Erstes Buch

1

Zu Damm in Flandern, da der Maimond des Hagedorns Blüten erschloß, ward

Ulenspiegel, des Klas Sohn, geboren.

Eine Wehemutter, Katheline genannt, wickelte ihn in Windeln, und

da sie seinen Kopf beschaute, wies sie auf ein Häutlein daran.

„Glückshäutlein, unter gutem Stern geboren“, sprach sie fröhlich. Doch

alsbald jammerte sie und deutete auf ein schwarzes Pünktlein an des

Kindes Schulter.

„Wehe,“ weinte sie, „das ist das schwarze Mal vom Teufelsfinger“.

„Meister Satan“, erwiderte Klas, „muß gar früh aufgestanden sein, wenn

er schon Zeit hatte, meinen Sohn zu zeichnen“.

„Er hat garnicht geschlafen,“ antwortete Katheline, „denn horch! da

weckt erst Kreyant die Hennen“.

Sie legte das Kind in Klasens Hände und ging hinaus.

Da zerriß die Morgenröte das Nachtgewölk; die Schwalben strichen

zwitschernd über die Wiesen und die Sonne zeigte ihr blendendes Antlitz

purpurn am Himmel.

Klas öffnete das Fenster und sprach zu Ulenspiegel:

„Du Glückskind, schau, da kommt Ihro Gnaden, die Frau Sonne, das Land

Flandern zu grüßen. Betrachte Sie, wenn immer Du kannst, und so Du

dermaleinst in Zweifel verstrickt bist und nicht weißt, was Du tun

sollst, um recht zu handeln, so frage sie um Rat. Sie ist licht und

warm. Sei aufrichtig wie sie licht ist, und gut wie sie warm ist“.

„Klas, Mann,“ sagte Soetkin, „Du predigst einem Tauben. Komm und

trinke, mein Sohn“.

Und die Mutter bot dem Neugeborenen ihre schönen Naturflaschen.

2

Dieweil Ulenspiegel mit Lust daran trank, erwachten alle Vöglein auf

der Flur. Klas band Reisigbündel zusammen und sah zu, wie sein Gespons

Ulenspiegel die Brust gab.

„Weib,“ fragte er, „hast Du Vorrat von dieser guten Milch angeschafft?“

„Die Krüge sind voll,“ sagte sie, „doch das ist nicht genug, mich froh

zu machen“.

„Gar kläglich sprichst Du von einem so großen Glück“.

„Ich gedenke,“ sprach sie, „daß sich auch nicht ein elender Heller in

der Geldkatze findet, die dort an der Wand hängt“.

Klas nahm den Beutel zur Hand; doch er mochte ihn schütteln, wie er

wollte, er hörte kein Geld darin klingen. Da ward er betrübt. Doch er

wollte sein Weib trösten und sprach:

„Was sorgst Du Dich? Haben wir nicht den Kuchen im Kasten, den

Katheline uns gestern geschenkt hat? Sehe ich nicht ein großes Stück

Rindfleisch, welches zum mindesten drei Tage gute Milch für das Kind

machen wird? Prophezeit der Sack mit Bohnen, der dorten so hübsch

in der Ecke hockt, eine Hungersnot? Ist dies Fäßlein mit Butter

ein Hirngespinnst? Sind die Fähnlein und Kompanien von Äpfeln, die

in kriegerischen Reihen zu Elfen auf dem Boden aufmarschiert sind,

Gespenster? Und hält nicht das brave dicke Fäßlein mit Brügger Kuytbier

in seinem Wanst unsere Labung und kündet uns frischen Trunk?“

„Wenn das Kind zur Taufe getragen wird,“ sagte Soetkin, „so müssen wir

dem Priester zwei Heller und für den Schmaus einen Gulden geben“.

Indessen trat Katheline mit einem großen Strauß Pflanzen ein.

„Ich bringe dem Glückskind Engelwurz, der bewahrt den Menschen vor

Wollust, und Fenchel, der vertreibt den Teufel“.

„Hast Du nicht auch das Kraut, das die Gülden herbeizieht?“ fragte Klas.

„Nein“, sagte sie.

„So will ich sehen, ob es im Kanal keine gibt“.

Er ging mit Netz und Angel von dannen und war sicher, daß er niemanden

begegnete, denn es war noch eine Stunde vor Oosterzon: so heißt in

Flandern die Sonne um sechs Uhr früh.

3

Klas ging nach dem Kanal von Brügge, nicht weit vom Meere. Da tat er

den Köder an die Angel, warf sie aus und ließ das Netz hinab. Ein

wohlgekleideter Bursche saß am anderen Ufer und schlief wie ein Klotz

auf einem Haufen Muscheln.

Bei dem Lärm, welchen Klas machte, erwachte er und wollte davonlaufen,

denn er fürchtete, es möchte ein Gemeinbüttel sein, der ihn von seinem

Lager forttreiben und zum Steen bringen wollte, wegen unerlaubten

Vagierens.

Doch seine Furcht schwand, da er Klas erblickte und dieser ihm zuschrie:

„Willst Du sechs Deut verdienen, so treibe den Fisch hierher.“

Der Bursche, der schon ein aufgeblähtes Bäuchlein hatte, ging ins

Wasser, nahm einen Büschel großen Schilfrohrs und trieb die Fische zu

Klas.

Nach vollbrachtem Fischfang zog Klas Netze und Angelschnur heraus, ging

über die Schleuse und kam zu dem Buben.

„Du bist der,“ sprach er, „welcher Lamm getauft ist und ob seiner

Sanftmut Goedzak genannt wird, und wohnst in der Reiherstraße hinter

der Frauenkirche. Wie geschah es, daß Du so jung und so wohlgekleidet

bei Mutter Grün Obdach suchest?“

„Ach, Herr Kohlenträger“, antwortete das Büblein, „ich habe daheim

eine Schwester, die ist ein Jahr jünger denn ich und prügelt mich

weidlich beim kleinsten Anlaß. Ich aber wage nicht, es ihr auf dem

Rücken heimzuzahlen, denn ich würde ihr wehe tun, Herr. Gestern beim

Nachtmahl war ich sehr hungrig und wischte mit den Fingern den Boden

einer Schüssel aus, darin Rindfleisch mit Bohnen gewesen. Sie aber

wollte auch ihr Teil haben, und es war doch nicht mal genug für mich,

Herr. Da sie nun sah, wie ich mir den Mund leckte, weil die Tunke so

wohl schmeckte, ward sie schier rasend und gab mir aus Leibeskräften so

gewaltige Maulschellen, daß ich ganz zerschlagen von dannen lief.“

Klas fragte ihn, was seine Eltern während der Prügelei getan hätten. Da

antwortete Lamm Goedzak:

„Mein Vater schlug mich auf die eine Schulter und die Mutter auf die

andere und sagten dabei: Räche Dich, Du Memme! Doch ich mochte kein

Mägdlein schlagen und lief davon“.

