts streiften sie zu

Haufen umher.

Klas hatte Bienenkörbe gefertigt, um Schwärme herbeizulocken. Etliche

waren voll, andre leer und harrten der Bienen. Er hielt die ganze Nacht

Wache, um dies süße Gut zu hüten. Wenn er müde war, hieß er Ulenspiegel

ihn ablösen. Der tat es gerne.

Nun hatte Ulenspiegel eines Nachts sich vor der Kühle in einen

Bienenstock geflüchtet und blickte zusammengekauert durch die Löcher,

deren zwei oben auf waren. Als er just einschlafen wollte, hörte er ein

Knacken in den Büschen der Hecke und vernahm die Stimme zweier Männer,

die er für Diebsleute hielt. Er schaute durch eine der Öffnungen und

sah, daß alle beide langes Haar und einen langen Bart trugen, wiewohl

der Bart das Abzeichen des Adels war.

Sie gingen von Korb zu Korb und kamen schließlich an den seinen. Ihn

aufhebend, sprachen sie:

„Diesen wollen wir nehmen, denn es ist der schwerste.“

Und sie trugen ihn auf ihren Knütteln davon.

Ulenspiegel fand keine Freude daran, daß er im Bienenkorb fortgeschafft

ward. Die Nacht war klar und die Diebe gingen, ohne ein Wörtlein zu

sagen. Alle fünfzig Schritte hielten sie atemlos an, dann schritten

sie weiter. Der Vordere brummte voll Wut, daß er eine so schwere Last

tragen müsse. Der hinten ging, ächzte schwermütig. Denn es gibt in

dieser Welt zwei Arten feiger Tagediebe, die einen, so auf die Arbeit

schelten, und die andren, die stöhnen, wann es schaffen heißt.

Ulenspiegel, der nichts zu tun hatte, zog den vordersten Dieb an den

Haaren, und den hintersten am Barte, und so kräftig, daß der Wütende

des Spiels müde ward und zu dem Greiner sprach:

„Hör auf, mich an den Haaren zu raufen, oder ich gebe Dir eins mit der

Faust auf den Kopf, also daß er Dir in die Brust fährt und Du durch

Deine Rippen schaust wie ein Dieb durch sein Kerkergitter.“

„Ich würde es gar nicht wagen, Freund,“ sprach der Andre, „vielmehr

bist Du es, der mich am Barte zupft.“

Der Wütende erwiderte:

„Ich mache nicht Jagd auf das Ungeziefer im Bart eines Aussätzigen.“

„Herr,“ sprach der Greiner, „laßt den Bienenkorb nicht so stark

schwanken; meine unseligen Arme tragen ihn nimmer.“

„Ich werde sie Dir ganz und gar ausreißen“, entgegnete der Wüterich.

Da entledigte er sich seines Lederriemens, setzte den Korb nieder

und sprang auf seinen Gefährten zu. Und sie prügelten sich, der eine

fluchend, der andre um Gnade schreiend.

Ulenspiegel hörte die Püffe regnen, kroch hervor aus dem Korb,

schleppte ihn bis zum nächsten Gehölz, um ihn allda wieder zu finden,

und kehrte zu Klas heim.

Solchermaßen finden die Duckmäuser bei Zwistigkeiten ihren Nutzen.

21

Da Ulenspiegel fünfzehn Jahre alt war, errichtete er in Damm ein

Zelt auf vier Pfählen und rief aus, daß von nun an jedermann sein

gegenwärtiges und zukünftiges Wesen in einem schönen Rahmen von Stroh

dargestellt sehen könne.

Wenn ein Rechtsgelehrter kam, recht dünkelhaft und geschwollen von

seiner Bedeutung, steckte Ulenspiegel den Kopf aus dem Rahmen herfür,

schnitt eine Fratze wie ein uralter Affe und sprach:

„Alter Muffel kann verfaulen, aber nicht gedeihen. Bin ich nicht

trefflich Euer Spiegel, mein Herr mit der Pedantenmiene?“

So er einen kräftigen Kriegsmann zum Kunden hatte, verbarg er sich und

zeigte anstelle seines Gesichtes inmitten des Rahmens ein Gericht von

Fleisch und Brot. Und sprach:

„Die Schlacht wird Dich zu Suppe machen. Was gibst Du mir für mein

Prognostikon, Du Freund der großmäuligen Kartaunen?“

Führte ein alter Mann, der sein greises Haupt ohne Würde trug, sein

junges Weib zu Ulenspiegel, so versteckte sich der, wie er bei dem

Söldner getan, und zeigte im Rahmen einen kleinen Strauch, daran

Messergriffe, Kästlein, Kämme und Schreibzeug hingen, alles aus Horn.

Und rief:

„Woher kommt dieser artige Tändelkram, Messire? Ist es nicht vom

Hornbaum, welcher im Gehege alter Ehemänner wächst? Wer wird noch

sagen, daß die Hahnreie in einer Republik unnütze Leute seien?“

Und Ulenspiegel zeigte sein junges Gesicht neben dem Strauch in dem

Rahmen.

Da der alte Mann ihn hörte, hustete er vor männlicher Wut, doch seine

Liebste beruhigte ihn mit der Hand und trat lächelnd zu Ulenspiegel.

„Und wirst Du mir auch meinen Spiegel zeigen?“

„Tritt näher“, sprach Ulenspiegel.

Sie gehorchte, und alsobald küßte er sie, wo er konnte.

„In Deinem Spiegel ist stramme Jugend, so in vornehmen Hosenlätzchen

wohnt.“

Und die Schöne verließ ihn, nicht ohne ihm ein oder zwei Gülden zu

geben.

