Vitus Kelt.
„Wir bekommen Gäste,“ sagte Leonore fast jubelnd, als sie den Brief
gelesen hatte, und sie reichte ihn Richard. „Lies doch -- ich darf ihm
doch schreiben, daß Kapellendorf gern Gäste sieht?“
Richard las den Brief. Las ihn bedächtig und langsam. Dann lächelte
er. „Schreibe, wie es dir lieb ist. Ich sehe gern deine alten
Kindheitsgespielen.“
Sie erriet, warum er lächelte. Ihr kam plötzlich vors Gedächtnis, wie
einmal im Salon der Anastasia Planck in München ihre beiden Freunde
Dankmar und Klemens sich gar so wenig vorteilhaft in ihrer grünenden
Jugend gezeigt hatten, und wie Nacka Planck plötzlich fabelte,
sie wolle sich ein Landgut kaufen und fragte, welches die besten
Düngemittel seien und ob Futterrüben einen guten Preis hätten? Und
wie dann der hülflose, treuherzige Klemens gewissenhaft und langsam
schweigend rechnete, und endlich als man längst nicht mehr von der
Landwirtschaft redete, in ein Theatergespräch die Bemerkung warf, mit
Futterrüben allein sei es doch eine gewagte Sache.
„Nein,“ sagte sie, „nein, Richard, mit Kelt ist es etwas anderes. Er
spricht nicht von Futterrüben, während andere von Kunst reden. Er
ist im Lande des Paradieses gewesen. Er ist in Mykenae gewesen. Das
interessiert dich gewiß.“
„Er muß ja ein Ausbund von Herrlichkeit gewesen sein nach allem, was
du von ihm erzähltest. Daß Großmama eigentlich gar nichts darin sah,
dich so ungezwungen mit dem jungen Mann verkehren zu lassen -- und
jetzt reist wieder die junge Schwester des Engländers mit. Wunderliche
Zustände!“
„So mußt du nicht sprechen. Kelt ist mehr als ein Gentleman -- er ist
wie die Natur, die keine Zuneigung, kein Zugeständnis mißversteht.“
„Wieso nennt er dich Schwester?“
„Das sagte er, als wir an der Fossa Abschied nahmen. Weißt du, er nahm
seine Worte genau. Er nannte niemand Freund als den Frederic Morton.
Andere, wie Vetter Paul, hieß er Kameraden. Nur zuletzt sagte er
Schwester zu mir. Ich nannte ihn nur bei seinem Namen.“
Richards Gesicht drückte ein leises Unbehagen aus; Leonore bemühte
sich, ihm ihre Beziehungen zu Kelt recht klar und deutlich zu machen.
Sie hatte alles Herzeleid vergessen. Sie war ja wieder jung -- jung --
* * * * *
„Gott, was für schöne Menschen!“ Richard Freyer sagte das zu Leonore,
als die Gäste für kurze Zeit nach ihren Zimmern gegangen waren.
Leise antwortete sie etwas.
„Leonore, hast du, hast du diesen Kelt geliebt?“
„O nein,“ sagte sie still -- „ich habe den Vitus nicht geliebt. Wir
hatten nur Freude miteinander.“
Freyer fand, er würde sich nicht wundern, wenn es gewesen wäre. Er sei
so seltsam anziehend.
„Lieber, du mußt dir nichts denken, es ist nie etwas gewesen, was ich
dir nicht gesagt habe.“
„Und diese wunderlichen Freunde die er hat, Leonore. Ich weiß nicht,
man könnte sich vor ihnen fürchten.“
„Fürchten?“ fragte Leonore sanft.
„Sie haben so etwas -- so etwas Leidenschaftliches in ihren Gesichtern.
So etwas Stürmisches. Bruder und Schwester sind einander so ähnlich --“
„Und du fürchtest dich vor ihnen. Weil sie schön sind, fürchtest du
dich vor ihnen?“