Plötzlich ward Lamm bleich und erbebte am ganzen Leibe. Und Klas sah

eine große Frau des Weges kommen, und ihr zur Seite ging ein mageres

Dirnlein von bösem Aussehen.

„Ach!“ sagte Lamm und hielt Klas bei den Hosen fest, „da kommt meine

Mutter und meine Schwester, mich zu holen. Beschirme mich, Meister

Kohlenträger!“

„Warte“, sprach Klas. „Nimm zuvor diese sieben Heller zum Lohn und laß

uns sonder Furcht zu ihnen gehen“.

Da die beiden Weiber Lamm sahen, liefen sie auf ihn zu und wollten ihn

beide schlagen, die Mutter, weil sie sich geängstigt hatte, und die

Schwester, weil sie es gewohnt war.

Lamm verbarg sich hinter Klas und schrie:

„Ich habe sieben Heller verdient, schlagt mich nicht!“

Doch die Mutter umhalste ihn schon, dieweil das Mägdlein mit Gewalt

Lamms Hände öffnen wollte, sein Geld zu bekommen. Er aber schrie:

„Es ist mein, Du sollst es nicht haben!“

Und er hielt die Fäuste fest zu.

Klas aber schüttelte das Mägdlein derb bei den Ohren und sprach zu ihr:

„Wenn es noch einmal geschieht, daß Du Händel mit Deinem Bruder

suchst, welcher gut und sanft ist wie ein Lamm, so werde ich Dich in

ein schwarzes Kohlenloch stecken, und da werde nicht ich Dich bei den

Ohren zupfen, sondern der rote Teufel aus der Höllen, der wird Dich mit

seinen großen Klauen und seinen Zähnen wie Heugabeln in Stücke reißen“.

Bei dieser Rede wagte das Mägdlein Klas nicht mehr anzublicken noch

Lamm zu nahen, und suchte Schutz hinter dem Rücken der Mutter. Als sie

aber in die Stadt kamen, schrie sie allerorten:

„Der Kohlenträger hat mich geschlagen; er hat den Teufel in seinem

Keller“.

Fortan schlug sie Lamm nicht mehr; doch als sie groß war, ließ sie ihn

ihre Arbeit verrichten und der gute Tropf tat es gern.

Klas hatte seinen Fang unterwegs an einen Pächter verkauft, der ihn ihm

abzunehmen pflegte. Als er heimkehrte, sprach er zu Soetkin:

„Dieses fand ich im Bauche von vier Hechten, neun Karpfen und einen

Korb voll Aale“. Und er warf zwei Gulden und einen Heller auf den Tisch.

„Was gehst du nicht täglich auf den Fischzug, Mann?“ fragte Soetkin.

Klas gab zur Antwort: „Damit ich nicht selber zum Fisch werde für die

Netze des Gemeinbüttels“.

4

Ulenspiegels Vater ward in Damm Klas der Kohlenträger genannt. Er hatte

schwarzes Haar, feurige Augen, und seine Haut war von der Farbe seiner

Ware, außer an Sonn- und Feiertagen, allwo es reichlich Seife in der

Hütte gab. Er war klein, vierschrötig und stark und hatte ein lustiges

Antlitz. Wenn er nach dem Tagewerk bei sinkender Nacht in einer Schänke

am Wege nach Brügge einkehrte, um sich die schwarze Kohle mit Kuyt

aus der Kehle zu spülen, riefen alle Frauen, die auf den Türschwellen

frische Luft schöpften, ihm freundwillig zu:

„Guten Abend und klares Bier, Kohlenträger“.

„Guten Abend und einen wachsamen Mann“, gab Klas zum Bescheid.

Die Mägdlein, die zuhauf von den Feldern heimkehrten, stellten sich

alle vor ihn hin und sprachen zu ihm:

„Was zahlst Du als Wegzoll: ein scharlachnes Band, einen Goldring,

Sammetschuhe oder einen Gülden in die Gürteltasche?“

Doch Klas faßte sie um die Hüften und küßte sie auf Wangen und Hals,

oder was sonst seinem Munde am nächsten war. Dann sprach er:

„Den Rest, ihr Schätzchen, den Rest fordert von Eurem Liebsten“.

Und sie gingen laut lachend von dannen.

Die Kinder kannten Klas an seiner derben Stimme und am Klappern seiner

Schuhe. Sie liefen ihm entgegen und sprachen:

„Guten Abend, Kohlenträger!“

„Gott gebe Euch ein gleiches, Ihr Engelein“, sprach Klas. „Doch kommt

mir nicht nahe, auf daß ich Euch nicht zu Mohrenkindern mache“.

Doch die Kleinen waren keck und kamen heran. Da griff er eines am Wams,

rieb das rosige Mäulchen mit seinen Händen ein und ließ das Kind,

welches trotzdem lachte, zur großen Freude aller andern entlaufen.

Soetkin, Klasens Frau, war ein braves Weib, früh auf wie das Morgenrot

und emsig wie eine Ameise.

Klas und sie bestellten zu zweit ihre Felder und spannten sich gleich

Ochsen vor den Pflug. Gar mühevoll war das Ziehen, doch noch schwerer

die Egge, wenn das ländliche Werkzeug mit seinen hölzernen Zähnen die

harten Schollen zerreißen sollte. Sie taten es gleichwohl fröhlichen

Mutes und sangen ein altes Liedchen dabei.

Und es half der Erde nichts hart zu sein; umsonst warf die Sonne

ihre heißesten Strahlen auf sie. Und ob sie auch ihre Lenden grausam

anstrengen mußten, wenn sie mit gebogenen Knien die Egge schleppten:

sobald sie stillhielten und Soetkin ihr sanftes Antlitz zu Klas wandte,

und Klas küßte diesen Spiegel einer zärtlichen Seele, so vergaßen sie

der großen Mühsal.

5

Tags zuvor war an den Fenstergittern des Stadthauses ausgerufen, es

solle gebetet werden für Ihre Majestät, Kaiser Karls Gemahlin, die

schwanger war, daß sie bald niederkäme.

