Der Abend ging. -- O, es war ein wunderlicher Abend, Leonore -- --

* * * * *

Kelt sagte den andern Tag: „Ich habe gelesen, daß in der Nähe oder

doch erreichbar von hier die Wüstung Moebis liegt, ein Brunnen, ein

zerstörtes Dorf. Dürfen wir das sehen?“

Freyer hatte Bedenken: „Es wird Sie enttäuschen, es ist nur ein

Waldbrunnen und eine erhöhte Wiese mit Mauerresten. Leonore kennt es

gar nicht, man geht von hier aus doch drei Stunden -- und es ist ein

mühseliger Weg.“

Aber Leonore wollte, was Kelt wollte, und so ging man am dritten Tag --

am zweiten hatte Leonore den Gästen Kapellendorf gezeigt -- nach der

Wüstung Moebis.

Über die weite Flur ging man, dort, wo die Windmühle das Land

beherrscht, unter der Kaspar Mühlfund geboren war -- dann durch

ein kleines Dorf jenseit der Bahn. Eine alte Kirche steht in einem

ummauerten Gottesacker. Eine Pappel davor, der Dorfbaum.

Die Gäste wollten den Kirchhof besehen.

Ja, Leonore wußte, da war ein alter Stein:

Unsere Herzen tragen Wundenmale

Wie der Rasen im Begräbnistale.

Sie standen davor, in der Enge des kleinen Totenackers, der nach

Feuchte und Ungepflegtheit roch, trotzdem die Sonne so glühend über dem

Lande war. Eine Lindenallee führt den Berg hinan -- ein breiter Weg

zwischen Linden, die nicht ihre volle Größe haben erreichen können,

weil der Boden hart von Steinen ist und der Wind allzuviel die Kronen

niederzwang. Man sah über das weimarische Land -- die weiten Felder,

die blauen Waldhügel, die ins Tal nach Jena abfielen. Indigoblau und

sonnengolden stand das Land. Jungfräulich schien es, wie Eroberergrund,

in dem noch Hirten Lieder singen, die eben der Erde entstiegen sind in

klingender, reiner Morgenfrühe.

Der Weg senkte sich, fiel in den Wald ab. Wohl, da ging es zu der

Wüstung Moebis -- im Wald an einem steingefaßten Brunnen vorbei, dann

aufwärts einer Wiese zu: Geröll überall, überwachsene, zerstörte

Feuerstellen -- versunkene Mauern. Der Thymian blühte auf der Wüstung

Moebis.

Sie saßen auf den halbversunkenen Mauern und dachten ferner Zeit. Sie

sprachen. Leonore wußte, unterschied kaum, wer sprach. Sie ergänzten

einander; sprachen davon, wie sie alle drei als gute Weggenossen in

dem Land um den Euphrat gewesen waren -- in den Ruinen von Babylon und

dort im Schutt der Jahrtausende gegraben hatten. Voll Hoffnung -- von

jubelndem Tatendrang beseelt. Und wie jeder kleinste Fund fast zu einem

Ereignis des Herzens geworden war. Ja, das junge, schöne Mädchen war

mit den Männern gegangen als tapferer Kamerad. Seltsam unwirklich klang

Leonore das alles. Und nun wollten sie nicht zurückgekehrt sein, um

der Erinnerung zu leben. O nein, nur eine Rast brauchten sie. Und dann

wollten sie wieder in die Ferne, sie wollten neues Leben dort pflanzen

-- wollten das alte Land von einem sagenhaften Paradies, das Land der

Legende mit neuem Leben erfüllen. Alle Jugend lag ja noch vor ihnen.

Was sind Worte, was ist Graben im Schutt. Neue Taten mußten sein. Und

sie redeten von den neuen Taten, als wäre es nur der Zufall, ein leicht

zu beseitigender Zufall, daß sie noch nicht Helden waren.

Frederic Morton erzählte: „Einmal in einer Nacht kam ein Haufen von

wilden Banden gegen unsere Siedlung. O, das war eine Nacht der Gefahr.

