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Kelt sagte den andern Tag: „Ich habe gelesen, daß in der Nähe oder
doch erreichbar von hier die Wüstung Moebis liegt, ein Brunnen, ein
zerstörtes Dorf. Dürfen wir das sehen?“
Freyer hatte Bedenken: „Es wird Sie enttäuschen, es ist nur ein
Waldbrunnen und eine erhöhte Wiese mit Mauerresten. Leonore kennt es
gar nicht, man geht von hier aus doch drei Stunden -- und es ist ein
mühseliger Weg.“
Aber Leonore wollte, was Kelt wollte, und so ging man am dritten Tag --
am zweiten hatte Leonore den Gästen Kapellendorf gezeigt -- nach der
Wüstung Moebis.
Über die weite Flur ging man, dort, wo die Windmühle das Land
beherrscht, unter der Kaspar Mühlfund geboren war -- dann durch
ein kleines Dorf jenseit der Bahn. Eine alte Kirche steht in einem
ummauerten Gottesacker. Eine Pappel davor, der Dorfbaum.
Die Gäste wollten den Kirchhof besehen.
Ja, Leonore wußte, da war ein alter Stein:
Unsere Herzen tragen Wundenmale
Wie der Rasen im Begräbnistale.
Sie standen davor, in der Enge des kleinen Totenackers, der nach
Feuchte und Ungepflegtheit roch, trotzdem die Sonne so glühend über dem
Lande war. Eine Lindenallee führt den Berg hinan -- ein breiter Weg
zwischen Linden, die nicht ihre volle Größe haben erreichen können,
weil der Boden hart von Steinen ist und der Wind allzuviel die Kronen
niederzwang. Man sah über das weimarische Land -- die weiten Felder,
die blauen Waldhügel, die ins Tal nach Jena abfielen. Indigoblau und
sonnengolden stand das Land. Jungfräulich schien es, wie Eroberergrund,
in dem noch Hirten Lieder singen, die eben der Erde entstiegen sind in
klingender, reiner Morgenfrühe.
Der Weg senkte sich, fiel in den Wald ab. Wohl, da ging es zu der
Wüstung Moebis -- im Wald an einem steingefaßten Brunnen vorbei, dann
aufwärts einer Wiese zu: Geröll überall, überwachsene, zerstörte
Feuerstellen -- versunkene Mauern. Der Thymian blühte auf der Wüstung
Moebis.
Sie saßen auf den halbversunkenen Mauern und dachten ferner Zeit. Sie
sprachen. Leonore wußte, unterschied kaum, wer sprach. Sie ergänzten
einander; sprachen davon, wie sie alle drei als gute Weggenossen in
dem Land um den Euphrat gewesen waren -- in den Ruinen von Babylon und
dort im Schutt der Jahrtausende gegraben hatten. Voll Hoffnung -- von
jubelndem Tatendrang beseelt. Und wie jeder kleinste Fund fast zu einem
Ereignis des Herzens geworden war. Ja, das junge, schöne Mädchen war
mit den Männern gegangen als tapferer Kamerad. Seltsam unwirklich klang
Leonore das alles. Und nun wollten sie nicht zurückgekehrt sein, um
der Erinnerung zu leben. O nein, nur eine Rast brauchten sie. Und dann
wollten sie wieder in die Ferne, sie wollten neues Leben dort pflanzen
-- wollten das alte Land von einem sagenhaften Paradies, das Land der
Legende mit neuem Leben erfüllen. Alle Jugend lag ja noch vor ihnen.
Was sind Worte, was ist Graben im Schutt. Neue Taten mußten sein. Und
sie redeten von den neuen Taten, als wäre es nur der Zufall, ein leicht
zu beseitigender Zufall, daß sie noch nicht Helden waren.
Frederic Morton erzählte: „Einmal in einer Nacht kam ein Haufen von
wilden Banden gegen unsere Siedlung. O, das war eine Nacht der Gefahr.