Am ganzen Leibe zitternd, trat Katheline bei Klas ein.

„Was ficht Dich an, Gevatterin?“ fragte der Biedermann.

„Wehe!“ antwortete sie in abgerissenen Worten. „Diese Nacht / Geister,

die Menschen mähten wie Schnitter das Gras / Mägdlein lebendig

begraben; auf ihrem Leib tanzte der Henker! Der Stein, der seit neun

Monden Blut geschwitzt hat, diese Nacht geborsten.“

„Erbarm Dich unser! Erbarm Dich unser, Herr Gott!“ stöhnte Soetkin,

„das ist eine üble Vorbedeutung für das Land Flandern.“

„Sahest Du das mit Deinen Augen oder im Traume?“ fragte Klas.

„Mit meinen Augen“, erwiderte Katheline.

Bleich wie der Tod und mit Thränen hub sie wieder an:

„Zwei Kindlein sind geboren, eins in Hispanien, das ist das Kind

Philipp, das andre im Lande Flandern, das ist des Klas Sohn, so

dereinst Ulenspiegel genannt wird. Philipp wird ein Henker werden, denn

er ist erzeugt von Kaiser Karl, dem Mörder unsres Landes. Ulenspiegel

wird ein großer Meister in lustigen Reden und Bubenstreichen sein,

aber er wird ein gutes Herz haben, denn er hat Klas zum Vater gehabt,

einen wackeren Arbeitsmann, der in Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit und

Leutseligkeit sein Brot zu verdienen weiß. Karl der Kaiser und Philipp

der König werden hoch zu Roß durchs Leben reiten und mit Schlachten,

Erpressungen und andrem Verbrechen Unheil stiften. Klas, der die ganze

Woche arbeitet, nach Recht und Gesetz lebt und lacht, statt bei seiner

harten Arbeit zu weinen, wird das Vorbild der guten Flandrischen

Arbeiter sein.

„Ulenspiegel wird den Tod nicht sehen und allzeit jung sein; er wird

die Welt durchwandern und an keinem Orte sich festsetzen. Er wird

Bauer, Edelmann, Maler und Bildhauer sein / alles mit einander. Und

also wird er die Welt durchwandern, gute und schöne Dinge loben,

und der Dummheit aus voller Kehle spotten. Klas ist Dein Mut, edles

flämisches Volk, Soetkin Deine tapfre Mutter, Ulenspiegel Dein Witz,

ein artig und lieblich Mägdlein, des Ulenspiegel Genossin und gleich

ihm unsterblich, wird Dein Herz sein, und ein dicker Bauch, Lamm

Goedzak, Dein Magen. Oben werden die Menschenvertilger sein, unten

die Opfer; oben diebische Drohnen, unten emsige Bienen, und im Himmel

werden Christi Wunden bluten.“

Nach solchen Worten entschlief Katheline, die gute Zauberin.

6

Ulenspiegel ward zur Taufe getragen; plötzlich fiel ein Platzregen, der

ihn schier durchnäßte. Also ward er zum ersten Male getauft.

Da er in die Kirche kam, hieß der Küster und Schulmeister Eltern und

Paten sich um das Taufbecken stellen, welches geschah.

Doch im Gewölbe über dem Taufbecken hatte ein Maurer ein Loch gemacht,

um allda eine Lampe an einem Stern von vergüldetem Holz aufzuhängen.

Da er von oben die Paten stocksteif um das Taufbecken stehen sah, auf

welchem der Deckel noch ruhte, goß er durch das Loch in der Wölbung

voller Tücke einen Kübel Wassers, also daß dieses auf den Deckel

stürzte und ein gewaltig Spritzen geschah. Ulenspiegel bekam das größte

Teil davon. Und also ward er zum andern Male getauft.

Der Dechant kam und sie führten Klage bei ihm; er aber sagte, sie

sollten sich sputen und es wäre ein Zufall. Ulenspiegel zappelte wegen

des Wassers, das auf ihn gefallen war. Der Dechant gab ihm Salz und

Wasser und nannte ihn Thylbert, das heißt „reich an Bewegungen.“ So

ward er zum dritten Male getauft.

Da sie die Frauenkirche verlassen, gingen sie in die Lange Gasse und

kehrten gegenüber der Kirche in den „Rosenkranz der Flaschen“ ein,

an welchem ein Krug das Credo bildete. Dort tranken sie siebzehn

Kannen Doppelbier und noch mehr. Denn solches ist der rechte Brauch in

Flandern, daß man im Bauche ein Feuer anzündet, um durchnäßte Leute zu

trocknen. So ward Ulenspiegel zum vierten Male getauft.

Da sie nun heim taumelten und ihr Kopf schwerer war denn ihr Körper,

kamen sie an einen Steg, der über ein Wasser gelegt war. Katheline,

die Pathin war und das Kind trug, tat einen Fehltritt und fiel mit

Ulenspiegel in die Lache. Also ward er zum fünften Male getauft.

Doch man zog ihn aus dem Pfuhle, um ihn in Klasens Hause mit warmem

Wasser zu waschen; und das war seine sechste Taufe.

7

Am selbigen Tage beschloß seine Heilige Majestät, Kaiser Karl,

glänzende Feste zu geben, um die Geburt seines Sohnes fürstlich zu

feiern. Er beschloß gleich Klas auf den Fischzug zu gehen, doch nicht

in einem Kanal, sondern in den Gürteltaschen und Geldkatzen seiner

Völker. Denn daraus ziehen die fürstlichen Angelruten Crusados,

Silberdaelders und Löwentaler, und alle diese wundersamen Fische

wandeln sich nach Belieben des Fischers in Sammet, Kleider, kostbare

Juwelen, erlesene Weine und feine Speisen. Denn die fischreichsten

Flüsse sind nicht die, so das meiste Wasser führen.

Da er nun seine Räte um sich versammelt hatte, bestimmte seine Heilige

Majestät, daß der Fischzug wie folgt ausgeführt würde: Seine Hoheit der

Infant sollte in der neunten oder zehnten Stunde zur Taufe getragen

werden. Um ihre große Freude darzutun, sollten die Einwohner von

Valladolid die ganze Nacht durch Schmausereien und Gelage halten, alles

auf ihre Kosten, und auf dem Marktplatz Geld für die Armen streuen.

