Ja, als eine unendliche Sanftheit, als ein Zusammenklang alles
Zeitlosen stand alles greiflich und doch unnennbar fern, wie der Luft
entrückt, dem Wesenlosen anheimgegeben.
Sie gingen weiter, gingen weiter durch die betörende Seltsamkeit.
Plötzlich horchte das fremde Mädchen. Hier unten muß ein Wasser
rauschen -- ein dunkles Wasser.
Die andern vermochten nichts zu hören. „Es ist die Stille, die unsere
verwirrten Sinne klingen lassen,“ sagte Frederic Morton. „Alles klingt
hier, erinnerungsstark wie Musik, in der alle Leiden, alle Sehnsüchte
der Menschheit nachgefühlt, verdichtet sind.“
Und Leonore fühlte dieses farbentönende Schweigen, fühlte es wie eine
ungeheure Lust, die ihren Körper durchirrte, die ihre Seele glühend
machte, wie den Berg mit den Gespensterzeichen des Todes, der gleich
durchleuchtendem Elfenbein war. Stand nicht die Zeit still?
Sie gingen, und blieben doch. Sie gingen, und das Tal nahm kein Ende.
Es war wie ein Traum, den man durchschreitet, ein Traum, der nichts
auslöscht, kein Gefühl verringert, verblassen läßt.
Da klang die Quelle neben ihnen. Unter einer Wacholderwand, die wie
voll Zärtlichkeit einen Weidenstumpf umschloß, kam sie zutage. Und
Leonore sah die erlöste Quelle wie ein Symbol. Im Tal, da die Zeit
schwieg, brach das Leben aus verworrenem Dunkel -- löste sich ein
ferner Strom, der lange, lange unter Tiefen hatte schlummern müssen. O,
so stark war die Nacht. Stark, wie ihre leidgetränkten Farben. -- Und
noch glühte der Berg wie durchleuchtetes Elfenbein, der Berg, der so
lange stumm gelegen hatte.
Und sie gingen durch die leuchtende Tiefe des Sommerabends -- im
Schweigen, in klingendem Schweigen.
Am Himmel stritten die Lichter des Tages und der Nacht ihren
Wechselkampf -- der schön und glühend war wie große Taten, die ein
Jahrtausend überdauern ...
* * * * *
Leonore kam in das Mauergärtlein, dorthin, wo sie so oft in den Tagen
der Kindheit mit den Gespielen von blauen Fernen gesprochen hatte. Und
dort -- der leise abschiednehmende Junitag leuchtete noch -- saßen die
Geschwister Julia und Frederic.
Sie begrüßten einander -- sprachen. Und dann ging eines von den
Geschwistern fort. Draußen stand noch abschiednehmend der Juniabend --
und eines von den Geschwistern ging ...
* * * * *
Leonore kam durch den Hof. Allein kam sie, allein ging sie, und um
ihren jungen Mund lag ein Lächeln voll Hochmut, voll Schmerz -- voll
überschwenglicher Inbrunst. Sie ging, das Gesicht zu den Gestirnen
erhoben, die über der Nacht standen.
„Leonore, Liebe, was ist dir?“
Voll Angst klang die Frage. Vitus Kelt stand neben ihr. „Du -- Vitus?
O, frage nicht.“
„Leonore, sage mir, ich bin dein Freund, Leonore, was ist dir?“ -- Er
rührte ihre Hand nicht an -- aber er stand nahe bei ihr, wie jemand,
der beschützen will, sei es um die Preisgabe von Scham und Schweigen.
Sie stand -- und ihr Gesicht war den Gestirnen zugekehrt. Sie stand,
und ihre Hände hingen herab wie müde, weiße Blumen; und um ihren jungen
Mund lag der Zug einer inbrünstigen Leidenschaft.
„Leonore, du weinst? Leonore, was ist? --“ O, einer Seele
Menschlichkeit war erschüttert in dieser Stunde. Erschrocken, auf das
seltsamste berührt von ihrer statuengleichen Schönheit sah Kelt auf
sie. „Was ist, liebe Leonore?“
Sie antwortete mit einer weichen, fernen, verführerischen Stimme: „Ein
nie gewesener Tag.“
Und langsam, als schritte sie ohne jede bewußte Bewegung, ging sie in
das Haus.