Die Rednerin besann sich gar nicht, sie zeigte auf ein abseits
stehendes, sanftes, blondes Kind. Und die bisher so schweigsamen
Genossinnen stimmten zu: ja, das war die Brävste.
Leonore griff ihrem Mann lachend in die Tasche und holte ein wenig Geld
heraus: „Was mögt ihr denn am liebsten? Na, ich muß es nicht wissen.
Aber weil ihr so fleißig wart, soll euch die Brävste was kaufen. Und du
mußt auch dafür sorgen, Brävste, daß jeder sein Teil kriegt.“
Die Kinder stürmten davon. Sie purzelten und kollerten den Hügel
hinunter. Ein wenig schuldbewußt sagte Leonore: „Es ist nur heute,
Richard, ich werde sie nicht zu Bettelkindern machen. Ausnahmen dürfen
einmal sein.“
* * * * *
Leonore und Richard gingen weiter -- gingen in den Wald hinein. Da war
Sommermittagsstille. Nur von fern hörte man das Hämmern der Spechte,
hörte man vereinsamten Vogelruf.
„Weißt du, Lieber, wie wir am Abend unseres Hochzeitstages oben auf der
freien Höhe standen, und es war so still im Wald, so unnennbar still,
als sei alles Leben in den Gründen verdämmert, als hätte die Zeit
aufgehört zu gehen. Da fühlte ich auf einmal, wie gut es war, daß ich
dich wußte -- daß ich nicht mehr allein zu sein brauchte. Da rief ich
dich, und du kamst -- ja, dort im stillen Wald war unsere Hochzeit, da
wußte ich, daß ich mit dir gehen wollte.“
Und sie gingen mit einander durch den stillen Wald -- sie hörten nichts
als fern das Hämmern der Spechte, hörten nichts als ihrer beider
Atemzüge, die von dem Lebenswillen zueinander sprachen. --
Der Tag neigte sich schon, als sie auf einem andern Weg, durch die Flur
her, sich Kapellendorf wieder näherten.
Da begegnete ihnen ein alter Mann, der hatte eine prächtig lackierte,
rötliche Brummbaßgeige auf dem Rücken. Und er redete sie an: „Morgen
ist Kirmes in Isserstedt. Machen Sie auch hin?“
Sie hatte ein Scherzwort für ihn -- und sie sah ihm noch nach, bis die
bunte Geige nur noch ein kleiner, rötlicher Fleck war. Sie seufzte
halb, als sei ihr ein dunkler Gedanke gekommen -- sie wußte nicht,
woher --
Durch das Kornfeld geht ein Alter,
Trägt den Brummbaß auf dem Rücken,
In der Tasche seinen Psalter,
Schelmerei in seinen Blicken.
„Spiel euch wohl ein lustig Liedel,
Meine lieben Jungfräulein,
Spiel euch wohl auf meiner Fiedel
Liebe in das Herz hinein.“
Alter Bursch, mit deiner Geigen
Wirst du dir kein Herz erweichen,
Wirst du nur zum Liebesreigen
Andre sehn sich niederneigen.
„Tanzen all nach meiner Fiedel,
Tanzen all nach meinem Liedel
Bis zum letzten Morgenrot --
Denn ich bin der Fiedler Tod.“
Seinen Brummbaß umgehangen,
Geiger geht zum Kirmesboden,
Nur ein Weilchen -- und voll Bangen
Tanzen wir den Tanz der Toten.
* * * * *
Leonore hatte die alte Gewohnheit wieder aufgenommen, nach Tisch des
Abends wieder auf das Mauergärtlein zu gehen, dorthin, wo man im
Dämmern so weit, weit ins Land sehen konnte -- bis zu dem weißen Schloß
am Ettersberge. Alte Blumen blühten auf dem steinigen Erdreich: wilde
Königskerzen, stolzer Heinrich; Erdbeeren wuchsen unter den Steinen und
mußten sich so hohe Stengel schaffen, daß sie aus dem Gras hervorsehen
konnten. Die Waldrebe umspann das Gemäuer, und der Dornbusch grünte.
Eine einsame Wacholdersäule stand wie ein Schatten an die Mauer gelehnt.
„Sprich zu mir,“ sagte Leonore. „Ich weiß so wenig mehr von dir, als
daß ich dich lieb habe.“
„Ist das nicht genug, Leonore?“
„Ich möchte alles von dir wissen -- verstehst du, um es lieb zu haben.
Es ist doch nicht, daß man Worte redet und alles, was vergangen ist,
damit umbildet. Du sollst mir doch nicht eine Phantasiegestalt bleiben.
Ich glaube, die Wirklichkeit kann schöner sein als alle Gedanken und
Vorstellungen. Lieber, man sieht es dir doch an, daß du viel erlebt
hast.“
Er fuhr unwillkürlich mit der Hand über das Gesicht, als wolle er die
Spuren von Leben, Sorgen, Kämpfen und Genießen verwischen.
Sie lächelte: „Du willst mir etwas forttun? Aber wir sind doch
zusammengekommen, um immer beieinander zu bleiben, Richard. Willst
du denn, daß da fremde Dinge sind, die ich nicht weiß? Ich will doch
alles zu verstehen suchen -- ach nein, verstehen ist nicht das richtige
Wort -- deine frühere Zeit soll bei mir zu Hause sein, ich will deine
Erinnerungen hüten und bei mir lebendig sein lassen.“