An fünf Straßenecken sollte ein großer Springbrunnen sein und bis

Tagesanbruch gewöhnlichen Wein in Strömen hervorsprudeln, welchen die

Stadt bezahlte. An fünf anderen Ecken sollten an hölzernen Gerüsten

kleine Würste, ferner Schlack-, Leber- und Knackwürste, Ochsenzungen

und andre Fleischarten aufgehängt werden, desgleichen zu Lasten der

Stadt.

Die Bürger von Valladolid sollten da, wo der Zug vorbeikommen mußte,

auf ihre Unkosten eine große Zahl von Triumphbögen errichten, welche

den Frieden, das Glück, den Überfluß und das günstige Geschick

darstellten, sowie jegliche Himmelsgabe, womit sie unter der Herrschaft

seiner Kaiserlichen Majestät überschüttet worden.

Endlich sollten außer diesen Friedensbögen etliche andere aufgerichtet

werden, an welchen in lebhaften Farben weniger milde Sinnbilder zu

sehen waren, als das sind: Adler, Löwen, Lanzen, Hellebarden, Spieße

mit glänzender Zunge, Hakenbüchsen, Kanonen, Feldschlangen mit großem

Rachen und andre Maschinen, so die kriegerische Macht und Stärke seiner

heiligen Majestät versinnbildlichen sollten.

Was die Lichter zum Erleuchten der Kirche betraf, so sollte es der

Gilde der Wachszieher verstattet sein, zwanzigtausend Kerzen ohne

Entgelt herzustellen, und was davon nicht verbrannt ward, das sollte

dem Domkapitel zufallen.

Was aber die anderen Ausgaben betraf, so wollte der Kaiser sie gerne

bestreiten und solchergestalt seinen guten Willen zeigen, seinen

Völkern nicht allzugroße Lasten aufzulegen.

Als die Gemeine dies Gebot auszuführen trachtete, traf von Rom her

klägliche Kunde ein. Oranien, Alençon und Frundsberg, des Kaisers

Hauptleute, waren in die heilige Stadt gedrungen und hatten allda

Kirchen, Kapellen und Häuser eingeäschert und ausgeplündert und niemand

geschont, nicht die Priester und Klosterfrauen noch die Weiber und

Kinder. Der heilige Vater war gefangen worden. Seit einer Woche währte

das Plündern, und Reiter wie Lanzknechte durchstreiften die Stadt,

übersättigt von Speise und berauscht vom Trinken. Sie schwangen ihre

Waffen, suchten die Kardinäle und drohten, sie würden ihnen genug ins

Fell schneiden, daß sie nie Päpste würden. Andre, so diese Drohung

bereits ausgeführt hatten, stolzierten in der Stadt umher und trugen

Rosenkränze auf der Brust, mit achtundzwanzig und mehr Kugeln, groß

wie Nüsse und ganz blutig. Manche Straßen waren gleich roten Bächen,

darinnen die nackten Leiber der Toten lagen.

Etliche sagten, der Kaiser, dieweil er Geld brauchte, hätte solches im

geistlichen Blut fischen wollen; und da er von dem Vertrage, den seine

Hauptleute dem gefangenen Papst auferlegt hatten, Kenntnis erhalten,

so zwang er ihn, die festen Plätze seiner Staaten zu übergeben, 400

000 Dukaten zu bezahlen und solange im Gefängnis zu bleiben, bis alles

vollführt sei.

Jedoch der Schmerz seiner Majestät war groß, und er sagte alle

Vorbereitungen zu Freude, Festen und Lustbarkeiten ab und gebot den

Herren und Damen seines Hofes, Trauer anzulegen. Und der Infant ward in

seinen weißen Windeln getauft, welches die Windeln königlicher Trauer

sind. Solches legten die Herren und Damen als üble Vorbedeutung aus.

Dem ohngeachtet stellte die Frau Amme den edlen Herren und Damen des

Palastes den Infanten dar, auf daß sie ihm nach dem Brauche Wünsche und

Gaben darbrächten.

Madonna de la Coena hing ihm einen schwarzen Stein wider das Gift um

den Hals, von der Form und Größe einer Nuß, mit güldener Schale. Madame

de Chauffade knüpfte ihm an einen seidenen Faden, der bis auf den

Magen hing, eine Haselnuß an, welche die gute Verdauung der Speisen

befördert. Messire van der Steen aus Flandern brachte ihm eine Genter

Wurst dar, fünf Ellen lang und eine halbe dick, und wünschte seiner

Hoheit ehrerbietigst, daß sie bei dem bloßen Geruche gut gentischen

Durst nach Clauwaert verspürte; denn er sagte, wer das Bier einer Stadt

gern trinkt, der kann dessen Brauer nicht hassen. Der Herr Stallmeister

Jakob Christoph von Castilien ersuchte seine Hoheit den Infanten, an

seinen Füßlein grünen Jaspis zu tragen, damit er gut laufen könnte. Jan

de Paepe, der Narr, der dabei war, sprach: „Messire, gebt ihm lieber

die Posaune Jerichos, bei deren Schall alle Städte eilends vor ihm

davonlaufen, mitsamt ihren Einwohnern, Männern, Weibern und Kindern,

um sich andernorts niederzulassen. Denn Seine Hoheit soll nicht selbst

laufen lernen, sondern andre laufen lassen.“

Die trauernde Wittib des Floris van Borsele, welcher Herr von Veere und

Seeland gewesen, gab Herrn Philipp einen Stein, welcher, so sprach sie,

die Männer verliebt und die Frauen untröstlich machte.

Doch der Infant blökte wie ein Kalb.

Indessen steckte Klas seinem Sohn eine Klapper von Weidengeflecht mit

Schellen daran in die Hände, und dieweil er Ulenspiegel auf seiner Hand

tanzen ließ, sprach er: „Glöcklein, Glöcklein, Klinglingling. Möchtest

Du deren immerdar an Deinem Barett haben, kleiner Mann, denn den Narren

gehört die Welt.“

Und Ulenspiegel lachte.

8

Klas hatte einen großen Lachs gefangen; der ward eines Sonntags von

ihm, Soetkin, Katheline und dem kleinen Ulenspiegel verspeist. Aber

Katheline aß nicht mehr denn ein Vogel.

„Gevatterin,“ sprach Klas zu ihr, „ist die Luft in Flandern dermalen so

kräftig, daß Du sie nur einzuatmen brauchst, um satt zu werden wie von

einem Fleischgericht? Wann wird man so leben? Wenn die Regengüsse gute

Suppen wären, wenn es Bohnen hagelte und der Schnee, in himmlisches

Hackfleisch verwandelt, die armen Wanderer labte.“

Katheline schüttelte den Kopf und sprach kein Wort.