Dem feisten Mönch mit den wulstigen Lippen, der sein jetziges und

zukünftiges Wesen zu sehen begehrte, gab Ulenspiegel also Bescheid:

„Du bist ein Schrank voll Schinken und wirst ein Gewölbe für Würzbier

sein, denn Salz heischt Getränke, nicht also, Dickbauch? Gib mir einen

Heller dafür, daß ich nicht log.“

„Mein Sohn,“ erwiderte der Mönch, „wir tragen niemals Geld.“

„Dann also trägt das Geld Dich,“ sprach Ulenspiegel, „denn ich weiß,

daß Du es zwischen zwei Sohlen unter Deinen Füßen trägst. Gib mir Deine

Sandale.“

Doch der Mönch sprach:

„Mein Sohn, das ist Klostergut, ich werde jedoch, wenn es sein muß,

zwei Heller für Deine Mühe herausholen.“

Der Mönch gab sie ihm und Ulenspiegel nahm sie gnädiglich an. Also

zeigte er den Leuten von Damm, Brügge, Blankenberghe und wohl gar

Ostende ihren Zukunftsspiegel.

Und statt in seiner vlämischen Mundart zu sagen. „~Ick ben u lieden

Spiegel~“ -- ich bin Euer Liebden Spiegel, sagte er abkürzend, so wie

es noch heutigen Tages in Ost- und Westflandern gesagt wird: „~Ick ben

ulen Spiegel~“.

Und daher stammt sein Beiname Ulenspiegel.

22

Da er größer ward, fand er Gefallen daran, sich auf Messen und

Jahrmärkten zu tummeln. Wenn er einen Querpfeifer oder Geigenspieler

oder einen Dudelsackpfeifer sah, so ließ er sich um einen Heller die

Kunst lehren, diese Instrumenta zum Singen zu bringen.

Er ward sonderlich geschickt in der Kunst, den Rommelpot zu spielen,

welches Instrument aus einer Blase, einem Topf und einem starken

Strohhalm gemacht wird. Und so richtete er ihn her. Er zog die

eingeweichte Blase über den Topf, band sie mit einer Schnur in der

Mitte der Blase an den Knoten des Strohhalms, welcher den Boden des

Topfes berührte, und um dessen Rand zog er dann die Blase, daß sie

bis zum Platzen gespannt war. Am Morgen, wenn die Blase trocken war,

gab sie, so man daraufschlug, einen Ton gleich wie ein Tamburin, und

strich man das Stroh des Instrumentes, so brummte sie besser denn

eine Bratsche. Mit diesem brummenden Topf, der gleich dem Gebell

molossischer Hunde war, zog Ulenspiegel am Dreikönigtag vor den

Haustüren um und sang Weihnachtslieder mit einer Schar von Kindern,

deren eins einen Stern aus güldnem Papier trug.

Kam irgend ein Malermeister nach Damm, um die Glieder einer Gilde, so

auf dem Bild niederknieten, zu konterfeien, so bat Ulenspiegel, daß er

ihm die Farben reiben dürfte, damit er ihm seine Arbeit absähe, und

wollte keinen andern Lohn nehmen denn eine Schnitte Brot, drei Heller

und einen Schoppen Kräuterbier. Dieweil er sich mit Farbenreiben abgab,

studierte er seines Meisters Weise. Ging jener fort, so versuchte

er es ihm gleich zu tun, doch er setzte überall Scharlach hin. Er

versuchte Klas, Soetkin, Katheline und Nele abzumalen, desgleichen

Kannen und Kochtöpfe. Klas prophezeite beim Anblick seiner Werke, wenn

er sich wacker hielte, so würde er eines Tages die Gulden zu Dutzenden

verdienen durch Inschriften auf den Speelwaagen, die in Flandern und

Seeland zu Lustbarkeiten dienen.

Desgleichen lernte er von einem Meister Steinmetz Holz und Stein

schneiden, als dieser kam, um im Chor der Frauenkirche einen Chorstuhl

zu zimmern, der so beschaffen war, daß der Dechant, ein alter Mann,

sich, wenn nötig, darauf setzen konnte und doch den Anschein hatte, als

ob er stünde.

Ulenspiegel schnitzte den ersten Messergriff, dessen sich die Leute

von Seeland bedienen. Er machte diesen Griff in Gestalt eines Käfigs;

darinnen befand sich ein beweglicher Totenkopf, darüber ein liegender

Hund. Diese Wahrzeichen bedeuten: „Getreu bis in den Tod“.

Und also begann Ulenspiegel die Weissagung Kathelines wahr zu machen,

dieweil er sich als Maler, Bildschnitzer, Bauer und Edelmann erwies,

denn vom Vater auf den Sohn trugen die Klase drei silberne Kannen auf

einem Grunde von Braunbier. Doch Ulenspiegel war in keinem Handwerk

beständig, und Klas sagte zu ihm, wenn dies Spiel andauerte, so würde

er ihn aus der Hütte jagen.

23

Als der Kaiser vom Kriege heimkehrte, fragte er, warum sein Sohn

Philipp nicht gekommen sei, ihn zu begrüßen.

Der Erzbischof, des Infanten Erzieher, gab zur Antwort, daß dieser

es nicht gewollt hätte, denn er liebte, so sagte er, nur Bücher und

Einsamkeit. Der Kaiser erkundigte sich, wo er zur Stunde weilte. Der

Erzieher antwortete, daß man ihn überall suchen müßte, wo es dunkel

sei. Und das taten sie.

Nachdem sie eine gute Zahl Säle durchschritten, kamen sie zuletzt zu

einer Art Kammer ohne Steinfliesen, die durch eine Dachluke erhellt

war. Da sahen sie einen Pfahl in den Boden getrieben und daran eine

ganz kleine, zierliche Meerkatze um den Leib angebunden. Die war

dereinst von Indien gesandt, um ihn durch ihre jugendliche Kurzweil zu

erfreuen. Am Fuße des Pfahles rauchten rot glimmende Holzscheite und in

der Kammer war ein ekler Gestank von verbranntem Haar.