Schön in ihrer Furchtbarkeit. Und doch nur ein Spiel. Denn es galt nur

das Leben -- nicht eine Idee.“

Er redete weiter. Leonore hörte nur immer das Wort: es war ein Spiel,

denn es galt ja nur das Leben -- nicht eine Idee.

Sie hatten den Plan, weiter ins Innere zu gehen. Leonore verstand

ja nichts Wirkliches von alledem. Doch Freyer fand das Vorhaben

bedenklich. Aber sie meinten, wenn keine Bedenken, keine Kämpfe wären,

wo bliebe da der Reiz?

Sie lachten -- aber hinter dem Lachen lag Wille. Lag unbeirrbarer Wille.

„Wir haben die Wüstung Moebis ganz vergessen,“ meinte Kelt. „Im

dreißigjährigen Krieg, in dieser ungeheuren Psychose -- aber seht

doch die Berge.“ -- Ja, die Berge um Jena glühten auf. Durch eine

sonderbare, nicht häufig kommende Luftwirkung glühten sie auf wie

Eisen, das aus der Rotglut ins Weiße übergeht. Der kahle Rücken,

welcher das Schlachtfeld trägt, der Jenzig, den auf seinem Horn ein

zerfallenes Parthenon zu krönen scheint, glühten auf und lagen wie

Streifen der Morgenröte über dem Indigoblau der Wälder.

„Die weimarischen Berge sagen uns ja,“ fand Kelt. „Ja zum Glück von

Kapellendorf -- ja zu den Abenteuern, die hier ein wenig rasten.“

Sie blieben noch. Auf der Wüstung Moebis saßen sie und sahen in

Zukünfte und Vergangenheiten -- vom Schicksal für einen Augenblick

Zusammengeworfene.

Und Leonore ward die Gegenwart schon fast zur Erinnerung, wie uns oft

mitten in einer heißen Stunde des Erlebens das beschattende Gefühl

kommt: daran wirst du noch oft denken müssen, noch oft.

Richard, der immer an das Nützliche, Rechte dachte, zog die Karte

heraus. „Wir haben eine helle Nacht zu erwarten,“ sagte er. „Dort steht

ja schon ein blasser Mond. Wir wollen doch nicht ewig da bleiben, und

haben wohl alle Hunger. Da führt ein Weg durch das Tal nach Jena. Es

mag eine gute Stunde sein. Ich schlage vor, wir wollen nach Jena gehen,

dort essen und dann mit einem Wagen über die alte weimarische Chaussee

zurückfahren. Es ist ein schöner Sommernachtsweg.“

Man war einverstanden. Man suchte das Tal. Es ging einen steilen Abhang

hinunter, dann einen gewundenen Weg weiter. Richard Freyer und Vitus

Kelt liefen voran als Pfadfinder. Leonore ging mit den Geschwistern

nach.

Da plötzlich öffnete sich das Tal. Und es war, als träte man ein in das

Reich des Fremden, des Fernen, Niegewesenen. Die Steinabhänge des Tales

standen voll Wacholdersäulen. Neben dem Weg erhoben sich hohe Wände von

Wacholder wie schwarze Mauern. War es das Tal des Todes, über dem die

Zypresse trauerte? War es ein Trugbild des Sommerabends? Alle Farben

waren von unwirklicher Stärke. Die Abendsonne und der schon leuchtende

Mond am Osthimmel durchglühten alles, machten alles durchsichtig und

zugleich voll seltsamer Plastik, wie schwebend in Unwirklichkeit.

Der Berg, auf dem die Wacholdersäulen standen, war hell, gleich

durchleuchtetem Elfenbein. Der Talgrund grün wie dunkle Smaragde. Die

Stämme der Kiefern am Rande des Waldes schienen klingende, goldbraune

Geigen. Und dazwischen, wie ein Memento des Todes erhoben sich die

schwarzen, feierlichen Wacholdersäulen.

„Was ist hier?“ fragte Julia Morton fast erschrocken.

Kapellendorf · 第 39 / 43 题