„Seh einer das betrübte Weib! Was macht ihr Kummer?“

Da sagte Katheline mit einer Stimme, die gleich einem Hauch war:

„Der Böse / wenn Nacht schwarz herabsinkt / Ich höre, wie er sein

Kommen ankündigt / schreiend wie ein Fischadler. / Schaudernd bet' ich

zur Heiligen Jungfrau / vergebens. / Für ihn nicht Mauern noch Zäune,

nicht Türen noch Fenster; dringt überall hin wie ein Geist. / Die

Leiter kracht. / Er ist bei mir auf dem Boden, wo ich schlafe, / faßt

mich mit seinen kalten Armen, hart wie Marmelstein. / Eisiges Gesicht,

Küsse feucht wie Schnee, / Die Erde wankt und die Hütte schwankt, wie

ein Nachen auf stürmischer See.“

„Mußt jeden Morgen zur Messe gehen,“ riet Klas, „damit der Herr

Jesus Dir die Kraft gibt, den Spuk, der von da unten gekommen ist, zu

vertreiben.“

„Er ist so schön,“ sagte sie.

9

Da Ulenspiegel entwöhnt war, wuchs er wie eine junge Pappel. Nun küßte

Klas ihn nicht mehr so oft, sondern liebte ihn in derber Weise, auf daß

er nicht weichlich würde.

Wenn Ulenspiegel heimkehrte und Klage führte, daß sie ihn bei einem

Streit durchgebläut hätten, schlug Klas ihn aufs Neue, weil er die

andren nicht geschlagen; und also erzogen, ward Ulenspiegel kühn wie

ein junger Leu.

Wenn Klas nicht daheim war, bat Ulenspiegel die Mutter um einen Heller,

um spielen zu gehen. Soetkin ward bös und sprach: „Was brauchst Du zu

spielen! Du tätest besser, daheimzubleiben und Reisig zu schnüren.“

Wenn Ulenspiegel sah, daß er nichts kriegte, schrie er wie ein Adler;

doch Soetkin vollführte mit Kesseln und Töpfen, die sie in einer

Holzbütte wusch, einen großen Lärm und tat, als hörte sie nichts.

Alsdann weinte Ulenspiegel, und die schwache Mutter ließ die gespielte

Härte fallen, kam zu ihm, liebkoste ihn und sprach: „Hast Du an einem

Heller genug?“ Nun aber wißt Ihr, daß der Heller sechs Deut galt.

Solchermaßen liebte sie ihn zu sehr, und wenn Klas nicht daheim war, so

war Ulenspiegel König im Hause.

10

Eines Morgens sah Soetkin, wie Klas in der Küche gesenkten Hauptes

umherlief, gleich einem in Gedanken verlorenen Menschen. „Was plagt

Dich, Mann?“ fragte sie. „Du bist blaß, zornmütig und zerstreut.“

Da antwortete er mit leiser Stimme wie ein knurrender Hund:

„Sie wollen die grausamen Anschläge des Kaisers erneuern. Der Tod wird

aufs Neue über dem Lande Flandern schweben. Den Angebern wird die

Hälfte von der Habe der Opfer versprochen, wenn das Vermögen nicht mehr

ist als hundert Karolustaler.“

„Wir sind arm,“ sagte sie.

„Arm“, sprach er, „doch nicht genug. Es gibt schlechte Menschen, Geier

und Raben, die leben von Leichen und würden uns ebenso gern anzeigen,

um mit Seiner Heiligen Majestät einen Korb Kohlen wie einen Sack

Karolustaler zu teilen. Was besaß die arme Tannecker, die Wittib des

Schneiders Sis, die zu Heyst lebendig verbrannt ward? Eine lateinische

Bibel, drei Goldgülden und etlichen Hausrat von englischem Zinn, wonach

es ihre Nachbarin gelüstete. Johanna Martens ward als Hexe verbrannt

und zuvor ins Wasser geworfen, denn ihr Körper schwamm obenauf und das

galt für ein Zeichen von Zauberei. Sie hatte ein paar armselige Stücke

Hausrat und sieben Goldkarolus in der Geldkatze, und der Angeber wollte

die Hälfte davon haben. Ach, so könnte ich bis morgen noch mit Dir

sprechen. Aber gestehe es, Weib, das Leben in Flandern ist nicht mehr

lebenswert wegen der Anschläge. Bald wird jegliche Nacht der Karren

des Todes durch die Stadt fahren, und wir werden hier hören, wie das

Gerippe darin mit den Knochen klappert.“

Soetkin sprach: „Du mußt mich nicht bange machen, Mann. Der Kaiser

ist der Vater von Flandern und Brabant und als solcher voll Langmut,

Geduld, Sanftmut und Barmherzigkeit“.

„Er würde zuviel dabei verlieren, denn er lebt von den eingezogenen

Gütern“.

Plötzlich erscholl die Trompete, und die Zimbeln des Stadtherolds

dröhnten. Klas und Soetkin nahmen Ulenspiegel abwechselnd auf den

Arm und liefen mit dem Volkshaufen dem Lärm nach. Sie kamen vor das

Stadthaus. Daselbst hielten zu Pferde die Herolde, so die Trompete

bliesen und die Becken schlugen. Der Profoß hatte die Rute der

Gerechtigkeit und der Amtmann hielt im Sattel mit beiden Händen eine

kaiserliche Verordnung und schickte sich an, sie dem versammelten Volke

vorzulesen.

Klas verstand wohl, daß es fortan verboten sei, für Alle im Allgemeinen

und im Besonderen, zu drucken, zu lesen, zu haben oder zu unterstützen

die Schriften, Bücher und Lehre von Martin Luther, Johann Wykliff,

Johannes Huß, Marcilius von Padua, Öcolampadius, Ulrich Zwingli,

Philippus Melanchthon, Franciscus Lambertus, Johannes Bugenhagen,

Johannes Pomeranus, Otto Brunselsius, Justus Jonas, Johannes Puperis

und Gorcianus, desgleichen die neuen Testamente gedruckt von Adrian de

Berghe, Christoph von Remonda und Johannes Zel, die voll lutherischer

und anderer Ketzereien, auch von der theologischen Fakultät der

Universität Löwen verworfen und verdammt waren. „Noch gleichermaßen

zu malen und abzukonterfeien, noch malen oder abkonterfeien zu lassen

schändliche Schildereien oder Bildnisse von Gott und der Heiligen

Jungfrau Maria, oder zu zerreißen, zu zerbrechen und auszulöschen die

Bilder oder Malereien, die zur Ehre, zur Erinnerung oder zum Gedächtnis

Gottes und der Jungfrau Maria oder der von der Kirche anerkannten

Heiligen gemacht sind“.