Das Tierlein hatte so sehr gelitten, als es in diesem Feuer stak, daß

sein kleiner Körper nicht mehr eines Tieres Leib schien, das Leben

gehabt, sondern der Überrest einer knorrigen, verzerrten Wurzel. Sein

Mund stand offen wie im Todesschrei, man sah blutigen Schaum und das

Wasser seiner Tränen benetzte sein Antlitz.

„Wer hat dies getan?“ fragte der Kaiser.

Der Erzieher wagte keine Antwort zu geben und alle beide blieben stumm,

traurig und voller Zorn.

Plötzlich drang durch die Stille ein schwaches Husten, welches aus

einer dunklen Ecke hinter ihnen kam. Seine Majestät drehte sich um und

erblickte dort den Infanten Philipp, welcher ganz schwarz gekleidet war

und eine Zitrone aussog.

„Don Philipp,“ sprach er, „komm und begrüße mich.“

Ohne sich zu rühren, sah der Infant ihn mit seinen furchtsamen Augen

an, darin keine Liebe war.

„Bist Du es, der dieses Tierlein an diesem Feuer verbrannt hat?“ fragte

der Kaiser.

Der Infant senkte den Kopf.

Da sprach der Kaiser:

„Warst Du grausam genug, es zu tun, so sei tapfer genug, es

einzugestehen.“

Der Infant gab keine Antwort.

Der Kaiser riß ihm die Zitrone aus der Hand und wollte seinen Sohn

schlagen. Der Erzbischof wehrte ihm und sagte ihm ins Ohr:

„Hoheit wird eines Tages ein großer Ketzerverbrenner sein.“

Der Kaiser lächelte und ließ den Infanten mit seiner Meerkatze allein.

24

Der November war gekommen, der Reifmond, wo sich die Hustenden an der

Musik des Ausspeiens ergötzen. Es ist auch der Monat, da die Buben

sich haufenweis auf den Rübenfeldern tummeln und plündern, so viel sie

vermögen, zum großen Zorne der Bauern, die vergebens mit Knütteln und

Forken hinterdreinlaufen.

Eines Tages nun, da Ulenspiegel vom Räubern heimkam, vernahm er nicht

weit in einer Zaunecke ein Stöhnen. Er bückte sich und sah auf etlichen

Steinen einen Hund liegen.

„Holla,“ sprach er, „kleines jammerndes Vieh, was treibst Du da so

spät?“

Dieweil er den Hund streichelte, fühlte er, daß sein Rücken feucht war,

und er dachte, daß man ihn hätte ertränken wollen. Er nahm ihn auf den

Arm, um ihn wieder zu erwärmen.

Als er ins Haus trat, fragte er:

„Ich bringe einen Verwundeten mit: was soll ich tun?“

„Ihn verbinden“, erwiderte Klas.

Ulenspiegel setzte den Hund auf den Tisch. Da sahen Klas, Soetkin und

er bei dem Lichte der Lampe einen kleinen Luxemburgischen Rattenfänger,

welcher auf dem Rücken verletzt war. Soetkin wusch die Wunde mit einem

Schwamm aus, bestrich sie mit Balsam und umwickelte sie mit Linnen.

Ulenspiegel trug das Tier in sein Bett, wiewohl Soetkin es in dem ihren

haben wollte. Denn sie fürchtete, sagte sie, Ulenspiegel, der sich

damals herumwarf wie ein Teufel in einem Weihwasserbecken, möchte den

Hund im Schlafe verletzen.

Doch Ulenspiegel tat, was er wollte, und pflegte seiner so gut, daß der

Verwundete binnen sechs Tagen mit der ganzen Selbstgefälligkeit der

Köter einherlief.

Und der Schulmeister nannte ihn Titus Bibulus Schnuffius: Titus zur

Erinnerung an den guten römischen Kaiser, welcher herrenlose Hunde

gern auflas, Bibulus, maßen der Hund das Braunbier gleich wie ein

Trunkenbold liebte, und Schnuffius, dieweil er seine Nase ohn Unterlaß

in die Löcher der Ratten und Maulwürfe steckte.

25

Am Ende der Frauengasse standen zwei Weiden am Rand eines tiefen

Wassers einander gegenüber. Zwischen beiden zog Ulenspiegel ein Seil,

darauf er eines Sonntags Nachmittags nach der Vesper tanzte, und das

so gut, daß ihm der ganze Haufe der Müßiggänger mit Hand und Stimme

Beifall zollte. Dann stieg er von seinem Seil hinunter und hielt

jedermann einen Teller dar, welcher bald mit Gelde gefüllt war. Er aber

leerte ihn in Soetkins Schürze und behielt nur eilf Heller für sich.

Am anderen Sonntag wollte er wiederum auf dem Seil tanzen, doch etliche

nichtsnutzige Buben, die ihm seine Behendigkeit neideten, hatten einen

Schnitt in das Seil gemacht, also daß es nach wenig Sprüngen zerriß und

Ulenspiegel ins Wasser fiel.

Dieweil er schwamm, um das Ufer zu gewinnen, schrieen die tapferen

kleinen Seilschneider:

„Wie steht es mit Deiner behenden Gesundheit, Ulenspiegel? Willst

Du die Karpfen auf dem Grunde des Teichs tanzen lehren, Du

unvergleichlicher Tänzer?“

Ulenspiegel stieg aus dem Wasser, schüttelte sich und schrie ihnen zu,

denn sie liefen davon, aus Furcht vor Prügel:

„Fürchtet Euch nicht; kommt den nächsten Sonntag wieder, da will ich

Euch Künste auf dem Seil zeigen und Ihr sollt Euren Teil am Gewinst

haben.“

Am Sonntag darnach hatten die Buben sich wohl gehütet, das Seil

durchzuschneiden, und hielten rund herum Wacht, aus Furcht, daß irgend

wer daran rührte, denn es war viel Volks zugegen.

