Man hatte im Schloßhof unter den Linden zum Abendbrot gedeckt. Die
Gäste kamen herunter.
Kelt bat, daß er Leonore zu Tisch führen dürfte, Freyer bot Julia
Morton den Arm. Er entschuldigte sich, daß für den Bruder keine Dame da
sei.
Kelt war sehr höflich. Er wandte sich gleich an Richard Freyer. „Sie
Erfüller aller Wünsche,“ sagte er herzlich. „Ich habe Leonore nur
einmal einen Tannenzweig von Kapellendorf gebracht. Und Sie konnten
ihr die alte Heimat wiedergeben. Wie ist das schön. Wir haben oft von
Kapellendorf gesprochen -- ich sage ‚wir‘, denn es war in der Zeit, als
wir das Heimweh miteinander teilten.“
Es stand Wein auf dem Tisch. Kelt erhob sein Glas. „Kapellendorf und
seinen Laren!“
„Und seinen Gästen,“ sagte Freyer rasch.
Die Gläser gaben einen feinen Harfenton. Es klang Leonore wie eine
Musik voll Lust.
Das fremde junge Mädchen, das noch wenig gesprochen hatte, begann zu
reden. „Wir haben in unserer Heimat eine kleine, alte Volkssitte. Wer
als Fremdling in ein Haus kommt, darf um das Glas bitten, aus dem die
Herrin getrunken hat. Er darf es zu Ende trinken, zum Zeichen, daß er
kein Fremder mehr sein soll.“ Und das junge Mädchen stand vor Leonore
und hatte den roten Mund ein wenig geöffnet und lächelte mit den
Chrysoprasaugen, die sie hatte wie der Bruder.