„Des weiteren,“ sagte die Verordnung, „daß niemand, welches Standes

er sei, sich unterfange, die heilige Schrift mitzuteilen noch darüber

zu disputieren, selbst in zweifelhafter Sache, wenn anders er nicht

ein wohl beleumdeter und von einer berühmten Universität anerkannter

Theologe ist“.

Seine Heilige Majestät setzte unter anderen Strafen fest, daß die

Verdächtigen niemals ein Ehrenamt ausüben dürften. Was die Rückfälligen

oder in ihrem Irrtum Beharrenden beträfe, so sollten sie verurteilt

werden, bei langsamem oder raschem Feuer verbrannt zu werden, nach

Ermessen des Richters in einer Strohhütte oder an einen Pfahl gebunden.

Die anderen, so sie adlich oder gute Bürger wären, sollten durch das

Schwert hingerichtet werden, die Bauern am Galgen, die Frauen in der

Grube. Ihre Köpfe sollten zur Warnung auf Pfähle gespießt werden. Zu

Gunsten des Kaisers sollten die Güter aller dieser Personen eingezogen

werden, sofern sie sich an den der Einziehung unterworfenen Orten

befanden.

Seine Heilige Majestät gewährte den Angebern die Hälfte aller Habe

der Gerichteten, wenn sich ihr Besitz nicht auf hundert Goldgülden

in Flandrischer Währung beliefe. Was des Kaisers Anteil beträfe,

so behielte er sich vor, ihn für fromme und barmherzige Werke zu

verwenden, wie er es bei der Plünderung Roms getan.

Klas ging mit Soetkin und Ulenspiegel von dannen.

11

Dieweil das Jahr gut gewesen, kaufte Klas für sieben Gülden einen Esel

und neun Scheffel Erbsen und bestieg eines Morgens sein Reittier.

Ulenspiegel saß hinten auf. In diesem Aufzuge wollten sie ihren Oheim

und älteren Bruder Jobst Klas besuchen, der nicht fern von Meyborg in

Deutschland wohnte.

Jobst war in jungen Jahren schlichten und sanften Sinnes gewesen, doch

wunderlich geworden, nachdem er unterschiedliche Unbill erduldet. Sein

Blut wandelte sich in schwarze Galle; er faßte einen Haß gegen die

Menschen und lebte wie ein Einsiedel. Es war ihm jetzt eine Lust, zwei

sogenannte getreue Freunde sich prügeln zu lassen, und er gab Dem drei

Heller, der den andern am heftigsten durchgewalkt hatte. Auch liebte

er es, die ältesten und zänkischesten Weiber in einem wohlgeheizten

Saale in großer Zahl zu versammeln, und gab ihnen geröstetes Brot

und Würzwein zu trinken. Solchen, die über sechzig alt waren, gab er

Wolle in irgend einer Ecke zu stricken und empfahl ihnen überdies,

ihre Nägel nur immer wachsen zu lassen. Und es war wundersam, das

Gurgeln und Schnalzen der Zungen, das boshafte Geklätsch, das Husten

und rauhe Ausspeien dieser alten Vogelscheuchen zu hören, welche,

die Strickscheide unter der Achsel, gemeinsam die Ehre des Nächsten

zerpflückten.

Wenn Jobst nun sah, daß sie recht im Zuge waren, warf er eine Bürste

ins Feuer, und wenn sie brannte, war die Luft plötzlich voll Gestank.

Alsbald schrieen die Weiblein alle mitsamt und ziehen einander, die

Ursache des Gestankes zu sein. Da aber alle die Tatsache leugneten,

packten sie sich bald bei den Haaren, und Jobst warf noch mehr Bürsten

ins Feuer und geschnittene Roßhaare auf den Boden. Wenn er nichts mehr

zu sehen vermochte, dieweil das Handgemenge so wütend, der Rauch so

dicht war und den Staub aufwirbelte, so holte er zwei seiner Knechte,

als Gemeinbüttel verkleidet; die trieben die Alten mit starken

Gertenhieben aus dem Saale, gleich einer Herde wütender Gänse. Und

Jobst, der das Schlachtfeld besichtigte, fand darauf Fetzen von Röcken,

Schuhen und Hemden, auch alte Zähne. Und gar schwermütig sprach er zu

sich: „Mein Tag ist verloren; keine unter ihnen hat im Handgemenge ihre

Zunge eingebüßt“.

12

Als Klas das Weichbild von Meyborg erreichte, ritt er durch ein kleines

Holz; der Esel fraß unterwegs Disteln und Ulenspiegel warf eine Kappe

nach den Schmetterlingen und fing sie wieder auf, ohne den Rücken

des Grautiers zu verlassen. Klas verspeiste eine Schnitte Brot und

gedachte sie in der nächsten Schänke anzufeuchten. Da hörte er von

fern ein Glöcklein erklingen und den Lärm vieler Menschen, die mit

einander sprachen. „Das ist irgend eine Wallfahrt,“ sprach er, „und

die Herren Pilger sind ohne Zweifel reich an Zahl. Halte Dich fest auf

dem Langohr, auf daß sie Dich nicht herunterreißen. Wir wollen es uns

besehen. Holla, Grauer, spüre meine Fersen!“

Und der Esel lief hurtig.

Er ließ das Gehölz hinter sich und kam in eine weite Ebene hinab,

die gen Westen ein Fluß begrenzte. Gen Osten war eine kleine Kapelle

erbaut; auf ihrem Giebel ragte ein Bild unserer lieben Frauen; zu ihren

Füßen aber stunden zwei kleine Figuren, die beide eines Stieres Bild

nachahmten. Auf den Stufen der Kapelle standen lachend ein Eremit, der

die Glocke läutete, fünfzig Burschen, die jeder eine brennende Kerze

trugen, sowie Spieler, Bläser und Schläger von Trommeln, Trompeten und

Pfeifen, Schalmeyen und Dudelsäcken und ein Häuflein lustiger Gesellen,

die mit beiden Händen eiserne Kästen voll alten Eisens hielten; doch

alle waren in jenem Augenblicke still.