Ulenspiegel sprach zu ihnen:

„Gebt mir ein jeglicher einen Eurer Schuhe, und ich wette, ich tanze

mit jedem einzelnen, so groß und klein sie auch seien.“

„Was zahlst Du uns, wenn Du verlierst?“ fragten sie ihn.

„Vierzig Kannen Braunbier,“ erwiderte Ulenspiegel, „und Ihr sollt mir

drei Heller bezahlen, so ich gewinne.“

„Wohl“, sprachen sie.

Und sie gaben ihm männiglich einen ihrer Schuhe. Ulenspiegel tat sie

alle in seine Schürze, und so beladen, tanzte er auf dem Seil, doch

nicht ohne Mühe.

Die Seilzerschneider schrieen von unten:

„Du hast gesagt, daß Du mit jedem unserer Schuhe tanzen willst. Zieh

sie also an und halte Dein Wort.“

Ulenspiegel tanzte immerfort und antwortete:

„Ich habe nicht gesagt, daß ich Eure Schuhe anziehen will, wohl aber,

daß ich mit Ihnen tanzen will. Nun tanz ich und alles tanzt mit mir

in meiner Schürze. Seht Ihr es nicht mit Euren weit aufgesperrten

Froschaugen? Zahlt mir meine drei Heller.“

Sie aber verhöhnten ihn und schrieen, er solle ihnen ihre Schuhe

zurückgeben.

Ulenspiegel warf sie ihnen zu, einen nach dem andren, auf einen Haufen.

Darob entstand ein wildes Getümmel, denn keiner von ihnen konnte aus

dem Haufen seinen Schuh herausfinden, noch ohne Widerspruch nehmen.

Da stieg Ulenspiegel vom Seil und begoß die Kämpfenden, aber nicht mit

klarem Wasser.

26

Da der Infant fünfzehn Jahre alt war, streifte er nach seiner

Gewohnheit durch die Gänge, Treppenflure und Gemächer des Schlosses. Am

häufigsten aber sah man ihn um die Gemächer der Damen umherstreifen, um

den Pagen einen Schabernack zu spielen, denn sie lagen gleich ihm auf

den Fluren wie Katzen auf der Lauer.

Andere, so im Hofe standen, sangen mit der Nase in der Luft ein

zärtliches Lied. Wenn der Infant sie hörte, so trat er an ein Fenster

und erschreckte die armen Pagen, welche seine bleiche Larve anstatt der

zärtlichen Augen ihrer Schönen erblickten.

Unter den Damen des Hofes war eine holdselige Vlämin aus Dudzeele bei

Damm, von hübscher Fülle, eine köstliche reife Frucht und wundersam

schön; denn sie hatte grüne Augen und rotes Kraushaar, welches in

der Sonne wie Gold gleißte. Von heiterer Laune und feurigem Gemüt,

verhehlte sie keinem ihre Neigung für den glücklichen Ritter, dem sie

auf ihrem schönen Eigentum das himmlische Privilegium freier Liebe

verlieh. Zu der Zeit war es ein hochgemuter, schöner Jüngling, den sie

liebte. Alle Tage zur besprochenen Stunde traf sie ihn, welches Philipp

zu Ohren kam.

Er setzte sich auf eine Bank, die an einem Fenster stand, und spähte

nach ihr aus. Sie ging an ihm vorbei in ihrem Staatskleid von gelbem

Brokat, das um sie herrauschte, das Auge voll Leben, den Mund halb

geöffnet, munter und frisch dem Bade entstiegen. Da sie den Infanten

sah, sagte er zu ihr, ohne sich von seiner Bank zu erheben:

„Señora, könntet Ihr nicht einen Augenblick verweilen?“

Ungeduldig wie eine Stute, die zu dem schönen Hengst rennen will, der

auf der Wiese wiehert, und im vollen Lauf aufgehalten wird, sprach sie:

„Hoheit, ein jeder muß hier Eurem fürstlichen Willen gehorchen.“

„Setzet Euch neben mich“, sprach er. Und dieweil er sie lüstern, hart

und verschlagen anblickte, fuhr er fort: „Sagt mir das Paternoster auf

vlämisch her; man hat es mich gelehrt, doch ich habe es vergessen.“

Die arme Dame mußte also ein Pater hersagen, und er hieß sie es

langsamer zu sprechen. Und so zwang er die Ärmste, an die zehn Gebete

zu sprechen, wo sie die Stunde für andre Oremus gekommen wähnte.

Darnach lobte er sie, sprach von ihren schönen Haaren, ihren lebhaften

Farben, ihren hellen Augen. Doch er wagte nicht, ihr etwas über ihre

vollen Schultern, ihren runden Busen, noch über andere Dinge zu sagen.

Wie sie nun wähnte, sich beurlauben zu dürfen, und schon in den Hof

blickte, wo gewißlich ihr Ritter harrte, forschte er sie aus, ob sie

auch wisse, welches die Tugenden der Frau seien. Da sie keinen Bescheid

gab, aus Furcht, nicht das rechte zu treffen, sprach er für sie und

sagte wie ein Vormund:

„Frauentugenden sind Keuschheit, Sorge um die Ehre und ein sittiges

Leben.“

Auch riet er ihr, sich ziemlich zu kleiden, und alles, was ihr zu eigen

gehörte, wohl zu verbergen.

Sie nickte bejahend mit dem Kopf und sagte, daß sie sich für seine

Allernördlichste Hoheit lieber mit zehn Bärenfellen, denn mit einer

Elle Musselin bedecken würde.

Da sie ihn durch diese Antwort verdutzt gemacht hatte, entwich sie mit

Freuden.

