Die Nacht.
Draußen, vom Turm, schlug die Uhr die Mitternacht. Langsam, in
törichter, tönender, quälender Deutlichkeit zerbrachen ihre stummen
Rufe die Stille. Langsam, in törichter, tönender, quälender
Deutlichkeit drangen die Rufe herein in das mondweiße Zimmer. Leonore
lag wach. Lange schon lag sie.
Was war denn, was war denn gewesen, daß alles Alte zerstört und grausam
vernichtet lag? Es war nichts gewesen als eine holde Stunde -- eine
frühlingsholde, junge Stunde. Nichts Böses -- was für ein häßliches
Wort für das Allerschönste -- -- Nur eine holde, junge Stunde war
gewesen --
Ob Richard wohl schlief? Ja, draußen vom Turm hatte es die Mitternacht
geschlagen. Und er wußte alles -- wußte nichts.
Was war denn zu wissen? Sie hatten einst ihr Haus zusammen erbaut --
ihre feste Burg über der Welt, über den Niederungen des Tales -- ihre
Burg, die stehen sollte wie ein Heidenmal, unverrückbar, unzerstörbar.
Ihre Burg, die aufragen sollte wie ein Heidenaltar auf dem Berge, den
Göttern geweiht. +Ja, das hatte sie gewollt.+
Was war denn, was war denn gewesen? Ein Vogel war um die Burg geflogen
-- ein junger, sanfter, wilder, schöner Sommervogel. O, es war nichts
gewesen als eine holde Stunde.
Einst wollte ich, Richard, wir gehörten zusammen, wie zwei, die erst
das Leben schufen. Die schuldig sind am Leben. +Ja, das habe ich
einst gewollt.+
Einst war ich jung bei dir, Richard. Durch blaue Nächte klangen
Sehnsuchtsrufe. Einst war ich stark. Einst glühte ich; die Welt -- und
du, ihr solltet entbrennen von meinem Glühen. Einst war meine Sehnsucht
so groß, daß sie Berge versetzen konnte.
Weißt du noch, oder hast du es ganz vergessen? Meine Sehnsucht hatte
ich dir geschenkt. Ich glaubte sie in einen tiefen Bronnen geschüttet.
Aber du hast sie nicht behütet -- und so ist sie wieder zu mir gekommen.