Fünftausend Pilger und mehr kamen zu sieben in engen Reihen des Weges;

sie hatten Helme auf dem Kopf und trugen Stöcke von grünem Holz. Wenn

neue hinzukamen, desgleichen bewehrt und behelmt, so reihten sie sich

mit großem Lärm hinter die andern. Dann schritten sie, sieben Mann

hoch, an der Kapelle vorbei, ließen ihre Knüppel segnen, empfingen

männiglich aus den Händen der Burschen eine Kerze und entrichteten

dafür dem Einsiedel einen halben Gulden. Und der Zug war so lang, daß

die Kerzen der ersten schon am Ende des Dochtes waren, dieweil die der

letzten schier in allzuviel Talg erloschen.

Dermaßen sahen Klas, Ulenspiegel und der Esel ganz verblüfft eine große

Mannigfaltigkeit von Bäuchen an sich vorbeiziehen, dicke, hohe, lange,

spitze, stolze, feste oder solche, die schlaff auf ihre natürlichen

Stützen hinabfielen.

Und alle Pilger waren behelmt. Die einen trugen Helme, die aus Troja

kamen und phrygischen Mützen glichen; andre waren mit roten Haarbüschen

geziert; etliche, ob sie gleich pausbäckig oder dickbäuchig waren,

trugen Helme mit ausgespannten Flügeln, dachten aber nicht ans Fliegen.

Dann kamen solche, die mit Lattichköpfen geschmückt waren, welche die

Schnecken ob der wenigen Blätter verschmäht hatten. Aber die Mehrzahl

trug so alte und rostige Helme, daß sie aus den Tagen Gambrini, des

Königs des Biers und von Flandern, zu stammen schienen, welcher König

neunhundert Jahre vor unserem Herrn lebte und ein Schoppenmaß auf dem

Haupte trug, auf daß er aus Mangel an einem Becher nicht zum Dürsten

gezwungen würde.

Plötzlich klangen, ächzten, donnerten, schlugen, kreischten, lärmten

und klirrten Glocken, Dudelsäcke, Schalmeyen, Trommeln und Eisenstücke.

Dieser heidnische Lärm war ein Zeichen für die Pilger; sie drehten sich

um, stellten sich in Rotten von sieben gegeneinander und warfen sich

die brennende Kerze zur Herausforderung ins Gesicht, welches großes

Niesen verursachte. Dann regnete es grünes Holz. Und sie schlugen

aufeinander mit Füßen, Köpfen, Fersen und allem. Etliche stürzten sich

nach der Weise von Widdern auf ihr Widerpart, mit dem Helme voran, also

daß sie bis an die Schulter darinnen saßen und geblendet auf eine Rotte

wütender Pilger fielen, welche sie unsanft empfingen.

Andere, die Greiner und Feiglinge waren, jammerten ob der Schläge; doch

dieweil sie ihre erbärmlichen Paternoster murmelten, stürzten zweimal

sieben sich prügelnde Pilger schnell wie der Blitz über sie her, warfen

die armen Jämmerlinge zu Boden und trampelten sonder Erbarmen darüber

hin.

Und der Einsiedel lachte.

Andere Rotten, so aneinander hingen wie Beeren an der Traube, rollten

von der Hochebene hinab in den Fluß, allwo sie sich mit starken

Schlägen weiter durchbläuten, ohne daß ihre Wut sich abkühlte.

Und der Eremit lachte.

Die, so auf der Hochebene verblieben waren, schlugen sich die Augen

blau, zerbrachen einander die Zähne, rauften sich die Haare aus und

zerrissen Wams und Hose.

Und der Einsiedel lachte und sprach:

„Mut, Freunde, wer gut trifft, der ist bewährt in der Liebe. Denen,

so sich am besten schlagen, lacht die Zärtlichkeit ihrer Schönen! Bei

unsrer lieben Frauen von Rindbisbels, hier sieht man wahre Männer.“

Und die Pilger schlugen nach Herzenslust auf einander los.

Derweil hatte Klas sich dem Einsiedel genähert, indeß Ulenspiegel den

Schlägen mit Lachen und Schreien Beifall zollte.

„Frommer Vater,“ sprach er, „was haben diese armen Schelme verbrochen,

daß sie sich so grauslich durchprügeln müssen?“

Der Eremit aber achtete sein nicht und rief:

„Faullenzer! habt Ihr keinen Mut mehr. Wenn die Fäuste ermüden, bleiben

Euch nicht die Füße? / So wahr Gott lebt! Es sind etliche unter Euch,

die haben ihre Beine, um gleichwie Hasen von dannen zu laufen. Was

holt den Funken aus dem Stein? Das Eisen, das ihn schlägt. Was belebt

die Mannhaftigkeit der alten Leute, wo nicht eine gute Schüssel voll

Prügel, mit männlicher Wut gewürzet?“

Bei dieser Rede fuhren die biederen Pilger fort, sich mit Helmen,

Händen und Füßen anzufallen. Es war ein wütendes Handgemenge, dabei der

hundertäugige Argus nichts gesehen hätte, denn aufgewirbelten Staub und

etliche Helmspitzen.

Plötzlich läutete der Einsiedel die Glocke. Pfeifen, Trommeln,

Trompeten, Dudelsäcke, Schalmeyen und Eisengerümpel hielten inne mit

Lärmen. Und dies war das Zeichen zum Frieden.

Die Pilgrime lasen ihre Verwundeten auf. Etlichen Kämpen sah man vor

Zorn die geschwollenen Zungen aus den Mäulern hangen; doch sie gingen

von selbst in den gewohnten Gaumen. Das schwerste war, denen die Helme

abzunehmen, die bis an den Hals darinnen saßen und den Kopf schüttelten

und sie doch nicht besser abschütteln konnten denn unreife Pflaumen.

Indessen gebot ihnen der Einsiedel:

„Sprecht ein Ave und kehrt heim zu Euren Weibern. In neun Monden werden

so viel mehr Kinder im Weichbild sein, als es heute wackre Streiter in

der Schlacht gab.“

Und der Einsiedel sang das Ave und alle sangen mit ihm. Und das

Glöcklein bimmelte.

Dann segnete der Einsiedel sie im Namen unsrer lieben Frauen von

Rindbisbels und sprach: „Ziehet hin in Frieden!“

Und sie zogen mit Schreien, Drängen und Singen nach Meyborg. Und alle

Weiber, alt und jung, harrten ihrer auf der Schwelle der Häuser, in

welche sie eindrangen wie Krieger in eine erstürmte Stadt.