Jedoch das Feuer der Jugend war auch in der Brust des Infanten

entzündet; aber es war nicht das rasche Feuer, das die starken Seelen

zu hohen Taten treibt, noch die sanfte Glut, die zärtlichen Herzen

Tränen entlockt. Es war eine düstere Lohe, der Hölle entstiegen, allwo

sie sonder Zweifel Satan entfacht hatte. Sie glänzte in seinen grauen

Augen wie im Winter der Mond auf einem Beinhaus, und brannte ihn

grausam.

Da er keine Liebe für die Anderen fühlte, der arme Duckmäuser, wagte

er nicht, sich den Damen anzubieten. Dann ging er in einen abgelegenen

Winkel, eine kleine, weiß getünchte Kammer, die durch schmale Fenster

erleuchtet war, allwo er sein Naschwerk zu verspeisen pflegte. Und die

Fliegen kamen in Haufen dorthin um der Krumen willen. Dort liebkoste er

sich selbst und zerquetschte ihnen langsam den Kopf an den Scheiben,

und tötete sie zu Hunderten, bis seine Finger zu stark zitterten, um

sein blutiges Geschäft fortzusetzen. Und er fand eine widrige Lust

an dieser grausamen Kurzweil; denn Wollust und Grausamkeit sind zwei

schändliche Schwestern. Und er verließ diesen Winkel trauriger denn

zuvor, und Männlein und Weiblein flohen, wo sie es vermochten, das

Antlitz dieses Prinzen, das so bleich war, als hätte er sich von

Wundpilzen genährt.

Und der klägliche Prinz litt, denn böses Herz bringt Schmerz.

27

Die schöne holdselige Frau verließ eines Tages Valladolid, um nach

ihrem Schlosse Dudzeele in Flandern zu reisen. Da sie nun, von ihrem

fetten Kellermeister gefolgt, durch Damm kam, sah sie einen jungen

Burschen von fünfzehn Jahren an der Mauer einer Hütte sitzen und den

Dudelsack spielen. Vor ihm stand ein rotbrauner Hund, welcher diese

Musik nicht liebte und melancholisch heulte. Die Sonne schien hell.

Neben dem jungen Gesellen stand ein artig Mägdlein und lachte bei

jeglichem Klaggeheul des Hundes.

Da die schöne Dame und der Kellermeister an der Hütte vorbei kamen,

betrachteten sie den blasenden Ulenspiegel, die lachende Nele und den

heulenden Titus Bibulus Schnuffius.

„Du böser Bube,“ sprach die Dame zu Ulenspiegel, „könntest Du nicht

aufhören, diesen armen Hund also zum Heulen zu bringen?“ Aber

Ulenspiegel schaute sie an und blies seinen Dudelsack noch tapferer.

Und Bibulus Schnuffius heulte noch melancholischer, und Nele lachte

noch lauter.

Der Kellermeister geriet in Zorn und sagte zu der Dame, auf Ulenspiegel

weisend:

„Wenn ich diese Bettelbrut mit meiner Degenscheide durchfuchtelte, so

würde sie aufhören, solch unverschämten Lärm zu machen.“

Ulenspiegel schaute den Kellermeister an, nannte ihn ob seines

Bauches Jan Fressack und fuhr fort, auf seinem Dudelsack zu blasen.

Der Kellermeister trat auf ihn zu und bedrohte ihn mit der Faust;

aber Bibulus Schnuffius stürzte auf ihn los und biß ihm ins Bein. Der

Kellermeister fiel vor Angst nieder und schrie:

„Zu Hilfe!“

Lächelnd sprach die Dame zu Ulenspiegel:

„Könntest Du mir nicht sagen, Dudelsackpfeifer, ob der Weg, der von

Damm nach Dudzeele führt, nicht verändert ist?“

Ulenspiegel schüttelte den Kopf, ohne im Spielen aufzuhören, und

schaute die Dame an.

„Was hast Du, mich so anzustaunen?“ fragte sie.

Doch er, immerdar weiterspielend, riß die Augen auf, als ob er vor

Bewunderung schier verzückt wäre.

Sie sprach zu ihm:

„Schämst Du Dich nicht, so jung Du bist, die Damen also anzugaffen?“

Ulenspiegel ward ein wenig rot, blies weiter und sah sie noch mehr an.

„Ich fragte Dich,“ hub sie abermals an, „ob der Weg, der von Damm nach

Dudzeele führt, nicht verändert ist?“

„Er grünt nicht mehr, seit Ihr ihn des Glückes beraubt, Euch zu

tragen“, erwiderte Ulenspiegel.

„Willst Du mich führen?“ fragte die Dame.

Doch Ulenspiegel blieb sitzen und betrachtete sie unverwandt. Und ob

sie ihn gleich als Schalk erkannte, wußte sie, daß sein Spiel nichts

als Jugend war, und verzieh ihm gerne. Er erhob sich und wollte ins

Haus gehen.

„Wohin gehst Du?“ fragte sie.

„Meine Sonntagskleider anlegen“, erwiderte er.

„Geh“, sagte die Dame.

Alsdann setzte sie sich auf die Bank neben der Schwelle, und der

Kellermeister tat wie sie. Sie wollte mit Nele sprechen, die aber

antwortete ihr nicht, denn sie war eifersüchtig.

Ulenspiegel kehrte wohlgewaschen und in Barchend gekleidet zurück. Er

sah schmuck aus in seinem Sonntagsstaat, der Bursche.

„Gehst Du wirklich mit dieser schönen Dame?“ fragte ihn Nele.

„Ich komme bald wieder“, antwortete Ulenspiegel.

„Soll ich an Deiner statt gehen?“ fragte Nele.

„Nein,“ sprach er, „die Wege sind schmutzig“.