Schön in ihrer Furchtbarkeit. Und doch nur ein Spiel. Denn es galt nur
das Leben -- nicht eine Idee.“
Er redete weiter. Leonore hörte nur immer das Wort: es war ein Spiel,
denn es galt ja nur das Leben -- nicht eine Idee.
Sie hatten den Plan, weiter ins Innere zu gehen. Leonore verstand
ja nichts Wirkliches von alledem. Doch Freyer fand das Vorhaben
bedenklich. Aber sie meinten, wenn keine Bedenken, keine Kämpfe wären,
wo bliebe da der Reiz?
Sie lachten -- aber hinter dem Lachen lag Wille. Lag unbeirrbarer Wille.
„Wir haben die Wüstung Moebis ganz vergessen,“ meinte Kelt. „Im
dreißigjährigen Krieg, in dieser ungeheuren Psychose -- aber seht
doch die Berge.“ -- Ja, die Berge um Jena glühten auf. Durch eine
sonderbare, nicht häufig kommende Luftwirkung glühten sie auf wie
Eisen, das aus der Rotglut ins Weiße übergeht. Der kahle Rücken,
welcher das Schlachtfeld trägt, der Jenzig, den auf seinem Horn ein
zerfallenes Parthenon zu krönen scheint, glühten auf und lagen wie
Streifen der Morgenröte über dem Indigoblau der Wälder.
„Die weimarischen Berge sagen uns ja,“ fand Kelt. „Ja zum Glück von
Kapellendorf -- ja zu den Abenteuern, die hier ein wenig rasten.“
Sie blieben noch. Auf der Wüstung Moebis saßen sie und sahen in
Zukünfte und Vergangenheiten -- vom Schicksal für einen Augenblick
Zusammengeworfene.
Und Leonore ward die Gegenwart schon fast zur Erinnerung, wie uns oft
mitten in einer heißen Stunde des Erlebens das beschattende Gefühl
kommt: daran wirst du noch oft denken müssen, noch oft.
Richard, der immer an das Nützliche, Rechte dachte, zog die Karte
heraus. „Wir haben eine helle Nacht zu erwarten,“ sagte er. „Dort steht
ja schon ein blasser Mond. Wir wollen doch nicht ewig da bleiben, und
haben wohl alle Hunger. Da führt ein Weg durch das Tal nach Jena. Es
mag eine gute Stunde sein. Ich schlage vor, wir wollen nach Jena gehen,
dort essen und dann mit einem Wagen über die alte weimarische Chaussee
zurückfahren. Es ist ein schöner Sommernachtsweg.“
Man war einverstanden. Man suchte das Tal. Es ging einen steilen Abhang
hinunter, dann einen gewundenen Weg weiter. Richard Freyer und Vitus
Kelt liefen voran als Pfadfinder. Leonore ging mit den Geschwistern
nach.
Da plötzlich öffnete sich das Tal. Und es war, als träte man ein in das
Reich des Fremden, des Fernen, Niegewesenen. Die Steinabhänge des Tales
standen voll Wacholdersäulen. Neben dem Weg erhoben sich hohe Wände von
Wacholder wie schwarze Mauern. War es das Tal des Todes, über dem die
Zypresse trauerte? War es ein Trugbild des Sommerabends? Alle Farben
waren von unwirklicher Stärke. Die Abendsonne und der schon leuchtende
Mond am Osthimmel durchglühten alles, machten alles durchsichtig und
zugleich voll seltsamer Plastik, wie schwebend in Unwirklichkeit.
Der Berg, auf dem die Wacholdersäulen standen, war hell, gleich
durchleuchtetem Elfenbein. Der Talgrund grün wie dunkle Smaragde. Die
Stämme der Kiefern am Rande des Waldes schienen klingende, goldbraune
Geigen. Und dazwischen, wie ein Memento des Todes erhoben sich die
schwarzen, feierlichen Wacholdersäulen.
„Was ist hier?“ fragte Julia Morton fast erschrocken.