Die Glocken von Meyborg läuteten mit aller Macht, und die Knaben

schrieen, pfiffen und spielten den Rommelpot. Die Kannen, Humpen,

Becher, Gläser, Flaschen und Schoppen klangen wundersam an. Und der

Wein floß in Strömen in die Kehlen.

Dieweil dieses Klingen erscholl und der Wind den Gesang der Männer,

Weiber und Kinder in Stößen herbeitrug, sprach Klas aufs neue zu dem

Einsiedel und fragte ihn, welche Gnade des Himmels diese braven Leute

durch solch saures Werk zu erlangen gedächten.

Der Einsiedel aber antwortete lachend.

„Du siehst auf dieser Kapelle zwei gemeißelte Bilder, so zwei Stiere

darstellen. Sie sind dort zum Gedächtnis an das Wunder errichtet,

das der heilige Martin tat, da er zwei Rinder in Stiere verwandelte,

dadurch, daß er sie mit den Hörnern auf einander stoßen ließ und ihnen

das Maul mit Talg und grünem Holz einrieb, wohl über eine Stunde.

„Da ich nun das Wunder wußte und mit einem gut bezahlten Breve

Seiner Heiligkeit versehen war, so ließ ich mich hier nieder. Ich

beredete alle alten Huster und Schmerbäuche von Meyborg und Umgegend,

und fortan waren sie sicher, daß sie sich unsre liebe Frau geneigt

machten, wenn sie sich weidlich durchbläuten mit der Kerze, welche

die Salbung darstellt, und dem Stock, welcher die Kraft bedeutet. Die

Weiber schicken ihre alten Männer hierher. Die Kinder, so kraft dieser

Wallfahrt zur Welt kommen, sind gewalttätig, kühn, wild, gewandt und

werden vollkommene Kriegsleute.“

Plötzlich sagte der Einsiedel zu Klas:

„Erkennest Du mich?“

„Ja,“ erwiderte Klas, „Du bist mein Bruder Jobst.“

„Der bin ich“, sprach der Einsiedel. „Welcher ist aber dieser kleine

Mann, der mir Fratzen schneidet?“

„Das ist Dein Brudersohn“, gab Klas zur Antwort.

„Welchen Unterschied machst Du zwischen mir und Kaiser Karl?“

„Einen großen“, entgegnete Klas.

„Einen kleinen,“ sprach Jobst, „denn er läßt die Menschen einander

umbringen und ich lasse sie einander sich schlagen, und das tun wir

beide zu unserem Nutzen und Kurzweil.“

Dann führte er sie in die Einsiedelei, allwo sie eilf Tage ohne

Ausruhen Schmaus und Gelage hielten.

13

Als Klas seinen Bruder verließ, stieg er wieder auf seinen Esel und

nahm Ulenspiegel hinten auf. Er ritt über den Marktplatz von Meyborg

und sah dort eine große Zahl Pilger zuhauf stehen. Wie diese die Beiden

erschauten, wurden sie ergrimmt, schwangen ihre Stöcke und schrieen

plötzlich alle mitsammen: „Schalksnarr!“ Das geschah wegen Ulenspiegel,

welcher seine Hosenklappe aufgemacht, sein Hemd hochgezogen hatte

und ihnen die Kehrseite wies. Da nun Klas sah, daß es sein Sohn war,

welchen sie bedräuten, fragte er ihn:

„Was hast Du getan, daß sie so böse auf Dich sind?“

„Lieber Vater,“ sagte Ulenspiegel, „Du siehst wohl, daß ich

stillschweige und niemand nichts tue, da sagen die Leute, ich sei ein

Schalk!“

Da setzte Klas ihn vor sich hin.

So sitzend, streckte Ulenspiegel den Pilgern die Zunge heraus, und

diese schrieen voll Zorn, drohten mit der Faust und erhoben den

Knüppel, um Klas und den Esel zu schlagen.

Aber Klas gab dem Esel die Fersen, daß er ihrem Grimm entränne, und

dieweil sie ihn verfolgten, sprach er atemlos zu seinem Sohne:

„Du bist freilich in einer unglückseligen Stunde geboren. Du sitzest

still und schweigst und tust niemand nichts, und doch wollen sie Dich

totschlagen.“ Ulenspiegel lachte.

Da sie durch Lüttich kamen, erfuhr Klas, daß die armen Leute an der

Küste großen Hunger litten und daß man sie der Rechtsprechung des

geistlichen Gerichts unterstellt hätte. Sie empörten sich, um Brot und

weltliche Richter zu kriegen. Etliche wurden enthauptet oder gehenkt,

und die andren des Landes verwiesen. So groß war dazumal die Milde des

Hochwürdigen Herrn von der Marck, des sanften Erzbischofs.

Auf dem Wege sah Klas die Verbannten, die das liebliche Tal von

Lüttich flohen, und an den Bäumen vor der Stadt hingen die Leichen

derer, so um ihres Hungers willen gehenkt waren. Und er weinte über sie.

14

So ritt er auf dem Esel nach Hause, mit einem Sack voll Heller

versehen; den hatte ihm sein Bruder Jobst geschenkt samt einem schönen

Humpen von englischem Zinn. Da gab es in der Hütte des Sonntags

Schlemmereien und werktäglich Feste, denn sie aßen alle Tage Fleisch

und Bohnen. Klas füllte den großen Humpen aus englischem Zinn mit

Doppelbier und leerte ihn oftmals. Ulenspiegel aß für drei und fuhr in

der Schüssel herum wie ein Sperling in einem Haufen Körner.

„Jetzt frißt er gar das Salzfaß auf“, sagte Klas.

Ulenspiegel erwiderte:

„Ist das Salzfaß aus einem Stück ausgehölten Brotes gemacht wie bei

uns, so muß man es zuweilen verspeisen, auf daß nicht die Würmer

hineinkommen, wann es alt wird.“

„Weshalb wischest Du Deine fettigen Hände an Deinen Hosen ab?“ fragte

Soetkin.

„Damit niemals die Schenkel naß werden“, sprach Ulenspiegel.

Darob tat Klas einen tiefen Trunk aus seinem Humpen.

Ulenspiegel sagte zu ihm:

„Warum hast Du einen so großen Krug und ich nur einen kläglichen

Becher?“

Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak: Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und andern Orts · 第 9 / 46 题