„Mägdlein,“ sprach die Dame erzürnt und gleichfalls eifersüchtig,

„warum willst Du ihn hindern, mit mir zu gehen?“

Nele gab ihr keine Antwort, doch große Tränen entquollen ihren Augen,

und voll Zorn und Harm sah sie die schöne Dame an. Sie machten sich

ihrer Vier auf den Weg, die Dame gleich einer Königin auf ihrem weißen,

mit schwarzem Sammet gezäumten Zelter, der Kellermeister, dem der Bauch

im Wandern wackelte, Ulenspiegel, der den Zelter der Dame am Zügel

führte, und Bibulus Schnuffius, der ihm zur Seite schritt und den

Schwanz stets in der Luft trug.

Also ritten und wanderten sie eine Weile, doch Ulenspiegel war nicht

guter Dinge. Stumm wie ein Fisch zog er den feinen Benzoeduft ein,

der von der Dame ausging, maß von der Seite all ihre schönen Nesteln,

seltenen Kleinodien und Zierarten, desgleichen ihr holdes Angesicht,

ihre glänzenden Augen, ihre bloße Brust und die Haare, die in der Sonne

gleich einer Goldhaube schimmerten.

„Weshalb bist Du so wortkarg, Bube?“ fragte sie.

Er gab keine Antwort.

„Du hast doch nicht so ganz die Zunge in den Schuhen stecken, daß Du

mir nicht eine Botschaft ausrichten könntest?“

„Laßt hören“.

„Du mußt mich hier lassen und nach Koolkerke gehen, nach der Leeseite,

und einem Edelmann, welcher halb schwarz und halb rot gekleidet ist,

bestellen, er möge mich heut nicht erwarten. Doch am Sonntag um zehn

Uhr Nachts, da soll er durch das Ausfallspförtchen in mein Schloß

kommen“.

„Ich werde nicht gehen“, sprach Ulenspiegel.

„Warum nicht?“ fragte die Dame.

„Nein, ich gehe nicht“, sagte Ulenspiegel zum andren Mal.

Die Dame sprach zu ihm:

„Du kleiner zorniger Hahn, was flößt Dir solchen trotzigen Willen ein?“

„Ich werde nicht gehen“, sprach Ulenspiegel.

„Wenn ich Dir einen Gülden gäbe?“

„Nein“.

„Einen Dukaten?“

„Nein“.

„Einen Karolustaler?“

„Nein“, sagte Ulenspiegel abermals. „Und dennoch“, fügte er mit Seufzen

hinzu, „hätt’ ich ihn lieber denn eine Muschelschale in meiner Mutter

Geldkatze“.

Die Dame lächelte, dann rief sie mit einem Male:

„Ich habe meine schöne und kostbare Gürteltasche verloren, aus starrer

Seide und mit feinen Perlen bestickt. In Damm hing sie noch an meinem

Gürtel.“

Ulenspiegel rührte sich nicht, doch der Kellermeister trat herzu.

„Herrin,“ so sprach er, „schickt nicht diesen jungen Spitzbuben auf die

Suche danach, denn Ihr sähet ihn niemals wieder“.

„Und wer wird also gehen?“

„Ich,“ antwortete er, „meinen hohen Jahren zum Trotz.“ Und er ging von

dannen.

Es läutete Mittag, die Hitze war groß, tief die Einsamkeit. Ulenspiegel

sagte kein Wörtlein, doch er zog sein neues Wams aus, auf daß sich die

Dame im Schatten einer Linde setzen könnte, ohne die Kühle des Grases

zu fürchten. Er aber blieb seufzend neben ihr stehen.

Sie blickte ihn an, und es erbarmte sie des schüchternen Knaben. Sie

fragte ihn, ob er es nicht müde sei, so auf seinen allzu jungen Beinen

zu stehen. Er erwiderte kein Wörtlein, und als er sich neben sie

niederfallen ließ, wollte sie ihn auffangen und zog ihn auf ihre nackte

Brust; da blieb er so gern liegen, daß sie vermeint hätte, die Sünde

der Grausamkeit zu begehen, wenn sie ihm ein ander Schlummerkissen

angewiesen hätte.

Indeß der Kellermeister kam zurück und vermeldete, er habe die

Gürteltasche nicht gefunden.

„Ich fand sie selbst wieder,“ entgegnete die Dame, „da ich vom Pferde

stieg, denn wie ich sie loshakte, war sie am Steigbügel hangen

geblieben. Jetzo geleite uns nach Dudzeele,“ gebot sie Ulenspiegel,

„und sage mir, wie du heißest“.

„Mein Schutzpatron ist der heilige Herr Thylbert, das bedeutet,

leichtfüßig, um den guten Dingen nachzulaufen. Mein Vater heißt

Klas und mich heißen sie Ulenspiegel. So Ihr Euch in meinem Spiegel

betrachten wollt, werdet Ihr merken, daß in diesem ganzen Lande

Flandern keine Blume von so blendender Schönheit ist wie Eure duftende

Anmut“.

Die Dame errötete vor Vergnügen und war Ulenspiegel nicht gram.

Und Soetkin und Nele weinten ob seines langen Verweilens.

28

Da Ulenspiegel von Dudzeele heimkehrte, sah er vor der Stadt Nele an

einem Zaun lehnen. Sie pflückte von einer blauen Weintraube die Beeren

ab und biß eine nach der andern durch. Sonder Zweifel war ihr solches

eine Erfrischung und Ergötzung, doch sie ließ kein Vergnügen erkennen.

Sie schaute im Gegenteil bös drein und riß die Beeren zornig von der

Traube. Sie war so voller Harm und hatte solch betrübtes, trauriges

und holdseliges Antlitz, daß Ulenspiegel von verliebtem Mitleid erfaßt

ward. Er trat vergnügt hinter sie und gab ihr einen Kuß auf den Nacken.

