Der Mann antwortete: „Wie sehr liebst du mich.“

Ihre Seele starrte das Wort an. Was sollte sie damit machen? Nie hätte

sie es sprechen mögen. +Ich liebe dich+ -- ja, tausendmal. Aber

+du+ liebst +mich+ so sehr -- als positive Aussprache, als

Ausdruck von Zufriedenheit -- oder war es Anerkennung einer Kraft, die

man selbst nicht mehr stark besaß? Sie dachte, das ist wohl Mannesart

-- vielleicht soll es gar etwas wie ein Lob sein.

„Sprich nur von dir,“ wiederholte sie.

Doch er antwortete: „Nicht heute -- nicht jetzt. Ich will meine

trüben Vergangenheiten ein wenig vergessen. Ich will nicht das alte

Kapellendorf des Kaspar Mühlfund, sondern das neue von dir, das neue

von uns.“

„Ich weiß nicht, wie du es wollen wirst,“ sagte sie ein wenig unsicher.

„Ich habe heute den Lehrer eingeladen, dann fiel mir ein, vielleicht

möchtest du es nicht, obwohl du nichts dawider sagtest. Siehst du, bei

den Großeltern war es so: sie hatten immer viele Menschen um sich. Wer

im Lande wohnte, konnte zu ihnen kommen. Ich meine, sie fragten nicht

zuerst nach der Bildung der Menschen, noch viel weniger nach ihrem

Stand. Aber wenn die Menschen in Großmutters Stube kamen, waren sie

anders als draußen. Die Großmutter sprach gar nicht viel und gab doch

immer den Ton. Niemand nannte sie hochmütig, und sie war doch eine

stolze Frau, und nie ist ihr eine unziemliche Vertraulichkeit begegnet.

Ich bin ja nun nicht wie die Großmutter. Aber ich bin so unter den

Leuten aufgewachsen, ich könnte nie eine Dame werden, wie viele in

den Städten sind, und von denen man das Gefühl hat, sie müßten sich

fortwährend verschanzen und nur mit genau denselben Ständen verkehren,

damit niemand denkt, sie seien weniger als sie sind. Du bist doch

nicht böse, daß ich Lehrers eingeladen habe. Weißt du, alle Leute, die

sich unfrei, subaltern fühlen, sind so leicht verletzt, und nur gegen

Gleichstehende darf man rücksichtslos sein.“

„Du hast recht. Meinst du aber, es wäre gerade rücksichtslos gewesen,

den Lehrer +nicht+ einzuladen?“

„Er hat uns doch aus Freundlichkeit aus dem Buch vorgelesen. Und

wenn er zu uns kommt, kann er die vielen schönen Sachen aus deinen

Kunstsammlungen sehen, das kennt er gewiß noch gar nicht, und uns

schadet es nichts.“

„Nein, kleines Liebchen, uns schadet es nichts. Ich freue mich, dich zu

sehen, wie du mit den Leuten bist. Aber erzähle mir doch noch von dir

-- vom alten Kapellendorf.“

„Ja, weißt du, viele, viele Sommerabende bin ich hier gewesen -- und

sah, wie das Land dunkel wurde, wie die Farben sich vertieften, so

wie man es gar nie würde malen können, weil es nur ein Übergang ist

und darum zwischen den Wirklichkeiten. All diese Übergänge kennen die

Menschen meist nicht, sie wollen nicht das Tastende, Suchende, sie

wollen und glauben immer nur das, was auf festen Füßen steht ... Aber

mit dem Tastenden, Übergehenden in solchen Sommerabenden, wo alle

Farben im Ersterben so unwirklich wunderschön werden, gehen unsere

Wünsche. Aus dem Augenblick die Dauer schaffen zu können, sehnen wir

uns. Weißt du -- siehst du es jetzt --, der Ettersberg ist indigoblau,

man erkennt keinen Baum mehr, keine Unebenheit. Alles ist so

vereinfacht. Das Land hinten wird grün wie ein edler Stein, am Himmel

kommen die Gestirne. Und durch die Dämmerung glänzt das weiße Schloß.

Alles ist stark und erwartungsvoll. Da dachte ich mir oft, durch dieses

Land der Dunkelheiten weithin, fernhin möchte ich ziehen -- Und man

müßte dabei so viel erfahren, was man noch nicht weiß. Die Erde müßte

sprechen können -- und man müßte alles vergessen, was klein und müde

war, und alles Traurige müßte Stärke werden. Und dann, ja dann kam das

weiße Schloß. Weißt du -- das lange geliebte. Weißt du, jemand, der

uns ganz kennt. Der uns erlöst ... Ich habe dich -- du warst mir immer

der, von Anfang an, der von mir weiß. Und nun bin ich bei dir. Aber

ich weiß so wenig von deinem Letzten. Ich quäle dich nicht -- es wird

schon kommen, du brauchst Zeit, Lieber. Und das muß wohl sein, denn wir

wollen ja die Ewigkeit haben.“

„Du bist schön,“ antwortete der Mann -- „ja, die Ewigkeit der Treue

werden wir haben. Eine Burg --“

„Du bist wie ein Heidenaltar, der aus der Erde ragt, und den

Menschenhände nicht stürzen können. Unser Kapellendorf -- unsere alte

Heimat, die du uns neu geschenkt hast.“

Sie lächelte ihn mit ihren guten Augen an und nahm seine Hand und küßte

sie ganz leise. In ihr war es ruhig. Fern, hinter den Dämmerungen

glänzte das weiße Schloß am Ettersberg.

Einst, ja einst, war alle Sehnsucht Erfüllung. Einst blieb kein Rest

mehr zu wünschen ...

Das war ein Tag von einem ganzen Sommer. Das war ein Korn aus der

vollen Ähre, die sie ihm reichte. Das war ein grünes Blatt von dem

Maibaum, den sie ihm pflanzte.

Kapellendorf · 第 32 / 43 题