Sie aber verabreichte ihm als Gegengabe eine tüchtige Maulschelle.

„Ich sehe darum nicht klarer“, sprach Ulenspiegel.

Sie weinte und schluchzte.

„Nele,“ sprach er, „willst Du jetzo Springbrunnen am Eingang der Dörfer

errichten?“

„Geh Deiner Wege“, gebot sie.

„Ich kann doch nicht gehen, wenn Du also weinst, Liebchen.“

„Ich bin kein Liebchen und ich weine nicht“, sprach Nele.

„Nein, Du weinst nicht, doch es kommt gleichwohl Wasser aus Deinen

Augen.“

„Willst Du wohl fortgehen?“

„Nein,“ sprach er.

Derweil faßte sie ihre Schürze mit ihren zitternden Händlein und zerriß

sie in Fetzen, und Tränen flossen darauf und benetzten sie.

„Nele,“ fragte Ulenspiegel, „wird bald schön Wetter?“

Und er blickte sie mit gar verliebtem Lächeln an.

„Warum fragst Du mich also?“ sprach sie.

„Weil, wenn es schön ist, es nicht regnet.“

„Geh fort zu Deiner schönen Dame im Brokatkleid, die hast Du ja

genugsam zum Lachen gebracht.“

Da sang Ulenspiegel:

„Seh’ ich mein Liebchen weinen,

Zerreißt es mir das Herz.

Ist Honig, wenn sie scherzt,

Sind Perlen ihre Tränen.

Ich lieb’ sie alleweil

Und spend’ uns einen Trunk

Vom guten Wein von Löwen,

Wenn Nele lächeln will.“

„Schlechter Mann, Du spottest mein noch!“

„Nele,“ sprach Ulenspiegel, „ich bin ein Mann, doch kein schlechter

Bürgerlicher, denn unser edles Geschlecht aus Schöffenstand hat drei

silberne Kannen auf einem Grunde von Braunbier. Nele, ist’s wahr, daß

man im Lande Flandern, wenn man Küsse säet, Maulschellen erntet?“

„Ich will Dir nicht Rede stehen,“ sprach Nele.

„Warum öffnest Du alsdann den Mund, es mir zu sagen?“

„Ich bin bös“, sprach sie.

Ulenspiegel gab ihr einen leichten Schlag in den Rücken und sagte:

„Küßt die Magd, so schlägt sie Euch, schlagt die Magd, so salbt sie

Euch. Salbe mich also Liebchen, da ich Dich schlug.“

Nele wandte sich um. Er tat die Arme auf, und sie warf sich, noch

weinend, hinein und sprach:

„Du gehst nimmer mehr dorthin, nicht wahr, Thyl?“

Doch er gab keine Antwort, denn er mußte ihre armen zitternden Finger

drücken und mit seinen Lippen ihre heißen Zähren abtrocknen, welche

gleich den großen Tropfen eines Gewitterregens aus Neles Augen fielen.

29

Zur nämlichen Zeit weigerte Gent, die Edle, ihre Beisteuer zu der

Hilfe, die ihr Sohn Karl, der Kaiser, von ihr heischte. Sie vermochte

es nicht, denn sie war durch Karls Schuld von Geld entblößt. Das war

eine große Missetat, und er beschloß bei sich, selbst zu gehen, um

sie zu züchtigen. Denn der Stock eines Sohnes bereitet dem Rücken der

Mutter mehr Schmerz denn jeglicher andre.

König Franz mit der langen Nase, sein Feind, bot ihm an, durch das

Land Frankreich zu reisen. Solches tat Karl, und anstatt dorten als

Gefangener festgehalten zu werden, ward er kaiserlich gefeiert und auf

Händen getragen. Denn es ist ein fürstliches Übereinkommen, sich gegen

die Völker beizustehen.

Karl verweilte lange Zeit in Valenciennes, ohne irgend ein Zeichen

des Unwillens zu geben. Gent, seine Mutter, lebte ohne Furcht in dem

Glauben, der Kaiser, ihr Sohn, würde ihr verzeihen, daß sie nach Recht

und Sitte gehandelt hatte.

Karl rückte mit viertausend Mann unter die Mauern der Stadt. Alba

begleitete ihn, desgleichen der Prinz von Oranien. Das niedre Volk und

die kleinen Gewerke hätten gern diesen Einzug des Sohnes gehindert und

die achtzigtausend Mann aus der Stadt und vom Land aufgebracht; die

Reichen aber, Hoogporters genannt, widersetzten sich dem aus Furcht

vor der Übermacht des Volkes. Dennoch hätte Gent solcherart seinen

Sohn mitsamt seinen viertausend Pferden in Stücke hacken können. Doch

die Stadt liebte ihn, und selbst die kleinen Gewerke hatten wieder

Vertrauen gefaßt. Auch Karl liebte sie, doch um des Geldes willen,

das er von ihr in seinen Truhen hatte und von dem er noch ein Übriges

begehrte.

Da er sich zum Herrn von Gent gemacht hatte, stellte er allerorten

Posten auf und ließ bei Tag und Nacht Ronden durch die Stadt streifen.

Alsdann sprach er mit großem Pomp ihr Urteil.

Die vornehmsten Bürger sollten mit dem Strick um den Hals vor seinen

Thron treten und Abbitte tun. Gent ward der einträglichsten Verbrechen

bezichtigt, als da sind: Untreue, Vertragsbruch, Ungehorsam, Aufstand,

Rebellion und Majestätsbeleidigung. Der Kaiser erklärte jegliche

Rechte, Privilegien, Freiheiten, Satzungen und Bräuche für abgeschafft.

Die Zukunft bindend, gleich als wäre er der Herrgott selbst, setzte

er fest, daß von nun an seine Nachfolger, wann sie zur Herrschaft

gelangten, schwören sollten, nichts zu beobachten, es sei denn die

Karolinische Konzession der Abhängigkeit, die er der Stadt auferlegt.

Er hieß die Abtei von Sankt Baro dem Erdboden gleichmachen, um dort

eine Feste zu errichten, von wo er nach Lust die Brust seiner Mutter

mit Kugeln durchbohren konnte. Als guter Sohn, dem es eilte zu erben,

ließ er alles Vermögen von Gent einziehen: Einkünfte, Häuser, Geschütze

und Kriegsmunition. Da er die Stadt allzuwohl verwahrt fand, ließ er

den Roten Turm, den Krötenturm, die Braamport, Steenpoort, Waalpoort,

Ketelpoort niederreißen, und viele andre, so wie Kleinodien aus Stein

gebildet waren.

Wenn nachmals Fremde nach Gent kamen, sprachen sie unter einander: „Was

ist diese Stadt flach und öde, von der man Wunders viel gesagt.“

Und die von Gent antworteten: „Kaiser Karl hat der Stadt ihren

kostbaren Gürtel genommen.“

Und wenn sie so sprachen, waren sie voll Schmerz und Grimm. Und aus den

Trümmern der Tore nahm der Kaiser Ziegelsteine für seine Festen.

Er wollte, daß Gent arm wäre, denn solchermaßen würde es weder durch

Arbeit und Gewerbfleiß noch durch Geld seinen hochfahrenden Plänen

widerstehen können. Er verurteilte also die Stadt, den verweigerten

Anteil zur Beihilfe mit vierhunderttausend Goldgülden zu zahlen und

des Mehreren hundert und fünfzigtausend Karolus einmal zu zahlen,

dazu alljährlich sechstausend an fortlaufenden Zinsen. Sie hatte

ihm Geld dargeliehen, und er schuldete ihr dafür einen Zins von

hundertundfünfzigtausend Gülden vlämisch. Er ließ sich mit Gewalt die

Schuldurkunden zurückgeben, und indem er also seine Schuld beglich,

bereicherte er sich erklecklich.

Gent hatte ihn geliebt und ihm zu vielen Malen geholfen, doch er stieß

ihm einen Dolch in die Brust und suchte Blut, dieweil er nicht Milch

genug darinnen fand.

Darnach richtete er den Blick auf Roeland, die schöne Glocke, und an

ihrem Klöppel ließ er Den henken, welcher Sturm geläutet hatte, um die

Stadt zur Wahrung ihrer Rechte zu rufen. Er hatte kein Erbarmen mit

Roeland, seiner Mutter Zunge, durch welche sie zu Flandern sprach,

Roeland, die stolze Glocke, die von sich selber sagte:

~Als men my slaet dan is’t brandt,

Als men my luyt dan is’t Storm in Vlaenderlandt.~

Wenn man mich schlägt, ist Brand,

Wenn man mich läutet, Sturm in Flanderland.

Maßen er fand, daß seine Mutter allzulaut redete, nahm er die Glocke

fort. Und Die vom Lande sagten, daß Gent tot sei, denn ihr Sohn habe

ihr mit eisernen Zangen die Zunge ausgerissen.

30

In den klaren und frischen Lenztagen, da die Erde voller Liebe ist,

plauderte Soetkin am offenen Fenster und Klas summte einen Kehrreim,

dieweil Ulenspiegel dem Titus Bibulus Schnuffius ein Richterbarett

aufgesetzt hatte. Der Hund arbeitete mit den Pfoten, gleich als wolle

er einen Haftbefehl auswirken, doch es geschah nur, um sich seiner

Kopfbedeckung zu entledigen.

Plötzlich schloß Ulenspiegel das Fenster, lief in das Zimmer und sprang

auf Stühle und Tische, indeß er die Hände nach der Decke ausstreckte.

Soetkin und Klas gewahrten, daß er sich so unsinnig gebärdete, um ein

Vöglein zu erhaschen, ein gar zierliches, kleines, das mit zitternden

Flügeln an einem Balken im Winkel der Decke geduckt saß und aus Furcht

schrie.

Ulenspiegel wollte es ergreifen, da sprach Klas mit Nachdruck zu ihm:

„Warum springst Du also?“

„Um ihn zu greifen,“ sprach Ulenspiegel, „in einen Käfig zu setzen und

ihm Körner zu schütten, auf daß er für mich singe.“

Indessen schrie der Vogel vor Angst, flatterte im Zimmer umher und

stieß mit dem Kopf wider die Fensterscheiben. Ulenspiegel ließ nicht

ab, zu springen. Da legte Klas ihm die Hand schwer auf die Schulter und

sprach:

„Fang ihn, setz ihn in einen Käfig und laß ihn für Dich singen. Doch

ich werde Dich auch in einen Käfig tun, der mit guten Eisenstangen

verschlossen ist, und werde Dich singen machen. Du läufst gern;

das wirst Du nicht mehr können; Du wirst im Schatten sein, wenn

Dich friert, in der Sonne, wenn Dir heiß ist. Dann werden wir eines

Sonntags ausgehen und vergessen, Dir Futter zu geben, und nicht eher

denn Donnerstags heimkehren. Und bei der Rückkehr werden wir Thyll

verhungert und starr und steif finden“.

Soetkin weinte und Ulenspiegel entsprang.

„Was tust Du?“ fragte Klas.

„Ich öffne dem Vogel das Fenster“, antwortete er.

Und wahrlich, das Vöglein, welches ein Distelfink war, flog aus dem

Fenster, stieß einen Freudenruf aus und ließ sich dann auf einen

Apfelbaum nieder. Dort glättete es mit dem Schnabel seine Flügel,

schüttelte sein Gefieder und, sich erbosend, schalt es Ulenspiegel in

seiner Vogelsprache mit tausend Schmähungen.

Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak: Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und andern Orts · 第 10 / 46 题